Streaming: Big-Bang-Theorie-Star Jim Parsons in „Hollywood“ und „The Boys in the Band“

Januar 7, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Traumfabrik wird endlich zum Equality-Land

Hoffnungsvolles Ausharren bei der Oscar-Verleihung: Joe Mantello, Jim Parsons, Dylan McDermott, Holland Taylor und Patti LuPone. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Oft wenn Hollywood sich den Rückspiegel seiner Goldenen Ära vorhält, entgleitet das Ergebnis ins Sentimentale. Nostalgie mit Melancholie. Da tut es gut, wenn einer die Suggestionskraft hat, die cinematographische Märchenpracht ins Sagenhafte zu übersteigern. Ryan Murphy und Ian Brennan haben’s getan, die beiden vormals verantwortlich für „Glee“, „Ratched“, „American Horror Story“, Murphy, dessen

Dienste sich Netflix 2018 für unvorstellbare 300 Millionen Dollar für fünf Jahre exklusiv sicherte, nun für die Netflix-Serie „Hollywood“, ein topaktuelles Gegennarrativ zur gängigen L.A. Story. Wird doch in dieser den Mythos aufmotzenden Hommage die Traumfabrik endlich zum Equality-Land, „Hollywood“ spielt in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als das berühmte Sign tatsächlich noch um die vier Buchstaben L.A.N.D. länger war, und Murphy und Brennan zeigen ganz Tinseltown, als ob #BlackLivesMatter und der #LGBTQ-Pride darüber hinweggefegt wären.

Die sieben Episoden folgen einer Handvoll blutjunger Protagonistinnen und Protagonisten, die nach Rampenlicht, Ruhm und Reichtum streben, Ex-Soldat und Schauspielanfänger Jack Castello, Drehbuchdebütant Archie Coleman, Regieneuling Raymond Ainsley und die Schauspiel-Elevinnen Camille Washington und Claire Wood, in Klarnamen David Corenswet, Jeremy Pope, Darren Criss, Laura Harrier und Samara Weaving – Archie und Camille Afroamerikaner, sie die Lebenspartnerin des halbphilippinischen, aber „weiß“ wirkenden Raymond.

Claire die Undercover-Tochter von Studio Boss Ace Amberg aka Rob Reiner – und hauptsächlich ist es die „Alte Garde“, die „Hollywood“ darstellerisch wertvoll macht: „Two and a Half Man“-Mutter Holland Taylor und Joe Mantello als Produzentenduo Ellen Kincaid und Dick Samuels, Dylan McDermott als Tankstellengigolo Ernie West und Tony-Award-Gewinnerin Patti LuPone als Avis Amberg, die den Chefsessel ihres Göttergatten entert, als diesen bei einem Pantscherl der Herzkasperl holt.

Rock Hudson mit Lebenspartner Archie Coleman: Jake Picking und Jeremy Pope. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Tankstellen-Toy-Boys: Darren Criss und David Corenswet. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Probeaufnahmen für „Peg“: Jim Parsons und Jake Picking. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

And the Oscar goes to …: Jeremy Pope, Darren Criss und Laura Harrier. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

An nackter Haut und Sexszenen wird nicht gespart, vor allem, weil die Jungs als Brotjob Ernies illustre Kundschaft mit Blow Jobs beglücken. „Dreamland“ heißt das Codewort des Zapfsäulenbordells, wo auch Avis eine treue Freierin von Jack ist, und da kommt auch der grandios agierende Jim Parsons ins Spiel, als Hollywood-Agent Henry Willson, der die Herrenriege, bevor er sie unter Vertrag nimmt, erst einmal zur Fellatio bittet. Statt Besetzungscouch steht hier gleich ein komplettes -bett, 70 Jahre vor #MeToo, und Parsons ist brillant als von Selbsthass zerfressener Unsympath, fulminant sein Isadora-Duncan-Tanz mit den sieben Schleiern, der den sexuellen Missbrauch seines Klienten-Frischfleischs als Selbstverständlichkeit nimmt.

