Angelo

November 8, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der schwarze Mann als Spielzeug des Souveräns

Angelo erzählt dem Kaiserhof eine fantastische Geschichte über Afrikas Fabeltiere und seine mutigen Krieger: Makita Samba. Bild: © Novotny Film

In prächtigen Gewändern steht er gleich einer Puppe auf einem Podest, und eine adelige Gesellschaft lauscht wohlig erschauert seiner Geschichte. Angelo, der Hofmohr, erzählt von einem fantastischen Afrika, von Fabeltieren, mutigen Kriegern und einem Feuer speienden Berg, als wär’s ein Traum von seiner Heimat. Doch aus der ist er schon als Kind verschleppt worden, dem Sklavenschicksal durch eine hochwohlgeborene Dame entronnen, die am Knaben das Exempel der Menschwerdung eines Wilden statuieren ließ.

Verkauft, später auch verschenkt, bringt er es über diverse Fürstenhäuser bis zum Gesellschafter des Kaisers. Und doch bleibt der schwarze Mann nur ein Spielzeug – auch für den Souverän. Dies die Schlüsselszene. Markus Schleinzer erzählt in seinem meisterhaften Film „Angelo“, ab Freitag in den heimischen Kinos, vom Schicksal des Angelo Soliman, der im 18. Jahrhundert in Wien Berühmtheit erlangte. Nur einzelne, fragmentarische Episoden sind von dessen Existenz bekannt, und so lässt sie auch Schleinzer ausschließlich in Momentaufnahmen aufblitzen – verschiedene Schauspieler in allen Altersstufen, von Kenny Nzogang über Makita Samba vom Pariser Theater Odéon bis Jean‐Baptiste Tiémélé, gestalten die Figur vom Feinsten, diese Projektionsfigur, die die stetig steigende Lust am Exotischen zu bedienen hat, und der es zeitlebens nicht gelingen wird, ihren Fesseln zu entkommen. Angelo ist von klein auf der lebende Beweis für den unaufhaltsamen Siegeszug von Aufklärung und Vernunft, wenn man diese denn jemandem angedeihen lässt. Er ist eine Trophäe.

Er wird zum Schauspieler seiner selbst, in einer berührenden Szene übt der erwachsene Angelo die ausladenden, „afrikanischen“ Gesten, mit denen er später sein Publikum beeindrucken wird, in einer weiteren lässt das Kind Vögel aus einer Voliere frei, wohl schon wissend, dass ihm Freiheit nie wieder gegönnt sein wird. Schleinzer liebt die Arbeit mit derlei poetischer Symbolik, und nie geht es ihm dabei um das Eins-zu-Eins-Abbild einer Epoche. Immer richtet er sich an ein Darüberhinaus, stellt kulturelle Deutungshoheiten, Schemata und Sichtweisen und Zuschreibungen, bloß, die bis heute nachwirken, erzählt von der vollkommenen Vereinnahmung eines einzelnen durch die herrschende Masse, und vom europäischen Erbe der Kolonialzeit. Ein Neonlicht weist als bewusster Anachronismus ins Heute.

Das wilde Kind wird mittels Flötenspiel zum menschlichen Wesen erzogen: Kenny Nzogang. Bild: © Novotny Film

Angelo und seine Tochter besichtigen seinen späteren Ausstellungsort: Nancy Mensah-Offei und Jean‐Baptiste Tiémélé. Bild: © Novotny Film

Dass es ihm ums Beispielhafte geht, wird auch dadurch verdeutlicht, dass Schleinzers Figuren historisch nicht näher bestimmt sind. Es gibt „die Comtesse“ von Alba Rohrwacher, „den Fürst“ von Michael Rotschopf oder „den Kaiser“ von Lukas Miko, letztere tatsächlich Josef Wenzel von Liechtenstein und Joseph II., Gerti Drassl spielt eine Kindermagd, Christian Friedel einen Museumsdirekor, Larisa Faber Angelos Ehefrau Magdalena, Nancy Mensah‐Offei die gemeinsame Tochter Josephine.

Denn Angelo wird heiraten, im Geheimen, eine Weiße, eine Liebesgeschichte ohne Leichtigkeit, wird Freimaurer werden, aber niemals „ihresgleichen“. Als was er sich sehe, fragt einmal einer seiner Herren, als Sohn Afrikas und als Mann Europas, antwortet er. Schleinzers Film zeigt immer auch das Ringen um Sprache, heißt: um Ausdruck, nicht um Sprechvermögen, denn daran mangelt es Angelo nicht, sondern das Ringen mit einer Sprach- ob einer Wurzellosigkeit.

Gedreht im 4:3-Format, was den vom Theater geprägten Guckkastencharakter des Films, seine Bühnenbildhaftigkeit und die Objekthaftigkeit der Figuren noch unterstreicht, lässt Schleinzer anstatt seiner nüchternen Ästhetik und seiner Tableaux vivants am Schluss den Schock auffahren.

