Albertina: Degas, Cézanne, Seurat

Januar 29, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Das Archiv der Träume aus dem Musée d‘Orsay

Pierre-Auguste Renoir: Drei Badende am Ufer, Studie für Die Großen Badenden, 1882-1885 Bild: © Musée d´Orsay, Paris, Dist. RMN-Grand Palais, Jean-Gilles Berizzi © Bildrecht, Wien 2014

Pierre-Auguste Renoir: Drei Badende am Ufer, Studie für Die Großen Badenden, 1882-1885
Bild: © Musée d´Orsay, Paris, Dist. RMN-Grand Palais, Jean-Gilles Berizzi © Bildrecht, Wien 2014

Vom 30. Jänner an öffnet das Musée d’Orsay seine Tresore und verleiht die grafischen Kostbarkeiten seiner Sammlung erstmalig an ein Museum außerhalb Frankreichs. 130 Werke sind in der großen Schau französischer Kunst des 19. Jahrhunderts zu sehen. Delikate Pastelle von Edgar Degas, Georges Seurat und Odilon Redon, malerische Gouachen von Honoré Daumier und Gustave Moreau, feine Aquarelle von Paul Cézanne sowie Arbeiten von in ihrer Zeit hoch geschätzten Salonkünstlern bilden ein weites Panorama französischer Zeichenkunst ab: Der politisch orientierte Realismus ist mit seinen prominentesten Protagonisten vertreten: Honoré Daumier verzerrt gesellschaftliche Konflikte der Zeit in den Gerichtssälen ins Karikaturhafte während Gustave Courbet und Ernest Meissonier Barrikadenkämpfe und bedeutende politische Wendepunkte auf Skizzenblättern dokumentieren.

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Giovanni Segantini und Jean-François Millet hingegen hüllen monumental anmutende Bauern und Fischer in mystisches Licht, frieren die Posen der Arbeiter ein und ästhetisieren so ihre repetitiven Gesten. Diese sozial motivierten Werke finden ihren Platz neben Arbeiten des malerischen Impressionismus und bilden einen provokanten Kontrast zu den sonnendurchfluteten Landschaften aus dem Süden Frankreichs von Paul Cézanne und den leichten, atmosphärischen Markt-Darstellungen von Eugène Boudin. Beide Künstler setzen auf die
Leuchtkraft des hellen Papiers, das sie stellenweise durchscheinen lassen und bauen ihre Motive mit versierter Leichtigkeit durch nahezu geometrische Flächen auf. Licht spielt auch bei Edgar Degas eine tragende Rolle: aus verborgenem Winkel betrachtete Tänzerinnen werden von ihm bei privaten Übungen und in intimen Szenen dargestellt. Degas widmet sich, wie Aristide Maillol, ebenso dem klassischen Genre des Aktes, ergänzt ihn mit anscheinend profanen Tätigkeiten des Alltags und entwickelt so eine moderne Venus oder Göttin. Alexandre Cabanel und Pierre-Auguste Renoir zeigen, dass die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts trotz aller modernen Bestrebungen auch an den Traditionen der academie française festhielt:
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Cabanel’s „Geburt der Venus“ zelebriert das klassische Schönheitsideal so wie die Regeln und den Geschmack des Salons und repräsentiert den Höhepunkt des Klassizismus nach Ingres oder Raffael. Die Meisterwerke von Edward Burne-Jones, Jean Léon Gérome und Frantisek Kupka haben narrative Züge und setzen literarische Figuren in Szene. Ihnen gegenüber stehen Zeichnungen, die als Buchillustrationen geschaffen wurden. Dazu gehören Jean-Paul Laurens‘ Grisaillen zu Goethes „Faust“, ein Entwurf des Präraffaeliten William Holman Hunt zu John Keats‘ „Basilikumtopf“ und schließlich Maurice Denis‘ Zeichnungen zu den „Fioretti“ des heiligen Franz von Assisi.  Odilon Redon schafft geheimnisvolle, rätselhafte Darstellungen, indem er die Technik der Kohlezeichnung belebt: Seine „Noirs“ setzen eine suggestive, spirituelle Welt in Szene und gesellen sich so zu den nicht minder dunklen, aber pointillistischen Kreidezeichnungen von Georges Seurat. Seine mit schwarzer Conté-Kreide geschaffenen Zeichnungen werden nicht durch Linien definiert, sondern durch den Kontrast zwischen den subtilen Nuancen des schwarzen Zeichenmittels und der Weiße des Papiers. So entstehen diesige und geheimnisvolle Silhouetten. Felicien Rops und Gustave Moreau lassen in die Abgründe der menschlichen Seele blicken: Ihre Werke zeigen Monster und Chimären, erfinden Salomé, Medea und Medusa neu und illustrieren somit die Vorstellungen, die um die femme fatale der Jahrhundertwende kreisen.
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Durch das anscheinend undurchschaubare Labyrinth von Stilen, Themen und Motiven, die im 19. Jahrhundert neben einander herrschen, führt der ehemalige Direktor des Musée National d’Art Moderne im Centre Pompidou, Werner Spies. Er hat die Schau für die Albertina zusammengestellt.

