Tania Golden und Nina C. Gabriel: Sheherasaden. Autorinnen unterm Halbmond über Sex und Politik

Dezember 15, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Beischlaf ist die Kostprobe fürs Paradies

Nina C. Gabriel. Bild: Ludwig Drahosch

„Gepriesen sei Gott, der zu des Mannes größter Wonne die Geschlechtsteile des Weibes schuf und die Geschlechtsteile des Mannes dazu bestimmte, dem Weibe den höchsten Genuss zu gewähren.“ Ja, der gute alte Scheikh Nefzawi wusste schon, was er im frühen 15. Jahrhundert in sein orientalisches Ehehandbuch „Der duftende Garten“ schrieb. Erotische Geschichten und Gedichte zur „Erbauung des

Gemüts“, Ratschläge zur Verabreichung von Aphrodisiaka – und deren wirksamstes, „den Schauplatz des Liebeskampfes, den gewölbten Bauch und das majestätische Hinterteil“, als erste zu verwöhnen. Bevor „des Mannes Werkzeug“ zum Einsatz kommt. Der weise Gelehrte, der sein Werk im Auftrag des Kalifen der Hafsiden verfasste, pries den Beischlaf als Kostprobe des Paradies‘, und, oh!, wären nur alle seiner Art wie er. Doch wieviel Wasser seither ins Arabische Meer geflossen ist …

Die von Scheikh Nefzawi berichtet, ist die syrische Romancière Salwa Al-Neimi in ihrem Buch „Honigkuss“, das heißt, Schauspielerin Tania Golden liest aus diesem vor. Gemeinsam mit Bühnenkollegin Nina C. Gabriel präsentiert sie ab 17. Dezember die „Sheherasaden. Autorinnen unterm Halbmond über Sex und Politik“ im 4GAMECHANGERS#roomservice als Live-Stream.

Wobei die beiden die “Tausend und eine Nacht” mit den Texten fünf zeitgenössischer Schriftstellerinnen verknüpft haben. Denen gemeinsam ist, dass sie mit der Schreibfeder gegen die Zwänge der muslimischen Gesellschaft der Gegenwart kämpfen. Wie das Original im morgenländischen Klassiker, schreiben sie um ihr Leben. Den fünf Autorinnen aus der Welt des Islam ist es ein Anliegen, sich selbstbewusst zu ihrer Kultur und deren erotischer Tradition zu bekennen. Sie setzen sich mutig und hochgebildet gegen die derzeitige Lustfeindlichkeit und Frauenverachtung zur Wehr und erinnern an die lange arabische Tradition, in der Erotik gottgewollt war.

Und so kann man sich, www.mottingers-meinung.at durfte dem Abend schon vorab lauschen, zwei wunderbaren Stimmen hingeben. “Der schwarze Sklave sprang vom Baum zwischen die geöffneten Schenkel seiner Gebieterin.” Es ist Nina C. Gabriel, die vom gehörnten Sultan Schahriyâr berichtet, der sich jede Nacht eine Jungfrau nahm und sie am Morgen hinrichten ließ, bis ihn die Tochter seines Wesirs in ihren Bann zog. Gerade begegnet Schahriyâr mit seinem Bruder Schahzamân dem „betrogenen Ifrit“ und sie hören vom Dschinn die wohlgewählten Worte: „Wenn eine Frau etwas will, kann sich ihr niemand verweigern …“,

Bild: pixabay.com

Nina C. Gabriel. Bild: Ludwig Drahosch

Bild: pixabay.com

… da singt der „Honigkuss“ ein Loblied auf die Lust. Die Ich-Erzählerin, eine Bibliothekarin, die sich in aller Stille zur Expertin für erotische Werke der klassischen arabischen Literatur macht – und ihre verbotenen Fundstücke an diversen Liebhabern ausprobiert: „Meine heimliche Lektüre hat mich zu dem Schluss kommen lassen, dass die Araber als einziges Volk der Welt den Sex als eine Gnade ansehen, für die man Gott danken muss.“

Doch schnell werden derlei Gedanken durchkreuzt von denen Azar Nafisis, die es wagte, mit ihren – männlichen, und absichtlich nicht gegenderten – Studenten in Teheran „Lolita“ und „Der große Gatsby“ zu lesen. Mitten in der Islamischen Revolution, während andere ihrer Schüler vor Nafisis Fenstern „Tod den USA“ skandierten, und sie sie schließlich nach „Steinigung!“ rufen hörte. Tania Golden versteht es, der Angst und dem Grauen ebenso Ausdruck zu verleihen, wie der Poesie des Schreckens – so paradox das auch klingen mag.

Und während die beschwörend wispernde Gabriel von der „märchenhaften“ Enthauptung von Mädchen, denn wer die Geschichten für Kinderfabeln hält, der irrt gewaltig, zum Kaufmann und der Konkubine des Kalifen kommt, zu Folter, Pein und Tod, ist die Golden bei den von der Groupe Islamique Armé geköpften Mädchen, „Blut für Allah“, wie Baya Gacemi schreibt, das Vergehen der Teenagerinnen: zu oft aus dem Haus zu gehen, keinen Hidschāb zu tragen, mit jungen Burschen reden …

Albträume sind das, bei denen Tania Golden auf bewusst pragmatisch umschalten kann. Nur so lässt sich ihr Tonfall für Asli Erdoğans „Das Haus aus Stein“ beschreiben, eine Chiffre für Erdoğans Inhaftierung als angebliche Terroristen-Unterstützerin, eine Chiffre fürs palastartige Sansaryan Han Foltergefängnis, in dem auch der Dichter Nâzım Hikmet misshandelt wurde. Kaum auszuhaltende, sich wie Reimschemen wiederholende Szenen, die in ihrer dunklen Musikalität an die Verse eines Paul Celan erinnern.