Angelo Soliman wird nach seinem Tod im Hof-Naturalien-Cabinet ausgestellt, wieder Spielzeug für Kaiserkinder, wieder halbnackter Wilder mit Federschmuck und Muschelkette. Schaurig, wie seine Haut wie Leder auf ein Holzmodell genagelt wird. Als er davor als alter Mann seinen Ausstellungsort im Museum besichtigt, fragt ihn die Tochter über die absurde Afrika-Darstellung „C’est comme ça, Papa?“ – „Ist es so?“ Angelos Hülle, hier endet der Film, verbrannte – längst in eine schäbige Dachkammer verbannt – 1848 während des Oktoberaufstands.

www.facebook.com/AngeloDerFilm/

  1. 11. 2018

Akademietheater: paradies fluten. verirrte sinfonie

September 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Da geht die post- ab

Die Reifenhändlerfamilie: Peter Knaack, Elisabeth Orth, Katharina Lorenz und Aenne Schwarz. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Spannend war es in der Pause, als die Bühnenarbeiter die große Plastikplane zusammenlegten, den Unrat entsorgten, die Bühne putzten, jeder Handgriff mit Zweck und Ziel, ungekünstelt, uneitel, authentisch, die Bewegungen wie choreografiert …

Davor und danach gab es die Österreichische Erstaufführung von Thomas Köcks Kleist-Förderpreis-Stück „paradies fluten“, „teil eins der klimatrilogie“.

Das Ganze ist – zumindest in der Drei-Stunden-Zerdehnung von Regisseur Robert Borgmann – doch ein klein wenig geschwätzig und repetitiv. (Was nichts damit zu tun hat, dass Köck wie jeder gute Jelinek-Schüler in Textflächenblöcken und mit Textflächenblockwiederholungen arbeitet.) Köck will viel, das ehrt ihn, will den welterklärerischen Komplettentwurf, will seine Kapitalismus-, Konsumismus-, Klimaschutz-, Kautschukgewinnungs-, Und-überhaupt-alle-Katastrophen-und- Ungerechtigkeiten-dieser-Erde-Kritik in eine Perlenreihe kriegen; er reiht sie auf, die Schlagwörter, die die neoliberalen Suchmaschinen zum Laufen bringen.

Seine Schlussfolgerungen sind: BWL-Täuschung und Markt-Schreierei, und enden bei der obligatorischen Globalisierungs-Beanstandung, das Ergebnis ein frei-assoziativer Text, der sich selbst seinen Sinn bescheinigt. Fürs postfaktische Zeitalter also ein postmodernes, postnarratives Stück, postapocalypse now! Dabei – paradox – ist dieser hermetische Theaterabend bar jeder Sinnlichkeit so besoffen von sich und seinen Ideen, dass er gar nicht genug von sich kriegt.

Das neonfarbene Paar: Marta Kizyma und Christoph Radakovits mit Elisabeth Orth. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Und schwupps – Rokoko: Alina Fritsch, Sabine Haupt, Sylvie Rohrer und Ensemble. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Sabine Haupt und Alina Fritsch als „Die von der Prophezeiung Vergessene“ und „Die von der Vorsehung Übersehene“. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

In seiner sinfonie-Kakophonie verschränkt Köck im Wesentlichen zwei Handlungsstränge. Die Familiengeschichte. Gegenwart. Ein mittelständischer Kleingewerbetreibender, Autowerkstatt und Autoreifenverkauf, geht Pleite. Vorwürfe von der Frau, Kalmierungsversuche von der Großmutter. Man ergeht sich in großstädtisch-spätbürgerlichem Beziehungs-Kleinklein. Die Tochter wird später im prekären Ballettbetrieb versumpern, der Vater einen Schlaganfall erleiden.

Die Figuren sprechen von sich in der dritten Person, hart klingt das, sie erzählen von sich, statt auf- und miteinander zu (re)agieren; die fremde Haut, in die sie schlüpfen, sie soll den Schauspielern hier verfremdet bleiben. Elisabeth Orth, Peter Knaack, Katharina Lorenz und Aenne Schwarz bestreiten diesen Teil blut- und dreckverschmiert.

Handlung 2. Manaus zur Zeit des Kautschukbooms. Ende des 19. Jahrhunderts. Ein fiktiver deutscher Architekt namens Felix Nachtigall soll das Opernhaus Teatro Amazonas bauen. Im Gegensatz zu Fitzcarraldo ist er aber ein guter Mensch, und will die versklavten, gefolterten Indios vor den Kautschukbaronen retten (lesenswert und magenumdrehend dazu die Beiträge im Programmheft). Philipp Hauß gestaltet diese Rolle. Sylvie Rohrer wird als „der Entwicklungshelfer“ ausgewiesen, ist auf der Bühne aber tatsächlich eine hysterische Koloniallady, die um endlich ein bisschen Kultur in der Wildnis fleht.

