Wiener Festwochen: Traiskirchen. Das Musical

Juni 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Solidarität mit der Schildkröte

Der Mensch braucht mehr als nur das Notwendigste: Die „High Heels Phantasma“-Szene. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Eine der schönsten Szenen nennt sich „High Heels Phantasma“. Da bittet eine deutlich Bessersituierte zur Manolo-Blahniks-Verteilung, weil der Mensch, vor allem die Frau, braucht mehr als nur das Notwendigste. Und während die linksgedrehten NGO-Damen mit den Hilfscontainer-T-Shirts protestieren: „Der Stöckelschuh ist die Burka des Westens!“, greifen die Flüchtlinge zu und tanzen in ihren Neueroberungen.

Und die Bessersituierte erzählt, im KZ hätte sie sich jeden Tag die Lippen rot gemalt. Mit Ziegelsteinen oder ihrem Blut. Als ein Zeichen, dass sie nicht das Tier ist, zu dem man sie machen wollte. Der Mensch braucht Kultur – und da gehört Schminke dazu. Dies Phantasma ist nicht so fantastisch. Etwas Ähnliches hat es sich im Sommer 2015 tatsächlich zugetragen. Recht erinnert, hat sogar das Fernsehen darüber berichtet. Nun ist die Bühnenfassung davon zu sehen: „Traiskirchen. Das Musical“. Im Volkstheater Wien. Die Theatermacher Tina Leisch und Bernhard Dechant, bekannt als „Die Schweigende Mehrheit“ und für ihre von Identitären gestürmte Aufführung von „Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene“ im AudiMax, haben aus den Ereignissen von vor zwei Jahren eine abgedrehte Musikrevue gemacht, haben es tatsächlich geschafft, das Surreale dieser Tage ins Skurrile zu überhöhen – und aus einem tonnenschweren Thema einen (über weite Strecken) leichtfüßigen Abend zu gestalten.

Dazu bedienen sie sich aller Mittel der leichten Muse. Gesang, Tanz, Klamauk; Traumsequenzen sind Slapstick in Zeitlupe, die Dialoge sind irr/witzig, denn immer wieder bricht die Handlung, um doch festzuhalten, dass vieles, was da passiert ist, lächerlich, aber nicht zum Lachen ist. Die Musik stammt unter anderem von Texta, Eva „Gustav“ Jantschitsch, Bauchklang, Imre Lichtenberger Bozoki, dem musikalischen Leiter der Aufführung, Jelena Popržan, Sakina Teyna, Mona Matbou Riahi oder Leonardo Croatto. Der „Hauptdarsteller“, der rote Faden, ist das Lager Traiskirchen. Wie in den guten, alten 1980er-Jahre-Musicals, in denen ein Protagonist nach dem anderen vortritt, um seine Geschichte zu erzählen, so ungefähr funktioniert es auch hier.

Der Bösewicht ist Journalist: Dariush Onghaie spielt und singt den Troublemaker, die Krone der Schöpfung. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Das Krähengericht (hi.) muss über einen Fall von Folter entscheiden: Shureen Shab-Par spielt die Kurdin, die glaubt ihren Peiniger erkannt zu haben. Bild: Verena Schäffer

Dazwischen gibt es verbindend Komisches, Running Gags wie etwa Moussa Thiaw als Moses, der statt seinen ORS-Pflichten nachzukommen, lieber mit seinem Schatzi telefoniert, drei Love Storys über alle Grenzen hinweg, und hinreißende, mitreißende Ensembleszenen. Dreiviertel der Darsteller sind diesmal Profis, 30 Menschen aus 19 Herkunftsländern, ausgebildete Sänger, Tänzer, Schauspieler … Sie alle kennen Traiskirchen von innen, manche waren schon vor Jahren als Kinder dort, andere erst kürzlich. Geschont wird in dieser Inszenierung niemand. Weder die Traditionalisten noch die Willkommensrassisten, weder die Islamisten noch die selbstverliebten Weltverbesserer.

„Traiskirchen. Das Musical“ zeigt einmal mehr, dass sich am meisten hasst, was sich am ähnlichsten ist. Im „Parolenbattle“ versucht jede Partei die Menschen auf ihre Seite zu ziehen, die hasten hin und her – und finden sich am Ende bei Geiz ist geil. Beim Integrationsshopping sozusagen. Die zum Spendenselbstopfer hochstilisierte Zivilgesellschaft muss sich genauso persiflieren lassen wie die überforderte Politik, ein Dschihadist (gespielt von Jihad Al-Khatib), der Medikamente, die er braucht, auf religiöse Reinheit prüft, wird ebenso durch den Kakao gezogen, wie der letzte Christ (Amin Khawary stellt ihn dar), der versucht mit Hardrock auf seine Kirche aufmerksam zu machen.

Der Schlepper vom Dienst (verkörpert von Khalid Mobaid) spricht nicht nur wie Jesus beim Letzten Abendmahl, er lässt sich anschließend auch kreuzigen. Gern ist er der alleinig Schuldige, solange seine Kasse stimmt. Uwe Dreysel rennt als ORS-Josef von hie nach da, um zu helfen, aber ach, seine Bemühungen wollen und wollen nicht fruchten. Am Höhepunkt des Trubels wieder Bruch, wieder (Alb)traumsequenz: Das Krähengericht tritt zusammen, weil eine Kurdin (gespielt von Shureen Shab-Par) glaubt, in einem anderen Lagerbewohner ihren einstigen Folterer erkannt zu haben. Doch der hat einen philippinischen Pass – ORS-Moses ist rat- und hilflos …

Stefan Bergmann singt und spielt einen Traiskirchner, der Welcome-Blumen pflanzt, aber alsbald auf Rache sinnt. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Die ORS-Männer sind überfordert: Moussa Thiaw als Chef Moses (am Apparat natürlich Schatzi) und Farzad Ibrahimi als David, die Pfeife. Bild: Verena Schäffer

