Volksoper: Sweet Charity

September 17, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Fellini meets Horváth in diesem Musical

Lisa Habermann als Charity Hope Valentine. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Es wäre höflich gewesen, Robert Meyer noch ein paar Jahre als Volksopernchef zu gönnen. Angesichts der speziellen #Corona-Bedingungen, von denen niemand weiß, wie lange sie das Kulturleben strukturell und finanziell belasten werden, hätte mit dem Bedarf an Stabilität argumentiert werden können. Nach dem Motto ,Mitten im Fluss wechselt man die Pferde nicht‘ würde Meyer das Volksopernschiff weiter durch unsichere Zeit führen …“, schreibt der Standard völlig richtig.

Nun, zwei Spielzeiten lang ist Robert Meyer zum Glück noch Kapitän auf der Brücke, und mit „Sweet Charity“ steuert er mutmaßlich den nächsten Publikumserfolg an. Um die Spannung kurz zu halten: Das von weiland Bob Fosse konzipierte, inszenierte, choreografierte, von Cy Coleman nach Neil Simons Libretto nach Federico Fellinis Film „Die Nächte der Cabiria“ komponierte Musical ist:

Bei überschaubarer Handlung musikalisch herausragend. Und nun von der Crew um Regisseur Johannes von Matuschka mit einem Pep auf die Bühne gebracht, dass dem „Big Spender“ die Augen übergehen. Die Ohren übrigens auch, aber die Redensart gibt es nicht.

Charity Hope Valentine also ist, heut‘ würd‘ man sagen, Pole-Tänzerin im Animierclub Fandango Ball House, und verstrickt sich in immer neue „problematische Episoden mit Männern“. In diesen läuft auch das Geschehen ab, erst der Ganove Charlie, der sie ihrer Barschaft geraubt, dann der Cinecittà-Star Vittorio Vidal, mit dem sie nur die Nacht verbringt, um ihn wieder mit seiner furiosen Verlobten Ursula zu versöhnen, schließlich der Stadtneurotiker Oscar Lindquist, der sie vorm Altar stehen lässt, weil dem Mann fürs Leben der Job für gewisse Stunden denn doch zu sehr aufs Gemüt schlägt …

In dem von Momme Hinrichs und Torge Møller aka fettFilm gestalteten Setting machen riesige Charity-Leuchtlettern die Runde, die Lichter der Großstadt dienen auch als Vittorios Möbelage oder Künstlerinnengarderobe im Fandango, und einmal formen sie sich zu den Worten „Love“ und „Hope“ – Matuschkas Reverenz an Ödön von Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“, ersterer der unerschütterliche von Charity, dass alles sich zum Besseren wenden wird – Zitat: „Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“ © Oscar Wilde. Doch Matuschka lässt Charity, nachdem Charlie sie zu Beginn beim Handtaschenraub ins Wasser gestoßen hat, aus diesem nicht mehr auftauchen; am Ende auf der Vidiwall wieder die Ertrinkende, der letzte Luftbläschen aus dem Mund quellen.

Julia Koci als Nickie und Caroline Frank als Helene. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Caroline Frank, Julia Koci und Lisa Habermann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Drew Sarich als Daddy Brubeck. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Julia Koci, Christian Graf als Herman und Lisa Habermann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mit derlei Tiefgang will Matuschka durch die Untiefen tauchen, und man muss ihm zugutehalten, dass er ein Feuerwerk an inszenatorischen Ideen abfackelt. Aber, und wie schön ist das, Herzstück des Abends sind die Akteure, allen voran Lisa Habermann als Charity, der man den naiv-natürlichen Rotschopf, den tollpatschig-temperamentvollen Wildfang in jeder Sekunde abnimmt. Schauspielerisch, gesanglich, tänzerisch ist Habermann top, sie swingt sich durch Cy Colemans mit Jazzklängen und Latinorhythmen gespickten Songs, dass es eine Freude ist. Lorenz C. Aichner am Pult tut mit dem im Broadwaysound routinierten Volksopernorchester das Seine dazu. Große Klasse an der schlaksigen Habermanns Seite ist Peter Lesiak als Oscar, der sich vom Hyperventilierer im kaputten Aufzug zum innig Liebenden zum bigotten Trauringverweigerer steigert.