So ziemlich allgegenwärtig in diesem Geduldsspiel sind, goldgesichtig, Sabine Haupt als „Die von der Prophezeiung Vergessene“ und Alina Fritsch als „Die von der Vorhersehung Übersehene“. Sie fügen zum Enigmatischen das Mythologische hinzu, changierend zwischen einem Dasein als Parzen und Wladimira und Estrella.

Gleich zu Beginn nimmt Haupt die Universumsperspektive ein. Schildert die Ausdehnung und den Zerfall der Sonne in Milliarden von Jahren, roter Riese, weißer Zwerg. Die Sonne wird die Erde erst verstrahlen, dann vergasen, sagt sie. Das ist Köcks „Poetik des Transvisuellen“, und die Bilder dazu sind diametral banal. Im Wesentlichen wird im Wortsinn im Gatsch gespielt. Die Flut hat ihre Schlammmassen hinterlassen.

Des Weiteren kommen vor: ein in Neonfarben gestrichenes Paar (Marta Kizyma und Christoph Radakovits), das sich wie wahnsinnig auf die nächste Finanzblase freut, drei Klischee-Schwarze, Nancy Mensah-Offei, Marie-Christiane Nishimwe und Sopranistin Bibiana Nwobilo, die eine Handvoll Arien zum Besten gibt, ein UNO-Soldat und Rokoko-Kostüme. Warum? Man weiß es nicht. Sven Dolinski, ausgestattet mit dem Mantra „Why Should I Want To Be In This Picture?“, Anna Sophie Krenn und Leonhard Hugger gehören ebenfalls zu diesem immer wieder über die Bühne driftenden Chor. Mittels ihm schiebt Köck auch noch zwischen die Szenen seine mäandernden Wortströme: „aber / es entsteigen der materialflut aufgescheuchte erinnerungen / ohne eigentümer“.

Philipp Hauß als Architekt mit Marie-Christiane Nishimwe, Nancy Mensah-Offei, Marta Kizyma (im Vordergrund) und Ensemble. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Köck hält die Überflutung des Theaters mit seinen Textmengen von Stück zu Stück konsequent durch. Er macht sie zu seinem ästhetischen, ja zum „politischen“ Prinzip, die Überforderung gleichsam zum Programm. Die Burgkräfte kann das freilich nicht wegschwemmen, so richtig mit Verve ist aber auch kaum einer bei der Sache.

Am ehesten schaffen es noch Peter Knaack als psychisch und ökonomisch an der mühsam errungenen Selbstständigkeit gescheiterter Vater und Philipp Hauß als Beobachter, wie der Reichtum Manaus in der abebbenden Konjunktur erst den Bach und dann den Amazonas runtergeht, ihren Rollen Seele einzuhauchen. Gemeinsam (obwohl nie zusammen in einer Szene) verkörpern sie eine in Alternativelosigkeit verfangene Gegenwart und jenen Imperfekt, der das angerichtet hat, was Status Quo ist.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2017

TAG: Weiße Neger sagt man nicht

Mai 9, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGERR

Vom Whitefacing in den Chefsessel katapuliert

Eine Trommelübung soll die Assessment-Center-Teilnehmer auflockern: Jens Claßen, Raphael Nicholas, Elisabeth Veit, Georg Schubert, Nancy Mensah-Offei und Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

Dass hier niemand viel Wert auf political correctness legt, wusste man schon vor dem Schluss. Da nämlich entpuppt sich die geeignetste Kandidatin eines Assessment Centers als Nichte eines Bananenrepublik-Ministers, mehr noch: als dessen Erbin, die mit seinen „schwarzen“ Millionen den Konzern, von dem in den vorangegangenen 90 Minuten die Spreu vom Weizen selektiert wurde, aufgekauft hat. Darf man das schreiben: Schwarz + Bananen + Selektion?

Aber ja! Lasst uns im Gegenteil noch fröhlich einen (oder mehrere) draufsetzen. Topfenneger, I bin neger, Negerant, Negerkuss, Negerbrot, Mohr im Hemd und Meinl-Mohr und Franz Moor. Woman is The Nigger of the World. Horst Neger in der Wachau verkauft Kracherl, Thomas Neger in Mainz verkauft Metallsysteme, hat sich aber wegen seines Firmenlogos, ein hammerschwingender Schwarzer mit dicken Lippen und dicken Creolen, angreifbar gemacht. Sein Vater, der das Emblem erfand, erfand auch „Humbta tätära“.

So, uff. Der rassistische Witz leistet Rassismusbekämpfung. Am TAG kam diesbezüglich  „Weiße Neger sagt man nicht“ zur Uraufführung, Text und Regie von Esther Muschol, und wenn man einen Lauf wie derzeit das TAG hat, darf man sich auch mal verlaufen. Wie hier geschehen. Denn beim besten Willen geht einem bei dieser Produktion das Herz nicht auf. Muschol beruft sich auf Nestroys „Talisman“, und ja – das zu hörende Hintergrundgeräusch ist dessen Rotieren im Grab, nur hat sie die Haar- zu einer Hautfarbangelegenheit gemacht. Aus dem roten Titus Feuerfuchs wird die Schwarze Titania Coleman, auch sie rittert um einen Job, weil modern: in einem Führungskräfteauswahlverfahren, bis sich die Konstellationen drehen – und allen die schreckliche Wahrheit ins Gesicht gefärbt wird.

