Christina Rast im Gespräch

April 17, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schauspielhaus Graz:

Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend

Bild: Lupi Spuma

Bild: Lupi Spuma

Am 30. April hat am Schauspielhaus Graz Oliver Klucks Stück zur gleichnamigen Autobiografie von Andreas Altmann
Uraufführung. Eine Geschichte aus der beschaulichen Provinz, voller Misshandlungen, Demütigungen, rabiater Pfarrer und verkappter Nazis. Eine Kindheit der Nachkriegszeit im idyllischen Wallfahrtsort Altötting. Doch die Geschichte, die Andreas Altmann erzählt, handelt weder von Gnade noch von Wundern, sondern von brutaler Gewalt und Schrecken ohne Ende. Schonungslos blickt Altmann zurück: auf einen Vater, der als psychisches Wrack aus dem Krieg kommt und den Sohn bis zur Bewusstlosigkeit prügelt, auf eine Mutter, die zu schwach ist, um den Sohn zu schützen, und auf ein Kind, das um sein Überleben kämpft. Erst als Jugendlichem gelingt Altmann die Flucht. Die schreckliche Erfahrung aber kann ihn nicht brechen. Sie wird vielmehr der Schlüssel für ein Leben jenseits des Opferstatus. Ein Leben, in dem er seine Bestimmung als Reporter findet: „Hätte ich eine liebliche Kindheit verbracht, ich hätte nie zu schreiben begonnen, nie die Welt umrundet …“ Andreas Altmann erzählt aus seiner Kindheit und Jugend und davon, wie am Ende aus einem hilflosen Opfer ein freier Mensch wurde. Mit 19 Jahren floh er aus seinem Elternhaus. Arbeitete als Chauffeur, Buchclubvertreter, Parkwächter. Heute gehört Andreas Altmann  zu den bekanntesten deutschen Reiseautoren und wurde unter anderem mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis, dem Säume-Literaturpreis und dem Reisebuch-Preis ausgezeichnet. Altmann lebt in Paris. Seine Autobiographie ist beim Piper Verlag erschienen. Sie war Vorlage für den Text von Oliver Kluck. Er selbst nennt den Text einen Versuch und merkt an, dass es sich bei diesem Versuch weder um ein Stück, noch um eine Bearbeitung handelt, sondern ausschließlich um eine Betrachtung. Es spielen: Thomas Frank, Sebastian Klein, Florian Köhler und Franz Solar.

mottingers-meinung.at sprach mit Regisseurin Christina Rast.

MM: Der Titel des Stücks ist ja schon sehr vielsagend: „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“. Wie viel Distanz braucht man, um so viel Leid zu inszenieren?

Christina Rast: Wir beschäftigen uns auf den Proben grade mit der Frage, wie man sich diesem Stoff  –  diesem Leben – annähern kann. Andreas Altmanns Autobiografie wurde von Oliver Kluck sehr klug bearbeitet. Schwerpunktmäßig „trockener“, nordischer, fragmentarischer, während Altmann verschwenderischer in der Sprache ist. Dadurch entsteht automatisch eine gewisse Distanz. Kluck nähert sich dem Stoff, indem er ihn betrachtet, und so begreifen wir auch unsere Arbeit: als schrittweise und respektvolle Annäherung an eine Biographie. Altmanns Buch ist ja auch nicht nur Tragödie und Leid, sondern auch eine Emanzipations- und Erfolgsgeschichte und ein Befreiungsschlag. Es geht um ganz grundsätzliche Themen: Wie jemand sich seinen Platz in der Welt erkämpft, in der er nie willkommen war. Es geht um die Suche und Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung. Um Schuldgefühle, Scham, Einsamkeit, Nicht-Kommunikation, Verrat, Ausübung von Macht und die Wut auf dieses Machtsystem, was einem unwiderruflich etwas geraubt hat. Das sind große Themen, an denen wir alle andocken können und die uns alle betreffen.

MM: Altmanns Leben wird nicht nur bestimmt vom Elternhaus, sondern auch von der katholischen Kirche. Das ist in Bayern offenbar eine Allmacht, an der sich viele Künstler abarbeiten müssen. Sie sind Schweizerin. Wie geht’s Ihnen damit?

Rast: Die katholische Kirche steht bei Altmann für ein System der Machtausübung, das den Vater, den „Rosenkranzkönig“, dazu ermächtigt, sein eigenes totalitäres Regime aufzubauen und ihn moralisch dazu legitimiert, Gewalt an der eigenen Familie auszuüben. Die Diskrepanz zwischen gepredigter Nächstenliebe und Ausübung von Gewalt, zwischen vermitteltem Inhalt und angewendeter Praxis ist groß. Mir ist das brachial-barock Katholische nicht fremd, weil ich aus Luzern komme, dem Kernstück der katholischen Innerschweiz. Ich habe als Kind viel Zeit bei meiner Großtante verbracht und mit ihr sonntags die Messe besucht. Ich erinnere mich sehr gut an den Geruch von Weihrauch, das Gruseln beim Betrachten der Folterbilder, das Unheimliche, was in der kindlichen Vorstellung hinter den Vorhängen in den engen, düsteren Beichtstühlen wohl verborgen lauern könnte, die albtraumhafte Beklemmung bei dem Gedanken, sich da mit einem anderen Menschen rein quetschen zu müssen um von seinen Sünden zu erzählen, die donnernden Predigten von der Kanzel, die Gesänge und das Knien – alles sehr dramatisch und merkwürdig unheimlich. Die katholischen Rituale sind ja bildgewaltig, sinnlich und unglaublich theatral. Ich glaube, dass diese Erlebnisse meiner Kindheit jedenfalls zum Teil mein Interesse am Theater geweckt haben und ich sowohl daraus schöpfe als auch was abzuarbeiten habe.