Während der Peiniger nicht identifiziert werden kann, ist es mit anderen Dramatis personæ ganz leicht. Hanna Binder ist großartig als Betreuungsstellendirektor Stabhüttel, dessen einzige Sorge und Solidarität der aus ihrem Lebensraum Teich verschwundenen Schildkröte (dargestellt von Kung-Fu-Meister Haidar Ali Mohammadi) gilt – „Die haben sicher die Ausländer gefressen!“ – nein, es wird sich herausstellen, sie ist nach Schweden weiter emigriert. Auf alle Sorgen weiß er nur einen Satz: „Des is mei Lager.“ Für Khalid Mobaid haben Lichtenberger Bozoki und Richard Schuberth den „Mikl-Leitner-Blues“ geschrieben, eine sehr sexy vorgestrippte Nummer, in der die Bühneninnenministerin beklagt, wie es ist, „to be the eternal booman, the most misunderstood woman – since Richard Nixon and President Truman.“ Eine Weltklassenummer, in der natürlich der Weltklassesatz fallen muss: „So viele Menschen – so wenig Klopapier.“

Dariush Onghaie darf der Bösewicht des Stücks sein, ein Journalist, genannt der Troublemaker, die Krone der Schöpfung. Seine Message ist klar: Egal, was er schreibt, „ihr glaubt mir eh alles“. Zwei gute/schlechte Typen sind auch Stefan Bergmann als Traiskirchner, der Welcome-Blumen für die Refugees pflanzt, aber sofort nach Rache ruft, als versehentlich eines der Pflänzchen zertreten wird. Bernhard Dechant gibt den am Bühnenrand herumlungernden und auf seine Chance wartenden Quotensandler, auf den sich die Österreicher immer dann besinnen, wenn ihnen der einheimische Obdachlose lieber ist, als der ausländische – in solch schwachen Momenten, und nur in solchen Momenten wird er dann gehegt und gepflegt.

Drum hasst sich am meisten, was sich am ähnlichsten ist: Die rechten Weltanschauungen des „Orient“ und des „Okzident“ prallen aufeinander. Bild: Verena Schäffer

Futurelove Sibanda schließlich ist Tanzfans ohnedies längst kein Unbekannter mehr. Der vielseitige Solo-Performer ist seit 2009 in zahlreichen Produktionen als Sänger, Tänzer, Schauspieler zu sehen gewesen – in „Traiskirchen. Das Musical“ spielt er einen Amnesty-International-Mitarbeiter, der aufgrund seiner Hautfarbe von der Hilfsarmada freilich für einen Flüchtling gehalten wird.

Die geballte Professionalität der Produktion zeigt einmal mehr, welch Potenzial da ist, wenn man über Grenzen hinausgeht. Sie ist ein Feel-Good-Feel-Free-Abend, und die Spielfreude der Akteurinnen und Akteure mehr als ansteckend. Dass Leisch/Dechant manchmal Richtung Erklärstück entgleiten, ist den beiden inne, und wahrscheinlich tatsächlich kann man’s manchen nicht oft genug sagen. Die Standing (hier eigentlich: Moving) Ovations am Ende aber galten den allesamt sehenswerten Performances. Und waren endlich eine Gelegenheit gemeinsam zu tanzen und zu feiern.

INFO: ORF2 bringt am 11. Juni um 13.30 Uhr in „Heimat, fremde Heimat“ einen Bericht von der Premiere. Nach den Wiener Festwochen gibt es Spieltermine in Niederösterreich.

Tina Leisch und Bernhard Dechant im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=24999

www.schweigendemehrheit.at

www.festwochen.at

Wien, 10. 6. 2017

Wiener Festwochen: Traiskirchen. Das Musical

Mai 12, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tina Leisch und Bernhard Dechant im Gespräch

Traiskirchen. Das Musical. Bild: www.christianstangl.at

Am 9. Juni hat im Rahmen der Wiener Festwochen die Produktion „Traiskirchen. Das Musical“ im Volkstheater Premiere. Das Künstlerkollektiv „Die Schweigende Mehrheit“, 2015 mit dem Nestroy-Sonderpreis ausgezeichnet, präsentiert diese Arbeit. Inhalt: Im Sommer 2015 treffen sich im Lager Traiskirchen dem Krieg Entronnene, vom Frieden Verwöhnte und politisch Kurzsichtige.

Hetzer und Gehetzte. Die Welt rückt sich näher. Menschen und Ideen geraten aneinander. Es kracht. Auf dem Jahrmarkt der Barmherzigkeit vor dem Lagertor werden Kinderkleidung und Stöckelschuhe, Verschwörungstheorien und Heilsversprechen getauscht. Obdach- und Papierlose suchen nun um die Wette nach dem Witz, dem Song, dem  Tanz, der die Kriegstreiber zu Fall bringen könnte. „Traiskirchen. Das Musical“ treibt erbarmungswürdige Dummheiten, herzzerbrechende Skrupellosigkeit und dreisteste Wünsche auf die Spitze des Lagerzaunpfahls. Die Theatermacher Tina Leisch und Bernhard Dechant versprechen Abendunterhaltung weit jenseits des Obergrenzen. Ein Gespräch mit den beiden:

MM: „Traiskirchen. Das Musical“ sind eigentlich zwei Begriffe, die sich ausschließen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen? Was darf man sich erwarten?

Bernhard Dechant: Die Idee entstand im Sommer 2015, als wir wochenlang in Traiskirchen waren, und die Situation dort gesehen haben. Es war sehr bunt, sehr laut, sehr emotional – in allerlei Hinsicht, positiv wie negativ. Irgendwie hat uns Traiskirchen an eine Musicalkulisse erinnert. Zum einen Dramen, Verzweiflung, Unglück der Menschen, die alles zurücklassen mussten und die man nun am Asphalt schlafen lies, zum andren diese fröhliche Szene des  Jahrmarkts der Hilfsbereitschaft, Menschen, die Bananen, Kleidung, Hygieneartikel bringen, mit den Flüchtlingen reden, sie einladen. Wir wollen mit unserer Aufführung Menschen  erreichen, die  vielleicht vor einem „Flüchtlingsstück“ zurückschrecken würden. Daher der Entschluss einen unterhaltsamen, fröhlichen, verwegenen Musicalabend zu erarbeiten, der beweist, dass das Nachdenken über komplizierte Probleme ein großes Vergnügen sein kann.

