Academy Awards Streaming: Neues aus der Welt

April 7, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Paul Greengrass‘ Western ist nominiert für vier Oscars

Captain Jefferson Kyle Kidd will Johanna zu ihren Verwandten bringen: Tom Hanks und Helena Zengel. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Zwar in keiner der Hauptkategorien, aber immerhin in vieren ist Paul Greengrass‘ Westerndrama „Neues aus der Welt“ mit Tom Hanks und Helena Zengel nominiert. Am 25. April, bei den Academy Awards 2021, könnte es punkto Beste Kamera für Dariusz Wolski, Bestes Szenenbild für David Crank und Elizabeth Keenan, Beste Filmmusik für James Newton Howard und Bester Schnitt für Oliver Tarney und Team „and the Oscar goes to“ heißen. Hier noch mal die Filmkritik vom Februar 2021:

Die Frohe Botschaft im Vorhof der Hölle verkünden

Eine Kinopremiere blieb Regisseur und Drehbuchautor Paul Greengrass‘ Westerndrama „Neues aus der Welt“ Corona-bedingt versagt, und so kam Netflix die Ehre zu, die Produktion der Universal Studios ins Programm zu nehmen. Oscar-Preisträger Tom Hanks und Helena Zengel, die bereits in „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt mit ihrer schauspielerischen Stärke beeindruckte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34792), fahren als Sezessionskriegsveteran und Waisenmädchen durch tief gespaltene Vereinigte Staaten.

Ein Western als Gegenwartskritik. Diesbezüglich angesprochen auf „Lügenpresse“ und Fake News, auf #BlackLivesMatter und Verschwörungstheorien, Stickwort: Mauer zu Mexiko, sagte ein schmunzelnder Greengrass zu deadline.com, er hätte den Roman von Paulette Jiles gelesen und seine „Wünschelrute“ habe eben reagiert. In seinem epischen Werk der wenigen Worte schickt er Tom Hank als ehemaligen Südstaaten-Helden auf ein Himmelfahrtskommando; dies das Bild, das dieses Roadmovie bestimmt:

Mitten im Post-Bürgerkriegs-Purgatorium steht Jefferson Kyle Kidd im Wortsinn mit dem Rücken zur Wand, umringt von einem volltrunkenen Lynchmob verrohter Büffelschlächter, Mexikaner-Mörder, Schwarzen-Killer und Indianer-Hasser. In den Augen der Männer kocht heiß die durch das Unionsheer erlittene Schmach, die Demütigung durch den Norden, als wär’s nicht schon fünf Jahre her und immer noch hat der Feind in der Heimat das Sagen, ein wahrer Hexersabbat, ein Teufelstanz ist in Erath County zugange.

Herr und Meister über dies gesetzlose Niemandsland ist ein diabolischer Uncle Sam namens Mr. Farley, Darsteller ist Thomas Frances Murphy, der seine „Familie“ mit eiserner Faust befehligt, und damit dies auch so bleibt Kidd und Johanna mit gezogener Waffe in seine Stadt bittet … Johanna? Ah ja! Zurück auf Anfang: Als gewesener Konföderierten-Captain Jefferson Kyle Kidd kutschiert Tom Hanks im Jahr 1870 kreuz und quer durch Texas, um sich seinen bescheidenen Lebensunterhalt zu verdienen, indem er Unterhaltsames, Wundersames, Grausames aus den aktuellen Zeitungen vorliest – im Schummerlicht der Gaslaterne und mit Vergrößerungsaugenglas fürs Kleingedruckte.

Er berichtet vom Eisenbahnbau, von tödlichen Epidemien und Abenteuern aus fernen Welten, für sein leseunkundiges Publikum meist hochdramatisch aufbereitet – und mit Cheers! und Boohs! und „Texas first!“ bedankt, letzterer ein Ruf, bei dem die Yankee-Soldaten am Eingang in Habtachstellung gehen. Kidd bringt den Bildungsfernen im Wilden Westen laut Titel „Neues aus der Welt“, Infotainment für einen Dime, Nachrichten von jenseits des Horizonts samt den „Federal News“, die hier keiner hören mag, die Forderung von Präsident Ulysses S. Grant, in Texas endlich die Sklaverei abzuschaffen, heißt: die Ratifizierung des 13. Zusatzartikels der Verfassung, ein Muss, damit die Region wieder Teil der Union und ein Bundesstaat werden kann.

Captain Kid und Johanna wehren sich … Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

… gegen Almays Männer: Michael Angelo Covino. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Leonberger: Neil Sandilands und Winsome Brown. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Abschiedsschmerz: Helena Zengel und Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Da, eines Tages auf dem Weg, ein umgestürzter Wagen, ein erhängter Schwarzer, der wohl auf Beamte der Indianerbehörde hoffte, aber offensichtlich Gegnern der Sklavenbefreiung in die Hände fiel, an die Brust geheftet ein Zettel: „Texas sagt Nein! Das ist das Land der Weißen“, und ein blondes Mädchen, gekleidet wie eine Indianerin, die Kidds Fragen in schlechtem Deutsch oder perfektem Kiowa beantwortet.

Zikade nennt sich die Kleine, als die Helena Zengel den großen Tom Hanks ziemlich an die Wand spielt, und einem Schreiben entnimmt er, dass „Johanna Leonberger“, deren deutschstämmige Siedler-Eltern vor Jahren von den Kiowa abgeschlachtet und sie als Kleinkind vom Stamm entführt worden waren, zu Verwandten nach Castroville gebracht werden soll. Die Aufmerksamkeit des internationalen Filmbusiness‘ ist der Zwölfjährigen mit diesem Auftritt als Findelkind gewiss. Zengel schlüpft in die Rolle der doppelt verwaisten, denn nun haben die Weißen ihre Kiowa-Eltern getötet, der Sprachbarrieren wegen fast stummen Johanna wie diese in ihr Lederkleid.