MM: Wie wird die Inszenierung sein? Es gibt im Klucks Text viele „Ichs“, „Mütter“, „Väter“ in der Mehrzahl …

Rast: Ich habe beschlossen, das Stück mit vier Männern zu besetzen, da größtenteils klar aus der männlichen Perspektive eines Ichs erzählt wird. Über die Viererkonstellation kann ich verschiedene Aspekte dieses Ichs beleuchten. Man kann aber auch den Vater über das Chorische multiplizieren und so die Gefühle von Macht und Ohnmacht verstärken. Da es keine ausformulierten Rollen gibt, haben wir die Möglichkeit, schnell in eine Rolle rein und wieder raus zu schlüpfen. Das Ich muss sich seinen Kosmos ganz alleine schaffen – in dem Elternhaus von Altmann gab es ja ebenfalls nie die Möglichkeit für einen wirklichen Dialog. Die Figuren und Situationen entstehen über das Sprechen und ein unglaubliches Redebedürfnis, eine Sprechwut und ein immenses Bedürfnis nach Kommunikation. Diesen Sprachkörper sinnlich anzufüllen und erlebbar zu machen, ist eine interessante Herausforderung.

MM: Sie arbeiten zum vierten Mal mit Oliver Kluck. Was verbindet Sie?

Rast:  Dass wir total verschieden sind. Ich mag seine Sprachbehandlung und seine Musikalität. Dass ich dazu aufgefordert und gefordert bin, assoziative Bildwelten und Übersetzungen zu erfinden. Er ist genau, schreibt direkt, ehrlich, hat einen klugen Blick auf die Welt, ein Sensorium für Ungerechtigkeiten, die Selbstgerechten und die Zu-kurz-Gekommenen – er selber hat einmal gesagt, dass er über das Verfassen von Beschwerdebriefen zum Schreiben gekommen ist. Ich mag seinen Humor. Mit Andreas Altmann verbindet ihn die Sprach- und Kommunikationswut. Und das Bezugnehmen auf, und Schöpfen aus der eigenen Biographie. Und vielleicht das Anliegen: Wehrt Euch. Befreit euch. Selber denken!

MM: Die Mutter kommt nicht vor. Wie beurteilen Sie deren Part? Eine Gepeinigte, die sich ein eigenes Verließ baut, um dem Vater zu entgehen, die ihre Freiheit aber gleichzeitig aus ihrer Lustlosigkeit am Sex bezieht …

Rast: Da die Mutter schon früh vom Vater aus dem Haus vertrieben worden ist, ist sie bei uns weniger eine reale Figur als eine Projektionsfläche für die Sehnsucht nach Liebe, Zärtlichkeit, Verständnis und Anerkennung. Dadurch wird sie idealisiert, stilisiert. Das Ich muss sich die Mutter selber erschaffen, da sie abwesend ist. Das Bild der Mutter ähnelt der klassischen Opferrolle und ist durch Asexualität, Passivität und Depression gezeichnet – eine unberührte und unberührbare ewig jungfräuliche Braut, die auf Erlösung wartet und selber nicht retten, sondern nur dulden kann – ihre Passionsgeschichte kann durchaus mit der Madonna assoziiert werden. Seltsam und fast schon grotesk ist es, dass der Sohn ausgerechnet mit ihr Gespräche über Sexualität sucht im wiederholten Versuch, sie zu verstehen.

MM: Altmanns Geschichte ist natürlich ein Extrem. Aber wird nicht jeder durchs Elternhaus, durch die Erziehung deformiert?

Rast: Wir sind alle die Kinder unserer Eltern. Und man muss irgendwann seine Eltern vom Sockel stürzen, um sich seine eigene Identität zu schaffen. Und sich im besten Fall als erwachsener Mensch auf Augenhöhe wieder annähern zu können.

MM: Kennen Sie Andreas Altmann?

Rast:  Er las am 8. April in Graz aus seinem neuen Buch „Dies beschissen schöne Leben. Geschichten eines Davongekommenen.“, was die Fortsetzung seiner Autobiographie ist und da ansetzt, wo die „Scheißjugend“ aufhört. Ich war gespannt und freute mich darauf, ihn persönlich kennen zu lernen.

MM: Herr Altmann hat ja noch versucht, seine Mutter zu einem Prozess gegen seinen Vater zu bewegen. Kann man mit Eltern reden? Ist dann nicht eh immer alles ganz anders, nicht wahr gewesen?

Rast: Ich persönlich habe die umgekehrte Erfahrung gemacht. Ich habe vor allem als Erwachsene und mit mehr Distanz mit meinen Eltern sehr direkte Gespräche führen und ehrlich kommunizieren können.

www.schauspielhaus-graz.com

Leseproben: www.andreas-altmann.com/buecher/das-scheissleben-meines-vaters

Wien, 17. 4. 2014

Landestheater Niederösterreich: Meine Mutter, Kleopatra

März 30, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Julia von Sell ist sensationell

Michou Friesz, Moritz Vierboom, Julia von Sell Bild: Josef Gallauer

Michou Friesz, Moritz Vierboom, Julia von Sell
Bild: Josef Gallauer

Die Tonalität stimmt, nur das Verhältnis Konsonanz/Dissonanz ist längst verschoben. Sie ist ganz Diva in goldener Kleopatra-Abendrobe, dann wieder halbnacktes Kleinkind, das vom Sohn mit dem Schwamm gewaschen werden muss. Ihre Auftritte sind theatralisch, durchtrieben, bösartig; man weiß nicht: schmerzt es mehr, wenn sie lakonisch oder tyrannisch ist? Sie schwebt zwischen Sticheleien und Schreierei – alles Zeichen ihrer Depression. Irrsinnig. Julia von Sell ist als Rebekka Weér die Sensation der Inszenierung.

