Volksoper: Wonderful Town

Dezember 10, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Sarah Schütz rockt die Show

In Greenwich Village geht es hoch her: Olivia Delauré als Eileen, Sarah Schütz als Ruth, Peter Lesiak als „The Wreck“ Loomis, Ines Hengl-Pirker als Violet, Cedric Lee Bradley als Speedy Valenti und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Mit Standing Ovations endete gestern Abend die Premiere von „Wonderful Town“ an der Volksoper. Zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein wollte Hausherr Robert Meyer dem Publikum etwas Besonderes bieten, und das ist mit dieser Musical-Rarität hervorragend gelungen. Stimmt an der Aufführung, die Inszenierung eine Koproduktion mit der Staatsoperette Dresden, doch einfach alles – von der gewitzten Regie Matthias Davids‘ über das schwungvolle Dirigat von James Holmes.

Bis zu den darstellerischen Leistungen, allen voran die von der Elbstadt nach Wien übersiedelten Volksopern-Debütantinnen Sarah Schütz und Olivia Delauré als Schwesternpaar Ruth und Eileen Sherwood. Sarah Schütz rockt die Show! Inhaltlich ist „Wonderful Town“ keine große Sache: Die beiden Landpomeranzen Ruth und Eileen kommen aus Ohio in den Big Apple, um dort ihre unbegrenzten Möglichkeiten auszuloten. Die eine ist klug, aber ungeküsst, die andere eine Schönheit, erstere will Schriftstellerin werden, zweitere Schauspielerin. Man mietet eine schäbige Unterkunft in Greenwich Village – und schon geht das Spiel um viele Verehrer und ein paar Troubles los, Happy End absehbar. Joseph Fields und Jerome Chodorov schrieben das Libretto entlang ihres Theaterstücks „My Sister Eileen“, Betty Comden und Adolph Green die Liedtexte, und erst diese in Kombination mit Bernsteins famoser Musik machen das Musical aus dem Jahr 1953 einzigartig.

Die brasilianischen Seekadetten interessiert nur die Conga: Olivia Delauré als Eileen und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Ruth überzeugt die Gäste im Village Vortex vom Swing: Sarah Schütz und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Bernstein lässt den Rhythmus New Yorks in all seinen Facetten pulsieren. Rasant reiht sich Broadwaysound an Jazzelemente an Swing, dann wieder wird’s statt stürmisch smooth. James Holmes führt das Volksopernorchester mit viel Drive wie eine Big Band, er folgt Bernsteins Einfallsreichtum punktgenau, kann’s etwa bei der Conga der brasilianischen Seekadetten witzig-spritzig, beim Schwesternduett „Ohio“ auf Country-&-Western-Art oder bei Robert Bakers „Ein stilles Girl“ elegisch lyrisch. Matthias Davids belässt die Handlung in den 1930er-Jahren, er hat sich mit seiner wirbelwindigen Arbeit am Stil der Screwball-Comedys orientiert, setzt auf Tempo, Temperament und Timing, und setzt auf den Wortwitz der für Wien von Christoph Wagner-Trenkwitz angepassten Vorlage.

Damit die zahlreichen Szenenwechsel ruckzuck funktionieren, hat Mathias Fischer-Dieskau ein Bühnenbild aus einer drehbaren Skyline und verschiebbaren Skyscrapern, inklusive Flat Iron und Chrysler Building, erdacht, das den American Dream im Reich und Arm zwischen dem abgewohnten Souterrain der Sherwood-Schwestern und von Neonreklame beschienenen Nachtklubs ansiedelt. Als Kostüme gibt es dazu von Judith Peter stilgerecht schwingende Glockenkleider, Trenchcoats samt kecken Hütchen und Marlenehosen.

Peter Lesiak als „The Wreck“ Loomis und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Cedric Lee Bradley als Speedy Valenti und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

In diesem Setting dreht sich das Großstadtkarussell um Sarah Schütz und Olivia Delauré. Und die beiden erweisen sich nicht nur als sängerisch wunderbares Sopran-Alt-Duo, sondern auch als großartige Komödiantinnen, die herb Nüchterne und die flirty Naive, die es verstehen, mit trockenem Humor ihre Pointen zu setzen. Delauré gibt die Eileen mit Charme und jener unschuldigen Mädchenhaftigkeit, in der ihr gar nicht bewusst zu sein scheint, dass die Männer um sie kreisen, wie die Motten ums Licht. Das Bühnengeschehen allerdings dominiert Sarah Schütz, die ihre Ruth mit einer gepfefferten Portion Sarkasmus ob ihres Nicht-so-hübsch-wie-die-Schwester-Seins ausstattet. Schütz hat Stimme, Spielfreude und Showtalent – und sorgt für etliche starke Momente. Etwa, wenn sie ihre „Hundert gold’nen Tipps, einen Mann zu verlier’n“ zum Besten gibt. Oder, wenn sie, als der Zeitungsredakteur Robert Baker endlich ihre melodramatischen Kurzgeschichten liest, diese für ihn auch gleich visualisiert.

Die Herren haben es neben so viel Frauenpower nicht leicht, zu bestehen. Hervorragend gelingt das Drew Sarich als verkopftem Bob Baker, der erst einen Schubs in die richtige Richtung Liebe braucht, ein gelungenes Rollenporträt von Sarich, wie Bob vom beruflichen Verlierer zum Gewinner im Leben wird, und Peter Lesiak als abgehalftertem Footballhelden „The Wreck“ Loomis. Trotz von Direktor Meyer angekündigter Verletzung und ergo Knieschiene tanzt und tobt Lesiak über die Bühne, dass man mitunter nicht umhin kann, um sein Wohlergehen zu fürchten … Christian Graf gefällt in mehreren Rollen, darunter als Schmierfink Chick Clark, Christian Dolezal als unfreundlicher Vermieter und untalentierter Maler Appopolous, Oliver Liebl unter anderem als verhuschter Feinkost-Filialleiter Frank Lippencott, Cedric Lee Bradley als geschmeidiger Speedy Valenti.

