Volx/Margareten: Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause

Mai 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Völlig losgelöst von der Erde

Sebastian Pass und Anja Herden. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Ende der 1970er-Jahre zeigte endlich auch der ORF die britische Science-Fiction-Serie „Star Maidens“, ein nicht bierernst gemeinter Battle of Sexes, ein Umkehrspiel tatsächlich bestehender Machtverhältnisse, nach dem wir Mädchen so verrückt waren, dass wir per Androhung eines Aufstands im Aufenthaltsraum des Schikurszentrums einen Fernsehapparat ertrotzten, um nur ja keine Folge zu verpassen.

War ja auch zu schön, die All-Schwestern, die über ihren Planeten Medusa regierten, während die Männer, der berühmteste davon Pierre Brice, ihnen als „Abhängige“ oder „Unfreie“, erstere als Haussklaven, zweitere wegen Ungehorsam auf die toxische Oberfläche strafversetzt, zu dienen hatten. Ähnliches hat sich Autorin Sibylle Berg für ihre Groteske „Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause“ überlegt, die Felix Hafner nun im Volx/Margareten inszeniert hat.

Das Setting ist ein chauvinistisches System, ein vereintes Europa ist Vergangenheit, der Kontinent im Würgegriff von Nationalismus und Faschismus, Fremdwörter und jede Form gesellschaftspolitisch korrekter Sprache sind verboten, „alle Länder werden von Männern regiert, die nackt auf Pferden sitzen und eine Mauer um ihr Land gebaut haben“. Berg untermauert ihre Thesen mit trübbrauen Sätzen. Was der Frau also bleibt, ist die Flucht. Völlig losgelöst von der Erde wollen vier Weltraumfahrerinnen auf dem Mars eine matriarchale Siedlung gründen. Allein, um den Fortbestand dieser zu sichern, braucht es Männer, notgedrungen, fürs Geschlechtliche …

Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

 

Mit Glitzervorhang, Matratze, Polstern und Decken schafft Hafner das utopisch-schwülstige Ambiente für Bergs wuchtigen Text, der mit etwa „Das kann einen doch verrückt machen, dass ein Mensch, mit dem man in einem Bett liegt, seine eigenen Gedanken hat, fast wie jeder beliebige Fremde, und dass man nie, nie eine Nähe herstellt …“  vor schönen, wahren, traurigen Sätzen strotzt. Nach „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ und „Und dann kam Mirna“ ist „Nach uns das All“ der letzte Teil von Bergs Menschen-mit-Problemen-Trilogie, und ihre Antiheldin des 21. Jahrhunderts muss diesmal zur Rettung der Menschheit bei einer Castingshow antreten. Mission Mars, heißt das Motto, doch die Besiedelung ist paarweise zu bewerkstelligen, also müssen Partner her.

Berg hat in ihrem Text nicht vorgegeben, wie viele Personen diesen zu realisieren haben. Gelesen werden könnte er auch als verzweifelter Monolog einer Frau mit multiplen Persönlichkeiten, die diese immer wieder anruft. Hafner hat sich mit Anja Herden, Saskia Klar und Isabella Knöll, Peter Fasching, Sebastian Plass und Lukas Wurm für drei Frauen und drei Männer entschieden, die meist im Chor sprechen und nur selten als Individuen auftreten. Es sind also sechs Millennials, die sich im Schlagschatten einer Raketenstartrampe mit Bio- und Psychotests und dem IT-Wissen Sechzehnjähriger auf die Flucht vor der Unerträglichkeit vorbereiten. Die Situation unterfüttert der Regisseur mit Tschechows „Drei Schwestern“, statt Gemma, Lina und Mirna werden auch Olga, Irina und Mascha angerufen, nur heißt’s eben nicht mehr: Nach Moskau!, sondern Zum Mars!

In vielen kleinen Inszenierungsdetail entwickelt Hafner die Charaktere, und derart treten drei selbstbewusste, selbstironische Frauen einem Grüppchen Männer entgegen, einer schwul, einer arbeitslos, einer nimmt aus einer nationalen Verbindung Reißaus, denen es selbst am meisten ausmacht, auf die Rolle des Samenspenders reduziert zu sein. Sie versuchen sich um nichts weniger von ihren Qualitäten zu überzeugen, als die Damenwelt, die sich zwischendurch durchaus mal lüstern räkelt, aber nur um gleich darauf den weiblichen Macho zu markieren, und die Männer in ihre Schranken zu weisen.

