Berliner Theatertreffen: Zement

Mai 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Vermächtnis des Dimiter Gotscheff

Sebastian Blomberg, Bibiana Beglau Bild: Armin Smailovic/Residenztheater München

Sebastian Blomberg, Bibiana Beglau
Bild: Armin Smailovic/Residenztheater München

Festspielintendant Thomas Oberender eröffnete  das 51. Berliner Theatertreffen mit einer Inszenierung aus dem Münchner Residenztheater: Dimiter Gotscheff hatte Heiner Müllers „Zement“ inszeniert – es war seine erste Arbeit am Haus und seine letzte bevor der Regisseur verstarb. Und wenn man eines von Beginn des dreistündigen Abend (der in München übrigens höchst kontrovers aufgenommen worden war) an sagen konnte, dann: Er fehlt. Dieser Theaterberserker, der vor Archaik und Pathos nicht zurückschreckte, der Herz und Hirn in Gleichklang bringt, der es schafft ein Publikum zu berühren und anzurempeln – der „seinen“ Heiner Müller so auf die Bühne bringt, dass man versteht, was einen der Große „von damals“ noch angeht. Und dabei die Schönheit seiner Sprache in den Mittelpunkt stellt. Gotscheff zeigt Müllers dystopisches Revolutionsstück „Zement“ aus dem Jahr 1972, geschickt verpackt zwischen Zeilen und Szenen des Autors und des Regisseurs zwiespältiges Verhältnis zum Arbeiter- und Bauernstaat. Den Sowjet im Sinn, kommt man auf die DDR hin. Müllers Dramatisierung eines Romans von Fjodor Gladkow aus dem Jahr 1925 behandelt die Geschichte der russischen Revolution. Gleb Tschumalow (Sebastian Blomberg), Schlosser und kommunistischer Bürgerkriegsheld gegen die weißen Garden, kehrt heim. Das Zementwerk ist stillgelegt, seine traumatisierte und fanatisierte Frau Dascha (Bibiana Beglau) ist erkaltet wie der heimische Herd. Seine Tochter wird im Kinderheim verhungern, sie derweil die Frauenbewegung anführen. Die Revolution frißt ihre Kinder.

Das Ganze: Eine Tragödie griechischen Ausmaßes. Gespielt in einem grauen Betonwürfel, desssen Boden/Podium sich steiler und steiler aufrichtet. Die Kostüme schmutziggrauweiß, ein Chor mit Gesichtsmasken aus Strümpfen, Mützen – die er für einen kurzen Moment, da das Werk wieder läuft, abnehmen wird. Doch dann siegt das Kollektiv über das Individuum. Und sie vermummen sich wieder zur anonymen Masse. Einmal müssen sie sogar die Schreibmaschine sein. Auch Revolution braucht Bürokratie. Sie erschlägt sich mit Papier. Valery Tscheplanowa, das tote Kind, klein und allein, erzählt, singt dazu. Vom an den Felsen geschmiedeten Prometheus, vom trojanischen Krieg, von der Kindsmörderin Medea. Von Gleb und Dascha. Er, ein russigschwarzes Gespenst, dem die Maschinen zuschreien: Mach‘, dass unser Zementwerk läuft. Sie, Frau Oberbolschewikin, hart wie Stein. Vom Feind gefoltert und missbraucht, um den Aufenthaltsort ihres Mannes preiszugeben – der jetzt nach drei Jahren Absenz Sex will. Man ist sich fremd geworden. Und wird sich auch nicht mehr finden. Mit kleinsten Gesten erzählen die Gotscheff-Vertrauten Beglau und Blomberg das. Das Ende der Zwischenmenschlichkeit, den Beginn des Sowjetmenschen. Ein neues Land steht auf in diesem Infight der Protagonisten. Man hat nicht mehr die selben Lebensziele, so endet diese Liebesgeschichte. Beide spielen sie das gestochen scharf und trotzdem mit gebrochenem Herzen. Zwei Verletzte, die sich ihre Wunden nicht zeigen wollen oder können. Beide umkreisen sich mit atemberaubender Körperspannung. Eine großartige schauspielerische Leistung. Ebenso großartig, wie Gotscheff den Chor einsetzt, der einerseits von Politfunktionär, vom Apparatschik bis zum Bürger alle nachahmt, gleichzeitig jederzeit Lynchmob ist. Hauptsache, es gibt jemanden, an den man sich klammern kann. Das Feuer der Revolution hat ihnen die Köpfe enteignet. „Keine Sklaven mehr und keine Herren“, skandieren sie. Ob sie schon wissen, dass es nicht stimmen wird?