In den Augen den wissenden Blick einer jahrhundertealten Weltenkenntnis, das Temperament, die Temperatur wechselnd von Verletzlichkeit zu Verzweiflung, von Sturheit zu Trotz zu einer stolzen Eiseskälte, mit der die junge Frau der First Nation die Errungenschaften der Neuen Nation ablehnt, Rüschenkleidchen, Essbesteck etc., derart ist Zengel die Sensation des Films. Greengrass braucht Johannes Story nicht in Flashbacks erzählen, er erzählt sie einzig und allein über Helena Zengels Gesicht.

Welch ein Sittenbild. Rebellen unterm Blood-Stained Banner auf Kriegspfad gegen die Washingtoner Gesetzeshüter – das Hinterland, durch das Kidd zieht, fühlt sich damals wie heute vom Kapitol verraten -, die Native Americans bis zur Grenze des Genozids verfolgt, eine Besatzungsarmee, der alles egal ist, solang der Eisenbahnbau voranschreitet, eine verheerte, verkehrte Welt – und zwischendrin Tom Hanks‘ Kidd, der wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind kommt.

Denn niemand will die „Wilde“, keiner fühlt sich zuständig. Bei diesem selbstbestimmten, aufmüpfigen Kind endet die christliche Nächstenliebe. Kidd und Johanna, die keiner der sich hysterisch befehdenden Gruppen zugehören, mussten im Lone Star State zueinanderfinden, ihre Annäherung erfolgt in der Einsamkeit der weiten Prärie, womit „Neues aus der Welt“ alle Westernelemente hat, die’s braucht. Er lehrt sie „Zivilisation“, sie bringt ihm die Natur in ihrer Ganzheit und deren Schützenswürdigkeit nahe.

Winsome Brown. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Helena Zengel. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Hanks wirft sein komplettes Guter-Kerl-Sein in die Waagschale, wie ein Prediger verkündet Vorleser Kidd Greengrass‘ Frohe Botschaft im Vorhof der Hölle: Nur wenn alle bereit sind, einander zuzuhören, voneinander zu lernen, kann Frieden entstehen. Allein Humanität und Respekt vor allem Lebendigen – und das inkludiert Mutter Erde – machen aus den Schlacht- wieder Erntefelder. Schade, dass diverse FilmkritikerInnen diesen Gedanken alsbald als „totgeritten“ empfanden.

Greengrass bedient sich gleichnishafter Szenen: In Dallas, wo man erfährt, dass Witwer Kidd durchaus kein Heiliger ist, da er in Saloonbesitzerin Miss Gannett, Elizabeth Marvel, eine Bettgenossin hat, will ihm der Schurke Almay mit seinen Kumpanen, schön sinister: Michael Angelo Covino mit Clay James und Cash Lilley, Johanna für 50 Dollar abkaufen. Die Kunde von der verwaisten „Rothaut“ aus Wichita Falls hat bereits die Runde gemacht, die Männer wollen sich mit einem exotischen Spielzeug vergnügen, erst „die Blauen“ beenden die Schlägerei.

Dass Almay blutige Rache schwört, führt zu einer der wohldosierten Actionszenen im Film, ein Shootout, bei dem sich Johanna als erfahrene Kämpferin erweist. Die Bildmacht, mit der Kameramann Dariusz Wolski zu überwältigen weiß, ist überbordend. Vom Himmel her fängt er entgrenzende Panoramen ein, Landschaftsgemälde von einem Viehtrieb oder einem Planwagentreck, alle unterwegs dorthin, wo das Gras grüner sein soll. Wolski drückt sich im Halbdunkel an Türöffnungen mit freiem Blick auf Liebeslager vorbei, er rast mit einer sich überschlagenden Kutsche den Berg hinunter und duckt sich bei Schusswechseln hinter Felsen.

„Neues aus der Welt“ ist ein Kinostart von Herzen zu wünschen, auf der großen Leinwand wird das alles besser zur Geltung kommen: die Verfolgungsjagd durch die potenziellen Kidnapper Johannas, die Schießerei und die Prügelei. Das macht Tempo, bevor sich Raum und Zeit auf dem Marsch unter gleißender Sonne wieder zerdehnen. Wie ein Geistbild wirkt Johannas Gang ins Haus der Toten; Kidd und sie finden eine zerstörte Kiowa-Siedlung; Johanna entdeckt in Chaos und Gerümpel eine Strohpuppe und behält sie. Nur wer sich erinnert, kann nach vorne blicken, sagt sie im Kiowa-Englisch-Deutsch-Gemisch, das ihre gemeinsame Sprache mit Kidd wird.

Im beredten Schweigen finden sich Kidd und Kind. Nur einmal verlieren sie einander, in einem Sandsturm, der auf zauberische Art und Weise einen Indianerstamm auf dem Zug in die Reservate materialisiert, Schemen von zermürbten Gesichtern und zerlumpten Gestalten – und wieder verweht. Noch ein Geistbild, und kein stolzer Krieger, nirgendwo. Message kann Greengrass auch in der eingangs beschriebenen Farley-Szene. Der Clan-Chef will Kidd als Propagandist seiner zu Heldentaten stilisierten Gräueltaten missbrauchen.

Der Indianerbeamte als Opfer eines Lynchmob. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Im Wagentreck: Helena Zengel und Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Die Metropole Dallas anno 1870. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Umzingelt von Mr. Farleys „Familie“. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Doch statt aus Farleys County-Postille vorzulesen, beginnt Kidd mit einer Parabel aus Pennsylvania. Dort hätten sich nach einem schweren Minenunglück einige wenige der lebendig Begrabenen aus der Tiefe ans Licht, in die Freiheit gekämpft, worauf die Kohlekumpel gegen die schlechten Arbeitsbedingungen protestierten, ja, sogar eine Gewerkschaft gründeten! Was Wunder, dass Mr. Farley sich alsbald mit einem Aufstand in den eigenen Reihen konfrontiert sieht. Kurioser lässt sich das „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ kaum illustrieren.