Tania Golden. Bild: Ludwig Drahosch

Tania Golden. Bild: Ludwig Drahosch

Wieder Schläge, wieder Qual, tiefe Narben in Psyche wie in Fußsohlen, dem Schreien die Zunge abgeschnitten, dem Sehen die Augen ausgestochen. Ein Blatt Papier und ein Bleistift, ein Mann, der als Engel mit gebrochenen Flügeln zu einem Leitmotiv des Textes wird. Der weibliche Widerstand, das Aufbegehren von Frauen tritt durch diese Lesung ins Zwiegespräch. Vom Heute zurück in die Historie, es tut ganz gut, dass an dieser Stelle die Rebellion der Unterwürfigkeit obsiegt.

Die raffinierte Sheherasade, ein reumütiger Tyrann, ein Volk, das sich aus Dankbarkeit fürs Beenden seiner Schandtaten zu Boden wirft, und weil’s so schön ist, wird die kleine Schwester Dinharazade dem königlichen Bruder vermählt. Und wenn sie nicht gestorben sind … „Frauen tun ein Leben lang nichts anderes, als Geschichten zu erzählen, die Männern gefallen“, sagt die kluge Mutter von Fatema Mernissi – und sie meint das durchaus so taktisch, wie’s klingt. In „Der Harem in uns“ gewährt die Autorin einen Blick hinter die Mauern und in ihre eigene Kindheit.

Sie tut dies mit einer faszinierenden Zärtlichkeit, ihre Erinnerung an eine Welt „im ersten Stock, ein Labyrinth von Zimmern“, in denen die Tanten, die mit ihren Ehemännern zerstrittenen, verwitweten, in Scheidung befindlichen, untergebracht waren, um von Mernissis Vater mit all seiner Liebe und seinem Mitgefühl geschützt zu werden. „Hanan“ ist der arabische Begriff, mit dem der Vater an der Institution Harem hängt. Und dann ist da Tante Habiba, die verstoßene, die fantastische Geschichten weiß, die sich ihr Lachen von ihren Tränen nicht nehmen lässt, die tausend und eine Heldin kennt, die es samt und sonders geschafft haben, ihren Feinden zu widerstehen.

Wegen Tanta Habiba, sagt Fatema Mernissi, hätte sie beschlossen, eine Stimme zu werden, die es wagt, in der Nacht zu sprechen. So beenden die heimischen Sheherasaden, die Schwestern im Geiste, Nina C. Gabriel und Tania Golden die von Susanne Höhne zusammengestellte und von Ludwig Drahosch gefilmte Collage. Dies Projekt soll einen kleinen Beitrag dazu leisten, diesen couragierten Autorinnen aus der Welt des Islam Gehör zu verschaffen, sagen die Künstlerinnen. Und so ist es. Erschreckend, erheiternd, in jeder Hinsicht außerordentlich.

Über die Autorinnen:

Salwa Al-Neimi ist 1950 in Damaskus, Syrien, geboren und aufgewachsen. Sie studierte dort Arabisch. Heute lebt sie in Paris, wo sie die Bibliothek für klassische arabische Literatur an der Sorbonne betreut. Ihr Spezialgebiet ist erotische Literatur. „Honigkuss“ erschien 2007 im Libanon und ist ihr erster Roman. Das Buch wurde in den arabischen Ländern sofort zum Skandal und als „sexuelle Intifada“ (© Emirates Media) bezeichnet.

Azar Nafisi wurde 1955 in Teheran geboren. 1997 emigrierte sie in die USA und unterrichtet nun an der John Hopkins University in Washington. Sie studierte englische und amerikanische Literatur in den USA. Während der Islamischen Revolution lehrte sie an der Universität Teheran, wo sie von 1980 bis 1988 suspendiert wurde, weil sie sich weigerte, sich zu verschleiern. Nochmals suspendiert im Jahre 1992 gab sie private Workshops für Studenten in ihrer Wohnung, bis sie endgültig in die USA ging. Bei „Lolita lesen in Teheran“ handelt es sich um einen autobiographischen Roman.

Baya Gacemi wurde 1952 in Annaba, Algerien, geboren und ist 2010 in Villejuif, Frankreich, gestorben. Sie studierte Psychologie in Algier, Politikwissenschaften und internationales Recht in Paris. 1985 kehrte sie nach Algerien zurück und arbeitete als Journalistin. Bis zu ihrer Suspendierung 1996 leitete sie die Zeitung La Tribune. Sie wurde wegen „Beleidigung des nationalen Emblems“ zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Danach arbeitete sie freiberuflich bei verschiedenen französischen und algerischen Zeitungen. Tania Golden liest aus dem Buch „Blut für Allah: Ich war die Frau eines islamischen Terroristen“, in dem Gacemi die Geschichte von Nadia Chaabani, der Frau eines Führers der Groupe Islamique Armé, erzählt.

Asli Erdoğan wurde 1967 in Izmir geboren und ist eine türkische Physikerin und Schriftstellerin. Sie gehört zu den Fürsprecherinnen der kurdischen Minderheit. Am 16. August 2016 wurde sie im Rahmen der sogenannten „Säuberungen“ im Zusammenhang mit dem gescheiterten Militärputsch verhaftet. Im Dezember wurde sie unter Auflagen freigelassen, erst Ende September 2017 erhielt sie ihren Pass zurück. Sie flüchtete nach Deutschland, wo sie zurzeit im Exil lebt. Für ihr Werk, etwa „Das Haus aus Stein“, erhielt sie zahlreiche Preise, unter anderem den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis. Seit dem Sommer strengt ein neuer Staatsanwalt ein neues Verfahren gegen Asli Erdoğan wegen „Terrorpropaganda“ an.

