Kunsthistorisches Museum Wien: Tizians Frauenbild

Oktober 2, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Loblied der Weiblichkeit auf Leinwand gebannt

Tizian: Nymphe und Schäfer. Um 1570/75. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband

Im Herbst stehen im Kunsthistorischen Museum jedes Jahr die Alten Meister im Fokus: Die Ausstellung „Tizians Frauenbild“ konzentriert sich ab 5. Oktober anhand von mehr als 60 Gemälden aus internationalen Sammlungen sowie aus dem eigenen Bestand auf die Darstellung der Frau im Œuvre des venezianischen Meisters Tizian und seiner Zeitgenossen. Hochkarätige Leihgaben kommen etwa aus dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem Louvre in Paris, dem Prado in Madrid, den Uffizien in Florenz, der Eremitage in Sankt Petersburg oder den Gallerie dell’Accademia in Venedig.

Inspiriert von der damaligen Liebespoesie und Literatur schufen Tizian und seine Zeitgenossen – wie Palma il Vecchio, Lorenzo Lotto, Paris Bordone, Jacopo Tintoretto und Paolo Veronese – poetisch-erotische, idealisierte Frauenbildnisse. Sie werden wegweisend für die europäische Malerei der nachfolgenden Jahrhunderte. Die Schau beleuchtet das venezianische Frauenbild vor dem Hintergrund der Ideale und Gesellschaftsverhältnisse des 16. Jahrhunderts. In Tizians Frauenbildern geht es um die Zelebration der Frau als großartigstes Thema des Lebens, der Liebe und der Kunst.

Die Prominenz der Frau in der Malerei Venedigs im 16. Jahrhundert hat vielerlei Ursachen, etwa die politisch-soziale Struktur der Serenissima, die der Frau bezüglich der Mitgift und des Erbes eigene Rechte zugestand, oder das kulturell aufgeschlossene und internationale Klima der Stadt: Einflussreiche Verlage zogen namhafte Poeten und Humanisten an – darunter Pietro Bembo, Sperone Speroni und Ludovico Dolce , die in ihren Schriften der Frau und der Liebe besondere Aufmerksamkeit schenkten. Den entscheidenden Anstoß in der visuellen Umsetzung gab Tizian, der bedeutendste Maler, den die Stadtrepublik je hervorbrachte.

Tizian; Violante. Um 1510/14. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband

Tizian: Junge Frau bei der Toilette. Um 1515. Musée du Louvre, Département des Peintures, Paris © RMN-Grand Palais (Musée du Louvre) / Franck Raux

Tizian: Junge Frau mit Federhut. Um 1534/36. Eremitage, St. Petersburg © The State Hermitage Museum, 2021, Bild: Dmitri Sirotkin

Ausstellungsansicht „Tizians Frauenbild“, hi.: Raub der Europa“ von Veronese. © KHM-Museumsverband

Tizian: Venus mit Orgelspieler und Cupido. Um 1555. Museo Nacional del Prado, Madrid © Archivo Fotográfico. Museo Nacional del Prado, Madrid

Lange Zeit dachte man, dass Frauen, die Tizian mit Blick auf den Betrachter – oder noch schlimmer: mit entblößter oder halbentblößter Brust – malte, nur Kurtisanen gewesen sein können. Neu herangezogene Quellen geben ein differenzierteres Bild der Blicke und Gesten in Bildern des 16. Jahrhunderts: So sieht die aktuelle Forschung hier vielmehr die symbolische Öffnung des Herzens für den künftigen Ehepartner, mit der die Braut in die Heirat einwilligt. Solchen und ähnlichen Deutungsverschiebungen sind die Ausstellungsmacherinnen Sylvia Ferino-Pagden, Francesca Del Torre Scheuch und Wencke Deiters auf der Spur.

Die neue, erhöhte Aufmerksamkeit durch Maler, Humanisten und Poeten beeinflusste auch die Lebensbedingungen der realen Frauen Venedigs im 16. Jahrhundert, wobei die spezifische Gestalt der Stadt, die so genannte forma urbis, deren Vernetzung und den Austausch zwischen unterschiedlichen sozialen Schichten förderte. Die Schriftstellerinnen unter ihnen forderten in ihren Schriften größere Anerkennung ihrer Fähigkeiten und gleichen Zugang zu höherer Bildung wie die Männer und leisteten damit eine bedeutende Vorarbeit für die Gleichstellung der Frau: ein Thema, das global gesehen heute wieder stark in den Fokus rückt.