Der homosexuelle Henry Willson ist ein dem realen Leben entliehener Charakter, und Roy Fitzgerald, den in der Serie halb fiktionalisiert und ausdrucksstark Jake Picking verkörpert, war wirklich sein Schützling. Willson macht aus ihm „Rock Hudson“, auch Sekretärin Phyllis Gates, mit der Willson Hudson pro forma verheiratete, kommt vor. Aber laut Murphy und Brennan verliebt sich der schüchterne, nicht übermäßig helle Stiefvaterkomplexler Rock in Archie, die beiden werden ein Paar, das zum Happy End den Red Carpet Hand in Hand beschreiten wird.

Die Traumfabrik-Talente nämlich haben einen ebensolchen: Archie hat ein Drehbuch geschrieben, „Peg“ – Entwistle, die sich, da aus ihrem ersten Film geschnitten, 1932 vom Hollywood-H in den Tod stürzte, Raymond will Regie führen und die Titelrolle mit Camille besetzen, womit sie die erste Schwarze in einer Hauptrolle wäre. Eine Unternehmung, von der Avis und Ellen als emanzipierte Regentinnen eines rassistischen, schwulenfeindlichen, frauenverachtenden Hollywoods alsbald überzeugt sind, die jedoch, man wird es sehen, auch den Ku Klux Klan samt seinen brennenden Kreuzen auf den Plan ruft …

Queen Latifah als die erste schwarze Oscar-Preisträgerin Hattie McDaniel. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Michelle Krusiec als die um ihre Hauptrolle betrogene Anna May Wong. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Laura Harrier als Leinwandschönheit Camille Washington. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Viel nackte Haut, hier die von David Corenswet als Jack Costello. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Namedropping ist bei einer Produktion wie dieser gleichsam Pflicht, Tallulah Bankhead, Vivien Leigh und Noël Coward haben Kurzauftritte bei einem von George Cukors Erotikdinnern, bei dem Jack und Archie als Fill-up-Boys im Einsatz sind, Ernie himself exklusiv als Entspannung für die hochneurotische Vivien, der oberintrigante Henry Rock an den Mann ist gleich Dick bringen will, Hollywood eine Männerwelt, in der man im Wortsinn die Hose runterlassen und bei der Stange bleiben muss – und das alles zum wunderbar swingenden Soundtrack von Ella Fritzgerald bis Frank Sinatra und Sets, die nur möglich sind, wenn Geld keine große Sache ist.

Michelle Krusiec spielt Anna Mae Wong, zu dieser Zeit die weltweit prominenteste Filmschauspielerin chinesischer Herkunft, die um die Hauptrolle in der Pearl-S.-Buck-Verfilmung „Die gute Erde“ betrogen wurde, weil MGM sicherheitshalber die weiße Luise Rainer besetzte – die prompt einen Oscar erhielt, Queen Latifah Camilles Mentorin Hattie McDaniel, die für die Rolle der braven Sklavin Mammy in „Vom Winde verweht“ als erste Schwarze einen Academy Award, den Nebendarstellerinnen-Oscar bekam, und auf diese Art Figuren festgelegt blieb.

Berührend ist die Szene, in der sie Camille erzählt, man hätte sie bei der Preisverleihung von den anderen Nominierten getrennt und an einen Tisch in der hintersten Reihe gesetzt, weshalb Camille entschieden auf den ihren in der ersten Reihe bestehen müsse. Tatsächlich war erst Whoopi Goldberg im Jahr 1991 die zweite afroamerikanische Nebendarstellerinnen-Oscar-Preisträgerin, 2002 Halle Berry die bisher einzige schwarze Oscar-Preisträgerin in der Hauptdarstellerinnen-Kategorie.

Backstage-Bangen: Patti LuPone, Dylan McDermott, Holland Taylor und Samara Weaving. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Soviel zu #OscarsSoWhite, wiewohl das am britischen Theater schon längst übliche Colorblind Casting allmählich zumindest die Bildschirme erobert (siehe: Bridgerton, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=43837). Im Gegensatz dazu wird sich in der schönen, heilen Flimmerwelt, in der die einzige maßgebliche Color die Technicolor ist, bereits im Vorspann gegenseitig den Hollywoodland-Schriftzug hochgeholfen, bis die Heldinnen und Helden mit einer Grandezza in den Sonnenaufgang blicken, die all das Behauptete wie wahr erscheinen lässt.