www.albertina.at

Wien, 29. 1. 2015

mumok: Musée à vendre pour cause de faillite

Februar 18, 2014 in Ausstellung

VON SONJA CHRISTINE VOCKE

Museum zu verkaufen wegen Konkurs

Bruce Nauman:  Sex and Death, 1985, Neonröhren auf Aluminium montiert  Bild: Courtesy Sammlung Annick und Anton Herbert, Gent © Bildrecht Wien

Bruce Nauman: Sex and Death, 1985, Neonröhren auf Aluminium montiert Bild: Courtesy Sammlung Annick und Anton Herbert, Gent © Bildrecht Wien

Das Mumok eröffnet sein heuriges Ausstellungsprogramm mit der Sammlung von Annick und Anton Herbert. Eine der bedeutendsten Privatsammlungen zeitgenössischer Kunst in Europa. Das belgische Ehepaar begann im Sog der politischen und gesellschaftlichen Umbrüche der 1968er-Bewegung Kunst zu erwerben. Seine Begeisterung und sein Interesse galten jenen Entwicklungen, die – parallel zu den gesellschaftlichen Erneuerungsbestrebungen der Zeit – die Erweiterung des Kunst- und Werkbegriffs vorantrieben. Annick und Anton Herbert erstanden bedeutende Werke von amerikanischen wie europäischen VertreterInnen der Minimal Art sowie konzeptueller Tendenzen – darunter Arbeiten von Carl Andre, Art & Language, Marcel Broodthaers, Hanne Darboven, Dan Graham, Donald Judd, On Kawara, Sol LeWitt, Bruce Nauman, Michelangelo Pistoletto, Gerhard Richter, Niele Toroni und Lawrence Weiner. Ab Mitte der 1980er-Jahre kamen mit Werken von Martin Kippenberger, Franz West und Mike Kelley noch wesentliche Vertreter einer späteren Künstlergeneration hinzu. Der letzte in die Sammlung aufgenommene Künstler ist Heimo Zobernig.

2008 brachten die Herberts den Großteil ihrer Sammlung in eine Stiftung ein, in deren Rahmen sie seit Juni 2013 jeweils über die Sommermonate in einer ehemaligen Industriehalle in Gent der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Die Ausstellung in Wien mit dem bewusst provokant gewählten Titel Musée à vendre pour cause de faillite („Museum zu verkaufen wegen Konkurs“) wird die letzte umfassende Präsentation außerhalb des Stiftungsgebäudes sein. Bereichert durch einzelne von den Herberts präzise gewählte Schlüsselwerke aus dem Fundus des mumok, wird die Sammlung in Wien so umfassend wie nie zuvor gezeigt.

Dialog mit einer Sammlung

Stärker als bei bisherigen Präsentationen der Sammlung Herbert steht in Wien die diskursive Auseinandersetzung mit den Werken im Vordergrund. So werden mit Marcel Broodthaers, Gerhard Richter und Heimo Zobernig auf der Eingangsebene des Hauses drei Künstler zusammengefasst, die sich der Analyse des Potenzials der Kunst verschrieben haben. In der Etage darüber stehen ihnen andere Positionen der Konzeptkunst gegenüber – darunter Werke von Hanne Darboven, On Kawara und Jan Dibbets, in denen es um Zeiterfahrung geht, oder Arbeiten von Lawrence Weiner und Ian Wilson, die mit Sprache operieren. Ein daran anschließender Raum geht von den Specific Objects von Künstlern wie Donald Judd und Carl Andre aus und verfolgt die Weiterentwicklung der von der Minimal Art initiierten Diskussion über die Selbstwahrnehmung der BetrachterInnen, aber auch die Kritik an der von ihr behaupteten Referenzlosigkeit bei Dan Graham, Michelangelo Pistoletto und Franz West. Den bedeutenden Werken von Bruce Nauman aus der Herbert Foundation wird ein eigener Ausstellungsbereich gewidmet. Er bildet die Überleitung zum Oberlichtsaal, wo mit John Baldessari, Mike Kelley, Martin Kippenberger und Jan Vercruysse Künstler zu sehen sind, die wie Nauman einerseits die dunklen und verdrängten Seiten der menschlichen Psyche und andererseits die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft thematisieren.

