Egon Schiele Museum in Tulln: Die Frühwerke

März 28, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Geburtshaus zum Bezirksgericht in Neulengbach

Das Egon Schiele Museum in Tulln. Bild: © Daniela Holzer

Dieses Wochenende startet das Egon Schiele Museum in Tulln, mit Ausnahme der Osterruhe von 1. bis  6. April, in die neue Saison. Neben den beiden neuen Ausstellungen „Egon Schiele privat“ und Frühwerken in der „Schatzkammer“, lassen sich via des Egon Schiele Wegs dessen Geburtshaus, der Garten mit Zitate aus Bildern wie „Wäscheleine“, „Akt“, „Spiegel“ und „Sonnenblumen“, das Bezirksgericht in Neulengbach,

wo Schiele 1912 wegen Entführung, Missbrauchs und der Präsentation anstößiger Zeichnungen angeklagt wurde und 21 Tage in einer Kellerzelle verbrachte, und dessen Familienspuren in Klosterneuburg erkunden. Im Egon Schiele Museum in Tulln sind nicht nur sechs audiovisuelle Lebensstationen mit den Originalstimmen von Melanie und Gerti Schiele sowie Egon Schieles Schwägerin Adele Harms zu sehen und zu hören. Die Schatzkammer des musealen Kleinods präsentiert heuer mit Leihgaben der Landessammlungen Niederösterreich, der Stadtgemeinde Tulln und privater Leihgeberinnen und Leihgebern persönliche Geschichten zu Familie, Freunden und Wegbegleitern. Unter den 13 wenig bekannten Originalwerken aus seinem Frühwerk, die sehr persönliche Begegnungen Schieles mit seinem Umfeld ermöglichen, sind unter anderem ein Bildnis der Mutter, die „Boote von Triest“ und „Sonnenblume I“.

Das Gefängnis in Neulengbach, 1963. Bild: © Alessandra Comini

Das Egon Schiele Museum. Bild: © Daniela Holzer

Egon Schieles Geburtshaus. Bild: © Stadtgemeinde Tulln

„Wer waren die Schulfreunde von Egon Schiele? Wer hat sein Talent entdeckt und gefördert? Welche Werken waren Schlüsselwerke in seinem Schaffen? Wer hat diese Werke besessen und welche Geschichten erzählen sie?“, beschreibt Kurator Christian Bauer jene Fragen, zu denen es die Antworten in den etwa einem Dutzend Originalwerken in der Schatzkammer gibt. „Das Egon Schiele Museum beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit Biografie und Frühwerk des Ausnahmekünstlers und schlägt dabei jedes Jahr ein neues, spannendes Kapitel auf“, so Bauer.

„Kein Ort ist besser geeignet, sich auf die Spuren von Tullns berühmtestem Sohn zu machen, als die Region um Tulln und Klosterneuburg. Denn hier verbrachte er seine Kindheit und Jugend und hier fand er seine ersten Förderer und feierte seine ersten künstlerischen Erfolge. Neben seiner Familie, Freunden und Förderern stellen wir hier auch seine erste Liebe Gretl Partonek vor und zwar mit jenem Original-Skizzenbuch, das er ihr gewidmet hat. So erzählt diese kleine aber feine Ausstellung viele spannende Geschichten, die wir auch mit einem kostenlosen Ausstellungsbegleiter dokumentiert haben“, so Bauer.

Bezirksgericht in Neulengbach, 1963. Bild: © Alessandra Comini

Die Schatzkammer. Bild: © Daniel Hinterramskogler

Skizzenbuch von Egon Schiele. Bild: © Daniel Hinterramskogler

Gefängniszelle in Neulengbach, 1963. Bild: © A. Comini

Das Egon Schiele Museum in Tulln liegt direkt an der Donaulände und damit auch direkt am Donauradweg. Wer stilecht anreisen will, fährt mit dem Zug zum Bahnhof „Tulln an der Donau“ und spaziert über den Egon Schiele Weg zum Egon Schiele Museum, das im Gebäude des ehemaligen Bezirksgefängnisses einquartiert ist. Anlässlich des 100. Todestages von Egon Schiele 2018 wurde das Museum mit einem Vorplatz und modernster Museumstechnik komplett neu aufgestellt.

www.schielemuseum.at/de

28. 3. 2021

Ganymed in Power: Wiederaufnahme am 1. Mai

Januar 26, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Bis dahin: Das „Museum der Träume“ virtuell besuchen

Manaho Shimokawa und Pawel Dudus. Bild: © Helmut Wimmer

Die Wiederaufnahme von „Ganymed in Power“ findet am 1. Mai statt. Die geplanten Vorstellungen von März und April werden in den Herbst verschoben. Alle Termine und Ersatztermine finden sich ganymed.khm.at. Für Rückfragen und Umbuchungen steht das Ganymed-Team unter ganymed@khm.at zu Verfügung.