Gotscheff schuf großes, wuchtiges Theater. Dargeboten als Weihespiel. Es geht um Politik vs Wirtschaft. Den kategorische Imperativ. Die kampfverliebte Polja (Leitsatz: „An den Gewehren war die beste Zeit!“) und der anerkennungssüchtige, weil aus bourgeoiser Familie stammender Iwagin (Lukas Turtur) – das Gegenpaar zu Gleb und Dascha – stecken sich nach ihrem Parteiausschluss ihre zu Pistolen gekrümmten Zeigefinger in den Mund und versinken im Boden. Gewalt regiert und geschrieen wird viel. Der Kommunismus ist kein Traum, sondern Arbeit. Zeit und Welt sind bei Müller/Gotscheff aus den Fugen. Das ist der Stoff aus dem politisches Theater von und für Heute ist. Ein Menschheitsalbtraumtraumadrama.

www.berlinerfestspiele.de

www.residenztheater.de

Wien, 5. 5. 2014

Das Residenztheater München in der Garage X

März 22, 2013 in Tipps

„Call me God“, zu sehen im Museumsquartier Halle G

© Hans Jörg Michel
"Quartieri dell'arte" in Viterbo und der GARAGE X Uraufführung © Hans Jörg Michel

„Quartieri dell’arte“ in Viterbo und der GARAGE X
Uraufführung
© Hans Jörg Michel

Ab 25. 3. zeigt die Garage X ein Gastpiel des Residenztheaters München – ausnahmsweise im „Ausweichquartier“ MQ, Halle G: „Call me god“ hat der Attentäter auf eine Tarot-Karte geschrieben, die er am Tatort zurücklässt. Ein Jahr nach dem 11. September 2001 erschießt ein Serienmörder im Großraum Washington D.C. wahllos Passanten. „Nennt mich Gott“ fordert er, und Polizei und Medien gehorchen. Während die USA zum Krieg gegen den Irak rüsten, der Tausende das Leben kosten wird, entzündet sich die Hysterie von Medien und Bevölkerung an einem Serienmörder, dessen Taten von kalter Präzision und unerklärlicher Systematik zu sein scheinen.

Die Autoren Gian Maria Cervo, Marius von Mayenburg, Albert Ostermaier und Rafael Spregelburd beschreiben, ausgehend vom realen Fall des „Beltway Snipers“, eine Gesellschaft, die sich zum Spielball eines Amokläufers macht und in ihm einen modernen Heldentypus findet und feiert. Der Serienkiller ist nicht länger abseitiger Defekt der Gesellschaft, sondern ihr medialer Heros, ein Gladiator, der zum Brot die Spiele liefert.

Mit: Katrin Röver, Genija Rykova, Thomas Grässle, Lukas Turtur. Inszenierung: Marius von Mayenburg

www.garage-x.at

Video: www.garage-x.at/portal/index.php?option=com_flexicontent&view=items&cid=20&id=755

www.residenztheater.de

Von Michaela Mottinger

Wien, 22. 3. 2013

TV-Drama

Februar 8, 2013 in Film

Der erste Tote: Die palästinensische Zelle „Schwarzer September“ dringt ins Quartier der israelischen Mannschaft ein und nimmt sie als Geiseln.
18.03.2012, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/7

Stunde null des Terrorismus

„München 72 – Das Attentat“ (Montag, 20.15, ZDF) schildert den Anschlag auf die Olympischen Spiele erstmals aus deutscher Sicht.

Es sollten die „heiteren Spiele“, die „Friedensspiele“ werden. Statt dessen gab es ein Blutbad: Elf ermordete israelische Sportler, fünf erschossene palästinensische Terroristen, ein toter deutscher Polizist.

Die Olympischen Spiele 1972 in München können als die Stunde null des internationalen Terrorismus angesehen werden. Das sanfte Sicherheitskonzept, auf das Politik und Polizei setzten, wurde von der Zelle „Schwarzer September“ überrollt.

Sie drang im Olympischen Dorf ins israelische Quartier ein, nahm die Sportler als Geiseln und forderte für deren Freilassung die Enthaftung von 130 Kampfgenossen (darunter RAF-Mitglieder) aus deutschen und israelischen Gefängnissen.

Israelischer Regisseur

Fürs Kino stellte Steven Spielberg die Ereignisse in seinem Film „München“ nach. Das ZDF holte sich den in Tel Aviv geborenen Regisseur Dror Zahavi für seine Fassung. Er schildert das Drama fast ausschließlich aus der deutschen Perspektive.

„Eine andere Geschichte hätte ich auch nicht erzählen wollen. Für mich als Israeli ist das Thema besonders wichtig, aber auch heikel“, so Zahavi. „Ich kann mich noch genau an den Überfall erinnern, kann die Emotionen, die das Ereignis damals in Israel auslöste, noch spüren. Ich wollte auf keinen Fall einen Film drehen, der neuen Hass zwischen Israelis und Palästinensern schürt. Wir haben deshalb versucht, die Ereignisse von München so sachlich wie möglich zu schildern.“

Dass sein Film durch diese Vorgehensweise mitunter mehr an eine Doku erinnert, nahm Zahavi in Kauf. Authentizität ist ihm wichtig. Weshalb auch die Israelis von israelischen (außer dem Schweizer Pasquale Aleardi, der Fechttrainer André Spitzer spielt) und die Palästinenser von palästinensischen Schauspielern dargestellt werden.

