Theater Nestroyhof Hamakom: Ia Und Nein

Oktober 30, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bissig-böse Protokolle eines Menschenbeobachters

Albert Drach. Bild: © Privat

Nach der fulminanten Inszenierung seines satirischen Volksstücks „Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30026, zu sehen noch bis 21. November) setzt das Theater Nestroyhof Hamakom den „Drach/Herbst“ mit der szenischen Einrichtung von dessen drei Erzählungen „Ia Und Nein“ fort.

Die zwischen 1983 und 1988 veröffentlichten Prosatexte des Ausnahmeautors Albert Drach sind in den pittoresken Backsteinkatakomben der Bühne zu erleben, eingerichtet von Hausherr Frederic Lion, Lisa Niederwimmer und Patrick Rothkegel, zu Gehör gebracht von Thomas Kamper, Inge Maux und René Rebeiz. „Ich bediene mich eines Stils“, sagte Drach einmal, „in dem das Leben gegen den Menschen schreibt.“ – „Protokollstil“ nannte der studierte Jurist diesen, ein ziemlich sonderbares, veraltet klingendes Gemisch aus Beamten- und Dichterdeutsch, ein umständliches Idiom von splitteriger Musikalität. Wollte man Vergleiche anstellen, wären die vielleicht: surreal wie Asimov, skurril wie Kafka, in jedem Falle aber schwarzpoetisch und sarkastisch. Man hat zu Recht darauf verwiesen, dass Drach, ein Meister des Nebensatz-Mäanderns, mit seiner Sprache die herrschende demaskiert. Dabei ist er mehr als nur Gesellschaftskritiker. Drach attackiert mit seinen schneidenden Kommentaren zur Ist-Zeit nicht etwa die Brecht’schen „menschlichen Verhältnisse“, sondern die Unmenschlichkeit an sich.

Seine Protagonisten sind stets dubiosen, dunklen, vor allem aber durch und durch banalen Kräften unterworfen, deren Ursprung und Zielrichtung sie nicht kennen, deren Motive unklar bleiben, von denen hingegen eines klar ist, nämlich dass sie ihnen nichts Gutes wollen. Zu Drachs 90. Geburtstag wurde geschrieben, müsse man sich den Gott des Schriftstellers vorstellen, so sei der sicher bei bissl k.u.k. Ministerialrat – pflichtversessen penibel und geistig ein klein wenig beschränkt und in gnadenloser Perfektion Katastrophe auf Katastrophe häufend … Mit den nun im Hamakom zu hörenden drei Erzählungen bestätigt Albert Drach seinen Ruf als Meister so abgründiger wie tiefgründiger Geschichten. Niemand schildert so schonungslos abwegige Gelüste und seelische wie körperliche Brutalität. Dennoch gerät bei ihm die Demaskierung des Bösen nie zum reinen Selbstzweck, sondern entspringt dem verzweifelten Trotz eines scharfsichtigen, scharfzüngigen Moralisten.

Das grotesk-morbide, postatomar-apokalyptische „IA“, einerseits Eselsruf, andererseits am Ende als ein Ja interpretiert, führt eine überalterte Gesellschaft von 16 Männern vor, die in einem unterirdischen Klinik-Bunker beratschlagt, wem die Aufgabe zukommen solle, den einzigen weiteren Überlebenden, ein weibliches Neugeborenes, mit Beischlaf zu beehren, um das Fortleben der Menschheit zu sichern. „UND“ handelt von einem verschollenen Richter mit einer ausgeprägten Abneigung gegen das Bindewörtchen, dessen Haushälterin samt eines Ex-Polizisten glaubt, auf den Zettelnotizen des Unauffindbaren, auf denen er seine Und-Abneigung zu begründen sucht, wichtige Hinweise über dessen Verbleib zu finden. „NEIN“ wiederum ist die Geschichte eines Findelkinds mit dem „ehrlichen deutschen Namen“ Max Mayer junior, der im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs, bevor er zum braven Beamten wurde, offenbar aber noch den jüdischen Jakob Weißschopf trug. Ein Umstand, der, so wie seine Eigenart, gerne lustvoll in menschliches Fleisch zu beißen, seiner Karriere nicht gerade zuträglich ist …