Rührend die Szene mit Axel Herrigs Vittorio, und das Highlight der Auftritt von Drew Sarich als teuflisch skurriler Sektenverführer Daddy Brubeck dessen pseudoreligiöse Heilsbringung er mit Rockröhre schmettert, und apropos: Kaum jemand hätte vermutet, dass derlei auch in Julia Koci steckt, die ihre Rolle als Charitys Arbeitskollegin Nickie aber sowas von rockt. In einem Haus, dass selbst die sogenannten supporting roles mit Publikumslieblingen wie Christian Graf als gestrenger Etablissement-Chef Herman, Caroline Frank als laszive Escortlady Helene, Jakob Semotan und Oliver Liebl als Daddys durchschlagskräftige Bodyguards besetzen kann, bleiben keine Wünsche offen.

Die Neuübersetzung von Alexander Kuchinka, der aus dem “Fickle Finger of Fate“ eine „schnöde Schrulle des Schicksals“ macht, die Choreografien von Damian Czarnecki, der Chor unter der Leitung von Holger Kristen – alles passt, und die eine oder andere Länge wird sich im Laufe der Spielzeit noch einschleifen.

Lisa Habermann und Axel Herrig als Vittorio Vidal. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Drew Sarich als Daddy Brubeck. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Lisa Habermann und Peter Lesiak als Oscar Lindquist. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In seinem Spiel von „real“ und „surreal“ setzt Matuschka auch auf die Multiplikation von Figuren, und das durchaus mit gesellschaftskritischem Witz, etwa wenn er die Gaffer am Seeufer zu Knallchargen in knallbunten Regenpelerinen macht. Dann wieder atmen die mit viel Szenenapplaus bedankten Tanzsequenzen Sixties-Flair, bei der hinreißenden Discokugelnummer „The Rich Man’s Frug“ und in Daddy Brubecks „Puls des Lebens“-Kirche, in der der bewusstseinserweiternde Guru seine Schäfchen per „Big Brother“-Auge überwacht, glaubt man sich tatsächlich mitten im New Yorker Bohu.

Fazit: „Sweet Charity“ an der Volksoper ist eine opulente Show mit schwungvollen Revuenummern, und lässt dennoch die Tristesse eines Lebens als „Private Dancer“ spüren. Lisa Habermann agiert mit jener Überdosis Temperament, mit der von Depressionen und Traurigkeit Gebeutelte ihre Tragik zu übertünchen suchen. Der Moment ist es, an dem Christian Grafs Herman und dessen Damen vom Gewerbe sich schon in Hochzeitslaune singen, aber ach …

Trailer und Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=Kra5SNswaNE           www.youtube.com/watch?v=qh_RnkfchCI           Interview mit Lisa Habermann und Johannes von Matuschka: www.youtube.com/watch?v=1Hg8KwfXnM0        Open-Air-#Corona-Proben: www.youtube.com/watch?v=Uwki79ezG0w

www.volksoper.at

  1. 9. 2020

Neil Gaiman: Nordische Mythen und Sagen

Oktober 24, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Wissen, wo der Hammer hängt

Adolf Hitler war eigentlich kein Fan des Langhaarigen. Der „Führer“ bevorzugte die Frisuren kurz, mit Undercut und Seitenscheitel. Die nordischen Götter und Helden leider schützten ihre Wallemähnen nicht vorm Dritten Reich, das deren Neun-Welten-Geschichten für seine Zwecke missbrauchte. Heinrich Himmler als NS-Hobbygermanologe und Rassenmetapyhsiker Alfred Rosenberg verbissen sich geradezu in diese vorchristliche Mythologie, um ihrer Wahnsinnsideologie ein „historisches“ Fundament zu geben.

Der Wewelsburgherr faselte bevorzugt von „nordisch-teutschem Blut“, entstellte als Symbol für die SS die Sowilō, die Sonnen-Rune, und hieß seine 5. Panzer-Division „Wiking“. Ergo war die „Edda“ im deutschsprachigen Raum für Jahrzehnte angepatzt, und blieb es bis heute, nicht zuletzt, weil nach den Alt- die Neonazis die fatale Verehrung weitertreiben, als hätte es dazwischen kein „tausendjähriges Reich“ gegeben. Schade um diesen großartigen Sagenzyklus. Möchte man meinen, gäbe es nicht Neil Gaiman, seines Zeichens Fantasy-Autor und bereits im zarten Alter von sieben Jahren von den „Mighty Thor“-Abenteuern eines Jack Kirby und eines Stan Lee fasziniert – einem Thor ganz ohne Steinar.