Bleibt: Castroville, wo Kidd Johanna den seltsamen, bigotten Onkel und Tante Wilhelm und Anna Leonberger, Neil Sandilands und Winsome Brown, aushändigt [um ein Haar hätte man geschrieben: ausliefert]. Sie mögen das traumatisierte Kind, das Menschlichkeit und Wärme braucht, in seinem Wissensdrang befördern und ihm Bücher geben, empfiehlt Kidd. „Sie muss arbeiten“, befindet der Onkel, und da das nicht funktioniert und sie immer wieder wegläuft, wird Johanna wie ein Tier mit einem Strick an einen Pfosten gebunden. Zum Glück kommen Kidd, der seit Tagen unterwegs nach San Antonio ist, Zweifel, ob seine Entscheidung Johanna den Leonbergers zu überlassen richtig war. Die wilde Waise hat sein vom Krieg gebrochenes Herz kuriert …

Mit „Neues aus der Welt“ ist der Zuschauer, die Zuschauerin unterwegs in einer Welt der Weißen, und es wird an keiner Stelle so getan, als hätten die Vertriebenen oder eben noch Versklavten schon Anspruch auf einen Platz darin bekommen. Präsent sind sie dennoch, die Schuld steht verdrängt im Raum. Das Elend der vermeintlich Privilegierten allerdings auch. Nur schlimmste Verbrecher, wie Almay und Mr. Farley, sind von Grund auf böse, allen anderen gewährt Greengrass eine zweite Chance.

Trotz Zeitbezug vermeidet „Neues aus der Welt“ tagesaktuelle Predigten und lässt stattdessen lieber Tom Hanks seine ganze Gravitas in der ersten (!) Wildwest-Variante seines Good American ausspielen. „Ich verstehe euch ja“, sagt der vernunftbegabte Kidd zu seinen Zuhörern, „wir alle leiden“, doch es könne nicht länger um den Nord-Süd-Konflikt gehen, man müsse endlich eins werden. Dass Kidd nach 1865 auf der Verliererseite und nicht auf der der Gewinner steht, ist ein Kunstgriff von Autorin Jiles, den Hanks mit breitgekautem Texas-Idiom zu bedienen weiß.

Zu Helena Zengel entwickelt der Hollywood-Star eine natürlich wirkende distanzierte Nähe, die den Film mühelos über zwei Stunden trägt. Des alten weißen Mannes und des sich indigen fühlenden Mädchens vorsichtige, versöhnliche Annäherung und ihre stoisch-melancholische Heilsgeschichte ist genau der Western, den die Welt gerade braucht.

Trailer dt./engl.: www.youtube.com/watch?v=yGod2iwZQCs           www.youtube.com/watch?v=ZfrO7za1MBY           www.netflix.com

BUCHTIPP:

Sebastian Barry: „Tage ohne Ende“ und „Tausend Monde“: Die Bürgerkriegssoldaten Thomas McNulty und sein Geliebter John Cole adoptieren die Indianerwaise Winona – und finden in all dem Horror ein stilles Glück (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31215); in der Fortsetzung leben sie glücklich auf einer Tabakfarm in Tennessee – doch alte Feinde lassen nicht lange auf sich warten (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=42818).

7. 4. 2021

Streaming: American Gods, Staffel drei

Januar 13, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Grotesk-komisch, grausam und nach wie vor großartig

Shadow und Mr Wednesday unterwegs mit Betty the Barbarian: Ricky Whittle, Ian McShane und ein zum Wohnmobil mutierter Cadillac. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Seit 11. Jänner streamt Amazon die dritte Staffel der Starz-Television-Serie „American Gods“ nach der Vorlage von Neil Gaiman, jeden Montag eine neue der zehn Folgen, deren Anfang nun „A Winter’s Tale“ machte. Lange genug musste man drauf warten, hinter den Kulissen gab es Streit, bis „Dexter“- und „Dark Angel“-Mastermind Charles H. Eglee Jesse

Alexander als Showrunner ersetzte und Season 3 nach seinen Vorstellungen adaptierte. Die Story folgt Shadow, Ricky Whittle vor der Rache der Neuen Götter nun mit Haupthaar und Vollbart getarnt, der versucht, sich von den Machenschaften Mr Wednesdays loszureißen. Als Mike Ainsley verdingt er sich in Milwaukee als Stahlarbeiter, doch trotz seines trotzigen „Ich folge deinen Geboten nicht mehr“, erscheint der Allvater vor Ort, um ihn – im Wortsinn: Gott weiß warum – nach Lakeside, einem Kaff in the Middle of Nowhere von Wisconsin zu verfrachten.

[Spoiler – Im Weiteren wird sich der Odinssohn dort mit seiner eigenen Göttlichkeit auseinandersetzen müssen, viele Fans halten ihn ja für Balder, man weiß es nicht – eine spirituelle Reise, auf der ihn die Orishas aus der Heimat seiner Mutter begleiten … – Spoiler Ende]

Bis dahin chauffiert ihn Mr Wednesday mit der vom schnittigen Cadillac zum schäbigen Wohnmobil mutierten, da reinkarnierten Betty the Barbarian rund um den nomen-est-omen Spirit Lake. In der ersten Szene sieht man Ian McShane mit irritierend strahlenden Dritten, heißt: neuem Gebiss, angetan mit Wotans Walleumhang, beim Stagediving während eines Konzerts der Viking-Metal-Band „Blood Death“ – deren Leadsänger Johan Wengren kein Geringerer als Marilyn Manson ist. Ein nordischer Musikberserker mit der AC/DC-Parole „Let There Be Blood“, der bei Gaiman nicht vorkommt, und aus dessen Shows Mr Wednesday Kraft schöpft.