Fatema Mernissi wurde 1940 in Fès in Marokko geboren und ist 2015 in Rabat gestorben. Sie studierte Politikwissenschaft und Soziologie an der Sorbonne und lehrte seit den 1980er-Jahren an der Universität Mohammed V. in Rabat. Mernissi schrieb hauptsächlich in Englisch und Französisch, und um sich frei ausdrücken zu können, wollte sie in späteren Jahren nicht mehr in Marokko publizieren. Sie verfasste zahlreiche Bücher über die Lage der Frauen im Islam. In ihrem autobiographischen Roman „Der Harem in uns – die Furcht vor dem anderen und die Sehnsucht der Frauen“ beschreibt sie ihre eigene Kindheit.

Live-Stream: 17. 12., 19 Uhr. Video verfügbar bis: 19. 12., 15 Uhr.

4gamechangers.io/de/roomservice           Tickets: tickets.4gamechangers.io/shop/broadcast/registrations/bea5cfa5-7377-4a5e-bf87-397656b231a2/tickets/new#tania1

  1. 12. 2020

MAMUZ: Asparn und Mistelbach öffnen am 1. Juni

Mai 28, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Große Sonderschau über die Kultur der Maya

Sonderausstellung „Maya“ im MAMUZ Museum Mistelbach. Bild: Alpkhan Photography/Shutterstock.com, THPStock/Shutterstock.com

Das MAMUZ Museum Mistelbach zeigt ab 1. Juni eine Ausstellung zur Kultur der Maya und liefert damit erstmals seit 25 Jahren eine umfassende Maya-Schau in Österreich. Die Schau wirft einen eingehenden Blick auf deren Lebensraum sowohl im tropischen Tiefland als auch im vulkanischen Hochland Guatemalas. Wie gelang es den Menschen trotz der schwierigen klimatischen Bedingungen eine so große Bevölkerung zu ernähren, ohne ihre Umwelt zu zerstören?

In welcher Weise organisierten sie ihr Zusammenleben? Und was waren die Ursachen für den Untergang der frühen Hochkultur? Die Beschäftigung mit den Maya führt zu erstaunlich aktuellen Fragestellungen. Präsentiert werden 200 Originalexponate aus Guatemala, die spannende Einblicke in die reichhaltige Geschichte der Maya ermöglichen. Tief im Dschungel Zentralamerikas erheben sich bis heute die imposanten, steinernen Tempelpyramiden und Paläste der faszinierenden Kultur der Maya. In ihrer Blütezeit zwischen 250 und 900 n. Chr. bildeten sie eine mächtige Hochkultur, deren kulturelle Errungenschaften heute noch in Staunen versetzen:

Sie erfanden einen präzisen Kalender, lernten mit dem tropischen Ökosystem in Einklang zu leben und entwickelten eine komplexe Hieroglyphenschrift. Ihre Siedlungsgebiete in den Regenwäldern von Mexiko, Guatemala, Belize, Honduras und El Salvador waren damals die Regionen mit der weltweit größten Bevölkerungsdichte. Lange Zeit war die einst mächtigste Kultur des amerikanischen Kontinents im europäischen Bewusstsein in Vergessenheit geraten.

Erst in den letzten Jahrzehnten haben Archäologen, Historiker und Schriftforscher die Maya wiederentdeckt und sind auf erstaunliche Dinge gestoßen. „Durch den Einsatz neuer Technologien und die Entzifferung der Maya-Schrift hat sich unser Verständnis der Maya-Kultur in den letzten Jahren radikal verändert. Jetzt erkennen wir, dass die Maya nicht nur die bedeutendste Zivilisation des Alten Amerika waren, sondern verstehen auch, wie die Menschen lebten, träumten und dachten“, erklärt Kurator Nikolai Grube.

Geschnitzte Jadeplakette zeigt, wie ein Maya-Herrscher ausgesehen hätte, Nebaj, Quiché, Guatemala, Spätklassik 600 bis 900 n. Chr. Bild: Jorge Pérez de Lara Elías

Lebensgroße Jademaske, wahrscheinlich aus der sog. Monte Alto-Kultur, La Democracia, Escuintla, Guatemala, Mittlere Vorklassik 800 bis 250 v. Chr. Bild: Jorge Pérez de Lara Elías

Ohrschmuck aus dunkelgrüner Jade mit Darstellung der obersten Vogelgottheit. Wahrscheinlich aus Río Azul, Guatemala, Spätklassik 600 bis 900 n. Chr. Bild: Jorge Pérez de Lara Elías

Räuchergefäß aus Keramik scheint einen alten Gott darzustellen, Kaminaljuyu, Guatemala, Frühklassik 250 bis 600 n. Chr. Bild: Jorge Pérez de Lara Elías

Die Sonderausstellung „Maya“ im MAMUZ präsentiert die neuesten Forschungserkenntnisse zur Landwirtschaft, Religion, gesellschaftlichen Ordnung und zu den politischen Beziehungen der Maya-Königtümer. Die Besucher erfahren, wie die Menschen in den Städten, auf dem Land und an den prächtigen Königshöfen lebten. Darüber hinaus wird deutlich gemacht, dass die Maya-Kultur nach dem Zusammenbruch der großen Maya-Städte, den klimatischen Herausforderungen und der Ankunft der spanischen Invasoren keinesfalls unterging, sondern – wenn auch in einer weitaus geringeren Zahl – weiterhin bestehen blieb und sich auf andere Gebiete Mesoamerikas verlagerte. Denn wie kaum eine andere Gesellschaft haben es die Maya verstanden, sich immer wieder an neue Lebensumstände anzupassen.