Tina Leisch: Wir versuchen herauszufinden, wie wir mit der Kunst Wahrnehmungsraster durchbrechen können.  Es gibt mittlerweile sehr eingefleischte Erzählformen zu den Themen Flüchtlinge, interkulturelle Konflikte, Fluchtursachen … Das sind oft Abende, die diese Menschen so darstellen, als wären sie „hauptberuflich“ Flüchtlinge. Uns interessiert, wie man anders an die Sache herangehen kann. Und die Konflikte, die entstehen, haben ja nicht nur dramatisches, sondern auch viel komisches Potential.

MM: Konkret heißt das, Sie haben Geschichten gesammelt und zu einer großen Story verwoben?

Leisch: Wir hatten von Anfang an die Idee, dass es nicht eine große Heldenfigur gibt, sondern dass viele kleine Episoden aus Traiskirchen zu einem Plot verwoben werden. Dinge, die auch wir dort erlebt haben, Erlebnisse von anderen Künstlerinnen und Künstlern der „Schweigenden Mehrheit“. Wir haben dann ein Casting gemacht, weil wir diesmal nicht mit Laien, sondern mit internationalen Künstlern arbeiten wollen. Die meisten haben eine professionelle Ausbildung als Schauspieler, Sänger und Tänzer. Manche sind 2015 als Flüchtlinge gekommen, manche sind zum Studieren nach Wien gekommen, manche waren als Kinder in Traiskirchen, weil ihre Eltern damals vor dem Ajatollah-Regime im Iran geflüchtet sind. Wir haben dann Workshops zu verschiedenen Themen gemacht, – über den Krieg in Syrien, über Religionskonflikte, über die Diffamierung junger Afghanen durch die Kronenzeitung – und so ist nach und nach das Stück entstanden.

Dechant: Vieles, was rund um die Flüchtlingsproblematik abläuft, ist ein großes Gebluffe und viel Blabla. Ich hatte manchmal das Gefühl, die Flüchtlinge stehen wie Zuschauer vor ihrer eigenen Situation, während sich die Österreicher in zwei Lager teilen, die einen, die rufen „Wir retten euch!“, und die anderen, die schreien „Raus, raus!“ Das ist durchaus skurril. Dazu die Politik, die sich seit Jahren hin und her wirft, der es aber nicht um die Menschen, sondern um den Machterhalt geht. Wir haben uns diverse Musicals angeschaut und dann für so eine Art „Hair“ entschieden. Auch da sind viele Figuren ziemlich gleichberechtigt auf der Bühne, werden in schneller Folge dargestellt, singen ein Lied und sind wieder weg. Und trotzdem hat man als Zuschauer einen Gesamteindruck. Das wollen wir auch.

MM: Wie lange waren Sie in Traiskirchen und was haben Sie dort erfahren?

Leisch: Ich betreue seit Anfang der 1990-Jahre Flüchtlinge, damals war ich das erste Mal in Traiskirchen. Ich habe selber ein Flüchtlingskind großgezogen, war oft bei den Einvernahmen als Vertrauensperson dabei. Mir sind die Probleme also seit Langem bekannt. Zum Beispiel das Problem der mangelhaften  Dolmetscher: Wenn ein kurdischer Iraner für einen Afghanen übersetzt, dann ist Dari und Farsi zwar die gleiche Sprache, aber vielleicht so unterschiedlich wie Schweizer-Deutsch und Wienerisch. Natürlich gibt es da immer wieder Missverständnisse. Oder das Thema Überbelegung: Das war doch immer wieder im Lauf der Jahrzehnte ein Thema, wenngleich nie so schlimm wie im Sommer 2015, als über 4500 Menschen da waren, bei 1820 Schlafplätzen in den Gebäuden!

Dechant: Was sich in Traiskirchen abspielt, wird jeder aus seiner subjektiven Sicht anders wahrnehmen. Der eine sagt, es ist nicht so schlimm, der andere sagt, hier stinkt’s. Das unterscheidet sich, je nachdem woher man kommt und was man erlebt hat. Wenn man aus einer Kriegssituation kommt, ist ein Zelt die Krönung, für andere ist es eine Katastrophe. Die Mitarbeiter der Sicherheitsfirma sind schlicht überfordert, sie sind für so eine Situation nicht ausgebildet. Da gab es einen 20-jährigen, türkischstämmigen Sicherheitsmann, der ist zwei Tage heulend herumgelaufen, weil er eine Frau verloren hat, der er helfen wollte. Natürlich führen solche Momente zu hysterischen Gerüchten, zu Massenpanik, zur totalen Überforderung der schlecht ausgebildeten Beschäftigten im Lager.  Was ich damit sagen will, ist, in Traiskirchen ist niemand „böse“, sondern es herrscht allgemeine Überforderung.

Leisch: Und Desorganisation. Es war zum Beispiel lange nicht möglich, dass Frauen in Ruhe duschen können, es waren immer Männer im Duschraum, sie haben zugeschaut, weil die Duschen nicht abgetrennt waren und es keinen Sichtschutz gab. Dabei hätte man nur sagen müssen, Männer duschen in der Zeit von – bis, Frauen vorher oder nachher. Aber es hat die Firma ORS, die ja das Lager betreibt und damit ein Riesengeschäft macht, offensichtlich nicht interessiert, dieses Problem zu lösen.

MM: Nach Ihrer Erfahrung mit der Arbeit mit Flüchtlingen gefragt: Taugt Theater zum Integrationsinstrument?

Leisch: Ja. Unbedingt.

Dechant: Die Frage ist, Integration für wen? Lernen wir etwas kennen, können wir über die Menschen, die da kommen, mehr erfahren, können wir Ängste und Vorurteile abbauen? Es bringt auch nichts zu sagen: Alle Flüchtlinge sind super. Natürlich gibt es Probleme, auch in unserer Gruppe, wir führen untereinander Diskussionen über den Islam. Wir haben Künstlerinnen, die sagen, das spiele ich nicht, weil sich das mit meiner Religion nicht vereinbaren lässt, ich aber werde der Kunst sicher keine Zensur auferlegen. Natürlich reibt sich das, natürlich ist das neu für mich.