Die besorgte als deutschsprachige Erstaufführung der ungarische Regisseur Róbert Alföldi, der ehemalige Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, der auf Drängen der Regierung Orbán zum Ende der Spielzeit 12/13 abgesetzt wurde: „Meine Mutter, Kleopatra“, basierend auf dem Roman „Die Ruhe“ von Attila Bartis. Die Weér war einmal wer. Budapests gefeierter Schauspielstar, Shakespeares Kleopatra. Als sich ihre Tochter Judit, eine begabte Violinistin, in den Westen absetzt, legt die Partei ihrer Bühnenheldin die Schlange an die Brust. Die lässt ihr Kind sogar pro forma beerdigen – doch Politik ist unerbittlich. Entlassung. Ersetzung durch eine Komparsin. Schmach und Schande. Fünfzehn Jahre selbst gewählte Einzelhaft in der Wohnung. Das heißt: So Einzel- ist die nicht, Rebekka bleibt noch ihr Sohn Andor als Opfer ihrer Launen …

Alföldi – eines der Themen, das er variantenreich durchspielt, lautet: Darf besondere Begabung alles? – und seine Bühnenbildnerin Anni Füzér haben dafür ein Metallgerüst, treppauf, treppab, mit hohen Maschendrahtzäunen, einen Gefängnishof geschaffen. Darin ein samtrotener Thron für die entthronte Königin. Und allerlei Zeug von Frühstücksgeschirr bis mottenzerfressenen Pelzmänteln, die im Laufe der Handlung auch noch das Zeitliche segnen werden. Zu dieser „Realität“ schafft Alföldi (alb-)traumhafte Bilder, Rückblenden, die das Geschehene erklären. Ganz wunderbar, wie er in dem von ihm erdachten Szenario die St. Pöltener Schauspieler und ihre Gäste zu Höchstleistungen führt.

Zunächst natürlich, denn er ist eigentlich die zentrale Figur der Geschichte, Andor, den angehenden Schriftsteller, der den Wahnsinn seiner Mutter zu Papier bringen will. Und zu ihrer Nervenberuhigung sogar falsche Briefe von Judit schreibt. Moritz Vierbooms stumme, stoische Verzweiflung, seine ausdrucksstarke „Ausdruckslosigkeit“ ist große Kunst. Nur manchmal bricht sich bei ihm der Zorn Bahn, aber das ebbt bald wieder ab, das hat er anders nicht gelernt. Er ist der Mann, umgeben von fünf Frauen. In Erinnerungen sieht er Judit (Marion Reiser), sie anklagend, dass sie ihn nicht mitgenommen hat. Sie erzählen einander von einer traurigen Kindheit, lieblos, verwahrlost im Sinne von allein, verlassen, Mauerblümchen gegen den lockenden Lorbeer. Doch die Mutter, die Patriarchin, fordert immer noch Dankesschuld von ihren Abkömmlingen. Wie ein Wiedergänger kommt auch der pragmatische, brutale Funktionär Genosse Fenyö (Michael Scherff) immer wieder vor. Dem alle untertänig entgegenkommen. Als Rebekka sich ihm zur Rettung der Karriere anbietet, spuckt er ihr ins Gesicht: „Bedecken Sie Ihre Brüste.“

Dann ist da Susi Stach als Juli, die gute Seele, die sich immer wieder neue Städtenamen für die Briefe ausdenken muss, und als Nutte mit Vogel. Er ist tot und heißt Rebekka. „Ficken“ (vor dem Four-Letter-Word wie vor sehr viel Nacktheit auf der Bühne darf man keine Scheu haben. Ein paar Zuschauer „flüchten“ darob in der Pause und versäumen einen paradiesisch-erbarmungslosen Theaterabend) will Andor sie nicht. So lebt man dahin in seinen Lebenslügen. Wären da nicht noch zwei Frauen: Andors Geliebte Eszter (Lisa Weidenmüller), eine ungarische Jüdin, sich in ihre Historie verbeißend, gleichzeitig sein Manuskript herausbringen wollend – so dringend will sie ihm erfolgsförderlich sein, dass sie sich sogar sein Kind „auskratzen“ lässt. Eine Darstellung, die Respekt verdient, wie Weidenmüller ihrer Figur mehr und mehr Profil abgewinnt. Ein Besuch bei Rebekka, auf dem sie besteht, wird selbstverständlich zum GAU.

Doch es kommt zum Kampf der Titaninnen: Michou Friesz mischt auch noch mit. Als Verlagsredakteurin Éva Jordán, die Andors Manuskript begutachten soll. Und sich darin wiederfindet? Friesz ist elegant, schön, sexy, ganz kühle Fassade. Mit einem bitteren Geheimnis dahinter. Sie will den jungen Autor in ihrem Schoß haben. Kriegt ihn auch. Eine Ménage à trois, wie es sie schon zwischen ihr, Rebekka und dem alten Weér gegeben hat. Die späte Rache einer ewigen Zweitfrau? Da beginnt Andors Zellauflösung, umso mehr als ein Brief vom Roten Kreuz bescheinigt, dass Judit nicht mehr auf dieser Erde, sondern unter ihr … Und er beginnt wieder die Mutter zu waschen … Geschichte ist Wiederholung. Und das Leben kennt kein Entrinnen.