Mit „Nach uns das All“ ist Hafner der derzeit definitiv gewitzteste, selbstkritischste und in jeder Hinsicht gegenwärtigste Theaterabend gelungen, der das Publikum nicht über Zukunft, sondern über die Gegenwart nachdenken lässt. „Wir hätten sie nicht verärgern sollen, die 80 Prozent“, skandiert das Ensemble. „Im Sekundentakt wollten wir freie Drogen, kein Fleisch mehr an Schulen, das Recht, als Frau nackt durch die Straßen zu laufen, wir wollten, dass jeder jeden heiraten kann und dass Geräte, Pflanzen und Tiere Menschenrechte haben.“ Welch eine Übertreibungskunst.

Saskia Klar und Sebastian Pass. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Die hier zelebrierte Ironie trifft so knapp vor den EU-Wahlen nicht nur den Kern des europäischen Rechtsrucks, sondern auch die Links-Intellektuellen in ihrer Resignationsblase. Langer Applaus am Ende eines Abends, der die Frage stellt: Muss es wirklich so weit kommen? Und: Mit wem an Bord wird die Rakete schlussendlich abheben? Von Sibylle Berg gibt es dieses Frühjahr noch mehr: Erst kürzlich erschien ihr Roman „GRM – Brainfuck“, am 24. Mai bringt Ersan Mondtag bei den Wiener Festwochen ihr „Hass-Triptychon – Wege aus der Krise“ zur Uraufführung. Beides wird an dieser Stelle rezensiert werden.

www.volkstheater.at

15. 5. 2019

Rabenhof: Jö Schau

April 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Genialische Hommage an Georg Danzer

Jö Schau: Oliver Welter, Christoph Krutzler und Lucy McEvil singen Georg Danzer. Bild: © Rabenhof / Sophie Menegaldo Newman & Co

Beim Intro von „Jö Schau“ ist bereits klar, dass hier nicht nach Vorschrift musiziert werden wird. „Der Nackerte im Hawelka“ wird nämlich als Viergesang intoniert, die ausführenden Akteure sind Lucy McEvil, Christoph Krutzler, Oliver Welter und Alf Peherstorfer, das Nestroypreis-Quartett für den André-Heller-Abend „Holodrio, lass mich Dein Drecksstück sein!“ im Rabenhof. Nun haben sie sich ebendort das Œuvre von Georg Danzer vorgenommen, und genialischer als mit dieser Hommage kann man den legendären Liedermacher gar nicht würdigen.

Oliver Welter hat als musikalisches Mastermind der Unternehmung die Songs neu arrangiert, Hausherr Thomas Gratzer wie schon bei „Holodrio“ die Regie übernommen – mit dem Ergebnis einer Aufführung, die das gestrige Premierenpublikum am Ende ausgiebig akklamierte.

„Jö Schau“ führt in die Wiener Vorstadt und zur dort beheimateten Halbwelt. Veronika Tupy stellt dafür ein Café-Beisl auf die Bühne, das definitiv schon bessere Tage erlebt hat, ein 70er-Jahre Setting samt Flipper und ausrangiertem Autodrom-Mobil, auf den Tischen die Zeugen der Nacht, Gösser, Stoli und Asbach.

In diesem Etablissement geben Lucy McEvil, Oliver Welter und Christoph Krutzler die Trottoirschwalbe in der Leoparden-Kombinesch, den Ledersakko-Strizzi und den Goldketterl-überm-Feinripp-Träger, Peherstorfer in bewährter Manier den Barpianisten. Die Gemütslage unter den Gestrandeten in dieser schäbigen Spelunke ist Langeweile, man wartet auf einen Kunden oder den Rausch, und weil beides nicht kommt, hebt man halt zur Singerei an. Das heißt, nicht nur.

Das Ensemble interpretiert diverse Danzer-Texte auch ohne Tonkunst, und tatsächlich, gesprochen erweist sich umso deutlicher, welch großer Poet der gegen seinen Willen mit dem Austropop-Mascherl Versehene war. Welters Werk-Auswahl beinhaltet sowohl die großen Hits als auch wiederzuentdeckende Kleinode, sie reicht von den Spaßliedern übers Schwermütige bis zu den gesellschaftskritischen Songs, und selbstverständlich hinüber ins Suderantische und Versaute. Die Darsteller machen aus Danzers mit Gaudenzdorfer Auskennertum geschaffenen Miniaturen allerhand Typen – solche zum Bemitleiden und solche zum Abgrausen. Mit Charme und Witz und Hang zum Kabarettistischen gestalten sie des Schöpfers Ang’soffene und Ang’speiste, Kniera und Tachinierer, Gfrastsackln und Auf-die-Goschn-Gefallene, seine alter egoistischen Hirnzermarterer und die Zyniker.