Leisch: Alle Arten von Projekten, wo man mit Flüchtlingen gemeinsam etwas auf die Beine stellt, verhindern die Ghettobildung. Es geht darum, nicht ein WIR der Österreicher einem IHR der Geflüchteten gegenüberzustellen, sondern quer dazu Gemeinsamkeiten, aber auch Trennendes zu entdecken. Die Religiösen aller Sorten gegen die Ungläubigen aller Weltgegenden. Die Hardrock-Fans gegen die Ethnomusiker, die Asketen gegen die Glitzer-Glimmer-Aficionados. Die wenigsten der Dinge, die uns trennen oder verbinden haben ethnische Wurzeln. Man soll nicht immer darauf schauen, wo die Leute herkommen, sondern mehr darüber reden, wo wir gemeinsam hin wollen. Das ist prinzipiell das A und O dessen, was Menschen tun müssen, um eine gemeinsam Zukunft mit einander zu gestalten. Dafür darf man aber eben Konflikte nicht unter den Tisch kehren, sondern man muss sie verhandeln. Sie auf die Spitze treiben, um die Debatte darüber zu provozieren. Das ist eben die Aufgabe des Theaters.

Bernhard Dechant bei der Aufführung von „Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene“ im Audimax der Uni Wien. Bild: Armin Rudelstorfer

Vorstellung im Arkadenhof des Wiener Rathaus. Bild: Peter Horn

MM: Nun ist es ja schön, dass das in der Gruppe so fein funktioniert. Eine andere Sache ist es, dafür ein Publikum zu gewinnen. „Traiskirchen. Das Musical“ – was geht mich das an?

Dechant: Wir hoffen, dass wir mit dem Musical Menschen erreichen, die nicht schon positiv gegenüber den Flüchtlingen eingestellt  sind. Wir wollen Leute erreichen, die normalerweise nicht ins Theater gehen. Wenn wir im Volkstheater oder im Werk X spielen, sind wir eh alle einer politischen Ansicht, deshalb wollen wir wohin, wo wir Leute überzeugen müssen. Wir leben in solchen Echoslots, dass wir andere Meinungen gar nicht mehr wahrnehmen. Das wollen wir mit der Musicalform aushebeln. Wir probieren’s halt einmal.

Leisch: Aber wir sind keine Missionarinnen. Wir wollen nicht Menschen, die anders denken als wir bekehren. Wir stellen ja auch ihre Positionen auf die Bühne und sagen: Jetzt debattieren wir darüber jenseits der eingefahrenen Lagerbildung, wo jeder in seiner politischen Blase bleibt. Wir starten im Rahmen der Wiener Festwochen am Volkstheater, und dann gehen wir raus. Wir spielen dann in Stockerau, in Wiener Neustadt, in Wels, in Traiskirchen, in Wien in den Außenbezirken, zum Beispiel der VHS Floridsdorf … Und wir versprechen: Es wird unterhaltsam, nicht mühsam. Wir wollen zwei Stunden lang amüsieren, provozieren, unterhalten, jedenfalls nicht anöden.

MM: Ihr Projekt heißt „Die schweigende Mehrheit“, steuern wir dieser Tage nicht eher auf eine krakeelende Mehrheit zu?

Leisch: (lacht) Nein, das stimmt nicht, das lässt uns nur die rotschwarze Regierung glauben, die sich in der Flüchtlingspolitik seit Jahrzehnte immer weiter nach rechts treiben läßt, weil sie der Behauptung der Rechten, die Bevölkerung sei fremdenfeindlich und rassistisch auf den Leim geht. Geht man aber raus und redet mit den Leuten, so hat die Mehrheit der Österreicher nichts gegen Flüchtlinge und ist nicht rassistisch, sondern will helfen, so gut es geht. Die krakeelen, wie Sie sagen, sind die krakeelende Minderheit. Daran glaube ich ganz intensiv. Liebe Politikerinnen und Politiker: Glaubt doch nicht immer, dass die Menschen so engstirnig und ängstlich sind! Mit der österreichischen Bevölkerung gemeinsam kann man schon was bewegen.

MM: Sind aber Projekte, wie das Ihre, nicht auch ein praktisches Feigenblatt für die Politik? Im Sinne von: Wir subventionieren eh, also tun wir eh …

Leisch: Dem werden wir nicht entkommen, und es ist mir letztlich auch wurscht.

Dechant: Eigentlich müsste die Politik sich fragen, wo angesichts der spontanen Selbstorganisation im Sommer 2015 überhaupt noch ihr Platz ist, heißt brutal ausgedrückt: Wozu man sie überhaupt noch braucht. Denn im Moment der Krise waren die Politiker unfähig und die Bevölkerung hat an den Grenzen und an den Bahnhöfen gestanden und die ankommenden Menschen versorgt.

Leisch: Die private Sicherheitsfirma, die Traiskirchen betreibt, hat im Sommer 2015 2,5 Millionen Euro Gewinn gemacht. Das muss man sich vorstellen: Die haben vom Staat das gleiche Geld bekommen, für jeden Flüchtling, der am Trottoir geschlafen hat, wie für einen, der ein Bett in einem Zimmer hatte. Versorgt, mit Zelten, mit Essen, wurden die Menschen aber von der Zivilgesellschaft. Ohne sie wäre der humanitäre Notstand ausgebrochen, hätte es Seuchen gegeben, Tote vielleicht. Das heißt, wir, die wir geholfen haben, haben auch der Sicherheitsfirma zu ihrem Gewinn verholfen.

MM: Den Rechtspopulisten wird vorgeworfen, dass sie die richtigen Fragen stellen, aber darauf die falschen Antworten geben. Hätten Sie eine Antwort für Traiskirchen?

Dechant: Eine Lösung für alles?

MM: Einen Ansatzpunkt.

Dechant: Eine“ Lösung wird’s nicht geben. Wir müssen beim kapitalistischen System beginnen, das ummodeln, die Umverteilungsspirale endlich anwerfen, den Klimaschutz energischer betreiben. Jetzt wäre unsere Gesellschaft an 83.000 Kriegsflüchtlingen fast zerbröckelt, was machen wir, wenn erst die Millionen Klimaflüchtlinge kommen? Lösung wird erst sein, wenn wir Güter, Rohstoffe … endlich gerecht verteilen, wenn wir aufhören, die Dritte Welt auszubeuten, wenn wir aufhören, Rohstoffkriege zu führen, damit dann vielleicht passieren kann, was die politische Rechte jetzt schon fordert: Dass die Leute „daheim“ bleiben.