Dem Landestheater Niederösterreich ist mit dieser Produktion eine der besten der diesjährigen Saison gelungen. Wer das nicht gesehen hat, hat was versäumt! Am Landestheater zu sehen bis 10. April.  Am 1. und 2. April als Gastspiel in der Bühne Baden.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

www.mottingers-meinung.at/robert-alfoeldi-im-gespraech/

Wien, 30. 3. 2014

Róbert Alföldi im Gespräch

März 28, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Meine Mutter, Kleopatra

Róbert Alföldi  Bild: Gerald Lechner

Róbert Alföldi
Bild: Gerald Lechner

Róbert Alföldi, der ehemalige Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, der auf Drängen der Regierung Orbán zum Ende der Spielzeit 12/13 abgelöst wurde, was große Diskussionen, nicht nur unter Ungarns Intellektuellen, auslöste, führt Regie am Landestheater Niederösterreich: “Meine Mutter, Kleopatra”, basierend auf dem Roman “Die Ruhe” von Attila Bartis. Mit Julia von Sell, Moritz Vierboom, Michou Friesz und Susi Stach.

Der Inhalt: Die Karriere der gefeierten Budapester Schauspielerin Rebekka Weér, unvergeßlich in ihrer Rolle als Shakespeares Kleopatra, endet über Nacht, als sich ihre Tochter, eine hochbegabte Violinistin, in den Westen absetzt. Vom Parteiapparat unter Druck gesetzt, versucht sie – vergeblich – ihre Tochter zur Rückkehr zu bewegen. Um ihr eigenes Emporkommen nicht zu gefährden, erklärt sie die Tochter sogar für tot, „inszeniert“ ein Begräbnis. Doch ihre Entlassung vom Theater wird nicht rückgängig gemacht. Fünfzehn Jahre schließt sie sich immer mehr dem Wahnsinn ergebend in ihrer Wohnung ein. Bei ihr: Ihr Sohn, der die Geschichte des Stars als Schriftsteller zu Papier bringt. Und sich dabei in ein Netz aus Haß, Erpressung, Überwachung und Obsessionen verstricken lässt. Während draußen das politische System zusammenbricht …

MM:„Meine Mutter, Kleopatra“ liest sich wie die Entstehungsgeschichte von Attila Bartis’ Roman „Die Ruhe“, als hätte der Autor eine Dramatisierung vorgenommen, in der Andor beginnt, sein Buch zu schreiben. Sie haben den Stoff 2008 auch verfilmt, sind ihm also nahe. Haben beziehungsweise hatten Sie beim Film mit Bartis Kontakt, führten sie Gespräche – und worüber?

Róbert Alföldi: Attila Bartis nahm an den Vorbereitungen für den Film Teil, aber er hat es weitgehend akzeptiert, dass ein anderer Künstler seinen Roman bearbeiten will. Die Basis für die Bühnenfassung hat Bartis selber geschrieben.

MM: Es ist einerseits ein Lehrstück über die Sippenhaftung, die ein Regime über seine Bürger verhängt, andererseits setzt sich die öffentlich vollzogene Tyrannei durch Mutter Rebekka in der Familie fort. Stimmt darauf der Satz: Das Politische ist immer privat, das Private immer politisch?

Róbert Alföldi: Nur wenn man in einer Gesellschaft leben muss, in der die Politik auch das Private in der Hand haben will.

MM: Warum spielen Sie uns dieses Stück jetzt vor? Der Kommunismus ist doch in Ungarn nicht mehr das politische Leitthema. Man muss das Stück also auf eine universellere Ebene heben? Was ist diese Ebene für Sie?

Róbert Alföldi: Für mich erzählt das Stück nicht über Kommunismus, sondern darüber, wie jede Diktatur, egal welcher Farbe, die menschlichen Beziehungen kaputt machen kann, indem sie sich so aggressiv ins Private einmischt. Dieses Thema ist absolut universell, aber auch ein besonderes Leitthema des heutigen Ungarns.

MM: Und – Zusatzfrage: Was ist trotzdem das typisch Ungarische an „Meine Mutter, Kleopatra“? Ungarn hatte zwanzig Jahre Demokratie, dann ging es – man muss es sagen: mit großer Mehrheit gewählten – rechtspopulistischen Führern auf den Leim. Ist Demokratie zu schwierig für Ungarn?

Róbert Alföldi: Demokratie ist für jedes Land schwierig. Aber es gibt Länder, die in ihrer Geschichte wenig demokratische Erfahrungen  gemacht haben, und zu denen gehört auch Ungarn. Jahrhundertelang lebte dieses Land im Schatten einer Großmacht: die Türken, die Österreicher oder die Sovietrussen. Das ist nun mal Tatsache, aber keine Entschuldigung dafür, was heute in Ungarn passiert. Das hat nämlich viel mit mangelnder Vergangenheitsbewältigung zu tun, aber auch mit einer Art Faulheit und Feigheit, uns unserer Verantwortung als BürgerInnen einer Demokratie zu stellen.

MM: Der Text hat etwas Surreales, Albtraumhaftes. Wie setzen Sie das auf der Bühne um? Mit filmischen Elementen?

Róbert Alföldi: Es gibt keine filmischen Elemente, wir sind ja auf dem Theater. Ich hoffe sehr darauf, dass die ganz hervorragenden SchauspielerInnen, mit denen ich arbeite, jede Dimension des Stückes den ZuschauerInnen  vermitteln können.

MM: Wie Andor zwischen den beiden starrköpfigen, starken Frauen Rebekka und Eva steht, stehen Sie als Regisseur zwischen den starken Schauspielerinnen Julia von Sell und Michou Friesz. Wie geht’s Ihnen mit ihnen und dem Ensemble? Sie sollen ja ziemliches Temperament haben, oder, um ein Klischee zu bedienen, Paprika im Blut 😉 Kommt das gut?

Róbert Alföldi: Es kommt ausgezeichnet. Die erwähnten Kolleginnen sind wunderbar, wie auch jeder andere im Ensemble, mit dem ich das Glück habe hier zu arbeiten. Leidenschaft tut immer gut, dem Theater besonders, denn es ist eine Sache des Bauchgefühls. Ohne Leidenschaft lohnt sich nichts.