Vorstellungsgespräch in der Zeitungsredaktion: Oliver Liebl als Redakteur, Drew Sarich als Robert Baker, Jakob Semotan als Redakteur und Sarah Schütz als Ruth Sherwood. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Der begnadete Tänzer dominiert auch immer wieder die handlungstragenden, revueartigen Choreografien von Melissa King. In riesigen Chor- und Ballettszenen zeigen der Volksopernchor, der sich nicht nur in der Figurengestaltung perfekt, sondern auch in kleinen Solonummern präsentiert, und das Wiener Staatsballett die ganze Bandbreite ihres Könnens. „Wonderful Town“ an der Volksoper ist ein rundum gelungener Gute-Laune-Abend. Kein Wunder, dass es die Zuschauer zum Schluss nicht mehr auf ihren Sitzen hielt.

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=LhKenAg3pw0

www.volksoper.at

  1. 12. 2018

In My Room

Dezember 6, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Postapokalyptischer Reiter

Zu Pferd erkundet Armin die Umgebung: Hans Löw. Bild: Polyfilm Verleih

Es klappt gar nichts. So führt Filmemacher Ulrich Köhler den Anti-Helden Armin aus „In My Room“ ein. Mehr als dreißig Minuten lässt er sich Zeit, die Figur zu erklären, diesen in seinem Leben desorientierten ZDF-Kameramann, der die Aufnahmen von Pressekonferenzen politischer Parteien versemmelt, weil er das Entscheidende nicht im Blick hat.

Später an einem Abschleppversuch scheitert, indem er mit einem präkoital-blöden Spruch die junge Frau vor Vollzug aus seiner Wohnung scheucht. Um sich schließlich, ein paar Schnitte später, am Bett seiner sterbenden Großmutter über deren Hinscheiden zu grämen. Omas triste Behausung deutet schon irgendwie auf Endzeit hin, und wie’s tatsächlich weitergeht, ist ab Freitag in den Kinos zu sehen.

„In My Room“ ist ein stiller Film, mit einem grandiosen Hauptdarsteller Hans Löw, dessen eindringliches, erzwungenermaßen schweigsames Spiel unter die Haut geht. Als Armin nämlich nach einer betrunken im Auto verschlafenen Nacht aufwacht, sind alle weg. Verschwunden. Kein Mensch mehr da. In Panik fährt Armin mit seiner ausgeleierten Karre über leere Straßen voller liegengelassener Fahrzeuge, im Fluss treibt ein Ausflugsschiff, die Tankstelle ist unbesetzt, da lässt sich immerhin gratis Benzin nachfüllen.

Regisseur und Drehbuchautor Köhler hält sich nicht mit hollywoodesken Spekulationen über The Day after auf, er katapultiert seinen Charakter in eine fantastische Versuchsanordnung, kreiert aus einem gängigen Sci-Fi-Motiv ein großartiges Gedankenspiel über die Conditio humana. Im nächsten Bild schon, und der für diese zuständige Patrick Orth versteht es, Köhlers Vision in ruhigen, dennoch kräftigen Aufnahmen umzusetzen, findet Armin auf der Autobahn einen Polizeiflitzer. Und wie er im Sportwagen hochtourig weiterrast, sich aus querstehendem Blechschrott einen Parcours bastelt, dessen computerspielartige Bewältigung der Zuschauer frontal durch die Windschutzscheibe mitverfolgt – da weiß man, der Mann hat verstanden, die Welt gehört ihm.

Bei der Großmutter: Ruth Bickelhaupt und Hans Löw. Bild: Polyfilm Verleih

Kirsi kommt an: Elena Radonicich und Hans Löw. Bild: Polyfilm Verleih

Und schon ist Armin ein postapokalyptischer Reiter, die Pferde findet er auf einem verwaisten Anhänger, ein moderner Adam, abgemagert, aber mit Taschenlampe. Mit einem gefundenen Gewehr über der Schulter, und für einen Städter erstaunlich praktisch veranlagt, beginnt er auf einem Bauernhof, wo er doch jedes Penthouse besetzen hätte können, seine Robinsonade. Hühner hüten, Ziege melken, Feld bestellen, es sich bequem machen in der Entvölkerung.

Auch wenn er, wie einst Defoes Crusoe, Rückschläge einzustecken hat, etwa wenn er halbverwilderte Schweine sieht und auf keines schießen kann und stattdessen lieber den mittlerweile zugewucherten Supermarkt plündert. Hans Löw vollführt nicht nur körperlich eine beachtliche Verwandlung. Er stattet den einstigen Zauderer und Zögerling nun mit einem Mut und einer Entschlossenheit aus, die den Überlebenstrieb als stärkste Macht des Menschen ausweist.

„In My Room“, betitelt nach einem Beach-Boys-Hit, ist keine Dystopie, sondern nicht zuletzt dank des Blicks von Patrick Orth gefilmte Poesie. „In My Room“ meint Lebensraum. Ein Sommermärchen, in dem es zum Glück noch Segnungen der Zivilisation wie E-Zigaretten und Bouteillenwein gibt. „There’s a world where I can go and tell my secrets to …“ Wie Löw im LKW-Scheinwerferlicht zu „Later Tonight“ von den Pet Shop Boys beinah Ballett tanzt ist wirklich klasse. Der von so vielen Kleingemachte plötzlich ganz groß.

