Jüdisches Museum: Die Wiener Rothschilds. Ein Krimi

Januar 11, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Hitler verlangte 75 Millionen Dollar Lösegeld

True Detective Mysteries, „Hitler´s Kidnaping of Baron Rothschild“, NY, 1940. © The Rothschild Archive, London

Das Jüdische Museum Wien präsentiert derzeit eine Ausstellung über die Geschichte der Familie Rothschild in Wien und Österreich. Da die Leistungen und Errungenschaften der Wiener Rothschilds in Vergessenheit geraten sind, gilt es, sie mit dieser Ausstellung in Erinnerung zu rufen und ihre Spuren sichtbar zu machen.

Der Aufstieg der Familie Rothschild setzte am Beginn des 19. Jahrhunderts ein. Am Anfang stand mit Mayer Amschel Rothschild ein aus bescheidenen Verhältnissen stammender Frankfurter Jude. Er machte durch viel Fleiß Karriere und schickte seine fünf Söhne in dieWelt, einen davon nach Wien: Salomon von Rothschild.

Er wurde Bankier des österreichischen Staatskanzlers Metternich und stieg schnell zu einem der führenden Unternehmer Österreichs auf. Der Name Rothschild wurde zum positiven Symbol für eine jüdische Erfolgsgeschichte, aber auch zum negativen Klischee in der antisemitischen Propaganda.

Die Geschichte der Rothschilds in Wien und Österreich liest sich in Teilen wie ein Krimi. Sie mussten sich gegen Konkurrenten durchsetzen, wurden in Konflikte verwickelt und mit antisemitischen Stereotypen konfrontiert. Immer wieder traten sie für ihre unterdrückten und verfolgten Glaubensgenossinnen und Glaubensgenossen ein und riefen viele Bildungs- und Wohltätigkeitsstiftungen für die Allgemeinheit ins Leben.

Ausstellungsansicht mit Sphinx. Bild: © David Bohmann

Abbrucharbeiten am Palais Rothschild, Abtransport Sphinx, 1954/55. © Alfred Klahr Gesellschaft

Ausstellungsansicht mit Krokodil: Bild: © David Bohmann

Modell des Wiener Nordbahnhof. Bild: © David Bohmann

1938 nahm die Gestapo Louis Rothschild fest und hielt ihn ein Jahr lang als Geisel, um den Rothschilds ihr gesamtes Vermögen abzupressen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde zwar ein Großteil ihres geraubten Vermögens restituiert, doch mussten sie wesentliche Werke an österreichische Museen „widmen“. Die Restitution zieht sich bis heute. Aber die Geschichte der Rothschilds in Österreich geht weiter. Eine vom Wiener Landtag eingesetzte Kommission von Expertinnen und Experten untersuchte die Geschichte der Nathaniel Freiherr von Rothschild’sche Stiftung für Nervenkranke, allerdings nur bis 1963. Im November 2021 empfahl die Kommission die Anbringung von Gedenktafeln an den Pavillons am Rosenhügel.

Edvard von Heuss, Salomon von Rothschild, ca. 1845. © Privatsammlung, London

Abbrucharbeiten am Palais Rothschild, Prinz-Eugen-Straße, Wien, 1954/55. © Alfred Klahr Gesellschaft

Büste der Bettina von Rothschild aus dem ehemaligen Kaiserin-Elisabeth-Spital, ca. 1897. © Momentosphere by Tobias de St. Julien

Die Ausstellung im Museum Dorotheergasse zeichnet sich auch durch besondere Objekte und Leihgaben aus. Zum Beispiel ist ein Gemälde des bedeutendsten holländischen Porträtmalers des 17. Jahrhunderts Franz Hals zu sehen. Leihgaben aus österreichischen Museen sind unter anderem ein Modell des Wiener Nordbahnhofs aus dem Technischen Museum oder ein auf einer Safari erlegtes Krokodil, das 1930 von der Familie Rothschild an das Naturhistorische Museum übergeben wurde. Eine steinerne Sphinx, die die Besucherinnen und Besucher gleich zum Beginn der Ausstellung begrüßt und Teil des ehemaligen Palais an der PrinzEugenStraße war, steht stellvertretend für die oft vergessene Geschichte der Rothschilds in Wien