Gaiman weiß, wo der Hammer hängt. Seit Anbeginn seines Schriftstellerdaseins arbeitet er daran, den Allvater und seine Angehörigen zu rehabilitieren, hingerissen von der Idee, dass deren Legenden „von Menschen stammen, die ihren Göttern nicht über den Weg trauten, sie nicht einmal wirklich mochten, auch wenn sie sie respektieren und fürchteten.“ So formuliert er‘s in seinem neuen Buch „Nordische Mythen und Sagen“, ein schmaler Band zwar, doch auch dank des gut gemachten Glossars ein Kompendium, das durchaus in den Rang von Gustavs Schwabs „Sagen des klassischen Altertums“ zu heben ist. Als Quelle nennt Gaiman den isländischen Skalden Snorri Sturluson, dessen Prosa-Edda-Stil er schön schnoddrig modernisiert, die Dialoge rotzig frech, die Dinge – Sex & Met & Rock’n’Roll – rücksichtslos beim Namen genannt, das Ganze eine vom braunen Ballast befreite Original-Gaiman-Version, heißt: clever, lässig, witzig.

Natürlich ist der nun erzählte Odin nicht mehr der Trickbetrüger Mr. Wednesday aus den „American Gods“, der Donnergott nicht deren tumber Haudrauf und Loki nicht der Lügner Low Key Lyesmith. Doch liest sich die Charakteristik eines Gottes beispielsweise so: Als Thor, „Gott des Donners, Mächtigster aller Asen, Tapferster und Stärkster in jeder Schlacht“ morgens noch halb verschlafen merkt, dass sein mächtiger Hammer Mjöllnir verschwunden ist, macht der Rotbärtige, was er laut Gaimans Lesart stets tut, wenn etwas Seltsames geschieht: „Als erstes fragte er sich, ob Loki dahintersteckte. Dieser Gedanke kam ihm auch jetzt. Doch er glaubte, dass nicht einmal Loki es gewagt hätte, seinen Hammer zu stehlen. Also tat er, was er stets als Zweites tat, wenn etwas schiefging: er machte sich auf, um sich Lokis Rat zu holen.“

Gaiman schildert, wie Odin für mehr Wissen und Weisheit sich erst neun Tage lang an der Weltenesche Yggdrasil erhängte, bevor er an Mimirs Brunnen sein linkes Auge dafür gab, er beschreibt Loki als klügsten Asgard-Bewohner, allerdings auch als den bösesten, weil in ihm „so viel Wut, so viel Neid und so viel Wollust“ gärt. Von den unzähligen Überlieferungen wählt Gaiman die aus, in der der dreiste Riese Thrym als Dank für seine Dienste an den Asen die Vanin Freyja zur Frau will, zur Hochzeit aber Loki samt dem als Braut verkleideten Thor anreist, was dem Geschlecht der Thursen ein letales Ende beschert.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Oder jene, in der Loki Thors Gattin Sif im Übermut die blonden Locken vom Kopf stiehlt, und nach Androhung von Mord und Totschlag, wiewohl die Götter immer wieder auferstehen, die Zwerge anflehen muss, ihr neues Haar aus Echtgold zu schmieden. Man erfährt von der Erschaffung der ersten Menschen Ask und Embla, von den Walküren und Walhall, liest von Odins Raben Huginn, dem Gedanken, und Muninn, der Erinnerung, und Odins achtbeinigem Pferd Sleipnir, von Thors Streitwagenziehern, den Ziegenböcken Grinser und Knirscher, und bekommt erklärt, warum Odins Sohn Vidar, der stille und verlässliche Gott, einen Schuh aus dem Leder aller je weggeworfenen Schuhe trägt …

Mit seiner Schuld an Balders Sterben, dieser Odins zweiter Sohn, so herrlich, dass er jeden Ort erhellte, und von allen geliebt, geht Loki endgültig zu weit. Der Gestaltenwandler wird unter einer Schlange festgebunden, deren Gift unaufhörlich auf ihn herabtropft, während Lokis ob seiner Schmerzen weinende Frau Sigyn es in einer Schale aufzufangen versucht.

Was Gaiman offensichtlich am meisten packt, sind die Ragnarök, sind Götter, die zu Anfang schon um ihr Ende wissen. Drei Jahre wird die Schlacht dauern, gegen die das Armageddon wie eine Rangelei unter Halbstarken wirkt. Lokis Monsterkinder treten gegen die sie ein Leben lang betrogen habenden Götter an, Odin ringt mit dem Fenriswolf, der ihn verschlingt, Thor mit der Midgardschlange, die er zwar tötet, jedoch trotzdem deren Gift erliegt. Loki kämpft gegen den Wächter über Asgard, Heimdall, auch sie erschlagen sich gegenseitig. Schließlich schleudert der Feuerriese Surt eine Waffe und löst damit den Weltenbrand aus.