Dann – ein angstvoller Sehnsuchtsblick – die Frau. Elena Radonicich kommt als Kirsi, und die hat kein Problem damit, einem Huhn den Kopf abzuschlagen oder Rehe zu jagen. Während der Mann nie aufhört, zu tüfteln und zu erfinden. Das ist doch mal was, wie Ulrich Köhler insofern das Rollenverständnis seit der Steinzeit verändert. Doch der Mann will Kinder, die Frau nur mit Kondom, Kirsi will weiter nach Süden, Armin bleiben, wo er sich seinen Begriff von Heimat erarbeitet hat … Und wenn „In My Room“ auch ein Film über dieses immer wahlloser abgenutzte Wort sein will, so sagt er etwas darüber aus, wie unbändig frei man in ihr sein – oder welche selbstgezimmerten Grenzen man sich setzen kann.

www.in-my-room.de

  1. 12. 2018

Schauspielhaus Graz: Lily Sykes im Gespräch

Oktober 19, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Uraufführung des Kriegsreporterdramas „Cactus Land“

Cornelia Kempers, Henriette Blumenau, Sarah Sophia Meyer, Jan Brunhoeber Bild: (c) Lupi Spuma

Cornelia Kempers, Henriette Blumenau, Sarah Sophia Meyer, Jan Brunhoeber
Bild: (c) Lupi Spuma

Die junge englische Regie-Entdeckung Lily Sykes inszeniert am Schauspielhaus Graz „Cactus Land“, eine Uraufführung, die auf der Autobiografie „My War Gone By, I Miss It So“ des britischen Kriegsreporters Anthony Loyd beruht. Premiere ist am 24. Oktober.

Anthony Loyd, 1966 in Guildford geboren, gehört zu den profiliertesten Kriegsjournalisten der Gegenwart. Seit 1993 berichtet er regelmäßig aus den Krisenregionen der Welt, von Bosnien über den Irak und Tschetschenien bis Syrien, wo er 2014 entführt und verwundet wurde. Loyd ist Sohn aus bestem Hause, wurde in der „Folteranstalt Eton“, wie er seine Schule nennt, erzogen und abgerichtet, wie alle Männer seiner Familie in den Krieg zu ziehen. Nur bewaffnet er sich dazu mit einem Fotoapparat. „My War Gone By, I Miss It So“ stammt aus dem Jahr 1999 und schildert die Besatzung Sarajevos während des Jugoslawienkriegs aus seiner Sicht, die Kameradschaft unter den Reportern und den Kick der Gefahr. Doch Loyd beschreibt nicht nur die „Normalität“ des Krieges, sondern auch den ganz persönlichen Krieg eines Menschen mit der Normalität und mit der Familie. Regisseurin Sykes hat ein ganz besonderes Verhältnis zu diesem Thema, da ihre Mutter in den 1990er Jahren für die BBC mehrere Dokumentationen über den Balkankrieg gedreht hat; ihre Reise in die Kriegsgebiete trat sie dabei stets von Graz aus an. Die Erlebnisse, die sie mitbrachte, wurden zum festen Bestandteil des Familiengedächtnisses und fließen in die Arbeit für das Schauspielhaus Graz ein. Die Textfassung stammt aus der Feder von Sykes und Dramaturg Jan Stephan Schmieding. Schauspieler Jan Brunhoeber übernimmt die Rolle von Alexander Lewis; die Figur basiert auf Anthony Loyd.

Lily Sykes im Gespräch:

MM: “Cactus Land“ entstand sozusagen auf Empfehlung Ihrer Mutter?

Lily Sykes: Ich war auf der Suche nach einem neuen Thema, da brachte mich meine Mutter darauf. Auch sie war Kriegsreporterin in Bosnien, sie kannte Anthony Loyd, nur hat sie nach dem Jugoslawienkrieg aufgehört zu arbeiten. Die Journalisten, die vor Ort über den Jugoslawienkrieg berichtet haben, kennen sich ja alle. Es gibt in England den „Frontline Club“, in dem sie sich treffen und austauschen. Man braucht andere Menschen, die das auch erlebt haben, damit man überhaupt über solche Sachen reden kann. Ich habe Loyds Buch gelesen, mit ihm gemailt und Telefonate geführt, zu einem Treffen ist es nicht gekommen, das hat er abgesagt, weil er in den Irak musste. Er ist immer noch Journalist und fährt ungefähr viel Mal pro Jahr in den Krieg. Dass er in seinem Buch das Kriegsthema mit seiner Familiengeschichte verbindet, hat mich von Anfang an interessiert: Warum Menschen sich nicht mehr in der Normalität zurechtfinden können.

MM: Und warum?

Sykes: Krieg ist ein Kick. Einer wie Loyd steht auf Extremerlebnisse, diese Menschen sind kriegsabhängig wie andere drogenabhängig. Kurt Shork zum Beispiel, ein Kollege und großes Vorbild von Loyd, soll nachts auf das Dach des Holiday Inn in Sarajevo gestiegen sein, hat von dort oben rüber geschaut auf die Heckenschützen und sich eine Zigarette oder einen Joint angezündet. Nur so, als Risikospiel. Meine Mutter hat erkannt, wann es Zeit war, weiterzuziehen, sie wollte auch einmal Mutter sein, schließlich hat sie drei Kinder. Loyd ist mittlerweile auch verheiratet und Vater, aber ihn zieht es immer noch raus. Er kann nicht loslassen, da sind viele Journalisten wie Kriegsveteranen, nur dass Journalisten niemanden töten, sondern nur Zuschauer sind.

MM: Trotzdem thematisieren Sie in Ihrem Stück die Verantwortung des Journalisten, die Macht der Bilder, die Wirkung eines Textes auf die Öffentlichkeit.