MM: Ihre erste Auslandsarbeit nach Ihrer Intendanz war „Die Möwe“  am Theater an der Rott, nun St. Pölten. Ist das Ihre Situation als Künstler jetzt: Zu reisen und zu inszenieren?

Róbert Alföldi: Es ist mir eine Ehre, in diesen Theatern arbeiten zu dürfen. Ich genieße es, andere Kulturen, andere Theater und Ensembles kennenzulernen und arbeite gern im Ausland. Dennoch wäre es mir gerade jetzt, wo es in meinem Vaterland so viele politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme gibt, äußerst wichtig, dass ich vor allem in Ungarn arbeite.

MM: Können beziehungsweise wollen Sie in Ungarn arbeiten? Wie geht es Ihnen emotional? Sie haben ein Publikum zurückgelassen, das Sie und Ihre Arbeiten sehr liebt und schätzt.

Róbert Alföldi: Es gibt noch einige Häuser, die mich einladen, um dort zu inszenieren. Aber in einer Stadt auf dem Land zum Beispiel, wo ich früher einmal sehr erfolgreich inszeniert habe, und der Intendant mich für eine nächste Arbeit wieder eingeladen hat, wurde ihm das vom dortigen Bürgermeister verboten, und er hat leider gehorcht. Das finde ich schon traurig. Die wirklich persönlichen Beziehungen bleiben im Leben immer erhalten. Meine Emotionen sind erhöht. Das hat mit dem zu tun, was mir passiert ist und immer noch passiert, aber noch mehr damit, was in meinem Land passiert. Aber ich lecke nicht meine Wunden. Ich versuche, nach vorne zu schauen. Jetzt ist es zum Beispiel ein großes Glück, dass ich in St. Pölten arbeiten darf, die Stadt liegt nur dreieinhalb Stunden von Budapest entfernt. Da kann auch mein Publikum kommen, um sich Meine Mutter, Kleopatra anzusehen, und das werden sie auch tun.

MM: Im April sind Parlamentswahlen in Ungarn. Worauf hoffen Sie?

Róbert Alföldi: Realistisch kann ich nur darauf hoffen, dass die Rechtsextremen nicht mit mehr Stimmen ins Parlament kommen, und dass die regierende Partei wenigstens keine Zweidrittel- Mehrheit mehr haben wird.

Die Übersetzung des Interviews aus dem Ungarischen machte Anna Lengyel.

 BUCHTIPP

Attila Bartis: Die Ruhe, 300 Seiten, aus dem Ungarischen von Agnes Relle. Suhrkamp Verlag.

Attila Bartis‘ gefeierter Roman „Die Ruhethematisiert auf eindrucksvolle Weise nicht nur diese spezifische Familiengeschichte – ein Künstlerroman -, sondern setzt sie auch in den Kontext mit Ungarns politischer Wende. Die moderne und packende Dramatisierung zeigt die menschlichen und sexuellen Verstrickungen der handelnden Figuren und deckt schonungslos und mit tiefschwarzem Humor familiäre Abhängigkeiten auf.  Bartis, 1968 im rumänischen Siebenbürgen geboren, also Mitglied einer ungarischen Minderheit, erzählt seine Geschichte mit beklemmender Intensität. Dieser roman noir, der in manchen Zügen an Werke Sartres und Camus‘ erinnert, wird eines der bleibenden Bücher über die (derzeit) gescheiterte ungarische Revolution sein.

www.landestheater.net

www.mottingers-meinung.at/landestheater-niederoesterreich-meine-mutter-kleopatra/

Wien, 28. 3. 2014

Landestheater Niederösterreich: Meine Mutter, Kleopatra

März 26, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geliebter Róbert, gehasster Róbert

Róbert Alföldi Bild: Daniel Nemeth

Róbert Alföldi
Bild: Daniel Nemeth

Róbert Alföldi, der ehemalige Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, der auf Drängen der Regierung Orbán zum Ende der Spielzeit 12/13 abgelöst wurde, führt Regie am Landestheater Niederösterreich. Und er lässt sich bitten: 23 Tage brauchen er und/oder seine Übersetzerin (er spricht nur Ungarisch) nun schon, um die Fragen von mottingers-meinung.at zu beantworten. In St. Pölten soll Alföldi „Meine Mutter, Kleopatra“, basierend auf dem Roman „Die Ruhe“ von Attila Bartis inszenieren. Mit Julia von Sell, Moritz Vierboom, Michou Friesz und Susi Stach. Es sei gerade alles sehr schwierig, hört man. Vielleicht geht’s in den Kulissen ja hoch her. Um die Wartezeit bis zur Premiere am 29. März (oder vielleicht kommen die Antworten ja doch noch) zu überbrücken, hier ein Artikel von Anna Frenyo aus der TAZ von 3. 9. 2013 (www.anna-frenyo.de):

Ungarns Ultrarechte hassen den Theatermann Alföldi. Als Intendant des Nationaltheaters in Budapest sind sie ihn losgeworden, als radikalen Künstler nicht. „Wo zum Teufel ist mein Kaffee?“, ranzt Róbert Alföldi seinen Produktionsassistenten an. Eine neue Probenwoche beginnt, und Alföldi hat schlechte Laune. „Steht hinter dir, Robi“, antwortet der Assistent gelassen. Alföldis zorniger Blick weicht einem freundlichen Grinsen. Im Hof der Budapester Sportarena lehnt er sich an die Motorhaube seines Autos und zündet sich eine Zigarette an. Sein kleiner Hund rennt schon in den Probensaal, über die Bühne und bellt vor Aufregung. Den Hund lieben alle.