So überwältigend ist das alles, dass man als jemand, der sich offenen Herzens durch die 40 Lieder der Edda gelesen hat, nur fassungslos sein kann über den Unglückssager eines deutschen Schauspielers und Regisseurs, der an der Staatsoper den „Ring“ mit dem Satz inszenierte, die Nordgötter mit ihren Hörnerhelmen seien primitiv gegen den Götterkosmos der Griechen und Römer.

Wie’s ausgeht? Nach dem Weltuntergang werden zwei Menschen, die sich im Stamm des Weltenbaums versteckt hatten, eine Frau namens Leben, ein Mann namens Lebenswille, die Erde neu bevölkern. Odins Söhne Vidar und Vali werden erscheinen, Thors Söhne Modi und Magni Mjöllnir mit sich tragen, Balder wird aus der Hel zurückkehren. Im Gras werden sie goldene Schnitzereien finden, Schachfiguren – und sich ums Spielbrett setzen. Sie ziehen mit Königin Frigg, dem Läufer-Reifriesen, Balder erkennt sich in einer der Figuren wieder. „Und so beginnt das Spiel von Neuem.“

Über den Autor: Neil Gaiman, geboren 1960 in Portchester, England, hat mehr als vierzig Bücher geschrieben und ist mit jedem Preis ausgezeichnet worden, der in der britischen und amerikanischen Fantasy- und Comicszene verliehen wird. Am bekanntesten wurden seine Graphic-Novel-Serie „Sandman“ und der gefeierte Roman „American Gods“, der als TV-Serie verfilmt Fernsehgeschichte schrieb und 2015 bei Eichborn als überarbeitete „Director’s Cut“-Ausgabe erschien. Im Jahr davor kam sein Schauerroman „Der Ozean am Ende der Straße“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=12029) heraus, erst im April dieses Jahres seine Shortstory- und Gedichtsammlung „„Zerbrechliche Dinge. Geschichten und Wunder“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32704). Vor einiger Zeit zog Gaiman, Vater von vier Kindern und verheiratet mit der Musikerin Amanda Palmer von „The Dresden Dolls“, in die USA um; heute lebt er in Cambridge, Massachusetts, und träumt dort von einer unendlichen Bibliothek.

Eichborn, Neil Gaiman: „Nordische Mythen und Sagen“, Fantasy, 253 Seiten. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von André Mumot.

www.luebbe.de/eichborn           www.neilgaiman.com

THEATERTIPP: Heidenspaß mit Göttern, Monstern, Helden – „Die Edda“ im Burgtheater, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35418

  1. 10. 2019

Neil Gaiman: Zerbrechliche Dinge

April 9, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Skurrile Träume einer schauderhaften Wirklichkeit

In der Nacht kratzt ein Federkiel über Papier. In der Bibliothek seines Schlosses versucht ein junger Schriftsteller, zweifellos ein Mann des viktorianischen Zeitalters, einen Roman zu verfassen. Kein leichtes Unterfangen, ist die Dunkelheit doch voller Geräusche und Gestalten. Der Ghul in der Gruft, die kichernden Stimmen in der verfallenen Abtei, die keinesfalls menschlichen Augen, die aus dem Porträt des Ururahnen auf den Autor blicken, die angekettete Tante Agatha, die unterm Dach zetert und schreit … Sie taugt nichts, seine Geschichte von der im Spukhaus gefangenen Maid Amelia Earnshawe, stellt der Dichter fest.

Der Rabe, der auf einer weißen Marmorbüste hockt, rät ihm, „dieses lebensechte Zeug“, das er da hinkritzelt endlich sein zu lassen – und sich der Fantastik zu widmen. „Ich bin Klassizist“, empört sich der Literat und nennt „Udolpho“, „Das Schloss von Otranto“, „Die Handschrift von Saragossa“ als seine Vorbilder. Hingegen die Gothic Novels mit ihren Themen Börsenmakler, frustrierte Hausfrauen und Polizeieinsätze – „Reinster Eskapismus!“ Trotzdem setzt er sich hin und versucht es. Und während die Worte mit Blut geschrieben werden und Blitze über den Himmel zucken, verwandelt sich seine Geschöpf Amelia.