Leisch: Das thematisieren wir auch in unserem Stück: Welche Heilsversprechen und Lösungsangebote gibt es? Wir verhandeln auf der Bühne Vorschläge, die plausibel klingen, tatsächlich die  Probleme aber nur verschärfen würden.

Dechant: Wir zeigen auch auf, wie Grenzen verschwimmen, wie die linken, kämpferischen Aussagen mittlerweile von der katholischen Kirche kommen, während die Roten offenbar vergessen haben, wie Kapitalismuskritik geht.

Leisch: Es ist absurd: Die SPÖ macht rechte Politik, die katholische Kirche füllt die Lücke links, und die Rechten, die immer so männerbündlerisch sind, machen sich für Frauenrechte stark und benützen den Feminismus, um Fremdenfeindlichkeit zu schüren. In diesem Verlust  von ideologischen Eindeutigkeiten stellen wir uns die Frage: Wer meint, was er sagt, wer benutzt welchen coolen Spruch wozu, was ist Marketing, was ernst gemeint? Die Vermarketingisierung der Politik ist etwas, das mich in jeder neuen Arbeit interessiert.

Tina Leisch am ersten Tag der Mahnwache vor der Wiener Staatsoper. Bild: Andrea Peller

Dechant und Leisch bei der Großdemo „Flüchtlinge willkommen“. Bild: Die schweigende Mehrheit

MM: Damit ecken Sie auch an, siehe Ihre Aufführung von Elfriede Jelineks „ Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene“ im Audi Max, die von Identitären gestürmt wurde. Wie ausgeliefert, wie schutzlos fühlt man sich nach so einem Erlebnis?

Dechant: Die Identitären wollen Angst und Schrecken verbreiten, man darf sich also beim Schreiben nicht überlegen: Lass‘ ich das so stehen, dann fühlen die sich wieder provoziert, dann kommen die wieder … Ich habe viel mehr Angst, den Islam falsch zu kritisieren, und dass da jemand findet, ich beleidige seinen Gott. Es geht ja nicht nur um Tina und mich, wir haben unsere Darsteller zu schützen, und da merke ich ab und an, die fürchten sich fast mehr vor ihren eigenen fanatisierten Leuten, als  vor den Identitären.

Leisch: Wir haben das Jelinek-Stück auch einmal in Ottakring gespielt, und da kam eine syrische Propagandatheatertruppe, die unsere Aufführung mitgefilmt und ins Internet gestellt hat, da hatten wir tatsächlich Schauspieler, die sagten: Das ist mir zu heikel, da will ich nicht im Bild sein, weil, wenn die syrische Regierung mich sieht, und meine Familie ist ja noch in Syrien … Oder Iraner, die ganz genau überlegen müssen, was sie hier sagen dürfen, ohne zu riskieren, dass sie nicht mehr zur Familie nach Teheran fahren dürfen, dass sie dich am Flughafen mal beiseite nehmen … Dagegen sind Bernhards und meine Probleme mit den Identitären doch vergleichsweise harmlos …

MM: Wie stehen Sie zu den oft beschworenen Mentalitätsunterschieden? Gibt es so etwas „unsere“ und „deren“ Werte?

Leisch: Es gibt zuerst einmal einen Wert, und das sind die nicht verhandelbaren Menschenrechte. Was kulturelle Unterschiede betrifft, da hilft es viel, wenn man sich gegenseitig erzählt, mit welchen Ideologien man aufgewachsen ist, wer welche Bilder im Kopf hat. Aber ich finde, man muss sich auch trauen, manchmal klar Stellung zu beziehen. Ich beispielsweise kann mit Religion nichts anfangen, werde aber jederzeit dafür eintreten, dass jeder Mensch seinen Glauben leben kann. Andererseits werde ich aber auch vehement dagegen auftreten, wenn Religion benützt wird, die Menschen zu verdummen, gegeneinander aufzuhetzen, in chauvinistische Identitätskonstruktionen einzuspinnen.

Dechant: Klar ist, dass man mit Zahlen, Daten, Fakten keine Weltbilder ändern kann. Wir müssen miteinander reden, wir müssen die Menschen bei ihrer Menschlichkeit packen. Und wir hoffen halt, dass uns das mit Theater gelingt.

Nach den Wiener Festwochen gibt es Termine in ganz Österreich, mehr dazu:

www.schweigendemehrheit.at

Wien, 12. 5. 2017

Musicalstar Pia Douwes kommt mit dem Broadwayhit „Next To Normal“ nach Wien

Dezember 2, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

Next To Normal: Pia Douwes entledigt sich als Diana Goodman ihrer Antidepressiva Bild: Guenter Meier/Stadttheater Fuerth

Next To Normal: Pia Douwes entledigt sich als Diana Goodman ihrer Antidepressiva. Bild: Guenter Meier/Stadttheater Fuerth

„Keine Show am Broadway hat bis jetzt so direkt unser Herz berührt“, schrieb die New York Times über „Next To Normal“. Dabei war das Musical von Tom Kitt und Brian Yorkey zunächst ein ungeliebtes Kind in der Glitzermetropole. Man verbannte das Stück über die bipolare Störung einer Mutter für zehn Jahre ins Off-. Dann kamen drei Tony Awards und der Pulitzer Preis. Nun kommt „Next To Normal“ in der deutschen Übersetzung und der Regie von Titus Hoffmann nach Österreich.

Von 26. April bis 1. Mai ist Musicalstar Pia Douwes im Wiener Museumsquartier als die mit ihren Depressionen kämpfende Diana Goodman zu sehen. „Next To Normal“ zeigt berührend und realistisch, welche Auswirkungen die Krankheit auf einen selbst und die Angehörigen hat; Diana schwankt zwischen ihrem Trauma und allen erdenklichen Therapien, und ihre Familie droht daran zu zerbrechen … Der Kartenvorverkauf hat begonnen. Pia Douwes im Gespräch:

MM: „Next To Normal“ ist nicht das, woran man denkt, wenn man Musical denkt. Es ist ein Familiendrama, das Thema ist psychische Störung, die Geschichte einer depressiven Erkrankung. Doch dieses Musical ist höchst erfolgreich. Warum funktioniert das?