Die Welt wird weiblich …: Dominique Jackson als Ms World. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

… kann bei Bedarf aber auch als Mann inkarnieren: Danny Trejo. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Blythe Danner als Göttin Demeter mit „Shadow“ Ricky Whittle. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Für die immer noch ausstehende Schlacht mit den „Parasiten der menschlichen Selbstzerstörung“, mit deren Vollzug es auch für Odin und Konsorten mit der Verehrung Essig wäre, den Neuen Göttern also, deren Reihen um so illustre Namen wie „Viral“ und „Trending“ erweitert wurden. Die globalisierte Welt ist höchst zeitgemäß eine weibliche Person of Color, Dominique Jackson als Ms World noch mächtiger, noch gefährlicher, noch gewalttätiger, die sich in Gestalt von Danny Tejo aber auch als Mann zeigen kann.

„American Gods 3“ ist unverändert grotesk-komisch, grausam und nach wie vor großartig. Das verschmitzte Schlitzohr und der mürrische Sohnemann sind, alldieweil Ms World mit „Technical Boy“ Bruce Langley und der ihm verpflichteten Königin von Saba, Yetide Badaki als Bilquis, an ihren sinistren Plänen zur Unterwerfung der Menschheit werkt, unterwegs zu Whiskey Jack – ideal besetzt mit All-Time-Indianer und Kind der irokesischen Oneida Graham Greene. Er natürlich in Wahrheit der Gott Wisakedjak, der Kranich Manitu, und wie alle Götter auf Wednesday nicht gut zu sprechen. Haben doch dessen Gläubige, siehe Leif Eriksson, weiland die seinen abgeschlachtet.

Marily Manson als Johan Wengren, Sänger der Viking-Metal-Band „Blood Death“. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Laura und Mad Sweeney teilen sich ein Leben: Emily Browning und Pablo Schreiber. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Salim muss ohne seinen Dschinn auskommen: Omid Abtahi (re.) mit Mousa Kraish. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Graham Greene (li.) als Whiskey Jack aka Wisakedjak, der Kranich Manitou. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Whiskey Jack hat ergo kein Interesse am Kampf, umso mehr an Wednesdays bestem Kämpfer Shadow, in den surreal-schönen Bildern eines Zauberwalds fordert er ihn auf (erster Hinweis!) sein Schicksal zu erforschen und seine Mission anzunehmen, dazu der bewährte Country-Soundtrack von Nelson, Strait, Cash & Young. Und apropos, Wednesday: In Zeiten von „Fridays for Future“ wird es Zeit für den Auftritt von Demeter, Blythe Danner als griechische Göttin der Fruchtbarkeit der Erde, des Getreides, der Saat und der Jahreszeiten, die Hüterin von Wald und Flur und – welche Schönheit denn nicht? – eine ehemalige Odin-Geliebte.

An Menschen neu ist Ashley Reyes als Wednesdays „Verlobte“ Cordelia, Eric Johnson als Lakeside-Sheriff Mulligan und Julia Sweeney ebendort als Gemischtwarenladenbesitzerin. Die untote Laura Moon, Emily Browning, muss sich mit dem mausetoten Mad Sweeney, Pablo Schreiber, herumschlagen, der ja Odins Speer Gungnir, mit dem sie diesen niederstrecken will, kurz vorm Sterben in seinem geheimen Hort versteckt hat; Salim, Omid Abtahi, sich ohne seinen Lover-Dschinn durchschlagen, da Mousa Kraish ebenso seinen Job verlor, wie „Mr. Nancy aka Gott Anansi“ Orlando Jones.

Darüber gab’s in den Social Media allerhand böse Posts, die Fans entsetzt, dass zwei ihrer liebsten Stars aus dem Cast gestrichen wurden, Starz erklärend, dass diese Charaktere abgespielt seien – für Jones „die eindeutig falsche Botschaft ans afroamerikanische Publikum“, hinsichtlich Kraish in diesem Sinne keine frohe fürs nahöstliche und die LGBTQ-Community. Mit Rapper Wale als Orisha Chango und Herizen Guardiola als Yoruba-Göttin Oshun geht es nun weiter. Nächste Folge am 18. Jänner, Titel frei nach David Bowie: „Serious Moonlight“. Staffel eins und zwei sind ebenfalls via Amazon abrufbar.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=7Vb8QUqvhWk           www.starz.com/us/en/series/31151          www.amazon.de          Leitfaden für Einsteiger: www.youtube.com/watch?v=-d0XXPkm9Ts

BUCHTIPPS: Neil Gaiman, „Nordische Mythen und Sagen“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35531, Neil Gaiman: „Zerbrechliche Dinge. Geschichten und Wunder“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32704, Neil Gaiman: „Der Ozean am Ende der Straße“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32704

  1. 1. 2021

Rabenhof – Stermann & Grissemann: Sonny Boys

Dezember 30, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Gemeindebauklassiker als gestreamter Silvestergruß

Bild: © Rabenhof/Udo Leitner

Als Silvestergruß eine kleine Preziose wie in der guten alten Zeit des „Patschenkinos“: Das Rabenhof Theater streamt die vom Broadway- zum Gemeindebauklassiker mutierte Komödie „Sonny Boys“ mit Christoph Grissemann und Dirk Stermann. Der Neil-Simon-Hit steht ab 30. Dezember, 18 Uhr, für 72 Stunden exklusiv und kostenlos als Stream auf der Website www.rabenhof.at zur Verfügung. Special appearance: Matthias Hartmann und Peter Rapp.

Kritik: Wie Thomas und Bernhard der Kleinkunst

Christoph Grissemann und Dirk Stermann spielen Stermann & Grissemann. Das hat immer funktioniert, das sind zwei Charaktere, die sich im Schlaf kennen, never change a running system, also gibt’s den vollen Spiel-Plan. Von Alkimage bis Glücksspielproblem, von Hassliebe als Programm bis neuerdings Paartherapie, von zynischem Witz bis staubtüchltrockenem Humor. Die beiden Abstauber der einheimischen Hirnrissigkeiten haben es halt nie notwendig gehabt, sich zu verkleiden. Zwei so große Entertainer.