Lucy McEvil als Elfi mit Alf Peherstorfer. Bild: © Rabenhof / Sophie Menegaldo Newman & Co

Vorstadtcasanova Christoph Krutzler greift zur Gitarre. Bild: © Rabenhof / Sophie Menegaldo Newman & Co

Lucy McEvil kann sogar ein „Geh in Oasch“ mit Sexappeal ausstatten und ergreifen, wenn sie über „Meine arme tote, aufgeschnittene Mutter“ sinniert, Oliver Welter darf zwischen „Ruaf mi net aun“ und dem „Legendären Wixxerblues“ sein Selbstmitleid verschmachten, mitunter dazu countrymäßig heulen wie ein Schlosshund, und gemeinsam mit Christoph Krutzler la Lucy im Dialog „San Sie ledig/Zieh dich aus“ als Möchtegernmacho bedrängen. Aus der „Elfi“ fertigen McEvil und Welter ein Duett, singt sie eben „du woast dreizehn joa“ und er „du woast anazwanzg und wunderscheh fia mi“, die „Ballade vom versteckten Tschurifetzen“, auf Hochdeutsch: ein Intimpflegetuch nach dem Geschlechtsverkehr, präsentiert McEvil mit Alf Peherstorfer als Rap.

Danzers Stücke eignen sich perfekt fürs Schauspielen, eine Disziplin, in der Christoph Krutzler zur Hochform aufläuft, der im ebenfalls gemeinsam mit Welter vorgetragenen Mix von „I verlass di/I wünsch da vü Glück“ und der Zeile „laß die mutter sche griaßen / und der nachbarin ihr’n hund“ eine neue Dimension weinerlicher Tragikomik anpeilt. Als so großmäuliger wie minderbegabter Mime macht er aus „Ich bin da Mörda“ ein Kabinettstück, als „Vorstadtcasanova“ greift er zur Klampfn, um die Damen zu Gitarrenklängen „übas glanda“ zu biagn. Es rührt ans Herz, Danzers Dialekt- und Kraftausdrücke, seine Wienerismen zu hören, die mittlerweile so akut vom Aussterben bedroht sind.

Mittendrin wird’s – wiewohl die Lieder alle zu Beginn der 1980er-Jahre entstanden sind – politisch, brisant, hochaktuell. Lucy McEvil singt  „Ruhe vor dem Sturm“, Christoph Krutzler über „Die Freiheit“, die im Zoo als seltene Art ausgestellt worden, hinter Gittern aber spurlos verschwunden ist. Dem Song hat Oliver Welter einen afrikanischen Rhythmus unterlegt, während er, als „Der alte Wessely“ von Hitler schwärmt, der „mid der gaunzn ausländischn bruat“ aufgeräumt hätte, sein Klavierspiel ins Atonale gleiten lässt. Schließlich „Ihr habt die Macht“: „euch geht es nicht um unser wohl / das lässt euch völlig kalt / und hinter eurem lächeln steckt / die fratze der gewalt / das recht, das ihr euch anmaßt / heißt nicht gerechtigkeit / gesetze panzern eure welt / doch nicht für alle zeit / noch täuscht ihr viele / doch ihr seid von einigen durchschaut / und irgendwann da kommt der tag / wo euch kein mensch mehr traut / ihr haltet uns in finsternis / doch wir entzünden licht / ihr habt die macht / noch habt ihr sie – / unsre liebe / habt ihr / nicht“.

Geh in Oasch: Lucy McEvil, Oliver Welter, Christoph Krutzler und Alf Peherstorfer. Bild: © Rabenhof / Sophie Menegaldo Newman & Co

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer natürlich „Lass mi amoi no d’Sunn aufgehn’n segn“ am Schluss und Standing Ovations danach, außer, dass man gern noch den „Frauenmörder Wurm“ oder die „Alte Drecksau“ oder übers Haschisch im Schokoladenei gehört hätte … oder … oder … oder? Verehrter Herr Danzer, meine Verehrung, habedere, werte Rabenhof-Truppe.