Pia Douwes: Meistens werden „Stars“ von Kaiserin Elisabeth bis Marilyn Monroe in ihrem Leid, in ihrem Gefangensein im goldenen Käfig gezeigt. Die Folgen ihrer psychischen Erkrankungen werden in diesen Musicals aber nicht gezeigt, die Krankheit wird mystifiziert, diese Frauen müssen alle larger than life sein. Das hier aber ist die Geschichte von Diana Goodman, einer durchschnittlichen Mutter in einer normalen Familie, und wir sehen ihr dabei zu, wie ihre Emotionen und ihr Geist entgleisen. Das Stück ist aus dem Leben gegriffen, es ist zeitgemäß, das ist seine Stärke. Die Botschaft ist, psychische Krankheit kann jedem passieren. Jeder zweite von uns hat schon mal mit Depressionen gekämpft oder leidet aktuell daran. Und warum ist das so? Weil wir den Druck unseres Umfelds spüren. Wir müssen immer schneller immer mehr machen. Zum Glück ist Depression kein Tabuthema mehr, man redet darüber. Wie toll ist es also, das auch einmal in einem Musical zu thematisieren? Es ist aber kein Stück, das nur tieftraurig oder nur sarkastisch ist, es hat auch eine gute Portion Humor, eine Tragikomik, eine Verwandtschaft zum Wiener Schmäh. Deshalb passt es so gut hierher, in die Heimatstadt der Psychoanalyse.

MM: Wie war Ihre Entscheidung bei diesem Projekt mitzumachen?

Douwes: Ich habe das Stück in New York gesehen und war völlig überrascht, was es mit mir gemacht hat. Es gibt Momente, wo man denkt: Wow! Man geht aber nicht schwer raus, man ist lebendig, man ist aufgewühlt, man denkt nach über Dinge, aber man hat auch Hoffnung. Eine Spur Hoffnung. Ich fühle mich dem Projekt verbunden, weil ich das alles nur zu gut kenne. Ich weiß, was Depressionen mit einem selber und mit der Umwelt machen. Auch ich musste mit Depressionen klarkommen, ich hatte eine schwierige Zeit, aber jetzt kann ich gut damit umgehen. Deshalb kann ich dieses Stück auch spielen: Weil ich dem Thema nahe bin und weil ich mittlerweile Abstand dazu habe.

MM: Jeder Mensch kennt das: Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Wann ist das nur noch „next to“ normal?

Douwes: Was ist schon normal? Eigentlich ist alles next to normal, denn wir alle kämpfen mit Situationen, die uns einengen und bedrängen. Wenn ich denke, wie viel mehr Ruhe und Zeit für mich ich vor zwanzig Jahren hatte … Jetzt muss ich dran bleiben, ich habe das Gefühl, dass ich dauernd irgendetwas hinterher renne. Man muss viel mehr als früher „im Einsatz sein“, damit einen das Leben nicht überholt. Das kann dazu führen, dass es einem geht wie Diana im Stück. Ich glaube, mit dieser neuen Art, wie das Leben ist, mit dieser neuen Zeit, muss man sich auseinandersetzen.

MM: Deutschsprachige Erstaufführung ist so gut wie Uraufführung in den USA, Sie konnten die Rolle der Diana also völlig neu gestalten. Wie haben Sie sich ihr genähert? Was wollten Sie ihr geben?

Douwes: Diana ist eine Riesenherausforderung, weil sie alles erlebt, alle nur erdenklichen Formen medizinischer Behandlung, Verständnis und Unverständnis in ihrer Familie, Angst und alle möglichen anderen Emotionen. Ich dachte mir: Wie kann ich so etwas darstellen? Ich habe viel gelesen über Psychosen, über Behandlungen. Ich habe in meiner depressiven Phase selber viele Therapien gemacht. Die Krankheit liegt bei uns in der Familie, meine Großmutter und ihr Großvater waren manisch-depressiv, wir kennen das also, und so konnte ich mich in die Figur gut einfühlen. Ich habe mich sehr intensiv mit dem Übersetzer und Regisseur Titus Hoffmann unterhalten. Wir haben viel darüber geredet, was diese Krankheit mit einem macht, was sie mit mir, Pia, machte. Ich habe gute Freunde, die sich deshalb das Leben genommen haben. Die hatten Karriere, Familie, alles – von außen betrachtet. Auch mit diesem Sterben musste ich mich auseinandersetzen. Ich verstehe aber nicht nur die Tragik, sondern auch den Humor im Stück, wenn man sich denkt, wie bescheuert ist das, das man nichts mehr auf die Reihe kriegt.

MM: Ist eine bipolare Störung wie ein Kontrollverlust? Schaut man sich von außen zu und denkt: Warum bin ich gerade so und kann nicht anders sein? Was weiß ich – fröhlich, ausgeglichen?

Douwes: Meine Erfahrung ist, dass es wie eine Spirale ist, die nach unten geht, und man hat das Gefühl, dass man nicht mehr hochklettern kann. Man wird sehr passiv. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da habe ich meine Arbeit super gemacht, da wusste im Theater niemand, wie es mir geht, aber zu Hause saß ich im Schlafrock herum, habe nicht mehr gegessen … Ich hatte nur die Disziplin, abends auf die Bühne zu steigen. Die Arbeit war meine Rettung, ich habe mich ausgelebt in der Show. Die beste Beschreibung für Depressionen ist im Buch „Eat Pray Love“, wenn Elizabeth Gilbert schreibt, wie ihr die Depression ins Ohr hauchte, während die Einsamkeit ihre Hand hielt und nicht mehr losließ. Zwischen diesen beiden Gefühlen steht man. Sie beeinflussen einen so, dass man nicht mehr funktioniert. Dann gibt es die Tage, wo man denkt: Es geht mir soo gut! Und dann passiert eine Situation, mit der man nicht umgehen kann, die man nicht kontrollieren kann, und man denkt, das Leben ist furchtbar. In zehn Minuten kannst du von ganz oben ganz unten sein.