Authentischer als sie ist nur Peter Rapp, der plötzlich wie ein Busenblitzer auftaucht. Der König des verbalen Scheißminix nimmt Stermann & Grissemann in die Untertanenpflicht, das ist schon spaßig, wollten sie doch statt seiner endlich selbst komplett am Rad drehen. Aber: Verwechslung der Geldausgabeautomaten. Getroffen hat’s ergo einen Exschistar, der ORF-Österreich beigebracht hat, wie sexy Bildungslücke sein kann …

Stermann & Grissemann haben eine Kleinkünstlerdystopie entworfen. So knapp vorm Lotte-Tobisch-Altersheim und kurz vor der Wahl migrantisches Volkstheater oder Musical mit Marika Lichter. Das heißt, entworfen haben nicht sie, sondern eine New Yorker Nachwuchshoffnung namens Neil Simon, der mit seiner Boulevardkomödie „Sonny Boys“ auf den Durchbruch hofft. Ein vorprogrammierter Bühnenhit, der hierzulande leider noch nie zu sehen war, wiewohl Kombinationen wie Otto Schenk und the late Helmuth Lohner oder Harald Serafin und Miesepeter Weck bestens dafür geeignet gewesen wären. So lag’s an den Grumpy Old Men der medialen Entäußerung diesen potenziellen Publikumserfolg aus der Taufe zu heben. Und sie taten’s so, dass nicht mehr klar ist, wo N.S. aufhört und „Die deutsche Kochschau“ anfängt.

Diesen Uralt-Sketch bereiten sie nämlich vor, die Unterhaltungsuntoten. Für eine verrappte ORF III-Show mit dem Titel „Was haben wir gelacht“. Nicht jeder kann wie Al Lewis und Willie Clarke auf eine Krankenschwesterntracht setzen, wiewohl Magda Kropiunig als Grissemanns Cousinen-Managerin das Ihre tut, um eine ins Spiel zu de­kolle­tie­ren. Es wird gespuckt statt gepiekst – aber rotzdem: Eklat. Die abgehalfterten Zugpferde werfen sich selbst aus der Ex-Promi-Laufbahn. Ein weiterer, der gewesene Burgtheater-, nunmehr TV-Programmdirektor, versagt verzagt mit sehr viel Selbstironie via Video. Matthias Hartmann, Servus!

Derlei Gags machen nicht verlegen, entwirft sich das Bashing doch mittels einer geschmacksintensiven Runde. Vom bierbewerbenden Adiposiburgstar über den zum Gartenzwerg degenerierten Autonarrbarettisten, vom Proleten-„Kaiser“ über den persischen Schlachthaus-Shakespeare bis zur dreiköpfigen Staatskünstlermade im Innenpolitikspeck. Merke: Wer selbst eine gekillte Katze auf dem Kopf hat, soll nicht über anderer Leute Frisur lästern, und alles, was noch Kohle bringt, kommt sowieso nicht vor.

Man soll die Hand ja handzahm beißen. Miri und Uschi beim Schlammcatchen, das geht grad noch von wegen tagesaktueller Watschn. Und natürlich Thomas Gratzer. Der Hausherr und Regisseur stellt sich den Rabennestbeschmutzern gern zur Verfügung. Ach, Stermann & Grissemann, das ist wie Thomas und Berhard der Kleinkunst … weiter: www.mottingers-meinung.at/?p=17486

Bild: © Rabenhof/Udo Leitner

Bild: © Rabenhof/Udo Leitner

Stermann & Grissemann im Gespräch

MM: Die entscheidende Frage – wer piekst wen?

Dirk Stermann: Wir pieksen nicht. Ich bespucke Herrn Grisseman. Aber nicht absichtlich, sondern weil ich eine feuchte Aussprache habe. Den „Klassiker“ mit dem Finger haben wir abgeschafft, weil das für uns albern war. Wir spielen ja nicht den Arzt-Sketch von Willie Clark und Al Lewis, sondern einen Sketch, den wir beide tatsächlich einmal gespielt haben. Und in dem wird nicht gepiekst, sondern nur gespuckt.

MM: Wie kam es zu der Idee „Sonny Boys“ zu machen?

Christoph Grissemann: Das hat Thomas Gratzer über unsere Köpfe hinweg entschieden. Er verfolgt uns mit der Idee seit acht Jahren – da waren wir also noch wesentlich jünger -, aber obwohl er uns pausenlos damit in den Ohren lag, wollten wir’s nicht machen. Eine Boulevardkomödie! Wir fanden schon den Humor seltsam, weil er ganz anders ist, als das was wir sonst veranstalten. Aber nachdem wir das Stück sehr akribisch gelesen haben, sind wir draufgekommen, dass es wie wahnsinnig auf uns passt. Es ist von Herrn Simon in weiser Voraussicht für uns geschrieben worden. Ich musste ein paar Mal laut auflachen, weil Sätze nahezu wortwörtlich zwischen Dirk und mir gefallen sind. Irgendwo in der Provinz. Es hat eine so frappierende Ähnlichkeit, dass wir sagten: Ja, gut.

Stermann: Die Situation ist für uns wie gemalt, als hätte Simon gewusst, dass da in Österreich zwei Typen schon so lange intensiv zusammenarbeiten, mit Höhen und vielen Tiefen. „Sonny Boys“ ist ein hochgradig sentimentales Liebesstück über zwei Männer. Es geht um Altersdepression, Missmut, Zynismus und Verachtung im Unterhaltungsgeschäft – das passt auf uns.

MM: Die Atmosphäre stimmt also?

Stermann: Das wurde uns beim intensiveren Nachdenken sofort klar. Das ist genau unsere „Farbe“, gar nicht so sehr die Humor-Farbe, sondern die atmosphärische Farbe trifft’s total.