Video: www.youtube.com/watch?v=ajScO1D7hBw&feature=youtu.be

www.rabenhoftheater.com

  1. 4. 2019

James Baldwin: Nach der Flut das Feuer

März 3, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

„Wer mich für einen Nigger hält, hat das wohl nötig“

Dies also ist endlich das Werk, das James Baldwin zur weltweiten Ikone antirassistischer Bewegungen machte, jenes Buch, auf das alle späteren zum Thema zurückzuführen sind. Zehn Jahre war der Autor alt, als er zum ersten Mal Opfer weißer Polizeigewalt wurde, drei Jahrzehnte später, 1963, erschütterte er mit „Nach der Flut das Feuer“ die amerikanische Selbstwahrnehmung in ihren Grundfesten. Der Titel des Essaybands entstammt der Strophe eines Sklavenlieds, God gave Noah the rainbow sign, No more water, the fire next time!, und mit kraftvoller, präziser Sprache seziert Baldwin darin, was es bedeutet, in den USA mit schwarzer Hautfarbe geboren zu sein.

Baldwins Essays seien wie Brandbomben in Trump-Land, vermeldet Der Spiegel, und es ist kein Wunder, dass diese wichtige Stimme des 1960er-Civil Rights Movement dieser Tage auch im deutschsprachigen Raum ein Revival erlebt. Zu Zeiten von Hass und Hetze gegen geglaubt „Andersseiende“, zu Zeiten, da sich die Abwesenheit von Empathie erschreckend ausdehnt, zu Zeiten der Polittermini freiwillige Nachtruhe, Sicherungshaft und Ausreisezentren.

Bei dtv macht man sich um Neuübersetzungen samt aktueller Begleittexte verdient, die Romane „Von dieser Welt“ und „Beale Street Blues“ (dessen Kinoadaption durch Barry Jenkins ab 8. März zu sehen ist, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32324) sind bereits erschienen, für 2020 ist „Giovanni’s Room“ in Planung. Im Dokumentarfilm „I Am Not Your Negro“ beleuchtet Regisseur Raoul Peck Baldwins Leben (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25378).

Wenn Baldwin schreibt, so ist das stets politisch scharf und vehement poetisch. „Nach der Flut das Feuer“ beginnt mit einem Brief an seinen Neffen, Anlass ist der 100. Jahrestag der Sklavenbefreiung, in dem er diesen dazu aufruft, sich gegen die de facto vorhandene Segregation zu stemmen – Schwarze sind der ständigen Angst ausgesetzt, von der Polizei willkürlich verhaftet und misshandelt zu werden, in den Südstaaten wird nach wie vor gelyncht -, und führt zu seiner frustrierenden Erkenntnis über die fehlende Solidarität weißer Mitbürgerinnen und Mitbürger. Da passiert gerade der Marsch auf Washington, wo Martin Luther King seine berühmte Rede „I Have A Dream“ hält, da ist auch Malcolm X noch nicht ermordet. Da kommt es zum in die Geschichte eingegangenen Baldwin-Kennedy-Meeting – der Kennedy ist in diesem Fall der damalige Justizminister Robert F.

Baldwin macht sichtbar, was verschleiert oder verharmlost wird, die Tragweite von Unterdrückung, Ausgrenzung und Elend, er lässt ein „Du übertreibst“ seiner weißen Freunde nicht gelten. „Weiße müssen sich darüber klar werden, wozu sie den Nigger überhaupt erfunden haben, denn ich bin kein Nigger. Ich bin ein Mensch, aber wer mich für einen Nigger hält, hat das anscheinend nötig“, analysiert er treffend und fügt hinzu: „Hautfarbe ist keine menschliche oder persönliche Realität; sie ist eine politische Realität.“

Voller Zuneigung und kämpferischer Zuversicht will Baldwin seinen Neffen auf das Erwachsenwerden vorbereiten. So nüchtern der Schriftsteller die Verhältnisse bloßlegt, etwa, wenn er davor warnt, die Eigenbewertung nach dem Wertebild der Weißen zu orientieren, so ermutigend ist sein Brief. Auch zum Konzept der Integration hat der Autor eine klarsichtige Meinung, ist sie für ihn doch nur ein weiteres weißes Machtinstrument, das auf der Überzeugung basiert, Schwarze müssten sich nach deren Vorstellungen verhalten. Baldwin enttarnt Worte, Begriffe, Redewendungen als das rhetorische Gerüst des Rassismus: „Wer andere erniedrigt, erniedrigt sich selbst.“