Die Ausstellung möchte den Facettenreichtum des Themas zeigen und die unterschiedlichen Gesten, Blicke und Attribute genauer ins Auge fassen. Vom konkreten Porträt zu idealisierten, von der Poesie inspirierten Abwandlungen werden die Themen Liebe und Begehren in historischen, mythologischen und allegorischen Darstellungen in Szene gesetzt. Bei den realen und idealen Porträts werden auch Mode, Haartracht und kostbare Schöpfungen der Goldschmiedekunst der Zeit analysiert. Die umfangreiche zeitgenössische Traktatliteratur und Liebeslyrik bieten dabei eine solide Grundlage, solche einzigartigen Darstellungen von Frauen neu zu lesen.

Die eigens erstellte Ausstellungswebsite informiert über die Themen der Ausstellung sowie über das Rahmenprogramm und die zahlreichen Angebote rund um die Ausstellung: tiziansfrauenbild.khm.at

Tizian: Clarissa Strozzi, 1542. Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie © bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt

Tizian und Werkstatt: Diana und Callisto. Um 1566. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband

Neu: Die kaiserliche Tizian-Sammlung als virtuelle 3D-Tour

Das Kunsthistorische Museum bietet außerdem ab sofort über die Digital-Plattform Discover Culture unter dem Titel „Die kaiserliche Tizian-Sammlung“ eine neue virtuelle 3D-Tour durch eine der berühmtesten Gemäldesammlungen der Welt an: Saal VIII der Gemäldegalerie beherbergt Werke Tizians, und wird nun mit dem neuen Angebot komplett digital erlebbar sein. Die 3D-Tour bietet Kunstgenuss in höchster Auflösung. Besucherinnen und Besucher genießen die besondere Atmosphäre in diesem Raum bequem von zu Hause aus und erleben dennoch die Kunst Tizians hautnah:

Mittels der Zoom-Funktion (+ und −) können die Gemälde auch aus nächster Nähe ausgiebig betrachtet werden. Informationen zu den Kunstwerken sowie zu deren Schöpfer finden sich direkt im virtuellen Raum. Kunstvermittlerinnen und -vermittler erzählen vom Venedig des 16. Jahrhunderts und über das Leben Tizians. discover-culture.com/de/partner/kunsthistorisches-museum-wien Preis: 4,99 Euro. Alle digitalen Touren auf der Plattform Discover Culture sind nach dem Kauf ohne Einschränkungen verfügbar und können beliebig oft und lange besucht werden.

tiziansfrauenbild.khm.at          discover-culture.com/de/partner/kunsthistorisches-museum-wien           www.khm.at

2. 10. 2021

MdM Salzburg: Ellen Harveys „The Disappointed Tourist“

August 1, 2021 in Ausstellung, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Verloren gegangene Sehnsuchtsorte gesucht

Ellen Harvey in ihrem Studio mit Arbeiten aus der Serie „The Disappointed Tourist“ / work in progress, 2020. Bild: © Etienne Frossard

In ihrer ersten Einzelausstellung in Österreich im Museum der Moderne Salzburg beschäftigt sich Ellen Harvey mit einem Thema der Nostalgie. Dafür malt sie Orte, die Menschen gerne besuchen würden, die aber nicht mehr existieren. Ellen Harvey: „Wir leben in einer Welt, die sich oft anfühlt, als würde sie vor unseren Augen verschwinden … Orte, die wir zu besuchen gehofft haben, hören auf zu existieren.“

Für ihre Salzburger Schau, zu sehen ab dem 23. Oktober, nimmt die Künstlerin unter disappointedtourist.org Einreichungen von „verlorenen Orten“ entgegen. Wenn Sie ein Gemälde Ihres Sehnsuchtsort im Museum der Moderne Salzburg hängen sehen möchten, dann können Sie eine Abbildung davon HIER / www.disappointedtourist.org/submit-a-site hochladen.

Die Britin Ellen Harvey ist Malerin, Kartografin, Konzeptkünstlerin und vieles mehr. Ihre Medien reichen von klassischer Ölmalerei über Zeichnung und Spiegelgravur bis zu skulpturalen Installationen und Arbeiten im öffentlichen Raum. Mit ihren Werken liefert sie kritische Kommentare zur Wahrnehmung von Kunst, zum sozialen Raum, den Kunst einnimmt, und zur Rolle von Kunst als Spiegel der Gesellschaft. Sie bedient sich oft des Humors, der Satire und des Spektakels, um die Betrachterinnen und Betrachter zu einer Veränderung ihrer Denkweisen zu verführen.