Zu sehen bis 5. Juni.

www.jmw.at

11. 1. 2022

Museum NÖ – Der junge Hitler: Ausstellung geht ins Netz

November 25, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Grundstein für Nationalismus und Rassismus

Das Kaiserpanorama, Bilder von 1914. Bild: © Daniel Hinterramskogler

Die Sonderausstellung „Der junge Hitler. Prägende Jahre eines Diktators. 1889-1914“ ist das bisher inhaltlich ambitionierteste Projekt im Haus der Geschichte in St. Pölten. Sie traf dort auf ein interessiertes Publikum und erfuhr internationale Medienaufmerksamkeit. Bis Ende Oktober 2021 war die Ausstellung im Nordico Linz zu sehen. Ab sofort ist sie als virtueller Rundgang auf abzurufen: www.museumnoe.at/ausstellungjungehitler

„Normalerweise wird in Ausstellungen nur der aktuelle Wissensstand vermittelt. Bei diesem Projekt war es anders. Die Ausstellung wurde selbst zum Impulsgeber für neue Forschungen“, hält Christian Rapp, wissenschaftlicher Leiter des Hauses der Geschichte fest. „Bei unserem Workshop ‚Hitler und das Fin de Siècle‘ im Herbst 2020 hat Roman Sandgruber erstmals seine Forschungen zu Adolf Hitlers Vater Alois vorgestellt. Auch wir selbst konnten wichtige neue Quellen zu Kindheit und Jugend Hitlers beisteuern. Im April 2021 wurden diese dann in der Linzer Fassung der Ausstellung für das Nordico integriert.“ Die Beiträge des internationalen Workshops „Hitler und das Fin de Siècle“ und eine kurze Einführung von Christian Rapp sind hier abrufbar: https://www.museumnoe.at/de/haus-der-geschichte/Sonderausstellung/der_junge_Hitler.

Und hier noch einmal die Rezension der Schau vom Februar 2020: Vor 75 Jahren endete mit dem Zweiten Weltkrieg auch der Holocaust, beides entfesselt von Adolf Hitler und den Nationalsozialisten. Das Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich nimmt das zum Anlass, nach den Anfängen zu fragen: Woher kamen Militarismus, Rassenhass und Antisemitismus? Wie weit waren sie in der Gesellschaft bereits verankert? Die Parallelerzählung „Der junge Hitler. Prägende Jahre eines Diktators. 1889-1914“ beleuchtet die frühe Biografie des späteren „Führer“ und die politischen Strömungen dieser Zeit.

Porträt von Mutter Klara Hitler. © ÖNB/Wien

Hitlers Vater Alois, in seiner Uniform als Zollbeamter, um 1890. © ÖNB/Wien

Der 16-jährige Adolf Hitler, gezeichnet von einem Mitschüler namens Sturmlechner in der Realschule Steyr, 1905. © Sammlung Rauch / Interfoto / picturedesk.com

„Die Ausstellung eignet sich nicht zur Heldenverehrung. Anhand authentischer Dokumente zeichnet sich vielmehr das Bild eines früh Gescheiterten ab und eines Außenseiters, der stets die Umwelt für eigenes Versagen verantwortlich macht“, schließt Christian Rapp jedes Missverständnis aus. „Ganz wichtig ist es uns gleichzeitig, die düsteren Seiten der Jahrhundertwende darzustellen. Viele Objekte der Ausstellung machen deutlich, wie die Politiker jener Zeit mit Ängsten und Vorurteilen Stimmung gemacht haben, ob es sich um den radikalen Deutschnationalen Georg von Schönerer handelt oder um den antisemitischen Bürgermeister Karl Lueger. Ihre Parolen haben sie in ihren Reden, ihren Zeitungen, aber auch auf Werbemarken und auf Zierporzellan verbreitet. Mit Objekten und Bildern lassen sich auch die abstrusen Lehren von Rassen- hygienikern gut dokumentieren, die rassistische Überheblichkeit der Europäer als Kolonialherren, die Frauen- feindlichkeit und die Kriegsbegeisterung. Sie prägen Adolf Hitler und seine Zeitgenossen“, so Rapp.