Sollte inzwischen der Hunger auf große Texte und fantastische Musik über die Meisterwerke der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums zu groß werden, kann man ab sofort das Museum der Träume besuchen, sich die gleichnamige App herunterladen oder sich ein paar Highlights auf dem wenn es soweit ist Channel anschauen.

Das Museum der Träume, der literarische Museumsguide der Ganymed-Masterminds Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf, bietet aktuelle und packende Zugänge zur Malerei, Meistererzählungen zeitgenössischer Autorinnen und Autoren, gesprochen von Stars der Theaterszene. Walter Kappacher beispielsweise dringt zu Lukas Furtenagels „Der Maler Hans Burgkmair und seine Frau Anna“ tief in das Seelenlabyrinth des Hans Burgkmaier vor, und entdeckt dabei eine feine Inschrift am Spiegelrand: „Erkenn dich selbs“, was heißt: Erkenne deine unausweichliche Endlichkeit, Widerstand ist zwecklos. Es spricht Joachim Bissmeier.

„Was ist der Mensch?“ Diese Frage stellt sich der Wiener Philosoph Franz Schuh in seinem Werk immer wieder. Der Maler Wolf Huber beantwortet die Frage mit Realismus und Würde. Es spricht Erni Mangold. Anna Kim und Maria Bill folgen Rubens´ Medusa in ihre Einöde, in einen Park voll versteinerter Kreaturen und erlösen sie von ihrer Täterschaft. Milena Michiko Flasar lässt einen Vater auf Nimmer-Wiedersehen in den Krieg ziehen und beschwört die alte Liebe ihrer Eltern. „Die Apfelschälerin“ von Gerard ter Borch scheint mit diesem Text kongenial zu verschmelzen. Es spricht Nicole Heesters.

Christian Nickel. Bild: © Helmut Wimmer

Mikael Torfason. Bild: © Helmut Wimmer

Gerti Drassl. Bild: © Helmut Wimmer

Peter Handke spaziert mit dem Bild „Der Große Wald“ von Jacob von Ruisdael im Kopf durch einen Wald im Salzkammergut und gerät in eine allgemeine ruhige Dämmerung. Der ungarische Autor Lajos Parti Nagy lässt eine Saalaufseherin des Kunsthistorischen Museums über Jahre hinweg „Die Jäger im Schnee“ von Pieter Bruegel betrachten. Sie sieht, wie merkwürdige Veränderungen an dem Bild vor sich gehen. Es spricht Mercedes Echerer.

Clemens J. Setz und Hans Dieter Knebel lassen den „Hl. Sebastian“ von Mantegna alt werden, sehr alt. So alt, dass selbst seine Pfeile nicht mehr schmerzen. Knebel denkt später gemeinsam mit Peter Esterhazy über die Abgründe hinter der Fassade der Macht nach: „Die Schwäne sind nur von weitem weiß und elegant“. Josef Winkler versenkt sich in Betrachtung des Bildes „Beweinung Christi“ von Andrea del Sarto ins nun von Peter Wolf vorgetragene Gebet. Der Schriftsteller und Arzt für Kinderpsychatrie Paulus Hochgatterer beschreibt die Entführung eines Kindes. Zu Correggios „Entführung des Ganymed“ spricht Nikolaus Habjan.