„Die Ausstellung führt uns auf eine spannende Entdeckungsreise nach Amerika und zeigt uns eine komplexe Gesellschaft, die in ihrer Entwicklung durchaus vergleichbar mit den frühen Hochkulturen in Europa ist. Mit scheinbar einfachen Mitteln gelang es den Maya, eine hochentwickelte Zivilisation mitten im tropischen Regenwald aufzubauen. Es ist erstaunlich, wie eine Gesellschaft über mehr als tausend Jahre in einem so fragilen Ökosystem leben konnte“, so Franz Pieler, wissenschaftlicher Leiter des MAMUZ.

Die Schau umfasst 200 Originalobjekte aus Guatemala, die mehrheitlich noch nie in Europa zu sehen waren. Etwa die Hälfte der Objektsammlung wird überhaupt erstmals weltweit in einer Ausstellung gezeigt. Ein besonderes Highlight bildet die noch nie dagewesene Vielzahl an Exponaten aus Jade in einer europäischen Maya-Schau, darunter Jadeschmuckstücke, die Aufschluss über die prunkvolle Kleidung der Maya-Herrscher geben. Stelen mit Hieroglypheninschriften erzählen von der Weltauffassung der Maya und werden den Besucher mit Übersetzungen präsentiert. Die Exponate sind allesamt Leihgaben aus der Sammlung des Museo Nacional de Arqueología y Etnología, dem Nationalmuseum für Archäologie und Ethnologie von Guatemala.

Eine Besonderheit der Ausstellung ist, dass die rechtmäßige Herkunft aller Ausstellungstücke gesichert ist. Die Objekte stammen ausnahmslos von legal durchgeführten, archäologischen Grabungen in Guatemala. Neben den Originalobjekten enthält die Ausstellung Medienstationen, Fotoshows, Artefakte zum Anfassen und Spielstationen, sodass die Maya-Kultur mit allen Sinnen erlebt werden kann.

Archäologisches Freigelände des MAMUZ Schloss Asparn/Zaya. Bild: Atelier Olschinsky

„Von der Urgeschichte bis ins Mittelalter“ im MAMUZ Schloss Asparn/Zaya. Bild: Atelier Olschinsky

„Von der Urgeschichte bis ins Mittelalter“ im MAMUZ Schloss Asparn/Zaya. Bild: Atelier Olschinsky

Archäologisches Freigelände des MAMUZ Schloss Asparn/Zaya. Bild: Atelier Olschinsky

MAMUZ Schloss Asparn/Zaya: Achtung Baustelle. Bauen und Wohnen im Mittelalter

„Von der Urgeschichte bis ins Mittelalter“ führt die Dauerausstellung im Schloss Asparn/Zaya. Die Schau gibt einen umfassenden Einblick in die Urgeschichte, Frühgeschichte und Mittelalterarchäologie. Durch einzigartige Originalexponate sowie einem Forscherlabor zum Mitmachen wird die Ausstellung zu einem Zentrum für Archäologie und Forschung in Mitteleuropa. Das Besondere ist die außergewöhnliche Gestaltung, die mit ihren interaktiven Stationen für viel Abwechslung sorgt, ganz nach dem Motto: entdecken, staunen, ausprobieren. 40.000 Jahre menschlicher Entwicklung lassen sich im Schloss Asparn/Zaya anhand von Originalen sowie im angrenzenden archäologischen Freigelände mit den historischen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden nachvollziehen.

Wie wurden im Mittelalter einfache Häuser und große Burgen gebaut? Welche Mittel standen dafür zur Verfügung? Und welche Funktion hatte welches Gebäude? Die aktuelle Ausstellung „Achtung Baustelle. Bauen und Wohnen im Mittelalter“ blickt ab Pfingstmontag den Baumeistern des Mittelalters über die Schulter und zeigt die Lebenswelten in Dörfern, Städten, Burgen und Klöstern im Grenzraum Niederösterreich und Tschechien auf: Die Landwirtschaft und der damalige Speiseplan werden ebenso beleuchtet wie Haushalt und Handel. Neu dazu wurde im archäologischen Freigelände eine frühmittelalterliche Kirche errichtet.

Jedes erste Wochenende im Monat gibt es im Rahmen des Museumsbesuchs von 10 bis 17 Uhr ein historisches Aktivprogramm zum Mitmachen: 6./7. Juni: Das Blasrohr – vom historischen Jagdinstrument zum neuzeitlichen Sportgerät.  4./5. Juli – Speer werfen. 1./2. August – Bogenschießen. 5./6. September – Steinschleudern. 3./4. Oktober – Brot backen. 7./8. November – Räuchern mit heimischen Kräutern. Das Hunnenfest findet heuer am 29./30. August statt, am 10. Oktober die Nacht der keltischen Feuer.

www.mamuz.at

28. 5. 2020

Hunnenfest, 29. /30. August 2020 im MAMUZ Schloss Asparn/Zaya. Bild: MAMUZ

„Von der Urgeschichte bis ins Mittelalter“ im MAMUZ Schloss Asparn/Zaya. Bild: Atelier Olschinsky

Nacht der keltischen Feuer: 10. Oktober 2020 im MAMUZ Schloss Asparn/Zaya. Bild: MAMUZ

Hunnenfest: 29./30. August 2020 im MAMUZ Schloss Asparn/Zaya. Bild: MAMUZ

 