Das Parlament – Aquarell von Adolf Hitler. © Verlag Alinari

Michaelerplatz – Aquarell von Adolf Hitler. © Verlag Alinari

„Über die Kindheit und Jugend von Adolf Hitler wurde schon viel geschrieben und publiziert. Aufgabe unserer wissenschaftlichen Aufarbeitung war es nun, akribisch Geschichte von Geschichten zu trennen“, ergänzt Hannes Leidinger, der gemeinsam mit Rapp ein Buch zum Thema veröffentlicht hat. „Wichtig war es uns, neuerlich an die Quellen zu gehen und die neuen elektronischen Recherchemethoden zu nutzen. Außerdem war uns erstmals der Nachlass seines Jugendfreundes August Kubizek zugänglich. Wir zeigen daraus einige aufschlussreiche Originale wie ein Notenblatt, das entstand, als Adolf Hitler sich als Opernkomponist im Stile Richard Wagners versucht hat. Hier wird die fatale Selbstüberschätzung bereits sichtbar“, so Leidinger. Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=38606

www.museumnoe.at           www.museumnoe.at/ausstellungjungehitler

25. 11. 2021

Leopold Museum: Ludwig Wittgenstein. Fotografie als analytische Praxis

November 12, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Artefakte zwischen Erinnerung und Lüge

Automatenporträt von Ludwig Wittgenstein, um 1930. Sammlung Mila Palm, Wien. Bild: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Ab heute zeigt das Leopold Museum die Schau „Ludwig Wittgenstein. Fotografie als analytische Praxis“. Im Mittelpunkt der umfassenden Ausstellung stehen nicht Wittgensteins bahnbrechende philosophische Schriften – allen voran sein frühes Hauptwerk „Tractatus logico-philosophicus“ – oder deren Strahlkraft auf die bildende Kunst, sondern sein Interesse an der Fotografie. Die Schau fokussiert anhand von mehr als 200 Objekten auf den Fotografen Wittgenstein, der sich als Autor, Sammler und Arrangeur von Fotografien betätigte und beleuchtet davon ausgehend auch biografische Aspekte und Bezüge zum Schaffen des Philosophen.

Im Zentrum stehen seine praktische und theoretische Verwendung der Fotografie, sein tiefes Verständnis des Mediums in der ganzen Bandbreite seiner Facetten zwischen indexikalischer Spur und Artefakt, zwischen Erinnerungsstütze und epistemischem Vehikel, zwischen Evidenz und Lüge. Die Verbindung von Wittgenstein zur Fotografie wurde bisher vor allem mit Fokus auf sein Fotoalbum, die Kompositfotografie und seine in einem Brief an Ludwig Hänsel formulierte Absicht, einen

„Laokoon für Photographen“ zu schreiben, diskutiert. Die Perspektive der Ausstellung und die Möglichkeit, die Fülle des von Michael Nedo aufgebauten und geführten Wittgenstein Archive Cambridge wie auch relevante Bestände aus dem Trinity College und dem Brenner-Archiv unter dem Blickpunkt des Fotografischen zu befragen, ermöglichen nun einen Blick auch auf bisher weniger Beachtetes wie beispielsweise seine im Sommer 1936 mit einer Pocket Camera gefertigten Aufnahmen oder repräsentative Auszüge aus seiner Ansichtskartenkorrespondenz und aus seiner Nonsense Collection.

Im ersten Manuskriptband der Philosophischen Untersuchungen, den Wittgenstein 1936 mit der Widmung „ein schlechtes Geschenk“ seiner Schwester Margarete überreicht, fordert der Philosoph: „Betrachte z.B. einmal die Vorgänge, die wir ‚Spiele‘ nennen. Ich meine Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiele, Kampfspiele u.s.w. Was ist allen diesen gemeinsam? – Sag’ nicht, es muß ihnen etwas gemeinsam sein, sonst hießen sie nicht ‚Spiele‘; sondern schau, was ihnen || ob ihnen allen etwas gemeinsam ist. – Denn wenn Du sie ansiehst || anschaust so wirst Du zwar nichts sehen || nicht etwas sehen, was allen gemeinsam wäre, aber Du wirst Ähnlichkeiten, Verwandtschaften sehen, & zwar eine ganze Reihe. Wie gesagt: Denk nicht, sondern schau!“. Ersetzt man den Begriff „Spiele“ durch „Fotografien“, so ist dieser Ausstellung ein Impuls gebendes Motto vorangestellt.