Hans Dieter Knebel. Bild: © Helmut Wimmer

Anna Kim. Bild: © Helmut Wimmer

Kurzfilme gewesener Programme wie des wiederaufzunehmenden sind auf dem wenn es soweit ist Channel nachzusehen. Unbedingt sehenswert und auch aktuell bei „Ganymed in Power“ sind der Animationsfilm „Dracophobia“ von Benni Omerzell über Leonhard Becks „Hl. Georg im Kampf mit dem Drachen“ und „The Hidden Kingdom von Trickfilmerin Shadab Shayegan zu Velázquez‘ „Infantin im weißen Kleid.

ganymed.khm.at           www.wennessoweitist.com           museumdertraeume.khm.at

Ab Herbst 2021 gibt es Ganymed auch in der St. Petersburger Eremitage.
Alle Termine und Informationen über das fantastische russische Ensemble hier: flora.hermitagemuseum.org

  1. 1. 2021

Leopold Museum: Menschheitsdämmerung

Januar 20, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Schau über die Malerei der Zwischenkriegszeit

Herbert Boeckl: Stillleben mit Ofenrohr, 1925 © Leopold Museum, Wien, Bild: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger © Herbert Boeckl-Nachlass, Wien

Mit zehn Ausstellungen und einem weiteren Gastspiel des ImPulsTanz Festivals startet das Leopold Museum in das bereits zwanzigste Jahr seines Bestehens. Ab der für 10. Februar vorgesehenen Öffnung nach dem aktuellen Lockdown zeigt das Haus wieder die mehr als 1.300 Objekte umfassende Dauerpräsentation „Wien 1900. Aufbruch in die Moderne“, deren neues Highlight seit Ende des vergangenen Jahres eine Schenkung, das Klimt-Gemälde „Altar des Dionysos“ darstellt. Mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=32405

Zwei Ausstellungen, die bisher nur wenige Tage im Dezember zu sehen waren – Emil Pirchan. Visuelle Revolution“ (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=43177) und „Inspiration Beethoven. Eine Symphonie in Bildern aus Wien 1900“ zum 250. Geburtstag des Komponisten –, werden bis 6. Juni verlängert.

Gleich zu Beginn des Neustarts am 10. Februar präsentiert Leopold Museum-Direktor Hans-Peter Wipplinger die erste neue Ausstellung 2021, die an die letzten Kapitel der „Wien 1900“Schau anknüpft und die österreichische Moderne zwischen 1918 und 1938 in den Mittelpunkt stellt. „Menschheitsdämmerung. Zwischen lyrischer Empfindsamkeit und sachlicher Weltauffassung“ umfassr Werke von elf Künstlern, die in der Zeit der Ersten Republik einen bedeutenden Beitrag zur malerischen Moderne Österreichs geleistet haben.

Gustav Klimt: Altar des Dionysos, 1886 © Leopold Museum, Wien, Schenkung aus Wiener Privatbesitz, Bild: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Alfons Walde, Albin Egger-Lienz, Anton Kolig, Herbert Boeckl, Gerhart Frankl, Anton Faistauer, Josef Dobrowsky, Hans Böhler, Alfred Wickenburg, Rudolf Wacker und Sergius Pauser kennzeichnen den Pluralismus zwischen einem zurückhaltenden, von Innerlichkeit geprägten, epressiven Kolorismus und einer vom nüchternen Blick auf die Dingwelt geleiteten Neuen Sachlichkeit.

Gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Umwälzungen nach dem Untergang der Monarchie und den traumatischen Ereignissen des Krieges trugen, wenn auch verklausuliert, thematische Akzente bei. Anstelle begrabener Utopien traten Dystopien auf den Plan; soziale Nöte, Depression und Lebensskepsis machten sich breit. Künstlerische Panoramen zeugen von einer Flucht in verspielte Darstellungen, in zeitlose Stillleben oder in märchenhaft erscheinende Landschaften, die in Anbetracht der Wirklichkeit eskapistisch anmuten. Das Spektrum reicht von heiter und traumhaft beschwingten Darstellungen bis zu melancholischen, von Traurigkeit durchdrungenen Sujets.

Rudolf Wacker: Stillleben mit Puppe und Hund, um 1923 © Leopold Privatsammlung, Bild: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Anton Kolig: Sitzender Jüngling („Am Morgen“), 1919 © Leopold Museum, Wien, Bild: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Sergius Pauser: Mädchen vor dem Spiegel, 1931 © Leopold Privatsammlung, Bild: Leopold Museum, Wien/Manfred ­Thumberger © Nachlass Sergius Pauser

Die expressionistischen Ausdrucksmodalitäten jener Zeit spiegeln sich in einer gefühlsbetonten Bildsprache wider, die das Hinterfragen von Identitätsmodellen im Blick hat. Farbintensiv-leuchtendes wie auch dunkeltönig-erdiges Kolorit, das zunehmend autonom eingesetzt wird, bestimmt diese malerische Manier. Pastose Farbflecke treiben die Bildstruktur vereinzelt zur Auflösung und werden als bildgestaltendes Material eingesetzt.