Murphy unterläuft das klassische, nach außen puritanisch-bigott-biedere, nach innen von Ressentiments beherrschte Hollywood optisch wie inhaltlich mit den Mitteln ebendieses klassischen Hollywoods. Das hat Charme. Die Serie, die mit ihrem kontrafaktischen Finale furios die Filmgeschichte umschreibt, hat deutlich mehr mit Tarantinos historisch freihändiger Hollywood-Fantasie zu tun als mit dem Harvey-Weinstein-Skandal. Sie ist, was die Traumfabrik im Idealfall immer schon war: erstklassige Unterhaltung. Mit Sprung im Spiegel.

Eine Staffel zwei ist möglich, Fans betteln in den Social Media geradezu darum. Zum Ende der ersten entwickelt Jim Parsons als Henry Willson, Spoiler: der Saulus wird zum Paulus und arbeitet sich zum Produzenten hoch, das Script einer Liebesromanze zwischen zwei Männern mit Rock Hudson in der Hauptrolle, dies Henrys Buße für seine Sünden am schönen Vierschröter – und Avis scheint nicht abgeneigt. Und wenn sie nicht gestorben sind, gewinnen sie zwar keinen Oscar, aber vielleicht einmal einen Emmy…

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Q3EASLgzOcM            www.youtube.com/watch?v=W0WsEyqx0r4           www.netflix.com

FILMTIPP: The Boys in the Band

Jim Parsons und „Spock“ Zachary Quinto in der Broadway-Verfilmung

Tuc Watkins, Andrew Rannells, Matt Bomer, Jim Parsons, Zachary Quinto, Robin de Jesús, Brian Hutchison, Michael Benjamin Washington, Charlie Carver. Bild: S.E. White/Netflix ©2020

Und noch einmal Ryan Murphy, Joe Mantello – als Regisseur des Gay-Dramas – und Jim Parsons. „The Boys in the Band“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks aus dem Jahr 1968 von Mart Crowley, für dessen Bildschirm-Variante Produzent Murphy versprach, ausschließlich die schwulen Schauspieler aus dem 2018er-Broadway-Revival zu besetzen. Es ist also New York in den 1960ern, und Michael, Jim Parsons, richtet für Harold, Zachary Quinto, eine

mitternächtliche Geburtstagsparty aus. Ein schönes Fest soll es werden, zu der Michael den gesamten Freundeskreis eingeladen hat: seinen Liebhaber Donald (Matt Bomer), den ob seines Lovers gelangweilten Larry (Andrew Rannells) mit Lebenspartner Hank (Tuc Watkins), den stilbewussten Chauvi Bernard (Michael Benjamin Washington) und den stets zu Scherzen aufgelegten Emory (Robin de Jesús). Anfangs ist die Stimmung ausgelassen, was sich liebt, das neckt sich, die Intellektuellen-Clique ist unter sich und genießt den Abend.

Jim Parsons mit de Jesús und Rannells. Bild: Scott Everett White /Netflix ©2020

Zachary Quinto mit Carver und de Jesús. Bild: Scott Everett White /Netflix ©2020

Dass der gutaussehende, jedoch kulturell weniger bewanderte Stricher Cowboy Tex (Charlie Carver), er ist Harolds Geschenk, nicht wirklich in die Runde passt, sorgt schon für erste zynische Kommentare. Problematisch wird es jedoch, als unangemeldet Alan (Brian Hutchison) auftaucht, ein früherer Kommilitone von Michael, der unbedingt mit ihm reden will und den Emory kurzerhand als homosexuell outet. Harold erscheint und hat für alle nur Gehässigkeiten übrig, doch dann verstrickt der beleidigt-betrunkene Michael seine Gäste in ein sadistisches Spiel: Jeder muss eine ehemalige heimliche Liebe anrufen, und dieser am Telefon ebendiese und seine Homosexualität gestehen. Und Essig ist’s mit der Feierlaune, die Situation eskaliert …