Marcel Broodthaers, Gerhard Richter und Heimo Zobernig sind Künstler unterschiedlicher Generationen, die auf ihre je eigene Weise die grundsätzliche Frage nach den Möglichkeiten der Kunst stellen. In ihren Werken analysieren sie einzelne Elemente des bildnerischen Ausdrucksrepertoires ebenso, wie sie die Rahmenbedingungen der Kunstproduktion thematisieren und Begriffszuweisungen, Kategorisierungen und Ordnungssysteme, die die Kunst betreffen, einer kritisch- dekonstruktiven Betrachtung unterziehen. Die Bestände aus der Sammlung Herbert ermöglichen einen breiten Überblick über Broodthaers’ gleichermaßen analytisches wie poetisches Schaffen, unter anderem anhand zentraler Werke wie Le Corbeau et le Renard (1968/72) oder der Installation Fig 1. Programme (1972/73). 4 Glasscheiben (1967) und 1024 Farben in vier Permutationen (1973) sind essenzielle Werke von Gerhard Richter, die seine analytische Auseinandersetzung mit den Mitteln und Möglichkeiten der Malerei belegen. Diese findet vielfältige Analogien bei Heimo Zobernig, etwa in seiner dekonstruktiven Beschäftigung mit Farbtheorien. Beispiele von Zobernigs ebenso intensiver Reflexion über performatives Kunstschaffen sind dessen frühe Videos sowie eine Displaybox mit der Aufzeichnung der Performance H.Z. erklärt seinem Double wie man eine Performance macht (2008). Aus dem breiten Spektrum konzeptueller Tendenzen werden mit der bedeutenden frühen Arbeit von Hanne Darboven Ein Jahrhundert aus der mumok Sammlung, dem großen „date painting“ Nov. 21,1988 von On Kawara und dessen One Million Years (1970/71), aber auch mit Jan Dibbets’ The Shadows in My Studio as They Were at 27.07.1969 from 8.40–14.10, Photographed Every Ten Minutes (1969) Werke gezeigt, die zeichenhafte und fotografische Notationsformen für Zeiterfahrung entwickeln. Beispiele für den vielfältigen Einsatz von Sprache sind Lawrence Weiners Arbeit GREEN AS WELL AS BLUE AS WELL AS RED (1972), Ian Wilsons Konzeptblatt There was a discussion in New York City, in 1968, on the idea of Time (1968) sowie der Index 02 (1972) des Kollektivs Art & Language.

Carl Andres Henge on 3 Right Thresholds (Meditation on the Year 1960) (1971) und seine Bodenarbeit Voie d’acier (1988) sowie zwei Kuben aus Donald Judds legendärer Ausstellung in Baden-Baden (1989) stehen beispielhaft für die Specific Objects der Minimal Art. Die mit solchen Werken begonnene Auseinandersetzung mit Wahrnehmung und Selbsterfahrung findet bei Dan Graham eine Weiterentwicklung und kritische Reflexion. Von ihm befindet sich mit Public Space/Two Audiences (1976) ein Hauptwerk in der Sammlung Herbert. Eine kritische Antwort auf die von der Minimal Art postulierte Möglichkeit referenzloser Rezeption von Kunstwerken formulieren auch Michelangelo Pistolettos zeichenhafte Objekte (Segno d’arte) sowie die Werke von Franz West. Sie verweisen auf die ambivalenten Lesemöglichkeiten bildnerischer Äußerungen – in Abhängigkeit vom jeweiligen Kontext und den individuellen Reaktionen der RezipientInnen.

Als Bindeglied zum Ausstellungsfinale im Oberlichtsaal des mumok fungiert eine Ebene mit Werken von Bruce Nauman. Ihm maßen die Herberts von Anfang an große Bedeutung bei. In einer der Minimal und Concept Art in vielerlei Hinsicht verwandten Formensprache befassen sich die gezeigten Werke mit den dunklen und verdrängten Seiten der menschlichen Existenz. Prägnante Beispiele sind die von der Decke hängenden Musical Chairs (1983) oder die Neonarbeit Sex and Death (1985).