Wittgensteins fotografische Praxis reicht vom eigenen Umgang mit der Kamera über die Konzeption, Kompilation und Montage von Aufnahmen, über das Beschneiden von Abzügen, das Kommentieren ihrer materiellen Qualitäten und das Versenden und Einfordern von Fotografien bis hin zum Formulieren von Präferenzen, Wertungen und Handlungsanweisungen für deren Betrachtung.

Hiroshi Sugimoto *1948: Wittgenstein House, 2001. Hiroshi Sugimoto / Courtesy of Gallery Koyanagi. Bild: Hiroshi Sugimoto/Courtesy of Gallery Koyanagi © Hiroshi Sugimoto

Belonging to L.W.“, Fotografien von Ludwig Wittgenstein, fotografiert mit einer Pocket Camera, von Ben Richards auf die Vorderseite eines linierten Blatts geklebt, 1936. Wittgenstein Archive Cambridge. Bild: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Ansichtskarte von Ludwig Wittgenstein aus Tours an Gilbert Pattissons Schwester, mit handschriftlichen Vermerken auf der Bildseite „The spirit of vengeance“, „Our hotel“, „my room“, 1936. Trinity College, Cambridge, Witt.402.5. Bild: Master and Fellows of Trinity College Cambridge © Master and Fellows of Trinity College, Cambridge

… im Dialog mit zeitgenössischer Kunst

In der Schau wird diese Praxis mit Werken zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler in Dialog gesetzt: Vito Acconci, Miriam Bäckström, John Baldessari, Gottfried Bechtold, Anna und Bernhard Blume, Christian Boltanski, Hanne Darboven, Olafur Eliasson, Hans-Peter Feldmann, Günther Förg, Herbert W. Franke, Nan Goldin, Peter Handke, Heinrich Heidersberger, Peter Hujar, Anna Jermolaewa, Birgit Jürgenssen, Mike Kelley, Anastasia Khoroshilova, Friedl Kubelka, David Lamelas, Sherrie Levine, Sharon Lockhart, Inés Lombardi, Dóra Maurer, Trevor Paglen, Sigmar Polke, Timm Rautert, Gerhard Richter, Martha Rosler, Thomas Ruff, Norman Saunders, Alfons Schilling, Cindy Sherman, Katharina Sieverding, Margherita Spiluttini, Dominik Steiger, Sturtevant, Hiroshi Sugimoto, Andy Warhol, Gillian Wearing, Peter Weibel, Manfred Willmann, Otto Zitko, Heimo Zobernig.

Deren medienspezifische Artikulationen und Reflexionen bringen zahlreiche Parallelen, Überschneidungen oder Berührungspunkte zum Vorschein. Nie weisen die ausgewählten Werke direkte Bezüge zu Wittgensteins Philosophie und erst recht nicht zu seiner Fotografie auf. Mit den assoziativ gesetzten Dialogen verfolgen die Kuratorinnen und Kuratoren vielmehr eine Strategie des Sichtbarmachens und des Aspektierens; die Ausstellung mit ihren temporären Nachbarschaften wird zu einem Ort des Zeigens. Ganz bewusst wurde auf fotografische Werke von Zeitgenossinnen und Zeitgenossen Wittgensteins verzichtet, auch um den Eindruck einer kunsthistorischen Genealogie zu vermeiden. Die zeitliche und diskursive Distanz zwischen dem fotografischen „OEuvre“ Wittgensteins und den ausgewählten Werken der zeitgenössischen Kunstschaffenden ist notwendig, um sichtbar zu machen ohne zu vereinnahmen, um zu zeigen ohne ein Narrativ zu entwerfen.