Malcolm X. Bild: pixabay.com

Robert Kennedy. Bild: pixabay.com

Martin Luther King. Bild: pixabay.com

Im zweiten Essay berichtet Baldwin von seiner Jugend. Vom „Kniff“, der ihn vor der Straße rettete, die Religion nämlich, von der Popularität, die ihm seine Berufung zum Laienprediger brachte, schließlich von der Begegnung mit den Black Muslims – und einer Abkehr von jeglichem institutionalisierten Glauben. Von den Auseinandersetzungen mit seinem Stiefvater, einem Baptistenprediger, der von der Panik besessen war, „dass das Kind, indem es die Anmaßungen der weißen Welt infrage stellt, den Weg der Verdammnis einschlägt“. Von der Erkenntnis, dass er, da er die Klischees singen, tanzen oder boxen zu können, nicht erfülle, wohl ein Schreibender werden müsse.

Wie fatal nach Heute es klingt, wenn er notiert, die US-Polizei sei „völlig unvorbereitet … auf alles, was sich nicht mit einem Schlagstock, der Faust oder einem Schießeisen regeln lässt.“ Oder: „Manchmal denke ich verzweifelt, dass Amerikaner jede politische Rede unterschiedslos schlucken.“ Oder: „Vielleicht liegt die Wurzel unserer Misere, der menschlichen Misere darin, dass wir die ganze Schönheit unseres Lebens opfern, uns von Totems, Tabus, Kreuzen, Blutopfern, Kirchtürmen, Moscheen, Rassen, Armeen, Flaggen und Nationen einsperren lassen.“

Am Ende hält James Baldwin in „Nach der Flut das Feuer“ ein Plädoyer dafür, diese Welt gemeinsam zu gestalten. Sein Buch, formuliert Jana Pareigis in ihrem Vorwort, sei „Ausdruck eines radikalen Humanismus“. Allerdings auch Ausdruck der Überzeugung, dass es für die Umsetzung gleicher Rechte für alle, Freiheit und Menschenwürde grundlegender Strukturänderungen in Politik und Gesellschaft bedürfe. Wenn die Weißen gelernt hätten, sich selbst und einander zu akzeptieren, vielleicht sogar zu lieben, schreibt Baldwin, dann „gibt es kein ,Negro problem‘ mehr, das wird dann nämlich nicht mehr gebraucht.“

Über den Autor: James Baldwin, 1924 in New York geboren, war und ist vieles: ein verehrter, vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und eine Ikone der Gleichberechtigung aller Menschen, ungeachtet ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung oder ihres Herkunftsmilieus. Baldwin starb 1987 in Südfrankreich, aber sein Bann ist ungebrochen bis heute. Zuletzt erschien bei dtv die Neuübersetzung seines Romans „Beale Street Blues“.

dtv Literatur, James Baldwin: „Nach der Flut das Feuer“, Essays, 128 Seiten. Mit einem Vorwort von Jana Pareigis. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow.

www.dtv.de/special-james-baldwin/tappingintobaldwin/c-1722

  1. 3. 2019

Burgtheater im Kasino: europa flieht nach europa

Oktober 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Mythos bei den Hörnern gepackt

Statt Sex mit dem Stier gibt’s für Europa eine Runde „Blinde Kuh“: Alina Fritsch, Sven Dolinski, Dorothee Hartinger, Marie-Luise Stockinger, Marta Kizyma und Valentin Postlmayr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Da steht sie also, Dorothee Hartinger als Europa, in blutiger Stola und sein Herz in der Hand, die Stiertöterin, die Freikämpferin. Noch bevor ihr Entführer zum Vergewaltiger werden konnte, hat sie Gott Zeus den Garaus gemacht. Wie wär’s auch anders möglich? Die Schöpfungsgeschichte eines ganzen Kontinents kann doch nicht mit einer Gewalttat beginnen! Also der Machomännertat flugs Frauenpower entgegengesetzt.

„Hier beginnt das Kapitel Hoffnung“, formuliert die Hartinger Europas euphorische Einladung an die „friedlichen Menschen“, einen Erdteil zu besiedeln, der „nicht in Blut getränkt“ sein soll. Dass sie da bald resignieren muss angesichts rechter Realitäten, Unrechtmäßigkeiten, Grausamkeiten, Gräuelerbe, ist klar.