Sykes: „Cactus Land“ enthält auch Texte und Interviews, die ich mit Journalisten geführt habe. Viele leiden darunter, nichts bewirken zu können, denn die Tätigkeit des Kriegsberichterstatters hat sich geändert. Die Analyse, die menschliche Geschichte, die Hintergrundstory ist heute nicht mehr gefragt, heute muss es schnell und „live“ sein. Die Rolle des Aufdeckers gibt es nicht mehr, in einer Zeit, in der die Terroristen ihr eigenes Marketing machen und Videos posten. Ich denke, die differenzierte Analyse ist nun Aufgabe des Theaters. Nur hier und im Flugzeug muss man das Handy ausschalten, also kann sich der Zuschauer hier aufs Thema konzentrieren und eine andere Perspektive auf die Dinge bekommen. Die „human stories“, die nun wir Theaterschaffende transportieren, sind wichtig als Anknüpfungspunkte für Verständnis und Empathie. Die Leute wollen verstehen, was vor sich geht und was die Auswirkungen dieser oft so komplexen Vorgänge sind. Das merkt man auch in der aktuellen Situation mit den Flüchtlingen.

MM: Heute wie damals im Jugoslawienkrieg ist Erklären kompliziert.

Sykes: Deshalb möchte ich über den Zustand berichten, in den man geworfen wird, wenn man heute vor einem Berg von krassen Bildern und Informationen steht und versucht, daraus eine Nachricht zu machen, die vielleicht etwas ändert. Diese Suche nach Klarheit und Wahrheit – darum geht es mir bei „Cactus Land“.

MM: Neben der Figur des Kriegsfotografen Alex Lewis kommen nur Frauenfiguren vor. Warum?

Sykes: Sie sind die Bezugspersonen. Loyd ist von Frauen erzogen worden, die Männer waren in seiner Kindheit abwesend. Im Stück sitzt Alex Lewis nun zwanzig Jahre nach dem Krieg in einem Hotelzimmer und versucht einem Zimmermädchen seine Geschichte zu erzählen. Doch er wird immer wieder von seinen Erinnerungen gestört, da tauchen die Frauen seiner Vergangenheit wie aus einer Parallelwelt auf.

MM: Sie arbeiten zum ersten Mal in Österreich. Wie empfinden Sie es als neutrales Land? Kriegsbegeisterung als Familienerbe gibt es hier wohl nicht?

Sykes: Im Vergleich dazu wie kriegsbegeistert die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs nach wie vor sind, nein. Dieses Denken „war makes a man of you“ kennt man in Österreich nicht. Man ist hier demütiger, weil man viel erlebt hat, auch, was es heißt, Flüchtling zu sein. Das ist ein Bewusstsein für die Welt, das in Großbritannien fehlt. Ich glaube, bei uns ist die Reflexion über die eigene Geschichte extrem anders als auf dem Kontinent. In England sind wir wie in Watte gepackt, mit der Königin, William, Kate und ihren schönen Babys. Aber es gibt gewisse Dinge, die nicht existieren, nur weil man nicht darüber spricht. Krieg ist hier ein Tabuthema, Krieg ist schlecht. Das ist eine moralische Kategorisierung; ich sehe auch die Faszination des Krieges. Wenn zwei Menschen in einem Raum sind, gibt es Krieg, heißt es. Und in gewisser Weise stimmt das ja auch. Unsere Gesellschaft basiert heute stärker denn je auf dem Konzept von Gewinnen, von Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit.

MM: Wie haben Sie Ihre Mutter als Kriegsreporterin erlebt?

Sykes: Das war zwischen meinem achten und elften Lebensjahr. In diesem Alter versteht man noch nicht richtig, was Krieg bedeutet. Ich habe einmal „lustige“ Fernsehbilder von singenden serbischen Soldaten gesehen und überhaupt nicht gecheckt, was da los war. Meine Mutter hatte auch einen Schutzhelm, eine schusssichere Weste und ein UNO-T-Shirt, damit habe ich mich verkleidet. Wenn meine Mutter erzählt hat, dann wie über ein Videospiel: Einmal ist sie von einem Scharfschützen angeschossen worden, weil sie auf der englischen, der linken Straßenseite gefahren ist, das klang für mich wahnsinnig aufregend. Auch meine Mutter war erfüllt von diesem Privileg des Berichterstatters, etwas bewirken zu können, heute redet sie anders, auch, wenn ihre Augen immer noch leuchten.

MM: Können Theaterzuschauer etwas bewirken?

Sykes: Versuchen, einfach nett zu den Nachbarn zu sein, wäre schon was. (Sie lacht.) Viele Leute haben heute das Bedürfnis etwas zu tun, viele Menschen bewirken schon mit etwas Kleinem etwas Großes. Das ermutigt mich jeden Tag.

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 20. 10. 2015

Kunstforum Wien: Landscape in my Mind

Februar 11, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Landschaftsfotografie heute.

Von Hamish Fulton bis Andreas Gursky.

Jörg Sasse: 2729, 2012. C-Print, Diasec. Courtesy Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien © Jörg Sasse, VG-Bild- Kunst, Bonn und Bildrecht, Wien, 2014. Bild: © Jörg Sasse

Jörg Sasse: 2729, 2012. C-Print, Diasec.
Courtesy Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien
© Jörg Sasse, VG-Bild- Kunst, Bonn und Bildrecht, Wien, 2014. Bild: © Jörg Sasse

Das Bank Austria Kunstforum Wien lädt ab 11. Februar zu einer Bilder-Reise durch die Landschaftsräume der aktuellen Kunstfotografie. Die Ausstellung vereint aktuelle Positionen der internationalen Landschaftsfotografie von Hamish Fulton bis Andreas Gursky. Landschaft, stets ein Beziehungsgeflecht zwischen Mensch und Natur, zeigt sich dabei als mentale Projektionsebene der Wahrnehmung unserer Umgebung. Die Kunstwerke fungieren als „verzerrter“ Spiegel der gesehenen Realität; sie sind keine reinen Dokumentationen mittels Kameraklick, sondern hybride Tableaus zwischen Fiktion und Abstraktion, Metaphern des Blicks auf die Welt und darüber hinaus. Diese Fotografien sind zumeist „mit der Kamera gemalte Bilder“ im großen Format, die das Selbstbewusstsein der Neuen Fotografie ausstrahlen. Effekte der Unschärfe sowie kompositorische Qualitäten steigern den malerischen und piktorialen Wert der Tableaus.

