Wiener Festwochen – Nature Theater of Oklahoma: Burt Turrido. An Opera

August 28, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Folkslied von der toten Erde

Bild: © Jessica Schaefer

Ein Schiffbruch, eine letzte bewohnbare Insel, Liebe, Tod und unbefleckte Empfängnis – das sind nur einige der Komponenten, aus denen das Nature Theater of Oklahoma einmal mehr ein Spektakel – nun: komponiert. Die auf übermütige, überbordende, überfordernde Produktionen eingeschworene Performance-Truppe rund um Kelly Copper und Pavol Liška hat sich für ihre jüngste Bühnen- dekonstruktion nämlich des Formats Oper angenommen.

„Burt Turrido. An Opera“ heißt diese Spätvorstellung der diesjährigen Wiener Festwochen, zu sehen noch am 29. und 30. August im Theater Akzent, und es gibt für beide Termine noch Karten, und wer Gefallen an vier Stunden Country-Western-Klima-Apokalypse zu finden vermag, der sollte sich den Abend keinesfalls entgehen lassen. Die New Yorker Szeneavantgardisten, wie immer changierend zwischen Dada und Gaga, singen ein Folkslied von der toten Erde, was weniger mit Gustav Mahler denn mit Richard Wagner zu tun hat, an dessen „Fliegenden Holländer“ inhaltlich zu orientieren die Sich-zur-Schau-Steller immerhin behaupten.

Im Line-Dance-Gleichschritt tänzeln drei Hillbilly-Geister über die verbliebenen Bretter, die deren Welt bedeuten, eins der Gespenster rettet einen Schiffbrüchigen vorm Ertrinken nach Banana-Island. Die -republik enttarnt sich tatsächlich als solche, das jüngste Gericht ist sozusagen der tägliche Überlebenskampf um den letzten Bissen Brot, auf dieser Insel, die den einzig besiedelbaren Ort nach der globalen Klimakatastrophe markierte.

Flugs wird der Seemann zum Gefangenen gemacht. „Are you jealous / Of a slave? / A silly thing / For a king …“ Doch warum Ressourcen teilen? Weshalb einem Klima-/Flüchtling beistehen? Das nach dem mysteriösen Zirkus in Franz Kafkas „Amerika“-Fragment benannte Ensemble entwirft im hohen, mit blaubemalten Schwungtüchern und Sperrholzbändern simulierten Wellengang ein Zerrbild für Zeitgenossen, die an Seh-Krankheit leiden, und wie schamlos fröhlich Gesellschaftskritik sein kann, zeigt sich im Folgenden.

Bild: © Jessica Schaefer

Bild: © Jessica Schaefer

Inmitten kitschiger Kulisse, pathostriefender Exzentrik und Robert M. Johansons Fahrstuhlmusik-Fiddles landet „Burt Turrido“ im absurdesten Honky Tonk ever. Sorry, dass einem Rodgers und Hammerstein durch den Kopf spuken, aber ständig wabert Herzschmerz, sehnsüchtige oder nicht erwiderte Liebe durchs wildromantische Setting. „Oklahoma!“ wortwörtlich, Nonsens mit gewaltig Hintersinn, alles ganz fabelhafte Hausmacher-Art, respekt- und grenzenlos, wie man’s zuletzt beim mittlerweile legendären Jelinek-Projekt „Kinder der Toten“ beim steirischen herbst erlebt hat.

Dass das Anti-Elysium zustande kam, ist übrigens der Generosität des Schauspiel Frankfurt zu danken, wo eine Aufführung des Auftragswerks fürs Festival „Frankfurter Positionen“ COV19-bedingt ausfallen musste, man der Truppe aber dennoch Haus und Werkstätten zur Verfügung stellte, um ihr Vaudeville samt seinem Strand voller Plastikmüll in Fischernetzen, einer Meeresbrühe von vergifteten Fischen und Dutzenden Totenpuppen – all jene, denen das rettende Ufer zur verbotenen Zone deklariert wurde – zu fertigen (Bühne: Luka Curk, Kostüme: Anna Sünkel).

Fußnote zum Insel-Bild: Als Kelly Copper und Pavol Liška am Libretto schrieben, versuchte Trump gerade, Grönland samt seinen Gas- und Ölreserven zu ergattern, etwa im Tausch gegen Costa Rica. Kein politischer Eisbrecher – die Antworten aus Nuuk und Kopenhagen auf das Kaufangebot des US-Präsidenten waren unmissverständlich …

Die Darstellerinnen und Darsteller Gabel Eiben, Anne Gridley, Robert M. Johanson, Bence Mezei und Kadence Neill teilen sich auf die Figuren Emily, das selbsternannte Königspaar Karen und Bob sowie Joseph, Karens verflossenen Liebhaber, der in einem Verlies neben einem Berg von Leichen dahinvegetiert, und dem gestrandeten Fremdling „Burt Turrido“ auf – und naturgemäß sind sie alle großartig, vor allem aber Gabel Eiben mit seinem bauschigen Backenbart und Bence Mezei in den vorstellbar knappsten Jeans-Hotpants, der sich noch dazu als flinkfüßiger Schuhplattler-Profi erweist.