Dieses mittels Blackfacing, weil, wer Karriere machen will, dient sich auch dem gerade kräftigsten Teint an, beziehungsweise Whitefacing, denn offenbar wird der/die AfrikanerIn nur als Bleichgesicht zum Big Boss. Das Existenz bedrohende Feind- und Schreckensbild aller Populärrechten: der qualifizierte Schwarze. Lustig? Halb-! Was als Sarkasmus über den Bewerbungswahnsinn im Seminarraum Erzherzog Johann ein Feuerwerk an Esprit und Eloquenz hätte sein können, zündet nicht richtig. Die Alltagsrassismussätze über Fremdsein, „andere Welten“ und Verhaltensmuster sind zu wenig speziell, zu wenig ausgefeilt, die Figuren verrecken als Stereotype. Hoamatliada werden gesungen, und alle sind wie ein Herrgottsschnitzer-Holzschnitt.

Die Demütigungsspielchen treiben den einen beinah in den Herzinfarkt, …: Georg Schubert und Jens Claßen. Bild: © Anna Stöcher

… den anderen zwecks „Fleischbeschau“ in die Nacktheit: Raphael Nicholas mit Michaela Kaspar und Elisabeth Veit. Bild: © Anna Stöcher

Das TAG stolpert diesmal über seine eigene Vorgabe der Neu- und Überschreibung von Klassikern, hat doch nichts an dieser Aufführung irgend mit Nestroy zu tun. Nicht einmal „sehr frei nach …“. Es fehlt das Hinterfotzige, das G’feanzte, das Poetisch-Subtile des unerreichten Vorbilds; plakativ, bösartig, je abstruser desto besser, ist ja ganz gut – aber Doppeldeutigkeit, bitte? Muschol ergeht sich in Pfefferkörnergleichnissen (die schwarzen lassen sich besser zermahlen, die weißen springen vollemanzipatorisch aus der Mühle), Busch-/Trommelübungen und Demütigungsspielchen, die mehr mit S/M als mit der berüchtigten Briefkastenübung zu tun haben.

Dass das Ensemble erschreckend gut gelaunt ist, nimmt dem Abend diesmal fast die Schärfe. Jens Claßen ist wie so oft der dienstbeflissene Piefke, Georg Schubert wie so oft der hemdsärmelig-herzliche Prolet, Raphael Nicholas ist als geschwätziger Schnösel natürlich ein Journalist im zweiten Verbildungsweg. Immerhin: Michaela Kaspar brilliert als beflissene Vorzugsbewerberin, und Elisabeth Veit gelingt ein Kabinettstück als in die Privatwirtschaft zurückgeschasstes, ehemals niederösterreichisches Pröll-Parteikind.

Keiner (besser: fast keiner) von ihnen ist tatsächlich Rassist (vor allem nicht Kaspar als Amelia, die Titania ihr naturgemäß viel zu helles Make-up leiht), und alle ergeben sich Nancy Mensah-Offei, wenn sie als ebendiese das Feld von hinten aufrollt und die Herrschaftsverhältnisse alsbald umkehrt. Sie ist großartig als undurchschaubare Aufsteigerin und zynische Rächerin. Nun gilt es für die „Weißen“, denn eigentlich sind wir doch rosa, ihre „Negerqualitäten“ unter Beweis zu stellen und sich als gute Sklaven (samt der sprichwörtlichen Sklavenmentalität) zu erweisen. Für die African Queen wird ein Thron errichtet, alle singen eine Chumbalaya-Weise, ein Gewehr taucht auf, und – alte Theaterregel: Wo eine Waffe ist, wird auch geschossen.

Hat dieses Make-up die falsche oder die richtige Farbe? Nancy Mensah-Offei und Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

Mit der Enttarnung Titanias nimmt der Abend tatsächlich endlich Fahrt auf, und wo er sagt, Anbiederung ist Rassismus in grauslichster Form, ist er am stärksten. Ansonsten machen viele nette Ideen noch keine Inszenierung, die Summe der einzelnen, mit Blackouts unterbrochenen Teile hätt’s vielleicht getan. So aber wirkt das Ganze szenisch unentschlossen.

Wie die Aufführung die üblichen Verdächtigen, Karrieristen aller Länder vereinigt euch! als arme Würschtln entlarvt, das hat viel mit Wirtschaftssatire zu tun – hätte aber auch ohne Schwarzweißmalerei funktioniert. Derart bereitet sich einem in der Gumpendorferstraße diesmal nur ein ungewohnt durchschnittliches Vergnügen. Naja, nur nicht schwarz sehen, die nächste Premiere folgt bestimmt.