Naumans Position leitet über zu den im Oberlichtsaal präsentierten Werken einer nachfolgenden Generation, die in den 1980er-Jahren in Erscheinung trat. Auch Jan Vercruysse, Martin Kippenberger und Mike Kelley befassen sich mit grundlegenden existenziellen Erfahrungen, die sie jedoch stärker in Beziehung zu spezifischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Realitäten setzen. Das Spiderman Atelier (1996) ist ein spätes Hauptwerk von Martin Kippenberger, in dem dieser kurz vor seinem Tod in besonders eindringlicher Weise die gesellschaftliche Position und existenzielle Ausgesetztheit des Künstlers reflektiert. Von ebenso großer Bedeutung ist Mike Kelleys Lumpenprole (1991) aus dem Besitz des mumok. Mit ihren unter einer großen Häkeldecke liegenden Stofftieren ist diese Arbeit auch im wörtlichen Sinne eine Auseinandersetzung mit „unter die Decke gekehrten“ Kindheitserfahrungen als Auslösern von Ängsten und Traumata. Sie findet eine Ergänzung durch wichtige Bestände aus der Sammlung Herbert wie das Bild Memory Ware (2001), dessen Oberfläche glitzernde Erinnerungsstücke vereint, oder die ebenfalls mit Glitterklump besetzte Skulptur Cuttlebone (2000), deren enigmatische, biomorphe Form verstörende Assoziationen auszulösen vermag.

Ein Spezifikum der Sammlung Herbert ist der Aufbau größerer Werkgruppen von einzelnen KünstlerInnen. In einigen Fällen sind ihre Bestände so umfassend, dass man in der Ausstellung von eingebauten Miniretrospektiven sprechen kann. Das trifft insbesondere auf den belgischen Künstler Marcel Broodthaers zu, mit dem die Herberts über Jahre einen engen Austausch pflegten und der den Anstoß für die Sammlungsaktivitäten Ehepaars Herbert gab. Gleiches gilt aber auch für Bruce Nauman sowie für Mike Kelley.

Bewusst provokanter Titel

Wie bei allen bisherigen Ausstellungen der Herberts zitiert der Titel ein Werk der Sammlung. Für Wien wurde mit Musée à vendre pour cause de faillite als bewusste Irritation und Denkanstoß ein provokantes Statement von Marcel Broodthaers gewählt. Der Künstler hatte dieses 1971 auf das Titelblatt des Kataloges des Kölner Kunstmarkts gesetzt – (mit der deutschen Übersetzung „Museum zu verkaufen wegen Konkurs“ auf der Rückseite einer dazugehörigen Einladung). Diese Aktion war eine als Section financière bezeichnete Station seines zwischen 1968 und 1972 in Form von Ausstellungen, Installationen und künstlerischen Interventionen entwickelten Projekts fiktiver Museen, mittels deren Broodthaers den traditionellen Museumsbegriff kritisierte und damit zu einem der frühen Vertreter der Institutionskritik wurde. Heute, da das spannungsreiche Verhältnis zwischen privaten und öffentlichen Sammlungen so oft auch unter finanziellem Blickwinkel diskutiert wird, bekommt sein Statement wieder eine andere Bedeutung und mag auch als Aufhänger für Überlegungen zum Verhältnis der beiden dienen. Im Gegensatz zu dem, was manche als Konkurrenzkampf sehen, sucht das Sammlerpaar Herbert die Begegnung auf Augenhöhe. Die Zusammenarbeit begreift es als produktiven gegenseitigen Austausch und als Ergänzung der jeweiligen Ressourcen zugunsten eines lebendigen Diskurses über wesentliche Umbruchsphasen und Erneuerungsbestrebungen in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Der Katalog mit einem Vorwort von Karola Kraus und Eva Badura-Triska sowie Essays von Eva Badura-Triska, Rainer Fuchs, Doris Krystof und Gregor Stemmrich korrespondiert mit der thematischen Gliederung der Ausstellung.

Kuratiert von Eva Badura-Triska

Eröffnung am 20. Februar 2014

Dauer der Ausstellung: 21. Februar bis 18. Mai 2014

www.mumok.at

Wien, 18. 2. 2014