„The Disappointed Tourist“ ist eine Serie: Seit 2019 malt Harvey Orte, die sie auf die Frage „Gibt es einen Ort, den Sie (wieder) besuchen möchten, den es aber nicht mehr gibt?“ als Antwort vorgelegt bekommt. Der Künstlerin geht es um die Verortung existenzieller Erinnerungen. Das Spektrum reicht von traumatischen Erfahrungen wie Krieg, Rassismus und ökologischen Katastrophen bis zu den alltäglicheren Verlusten durch technologischen Wandel oder Gentrifizierung, von kulturell bedeutenden Orten zu persönlichen Lieblingsplätzen, von jüngst Verschwundenem zu den großen Verlusten der Geschichte.

Kurzfilm: www.youtube.com/watch?v=ajK7C76Jxm0

www.disappointedtourist.org          www.ellenharvey.info           www.museumdermoderne.at

1. 8. 2021

Bild: © Etienne Frossard, Screenshot: disappointedtourist.org

Bild: © Etienne Frossard, Screenshot: disappointedtourist.org

Bild: © Etienne Frossard, Screenshot: disappointedtourist.org

Bild: © Etienne Frossard, Screenshot: disappointedtourist.org

KHM/Ganymed in Power: Wiederaufnahme am 21. Juli

Juli 18, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Es gibt noch Restkarten!

Mona Matbou Riahi und Mahan Mirarab. Bild: © Helmut Wimmer

Bereits zum siebten Mal hielt Ganymed im Frühjahr 2020 Einzug ins Kunsthistorische Museum – und wenige Tage nach der Premiere kam Corona. Zahlreiche Lockdowns und mehrere Verschiebungsversuche später kann „Ganymed in Power“ nun im Sommer 2021 endlich stattfinden: Am Mittwoch, den 21. Juli findet der erste Termin der Wiederaufnahme statt, die weiteren Termine folgen bis Ende August. „Überwältigt von der Treue und Ausdauer unseres Ganymed-Publikums, starten wir voller Lust in dieses sommerliche Abenteuer“,

so Regisseurin Jacqueline Kornmüller. Das Erfolgsformat ist diesmal dem Thema Macht gewidmet. Dem Kunsthistorischen Museum ist dieses tief eingeschrieben. Selbst Symbol der Macht birgt es Kunst, die so aussagekräftig von Machterhalt und -verlust sowie von den Verirrungen der Macht berichtet, die den gesellschaftlichen und politischen Alltag bis heute so lebhaft prägen.

„Ganymed in Power“ eröffnet neue Sichtweisen auf Alte Meister des Kunsthistorischen Museums. Die Künstlerinnen-/Künstlergruppe „wenn es soweit ist“ rund um Regisseurin Kornmüller und Schauspieler und Produzent Peter Wolf lädt zeitgenössische Autorinnen, Autoren und Komponistinnen, Komponisten ein, Auftragswerke über Meisterwerke der Gemäldegalerie zu schreiben.

Christian Nickel. Bild: © Helmut Wimmer

Mikael Torfason. Bild: © Helmut Wimmer

Gerti Drassl. Bild: © Helmut Wimmer

Jacqueline Kornmüller inszeniert diese Texte und Kompositionen und erweckt dadurch Bild und Betrachtung zu neuem Leben – diesmal mit Texten von Franz Schuh, Isolde Charim, Milena Michiko Flasar, Victor Martinovich, Stefan Hertmans und Mikael Torfason, Szenen und Kompositionen von den Strottern, Golnar Shahyar & Mahan Mirarab, Martin Eberle & Martin Ptak, Lukas Lauermann & Emily Stewart und Manaho Shimokawa & Matthias Loibner sowie Trickfilmen der Künstlerin Shadab Shayegan und des Pianisten Benny Omerzell.

Wie die CoV19-Zwangspause das Programm beeinflusst hat, zeigt am Schönsten „Something very new“ überMaria mit Kind“ von Jan Goessart, gespielt von Manaho Shimokawa und Matthias Loibner. Ursprünglich sollten die Tänzerin Manaho Shimokawa und der Drehleierspieler Matthias Loibner eine ganz andere Szene spielen, aber es kam alles anders: Die Vorstellungen wurden immer wieder verschoben und in der Zwischenzeit wurde Manaho schwanger. Nun berichtet sie darüber, wie die Menschwerdung in Zeiten der Pandemie Zweifel aber auch Stärke zu Tage fördern. Und wie Liebe entsteht zwischen Mutter und Kind.