Wo der preisgekrönte Alföldi künstlerisch zu Werke geht, kann mit vollem Haus gerechnet werden. Er ist ein kreatives Multitalent: Theater- und Filmregisseur, Schauspieler und Maler – zudem musikalisch begabt. In dem auch verfilmten Stück „Amadeus“ von Peter Schaffer dirigierte er selbst im Mozartkostüm das Orchester und spielte Klavier. Alföldis Genius scheint schier unerschöpflich – genauso wie der Hass, der ihm aus dem rechten Lager der ungarischen Gesellschaft bei allen seinen Projekten entgegenschlägt. An Alföldi verdichten und entladen sich die gesellschaftlichen Spannungen in Ungarn: Konservative und Rechte nennen sich gern „Heimattreue“ und bezeichnen Linke und Liberale als „Fremdherzige“ oder „Kommunisten“. Die christlich-konservative Kulturpolitik erklärt ein strammes Nationalgefühl zur Voraussetzung für künstlerische Qualität. Als Alföldis Vertrag als Intendant des Budapester Nationaltheaters Ende Juni – nach fünf Jahren – auslief, wurde der Posten neu ausgeschrieben.

Obwohl Alföldi sich beworben hatte, wurde er durch einen Nachfolger ersetzt, der den Vorstellungen der Regierung entspricht. Die Auswahlkriterien für die Bewerbung waren so angelegt, dass von Anfang an klar war, dass Alföldi nicht gewinnen konnte. Anlässlich seiner aktuellen Inszenierung von „Stephan, der König“ („István, a király“ wurde 1983 von Levente Szörényi und János Bródy geschrieben, inspiriert von „Jesus Christ Superstar“. Am vergangenen Freitag hatte Alföldis Inszenierung in Budapest Premiere. Die Besucher mussten an ca. hundert rechtsextremen Demonstranten vorbei, die sie als „Vaterlandsverräter“, „Schwulensäue“ und „dreckige Juden“ beschimpften. Auch Anhänger Alföldis demonstrierten. Das Regierungsmedium Magyar Nemzet sprach von „Demonstrationen extremistischer Gruppen“ und betonte die „Homosexuellenfreundlichkeit“ der Pro-Alföldi-Demonstranten) wurde Alföldi erst jüngst wieder aufs Heftigste in den Medien, über Facebook und auf Internet-Foren gebasht. Die Rockoper über Ungarns Staatsgründung ist für alle politischen Lager identitätsstiftend. Doch fungiert sie nicht als Kitt einer zerbröselnden Gesellschaft, sondern macht die Gräben erst recht sichtbar: Alföldis Kritiker meinen, ein Liberaler wie er dürfte das „Nationalheiligtum“ „Stephan, der König“ überhaupt nicht anfassen.

Bei der Probe wirkt der grauhaarige Regisseur, Mitte 40, Jeans und schwarzes T-Shirt, leger. Manchmal macht er kleine Späße, aber wehe, wenn einer aus dem Takt kommt oder sich nicht so bewegt wie er, Alföldi, sich das vorgestellt hat. Als plötzlich, während er den Tänzern etwas erklärt, Musik vom Technikpult ertönt, brüllt er los: „Das kann doch nicht wahr sein! Ich versuche mit 150 Tänzern zu arbeiten und ihr hört hier Musik!“ Die genervte Antwort des Dirigenten: „Robi, wir wollen ein technisches Problem lösen, damit du weiterarbeiten kannst.“ Wieder Alföldi: „Dann macht es in der Pause oder mit Kopfhörern!“ Ende der Durchsage. Alföldi behält für gewöhnlich das letzte Wort.

Aber er kann auch anders. Als Moderator einer Morgensendung im Fernsehen kam Alföldi zwischen 1998 und 2002 so gut rüber, dass er vor allem seiner empathischen Interviews wegen zum „Robi des ganzen Landes“ wurde. Auch in privaten Gesprächen mit seinen Kollegen kann er eine Herzlichkeit herstellen, dass die gar nicht anders können, als sich geliebt zu fühlen. Umso schockierender wirkt es dann, wenn Alföldi seine Schauspieler wie Sklaven behandelt. „Mach doch besser Puppentheater!“, empfahl ihm eine Schauspielerin nach seiner ersten Filmregie 2008, „dazu brauchst du keine Schauspieler.“ Alföldi schwankt zwischen Dr. Jekyll und Mr Hyde. Vom Publikum wird Alföldi entweder geliebt oder gehasst, kalt lässt er keinen. Seine Anhänger stehen stundenlang an, um Karten zu bekommen, seine Hasser organisieren Demonstrationen gegen ihn, den schwulen, skandalträchtigen Regisseur. Die rechtsextreme Oppositionspartei Jobbik hetzt auch gern im ungarischen Parlament gegen ihn – auf ihrer Agenda stand die Entfernung Alföldis als Intendant des Nationaltheaters ganz oben. Seine Inszenierungen jedoch fanden auch manchen konservativen Anhänger. So wurde einer der Verfasser von „Stephan, der König“, Levente Szörényi, auf ihn aufmerksam und bat ihn trotz aller politischen Differenzen, die von ihm und János Bródy komponierte Rockoper für das dreißigjährige Entstehungsjubiläum zu inszenieren.