Künstler wie Elger Esser oder Jörg Sasse sehen sich dadurch mehr als „Bildermacher“ denn als Fotografen. Anstelle einer sachlichen Perzeption von Landschaft, wie wir sie etwa bei Thomas Struth finden, stellt sich ein emotionales Empfinden beim Betrachter ein, das Gefühle von Überwältigung, Melancholie, Unbehagen und schönen Schauder miteinschließt. Fotografie als „großes Kino im Kopf“: waghalsige Erstbesteigungen der 8000er, turbulente Schiffsfahrten auf hoher See, Expeditionen ans Ende der Welt, Missionen ins Weltall – das fixierte Bild als Möglichkeitsraum. Dabei wechseln stets die Wahrnehmungsperspektiven: Inmitten der Monsterwellen, verstrickt im Dickicht des Urwaldes, ins Tal herabblickend oder auf Distanz zu den Dingen dieser Welt, über die MegaCitys, die Inselatolle der Ozeane und Krater der Marslandschaft hinwegschwebend.

Ein Teil der Künstlerinnen und Künstler in der Ausstellung führen Landschaftsfotografie als Erlebnis und Abenteuer vor und greifen hierbei zu manipulativen Mitteln. „Weltlandschaften“ als digitale Bildcollagen entstehen, angereichert durch Found Footage aus dem Netz. Andere destruieren den schönen Schein, wenn etwa Thomas Ruff Images in gepixelter Auflösung als reine digitale Information entlarvt. Auch haben unsere Augen noch nie den Mars gesehen, sondern nur Bilder des Roten Planeten. Die Roland Barth’sche Formel der Fotografie „So ist es gewesen“ löst sich im weiten Feld der Manipulation und Fiktion auf: Landschaftsfotografie als malerische Konstruktion von Wirklichkeit.

www.kunstforumwien.at

Wien, 11. 2. 2015

„Where Do You Go To, My Lovely …?“ Nach Graz!

April 29, 2013 in Bühne

Eine Projektion auf Europas Zukunft von Olivier Frljic

„So wie es ist, ist es nicht gut, aber es zeichnet sich eben nichts Besseres am Horizont ab. Öffnet oder verschließt sich das heutige Europa möglichen Alternativen zum Wandel? Wenn wir unfähig geworden sind über ein zukünftiges Europa anders als in politischen und ökonomischen Begriffen nachzudenken, vielleicht schaffen wir es dann innerhalb des theatralen Rahmens? Was ist oder was sind alternative Geschichte(n) Europas? Where Do You Go To, My Lovely …? Die auf dem Rücken des weißen Stiers reitet, welche Richtung wird sie nehmen?” Oliver Frljić

Christoph Rothenbuchner, Florian Köhler, Thomas Frank, Pia Luise Händler, Franz Solar  Bild: (c) Lupi Spuma

Christoph Rothenbuchner, Florian Köhler, Thomas Frank, Pia Luise Händler, Franz Solar
Bild: (c) Lupi Spuma

Das Schauspielhaus Graz hat ein ereignisreiches Wochenende hinter sich. Neben der Spielplanpräsentation standen gleich zwei  Premieren auf dem Programm: Auf der Probebühne des Hauses erarbeitete Regisseur Oliver Frljić den Abend „Where Do You Go To, My Lovely …?“ Frljić ist der Star der jungen Regie-Generation Ex-Jugoslawiens. Frljićs Theaterabende werden in seiner Heimat öffentlich diskutiert, weil viele ethnische und nationale Auseinandersetzungen, die er benennt auch Jahre nach Krieg und Zusammensturz eines politischen Systems noch immer nicht befriedet scheinen. Sein Name steht für körperlich-kraftvolles Theater, das zugleich kritisch und in höchstem Maße unterhaltsam ist. Das hat ihn auch außerhalb der Region bekannt gemacht. Für seine Regiearbeiten wurde er vielfach ausgezeichnet und zu internationalen Festivals eingeladen, wie z.B. 2010 und 2013 zu den Wiener Festwochen. Er macht es sich zur Aufgabe, Konflikte zu benennen, die politische Systeme, nationale Trennlinien und kulturelles Selbstbewusstsein dem Alltag der Menschen eingebrannt haben. Mit diesem Blick auf die Dinge, inszeniert er nun zum ersten Mal in Österreich und untersucht ein anderes multinationales System: Europa!

Ein Theater-Interview mit Regisseur Oliver Frljić

Welchen Einfluss hatte der Krieg in Ex-Jugoslawien auf Ihr Leben?