Die Strottern. Bild: © Helmut Wimmer

Raphael von Bargen. Bild: © Helmut Wimmer

Peter Wolf und Matthias Jakisic. Bild: © Helmut Wimmer

Ulli Maier. Bild: © Helmut Wimmer

Alle bereits gebuchten Karten behalten ihre Gültigkeit, es wurden für diese bereits Ersatztermine für den Sommer 2021 angeboten. Für alle, die zu keiner der Vorstellungen im Sommer kommen können, gibt es noch zwei späte Herbstvorstellungen am 24. und 27. November. Anlässlich des Jahres für Literatur und Theater findet Ganymed diesen Herbst unter dem Titel „Flora“ auch in der Eremitage in St. Petersburg statt. Mit einem Staraufgebot an russischen Künstlerinnen und Künstlern inszenieren Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf das Wiener Erfolgsformat erstmals in Russland. Alle Informationen: flora.hermitagemuseum.org/en

Mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=44344           ganymed.khm.at           www.wennessoweitist.com           Videos: www.facebook.com/wennessoweitist/videos

18. 7. 2021

Jüdisches Museum Wien: Jedermanns Juden

Juli 13, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Publikumslieblingen und Deportierten

Jedermann und der Tod auf dem Domplatz: Alexander Moissi und Luis Rainer, 1929. Bild: © ASF Photo Ellinger

Das Jüdische Museum Wien zeigt ab 14. Juli eine Rückschau auf 100 Jahre Salzburger Festspiele und die jüdische Teilhabe am weltweit bedeutendsten Festival der klassischen Musik und darstellenden Kunst. Vor 100 Jahren setzte der Theaterproduzent und Visionär Max Reinhardt gemeinsam mit dem Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal seine Vision für Salzburg um.

Sie erklärten die Stadt zur Bühne und Salzburg wurde zum Inbegriff für innovatives Theater auf Freiluftbühnen, Musik in absoluter Perfektion und Tanz als Ausdruck der Avantgarde. Jüdische Künstlerinnen und Künstler waren am Erfolg entscheidend beteiligt bis zur Machtübernahme des NSRegimes 1938.

Heute gilt es, sie wieder vor den Vorhang zu holen. Im Zentrum der Ausstellung stehen einige noch nie gezeigte Objekte aus dem Nachlass von Max Reinhardt sowie vielfältige Kunstwerke, die den Aufstieg der Festspiele bis heute, sowie die Lebenswege der verschiedenen handelnden Personen, ihre Karrieren und Fluchtwege nachzeichnet. Die erste Phase der Salzburger Festspiele von 1920 bis 1925 prägte Hofmannsthal mit seinen im

katholischen Erlösungsgedanken geschrieben Stücken „Jedermann“ und „Das Salzburger große Welttheater“. Letzteres inszenierte Reinhardt 1922 in der Kollegienkirche, was einen Skandal auslöste, da ihm Entweihung des Sakralraums vorgeworfen wurde. Während Karl Vollmoellers szenische Pantomime „Mirakel“ in Reinhardts Inszenierung in London und New York riesige Hallen bis zum letzten Platz füllte, fiel die Salzburger Adaptierung eher bescheiden aus.

Ihre Blütezeit erlebten die Festspiele von 1926 bis 1933: Um ein größeres Publikum anzulocken, inszenierte Max Reinhardt nun Komödien wie Goldonis „Diener zweier Herren“ und Shakespeares „Sommernachtstraum“, die spielerisch Musik und Tanz integrierten. Gleichzeitig fällt auf, dass zwar Schauspieler und Schauspielerinnen jüdischer Herkunft vertreten waren, doch nicht die wenigen Stars unter ihnen, die an anderen Orten aber sehr gerne mit Reinhardt zusammenarbeiteten.

Nach der Fertigstellung des Festspielhauses konnten weit opulentere Operninszenierungen realisiert werden. Im Architekten Oscar Strnad fand sich ein visionärer Bühnenbildner, in Bruno Walter ein Dirigent von Weltrang, der seine Karriere bei Gustav Mahler begonnen hatte. Dessen Schwager wiederum war Arnold Rosé, Konzertmeister der alljährlich in Salzburg aufspielenden Wiener Philharmoniker. Von der Wiener Staatsoper kamen nicht nur die Kostüme und die Kulissen, sondern auch die ProtagonistInnen. Die berühmten jüdischen Stimmen an der Oper waren weiblich: Rosette Anday, Claire Born, Elisabeth Schumann und andere gehörten zu den Stars ihrer Zeit.