Wie in „The Boys in the Band“ gekeift, gelästert, gedemütigt wird, der Tonfall so giftig und untergriffig, das ist durchaus ein Vergnügen. Man merkt dem Cast an, dass er aufeinander eingespielt ist, alldieweil man sich fragt, warum die dargestellten Männer eigentlich miteinander befreundet sind. Auf Entgleisungen folgen Handgreif- lichkeiten folgt Selbsthass. Parsons und Quinto im Infight sind allemal ein Hit, nicht zuletzt, wenn Harold Michael auf den Kopf zusagt, dass der seine Homosexualität verabscheut und lieber ein Hetero wäre. Im Streit werden Geheimnisse gelüftet und unausgesprochene Gefühle offenbart, Hank trägt immer noch seinen Ehering, Bernard laboriert als „doppelte Minderheit“ an seiner Hautfarbe ebenso wie an seiner sexuellen Orientierung.

Wäre Michael lieber ein Hetero? Jim Parsons und Matt Bomer als Lover Donald. Bild: Scott Everett White /Netflix ©2020

Förmlich sieht man die alten Narben zu frischen Wunden aufreißen, und fantastisch gespielt ist die Hassliebe, die die das Kammerspiel dominierenden Michael und Harold von Jim Parsons und Zachary Quinto verbindet. An keiner Stelle weiß man, ob man die beiden von Herzen verabscheuen oder mit ihnen leiden soll. Abseits von #LGBTQ sind dies die universellen Themen: Freundschaft und dennoch die Lust an Verletzungen, das Verlangen nach Liebe und trotzdem das Zurückstoßen derer, die es tun, Worte und wie sie zu Stichwaffen werden. Kurz gesagt: „The Boys in the Band“ ist absolut sehenswert!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=862Pb9oDDAo           www.youtube.com/watch?v=WAIQbHJ9sAk           www.netflix.com

  1. 1. 2021

Milla meets Moses

Oktober 28, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Kurz vor dem Ende kommt die erste Liebe

Eliza Scanlen als Milla. Bild: © Lisa Tomasetti

Doch, die Bahngleise scheinen sie magisch anzuziehen, wenn man vermuten möchte, dass ihr leerer Blick auf diese gerichtet ist. Springt sie? Spricht sie gerade mit sich selbst? Keine Zeit mehr. In doppelter Hinsicht. Denn an ihr vorbei rennt ein junger Mann; der zugedröhnte Junkie rempelt sie an, sie fällt hin, er kann vor dem einfahrenden Zug grad noch stoppen, und breitet die Arme aus. Schützt er sie oder sich? Keine Frage, Moses wird zum Lebensretter – nicht nur für Milla.

Mit ihrem Spielfilmdebüt „Milla meets Moses“, englisch: „Babyteeth“, überraschte die australische Theater- und TV-Regisseurin Shannon Murphy im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen von Venedig Presse und Publikum. Weil ihr hier etwas schier Unmögliches gelingt – nämlich von einem 15-jährigen krebskranken Mädchen zu erzählen, dass seinen bevorstehenden Tod mit einer überbordenden Fülle an Daseinslust wegschiebt.

Der am Freitag anlaufende Film ist an keiner Stelle Betroffenheitskino. Ist keine Tränendrüsentragödie. Ist kein steril-weißes Krankenhausdrama mit Infusionsschläuchen und Chemo-Kotzen, nichts würde Milla weniger dulden als Selbst-/Mitleid, sondern eine sehr besondere Coming-of-Age-Geschichte. Über all die Emotionen, Sehnsüchte und Ängste, die eine erste Liebe so mit sich bringt. Dass das gelingt, ist selbstverständlich der australischen Autorin und Schauspielerin Rita Kalnejais geschuldet, die ihr in Sydney ausverkauftes Theaterstück in ein Drehbuch verwandelte.