Ich verließ Bosnien mit Kriegsbeginn 1992 und lebte bis 1995 als Flüchtling in Kroatien; in der Stadt Split besuchte ich das Gymnasium. Die kroatische Staatsbürgerschaft konnte ich allerdings nicht bekommen, da ich aus einer Mischehe stamme, was zu dieser Zeit ein großes Problem darstellte. Nach dem Krieg, 1995, schrieb ich mich an der Philosophischen Fakultät ein, ich schloss ein Philosophie- und Religionswissenschaftsstudium ab und studierte Bühnenregie an Zagrebs Akademie der Dramatischen Künste. Der Krieg war ein wichtiger Faktor in meinem Leben und ich sehe noch immer, welchen Einfluss er auf meine Arbeit hat. Am Anfang meiner Theaterarbeiten wurde mir bewusst, dass sich viele Menschen meiner Generation noch immer mental in diesem Krieg befinden und sie versuchen, ihre Erfahrungen in ihren künstlerischen Arbeiten zu verarbeiten. Aus diesem Grund ist der Krieg auch ein bestimmendes Thema in meinen Arbeiten. Alle Projekte der letzten Jahre waren direkt oder indirekt von meinen Kriegserfahrungen beeinflusst. Einige dieser Arbeit wurden zensiert. Eine Produktion in Split, 2009, Euripides‘ Bacchien, die unbequeme Parallelen mit Verbrechen, die während des Kroatienkrieges von 1991-1995 begangen wurden, aufweisen, wurde sogar vom Theaterdirektor zensiert und vom Repertoire des Kroatischen National Theaters in Split genommen. Ich bekam auch Probleme, als ich ein Projekt über den ehemaligen Premierminister Serbiens Zoran Djindjic und seine Ermordung erarbeitete. Und meine jüngste Erfahrung war jene in Slowenien, als ich ein Projekt erarbeitete über Menschen, die einfach aus dem Einwohnermelderegister gestrichen wurden.

Wie sehen grundsätzlich die Reaktionen auf Ihre Produktionen aus?

Die Reaktionen auf meine Stücke sind natürlich immer gespalten, wenn ich diese Kriegstraumata behandle, auf die die Menschen natürlicherweise eine starke Reaktion zeigen. Und es liegt auch an der Art und Weise wie ich mit Themen wie Kriegsverbrechen, Nationalismus und anderen umgehe, denn ich versuche, offizielle Berichte und Erzählungen, die es in den Gesellschaften Ex-Jugoslawiens über diese Zeit gibt, kritisch zu hinterfragen. Das ist der Rahmen, in dem ich versuche, Konflikte zu generieren: Es geht mir weniger um die Konflikte zwischen den Rollen auf der Bühne, sondern um jene zwischen meinen SchauspielerInnen und der unhinterfragten Geschichte bestimmter Gesellschaften, also um das, was wir für Realität halten.

Mit welchen Themen beschäftigen sie sich primär im Theater?

Kürzlich erarbeitete ich ein Stück über meine Familie und die traumatischen Erlebnisse in unserer Familiengeschichte. So war das Stück I hate the truth [Anm. : eingeladen zu den Wiener Festwochen 2013] natürlich – in einem breiteren Kontext – mit dem Kriegsbeginn verbunden, da ich meine Familie als Flüchtling verließ und ich versuchte, genau diese Zeitspanne unseres Lebens zusammenzufassen. Ich war 16 Jahre alt, als ich von Zuhause weg musste und nach Split ging. Ein anderes Projekt war zum Beispiel ein bekannter serbischer Text von Branislav Nusic, einem berühmten Autor, Gospođaministarka (Die Frau des Ministers). Diese Inszenierung hatte große politische Bedeutung in Zagreb, weil wir den Text in seiner ursprünglichen Sprache, Serbisch, zur Aufführung brachten. Auf diese Art und Weise versuchten wir die Kulturpolitik Kroatiens von den 1990ern bis heute zu hinterfragen, denn damals wäre es nicht möglich gewesen, einen solchen Text aufzuführen.

Es scheint, als fände in Ihren Stücken immer ein Kampf zwischen der Realität und dem Medium Theater statt.

In meiner Arbeit ist es mir wichtig, die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen zu lassen. Auch wenn ich reale Themen oder Personen auf die Bühne bringe, ist es doch Theater, das ich produziere. Darum wähle ich Themen, die uns nicht mehr einfach zwischen Fiktion und Realität unterscheiden lassen. Heute, nachdem das sogenannte Dokumentarisches Theater institutionalisiert wurde, müssen wir neue Strategien entwickeln und können darüber nur auf einer Meta-Ebene sprechen. Wir haben klare Regeln und Verfahrensweisen für diese Art von Produktionen. Und ich denke, Experten auf die Bühne zu bringen, wie das oftmals bei Dokumentarischem Theater praktiziert wird, ist auch schon zu einer Fiktion geworden, denn obwohl diese Menschen aus der realen Welt kommen und man sie in einen fiktionalen Rahmen bringt, werden diese Strategien von Theater-Institutionen angewandt. Wo auch immer man heutzutage hinkommt, erzählen Menschen, so wie wir gerade, ihre persönlichen Geschichten und da das zu einer Konvention geworden ist, kann man im Theater damit spielen: Das habe ich unter anderem in der Produktion über ausgelöschte Menschen in Slowenien gemacht. Auf der einen Ebene der Aufführung betrachtet man eine Familie, die von der Einwohnerliste getilgt wurde mit deren Sohn, der sich für das Familienschicksal verantwortlich fühlt und Suizid begeht. Das wird von Schauspielern gespielt. Am Ende des Stücks werden dann aber reale Menschen auf die Bühne gebracht und die Zuschauer gehen auch davon aus, dass es sich um reale Personen handelt, doch das waren sie gar nicht. Als das Publikum herausfand, dass es sich um SchauspielerInnen handelt, waren sie teilweise sogar enttäuscht. Aber ich glaube, wir müssen noch weiter gehen. Ich meine, ich las vor zwei Tagen, dass der primäre Verweis des Theaters das Theater selbst ist. Also verweist jegliche Realität, die wir auf die Bühne bringen, auf das Theater. Leider habe ich bis heute kein Theater gesehen, das radikale Veränderungen in der Gesellschaft vollbracht hätte. Eine Revolution wird nicht von der Bühne oder vom Fernsehen ausgehen. Ich glaube nicht, dass Theater die Macht hat, Veränderungen auf makropolitischer Ebene hervorzurufen. Aber das ist auch kein Grund, damit aufzuhören. Denn Theater braucht eine größere Ambition als bloße Darstellungsweisen zu hinterfragen. Da ist diese Ambiguität in meiner theatralen Arbeit: Natürlich möchte ich auf der einen Seite die Welt durch das Theater verändern und Menschen einladen, auf die Straße zu gehen und die Gesellschaft ein wenig besser zu machen. Auf der anderen Seite ist Theater ein sehr altes Medium im Vergleich zu den Neuen Medien. Es ist langsamer und es kommuniziert mit einer sehr limitierten Anzahl von Menschen. Darum versuchte ich immer Situationen zu kreieren, in denen meine Produktionen verbreitet werden und die Zeitungen, TV und online Portale zu inkludieren, damit wir ein breiteres Publikum erreichen können. Natürlich ergibt sich auch eine qualitative Veränderung in der Aussage, wenn sie durch die Medien geht. Manchmal passiert eine Verzerrung der theatralen Aussage, manchmal ist es auch eine Vergrößerung. Daher haben die meisten Menschen in Serbien z.B. eine Meinung über mich und über meine Arbeiten, obwohl sie wohl noch nie ein Stück von mir gesehen haben.

