Belvedere: Into The Night. Die Avantgarde im Nachtcafé

Februar 11, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Willkommen, Bienvenue, Welcome!

Rudolf Schlichter: Damenkneipe, circa 1925, (Detail). © Privatsammlung

Kabaretts, Clubs und Cafés waren bis in die 1960er-Jahre die Treffpunkte der Moderne, boten sie doch Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform für kreativen Ideenaustausch und wandelten sich so in Orte, an denen tabubrechende neue Ausdrucksformen ihren Anfang nahmen. Aus Perspektive dieser alternativen Szenen erzählt „Into the Night. Die Avantgarde im Nachtcafé“ ab 14. Februar im Unteren Belvedere und in der Orangerie vom dortigen Geschehen ab den 1880er-Jahren.

In Wien war es das 1907 von Protagonisten der Wiener Werkstätte gegründete und ausgestattete Kabarett Fledermaus, das den Übergang vom Secessionismus zum Expressionismus markierte. In Paris nahm das Chat Noir mit seinem Schattentheater in den 1880ern die Kinokultur vorweg. Im Zürcher Cabaret Voltaire wurde Dada gegründet. Der von Giacomo Balla designte Nachtclub Bal Tic Tac und das von Fortunato Depero entworfene Cabaret del Diavolo in Rom waren Brutstätten des Futurismus. Das minimalistische Design des Café L’Aubette in Straßburg stammte zum Teil von Theo van Doesburg, dem Mitbegründer von De Stijl. Im Berlin der Zwischenkriegszeit befeuerte die vibrierende Energie der Nachtclubs die Künstlerinnen und Künstler des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit wie Otto Dix, Jeanne Mammen oder Elfriede Lohse-Wächtler.

Dieser pulsierende Kosmos inspirierte Kunstschaffende weltweit und war Schnittstelle zwischen Malerei und Grafik, Architektur und Design, Literatur, Musik und Tanz, wie Werke von Henri de Toulouse-Lautrec, Josef Hoffmann, Oskar Kokoschka, Koloman Moser, Hans Arp, Sophie Taeuber-Arp, Hugo Ball, Max Beckmann, Henri Rivière oder Prince Twins Seven Seven zeigen. „Into the Night“ betrachtet zahlreiche Schauplätze und spürt dem vibrierenden künstlerischen Miteinander nach, das von dort aus die Kunstgeschichte nachhaltig prägte.

Die Schau durchbricht bewusst die Grenzen eines eurozentristischen Blickwinkels. Thematisiert werden nicht nur die bekannten Schauplätze der Avantgarde, sondern auch das Café de Nadie in Mexiko-Stadt oder die Harlem-Renaissance in New Yorker Jazzclubs der 1920er- und 1930er-Jahre, deren Stammbesucher sich im Kampf gegen Rassismus engagierten. Den Schlusspunkt der Ausstellung bilden die Mbari Clubs, die Anfang der 1960er in Ibadan und Oshogbo, Nigeria, gegründet wurden, sowie der 1966 in Teheran eröffnete Künstlerclub Rasht 29.

Elfriede Lohse-Wächtler: Ausblick im Nachtlokal, 1930. © Privatsammlung, Berlin

Karl Hofer: Tiller Girls, vor 1927. © Kunsthalle Emden – Stiftung Henri und Eske Nannen

Erna Schmidt-Carroll: Chansonette, 1928. Privatsammlung © Nachlass Erna Schmidt-Caroll

Die Besonderheiten der Ausstellung: Architektonische Rekonstruktionen machen die kreative Atmosphäre des Kabarett Fledermaus oder des Chat Noir erlebbar. Ein umfassendes Begleitprogramm mit Theater, Konzerten, Lesungen und Tanzperformances bildet den Rahmen der Schau. Als Figurentheater erzählt beispielsweise am 27. Februar das Ensemble des Kabinetttheaters die dadaistische, lautpoetisch begleitete Weihnachtsgeschichte von Hugo Ball, die am 31. Mai 1916 im Zürcher Cabaret Voltaire uraufgeführt wurde. Der Evangelientext wird dabei vom pfeifenden Wind, von blökenden Schafen und vom „Ramba Ramba“-Gemurmel von Maria und Josef untermalt. Die Sängerin Anna Clare Hauf bringt als Bruitistin die „Geräuschinsel“ zum Klingen, das Figurenspiel übernehmen Katarina Csanyiova, Tanja Ghetta und Walter Kukla. Am 16. April folgt eine Hommage ans Kabarett Fledermaus.

Am 23. April führt Cheikh M’Boup mit der Petaw Band von den Wurzeln des Afrobeat in Nigeria in den 1960ern über Griot-Melodien aus dem Senegal bis zum südamerikanischen Salsa. Die Kaurimuschel – in der Sprache Wolof „Petaw“ genannt – ist das Symbol für dieses Konzer: Als Glücksbringer wie als Tauschmittel steht sie für die Verbindungen von Zentral- und Westafrika bis nach Südamerika.

www.belvedere.at

11. 2. 2020