Trailer: vimeo.com/215383618

dastag.at

Wien, 9. 5. 2017

TAG: (Ein) Käthchen.Traum oder Der seltsame Fall aus Heilbronn

Februar 26, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gernot Plass hat Kleist in die Klapsmühle eingewiesen

Wetter Graf vom Strahl möchte das Käthchen schnell wieder los werden: Nancy Mensah-Offei und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Am Anfang, wird sich am Ende zeigen, erklärt sich schon die Idee: Da liegt ein Mensch im Fieberwahn, fantasiert seinem Sterben entgegen und deliriert sich einen „Käthchen.Traum“. So hat sich das Gernot Plass für sein TAG ausgedacht, einen Text entlang Heinrich von Kleists Ritterschauspiel geschrieben und nun auf die Bühne gebracht. Plass‘ Gedankenspiel hat sich nicht allzu weit von der Vorlage entfernt, geht’s doch darin ebenfalls viel um Schlaf und Traum, um Somnambulismus und nächtliche Trugbilder aus dem Unterbewusstsein. Doch ist er exakt um das entscheidende Stück abgerückt, das es ihm ermöglicht, Phänomene wie Cherubine, Cyborgfrauen und einen Kaiser ex machina verdachtsfrei zu erklären.

Gernot Plass hat Kleist also kurzerhand in die Klapsmühle eingewiesen, dessen Dichterdasein ins Stück eingewoben, ist der Rabiateste unter den Romantikern doch ein Mörder und Selbstmörder, und sich an der Diagnose schizoide Persönlichkeitsstörung ebenso abgearbeitet, wie an der Frage, ob Leben und Liebe vorbestimmt göttliches und selbst zu bestimmendes Schicksal sind.

In der Heilanstalt zu Heilbronn wird der Fall von Käthchens ominösem Fenstersturz nicht mehr gerichtlich ver-, sondern nun psychiatrisch behandelt. Eine(r) ist hier viele, und die „Stimme von oben“ könnte von einem Engel oder Arzt oder genauso gut aus dem eigenen Inneren sein, jedenfalls taugt sie zum Zwie- wie zum Selbstgespräch. Was sich in weiterer Folge abspielt, ereignet sich in einer Art mafiös-groteskem Gangstermilieu. Der alte Friedeborn hat Wetter vom Strahls Revolver repariert, dabei hat sich diesem das Käthchen an die Waden geheftet, weil sie nach einem surrealen Silvestertreffen davon überzeugt ist, er wäre The One and Only. Vom Stein und Maximilian rittern derweil um die Gunst der Kunigunde, das heißt: die rivalisierende Bande des einen entführt sie dem anderen. Vom Strahl rettet, Blut fließt aus zerschossenen Gedärmen und kocht in heißen Herzen, das Schönheits-OP-Monster becirct auch den letzten Edelmann – da kommt Käthchen, und die Hütte brennt …

Das künstliche Geschöpf Kunigunde entschlüpft von einem Lover zum nächsten: Elisabeth Veit. Bild: © Anna Stöcher

Darüber ist der Rheingraf natürlich nicht erfreut: Georg Schubert, Alexander Braunshör und Sven Kaschte Bild: © Anna Stöcher

Es gehört Chuzpe dazu, Kleists wortgewaltigem Kunstwerk auf den Leib zu rücken. Doch Plass ist ein erfahrener Neuschreiber, er hat sich für eine Sprache entschieden, die moderat modern ist, und in dieser bleibt er seinem ausgeprägten Sinn für Ironie treu. Wenn etwa die hohen Herren durchgängig über die richtige Reihung der Worte im Namen Wetter/Graf/vom/Strahl stolpern (und ihnen der „Strahl“ für Sex- und Toilettenwitzchen herhalten muss) oder der Burg- beständig mit dem Rheingrafen verwechselt wird, ist Kleists Schauergeschichte mit Augenzwinkern von ihrer Schwüle befreit.

Raphael Nicholas ist ein exzellenter Wetter vom Strahl, arrogant, affektiert und schwer psychotisch. Er demontiert den gesinnungssicheren Adeligen/Bandenboss genussvoll und stellt unter der Minnemiene jenen Herrenmenschen bloß, der nach dem Käthchen tritt und sie mit der Reitgerte schlägt. Nancy Mensah-Offei spielt das verliebte Fräulein als würde sie einen Exorzisten brauchen, und wenn dieser trotzige, nach dem doppelten Beinbruch hinkende Teenager seinen Traum-Prinzen mit „Hoher Herr! Gebieter!“ anspricht, wenn sie sagt „Ich will deine Sklavin sein“, bekommen die Worte eine beunruhigende Doppeldeutigkeit.