Wie entwickeln Sie WHERE DO YOU GO TO, MY LOVELY …?

Ich mache zunächst meist einen sehr allgemeinen Vorschlag, der sich durch die Kommunikation mit meinem Dramaturgen ergibt. Ich denke, die Art von Theater, die ich produziere, kann sich nicht entwickeln, wenn ich zuhause sitze und einen Text schreibe. Die besondere Qualität kommt durch den Prozess des Erarbeitens in den Proben, und zwar mit dem gesamten Team. Die Szenen werden dann innerhalb und durch all diese Vorgänge entwickelt, die im Probenprozess passieren: Man sitzt da und zwingt sich selbst zu denken, und zwar mit diesen konkreten Menschen, mit deren konkreten Möglichkeiten und seiner eigenen Müdigkeit, mit dem wenigen Wissen, das man über die Gesellschaft hat, in der man momentan arbeitet. Man versucht Strategien zu entwickeln, um all diese Probleme und Problemstellungen zu lösen. Und auf diese Art und Weise kommt man Schritt für Schritt seiner Produktion näher. Das könnte nicht auf andere Art und Weise vor sich gehen. Manchmal muss ich das den Personen, mit denen ich arbeite, erklären: denn es kommt auf unsere unterschiedlichen Persönlichkeiten, unsere sichtbaren und unsichtbaren Konflikte an; man könnte nicht einfach ruhig dasitzen und so ein Stück schreiben. Diese Art von Theater beginnt für mich mit dem Probenprozess. Wir stellen unsere unterschiedlichen Meinungen über unterschiedliche Ideen über das Theater und die Welt gegenüber, über die Gesellschaft, in der wir arbeiten, über ein spezifisches Problem, welches wir ansprechen wollen, und durch diese Zusammenstöße produzieren wir Material, welches im Endeffekt zum Material unseres Stück und zum Theaterabend selbst wird.

Was interessiert Sie gerade an dem multinationalen System Europa?

Europa befindet sich zur Zeit in einem besonderen politischen und historischen Moment. Die Idee der Europäischen Identität erlebt eine ernsthafte Krise. Eine Tatsache, die uns auffiel, ist bsp. die fehlende Identifikation mit Europa. Es geht um die Frage nach der Zukunft Europas. Kroatien, zum Beispiel, ist nun einen Schritt davon entfernt, Mitglied der EU zu werden; gleichzeitig herrscht dort eine große EU-Skepsis. Als Slowenien in den 1990er Jahren EU-Mitglied wurde, war die gesamte Atmosphäre eine andere. Für die Länder damals bedeutete dies große Möglichkeiten. Es war politisches Kapital ein Teil der europäischen Familie zu sein. Denn man verließ den einen politischen Kontext und trat in einen anderen ein. Jetzt ist die Lage nicht mehr so eindeutig aufgrund der Probleme, die an Griechenland sichtbar werden. Somit ist die EU-Skepsis nicht unerwartet. Wir versuchen in WHERE DO YOU GO TO, MY LOVELY …? herauszufinden, was mit dem EU-Idealismus passiert ist und wo wir jetzt stehen. Wir versuchen auch, die bestehenden, offiziellen Geschichte(n) über die EU anzugreifen. Zum Beispiel arbeiten wir mit dem Verfahren der alternative history oder auch: kontrafaktischen Geschichtsschreibung. Wir entfernen bestimmte Geschichten aus ihrem historischen und politischen Kontext und versetzen sie in einen anderen Kontext. Das kreiert eine Art Unheimlichkeit. Wir beschäftigen uns in der Produktion mit der wichtigen Frage: Was, wenn Dinge eine andere Richtung genommen hätten zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt? Wir möchten Situationen für das Publikum schaffen, in denen sie über die existenten politischen und historischen Momente in der europäischen Geschichte nachdenken können. Dies durch den bestehenden sozialen Diskurs zu tun, wäre auf der Bühne nicht besonders interessant. Darum müssen wir einen authentischen Diskurs dafür im Theater schaffen. Ich meine, Menschen sind ohnehin schon überfordert mit der Flut an Nachrichten und Informationen. Sie wissen nicht mehr, wie sie zwischen Relevantem und weniger Relevantem unterscheiden können. Dies auf der Bühne einfach zu wiederholen, würde keinen Sinn machen. Also versuchen wir eine andere Strategie zu finden, um sie zu zwingen, darüber nachzudenken, was richtig oder falsch sein könnte. Obwohl wir über die Zukunft Europas sprechen, sind wir eigentlich an ihrer jetzigen Lage interessiert. Die Vergangenheit ist die Zukunft, die bereits passiert ist; vor langer Zeit war unsere Vergangenheit auch eine Zukunft …! Es gibt ja auch die Idee, dass die Vergangenheit sich wiederholt. Es gibt einen weiteren lateinischen Satz: dass wir von der Geschichte lernen müssen. Doch für mich sieht es so aus, dass wir eher der Treibstoff der Geschichte sind. Das ist zwar eine sehr anthropozentrische Idee von den Menschen als höchster Punkt der Evolution, wenn man allerdings Hegel liest, steht es damit nicht so einfach … Für mich ist es sehr interessant, jene Historie zu hinterfragen, die jetzt gilt. Wir wissen ja, dass Geschichtsschreibung von der Machtposition abhängt. Je nachdem, wer die Macht hat, bestimmt die offizielle Geschichte. Es ist immer sehr interessant, bringt aber auch ein mulmiges Gefühl mit sich, wenn man versucht, Alternativen dazu anzubieten, denn unsere Art zu Denken ist natürlich durch historische Geschichten beeinflusst. Es ist uns nicht gestattet, alternative Geschichten zu denken, denn es wäre politisch nicht korrekt. Auch im künstlerischen Rahmen, in dem wir ja für künstlerische Freiheit einstehe wollen, ist das so. Alternative historische Szenarien zu präsentieren, wäre nicht einmal dann akzeptabel, wenn es sich um unproblematische nationale Geschichten handelte. Denn die nationale Identität gründet sich auf unsere Geschichte. Historische Erzählungen zu hinterfragen bedeutet auch die nationale Identität und ihr Fundament zu hinterfragen. Während dies grundsätzlich viele Fragen öffnet, haben wir keine zufriedenstellenden Antworten darauf.