Ohne den ersten König Stephan, der vor tausend Jahren herrschte, würde es Ungarn in seiner heutigen Form vermutlich nicht geben. Er ließ das Christentum einführen und stabilisierte das Land durch die Bindung an die Westkirche. Als das Werk 1983 uraufgeführt wurde, galt es als Freiheitssymbol, inspiriert von der Rockoper „Jesus Christ Superstar“, mit versteckter Kritik am kommunistischen Regime. Die Melodien von „Stephan, der König“ kennt in Ungarn jedes Kind. Komponist Szörényi erklärte die Wahl Alföldis damit, dass er wahre Kunst sehen wolle. Er habe die Nase voll von der in konservativen Kreisen hochgehaltenen „Nationalkunst“ und davon, dass jeder, der sich daran Kritik erlaube, gleich als Vaterlandsverräter abgestempelt werde. Als 1983 „Stephan, der König“ entstand, waren es die Parteifunktionäre, die sagten, wo es im kulturell-politischen Leben langzugehen hat. Diese Geisteshaltung lebt in konservativen ungarischen Kreisen fort, weshalb sich immer mehr Künstler vom Regierungskurs distanzieren. Alföldis Nationaltheater galt in Budapest als eine Insel der Andersdenkenden.

Der Intendantenwechsel war allerdings angesichts von Alföldis Persönlichkeitsstruktur nicht nur eine politische Entscheidung. Alföldi steht sich manchmal charakterlich selbst im Wege. Ende 2010 erlaubte er dem Rumänischen Kulturinstitut, das rumänische Nationalfest im Budapester Nationaltheater zu feiern. Ziemlich unsensibel. Denn bei diesem Fest wird der Anschluss Siebenbürgens an Rumänien 1918 gewürdigt, der für Ungarn den Verlust dieses Gebiets brachte und zu den wundesten Punkten seiner Geschichte gehört. „Dieses Fest im Budapester Nationaltheater zu feiern ist so, als wären Japans Luftstreitkräfte in Pearl Harbor zum Sektempfang geladen“, kommentierte der User eines Online-Forums. Alföldi gab nach, konnte aber die über ihn hereinbrechende Protestwelle dadurch nicht mehr aufhalten. Die rechtsextreme Jobbik-Partei demonstrierte vor dem Nationaltheater und bezeichnete Alföldi als krank und sein Theater als „Tempel der Perversität“. Das war im Dezember 2010.

Im Frühling 2011 untergrub der sogenannte Oralsex-Skandal Alföldis Stellung weiter: Eine Jobbik-nahe Journalistin hatte sich beschwert, dass es in einer seiner Inszenierungen eine – jedoch nur angedeutete – Oralsexszene gäbe, und gefragt, ob Alföldi das auch einem zwölfjährigen Kind zumuten wolle? „Jawohl, und Ihnen wünsche ich solchen Oralsex bis ans Ende Ihres Lebens“, antwortete er sarkastisch. Daraufhin wurde er zu dem für Kultur zuständigen Minister zitiert. Dieser jedoch stand zu Alföldi und seiner Aufführung, er durfte Intendant bleiben – vorerst. „Wie lange dulden wir noch, dass heimtückische, falsche Priester unter uns herumlaufen?“, fragt ein Lied in „Stephan, der König“. Das fragen sich auch im heutigen Ungarn viele. Vor tausend Jahren hatte Stephan den Clanältesten Koppány besiegt, der auf traditionellen, heidnischen Sitten beharrte. Die ungarischen Stämme standen vor der Entscheidung: weiter in althergebrachten Nomadenstrukturen zu verbleiben – und dabei zwischen den europäischen Feudalstaaten zermalmt zu werden – oder sich in ein eigenes Staatswesen römisch-christlicher Prägung einbinden zu lassen. Einen Kompromiss zwischen Stephan und Koppány konnte es nicht geben. Die eine Kultur musste die andere vernichten. Auch heute scheint es keinen Weg zur Versöhnung der politischen Lager in Ungarn zu geben. Die Zusammenarbeit zwischen dem konservativen Künstler Szörényi und Alföldi und ihr gemeinsames Rockoperprojekt darf man nicht überbewerten. In der derzeitigen Stimmung in Ungarn ist sie aber wenigstens ein kleines Hoffnungszeichen.

www.taz.de/!122988/

Wien, 26. 3. 2014

Café Prückel: magda goebbels.deutsche mutter

März 4, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Claudia Androsch als „Gefährtin des Bösen“

Bild: Reinhard Steiner

Bild: Reinhard Steiner

Am 11. März wird im KIP-Kultur im Prückel das Zwei-Frauen-Drama „magda goebbels.deutsche mutter“ uraufgeführt. Das neueste Bühnenstück des österreichischen Dramatikers Helmut Korherr spiegelt in den Dialogen zwischen Magda Goebbels und ihrer gleichaltrigen Freundin und Schwägerin Ello Quandt die Ära des Dritten Reiches. Der Text gibt Einblick in das Leben der Frau von Joseph Goebbels. Magda schenkte acht und nahm davon sieben Kindern das Leben. In ihrer Ehe mit Goebbels kam es regelmäßig zu heftigen Auseinandersetzungen wegen der zahlreichen Seitensprünge des Propagandaministers. Mit den zunehmenden Niederlagen der Wehrmacht weihte Goebbels seine Frau teilweise in die grausamen Verbrechen des Naziregimes ein. Magdas „braune Welt“ zerfiel immer mehr. Im März 1945 kündigte sie ihrer Vertrauten Ello ihren Selbstmord und die Vergiftung ihrer Kinder an…

Die Gespräche zwischen Magda Goebbels und Ello Quandt finden an verschiedenen Orten statt: auf dem Wohnsitz der Familie Goebbels auf Schwanenwerder, 1936 bei den Olympischen Sommerspielen in Berlin, am Kurfürstendamm, in einem Nervensanatorium bei Dresden und auf Goebbels Yacht „Baldur“. Die einzelnen Schauplätze und Zeitpunkte werden mit Projektionen gezeigt. In der Regie von Christian Spatzek spielen Claudia Androsch (Magda Goebbels) und Gisela Salcher (Ello Quandt).