Sie, die eben noch mit den Mächten der Finsternis rang, steckt zwei Scheiben Vollkornbrot in den Toaster, gießt Orangensaft in Gläser und fragt ihren Ehemann George „Rührei oder ein wachsweiches?“ Und über die Lippen des Schriftstellers gleitet ein zufriedenes Lächeln. Weil er weiß, dass ihm nun etwas wunderbar Sonderbares gelungen ist … „Verbotene Bräute gesichtsloser Sklaven im geheimen Haus der Nacht grausiger Gelüste“ heißt diese Short Story von Neil Gaiman, eine von 31, darunter auch ein paar Gedichte, mit dem Sammeltitel „Zerbrechliche Dinge“, die der Eichborn Verlag nun als Paperback herausgebracht hat. Eine Selbstparodie aufs Leiden an der Autorschaft, die wohl am besten Gaimans im doppelten Wortsinn ungeheuren Humor und sein Faible für verkehrte Wirklichkeiten illustriert. Gaimans Texte sind schauderhaft, skurril, spannend, Reverenzen an Ray Bradbury, Harlan Ellison oder Robert Sheckley, denen er den Band als „Meister ihres Fachs“ auch widmet. Wobei Gaiman diesen Großen mit mehr als vierzig Veröffentlichungen und der Auszeichnung mit jedem nur erdenklichen Preis der Fantasy- und Comic-Szene in nichts nachsteht.

Zu seinen bekanntesten Werken zählen die „Sandman“-Serie, der Roman „American Gods“, und auch das Drehbuch von Robert Zemeckis‘ „Beowulf“, verfilmt mit Angelina Jolie als Grendels Mutter, stammt von ihm. In „Zerbrechliche Dinge“ bewegt sich Gaiman gekonnt zwischen den Genres Science-Fiction, Horror und dem guten alten Schauerroman. Er lässt in Dystopien Aliens die Menschheit knechten, Dämonen aus Männern die Wahrheit foltern, Santería-Priesterinnen brünstige Freier in Zombies verhexen. Er überschreibt Märchen und Mythen, „Goldlöckchen und die drei Bären“ etwa, und bietet mit „Susans Problem“ eine verstörende „Narnia“-Fassung an. Nur so viel: Es kommt zum Sex zwischen Aslan und Jadis … Es gibt eine Blaubart-Variation, selbstverständlich eine Grendel-Story, Scheherazade kommt vor, und Sherlock Holmes. Der in „Eine Studie in Smaragdgrün“ (statt Scharlachrot) den Mord an einem grünblütigen Neffen von Königin Victoria aufklären soll, die Queen hier eine riesenhafte, tentakelbewehrte Invasorin aus dem All, die „Albion“ vor Aberjahrhunderten unterworfen hat, Dr. Watson ein ganz anderer als er scheint.

Viele seiner Einfälle kämen ihm in Albträumen, sagt Gaiman, und immer wieder spricht er in seinen Erzählungen die Leser in Ich-Form an. Manche sind auch Auftragsarbeiten. „Strange Little Girls“ hat er für das Booklet der gleichnamigen CD seiner langjährigen Freundin Tori Amos geschrieben. „Es gibt hundert Dinge die sie fortscheuchen wollte Dinge an die sie sich nicht erinnert und an die sie nicht einmal denken will denn sonst schreien die Vögel und kriechen die Würmer und irgendwo in ihrem Verstand geht ein unaufhörlicher Nieselregen nieder“, kann er’s darin poetisch. „Harlekin Valentin“ entstand für eine Plastik von Lisa Snellings-Clark, ein Riesenrad, für das die Künstlerin pro Fahrgast einen Text haben wollte – Gaiman entschied sich für den Ticketverkäufer. „Sonnenvogel“, die Geschichte eines Gourmet-Geheimbundes, der sich auf der Suche nach der nächsten kulinarischen Köstlichkeit buchstäblich den Mund und mehr verbrennt, war ein Geburtstagsgeschenk an die älteste Tochter Holly.