Ergo wird der Burggraf erschossen: Elisabeth Veit, Jens Claßen und Alexander Braunshör. Bild: © Anna Stöcher

Und Käthchen rüstet sich für die letzte Schlacht: Nancy Mensah-Offei Bild: © Anna Stöcher

Erscheinen Kunigunde, die erst als Mullbindenmumie hereingeschleppt wird, bevor sie sich in einen rothaarigen Vamp verwandelt. Kleists „Nixe“ ist ein zügelloses Geschöpf, doch sind Teile von ihr längst nicht mehr aus Fleisch und Blut. Weshalb Elisabeth Veit mit viel Akrobatik und durchgeknallter Künstlichkeit eine maschinell betriebene Megäre darstellt, für die Männer in erster Linie Lustobjekt sind und Landgewinn bedeuten. Georg Schubert ist nicht nur Friedeborn und Eginhardt und der unglückliche Gastwirt Pech, sondern auch die Gräfin vom Strahl, eine eiskalte Beschützerin ihres Sprösslings – und wie gewohnt gestaltet er die Rolle im Rock mit besonderer Hingabe. Er ist die Elegance im kleinen Schwarzen.

Jens Claßen spielt unter anderem den Burg-, Alexander Braunshör den Rheingrafen, Sven Kaschte den Gottschalk, und alle sind sie auch Richter/Psychiater und die ganz reizenden alten Tanten des Grafen. Die Spielfreude des Ensembles ist wie immer voll aufgedreht, die ganze Inszenierung fährt Vollgas. Plass gelingt das Kunststück, aus Kleist die Komik zu kitzeln, ohne seinen Abend zur Persiflage von dessen Werk zu machen. Am Ende ist man wieder am Anfang, in einem rätselhaften Innenraum, in dem – wer weiß? – die Psyche wohnt. Die Seele ist ein Land, so weit, dass darin Güte und Grausamkeit, Verzückung und Vulgarität, Hass und ein Hoffnungs-Strahl Platz haben, sagt Plass. Erlösung, Herauslösung aus dem irdischen Leiden kann die Liebe bringen. Und der Tod. Wer wissen will, wer hier träumt: Ins TAG gehen!

Trailer:  vimeo.com/204573620

dastag.at

Wien, 26. 2. 2017

Volkstheater: Claudia Sabitzer im Gespräch

September 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit dem „Mittelschichtblues“ geht sie in die Bezirke

Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am 30. September eröffnet das Volkstheater in den Bezirken die Spielzeit mit der Premiere von „Mittelschichtblues“. Claudia Sabitzer (mehr: www.volkstheater.at/person/claudia-sabitzer/) spielt die Hauptrolle in dieser Komödie des US-Dramatikers David Lindsay-Abaire. Sie ist Margaret, fünfzig, alleinerziehende Mutter einer Tochter mit Behinderung, mit miesen Job in einem Ein-Dollar-Shop. Den sie dann auch noch verliert. Was also tun?, wird in der Freundinnenrunde beratschlagt. Jean gibt einen Hinweis: Mike hat’s geschafft, er ist Arzt geworden, führt eine Praxis in der Innenstadt, verfügt über ein mutmaßlich finanzkräftiges soziales Netzwerk – und war in Jugendjahren einen Sommer lang Margarets Liebe.

Legitimation genug, sich zu seiner Geburtstagsparty einzuladen. Doch Mike, der hehre Self-Made-Man mitten im American Dream, sieht in Margarets misslicher Lage allein ihr persönliches Versagen … In der Regie von Ingo Berk spielen mit Sabitzer Günter Franzmeier den Mike, Nancy Mensah-Offei, Martina Spitzer, Lukas Watzl und Doris Weiner.

Claudia Sabitzer im Gespräch:

MM: Der „Mittelschichtblues“ ist eine Kleine-Leute-Komödie. Worum geht’s konkret?

Claudia Sabitzer: Um eine Frau mittleren Alters, die mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, etwas aus ihrem Leben zu machen, was aufgrund der äußeren Umstände für sie nicht so leicht ist. Aber sie ist unerbittlich, eine sympathische Figur, die versucht aus allem das Beste zu machen und auch in allem das Beste zu sehen. Das finde ich sehr schön, denn die Figur ist mir diesbezüglich ähnlich, wir treffen einander da ein bissl.

MM: Eine sympathische Figur wird diese Margaret in Ihrer Darstellung. Beim Lesen des Stücks schwankte ich zwischen vorurteilsbehafteter Nervensäge und unsympathisch – wiewohl das natürlich komisch geschrieben ist…

Sabitzer: Ich finde es interessant, dass Sie das sagen. Margaret hat ein schwer behindertes Kind, für das zwei Männer als Vater infrage kommen: Mike, der Arzt, der es geschafft hat, und ein Teenagerflirt, ein Loser, der mittlerweile die Flucht ergriffen hat. Das Stück klärt die Frage und klärt sie auch nicht. Wir haben das bei den Proben diskutiert, und je nachdem wen die Leute für den Kindsvater halten, halten sie Margaret für sympathisch oder nur eigenartig. Zum Schluss wird eindeutig angesprochen, welcher Mann der Erzeuger ist, sage ich. (Sie lacht.)