Faust I, 1935: Max Reinhardt und das ewige Gretchen Paula Wessely (li.). Bild: © ASF Photo Ellinger

Genii locorum: Hugo von Hofmannsthal, Max Reinhardt und der schwedische Dirigent Einar Nilson. Bild: © ASF Photo Ellinger

Drei Jahre später im Nazi-Visier: Bruno Walter, Thomas Mann und Arturo Toscanini, 1935. Bild: © ASF Photo Ellinger

Der Künstlerclan in Salzburg: Hermann Thimig, Helene Thimig, Hugo Thimig und Max Reinhardt. Bild: © ASF Photo Ellinger

1928 gab die Leningrader Opernwerkstatt mit drei MozartOperninszenierungen ein von antikommunistischen Protesten begleitetes Gastspiel, Tilly Losch führte ihren Tanz der Hände auf, Hofmannsthal Tanzpantomime „Die grüne Flöte“ glänzte mit futuristischen Kostümen. Auf der BallettBühne beeindruckte die Choreographin Margarete Wallmann mit ihren Inszenierungen.

Die Plakate für 1938 mit den Stars Toscanini und Reinhardt waren schon gedruckt, doch nach dem Einmarsch deutscher Truppen entlud sich die lange aufgestaute Wut der lokalen Nazis in martialischen Aktionen: Die Synagoge und die wenigen jüdischen Geschäfte in Salzburg wurden verwüstet. Am 30. April 1938 fand am Salzburger Residenzplatz die einzige Bücherverbrennung in der Geschichte Österreichs statt.

Reichspropagandaminister Joseph Goebbels hatte jedoch das Problem, dass er nun eine Institution übernehmen und neugestalten wollte, die er jahrelang mit allen Mitteln bekämpft hatte. Katholische Programmpunkte wie der „Jedermann“ und die Kirchenmusik wurden abgesetzt, die jüdischen Protagonistinnen und Protagonisten waren längst verhaftet oder geflohen.

Hans Moser, Das Salzburger große Welttheater, 1925. Bild: © ASF Photo Ellinger

Nach Kriegsbeginn büßte die Inszenierung zusehends an Opulenz ein, zuletzt wurde fast nur noch vor Soldaten auf Heimaturlaub gespielt. Die amerikanische Besatzungsmacht hatte 1945 ihr Hauptquartier in Salzburg aufgeschlagen und erstrebte eine rasche Normalisierung des zivilen Lebens.

Einmal mehr boten die Festspiele eine internationale Kulisse. Um den künstlerischen Betrieb auf höchstem Niveau zu gewährleisten, wurden durch ihre Tätigkeit für das NS-Regime belastete Künstlerinnen undKünstler, wie Karl Böhm, Wilhelm Furtwängler, Attila Hörbiger, Herbert von Karajan, Clemens Krauss oder auch Paula Wessely nach einem kurzfristigen Auftrittsverbot wieder engagiert.

Zu den wenigen jüdischen Künstlerinnen und Künstlern gehörten der Schauspieler Ernst Deutsch, der in den folgenden 15 Jahre den Tod im „Jedermann“ spielte. Der Geiger Yehudi Menuhin kam zu zwei Gastspielen, um der vom NS-Regime verwüsteten Kulturlandschaft beizustehen. Der Opernregisseur Herbert Graf feierte einige gelungene Inszenierungen und war an den Entwürfen Clemens Holzmeisters für das Große Festspielhaus beteiligt …

www.jmw.at

13. 7. 2021

Jüdisches Museum: Jewgenij Chaldej

Mai 11, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Wesentliche Bilder von Wien 1945

Ring, 1945. © Sammlung Erich Klein, Bild: Jewgeni Chaldej

Das Jüdische Museum Wien präsentiert ab 12. Mai mit „Jewgenij Chaldej. Der Fotograf der Befreiung“ Arbeiten jenes Mannes, der als offizieller Kriegsberichterstatter mit der Roten Armee im Zuge der Befreiung in Wien einmarschierte. Chaldej, erfahren genug, um zu wissen, welche Fotografien in Moskau als ideologisch einwandfrei gelten, gelang dann das aus sowjetischer Sicht offizielle Befreiungsfoto von Wien: eine Gruppe von Soldaten mit Maschinenpistolen, im