Mit der Humpty-Dumpty-Vokabel „grausfährlich“ benennt Neil Gaiman sein Werk, die Welt seiner Geschichten bezeichnet er als „Zerbrechliche Dinge“: „Sie bestehen aus nichts Belastbarem, lediglich aus sechsundzwanzig verschiedenen Buchstaben und einer Handvoll Satzzeichen“, manche aber „haben die Menschen überlebt, die sie erzählten, und manche davon haben sogar die Länder überdauert, in denen sie erfunden wurden.“ Juwelen, die von Gaiman neu gefasst werden. Zum Schluss noch einen Witz: „,Sie fragten Saint Germains Diener, ob sein Herr wirklich tausend Jahre alt war, wie er angeblich behauptete. ,Woher soll ich das wissen?‘, erwiderte der Mann. ,Ich stehe erst seit dreihundert Jahren in seinen Diensten.‘“

Über den Autor: Neil Gaiman, geboren 1960 in Portchester, England, hat mehr als vierzig Bücher geschrieben und ist mit jedem Preis ausgezeichnet worden, der in der britischen und amerikanischen Fantasy- und Comicszene verliehen wird. Am bekanntesten wurden seine Graphic-Novel-Serie „Sandman“ und der gefeierte Roman „American Gods“, der als TV-Serie verfilmt Fernsehgeschichte schrieb und 2015 bei Eichborn als überarbeitete „Director’s Cut“-Ausgabe erschien. Im Jahr davor kam sein Schauerroman „Der Ozean am Ende der Straße“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=12029) heraus. Vor einiger Zeit zog Gaiman, Vater von vier Kindern und verheiratet mit der Musikerin Amanda Palmer von „The Dresden Dolls“, in die USA um; heute lebt er in Cambridge, Massachusetts, und träumt dort von einer unendlichen Bibliothek.

Eichborn, Neil Gaiman: „Zerbrechliche Dinge. Geschichten und Wunder“, Shortstorys und Gedichte, 413 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Ruggero Leò, Hannes und Sara Riffel, Dietmar Schmidt und Karsten Singelmann.

www.luebbe.de/eichborn           www.neilgaiman.com

  1. 4. 2019

durchhaus: Bash! Das Fremde in uns

April 3, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Mörder sind wie du und ich

„Eine Meute von Heiligen“: Eric Lingens und Lilian Jane Gartner bespielen Neil LaButes kontroversielles Figurenkabinett. Bild: © Mirjam Koch

Ein Glück. In der Galerie von Les Tardes Goldscheyder und seinem Künstlerkollektiv, dem „durchhaus“, wird endlich wieder Theater gespielt. Der Raum, einer der spannendsten Wiens, eignet sich ganz hervorragend zum Spielort – und in seiner Zerrissenheit zwischen zwei Abbruchhäusern, einem überdachten Innenhof und einer stehengebliebenen Fensterfassade, vor allem für die zwischenmenschliche Tragödie.

Entsprechend hat Regisseur Peter Gruber hier Neil LaButes „Bash! Das Fremde in uns“ inszeniert. „Bash!“, das sind drei kurze Stücke über das Töten. Ein Versicherungsvertreter beichtet den „plötzlichen Kindstod“ seiner neugeborenen Tochter. Eine Schülerin, mit 14 Jahren von ihrem Lehrer verführt, geschwängert und verlassen, tötet nach einem letzten Wiedersehen mit dem Kindsvater ihren Sohn. Ein Collegepärchen erzählt von einer rauschenden Ballnacht, an deren Rande der junge Mann mit seinen Freunden einen Schwulen zu Tode prügelt. Drei Bestien ohne Grund. LaButes Protagonisten sind Teilhaber am so glänzenden wie düsteren Amerika, und sie bekennen, was für sie gar kein Bekenntnis, sondern nur die nüchterne Feststellung eines Faktums ist: Der Tod von anderen als Nebenprodukt des eigenen tödlich normalen Lebens.

Peter Gruber hat im ersten Teil die beiden Monologe „Iphigenie in orem“ und „Medea redux“ ineinander verschränkt. Lilian Jane Gartner und Eric Lingens spielen die beiden Kindermörder beinhart, sie sind einander Stichwortgeber, sie sind intensiv in ihrer Beiläufigkeit; die Eskalation des Geschehenen haben ihre Figuren längst verschluckt, alle Gefühle schon beiseite geschoben. Das Sterben wird als ein „kalkuliertes Risiko“ gesehen. Der Detroiter Autor LaBute fordert seine Schauspieler maximal heraus, auf dem schmalen Grat zwischen lockerem Plauderton und monströsem Inhalt zu balancieren, und den beiden gelingt die Übung. Sie schaffen es, das Entsetzliche von der Warte der Normalität aus zu berichten, ohne Reue, ohne Zweifel an der Tat, ohne einen Hauch von Selbsterkenntnis.