Grissemann: Finde ich auch. Der Wechsel zwischen Alltag und Komik – was man mit dem Partner erlebt, man muss auf der Bühne den witzigen Strahlemann machen, kaum kommt man nach der Vorstellung in die Garderobe, hat man keine Lust mehr auch nur miteinander zu reden -, also die Tragik, die jedem Komiker innewohnt, die kennen wir auch. Und die wird in diesem Stück natürlich sehr gepflegt.

MM: Sie haben „Sonny Boys“ auf sich zugeschnitten. Wie wird sich das auswirken?

Stermann: Wir sind die Figuren. Es geht tatsächlich um unsere Vita, um unsere Karriere, das Stück wird nach Wien verlegt. Das heißt: Es wird FM4 vorkommen, der ORF, das Umfeld, in dem wir uns bewegt haben. Auch namentlich, es werden Namen von Kolleginnen und Kollegen genannt, mal sehen, wie die sich freuen …

MM: Und der Kernsatz Ihrer „Sonny Boys“? Sympathy für the Antipathie?

Stermann: Die Mischung aus liebevollem Hass und hasserfüllter Liebe. Dass man aneinander gekettet ist, miteinander muss, eigentlich nicht mehr will, aber auch nicht ohne einander kann … weiter: www.mottingers-meinung.at/?p=17222

Trailer: www.youtube.com/watch?v=y-RhsXkuff4           www.rabenhoftheater.com

30. 12. 2020

Volksoper: Sweet Charity

September 17, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Fellini meets Horváth in diesem Musical

Lisa Habermann als Charity Hope Valentine. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Es wäre höflich gewesen, Robert Meyer noch ein paar Jahre als Volksopernchef zu gönnen. Angesichts der speziellen #Corona-Bedingungen, von denen niemand weiß, wie lange sie das Kulturleben strukturell und finanziell belasten werden, hätte mit dem Bedarf an Stabilität argumentiert werden können. Nach dem Motto ,Mitten im Fluss wechselt man die Pferde nicht‘ würde Meyer das Volksopernschiff weiter durch unsichere Zeit führen …“, schreibt der Standard völlig richtig.

Nun, zwei Spielzeiten lang ist Robert Meyer zum Glück noch Kapitän auf der Brücke, und mit „Sweet Charity“ steuert er mutmaßlich den nächsten Publikumserfolg an. Um die Spannung kurz zu halten: Das von weiland Bob Fosse konzipierte, inszenierte, choreografierte, von Cy Coleman nach Neil Simons Libretto nach Federico Fellinis Film „Die Nächte der Cabiria“ komponierte Musical ist:

Bei überschaubarer Handlung musikalisch herausragend. Und nun von der Crew um Regisseur Johannes von Matuschka mit einem Pep auf die Bühne gebracht, dass dem „Big Spender“ die Augen übergehen. Die Ohren übrigens auch, aber die Redensart gibt es nicht.

Charity Hope Valentine also ist, heut‘ würd‘ man sagen, Pole-Tänzerin im Animierclub Fandango Ball House, und verstrickt sich in immer neue „problematische Episoden mit Männern“. In diesen läuft auch das Geschehen ab, erst der Ganove Charlie, der sie ihrer Barschaft geraubt, dann der Cinecittà-Star Vittorio Vidal, mit dem sie nur die Nacht verbringt, um ihn wieder mit seiner furiosen Verlobten Ursula zu versöhnen, schließlich der Stadtneurotiker Oscar Lindquist, der sie vorm Altar stehen lässt, weil dem Mann fürs Leben der Job für gewisse Stunden denn doch zu sehr aufs Gemüt schlägt …

In dem von Momme Hinrichs und Torge Møller aka fettFilm gestalteten Setting machen riesige Charity-Leuchtlettern die Runde, die Lichter der Großstadt dienen auch als Vittorios Möbelage oder Künstlerinnengarderobe im Fandango, und einmal formen sie sich zu den Worten „Love“ und „Hope“ – Matuschkas Reverenz an Ödön von Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“, ersterer der unerschütterliche von Charity, dass alles sich zum Besseren wenden wird – Zitat: „Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“ © Oscar Wilde. Doch Matuschka lässt Charity, nachdem Charlie sie zu Beginn beim Handtaschenraub ins Wasser gestoßen hat, aus diesem nicht mehr auftauchen; am Ende auf der Vidiwall wieder die Ertrinkende, der letzte Luftbläschen aus dem Mund quellen.

Julia Koci als Nickie und Caroline Frank als Helene. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Caroline Frank, Julia Koci und Lisa Habermann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Drew Sarich als Daddy Brubeck. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Julia Koci, Christian Graf als Herman und Lisa Habermann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mit derlei Tiefgang will Matuschka durch die Untiefen tauchen, und man muss ihm zugutehalten, dass er ein Feuerwerk an inszenatorischen Ideen abfackelt. Aber, und wie schön ist das, Herzstück des Abends sind die Akteure, allen voran Lisa Habermann als Charity, der man den naiv-natürlichen Rotschopf, den tollpatschig-temperamentvollen Wildfang in jeder Sekunde abnimmt. Schauspielerisch, gesanglich, tänzerisch ist Habermann top, sie swingt sich durch Cy Colemans mit Jazzklängen und Latinorhythmen gespickten Songs, dass es eine Freude ist. Lorenz C. Aichner am Pult tut mit dem im Broadwaysound routinierten Volksopernorchester das Seine dazu. Große Klasse an der schlaksigen Habermanns Seite ist Peter Lesiak als Oscar, der sich vom Hyperventilierer im kaputten Aufzug zum innig Liebenden zum bigotten Trauringverweigerer steigert.