Die Wiener Dramatikerin Miroslava Svolikova hat den Mythos bei den Hörnern gepackt und mit „europa flieht nach europa“ einen hinterlistig heiteren Text verfasst, der nach der Uraufführung bei den Berliner Autorentheatertagen nun im Kasino des Burgtheaters Premiere hatte. „ein dramatisches gedicht in mehreren tableaus“ nennt die Autorin ihre Arbeit, der Titel wohl als Reminiszenz an 2500 Jahre Vertreibung, Flucht, Völkerwanderung gedacht. Tatsächlich klingen die melodiös mäandernden Satzkaskaden mit ihren Aus- und Abschweifungen einigermaßen jelinekisch, eine Hommage an die Große und deren In-immer-wieder-Worte-Fassung eines beklemmenden Heimatbegriffs. Bei Svolikova wird das „Abenteuer Abendland“ vollends zur Farce.

Dementsprechend hat Regisseur Franz-Xaver-Mayr eine tragikomische Clownerie inszeniert, einen grellen „karneval der wirklichkeit“ – dieser als Burg-Spielzeitmotto von Svolikova entliehen -, auf dem Kreuzzügler, Kolonialisten, Kapitalisten und Klassenkämpfer ihren Bilderringelreihen aufführen. Den beginnt Valentin Postlmayr als mit aufgemalten Muskeln bepackter König; erst stotternd, bis es ihn beinah zerreißend aus ihm herausbricht, weidet er sich an seiner totalitären Regentschaft. Später wird Postlmayr gemeinsam mit Sven Dolinski zwei als Bauern verkleidete Beamte mimen, die sich mit Falsettstimme freuen, dass es das Leben mit beiden Ständen so schlecht meint. Auftritt der drei Moiren, die den Faden, den sie dafür in Händen halten, allerdings alsbald verlieren.

Der personifizierte Regenbogen: Dorothee Hartinger, Sven Dolinski, Marta Kizyma und Valentin Postlmayr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Europas Kinder machen Mut: Marta Kizyma, Valentin Postlmayr, Sven Dolinski, Marie-Luise Stockinger, Alina Fritsch und Dorothee Hartinger. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Marta Kizyma spielt eine Hexe nach Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen, Alina Fritsch den waffenbewehrten, in imperialistischem Denken verhafteten Adelsstand, Marie-Luise Stockinger macht die Ambivalenz der Wissenschaft deutlich – als Lebenvernichter wie dessen Erschaffer -, um schließlich einen Priester darzustellen, der den Verfall von Sitte, Anstand, Familie beklagt. Ihnen allen bietet Europa, nun in rosafarbener Krinoline, ihr Zitzenunterkleid als Nahrungsquelle an, aber ach Aktualität!, „es kommen immer mehr“. Dolinski tritt als Regenbogen auf, der gequetscht wird, bis alle Farben zusammenrinnen und braun werden. Folie auf Folie zieht Svolikova ab, um Geschichte wie Gegenwart bloßzulegen.

Mayr setzt ihr lyrisches Sprachgewühl höchst exakt um. Präzise einstudierte Sprechchöre und aufwändige Gesangsnummern bringen den Abend zum Klingen. Mit Dadada- und Lalala-Lauten instrumentiert er die Europahymne, wie man sie schräger noch nie gehört hat. Dennoch verblödelt er die Vorlage nicht, er nimmt nur mit der ihm gegebenen Leichtigkeit auf, was Symbollast hätte werden können.

Nachdem Europas Grundpfeiler – griechische Demokratie, römisches Recht, christliche Nächstenliebe, die Aufklärung und ihr Bildungsgut, Willkommenskultur – derart ironisch abgeklopft und als mängelhaft gemeldet sind, beschließt sie im schwarzen Traueroutfit zu sterben. Doch ihre Kinder machen Mut. Sie wollen nicht aufhören, das Neue zu erfinden, bis die Welt eine richtige geworden ist. Denn auch das ist Europa: Immer wieder Utopie, die aus dem Chaos entsteht. Das jungeuropäische Publikum applaudierte dieser Idee am Stückende begeistert.

www.burgtheater.at

  1. 10. 2018

Belvedere 21: Günter Brus. Unruhe nach dem Sturm

Januar 31, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Umfassende Retrospektive zum 80. Geburtstag