Antike Mythen jetztzeitlich interpretiert: „Iphigenie in orem“ überschneidet sich mit „Medea redux“. Bild: © Mirjam Koch

Monströse Inhalte in lockerem Plauderton: Die beiden Kindermörder zweifeln nicht an ihren Taten. Bild: © Mirjam Koch

Die Geschichten, die sie erzählen, sind zu wahr, um nicht echt zu sein. Derlei begegnet einem täglich in den Schlagzeilen: Die Mörder sind wie du und ich. In Grubers Inszenierung entschlüsseln sich die Gräueltaten, wiewohl entlarvend gespielt wird, nur langsam. Immer wieder stellen Gartner und Lingens Augenkontakt her. Man sucht Komplizenschaft – miteinander und mit dem Publikum. Dieses soll verstehen, warum …, soll das Unbegreifbare abnicken. Ist er Zyniker, so ist sie Pragmatikerin, dabei hat die Dimension der von ihnen vorgestellten Schrecken, wie die Szenentitel schon sagen, antik-mythologisches Ausmaß.

Nach der Pause übersiedeln Schauspieler und Zuschauer in den oberen Spielraum, es folgt der Dialog „Eine Meute von Heiligen“, und erstmals fällt einem auf, dass es auch darin wieder um die Glaubensgemeinschaft der Mormonen geht. LaBute hat diesbezüglich einiges aufzuarbeiten. Eine Clique studentischer Landeier fährt zum Ball nach Boston – und begegnet einem schwulen Liebespaar. Und weil nicht toleriert werden kann, was irgend „anderes“ ist, folgt die Auslöschung des „Anormalen“.

Vor allem Gartner schafft es, im Sprung von der vordergründig bedauernswerten Teenie-Mutter zur hektisch-überdrehten Fröhlichkeit der Studentin, nun eine gänzlich andere Figur auf die Bühne zu stellen. Lingens bleibt mehr oder minder bei der Rolle seines moralisch bedrängten jungen Mannes, der glaubt, dass zu seinem Seelenheil nur der letzte Ausweg führen kann. Erstaunlich ist, dass diese Abfolge von Einaktern bereits aus dem Jahr 1999 ist. Oft und oft fühlt man sich beim Hören und Sehen an die Trump-USA erinnert, und wie dort rechtskonservative Kräfte in einer Kombination aus schierer Wut und nackter Angst über alles herfallen, das nicht systemkonform ist. Harmlose Durchschnittsmenschen werden zu „Sumpfmonstern“, gerade weil sie eben diesen trocken legen wollen. In Europa kennt man das seit „Tausend“ Jahren, in den Vereinigten Staaten … – wie sich die Bilder gleichen.

www.facebook.com/bashdurchhaus

durchhaus.blogspot.co.at

Wien, 3. 4. 2017

Theater zum Fürchten: Das Maß der Dinge

September 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit einer Pointe, die einem den Boden wegzieht

Neue Liebe vs alte Freundschaften: Johanna Withalm als Evelyn, Hendrik Winkler als Adam, Florian Graf als Phillip und Selina Ströbele als Jenny. Bild: Bettina Frenzel

Neue Liebe vs alte Freundschaften: Johanna Withalm als Evelyn, Hendrik Winkler als Adam, Florian Graf als Phillip und Selina Ströbele als Jenny. Bild: Bettina Frenzel

Henry Higgins hat’s ja dereinst schon besungen. Kaum hat Frau den erlegten Mann in Händen, beginnt sie ihn neu zu stylen. Was, packt man ihn an der richtigen Stelle an, ja, genau da, auch keine große Hexerei ist. Frisur, Brille, Outfit sind einfach, die Schwimmreifenfigur schwierig, aber machbar – und Künstlerinnen schaffen schlussendlich sogar die Nasenkorrektur.

Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Neil LaButes „Das Maß der Dinge“. In der Studentenmilieukomödie geht’s genau darum: Wie manipuliert man einen hässlichen Enterich zum stolzen Hahn? Evelyn lernt Adam, und nein, die biblischen Namen sind nicht zufällig gewählt, im Museum kennen. Da will die Kunststudentin einer durch ein Gipsfeigenblatt verunstalteten Marmorstatue mittels Graffiti-Penis ihre Würde zurückgeben und der Literaturstudent und Aushilfswärter genau dies verhindern.