Neben den expressionistischen Ausformungen sind es die Tendenzen der Neuen Sachlichkeit, die dominierten. Die Sehnsucht nach Struktur, Klarheit und Ordnung war nach der Apokalypse des Ersten Weltkrieges evident und führte zu einem scharfkantig-linearen Stil, zu fest umrissenen Formen und einer gewollt nüchternen und kühlen Darstellungsweise. Ruhe, Erstarrung und Reglosigkeit der verarbeiteten Sujets sind dabei gepaart mit koloristischer Zurückhaltung und einer Verfestigung der Form, die sich durch sachliche Zugänge an der neuen Wirklichkeit zu orientieren sucht.

www.leopoldmuseum.org

20. 1. 2021

KHM: Virtuelle 3D-Tour zu Bruegels Meisterwerken

Januar 16, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Welt berühmteste „Wimmelbilder“

Bruegel-Saal (Saal X). In der Gemäldegalerie des KHM Wien © KHM-Museumsverband

Das Kunsthistorische Museum lädt gemeinsam mit seinem Kooperationspartner Visit Flanders zu einer virtuellen Tour durch eine der berühmtesten Gemäldesammlungen der Welt: Mit zwölf Werken von Pieter Bruegel d.Ä. beherbergt das Kunsthistorische Museum die weltweit größte und bedeutendste Bruegel-Sammlung, darunter die berühmten Meisterwerke

„Bauernhochzeit“, „Kinderspiele“, „Die Jäger im Schnee“ und natürlich den „Turmbau zu Babel“. Mit dem neuen digitalen Angebot Bruegel begegnen – Only in Vienna macht das Kunsthistorische Museum den so genannte Bruegel-Saal (Saal X) der Gemäldegalerie nun für Kunstfans auf der ganzen Welt jederzeit zugänglich und virtuell erlebbar. Mittels 3D-Technologie wird sowohl der Eindruck der Bewegung direkt im Raum vermittelt als auch die Betrachtung der Gemälde aus nächster Nähe ermöglicht. Das Besondere an der qualitativ hochwertigen Umsetzung ist eine spezielle Zoom-Funktion, die nahes Betrachten wie bei einem echten Museumsbesuch ermöglicht und sogar noch mehr Details entdecken lässt.

Der virtuelle Raum kann sowohl über mobile als auch über Desktop-Geräte besucht werden. Einen großen Stellenwert nimmt bei diesem 3D-Erlebnis die Kunstvermittlung ein: In sechs Sprachen können virtuelle Museumsbesucherinnen und -besucher viel Wissenswertes über Bruegels Werk und Leben erfahren. Die virtuelle Tour ist in den Sprachen Deutsch, Englisch, Niederländisch, Russisch, Chinesisch/Mandarin und Japanisch verfügbar. Mit diesem neuen und kostenlosen digitalen Angebot erweitert das Kunsthistorische Museum seine breiten und innovativen Online-Aktivitäten und bietet Museumsfans weltweit in Zeiten von Lockdowns und Reisebeschränkungen Kunstgenuss und Abwechslung ganz bequem von zu Hause aus.

Pieter Bruegel d. Ä.: Bauernhochzeit. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband

Pieter Bruegel d. Ä.: Der Turmbau zu Babel. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband

Pieter Bruegel d. Ä.: Die Jäger im Schnee. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband

Pieter Bruegel d. Ä.: Kinderspiele. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband

Nur knapp mehr als vierzig Gemälde und sechzig Grafiken haben sich überhaupt von der Hand des Meisters erhalten. Dass das Kunsthistorische Museum die weltweit größte Sammlung an Bruegel-Gemälden besitzt, liegt darin begründet, dass Habsburger Sammler schon im 16. Jahrhundert die außerordentliche Qualität und Originalität der Bildwelten Bruegels zu schätzen wussten und sich bemühten, prestigeträchtige Werke des Künstlers zu erwerben. Das Werk Pieter Bruegels des Älteren, der die Landschafts- und Genremalerei revolutionierte, ruft immer noch vielfältige und kontroverse Deutungen hervor. Der Reichtum seiner Bilderwelt sowie seine scharfsinnige Beobachtungsgabe der menschlichen Spezies üben bis heute eine besondere Faszination auf die Betrachter aus … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=29718

www.khm.at/bruegel-begegnen           www.khm.at

16. 1. 2021

Technisches Museum Wien: Künstliche Intelligenz?