Aber auch den beiden jungen Schauspielern Eliza Scanlen und Toby Wallace, sie schon in „Little Women“ an der Seite von Saoirse Ronan und Emma Watson aufgefallen, er wie jeder gute Down-Under-Durchstarter seit weiland Kylie Minogue „Neighbours“-geprüft und für seine Darstellung des Moses am Lido mit dem Marcello-Mastroianni-Preis ausgezeichnet.

Mädchen in properer Schuluniform meets gepiercten, tätowierten, obdachlosen Punk. Da müssen deren Eltern erst einmal schlucken, auch an Millas neuer Fisur, die Moses mit der Pudelschermaschine seiner Mutter zugerichtet hat – dass Eliza Scanlen für ihre Rolle die Haare bis zur Glatze lassen musste, war part of the job -, und Shannon Murphy taucht erstmals in ihre Erforschung dysfunktionaler Familien ab, als Moses‘ Mutter beim Ertappen ihres Sohnes im Eigenheim nach der Polizei ruft.

Toby Wallace als Moses. Bild: © Filmladen Filmverleih

Bild: © Filmladen Filmverleih

Bild: © Filmladen Filmverleih

Bild: © Filmladen Filmverleih

Auch im Hause Finlay sind die Gefühle schockgefrostet. Mit Empathie nähert sich Murphy dem Ehepaar Anna und Henry, Essie Davis und Ben Mendelsohn, denen man erstmals beim Misslingen ihres Therapiesitzungssex‘ begegnet, ist Henry doch Psychiater und die zu überdrehten Übersprungshandlungen neigende Anna von ihm mit ausreichend Psychopharmaka versorgt. Im heimeligen Vorort-Domizil in St. Ives herrscht allgemeine Überforderung in der Übung, auf „normal“ zu machen, was ebendieses nicht ist.

Anna flüchtet sich in den Psychorausch, und ist damit um nichts weniger drogensüchtig als Moses, Henry sich ins Phlegma, doch weder mit Mutters hysterischer Fürsorge noch mit Vaters brüchigem Gleichmut ist Milla, Eliza Scanlen grandios als ruppige, dem Krebs gegenüber erfurchtslose, um keinen Preis „leidend sein“, sondern ihren Krebs-Kokon sprengen wollende Jugendliche, geholfen. Dazu braucht’s den mit seinen 23 Jahren laut Elten für Milla „natürlich viel zu alten“ Moses, der ihnen vor Augen führt, dass die Tochter kein Krankheitsfall, sondern auf dem Weg zur Frau ist.

Kalnejais’ scharfkantiger Ton dringt nicht nur durch die Dialoge der Figuren, ihr skurril-subversiver Humor findet sich auch in den Kapitelüberschriften wieder, die die Szenen verbinden. „Dieser Moses hat Probleme!“, schreit die Mutter, „Ich doch auch!“, die Tochter, nachdem dieser erstere mit einer Fleischgabel bedroht hat, ertappt beim Versuch, erst ihren Eiskasten, dann ihren Medikamentenschrank leerzuräumen.

Milla macht klar: Moses bleibt! Dahin führt’s, liberale Eltern zu sein: das Establishment holt sich den Gegner in seine Mitte, fulminant spielen das die Vier, vor allem Toby Wallace. Wann immer er auf den Plan tritt, übernimmt der Film seine mitreißende, durchaus charmante Impulsivität, der Witz und der Schmerz dabei feinfühlig ausbalanciert, der Kampf wohl aller Eltern gegen Töchterchens erste Teenagerliebe in extremo, dann wieder ein „Wie verlassen und allein kann man sein?“ mal vier.

Großartig dazu das erste Familienabendessen, Anna, die depressive Ex-Konzertpianistin hat sich zu Mozarts Requiem dicht gemacht, Henry, mittlerweile zuckt er zusammen, wenn sie seinen Namen nur ruft, sich mit einer Dosis Morphium beruhigt, Milla laboriert an der Wirkung neu verschriebener Tabletten, Moses ist sowieso hinüber – und irgendwann fragt man sich, wer am Tisch von welcher Droge am meisten high ist.