Günter Brus: Portfolio Ana IV, 1964/2004. Bild: Khasaq (Siegfried Klein), © Belvedere, Wien mit Anna Brus

Anlässlich seines 80. Geburtstags würdigt das Belvedere 21 ab 2. Februar das Gesamtwerk von Günter Brus mit einer umfassenden Retrospektive. „Passend zum Jahresmotto ‚Spirit of ’68‘, das 2018 als Klammer für die gesamten Aktivitäten des Hauses fungiert, wird mit dieser Ausstellung Günter Brus als großer Kunstrebell der 1960er-Jahre gewürdigt. Fünfzig Jahre nach der radikalen Aktion ,Kunst und Revolution‘ zeigen wir, dass Brus nie aufgehört hat sich weiterzuentwickeln“, so Generaldirektorin Stella Rollig.

Günter Brus gehört heute zu den wesentlichen internationalen künstlerischen Positionen in Österreich. Als Vertreter des Wiener Aktionismus thematisiert der Künstler in den 1960er-Jahren mit eindringlicher Präsenz die physische und psychische Verfasstheit des Menschen und die Ausgesetztheit des Individuums gegenüber gesellschaftlichen Regelwerken. Mit seinem radikalen, körperbezogenen und performativen Werk gelingt es ihm, sich von der „Marke“ Wiener Aktionismus zu lösen und sich als wesentlicher Wegbereiter der internationalen Aktions- und Performancekunst in die Geschichte einzuschreiben. 1970 wendet sich Günter Brus von der Aktionskunst ab und beschäftigt sich zunehmend mit dem Medium Zeichnung, mit „Bild-Dichtungen“ und Theaterarbeiten.

Ein Anliegen dieser Schau ist die umfassende Präsentation der ausgewählten Serien. Neben den bekannten Aktionsfotos, ergänzt um bisher kaum gezeigtes Material, werden Brus’ serielle Zeichnungen und „Bild-Dichtungen“, darunter der 160-teilige Zyklus „Leuchtstoffpoesie und Zeichenchirurgie“, in ihrer Gesamtheit gezeigt. Insgesamt sind rund 120 Werkzyklen und Werke mit mehr als 700 Einzelobjekten in der Ausstellung zu sehen, darunter Filme und bisher unbekannte Werkserien. „Die Ausstellung  wirft einen Blick auf das gesamte Œuvre des Künstlers und macht Zusammenhänge sichtbar. So sind die Theaterprojekte, die Zeichnungszyklen und die Künstlerbücher genauso wie die frühe gestische Malerei und die bekannten Aktionen Indizien für Brus’ radikale Kunstauffassung einer konsequenten Zerstörung des Kunstwerks, genauer gesagt seiner traditionellen Gestalt als Tafelmalerei“, erläutert Kurator Harald Krejci.

Günter Brus, Portfolio Ana IV, 1964/2004. Bild: Khasaq (Siegfried Klein), © Belvedere, Wien (Bild: Johannes Stoll) mit Anna Brus

Günter Brus, Portfolio Ana IV, 1964/2004. Bild: Khasaq (Siegfried Klein), © Belvedere, Wien (Bild: Johannes Stoll) mit Anna Brus

Die Retrospektive öffnet sechs Themenfelder: Malerei im erweiterten Feld, Günter und Anna Brus, Bild und Narration, Kollaborationen, Theater und Psyche sowie die Berliner Zeit. Einen besonderen Fokus legt die Ausstellung auf Günter Brus’ Zusammenarbeit mit seiner Frau Anna, der Namensgeberin seiner ersten Performance. Aufgezeigt wird Anna Brus’ Anteil an der Erarbeitung der Aktionen. Anders als seine Mitstreiter Mühl oder Nitsch, die in ihren Arbeiten und im Umgang mit ihren Modellen dem Machismus verhaftet waren, hat Günter Brus immer mit seiner Frau kooperiert. Anna Brus sicherte den Lebensunterhalt für ihre Familie und wirkte in ihrer Freizeit bei Aktionen mit – ein Familienmodell, das in den frühen 1970er-Jahren sehr unüblich war. Inwieweit diese Form der Partnerschaft eine bewusste Entscheidung mit emanzipativer Grundhaltung war, bleibt offen. Fakt ist, dass Günter Brus Geschlechterrollen in seinem Werk immer wieder aufgreift und damit stereotype Zu schreibungen und Rollenbilder hinterfragt.

www.belvedere.at

1. 2. 2018