Dezember 17, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Utopien und Hysterien rund um humanoide Roboter

Neuronale Netze. Bild: © Sebastian Weissinger / Technisches Museum Wien

Nicht das erste Mal in der Geschichte der Menschheit lässt einen der technologische Fortschritt an­gespannt in die Zukunft blicken – ob neugierig oder verunsichert, ob heilserwartend oder apokalyptisch. Das Technische Museum Wien beleuchtet und reflektiert in der Sonderausstellung „Künstliche Intelligenz?“ ab 17. Dezember Fakten und Mythen um eines der größten Innovationsthemen des 21. Jahrhunderts. Mittlerweile vergeht kaum ein

Tag, an dem in den Medien nicht über Künstliche Intelligenz berichtet wird. Man liest über technologische Meilensteine und bahnbrechende Innovationen, fantastische Zukunfts­visionen, die an Science Fiction erinnern, und über stetig neue Anwendungsgebiete, die vom Gesund­heits­bereich über Industrie bis hin zur Kunst reichen. Aber auch über heikle ethische und soziale Frage­stellungen, die nicht nur durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, sondern auch durch ihre Programmierung aufgeworfen werden. Dass man dem Phänomen Künstliche Intelligenz mit Faszination, Respekt oder Skepsis begegnet, ist ver­ständlich.

Denn tatsächlich beruht ihr Wesen auf dem Versuch, eine Fähigkeit des Menschen nachzu­bauen, die man schon für sich genommen nicht so genau versteht. Wodurch unterscheidet sich Künstliche Intelligenz aber nun von menschlicher? Was kann sie leisten, was wird noch länger ein unerfüllter Traum bleiben und wo begegnet sie einem bereits im Alltag, auch ohne, dass man es bemerkt? Das Technische Museum Wien eröffnet Besucherinnen und Besuchern einen transparenten, reflektierten Blick auf Utopien und Hysterien, die sich um humanoide Roboter und Künstliche Intelligenz ranken. Die Ausstellung präsentiert die derzeitigen technologischen Entwicklungen und will zeigen, woran mit welchen Zielen geforscht wird.

Welche gesellschaftlichen Auswirkungen von den Ergebnissen zu erwarten sind und was hinter Trend-Schlagworten wie „maschinelles Lernen“, „Algorithmus“ oder „autonome Systeme“ tatsächlich steckt. Auf fünf Stockwerken wird gemeinsam mit dem Publikum reflektiert, wie man mit Maschinen interagiert, wie Künstliche Intelligenz überhaupt funktio­niert und wie sie den Alltag – auch unbewusst – verändert. Schließlich wird das künstlerische Potenzial der Maschinen ebenso wie die Möglichkeiten, die sich für Mobilität und Stadtentwicklung bieten, untersucht.

Das gläserne Gehirn, 1950er-Jahre. Bild: © Technisches Museum Wien

Spielzeugroboter „Aibo“, 2020. Sony Corporation, Tokio. Bild: © Sebastian Weissinger / Technisches Museum Wien

Kybernetische Maschine „MM7, Selektor“, 1961. Von Claus Christian Scholz-Nauendorff, Wien. Bild: © TMW

Level 1: Die Maschine als Gegenüber. Gleich zu Beginn der Entdeckungsreise werden Besucherinnen und Besucher von Cruzr, einem der fortschrittlichsten Serviceroboter weltweit, mit einer Einführung in die Ausstellung und in seine „Ahnengalerie“ empfangen. Nach der Begegnung mit einem autonomen, humanoiden Roboter ist man aufgefordert zu reflektieren, wie man im Alltag mit Maschinen interagiert. Denn jeder Knopfdruck, jeder Mausklick, jede Berührung am Touchscreen ist Kommunikation zwischen Mensch und Maschine. Diese Schnittstellen werden im Zeitverlauf zwar immer intuitiver, aber auch problematischer: Der Spracheingabe folgen neuartige Anwendungen, die auch Mimik, Gestik und Verhalten ebenso wie den Daten-Fußabdruck interpretieren sollen.