Hintergrund flattert die rot-weiß-rote Fahne. Die Ausstellung zeigt einen entscheidenden und bis in die Gegenwart wirksamen Moment der Geschichte Österreichs. Am 29. März 1945 erreichte die Rote Armee im Kampf gegen die deutsche Wehrmacht österreichisches Gebiet. Die Schlacht um Wien endete nach schweren Kämpfen am 13. April 1945. Noch in den letzten Stunden des Kriegs ermordete die SS Jüdinnen und Juden in Wien. Mit den sowjetischen Truppen kam auch der jüdische Fotograf Jewgenij Chaldej nach Wien. Er machte einzigartige Fotos von Straßenkämpfen, Bombenruinen und bald auch vom zivilen Leben. Hunger, Wohnungsnot, aber auch die Hoffnung auf einen Neubeginn kennzeichneten den Frühling 1945.

Chaldejs Fotos zeigen Wiener Wahrzeichen wie den Stephansdom, das Parlament, den Heldenplatz, das Belvedere oder das Grabmal von Johann Strauss auf dem Zentralfriedhof, immer mit sowjetischen Soldaten im Bild. Seine Kollegin Olga Lander, die einige Wochen später in Wien eintraf, hielt offizielle Ereignisse fotografisch fest. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste Chaldej erfahren, dass seine gesamte Familie von den National- sozialisten ermordet worden war. Jewgeni Chaldej wie auch die jüdische Fotografin Olga Lander, hinterließen mit ihren Bildern eindrucksvolle Zeitzeugnisse, die wesentliche Tage in der Geschichte Wiens dokumentieren.

Kirchschlag 1945. © Sammlung Erich Klein, Bild: Jewgeni Chaldej

Hofburg, 1945. © Sml. Erich Klein, Bild: Jewgeni Chaldej

© Sammlung Erich Klein, Bild: Jewgeni Chaldej

Palais Epstein, 1945. © Sml. Erich Klein, Bild: Jewgeni Chaldej

Jewgenij Ananjewitsch Chaldej wurde 1917, im Jahr der Oktoberrevolution, in der heutigen Ukraine geboren. Seine Mutter wurde bei einem Pogrom ermordet, als Chaldej erst ein Jahr alt war. Mit zwölf Jahren begann er, sich mit Fotografie zu beschäftigen, und baute aus der Brille der Großmutter und anderen Hilfsmitteln eine Kamera. Seine Laufbahn startete in einer Stahlfabrik, wo er die sogenannten Bestarbeiter fotografieren sollte. In 1930er-Jahren reiste er durch das Land, wurde Zeuge der Hungersnot durch die Zwangskollektivierung der Bauern, doch seine Bilder zeigen den sozialistischen Aufbau.

Für die TASS begleitete er vier Jahre lang als Kriegsfotograf die Rote Armee. Seine jüdische Herkunft war hier eine Triebfeder, das belegt beispielsweise jene Episode, als er in Budapest ein jüdisches Paar im Ghetto fotografierte und ihnen dann den Judenstern entfernte mit den Worten, er sei auch Jude. Später erfuhr er, dass sein Vater und seine Schwestern von den Nationalsozialisten ermordet worden waren. Die Kriegsverbrecherprozesse in Nürnberg begleitete er fotografisch und lernte dort auch den ungarisch-amerikanischen Fotografen Robert Capa kennen, der ihm eine Kamera schenkte. 1948 wurde Chaldej von der Agentur TASS entlassen. Offiziell wegen mangelnder Professionalität, nach eigener Aussage wegen seiner jüdischen Abstammung.

Jahre später wurde Chaldej rehabilitiert und arbeitete wieder für sowjetische Medien wie die Prawda. Sein berühmtes Bild von der Befreiung Berlins 1945, das einen Soldaten der Roten Armee zeigt, der auf dem zerstörten Reichstagsgebäude die sowjetische Flagge hisst, hat einen „Schönheitsfehler“. Chaldej selbst erzählte, dass der Soldat auf dem Originalfoto zwei Uhren am Handgelenk trug. Für die Veröffentlichung wurde dieses Detail wegretuschiert. Er habe immer nur fotografiert, was auch wert war, fotografiert zu werden, war Chaldejs Credo. Er starb 1997 in Moskau.

www.jmw.at

11. 5. 2021