„Familienidyll“: Essie Davis als Mutter Anna, Toby Wallace, Eliza Scanlen und Ben Mendelsohn als Vater Henry. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Kein Mann hat seiner Frau zu sagen, wann sie ,durchdrehen‘ darf“, ätzt Anna Richtung Henry, „Ich kann dich nicht leiden, aber Milla hält dich für etwas Besonderes, und ihr sollte die ganze Welt zu Füßen legen“, knurrt der Richtung Moses. Großes Kino, wie Ben Mendelsohn und Essie Davis in der stummen beziehungsweise hypernervösen Verzweiflung ihrer Figuren aufgehen. Wie ein Bewegungsmelder ortet die Kamera von Andrew Commis kleinste Regungen, Blicke, Stimmungen, die hier Kettenreaktionen auslösen. „Wickedly perverse and intensely moving“, nannte die Variety seinen eindringlichen Blick.

Nach dieser heftigen Begegnung lässt sich Milla mit Moses, und plötzlich ist er der ruhende Pol des Ganzen, durch die Nacht treiben. Endlich wieder einmal Party! Und die Kamera zieht mit. Eine Begegnung mit einem Künstlerinnen-Alter-Ego und zu viel Wodka wird für sie zu einer Art Befreiungsschlag, während Moses bei den Finlays eine ungeahnte Geborgenheit, ein endlich Aufgehobensein zu erspüren beginnt.

Wie Milla und Moses lebt der Film von Tag zu Tag, von Situation zu Situation. Zur Überschrift „Romanze“ rangeln die Frischverliebten am Pool. Milla entdeckt ihre Körperlichkeit und, dass Moses‘ von der Sucht ausgemergelter Leib um nichts weniger fragil ist als ihrer. Zu „Die neue Chemo beginnt“ verliert Milla ihre Haare, und wird nun in der Schule eine brave blonde Langhaarperücke tragen, im Club aber einen wilden grünen Bob. Zu „Just Another Diamond Day“ schließlich wird Milla Moses um Sterbehilfe bitten, und, wie schön ist das, der Film lässt offen, ob.

Der Krebs ist im Film, und genau das macht ihn so verheerend berührend, und nicht umsonst nennt ihn Shannon Murphy „eine herzzerreißende Komödie“, der Krebs also ist im Film der Katalysator. Der alle in seinem Umfeld dazu bringt, die Dinge neu und von vorne anzugehen. „Milla meets Moses“, ein Carpe-Diem-Aufruf an uns alle.

Der Filmschluss zeigt folgerichtig kein wie-auch-immer Ende, sondern Millas Geburtstagsfeier. Moses‘ kleiner Bruder Isaak wurde von der Mutter dafür freigegeben, die hochschwangere, alleinstehende Nachbarin Jenny, Millas Violinlehrer Gidon und ihre Schulfreundin Scarlett sind in den unorthodoxen Familienverband aufgenommen. Und plötzlich beginnt Millas letzter, längst überfällig Milchzahn, ihr letzter Babytooth zu wackeln.

www.x-verleih.de/filme/babyteeth           www.babyteeth.movie           www.youtube.com/watch?v=M6E8gPmz7n4

28. 10. 2020

Art Carnuntum: “The Taming Of The Shrew”

August 7, 2013 in Bühne

Acht Frauen als achtbare Mannsbilder

Wer braucht schon einen Mann? Katherina bestimmt nicht. Oder doch? Piero Bordin holte diesen Sommer zum zweiten Mal Shakespeare’s Globe Theatre aus London ins römische Amphitheater nach Carnuntum.

Bild: (c) Art Carnuntum / Helena Miscioscia

Bild: (c) Art Carnuntum / Helena Miscioscia

Nach dem wunderbaren „King Lear“ im Juni stand nun die Komödie „The Taming Of The Shrew“ (Der Widerspenstigen Zähmung) auf dem Spielplan. Einst wunderbar verfilmt mit Liz Taylor und Richard Burton, zum Musical „Kiss me, Kate“ verarbeitet, war es diesmal nicht notwendig bei Shakespeare nachzuschlagen. Das großartige Ensemble spielte, wie es sich der britische Barde wohl gewünscht hätte. Regisseur Joe Murphy erlaubte sich einen fabelhaften Einfall. Weil zu Shakespeare’s Zeiten ja nur Männer auf der Bühne standen, ließ er die Rollen (viele Darstellerinnen in mehreren) ätsch ausschließlich von Frauen spielen. Welch ein Kick! Und weniger eine „emanzipatorische“ Idee, als eine die die Schwächen des starken Geschlechts umso intensiver entlarvte. Karikierte. Außerdem aber zeigte, dass es ohne „ihn“ auch wiederum nicht geht. Frau muss halt Geduld haben …