MM: Was tut man dagegen?

Douwes: Etwas, das kein Hirn braucht. Aufräumen, Wäsche waschen. Wenn der Kopf leer ist, sind auch die negativen Gedanken weg. Hauptsache, beschäftigt.

MM: Diana steht zwischen drei Männern: Ihrem Arzt, der sie mit Elektrokrampftherapie quält, das ist wie „Einer flog über das Kuckucksnest“, ihrem Ehemann und ihrem Sohn …

Douwes: Der Sohn versucht, sie auf seine Seite zu ziehen, der Mann versucht, sie zu retten, der Arzt versucht, sie zu heilen. Das sind drei Kräfte, die an ihr zerren, drei Energien, die sie manipulieren. Deshalb trifft sie zum Schluss eine Entscheidung, die nur für sie richtig ist. Wodurch das Publikum auch eine gewisse realistische Hoffnung bekommt. Das Ende ist nicht schwer, das Ende ist sehr leicht. Das letzte Lied heißt auch „Licht“.

MM: Das ist interessant. Ich wollte nämlich fragen: Es gibt kein Happy End, wie wollen Sie das dem Publikum erklären?

Douwes: Für mich endet das Stück wie das Leben. Haben wir jedes Jahr ein Happy End? Es geht immer weiter, ja, mit gewissen Wendungen und in bestimmte Richtungen. Aber Happy End? Ein Ende muss neue Türen öffnen – und das Ende von „Next To Normal“ öffnet neue Türen für alle. Wenn man dafür offen ist.

MM: Sprechen wir über die Musik: Es gibt sechs Solisten und sechs Musiker. Sie sind auch einer des anderen Chor. Das stelle ich mir sehr herausfordernd vor. Sie singen eigentlich ununterbrochen?

Douwes: Das ist ja das Großartige. Es gibt schöne Solos und wirklich komplizierte Chorsätze. Die Musik ist, wie Sie sagen, sehr herausfordernd, manchmal „in your face“, mit ziemlich harten Texten. Wenn Diana ihrem Mann zu erklären versucht, was in ihr umgeht, ist das keine große Herzschmerzballade, sondern ein Rocksong. Die Musik ist sehr zugänglich, aber manchmal ändert sie sich total unerwartet, agiert sozusagen gegen die gezeigten Emotionen. Das finde ich toll daran. Die Musik ist Rock, Pop, County, mit stilistischen Einflüssen von Billy Joel bis Bruce Springsteen.

MM: Wird das das Musical sein, das mit all unseren Seh- und Hörgewohnheiten bricht?

Douwes: Es gibt verschiedene Musicals, die das schon machen, aber ich denke, das hier ist etwas besonderes. Es gibt weder den typischen Bombastsound, sondern es spielt eine Band, noch ein großes Bühnenbild, sondern eine Art Stahlgerüst und ein paar Requisiten. Man kann sich als Darsteller auch nicht verstecken hinter einem Kostüm oder einer Maske. Dadurch wird das Stück noch klarer. Statt Bombast gibt’s wie gesagt Wiener Schmäh.

MM: Apropos, Sie genießen nach wie vor Ihre Stippvisiten in Wien?

Douwes: Ja, das habe ich wirklich mit ganz wenigen Städten, aber in Wien habe ich das: Ich fahre vom Flughafen rein und denke mir: So, ich bin wieder zu Hause. Ich habe mehr als zehn Jahre hier gewohnt, ich habe diese Stadt schon vor 25 Jahren erlebt, also fast ein ganzes Leben. Ich genieße es hier zu sein, und ich genieße, wie Wien sich verändert.

MM: Zum besseren, versteht sich.

Douwes: Haha, die Suggestivfrage. Ich finde, Wien hat sich geöffnet. Wien hat Tradition, das mögen die Holländer sonst nicht so, aber ich mag das, aber Wien ist zugänglicher geworden. Auch touristischer, aber genauso empfänglicher für andere Einflüsse. Der Wiener kann ja prinzipiell sehr gut mit sich allein auskommen, ohne „Fremde“, doch nun habe ich das Gefühl, die Stadt ist heller geworden – irgendwie.

MM: Für alle Pia-Fans, die die Zeit bis Ende April überbrücken müssen, gibt es …

Douwes:  … das traditionelle Weihnachtskonzert mit Uwe Kröger, „A Merry Musical Xmas“ am 14. Dezember in der Wiener Stadthalle. Und ich arbeite gerade an einem Buch, „Augen.Blicke aus dem Barock“, das im Februar erscheinen wird.

www.next-to-normal.at

www.piadouwes.com

Wien, 2. 12. 2015

Neue Musicals im Wiener MQ und in der Bühne Baden

November 5, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Neat, sweet, petite: Uwe Kröger spielt Gomez Addams

Uwe Kröger und Edda Petri Bild: Brinkhoff/Mögenburg

Uwe Kröger und Edda Petri
Bild: Brinkhoff/Mögenburg

Die Addams Family erwacht zu neuem Leben: Ab 2. November 2016 sind Uwe Kröger als Gomez Addams und Edda Petri als seine elegant-untote Morticia im Wiener Museumsquartier, Halle E, im Erfolgsmusical von Andrew Lippa, Marshall Brickman und Rick Elice zu sehen. Regie führt Andreas Gergen. Der Opernchef des Salzburger Landestheaters hatte zuletzt „Der Besuch der alten Dame“ für die Vereinigten Bühnen Wien inszeniert, ebenfalls mit Kröger in einer Hauptrolle.

Im Broadway-Spaß durchleidet Gomez – ausnahmsweise einmal nicht lustvoll – die Höllenqualen jedes Vaters: Seine Tochter Wednesday hat sich verliebt und ihr Auserwählter ist alles andere als ein Prinz der Finsternis. Wednesday beschwört den Vater, ihr Geheimnis vor der gestrengen Mutter zu wahren, für den verliebten Ehemann schier unmöglich. Als dann auch noch die total normale künftige Schwiegerfamilie zum Besuch antritt, ist die Katastrophe in eiskalter Reichweite.