Durch die Etablierung von motivisch wie thematisch gefassten Resonanzräumen werden Gemeinsamkeiten aber auch spezifische Eigenheiten sichtbar gemacht, die das fotografische Denken und Handeln Wittgensteins beleuchten und zugleich den Blick auf die zeitgenössischen Kunstwerke schärfen. Ganz im Wittgenstein’schen Sinn soll dazu ermutigt werden, eigene Lesarten und Kreuzungspunkte zu finden: „Und so können wir durch die vielen, vielen andern Gruppen von Spielen gehen. Ähnlichkeiten auftauchen & verschwinden sehen. Und das Ergebnis dieser Betrachtung lautet nun: Wir sehen ein kompliziertes Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen & kreuzen. Ähnlichkeiten im Großen & Kleinen“, so Ludwig Wittgenstein.

Francis Skinner und Ludwig Wittgenstein, für Ludwig Hänsel beschrieben: „Dieses schöne Bild zeigt mich + einen Freund in einer Straße von Cambridge.“, 1935. Wittgenstein Archive Cambridge. Bild: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Ludwig Wittgenstein: Gilbert Pattisson mit Pfeife vor „CATROS – GERAND“, Frankreich,1936. Trinity College, Cambridge, Witt.402.photo3. Bild: Master and Fellows of Trinity College Cambridge © Master and Fellows of Trinity College, Cambridge

Ólafur Eliasson *1967: The Alftavatn close-up series, 1999. Privatsammlung, courtesy neugerriemschneider, Berlin. Bild: Oren Slo

John Baldessari (1931–2020): Ed Henderson Suggests Sound Tracks for Photographs, 1974. Video Courtesy Electronic Arts Intermix (EAI), New York. Bild: Courtesy of Electronic Arts Intermix (EAI), New York © John Baldessari 1974, Courtesy Estate of John Baldessari © 2021 Courtesy Sprüth Magers

„‚Eine Photographie lügt nicht‘. Die Wahrheit ist: Die Photographie lügt immer. Oder sie lügt nur in seltenen Ausnahmen nicht. Sie ist eine vom Standpunkt der Portraitähnlichkeit willkürliche Übersetzung des Räumlichen || gesehenen Objekts in schwärzliche & weißliche Flecken. || in dunkle & helle Töne in der Fläche. || in Dunkelheiten & Helligkeiten. || in Hell & Dunkel. Form, Farbe, Bewegung, oder Ruhe, auf die || auf welche Unterschiede doch alles ankommt, || auf deren Unterscheidung doch alles ankommt, – sollen wir aus einer Darstellung ablesen, die doch nicht dazu eingerichtet ist, sie zu unterscheiden.“

www.leopoldmuseum.org

12. 11. 2021

Kunsthistorisches Museum Wien: Tizians Frauenbild

Oktober 2, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Loblied der Weiblichkeit auf Leinwand gebannt

Tizian: Nymphe und Schäfer. Um 1570/75. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband

Im Herbst stehen im Kunsthistorischen Museum jedes Jahr die Alten Meister im Fokus: Die Ausstellung „Tizians Frauenbild“ konzentriert sich ab 5. Oktober anhand von mehr als 60 Gemälden aus internationalen Sammlungen sowie aus dem eigenen Bestand auf die Darstellung der Frau im Œuvre des venezianischen Meisters Tizian und seiner Zeitgenossen. Hochkarätige Leihgaben kommen etwa aus dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem Louvre in Paris, dem Prado in Madrid, den Uffizien in Florenz, der Eremitage in Sankt Petersburg oder den Gallerie dell’Accademia in Venedig.

Inspiriert von der damaligen Liebespoesie und Literatur schufen Tizian und seine Zeitgenossen – wie Palma il Vecchio, Lorenzo Lotto, Paris Bordone, Jacopo Tintoretto und Paolo Veronese – poetisch-erotische, idealisierte Frauenbildnisse. Sie werden wegweisend für die europäische Malerei der nachfolgenden Jahrhunderte. Die Schau beleuchtet das venezianische Frauenbild vor dem Hintergrund der Ideale und Gesellschaftsverhältnisse des 16. Jahrhunderts. In Tizians Frauenbildern geht es um die Zelebration der Frau als großartigstes Thema des Lebens, der Liebe und der Kunst.