Komponist Johanson, der schon bei „Life and Times“ – 2009 im Kasino des Burgtheaters – die preisgekrönte Musik beisteuerte, ist ein grotesk grausamer König Bob, Anne Gridley seine stets neue Opfer fordernde Schreckschrauben-Königin. Und wahrhaft ist die Sache mit dem gitarrenlastigen Nashville Sound und den Klavierballaden eine Königsidee – dies wohltönend-wehmütige, letztlich lakonische Erzählen Armer-Leute-Storys von Unentrinnbarkeit und Schicksalsergebenheit in der Larger-than-Life-Behauptung des Genres Oper.

Was Wunder, landen am Ende noch Aliens, auf dass ein Kindlein geboren werde, das auf einem Narwal lachend-brabbelnd in die Zukunft reitet. „Burt Turrido. An Opera“ ist eine opulente Show, die mit Augenzwinkern tagesaktuelle Themen aufmischt, in der Zart und Zynisch sich die Hände reiben, den unsympathischen Figuren zum Trotz hochsympathisch – und mit einem Hoffnungsschimmer wie einer Songzeile der Carter Family … there’s a silver linin‘ behind every cloud …

www.festwochen.at          Trailer: www.youtube.com/watch?v=ghisQIJFiJQ           oktheater.org

  1. 8. 2021

Elysium

August 12, 2013 in Film

Die Reichen leben auf einer Insel der Seligen

Matt Damon ("Max") in ELYSIUM.   © 2012 Sony Pictures Releasing GmbH

Matt Damon („Max“) in ELYSIUM.
© 2012 Sony Pictures Releasing GmbH

Sein Erstling, der südafrikanische Film „District 9“, wurde von Presse und Publikum gefeiert. Nun legt Regisseur Neill Blomkamp mit „Elysium“, griechisch für „Insel der Seligen“, seine zweite Science-Fiction-Action vor. Den Kampf zwischen Arm und Superreich tragen die Oscar-Preisträger Matt Damon und Jodie Foster aus. Kinostart ist am 15. August.

Inhalt: Im Jahr 2154 gibt es zwei Sorten von Menschen: die Superreichen, die auf einer makellosen, von Menschen gebauten Raumstation namens Elysium leben, und den Rest, der auf der überbevölkerten, heruntergewirtschafteten Erde haust. Die Menschen auf der Erde setzen alles daran, der hohen Kriminalitätsrate und der großen Armut, die auf dem Planeten herrscht, zu entkommen. Und sie benötigen dringend den hohen Standard medizinischer Versorgung, den es nur auf Elysium gibt. Doch einige Leute auf Elysium schrecken vor nichts zurück, um rigide Anti-Einwanderungsgesetze durchzusetzen und den luxuriösen Lebensstil ihrer Elite zu bewahren. Der einzige Mensch, der die Chance hat, so etwas wie Gleichberechtigung in diese beiden Welten zu bringen, ist Max (Matt Damon), ein ganz normaler Mann, der verzweifelt versucht, nach Elysium zu gelangen. Während sein Leben an einem seidenen Faden hängt, übernimmt er widerwillig eine gefährliche Mission. Eine Mission, bei der er gegen Elysiums Ministerin Delacourt (Jodie Foster) und ihre Hardliner-Truppen antreten muss. Doch falls er gewinnt, kann er nicht nur sein eigenes Leben retten, sondern auch das von Millionen Menschen auf der Erde.

„Ich hoffe unser Film vermittelt eine hoffnungsvolle Message“, sagt Hauptdarsteller Matt Damon. „Auch in einer Zukunft, wo jeder für sich selbst kämpfen muss, kann sich der Mensch Menschlichkeit bewahren. Ein Zufall, dass die Dreharbeiten gerade begannen, als an der Wall Street die „99 Prozent“-Occupy-Bewegung aktiv war? Damon jedenfalls kannte Blomkamps Parabel „District 9“ und traf den Filmemacher, als der gerade mit den Graphic Novels von „Elysium“ beschäftigt war. Damon über dieses Kennenlernen: „Nach 20 Minuten war mir bewusst, dass ich dem nächsten James Cameron gegenüber saß. Ich wäre bereit gewesen, alle anderen Termine sausen zu lassen, um bei diesem Projekt dabei zu sein.“ Dieser Allegorie über schon jetzt bestehende Unterschiede bei der Gesundheitsvorsorge und Verelendung etlicher Staatsbürger, die Verschärfungsschreier, was Asylpolitik betrifft. Alles auch in Österreich Thema.