Die Biographie von Magda Goebbels beinhaltet erstaunliche Überraschungen und zahlreiche Ungeheuerlichkeiten.  Die uneheliche Tochter eines Dienstmädchens kam am 1.11.1901 in Berlin zur Welt. Ihre Mutter Auguste Behrendt heiratete 1906 den jüdischen Lederhändler Friedländer, die Familie zog nach Brüssel und Magda verbrachte acht Jahre im Ursulinenkloster Vilvorde. Friedländer und Magdas leiblicher Vater, der wohlhabende Ingenieur und Bauunternehmer Dr. Oskar Ritschel, der in Magda eine lebenslange Faszination für den Buddhismus weckte, überboten sich in ihrer Fürsorge um das Mädchen. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrten die Friedländers nach Berlin zurück, wo Magda eine Beziehung zu dem Zionisten und späteren israelischen Staatsmann Viktor Chaim Arlosoroff entwickelte, die mit dessen Emigration in den Nahen Osten endete. Magda war nicht bereit, ihm nach  Israel zu folgen.

1920 lernte Magda in einem überfüllten Zugabteil Günther Quandt kennen, einen der reichsten Männer im durch die Kriegsfolgen verelendenden Deutschland. Der zwanzig Jahre ältere Großindustrielle wollte die schöne, intelligente und stilsichere Neunzehnjährige zur Frau nehmen. Oskar Ritschel erkannte Magda als seine Tochter an und sie konnte „den jüdischen Namen Friedländer“ ablegen. Das ermöglichte 1921 die Heirat. Günther Quandt hatte zwei Söhne aus erster Ehe; im gleichen Jahr brachte Magda ihren ersten Sohn Harald zur Welt. Anscheinend suchte Magda permanent nach neuen Impulsen für ihr Leben in einer Ehe, die nur sieben Jahre halten sollte und die sie zunehmend als einen goldenen Käfig empfand. Ihr Mann war vollauf mit seiner Arbeit beschäftigt und erlaubte ihr nicht, den enormen Reichtum öffentlich zu genießen. Innerhalb der Familie Quandt wurde Magda, ähnlich wie ihre Schwägerin und lebenslange Vertraute Eleonore „Ello“ Quandt, aufgrund ihrer Herkunft geschnitten. Die gegenseitige Entfremdung der Eheleute schritt immer weiter fort; Magda nahm sich einen jugendlichen Liebhaber, und die Scheidung im Sommer 1929 war die logische Folge.

Magdas Begegnung mit den Nationalsozialisten geschah eher zufällig, zumal sie sich bis 1930 für Politik kaum interessiert hatte. In diesem Jahr hörte sie erstmalig eine Rede von Joseph Goebbels, der von Hitler nach Berlin geschickt worden war, um diese Stadt für die Nazis zu „erobern“. Am nächsten Tag trat sie in die NSDAP ein, übernahm ehrenamtliche Tätigkeiten und wurde schließlich Leiterin des Pressearchivs der Partei. Dort war sie Goebbels’ direkte Mitarbeiterin. Ab Februar 1931 deuten fortlaufende Nummerierungen in dessen Tagebuch auf die Anzahl der sexuellen Kontakte hin. Zwei Wochen später verlobten sich Magda Quandt und Joseph Goebbels und die beiden heirateten dann im Dezember 1931; Hitler war Trauzeuge. Anfänglich hütete Goebbels seine Ehefrau eifersüchtig, manche Historiker erwägen diese Eifersucht sogar als Grund für die Ermordung Arlosoroffs, die 1933 an der Küste des Mittelmeers geschah. Magdas Ehe mit Goebbels war kinderreich. Sie war zwischen 1932 und 1942 quasi ununterbrochen schwanger  und brachte trotz zahlreicher Fehlgeburten in dieser Zeit sechs Kinder zur Welt: Helga (1932), Hilde (1934), Helmut (1935), Hedda (1937), Holde (1938) und Heide (1940). Magda verbrachte viel Zeit auf Kuren und in Krankenhäusern. Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends: Depressionen, eine Sepsis und Gesichtslähmung setzten der Ersten Dame des Dritten Reiches (dieser Titel wurde Magda nur von Emmy Göring streitig gemacht) zu. Darüber hinaus kam es regelmäßig zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Eheleuten, größtenteils aufgrund der zahlreichen Affären des Propagandaministers. Dieser Zustand eskalierte im Zusammenhang mit der tschechischen Schauspielerin Lida Baarova, die Goebbels 1936 kennen lernte. Mit der Baarova zeigte sich der Propagandaminister auch zunehmend in der Öffentlichkeit und demütigte somit Magda. Karl Hanke – er war Staatssekretär unter Goebbels – wurde zum ritterlichen Parteigänger der betrogenen Ehefrau. Die für eine Scheidung juristisch relevante Schuldfrage klärte er mit schriftlichen Beweisen für über 40 Affären des Ehemanns.

Hier schaltete sich Hitler ein. Er zitierte Magda auf den Obersalzberg und sprach sich gegen die Scheidung aus. Lida Baarova wurde „kalt gestellt“, die Eheleute unterschrieben einen Versöhnungsvertrag und zeugten ein „Versöhnungskind“. Mit zunehmenden Niederlagen der Wehrmacht teilte Goebbels seiner Frau mehr und mehr grausame Verbrechen mit, die von seiner Propaganda vertuscht und verdreht wurden. Zu den bereits lange vorhandenen physischen Problemen gesellte sich der Zerfall des Ideals, an das Magda glaubte. Im März 1945 kündigte sie ihrer Vertrauten Ello die Pläne für ihren Selbstmord an.

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Wien, 4. 3. 2014