Die Prominenz der Frau in der Malerei Venedigs im 16. Jahrhundert hat vielerlei Ursachen, etwa die politisch-soziale Struktur der Serenissima, die der Frau bezüglich der Mitgift und des Erbes eigene Rechte zugestand, oder das kulturell aufgeschlossene und internationale Klima der Stadt: Einflussreiche Verlage zogen namhafte Poeten und Humanisten an – darunter Pietro Bembo, Sperone Speroni und Ludovico Dolce , die in ihren Schriften der Frau und der Liebe besondere Aufmerksamkeit schenkten. Den entscheidenden Anstoß in der visuellen Umsetzung gab Tizian, der bedeutendste Maler, den die Stadtrepublik je hervorbrachte.

Tizian; Violante. Um 1510/14. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband

Tizian: Junge Frau bei der Toilette. Um 1515. Musée du Louvre, Département des Peintures, Paris © RMN-Grand Palais (Musée du Louvre) / Franck Raux

Tizian: Junge Frau mit Federhut. Um 1534/36. Eremitage, St. Petersburg © The State Hermitage Museum, 2021, Bild: Dmitri Sirotkin

Ausstellungsansicht „Tizians Frauenbild“, hi.: Raub der Europa“ von Veronese. © KHM-Museumsverband

Tizian: Venus mit Orgelspieler und Cupido. Um 1555. Museo Nacional del Prado, Madrid © Archivo Fotográfico. Museo Nacional del Prado, Madrid

Lange Zeit dachte man, dass Frauen, die Tizian mit Blick auf den Betrachter – oder noch schlimmer: mit entblößter oder halbentblößter Brust – malte, nur Kurtisanen gewesen sein können. Neu herangezogene Quellen geben ein differenzierteres Bild der Blicke und Gesten in Bildern des 16. Jahrhunderts: So sieht die aktuelle Forschung hier vielmehr die symbolische Öffnung des Herzens für den künftigen Ehepartner, mit der die Braut in die Heirat einwilligt. Solchen und ähnlichen Deutungsverschiebungen sind die Ausstellungsmacherinnen Sylvia Ferino-Pagden, Francesca Del Torre Scheuch und Wencke Deiters auf der Spur.

Die neue, erhöhte Aufmerksamkeit durch Maler, Humanisten und Poeten beeinflusste auch die Lebensbedingungen der realen Frauen Venedigs im 16. Jahrhundert, wobei die spezifische Gestalt der Stadt, die so genannte forma urbis, deren Vernetzung und den Austausch zwischen unterschiedlichen sozialen Schichten förderte. Die Schriftstellerinnen unter ihnen forderten in ihren Schriften größere Anerkennung ihrer Fähigkeiten und gleichen Zugang zu höherer Bildung wie die Männer und leisteten damit eine bedeutende Vorarbeit für die Gleichstellung der Frau: ein Thema, das global gesehen heute wieder stark in den Fokus rückt.

Die Ausstellung möchte den Facettenreichtum des Themas zeigen und die unterschiedlichen Gesten, Blicke und Attribute genauer ins Auge fassen. Vom konkreten Porträt zu idealisierten, von der Poesie inspirierten Abwandlungen werden die Themen Liebe und Begehren in historischen, mythologischen und allegorischen Darstellungen in Szene gesetzt. Bei den realen und idealen Porträts werden auch Mode, Haartracht und kostbare Schöpfungen der Goldschmiedekunst der Zeit analysiert. Die umfangreiche zeitgenössische Traktatliteratur und Liebeslyrik bieten dabei eine solide Grundlage, solche einzigartigen Darstellungen von Frauen neu zu lesen.

Die eigens erstellte Ausstellungswebsite informiert über die Themen der Ausstellung sowie über das Rahmenprogramm und die zahlreichen Angebote rund um die Ausstellung: tiziansfrauenbild.khm.at

Tizian: Clarissa Strozzi, 1542. Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie © bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt

Tizian und Werkstatt: Diana und Callisto. Um 1566. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband

Neu: Die kaiserliche Tizian-Sammlung als virtuelle 3D-Tour

Das Kunsthistorische Museum bietet außerdem ab sofort über die Digital-Plattform Discover Culture unter dem Titel „Die kaiserliche Tizian-Sammlung“ eine neue virtuelle 3D-Tour durch eine der berühmtesten Gemäldesammlungen der Welt an: Saal VIII der Gemäldegalerie beherbergt Werke Tizians, und wird nun mit dem neuen Angebot komplett digital erlebbar sein. Die 3D-Tour bietet Kunstgenuss in höchster Auflösung. Besucherinnen und Besucher genießen die besondere Atmosphäre in diesem Raum bequem von zu Hause aus und erleben dennoch die Kunst Tizians hautnah:

Mittels der Zoom-Funktion (+ und −) können die Gemälde auch aus nächster Nähe ausgiebig betrachtet werden. Informationen zu den Kunstwerken sowie zu deren Schöpfer finden sich direkt im virtuellen Raum. Kunstvermittlerinnen und -vermittler erzählen vom Venedig des 16. Jahrhunderts und über das Leben Tizians. discover-culture.com/de/partner/kunsthistorisches-museum-wien Preis: 4,99 Euro. Alle digitalen Touren auf der Plattform Discover Culture sind nach dem Kauf ohne Einschränkungen verfügbar und können beliebig oft und lange besucht werden.

tiziansfrauenbild.khm.at          discover-culture.com/de/partner/kunsthistorisches-museum-wien           www.khm.at

2. 10. 2021

MdM Salzburg: Ellen Harveys „The Disappointed Tourist“

August 1, 2021 in Ausstellung, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Verloren gegangene Sehnsuchtsorte gesucht

Ellen Harvey in ihrem Studio mit Arbeiten aus der Serie „The Disappointed Tourist“ / work in progress, 2020. Bild: © Etienne Frossard

In ihrer ersten Einzelausstellung in Österreich im Museum der Moderne Salzburg beschäftigt sich Ellen Harvey mit einem Thema der Nostalgie. Dafür malt sie Orte, die Menschen gerne besuchen würden, die aber nicht mehr existieren. Ellen Harvey: „Wir leben in einer Welt, die sich oft anfühlt, als würde sie vor unseren Augen verschwinden … Orte, die wir zu besuchen gehofft haben, hören auf zu existieren.“

Für ihre Salzburger Schau, zu sehen ab dem 23. Oktober, nimmt die Künstlerin unter disappointedtourist.org Einreichungen von „verlorenen Orten“ entgegen. Wenn Sie ein Gemälde Ihres Sehnsuchtsort im Museum der Moderne Salzburg hängen sehen möchten, dann können Sie eine Abbildung davon HIER / www.disappointedtourist.org/submit-a-site hochladen.

Die Britin Ellen Harvey ist Malerin, Kartografin, Konzeptkünstlerin und vieles mehr. Ihre Medien reichen von klassischer Ölmalerei über Zeichnung und Spiegelgravur bis zu skulpturalen Installationen und Arbeiten im öffentlichen Raum. Mit ihren Werken liefert sie kritische Kommentare zur Wahrnehmung von Kunst, zum sozialen Raum, den Kunst einnimmt, und zur Rolle von Kunst als Spiegel der Gesellschaft. Sie bedient sich oft des Humors, der Satire und des Spektakels, um die Betrachterinnen und Betrachter zu einer Veränderung ihrer Denkweisen zu verführen.

„The Disappointed Tourist“ ist eine Serie: Seit 2019 malt Harvey Orte, die sie auf die Frage „Gibt es einen Ort, den Sie (wieder) besuchen möchten, den es aber nicht mehr gibt?“ als Antwort vorgelegt bekommt. Der Künstlerin geht es um die Verortung existenzieller Erinnerungen. Das Spektrum reicht von traumatischen Erfahrungen wie Krieg, Rassismus und ökologischen Katastrophen bis zu den alltäglicheren Verlusten durch technologischen Wandel oder Gentrifizierung, von kulturell bedeutenden Orten zu persönlichen Lieblingsplätzen, von jüngst Verschwundenem zu den großen Verlusten der Geschichte.

Kurzfilm: www.youtube.com/watch?v=ajK7C76Jxm0

www.disappointedtourist.org          www.ellenharvey.info           www.museumdermoderne.at

1. 8. 2021

Bild: © Etienne Frossard, Screenshot: disappointedtourist.org

Bild: © Etienne Frossard, Screenshot: disappointedtourist.org

Bild: © Etienne Frossard, Screenshot: disappointedtourist.org

Bild: © Etienne Frossard, Screenshot: disappointedtourist.org