In einem Zirkuszelt mit zwei Galgenstricken, die Kostüme im Stil der 20er-Jahre mit Charleston-Kleidchen und Strohhut, mit Anklängen an das englische Jagd-Outfit mit roter Jacke und schwarzer Kappe, mit Gesang und Musik von Harmonika bis Saxophon – immer wieder erstaunlich, wie vielseitig begabt das Globe-Ensemble ist – begann das Spiel, in dem mehr Intrigen gesponnen werden (etwa den reichen „Lucentio“ Becci Gemmell, der sich als Lehrer und seinen Diener „Tranio“ Remy Beasley als sich ausgibt, um unauffällig um Bianca zu werben), als in den Königsdramen. Die Handlung in Kürze: Der reiche Baptista (Kathryn Hunt) hat zwei Töchter – die liebreizende Bianca (Olivia Morgan), um die sich Dutzende Ehewillige scharen, und Katherina (Kate Lamb), mit einer Zunge, scharf wie ein Schwert. Baptista hat verfügt, dass erst die ältere Kate verheiratet sein muss, bevor Bianca vor den Altar treten darf. Und so holt man einen ebenbürtigen Gegner als potentiellen Gatten: Petruchio (Leah Whitaker).

Die „Globe“trotterinnen sind mit so viel Freude bei der Sache, dass sich der Spaßvirus in Sekundenschnelle aufs Publikum überträgt. Selten ein Theater(zelt) in so ausgelassener Stimmung erlebt! Noch dazu, wo die Komödie in Originalsprache so richtig frivol zur Sache geht. Ein Beispiel: Petruchio: „Who knows not where a wasp does wear his sting? In his tail.“ Katherina: „In his tongoe.“ Petruchio: „Whose tongue?“ Katherina: „Yours, if you talk of tales, and so farewell.“ Petruchio: „What, with my tongue in your tail? Nay come again, Good Kate, I am a gentleman.“ Katherina: „That I’ll try.“ Sie ohrfeigt ihn. Ohne Oralsex. Kate Lamb und Leah Whitaker sind im Infight ein Traumpaar. Feuer und Feuer wird zum Feuerwerk. Sie, die Schreckschraube, die wild cat, „er“ ein hochtrabender, selbstsicherer Angeber, eine echte Teufelskerlin, die zur Schmach aller zur Hochzeit im himmelblauen Anzug mit rosa Luftballons, betrunken mit leerer Champagnerflasche, mit Bierdosen scheppernd antritt. Kathryn Hunt spielt dazu einen Baptista und Petruchios Motorradmechaniker Grumio mit einer Stimme, die wohl den edelsten aller Recken das Fürchten lehren würde. Remy Beasley als Tranio ist der eigentliche Motor der Handlung. Wie sie von Rolle zu Rolle die Situation meistert, wie sie angeberisch, unterwürfig, sich ihres niederen Standes bewusst offensiv reagiert, ist fast schon modern. Ein Extra-Bravo!

Apropos, modern. Das Ende ist bekannt. Von drei herbeigerufenen Ehefrauen bei Biancas Hochzeit mit Lucentio erscheint nur Kate, sogar bereit, ihre Hand unter ihres Gatten Fuß zu legen. Da hätte sich frau – ohne Shakespeare zu vergewaltigen – einen feministischeren Schluß gewünscht. Eine Geste, einen Blick. Der sagt: Na, warte, meine Retourkutsche wird noch vorfahren …

www.artcarnuntum.at

www.mottingers-meinung.at/art-carnuntum-king-lear

Von Michaela Mottinger

Wien, 25. 7. 2013