Sie findet ihn ganz süß, aber die Optik!, also beginnt sie sich ein neues Aussehen für ihn aus der Rippe zu stanzen. Evelyn macht aus Adam ihren Elizo Doolittle, ihr Pygmalion-Projekt. Schwört sie doch – Stichwort: – auf die Wahrheit der Kunst. Seine Freunde Jenny und Phillip reagieren ob der Brachialumwandlung entsetzt und beargwöhnen Evelyns Eingriffe in Adams Leben, bis Jenny entdeckt, dass nur das unschmucke Äußere bis dato Adams innere Werte verdeckt hat. Es kommt zum Kuss und zum Eklat. Neil LaBute wäre nicht der Autor, der er ist, wenn am Ende nicht der große Crash, der Twist in der Handlung, die Schlusspointe warten würde, die dem Publikum den Boden unter den Füßen wegzieht …

Der hässliche Enterich: Johanna Withalm und Hendrik Winkler ... Bild: Bettina Frenzel

Der hässliche Enterich Adam: Johanna Withalm und Hendrik Winkler … Bild: Bettina Frenzel

... wird dank Nasen-OP zum stolzen Hahn: Winkler mit Florian Graf. Bild: Bettina Frenzel

… wird dank Nasen-OP zum stolzen Hahn: Winkler mit Florian Graf. Bild: Bettina Frenzel

Rüdiger Hentzschel hat die witzig zugespitzten, so scharfsinnigen wie scharfzüngigen Dialoge wunderbar auf der Bühne umgesetzt. Die, der Regisseur ist auch für den Raum zuständig, besteht aus einer weißen Teppichbodentreppe und Videos. Bildern, die ein Mehr an Kulisse gleichsam ersetzen. Auf ihnen sieht man Adams morgendlichen Blick in den Badezimmerspiegel, viel nackte Haut bei seiner Gefügigmachung durch abendlichen Sex, und sogar grauslich seine besagte Nasen-OP. In ihrer Machart gibt die Inszenierung fortwährend Hinweise auf den sarkastischen Clou, das dicke Ende, das noch kommen wird. Dazu die Musik schön spooky, der Song „Little Boxes“ von Malvina Reynolds karikiert die Konformität der US-Mittelschicht, et voilà. „Das Maß der Dinge“ ist ein Abend, der einem erst ein Lächeln ins Gesicht zaubert, nur um es dann wieder wegzuwischen.

Ganz vorzüglich spielt das sympathische Darsteller-Quartett Hendrik Winkler und Johanna Withalm, Selina Ströbele und Florian Graf. Withalm gibt die Evelyn als unkonventionell verrücktes Huhn, als Gegenstück zu Winklers Adam, der zwischen Nerd und nettem Jungen von nebenan changiert. So bestimmt und selbstbestimmt wie sie ist, ist ganz klar, dass sie in der Beziehung die Führung übernimmt, doch wie sie seine Freunde einerseits leichter Hand mit Intimitäten über Adam füttert, andererseits eben diese durch ihre eloquent vorgetragenen extremen Ansichten zu Spießern degradiert, da kommt man über die Figur doch ins Grübeln. Withalms Evelyn nervt einen bald – und das ist gut so.

Bei Neil LaBute hat das Ganze natürlich einen doppelten Boden: Johanna Withalm. Bild: Bettina Frenzel

Bei Neil LaBute hat das Ganze natürlich einen doppelten Boden: Johanna Withalms Evelyn nervt zusehends. Bild: Bettina Frenzel

Neben ihr ist Selina Ströbele als Jenny ein Weibchen. Naiv und ins Rollenbild eingepasst, versucht sie Florian Graf als Feschak Phillip zu Diensten und zu Willen zu sein, doch sowohl Jenny als auch Adam werden sich emanzipieren wollen. Worauf Phillip, Graf macht aus ihm einen liebenswerten Schnösel und hat auch deshalb einiges an Lachern auf seiner Seite, der alleinigen Vormachtstellung als Ladykiller beraubt, die Welt nicht mehr versteht. Happy End? Naja … das liegt im Auge des Betrachters.

Mit „Das Maß der Dinge“ haben TzF-Intendant Bruno Max und Regisseur Rüdiger Hentzschel für den Wiener Saisonstart auf unterhaltsame Art einen Zeitgeistnerv getroffen, sind die Themen des Stücks doch das beständige Polieren der ohnedies schon glatten Oberfläche, der Zwang zur Selbst/Optimierung – und eine darob aufkommende Skrupellosigkeit in der „Sache“ Liebe. Und schließlich stellt LaBute noch die allentscheidende Frage, die ebenso fürs Theater interessant ist, die Frage danach, was Kunst ist und wie weit sie gehen darf. Spannend!

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 22. 9. 2016