Landestheater NÖ: Online-Stream als Osterspecial – mit drei Highlights der aktuellen Saison

April 2, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine digitale Fotoschau führt in die „Theaterräume“

Tilman Rose in der Maske. Bild: Tilman Rose

In der Karwoche zeigt das Landestheater Niederösterreich die Produktionen „Italienische Nacht“, „Die Nibelungen“ und „Der Parasit“ aus der aktuellen Spielzeit als Online-Stream. Die Aufzeichnungen der Generalproben, die der Filmemacher Johannes Hammel realisiert hat, werden auf der Webseite www.landestheater.net jeweils für 24 Stunden ohne Anmeldung frei verfügbar sein. Backstage führt bereits ab 3. April die digitale Foto- ausstellung „Theaterräume“ von

Ensemblemitglied Tilman Rose, der mit der Kamera die persönlichen Momente des Berufes mit seinen Kolleginnen und Kollegen festgehalten hat – während der Proben, vor den Auftritten auf der Hinter- und Seitenbühne, in der Maske, in der Garderobe und beim Pendeln ins Theater. Entstanden sind wunderschön atmosphärische Porträts, die nun als wöchentlich erweiterte Reihe präsentieren werden.

„Italienische Nacht“: Tobias Artner und Bettina Kerl. Bild: Alexi Pelekanos

Die „Italienische Nacht“ von Ödön von Horváth in einer Inszenierung von Alia Luque mit Tobias Artner, Silja Bächli, Tim Breyvogel, Marthe Lola Deutschmann, Bettina Kerl, Tilman Rose und Michael Scherff ist am 4. April ab 16 Uhr zu sehen. Die Handlung ereignet sich 1930 im oberbayerischen Murnau: Einen bunten Abend mit Musik und Tanz haben die Mitglieder vom sozialdemokratischen „Schutzbund der Republikaner“ in einem Gartenlokal organisiert, ihre „Italienische Nacht“.

Und sie wollen beim Feiern von niemandem gestört werden. Draußen marschieren allerdings die Faschisten auf und begehen ihren „deutschen Tag“. Ein Konflikt zwischen den beiden verfeindeten Parteien scheint unvermeidbar. Noch könnten die Republikaner den Faschismus abwenden, noch könnte Mut und Zivilcourage über den Opportunismus und die Feigheit vor den aufsteigenden Nazi siegen. Aber private Probleme und politisch-ideologische Streitereien scheinen den Sozialdemokraten wichtiger zu sein, als der Kampf um den Bestand der Demokratie … Trailer: www.youtube.com/watch?v=4TkdcJOiS6s

„Die Nibelungen“: Valentin Postlmayr, Philip L. Kelz. Bild: Alexi Pelekanos

„Die Nibelungen“ nach Friedrich Hebbel, in Szene gesetzt von Mathias Spaan und gespielt von Philip Leonhard Kelz, Bettina Kerl, Laura Laufenberg und Valentin Postlmayr steht am 9. und 18. April ab 16 Uhr auf dem Programm. „Die Nibelungen“ sind das bekannteste europäische Heldenepos, aber zugleich ein großes Liebesdrama, ein Ritterspektakel und eine Geschichte um Freundschaft und Verrat. Angesiedelt ist das Ganze im Donauraum.

In einer Epoche zwischen magischer Vorzeit und dem Beginn der westlichen Zivilisation. Der Mord an Siegfried setzt eine Spirale der Rache in Gang, deren Showdown durch politische Motive im sich verändernden Europa und persönliche Interessen beschleunigt wird. Mit allen Ingredienzien heutiger Fantasy-Blockbuster erzählt dieser klassische Stoff von den Bruchlinien der Menschlichkeit. Trailer: www.youtube.com/watch?v=A_t0AT1vRMI&t=1s

„Der Parasit“: Tobias Voigt, Tobias Artner als Schlitzohr Selicour, Heike Kretschmer und René Dumont. Bild: Alexi Pelekanos

„Der Parasit“, eine Komödie von Friedrich Schiller, in der Regie von Fabian Alder mit Tobias Artner, René Dumont, Heike Kretschmer, Emilia Rupperti, Dominic Marcus Singer, Rafael Schuchter, Petra Strasser und Tobias Voigt folgt am Ostersonntag, 12. April, ab 16 Uhr. Der große klassische Dramatiker entführt das Publikum auf einen humorvollen Trip in politische Abgründe. Denn die Spezies Schmarotzer gibt es überall. Kollegen, die immer ein bisschen länger in der Chefetage sitzen, die gerne fremde Ideen als ihre eigenen ausgeben.

Geht aber was schief, dann schicken sie jemand anderen vor. Zahlen werden frisiert, Gelder veruntreut, kaum ist der Skandal aufgedeckt, wird versucht, die Fakten zu vertuschen, sodass niemand für den Schaden verantwortlich ist. Bei Friedrich Schiller ist der Parasit auf den mittleren Sprossen der Karriereleiter zu finden. Dort siedelt er im gehobenen Beamtenmilieu sein furioses Lustspiel an, das mit feinstem Komödienbesteck die Winkelzüge des titelgebenden Parasiten Selicour und die Mechanismen von Manipulation und Machtgewinn filetiert. Trailer: www.youtube.com/watch?v=7IxnEfOnF1k

www.landestheater.net

2. 4. 2020

TheaterArche: Blinde Nacht – Nittel

Dezember 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Statt Weihnachtsliedern hallt Pogromgeschrei

Der Pfarrer findet in finsterer Nacht den werdenden Vater Georg beim Heilkräuterritual: Bernhardt Jammernegg und Andreas Kosek. Bild: Jakub Kavin