Thomas Kamper, Inge Maux und René Rebeiz nähern sich den Drach-Texten auf ihre je eigene Art, mal stoisch vortragend, mal sich wie ängstlich duckend, mal als verschmitzter Strizzi. Die Maux nimmt ihre Aufgabe als Protokollantin auch in der Art ernst, dass sie unablässig Bleistifte spitzt. Als spitzfindige Menschen- und Zuständ‘-Beobachter entwerfen sie, ohne es so zu benennen, ein Österreich-Bild vom Feinsten. Während Drach seine Erzählungen zwischen Drittem Reich und Zweiter Republik schweben lässt, kommt einem vieles kurios aktuell vor. Die in „IA“ satirisch vorgenommene Einführung des Ein-Stunden-Tags, die Bildung als „überwundener Begriff“, der Rechtsstaat, der „Grenzen haben muss“, wie die politischen Gruppierungen „von der äußersten Rechten bis zur innersten Linken“ beschließen.

Erst in hohem Alter, in den 1990er-Jahren, wurde Albert Drach, 1939 vor den Nazis geflohen, 1947 nach Österreich zurückgekehrt, für sein literarisches Schaffen gewürdigt. Dennoch ist er bis heute nicht allzu vielen als Autor ein Begriff. Dass das Hamakom, dies nun ändern will, noch dazu mit hervorragend gestalteten Abenden, ist erfreulich. Beim „Drach/Herbst“ muss man dabeigewesen sein.

www.hamakom.at

www.albert-drach.at

  1. 10. 2018

Happel und MacDonald als „Spatz und Engel“

April 26, 2013 in Tipps

Musikalische Benefiz-Gala am Burgtheater

für die Initiative „Nein zu Arm und Krank“

Sona MacDonald, Maria Happel Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Sona MacDonald, Maria Happel
Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Am 28. April erzählen, eigentlich singen, Maria Happel und Sona MacDonald am Burgtheater die Lebensgeschichten von Edith Piaf und Marlene Dietrich. „Spatz und Engel“ nennt sich der Abend nach dem Stück von Daniel Große Boymann, Thomas Kahry, David Winterberg. Ein Wechselbad zwischen Ruhm und Verzweiflung. Zwei der berühmtesten Diven des 20. Jahrhunderts. Zwei der größten Chanteusen aller Zeiten. Frauen, wie sie gegensätzlicher kaum sein könnten: hier die beherrschte, kühle Schönheit aus preußisch-bürgerlichen Milieu, dort die leidenschaftliche kleine Göre, die sprichwörtlich auf den Straßen von Paris aufwuchs.
Die Freundschaft zwischen Dietrich und Piaf beginnt Ende der 40er Jahre in New York, als sich Edith nach dem Krieg in Amerika ein neues Publikum erschließen will, wobei sie anfangs kaum Erfolg hat. Da tritt Marlene in ihr Leben. Die Anziehung zwischen den beiden ist so groß, dass sie zunächst sogar zu einer Liebesaffäre führt. Es folgen Jahre voller Höhen und Tiefen. Als Edith mehr und mehr in Depressionen, Spiritismus, Alkohol- und Drogensucht abgleitet, kämpft Marlene unerbittlich um sie. Die Freundschaft wird auf die härteste Probe gestellt. Edith Piaf ließ sich mit dem Goldkreuz um den Hals bestatten, das Marlene ihr einst schenkte.
Zahlreiche Lieder, sowohl die größten Erfolge der beiden als auch versteckte Kostbarkeiten, werden im Rahmen dieser szenischen Lesung zu hören sein. Dabei natürlich: Milord, La vie en rose, Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, Just A Gigolo, Nimm dich in Acht vor blonden Frauen, Non, je ne regrette rien.

Außerdem wirken mit: Alexandra Henkel, Marcus Kiepe und Dirk Nocker.

Für die Benefizveranstaltung gelten Sonderpreise, der Kartenzuschlag geht als Spende an den Soforthilfefonds von „Nein zu Arm und Krank“. Die 1. Preiskategorie um 100 Euro beinhaltet einen Empfang im Burgtheater vor der Vorstellung: Direktor Matthias Hartmann bittet gemeinsam mit der Initiative „Nein zu Arm und Krank“ vor der Vorstellung ab 18.30 Uhr zu einem Empfang im Großen Pausenfoyer.

www.burgtheater.at

 www.neinzuarmundkrank.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 20. 4. 2013