Rührend die Szene mit Axel Herrigs Vittorio, und das Highlight der Auftritt von Drew Sarich als teuflisch skurriler Sektenverführer Daddy Brubeck dessen pseudoreligiöse Heilsbringung er mit Rockröhre schmettert, und apropos: Kaum jemand hätte vermutet, dass derlei auch in Julia Koci steckt, die ihre Rolle als Charitys Arbeitskollegin Nickie aber sowas von rockt. In einem Haus, dass selbst die sogenannten supporting roles mit Publikumslieblingen wie Christian Graf als gestrenger Etablissement-Chef Herman, Caroline Frank als laszive Escortlady Helene, Jakob Semotan und Oliver Liebl als Daddys durchschlagskräftige Bodyguards besetzen kann, bleiben keine Wünsche offen.

Die Neuübersetzung von Alexander Kuchinka, der aus dem “Fickle Finger of Fate“ eine „schnöde Schrulle des Schicksals“ macht, die Choreografien von Damian Czarnecki, der Chor unter der Leitung von Holger Kristen – alles passt, und die eine oder andere Länge wird sich im Laufe der Spielzeit noch einschleifen.

Lisa Habermann und Axel Herrig als Vittorio Vidal. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Drew Sarich als Daddy Brubeck. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Lisa Habermann und Peter Lesiak als Oscar Lindquist. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In seinem Spiel von „real“ und „surreal“ setzt Matuschka auch auf die Multiplikation von Figuren, und das durchaus mit gesellschaftskritischem Witz, etwa wenn er die Gaffer am Seeufer zu Knallchargen in knallbunten Regenpelerinen macht. Dann wieder atmen die mit viel Szenenapplaus bedankten Tanzsequenzen Sixties-Flair, bei der hinreißenden Discokugelnummer „The Rich Man’s Frug“ und in Daddy Brubecks „Puls des Lebens“-Kirche, in der der bewusstseinserweiternde Guru seine Schäfchen per „Big Brother“-Auge überwacht, glaubt man sich tatsächlich mitten im New Yorker Bohu.

Fazit: „Sweet Charity“ an der Volksoper ist eine opulente Show mit schwungvollen Revuenummern, und lässt dennoch die Tristesse eines Lebens als „Private Dancer“ spüren. Lisa Habermann agiert mit jener Überdosis Temperament, mit der von Depressionen und Traurigkeit Gebeutelte ihre Tragik zu übertünchen suchen. Der Moment ist es, an dem Christian Grafs Herman und dessen Damen vom Gewerbe sich schon in Hochzeitslaune singen, aber ach …

Trailer und Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=Kra5SNswaNE           www.youtube.com/watch?v=qh_RnkfchCI           Interview mit Lisa Habermann und Johannes von Matuschka: www.youtube.com/watch?v=1Hg8KwfXnM0        Open-Air-#Corona-Proben: www.youtube.com/watch?v=Uwki79ezG0w

www.volksoper.at

  1. 9. 2020

Neil Gaiman: Nordische Mythen und Sagen

Oktober 24, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Wissen, wo der Hammer hängt

Adolf Hitler war eigentlich kein Fan des Langhaarigen. Der „Führer“ bevorzugte die Frisuren kurz, mit Undercut und Seitenscheitel. Die nordischen Götter und Helden leider schützten ihre Wallemähnen nicht vorm Dritten Reich, das deren Neun-Welten-Geschichten für seine Zwecke missbrauchte. Heinrich Himmler als NS-Hobbygermanologe und Rassenmetapyhsiker Alfred Rosenberg verbissen sich geradezu in diese vorchristliche Mythologie, um ihrer Wahnsinnsideologie ein „historisches“ Fundament zu geben.

Der Wewelsburgherr faselte bevorzugt von „nordisch-teutschem Blut“, entstellte als Symbol für die SS die Sowilō, die Sonnen-Rune, und hieß seine 5. Panzer-Division „Wiking“. Ergo war die „Edda“ im deutschsprachigen Raum für Jahrzehnte angepatzt, und blieb es bis heute, nicht zuletzt, weil nach den Alt- die Neonazis die fatale Verehrung weitertreiben, als hätte es dazwischen kein „tausendjähriges Reich“ gegeben. Schade um diesen großartigen Sagenzyklus. Möchte man meinen, gäbe es nicht Neil Gaiman, seines Zeichens Fantasy-Autor und bereits im zarten Alter von sieben Jahren von den „Mighty Thor“-Abenteuern eines Jack Kirby und eines Stan Lee fasziniert – einem Thor ganz ohne Steinar.

Gaiman weiß, wo der Hammer hängt. Seit Anbeginn seines Schriftstellerdaseins arbeitet er daran, den Allvater und seine Angehörigen zu rehabilitieren, hingerissen von der Idee, dass deren Legenden „von Menschen stammen, die ihren Göttern nicht über den Weg trauten, sie nicht einmal wirklich mochten, auch wenn sie sie respektieren und fürchteten.“ So formuliert er‘s in seinem neuen Buch „Nordische Mythen und Sagen“, ein schmaler Band zwar, doch auch dank des gut gemachten Glossars ein Kompendium, das durchaus in den Rang von Gustavs Schwabs „Sagen des klassischen Altertums“ zu heben ist. Als Quelle nennt Gaiman den isländischen Skalden Snorri Sturluson, dessen Prosa-Edda-Stil er schön schnoddrig modernisiert, die Dialoge rotzig frech, die Dinge – Sex & Met & Rock’n’Roll – rücksichtslos beim Namen genannt, das Ganze eine vom braunen Ballast befreite Original-Gaiman-Version, heißt: clever, lässig, witzig.