Hinter dem MQ-Musicalprojekt steht  jemand, der bis dato wenig mit dem Genre zu tun hatte: Der einstige Intendant der Opernfestspiele St. Margarethen, Wolfgang Werner, mit seiner neuen Firma. Er werde sich mit Wolfgang Werner Entertainment künftig darauf konzentrieren, Projekte verschiedenster Art nach Österreich zu holen, kündigte er bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach seinem unsanften Abgang bei den Festspielen im Vorjahr an. Dazu würde laut APA ein Papageno-Stück in Rust am Neusiedler See gehören, das 2017 verwirklicht werden könnte. Bevor Kröger in Gomez‘ Haut schlüpft, bereitet sich der Musicalstar noch auf seine Premiere von „Annie“ am 10. Dezember im Salzburger Landestheater vor. Für „The Addams Family“ hat der Kartenvorverkauf bei oeticket begonnen.

Trailer:  theaddamsfamilymusical.de/medien-info

Musicaluraufführung: „In 80 Tagen um die Welt“ an der Bühne Baden

Doch Musicalfreunde haben einen viel näherliegenden Grund zur Freude: Am 14. November 2015 wird an der Bühne Baden die Musicalfassung von „In 80 Tagen um die Welt“ nach Jules Vernes Roman uraufgeführt. Das nunmehr musikalische Abenteuer stammt aus der Feder von Beppo Binder, die Musik von Pavel Singer. Binder singt auch den Diener Passepartout, als Phileas Fogg ist René Rumpold zu sehen. Der wunderbare Lorin Wey, zuletzt an der Neuen Oper Wien in Shostakovitchs „Die Nase“ zu erleben, spielt Detectiv Fox.

www.buehnebaden.at

Wien, 5. 11. 2015

Dürrenmatt im Wiener Ronacher

Oktober 4, 2013 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

„Der Besuch der alten Dame“ als Musical

Pia Douwes & Uwe Kröger Bild: Copyright: VBW/Rolf Bock

Pia Douwes & Uwe Kröger
Bild: Copyright: VBW/Rolf Bock

Die berühmteste Tagikomödie des Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt wird zur brandneuen Produktion der Vereinigten Bühnen Wien. DER BESUCH DER ALTEN DAME – DAS MUSICAL soll am 19. Februar 2014 österreichische Erstaufführung im Ronacher haben. Die Geschichte handelt von der Milliardärin Claire Zachanassian, die nach Jahrzehnten in ihre verarmte Heimatstadt Güllen zurückkehrt und den Bürgern eine Spende von zwei Milliarden Euro unter einer einzigen Bedingung in Aussicht stellt: Den Tod ihres ehemaligen Liebhabers Alfred Ill. In den Hauptrollen der Claire Zachanassian und des Alfred Ill werden die Musicalstars Pia Douwes und Uwe Kröger – erstmals seit ELISABETH wieder gemeinsam in einer großen Musicalproduktion auf einer Wiener Bühne – zu sehen sein. Neben Douwes und Kröger ist es den Vereinigten Bühnen gelungen, weitere große Namen der Musicalwelt für diese Produktion zu gewinnen: Ethan Freeman, bestens bekannt durch zahlreiche Hauptrollen in nationalen wie internationalen Musicalproduktionen, wird den Lehrer Klaus Brandstetter verkörpern und auch alternierend Alfred Ill spielen. Norbert Lamla, ebenso vom Publikum hoch geschätzt, ist Güllens Polizist Gerhard Lang. Der Pfarrer wird von Schauspieler und Sänger Gunter Sonneson dargestellt, den Bürgermeister Matthias Richter der Kleinstadt gibt Hans Neblung. Alfred Ills Ehefrau Mathilde ist Masha Karell, ihre Kinder Niklas und Julia werden von Niklas Abel und Marianne Curn gespielt. Als Claire Zachanassians Bodyguards Roby, Loby und Toby sind Jeroen Phaff, Dean Welterlen und Peter Kratochvil zu sehen, in den Rollen des jungen Liebespaars Claire und Alfred werden Lisa Habermann und Riccardo Greco auf der Bühne stehen.

Das Autoren-Team Michael Reed (Musik) / Wolfgang Hofer (Liedtexte) / Moritz Schneider (Musik) / Christian Struppeck (Buch), das schon mit der Schweizer Musicalgroßproduktion DÄLLEBACH KARI – DAS MUSICAL (Produktionen in Thun, Zürich, Bern; ausgezeichnet als „Beste Neue Theaterproduktion“ / Gewinner „Goldener Scheinwerfer“/ „Bestes neues Schweizer Musical“ und „Beste Weltpremiere“ bei den „Glory Awards“) Erfolge verzeichnen konnte, hat sich der dramatischen Geschichte von Friedrich Dürrenmatt angenommen und sie in einen  modernen Musicalthriller verwandelt, der mit schwelgerischen, aber auch rockigen Melodien und spannungsgeladenen, pointierten Texten punkten will. Für die Regie zeichnet der Operndirektor des Salzburger Landestheaters, Andreas Gergen, verantwortlich, für die Choreografie Simon Eichenberger. Die aufwändigen Kostüme werden von Uta Loher und Conny Lüders entworfen, das Perücken- Makeup Design stammt von Ronald Fahm. Das opulente Bühnenbild kreiert der Britische Designer Peter Davison (REBECCA), das Lichtdesign stammt von Mark McCullough (New York), das Sounddesign von Thomas Strebel (Zürich).

„Mit DER BESUCH DER ALTEN DAME – DAS MUSICAL bringen die Vereinigten Bühnen Wien ein Stück Weltliteratur als opulenten Musicalthriller auf die Bühne. Gerade dieses Stück als Musical zu produzieren ist eine spannende Aufgabe, vor allem, da Dürrenmatts Tragikomödie bis heute nichts an Aktualität verloren, sondern im Gegenteil, sogar noch dazu gewonnen hat. Mit einem international renommierten Leading Team möchten wir eine packende, moderne musikalische Version auf die Bühne bringen“, freut sich VBW-Intendant Christian Struppeck.

www.musicalvienna.at

Wien, 3. 10. 2014