Der Winterwind, der an die Fensterscheiben braust, wandelt sich in Fliegengesurr. Wie diese Parasiten und Krankheitsüberträger fielen nämlich die Fremden in ihren Weihnachtsfrieden ein, befinden die Dorfbewohner. Aus Unverständnis wird Furcht wird Hass, statt im Schein der Kerzen vom holden Knaben zu singen, hallt bald Pogromgeschrei. Es wird brennen, wird Blutvergießen geben, und Christoph Prückner bläst dies vorwegnehmend auf der Posaune zum Jüngsten Gericht …

Der Regisseur und Schauspieler hat passend zur Adventszeit in der TheaterArche ein lang gehegtes Projekt auf die Bühne gehoben, die Uraufführung von Simon Kronbergs Drama „Blinde Nacht – Nittel“, und diese Entdeckung kann Prückner nicht hoch genug angerechnet werden. Kronberg, 1891 in Wien geboren und aufgewachsen, emigrierte nach der Machtergreifung Hitlers 1934 von Berlin nach Palästina, wo er als Schuhmacher in einem Kibbuz lebte und schrieb. Zurück blieben seine nichtjüdische Frau Herta, von der er sich zu deren Schutz scheiden ließ, und Sohn Daniel. Sein bis dato ungespieltes Stück „Nittel – Blinde Nacht“ vollendete er 1941.

Der Begriff „NITL“ ist vermutlich aus einer Verballhornung von „dies natalis“ entstanden. Im Mittelalter war es den Juden verboten, an den Weihnachtsfeiertagen die Straßen zu betreten und Schulen und Synagogen zu besuchen, weshalb das Wort als Abkürzung von „Nit Jiden toren (= dürfen) lernen“ interpretiert wurde. In Osteuropa bezeichneten die Juden die vor der Heiligen als „Blinde Nacht“, man sagt, weil es ihnen in dieser zu gefährlich schien, mit dem Licht, dass sie zum Thorastudium brauchten, Aufmerksamkeit zu erregen. Genau das aber wurde ihnen von der christlichen Bevölkerung als Bosheit ausgelegt, da ein Aberglaube besagte, „dass Jesus nur Ruh‘ hat, wenn die J‘ lernen“.

In seinem farcenhaften Sittenbild hält Kronberg seinen Mitunmenschen den Spiegel vor die faschistischen Fratzen. Boshaft und beinhart analysiert er die Wirksamkeitsmechanismen der antisemitischen Agitation. In einem Provinznest leben die Bewohner in einem Dauerzustand der Angst, alles „andere“ wird abergläubisch dämonisiert, denn vor allem vom 23. auf den 24. Dezember soll das Böse ja seine Pranken nach den guten Christenmenschen ausstrecken. Diese angespannte Stimmung nützt nicht nur der örtliche Pfarrer, sondern nützen auch ein paar „Vorübergehende“, um den Judenhass zu schüren. Auf Massenhysterie folgt Massenpanik folgen Machtfantasien, die ein Opfer suchen …

„Das ist ein Weihnachtsgedanke: einer Jüdin wurde ein Kind geboren. Der Jude Jesus wurde unentwegt, immer gekreuzigt. Er wurde davon nicht schöner. Im Bild des Messias geistert er wie ein stets unwillkommener Bettler, als Dichter verschrien, durch die Völker und Länder“, formulierte Kronberg in einem Brief an eine Ex-Frau, als er ihr sein Manuskript übersandte. Prückner hat, fürs Publikum erklärend, dramaturgisch allerdings überaus komplex, etliche dieser Briefe, biografische Notizen und Passagen aus dem Stück „Der Tod im Hafen“ mit „Blinde Nacht – Nittel“ collagiert. Und er bedient sich eines weiteren Kunstgriffs, indem er als „Spielleiter“ das Ensemble zu einer Probensituation zusammenruft.

Die Dorfbewohner sind erst fadisiert …: Bernhardt Jammernegg und Barbara Schandl. Bild: Jakub Kavin

… dann alarmiert: Elisabeth Halikiopoulos als Wirtin und Bernhardt Jammernegg als Schuster. Bild: Jakub Kavin

Feindbild Flüchtlingskoffer: Eszter Hollósi als Schwester Frida und Elisabeth Halikiopoulos als Hebamme. Bild: Jakub Kavin

Weise aus dem Morgenland: Eszter Hollósi, Andreas Kosek und Anna Nowak als Erster, Zweiter, Dritter Jude. Bild: Jakub Kavin

Elisabeth Halikiopoulos, Eszter Hollósi, Anna Nowak, Barbara Schandl, Bernhardt Jammernegg und Andreas Kosek, Prückner selbst auch als Konrad, verkörpern derart nicht nur mehrere Charaktere, sondern sind mit Textbuch in der Hand immer wieder auch Schauspieler, die versuchen müssen, den sich ausbreitenden Wahnsinn einer Menschenhatz greifbar, da unbegreifbar, zu machen. Ausgelöst wird die Mordtat durch die bevorstehende Geburt eines Kindes. Anna Nowak als Christine wird vom Pfarrer der Sünde bezichtigt, weil sich ihr Neuankömmling auf diese Welt vor den so sehnlich erwarteten Heiland drängen wolle.