Als Max zeigt sich Matt Damon in völlig neuem Look: glatzköpfig, tätowiert, muskelbepackt. Um seine Mission erfüllen zu können, muss er sich zu einer Art Maschinen-Mensch im androiden Kampfanzug umoperieren lassen. Damon: „Neill gab mir eine Zeichnung und sagte: Schau‘ so aus!, also ging ich zu meinem Fitnesstrainer und bat ihn: Mach‘ das aus mir.“ Ein Glück, dass wenigstens der Anzug nur knapp 13 Kilo wog.  Damons Dämon, Jodie Foster, spielt die Verteidigungsministerin von Eylsium. 108 Jahre alt, kann sie sich noch erinnern, wie die Erde immer mehr zu Sodom und Gomorra wurde. Ein zweites Mal muss diese Entwicklung verhindert werden. Foster: „Ihre Maxime lautet: Wenn du Elysium jedem gibt’s, gibt’s du es am Ende niemandem.“ Der Schauspielstar weiter: „Ich liebe das Thema dieses Films, im Sinne von, dass es mir sehr wichtig ist. Die Reicher werden reicher, die Armen werden ärmer. Das bestimmt alles. Von der Tatsache, wer einer vergifteten Umbegebung entfliehen kann, bis zum Umstand, wer – allein schon deswegen – Kinder bekommen wird. Die Kluft ist tief geworden. Die Menschen leben buchstäblich in zwei Welten.“

Gedreht wurde in Mexico City, als die Erde, und in Vancouver, als Elysium. Was eigentlich schon alles sagt. Für besondere Special Effects holte man sich „Blade Runner“- und „Alien“-Legende Syd Mead. Muss eine Ehre gewesen sein, mit ihm zu arbeiten.

www.elysium-film.de

www.itsbetterupthere.com/site/

Trailer: www.youtube.com/watch?v=NqhyCKjSYkI

Trailer: www.youtube.com/watch?v=vSAS79fBVxs

Von Michaela Mottinger

Wien, 12. 8. 2013

Marianne Faithfull in Wien

Juni 10, 2013 in Klassik

„An Intimate Evening“ im stadtTheater Walfischgasse

Neill MacCall, Marianne Faithfull

Neill MacCall, Marianne Faithfull

Viva la Diva! Da steht sie ganz in Schwarz mit roten Schuhen und einem Mikrophon und einem Kaffeehaustischchen. Sie braucht Platz für eine Flasche Wasser und ihre Zigaretten. Drei raucht sie im Laufe des Abends. Mehr braucht Marianne Faithfull nicht. Ihre Persönlichkeit allein füllt jede Bühne. Doch. Einer war für den wunderbaren Auftritt unerlässlich: Neill MacColl, ein Gitarrist der Spitzenklasse, der vom begeisterten Publikum mit Extra-Bravos belohnt wurde. Eine ganze Woche lang trat la Faithfull im Wiener stadtTheater Walfischgasse auf. Eine Sensation, diesen Weltstar ans Haus zu holen. Prinzipalin Anita Ammersfeld gelingt dergleichen immer wieder. Von Herman van Veen bis zu den Tiger Lillies. „An Intimate Evening“ sollte es werden – und Faithfull kündigte gleich zu Beginn an, nur Lieblingslieder singen zu wollen. Mit ihrer rauchig-verruchten, brüchigen, dann wieder gewaltigen Stimme. So folgte Hit auf weniger Bekanntes, zwischendurch kurz erzählte Einblicke in ein von Drogen- und anderen Abstürzen gebeuteltes Leben. Liegt alles hinter ihr. Doch Faithfulls Songauswahl hat nach wie vor eine klare Botschaft, sozialkritisch, politisch. Erstaunlich wie aktuell Texte, wie der von „Broken Englisch“ (1979) wieder sind. Es folgen Highlights der Alben „A Secret Life“, „Vagabond Ways“ oder „Horses And High Heels“. „Ich habe nichts zu promoten“, scherzt sie ins Publikum. Mit einer neuen CD beginnt sie erst im November.

Also: Coverversionen. Bei ihrer Stimme natürlich von Männern. Leonard Cohen, Bob Dylan, Tom Waits. Sie singt „As Tears Go By“, mit dem 1964 ihre Karriere begann, geschrieben von Mick Jagger und Keith Richards. „Working Class Hero“ von John Lennon. „Crazy Love“, das Nick Cave für sie komponiert hat. Und Randy Newmans „In Germany Before The War“. Selbstverständlich dürfen auch „Rich Kids Blues“ und „Boulevard Of Broken Dreams“ – mit leicht französischem Akzent interpretiert – nicht fehlen. Fürs Mitsummen-, brummen gab’s kein Schämen – es kam aus etlichen Ecken des Zuschauerraums. Besonders bei der unvermeidlichen „Ballad of Lucy Jordan“. Am Ende dann die Warnung an das Publikum: Sie eile jetzt ins Sacher zum Abendessen. Und wehe! jemand wage es, sie anzusprechen oder gar ein Autogramm zu verlangen. Viva la Diva! Und ein Hoch auf die guten Ammersfeld’schen Nerven. Die Fans applaudierten glückselig, da war ihr Idol schon abgetreten. Hunger ist eben kein angenehmes Gefühl. Auch der des Publikums war noch lange nicht gestillt …

www.stadttheater.org

Von Michaela Mottinger

Wien, 8. 6. 2013