Natürlich ist der nun erzählte Odin nicht mehr der Trickbetrüger Mr. Wednesday aus den „American Gods“, der Donnergott nicht deren tumber Haudrauf und Loki nicht der Lügner Low Key Lyesmith. Doch liest sich die Charakteristik eines Gottes beispielsweise so: Als Thor, „Gott des Donners, Mächtigster aller Asen, Tapferster und Stärkster in jeder Schlacht“ morgens noch halb verschlafen merkt, dass sein mächtiger Hammer Mjöllnir verschwunden ist, macht der Rotbärtige, was er laut Gaimans Lesart stets tut, wenn etwas Seltsames geschieht: „Als erstes fragte er sich, ob Loki dahintersteckte. Dieser Gedanke kam ihm auch jetzt. Doch er glaubte, dass nicht einmal Loki es gewagt hätte, seinen Hammer zu stehlen. Also tat er, was er stets als Zweites tat, wenn etwas schiefging: er machte sich auf, um sich Lokis Rat zu holen.“

Gaiman schildert, wie Odin für mehr Wissen und Weisheit sich erst neun Tage lang an der Weltenesche Yggdrasil erhängte, bevor er an Mimirs Brunnen sein linkes Auge dafür gab, er beschreibt Loki als klügsten Asgard-Bewohner, allerdings auch als den bösesten, weil in ihm „so viel Wut, so viel Neid und so viel Wollust“ gärt. Von den unzähligen Überlieferungen wählt Gaiman die aus, in der der dreiste Riese Thrym als Dank für seine Dienste an den Asen die Vanin Freyja zur Frau will, zur Hochzeit aber Loki samt dem als Braut verkleideten Thor anreist, was dem Geschlecht der Thursen ein letales Ende beschert.

Bild: pixabay.com

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Oder jene, in der Loki Thors Gattin Sif im Übermut die blonden Locken vom Kopf stiehlt, und nach Androhung von Mord und Totschlag, wiewohl die Götter immer wieder auferstehen, die Zwerge anflehen muss, ihr neues Haar aus Echtgold zu schmieden. Man erfährt von der Erschaffung der ersten Menschen Ask und Embla, von den Walküren und Walhall, liest von Odins Raben Huginn, dem Gedanken, und Muninn, der Erinnerung, und Odins achtbeinigem Pferd Sleipnir, von Thors Streitwagenziehern, den Ziegenböcken Grinser und Knirscher, und bekommt erklärt, warum Odins Sohn Vidar, der stille und verlässliche Gott, einen Schuh aus dem Leder aller je weggeworfenen Schuhe trägt …

Mit seiner Schuld an Balders Sterben, dieser Odins zweiter Sohn, so herrlich, dass er jeden Ort erhellte, und von allen geliebt, geht Loki endgültig zu weit. Der Gestaltenwandler wird unter einer Schlange festgebunden, deren Gift unaufhörlich auf ihn herabtropft, während Lokis ob seiner Schmerzen weinende Frau Sigyn es in einer Schale aufzufangen versucht.

Was Gaiman offensichtlich am meisten packt, sind die Ragnarök, sind Götter, die zu Anfang schon um ihr Ende wissen. Drei Jahre wird die Schlacht dauern, gegen die das Armageddon wie eine Rangelei unter Halbstarken wirkt. Lokis Monsterkinder treten gegen die sie ein Leben lang betrogen habenden Götter an, Odin ringt mit dem Fenriswolf, der ihn verschlingt, Thor mit der Midgardschlange, die er zwar tötet, jedoch trotzdem deren Gift erliegt. Loki kämpft gegen den Wächter über Asgard, Heimdall, auch sie erschlagen sich gegenseitig. Schließlich schleudert der Feuerriese Surt eine Waffe und löst damit den Weltenbrand aus.

So überwältigend ist das alles, dass man als jemand, der sich offenen Herzens durch die 40 Lieder der Edda gelesen hat, nur fassungslos sein kann über den Unglückssager eines deutschen Schauspielers und Regisseurs, der an der Staatsoper den „Ring“ mit dem Satz inszenierte, die Nordgötter mit ihren Hörnerhelmen seien primitiv gegen den Götterkosmos der Griechen und Römer.

Wie’s ausgeht? Nach dem Weltuntergang werden zwei Menschen, die sich im Stamm des Weltenbaums versteckt hatten, eine Frau namens Leben, ein Mann namens Lebenswille, die Erde neu bevölkern. Odins Söhne Vidar und Vali werden erscheinen, Thors Söhne Modi und Magni Mjöllnir mit sich tragen, Balder wird aus der Hel zurückkehren. Im Gras werden sie goldene Schnitzereien finden, Schachfiguren – und sich ums Spielbrett setzen. Sie ziehen mit Königin Frigg, dem Läufer-Reifriesen, Balder erkennt sich in einer der Figuren wieder. „Und so beginnt das Spiel von Neuem.“

Über den Autor: Neil Gaiman, geboren 1960 in Portchester, England, hat mehr als vierzig Bücher geschrieben und ist mit jedem Preis ausgezeichnet worden, der in der britischen und amerikanischen Fantasy- und Comicszene verliehen wird. Am bekanntesten wurden seine Graphic-Novel-Serie „Sandman“ und der gefeierte Roman „American Gods“, der als TV-Serie verfilmt Fernsehgeschichte schrieb und 2015 bei Eichborn als überarbeitete „Director’s Cut“-Ausgabe erschien. Im Jahr davor kam sein Schauerroman „Der Ozean am Ende der Straße“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=12029) heraus, erst im April dieses Jahres seine Shortstory- und Gedichtsammlung „„Zerbrechliche Dinge. Geschichten und Wunder“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32704). Vor einiger Zeit zog Gaiman, Vater von vier Kindern und verheiratet mit der Musikerin Amanda Palmer von „The Dresden Dolls“, in die USA um; heute lebt er in Cambridge, Massachusetts, und träumt dort von einer unendlichen Bibliothek.

Eichborn, Neil Gaiman: „Nordische Mythen und Sagen“, Fantasy, 253 Seiten. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von André Mumot.

www.luebbe.de/eichborn           www.neilgaiman.com

THEATERTIPP: Heidenspaß mit Göttern, Monstern, Helden – „Die Edda“ im Burgtheater, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35418

  1. 10. 2019