Level 2: Ins Innere der Künstlichen Intelligenz. Was ist das Wesen und der Ursprung von Intelligenz? Im Bestreben das menschliche Gehirn zu begreifen, gab es historisch sowohl wissenschaftliche Irrwege ebenso wie bemerkenswerte Entdeckungen, dennoch scheint ein vollständiges Verständnis der komplexen Funktionsweisen des Gehirns nach wie vor in weiter Ferne. Welche Erkenntnisse können die Menschen aber bereits auf die technologische Imitation von Intelligenz umsetzen? Wie trainiert man Maschinen? Und kann man im Ergebnis noch den Unterschied zwischen Mensch und Maschine erkennen? In interaktiven Stationen können Besucherinnen und Besucher dies und vieles mehr hautnah erleben.

Level 3: Im Alltag. Historisch gesehen versprechen die Menschen sich  schon lange eine Arbeitserleichterung im Alltag durch den Einsatz von Technik. Von der Künstlichen Intelligenz, die als Gipfel der Automatisierung gesehen werden kann, erwartet man sich mehr als von bloß smarten Haushaltsgeräten. Während Zukunftsfantasien an autonome Roboter denken, die einen im realen Raum unterstützen, vergisst man oft, dass Künstliche Intelligenz in die digitalen Welt bereits Einzug gehalten hat. Wo einem diese Algorithmen begegnen und wie sie wirken soll hier kritisch reflektiert werden.

Level 4: Kunst und Künstlichkeit. Kreativität wird als etwas zutiefst Menschliches interpretiert, dennoch kann Künstliche Intelligenz bereits Sinfonien komponieren, Gedichte schreiben und Bilder malen. Das wirft die Frage auf: Was bedeutet Kreativität eigentlich und was soll Kunst in Menschen auslösen? Besucherinnen und Besucher können erleben und ausprobieren, wie einen Künstliche Intelligenz im eigenen Schaffen inspirieren kann.

Flötenspielautomat „Automa suonatore di flauto“, 1849. Von Innocenzo Manzetti, Aosta. Bild: © Sebastian Weissinger / TMW

Mock-up des Roboters „Telenoid R4“, 2013. Entwickler: Hiroshi Ishiguro, Osaka. Bild: © Sebastian Weissinger / TMW

Serviceroboter Cruzr, 2019. Hersteller: UBTECH Robotics, Shenzhen, China. Bild: © UBTECH Robotics

Sexroboter im sehr privaten Bereich. Bild: © Sebastian Weissinger / Technisches Museum Wien

Level 5: Mobilität im Wandel. Der Traum vom selbstfahrenden Auto ist beinahe so alt wie das Auto selbst. Woher kommt diese Sehnsucht, was ist der aktuelle Stand der Technik und wie könnte die Zukunft der Mobilität auch abseits des Individualverkehrs aussehen? Welche Auswirkungen diese und andere Zukunftsszenarien vor allem unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit haben können, evaluiert der Wissenschaftspublizist Florian Aigner abschließend in einer Videoinstallation.

Mit zahlreichen interaktiven Erlebnissen und multimedialen Stationen lädt die Ausstellung „Künstliche Intelligenz?“ zum immersiven Eintauchen in die Thematik und zu einem aktiven Museumsbesuch ein. Außerdem werden sowohl historische als auch aktuelle Highlight-Objekte gezeigt, wie zum Beispiel das „Gläserne Gehirn“, das in zehnfach vergrößerten Maßstab den Informationsfluss im menschlichen Gehirn veranschaulicht, der moderne Roboter Cruzr ebenso wie seine „Vorfahren“, die bis ins 18. Jahr­hundert zurückreichen, oder die ikonische Darstellung eines Neuronalen Netzwerks, die eigens für die Ausstellung erstellt wurde und weltweit einzigartig ist.

In einer bewegten Entdeckungsreise reflektiert die Ausstellung gemeinsam mit dem Publikum das Potenzial und die Risiken der Künstlichen Intelligenz auf unaufgeregte Weise und zeigt, wie zeitlos die dahinterstehenden menschlichen Wunschvorstellungen sind. Denn schließlich ist auch diese innovative Technologie ein Werkzeug wie jedes andere, aber der Diskurs, für welche Zwecke man die einsetzt, sollte mit breiter gesellschaftlicher Beteiligung erfolgen …

www.technischesmuseum.at           Filmtipp: Maria Arlamovsky: Robolove, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41806

17. 12. 2020