MM: Das Stück sorgt jetzt schon für Diskussionen, wie schön! Der „Mittelschichtblues“ behandelt Themen unserer Zeit, den Zwei-Klassen-Kampf. Es geht um Herkunft und ob man sich von ihr befreien kann.

Sabitzer: Das ist eine Sache, die mir immer präsenter wird, seit ich selber Kinder habe. In der Schule ist Herkunft leider oft ein Thema, in kleinen Dingen wird den Kindern da gesagt, du bist, wo du herkommst. Deine Mutter ist Alleinerzieherin mit mehreren Kindern? Na, dann kann aus dir ja nichts G’scheites werden, du kommst sicher nicht ins Gymnasium. Ich bin da immer wieder irritiert, wieso so etwas Thema ist. Wir sind eine Gesellschaft mit Standesdünkel! Furchtbar!

MM: Im Stück gibt es eine Szene zwischen Margaret und Mike, in der Sie ihm die besseren Karten unterstellt, weil sich seine Eltern für seine schulischen Leistungen interessiert haben, während es den ihren ganz egal war. Wie wichtig sind Eltern bei der Schulbildung, was muss Schule alleine leisten?

Sabitzer: Eltern haben einen nicht unerheblichen Anteil. Sollten ihn haben. Eltern sollten Kindern alles ermöglichen können, womit wir leider wieder beim Geld sind. Kann man sich Nachhilfestunden leisten? Oder ist meine eigene Ausbildung so gut, dass mein Kind mich fragen kann? Kann ich mit meinem Sohn Englisch machen? Das sind lauter so Dinge, die aufs Kind zurückfallen. Der Zwei-Klassen-Kampf, wie Sie gesagt haben, beginnt im Elternhaus. Wenn daheim gewisse Voraussetzungen nicht gegeben sind, wird es für das Kind ungleich schwieriger.

MM: Kinder brauchen beim Lernen ein Vorbild?

Sabitzer: Sie brauchen eine Bezugsperson für die Bildung. Ich hatte eine Bibliothekarin, die mich sehr gepusht hat. Die hat gemerkt, ich lese gern, und hat mir immer schon Bücher ausgesucht und hingeschoben, die ich so nie aus dem Regal gezogen hätte. An dieser Frau habe ich mich sehr orientiert, auch im späteren Leben, ich denke oft an sie zurück, ach, das würde Elsa jetzt so oder so machen. Auch da kann eine Möglichkeit sein. So ein Mensch öffnet im Kopf Türen, wenn man so einen Menschen nicht hat, braucht man viel Kraft, um das selber zu tun.

MM: Margaret hat durch ihre mangelnde Ausbildung schlechte Jobs, die sie auch immer wieder verliert. Aus immer denselben Gründen. Ein AMS-Mitarbeiter würde sagen: Die üblichen Ausreden, warum das und das nicht geht, und er kennt sie alle schon.

Sabitzer: Ich glaube, als Alleinerzieherin mit einem schwerstbehinderten Kind hat sie Mitgefühl verdient. Auf Joyce aufpassen oder Geld verdienen – beides unter einen Hut zu bringen, ist schon sehr schwer. Ich finde man kann Margaret keinen Vorwurf machen, sie versucht zu managen, woran andere verzweifeln würden. Der „Mittelschichtblues“ spielt in den USA, in der übelsten Gegend von Boston, ich bin aber nicht sicher, ob es hier einfacher ist.

MM: Holt Ingo Berk die Handlung näher an Europa?

Sabitzer: Jein. Die Themen sind allgegenwärtig, diese sozialen Brennpunkte gibt es überall, auch in Wien. South-Boston ist vielleicht extrem, aber solche Grätzel sind hier auch nicht anders. Wir spielen das Stück nicht speziell amerikanisch, aber auch nicht speziell Wienerisch.

MM: Margaret, die selbst um Verständnis heischt, hat für Leute anderer Hautfarbe und Herkunft sehr wenig Empathie. Der Gegenpol ist Mikes Frau Kate, die an das „Frei und gleich an Würde und Rechten Geboren“ glaubt. Kate ist aus bestem Hause. Ist Intoleranz etwas Schichtspezifisches?

Sabitzer: Nein! Ich weiß es nicht. Kate hat auch ihre Schwierigkeiten, sie ist dunkelhäutig und wird auf dem Spielplatz für die Nanny ihrer Kinder gehalten. Nur in ihrem privaten Umfeld spielt ihre Hautfarbe keine Rolle. Margaret wiederum kommt aus einer Gegend, in der es immer wieder Rassenunruhen gab, also beurteilt sie die Dinge anders. Sie ist mit Diskriminierung aufgewachsen, sich im Kopf davon zu befreien, ist sicher nicht ganz einfach. Ich versuche ihre Art nachzuvollziehen, was nicht einfach ist, weil ich aus einem ganz anderen Umfeld komme.