„Bete! Dass es sich verkrieche in deinen Leib …“, droht ihr ein maliziöser Bernhardt Jammernegg, und umzingelt von der bigotten Hebamme der Elisabeth Halikiopoulos und ihrer gehässigen Schwester Frida, eine Rolle für Eszter Hollósi, schickt Christine ihren einfältigen Ehemann Georg, dargestellt von Andreas Kosek, in den Wald, um dort geweihte Kräuter zu verfeuern. Ein heidnisch anmutendes Ritual. Prückner baut dazu eine Teufelsbrücke von der unbemannten Frida sexueller Frustration zu religiösem Fanatismus zum Niemals Vergessen.

Bei Wirtin Halikiopoulos versammeln sich Schuster Jammernegg, Bäcker Nowak und Barbara Schandl als Tischler, sie auch Komponistin des Songs „Schritt für Schritt“, den die Zuschauer zum Schluss begeistert mitsingen. Die Bierlaune eskaliert, von draußen sind die Rufe nach dem „Saujud!“ zu hören, die „Vorübergehenden“ mischen sich als Aufwiegler unters Volk, das plötzlich zu Pogromisten mutiert – mit dem in seiner Verzweiflung und Verwirrung realitätsfernen Georg als Rädelsführer. Das intensive Spiel der TheaterArche-Crew geht so tief unter die Haut, dass einem die Haare zu Berge stehen. Wenn Jammerneggs Pfarrer seine Psalmen orgelt, wenn die Handwerker sich ihre Hartherzigkeit und ihren Haudrauf-Mut ansaufen.

Den „Geruch von Fremden“ wittern sie in der erfrorenen Luft, und Prückner vergisst im Zeitgeschichtlichen nicht das Thema der Stunde, die Flüchtlinge „vor den Toren Europas“, medial schon wieder zur -krise, weil -welle entmenscht. Im Namen Gottes bitten auch diese Herbergssucher um Obdach, ihnen leihen dieselben Schauspieler Gestalt und Stimme, die auch die „Vorübergehenden“ sind. Aus Tätern werden Opfer, doch „in der Nacht vor Christi Geburt gibt’s keine Betten“ – schon gar keine kostenlosen, Konsum geht vor Güte, also Lager, Moria, Vučjak, streng bewacht und schikaniert, dort sitzen sie mit ihren Koffern.

Der Jude Konrad wird in der Nacht vor Weihnachten ums Leben gebracht: Christoph Prückner und Eszter Hollósi als Konrads christliche Ehefrau Lisa. Bild: Jakub Kavin

Den Protagonisten von Kronbergs zweitem Handlungsstrang verkörpert Prückner selbst, den Juden Konrad, den einzigen weit und breit, verheiratet mit der Christin Lisa, diese: Eszter Hollósi, des Autors desaströses Beispiel für „geglückte Integration“, fühlt Konrad sich doch als Mitglied der Gemeinde und ergo in trügerischer Sicherheit, sogar als der Hetztrupp schon vor seiner Haustür randaliert. Und während ihn Lisa vor Anfeindungen warnt, die

Konrad mit einem verärgerten „Soll ich den Spuk um Jude, Nichtjude ernsthaft nehmen?“ abtut, treten drei Figuren auf, benannt als Erster bis Dritter Jude, die nicht nur der allein gelassenen Christine bei der Entbindung helfen, sondern auch schwer bepackte Säcke und Rucksäcke mit sich tragen – als wären sie Reminiszenz an den Glauben, dass aus dem Morgenland Weise und Könige mit ihren Gaben und Begabungen kämen.

Eine interpretativ kaum zu fassende Figur, ist Konrads Freund Daniel, erst nur Stimme von Anna Nowak und Barbara Schandl, schließlich von Bernhardt Jammernegg zum Auftritt gebracht, Daniel, der durch seine Spiritualität den Grausamkeiten beizukommen vermag, Daniel, der biblische Prophet, der Sohn des Leides, der ewige Zeuge des Unrechts, das Christen an Juden verüben, Daniel, Simon Kronbergs Sohn, in der Diskussion mit Konrad gleichsam im Zwiegespräch mit dem abwesenden Vater. Es ist nicht wenig Stoff, den Christoph Prückner in seine Inszenierung packt, „Blinde Nacht – Nittel“ unbedingt ein Abend, der zum Mitdenken auffordert, zum Nachdenken anregt.

Der Weg von der kalkulierten Agitation einzelner zur Aggression, zur Affekthandlung vieler steht dieser Tage wieder einmal weit offen. Am Ende wird Konrad ermordet sein, sein Haus zum Freudenfeuer für den christlichen Gott. Kronberg beschließt sein Drama resignativ, ohne zu hoffen, dass die Demagogie je in ihrer Irrationalität entlarvt werden wird. Im Theatersaal der TheaterArche trifft einen das letzte Bild mit voller Wucht, der an der Rückwand der ehemaligen Möbelfabrik Ludwig eingemauerte, halbkreisrunde Schamott weckt Assoziationen zu den Öfen der NS-Vernichtungslager. Ein starkes Stück großartig gespielt, ein außergewöhnlicher Aufführungsort – und ein Dramatiker, von dem man unbedingt mehr sehen möchte. Wiederaufnahme 2020 ist geplant.

Video: www.tv21.at/l/blinde-nacht-von-simon-kronberg-exklusiv-nur-auf-tv21-als-ganzes-stuck/           www.theaterarche.at          buecher.hagalil.com/sonstiges/kronberg.htm

  1. 12. 2019

Burgtheater: Eines langen Tages Reise in die Nacht

April 15, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Familienzerfleischung vor Felsformation

August Diehl, Alexander Fehling, Corinna Kirchhoff und Sven-Eric Bechtolf. Bild: Bernd Uhlig

Ein Zelebrieren der Langsamkeit ist Andrea Breths Inszenierung von Eugene O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“. Fast vier Stunden dauert der wehmütige, seltsam verwehte Abend, durch den die Darsteller wie somnambul und weißgewandet geistern. Der Breth gelingt damit großes Theater. Präzise seziert sie des Autors Familienzerfleischung – das ist so schmerzhaft wie schön, und entfaltet eine ungeheure Sogwirkung.