Dies ist Ihre erste Produktion im deutschsprachigen Raum?

2010 wurde meine Produktion Turbofolk zu den Wiener Festwochen eingeladen. Das Stück entstand am Kroatischen National Theater in Rijeka und handelte von diesem Musikgenre aber gleichzeitig von Turbofolk als sozialem Phänomen, das sehr komplex ist, denn es behandelt den Krieg in Ex-Jugoslawien und mischt Techno- mit Volksmusik. Turbofolk entstand in Serbien als Mittel des kritischen Denkens in den 1990er-Jahren. Und nun sind wir wieder mit einem Gastspiel bei den Wiener Festwochen, mit I hate the truth, der Produktion über meine Familie. WHERE DO YOU GO TO, MY LOVELY …? ist nun meine erste Produktion in einem deutschsprachigen Land. Ich spreche kein Deutsch. Also muss ich neben all den anderen Dingen einen Weg finden, das zu verstehen, das ich erschaffe. Das ist eine äußerst schizophrene Situation. Darum such ich andere Strategien sie zu verstehen. Mein Team und ich, z.B. der Dramaturg Christian Mayer, sehen uns die Proben auf unterschiedlichen Ebenen an. Ich konzentriere mich primär auf Rhythmus und Energie und nach der Szene, wenn sie fertig ist, übersetzt sie mein Team für mich und wir sehen, ob sie auf textlicher Ebene stimmt. Aber als ersten Schritt versuche ich zu erkennen, ob sie funktioniert oder nicht über dieses Level an Energie, das ich vom Spiel der KollegInnen ablese. Auf diese Art und Weise lerne ich sehr viel. Die Frage der Energie im Theater ist eine sehr alte. Generell denke ich, dass Energie die erste Ebene ist, auf der man eine Aufführung versteht. Wenn sie gut ist, kann ich eine Produktion auch verstehen, ohne die Sprache zu kennen. Aber natürlich müssen wir hier in unserer Arbeit die Sprache mitnehmen, viel auf textlichen Ebene arbeiten, da es sich um ein sehr spezifisches Thema handelt und die Probleme die behandelt werden, sind auch sehr speziell.

Es spielen Thomas Frank, Pia Luise Händler, Katharina Klar, Florian Köhlern Christoph Rothenbuchner und Franz Solar.

Zu sehen bis 20 Juni.

Bei den Wiener Festwochen zeigt Oliver Frljić (mit Ivana Roščić, Rakan Rushaidat, Filip Križan, Iva Visković in kroatischer Sprache mit deutschen Übertiteln) ab 18. Mai im brut „Mrzim istinu! (Ich hasse die Wahrheit!)“: Könnte der Titel einer Auseinandersetzung mit der eigenen Familie sein. In einer serbokroatischen Familie in Bosnien zwischen 1970 und 1995 haben alle Mitglieder sehr unterschiedliche Perspektiven und Erinnerungskonstruktionen. Da bedeutet es etwas, dass Dragan einen slawischen Nachnamen hat, wenn er sich in Sladana mit dem lateinischen Namen verliebt. Oliver Frljić, in Travnik (Bosnien) geboren, wurde mit 16 Jahren von seinen Eltern, die nach Amerika emigrierten, im postjugoslawischen Krieg zurückgelassen. Jetzt performen vier Schauspieler seine Familiengeschichte. Das Publikum sitzt im Quadrat um einen Familienraum, in dem Vater-, Mutter- und Schwester-Darsteller sich beim Autor- und Sohn-Darsteller beschweren, dass es ganz anders war, dass man es so nicht öffentlich sagen kann. Sie verlassen ihre Dialoge, ziehen den Autor zur Rechenschaft und erleben alle Episoden der Liebe, der Arbeit, der Ankündigungen des Krieges, als wäre es gerade jetzt. Oliver Frljić hat in seinen explosiven Performances in Slowenien, Kroatien, Serbien, Bosnien in die Konfliktlinien der traumatisierten Länder gestochen. Auch im Familienraum darf nicht alles erinnert und gesagt werden.

www.schauspielhaus-graz.com

www.mottingers-meinung.at/schauspielhaus-graz-der-spielplan-der-kommenden-saison

www.mottingers-meinung.at/sartre-am-schauspielhaus-graz

www.festwochen.at

www.brut.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 29. 4. 2013