MM: Ken Loach gewinnt mit solchen Stoffen, siehe „Ich, Daniel Blake“, Preise …

Sabitzer: Das ist auch Thema bei den Proben. Den Zeitbezug zu sehen, den Bezug zu sich selber und eigenen Erlebnissen zu sehen. Ja, darüber sprechen wir viel.

MM: … dem Bezirke-Publikum wird damit aber ein Stück präsentiert, das Probleme spiegelt, möglicherweise ein Stück eigenen Alltags, denen es im Theater vielleicht gern für zwei Stunden entfliehen möchte. Wie soll da die Reaktion sein?

Sabitzer: Das wird sich zeigen. Wir spielen eine Komödie, aber Humor ist ja eine persönliche Sache. Wir haben sehr gelacht bei den Proben, was aber nichts heißen will. Ich bin selber schon sehr gespannt, wie das Publikum reagieren wird …

Mittelschichtblues: Mit Günter Franzmeier als Mike. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Mittelschichtblues: Mit Günter Franzmeier als Mike. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Wechselbälgchen: mit Florian Köhler. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Wechselbälgchen: Mit Florian Köhler. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

MM: Sie waren vergangene Saison mit dem „Wechselbälgchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16498) auf Bezirke-Tour. Wie war’s? Welche Erfahrungen haben Sie gesammelt?

Sabitzer: Es war lustig. Und wahnsinnig anstrengend. Wir hatten ein Superteam, eine eingeschworene Truppe, mit der wir durch die Lande gezogen sind. Mit dem Publikum war es manchmal ein bisschen schwierig, da kam beispielsweise überhaupt kein Applaus, und man fragt sich, ob die das überhaupt wollen, und dann hört man von Doris Weiner, es hat ihnen so gut gefallen. Ich bin da ein bisschen altmodisch, für mich ist Applaus ein Zeichen von Respekt und Lohn der Arbeit. Das ist für uns Schauspieler das Zuckerl nach zwei Stunden Arbeit.

MM: Sie sind seit mehr als zehn Jahren am Haus. Wie sind Sie ursprünglich hierhergekommen?

Sabitzer: Über den Schotti. Ich habe am Schubert Konservatorium studiert, und gehört, das Michael Schottenberg ein Vorsprechen macht, an dem ich in meinem Jahrgang noch gar nicht hätte teilnehmen dürfen. Aber ich bin mit den höheren Semestern mitgeschlichen, hab‘ mich eingetragen in die Liste, und so hat’s geklappt. Das war der „Cyrano“, seither hat er meinen Weg begleitet, und als er das Volkstheater übernommen hat, habe ich ihm ein Kärtchen geschrieben: Wenn du mich brauchst, ich komme.

MM: Und unter der neuen Direktion hier zu bleiben, war keine Frage?

Sabitzer: Ich finde Anna Badora in der derzeitigen österreichischen Theaterlandschaft die spannendste Intendantin und Theatermacherin. Als klar war, dass sie kommt, habe ich mich sehr darüber gefreut, dass ich hier weitermachen kann. Wobei es gar kein Weitermachen, sondern ein Neumachen ist. Es hat sich sehr viel verändert, nicht nur das Ensemble, auch die Strukturen, selbst der Zuschauerraum ist neu, die Akustik, die Ästhetik, alles … das Volkstheater ist wirklich ein neues Haus.

MM: Was ist Ihre Bilanz der ersten Saison? Es gab Ups, es gab Downs …

Sabitzer: (Sie lacht.) Ich finde, das ist absolut normal. Ich habe das am Nationaltheater Mannheim mit Jens-Daniel Herzog erlebt, da haben wir drei Jahre lang vor 80 Leuten gespielt – bei 700 Sitzplätzen. Da waren die Leute wahnsinnig: Uäh, was ist das? Und plötzlich wurden wir angenommen. Die Suppe muss schmecken, aber man muss sie immer wieder anders würzen. Ein Haus neu aufzustellen, einmal durchzublasen, das braucht seine Zeit.

MM: Was kommt diese Saison noch von Ihnen?

Sabitzer: „Rechnitz“ von Elfriede Jelinek, darauf freue ich mich schon sehr. Regie führen wird Miloš Lolić, mit dem ich am Haus schon sehr feine „Präsidentinnen“ gemacht habe. Miloš ist ein sehr genauer Regisseur, ich bin gespannt, was er aus dem Stück, das ja eine Textfläche mit vielen Interpretationsmöglichkeiten ist, machen wird. Intensiv beschäftige ich mich aber erst nach der „Mittelschichtblues“-Premiere damit.

MM: Für die Sie uns in Aussicht stellen?

Sabitzer: Ein tolles Ensemble! Und dass man mit dem Feeling nach Hause gehen kann, das Leben kann auch gut sein. Egal, wie’s läuft, es geht immer irgendwie weiter. Heute ist heute, morgen ist morgen. Das ist doch eine wunderbare Message.

www.volkstheater.at

Wien, 22. 9. 2016