Selten zuvor war an dem oft gesehenen Stück spürbar, wie sehr Verletzung durch große Liebe entsteht. Die Morphinistin und ihre beiden Alkoholiker, der Tuberkulosekranke und sein pathologischer Geizhals, die Hysterikerin und die Nicht-mehr-Hinhören-Könner sind hier vier ineinander verzahnte Existenzen. Keiner kann ohne, niemand mit den anderen. Dass sich da unterschwellige Aggressionen an die Oberfläche Bahn brechen, ist klar. Doch kaum hat man sich angepöbelt oder gar gerauft, herrscht wieder eitel Eintracht. Familie ist, sagt Breth, eine lebenslang erdrückende Umarmung, die zum Erstickungstod führen muss.

Dass Edmund am Ende, ein Bild des Friedens, am Meer sitzt, nachdem all die Drogenkonsumenten endlich ins Bett gefunden haben, glaubt man ihm kaum. Aus der Familie Tyrone, wie Breth sie malt, gibt es im Guten wie im Schlechten kein Entkommen. Da hilft kein retrospektiv versöhnlicher Schlussmoment, kein versonnener Blick in die Ferne der Zukunft. O’Neill selbst macht das deutlich, hat er doch seinen autobiografischen Text spät geschrieben und nur zur posthumen Veröffentlichung freigegeben …

Am Burgtheater glänzt ein herausragendes Schauspielerquartett. Sven-Eric Bechtolf gibt den James Tyrone, Corinna Kirchhoff die Mary, Alexander Fehling und August Diehl die Söhne Jamie und Edmund. Andrea Wenzel holt aus ihren wenigen Auftritten als aufmüpfiges Hausmädchen Cathleen alles. Dreh- und Angelpunkt der Aufführung ist Kirchhoffs Mary. Kirchhoff spielt die Süchtige mit enormem Charisma. Mit fahrigen Fingern streicht sie immer wieder ihre Haare zurecht, versichert mit vor vorgegaukelten Emotionen überschnappender Stimme, ihre Sucht im Griff zu haben, bevor sie sich eben wegen dieser wieder in schwatzhaftes Selbstmitleid ergießt.

Sie ist die Manipulative, die größte Egoistin unter den Egozentrikern, und wie sie in ihren Erinnerungen lebt und andere für ihre zerstörten Träume verantwortlich macht, als hätt’s nie gegolten, einen Entscheid selbst zu treffen, das ist großes Kino. Dann, je mehr sie wieder in ihrer Sucht verschwindet, wird diese Mary immer mehr zum jenseitig-empyreischen Wesen. Bis sie schließlich mit hohem Stimmchen und wie abwesend über die Bühne torkelnd ihre Frömmeleien verkündet.

Sven-Eric Bechtolf und August Diehl. Bild: Bernd Uhlig

Corinna Kirchhoff und Sven-Eric Bechtolf. Bild: Bernd Uhlig

Diese hat Martin Zehetgruber als endzeitliche Küste angelegt. Statt in die von O’Neill verlangte Abbildung des elterlichen Sommerhauses, das Monte Christo Cottage in Conneticut, verlegt er die Handlung in eine nebelig düstere Landschaft, in der eine Felsformation einen Wasserlauf säumt, den die Darsteller immer wieder spritzend durchqueren müssen. Im Hintergrund ein Walskelett, das sich endlich nach vorne drehen und Edmunds letzter Begleiter sein wird. So entsteht atmosphärisch dicht eine Situation, die niemandes Zuhause sein kann – wie Mary stets beklagt, in ihrer Ehe kein Heim gehabt zu haben, ein Umstand, den wohl auch die Söhne so empfinden.

Am unbehaust Umherziehen der Familie Tyrone trägt natürlich deren Oberhaupt James die Schuld. Sven-Eric Bechtolf gibt den Ein-Stück-Schauspieler mit Hang zur ausladenden dramatischen Geste. Stets ist an seinem James deutlich, dass er die Vaterrolle auch „spielt“, wenn er zwischen Eigensinn und echter Sorge um seine Frau und seinen Sohn, gefangen in seinen Zwängen und Ängsten, und zwischen Großsprecherei und Kleinmut changiert. Bechtolf brilliert in seinem intensiven Auftreten. Wie Alexander Fehling, der als Jamie die Krankheiten des James‘ geerbt hat und wie er zwischen Selbstverteidigung und -anklage pendelt.

Berührend, wie er vom Kraftlackl im ersten Teil zum betrunkenen Häufchen Elend wird. In einer Saufszene mit Edmund legt Breth ihr Konzept deutlich dar, dass hier alles gesagt und getan wird, weil Menschen in übergroßer Zuneigung einander zu viel abverlangen … Bleibt Edmund, des Autors Alter Ego, August Diehl. Der hat sich den zwar ebenso Desillusionierten, aber immer noch Familienfreundlichen wie eine zweite Haut angezogen. Herzerwärmend, wie er, als es schon längst die Diagnose Schwindsucht gibt, den anderen bei ihren Selbstsüchteleien noch zuhört und zusieht. Alles in allem überzeugt Diehl am meisten durch seine Wahrhaftigkeit. „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ am Burgtheater ist ein überragend gelungener Theaterabend, streckenweise larger than live, den man nur empfehlen kann.

www.burgtheater.at

  1. 4. 2018