Eine Menge Untertitel

Da mit den Verhandlern außerdem Englisch gesprochen wird, gibt’s eine Menge Untertitel zu lesen. Eine gewagte Idee für ein Fernsehprojekt.

Aufseiten der Deutschen sind Stephan Grossmann als Innenminister Hans-Dietrich Genscher, Benjamin Sadler als späterer Gründer der Antiterrortruppe GSG9 General Ulrich K. Wegener und Heino Ferch als Münchner Polizeipräsident zu sehen. Vor allem dessen Hilflosigkeit und letztliches Versagen bei dieser damals völlig neuen Art von Anschlag steht im Mittelpunkt der Story.

Der echte Verantwortliche, Vorlage für Ferchs Figur, schaltete sogar die Justiz ein, um im Film nicht mit richtigem Namen vorzukommen.

Hat Ferch Erinnerungen an die Geschehnisse von ’72? „Obwohl ich noch ein Kind war, sind mir viele Bilder im Gedächtnis geblieben. Zu allererst muss ich an Joachim Fuchsberger denken, der Stadionsprecher war. Dann erinnere ich mich an Sportler wie Ulrike Meyfarth, Mark Spitz mit seinem Schnauzbart oder Olga Korbut, eine russische Kunstturnerin. Aber natürlich hat sich mir auch das Bild des maskierten Terroristen mit der Waffe auf dem Balkon eingebrannt.“

All das zeigt Zahavi auch auf Originalaufnahmen. Der Mix aus Fakt und Fiktion macht den Film beklemmend und noch eindrücklicher.


Jelinek-Uraufführung in München

Februar 8, 2013 in Bühne

Jelinek flaniert über die Maximilianstraße

In „Die Strasse. Die Stadt. Der Überfall“ widmet sich die österreichische Nobelpreisträgerin in den Münchner Kammerspielen der Nobeleinkaufsmeile.

Aufatmen. Endlich geht’s ohne Bankenskandal, Kampusch und Sportsungeist. Viele Stücke lang hat sich Elfriede Jelinek an diesen Lieblingsthemen abgearbeitet. Nun wandte sich Österreichs Literaturnobelpreisträgerin im Auftrag von Johan Simons einem weiteren zu: Mode.

Der Intendant der Münchner Kammerspiele bat die Autorin zum 100-Jahr-Jubiläum des Hauses um das – in doppelter Bedeutung – Naheliegende. Einen Text über die Nobeleinkaufsmeile Maximilianstraße. An dieser ist das altehrwürdige Theater gelegen; und wie viel der Literatin am perfekten Outfit gelegen war, so lange sie sich noch in der Öffentlichkeit präsentierte, ist ja Legende.

So entstand mit „Die Strasse. Die Stadt. Der Überfall“ ein neues Stück aus der Sprach-Kollektion Jelinek.

Geld vs. Geschmack

Wortwitzig flaniert Jelinek von Dior zu Chanel und „zu dem, was früher einmal Valentino war“. Simons selbst inszeniert mit Augenzwinkern. Fünf Herren lässt er, mehr oder minder leicht bekleidet, über die liebe Not philosophieren, viel Geld, aber wenig Geschmack zu haben. Oder die falschen Accessoires zum richtigen Abendkleid.

Oder … Das Ganze gerät zum Theatertherapieabend für Shoppingsüchtige.

An ihren Handtaschen werdet ihr sie erkennen!

Stephan Bissmeier, Hans Kremer, Steven Scharf (der auch die Maximilianstraße darstellt), Marc Benjamin und Maximilian Simonischek (als seltsames Doppelgeschöpf) mäandern mit Bravour zwischen Verzweiflung und Louis Vuitton, zwischen Modemanie und Max Mara. Ein Kaufrausch auf eisbedeckter Bühne, mitten im Publikum. Ein Konsum-Grusical mit schriller Musik.

Hier wird das Äußere nach innen gestülpt, damit der Schein zum Sein passt.

Konsumgötter

Bis sie auftritt, die Autorin, gespielt von Sandra Hüller, eingehüllt in ein Luxuslabelsackerl, und die Reichsinsignien der Fa­shionfürsten, die Allmacht der Modeschöpfer infrage stellt. Da zürnen sie aber, die Konsumgötter. Wie Bacchantinnen werfen sich die Boutiquenplünderinnen auf sie. Wunderbar auch, wie Jelinek sich selbst persifliert. Etwa mit dem Satz, sie sei die bestangezogene Staatskritikerin – nur würd’s eben leider keiner sehen.

Bis dahin war der Abend glatte viereinhalb Punkte wert. Auch wegen seiner größeren Gültigkeit. Zum Wiener Kohlmarkt war’s da nur ein Katzensprung …

Dann aber exhumierte sich Rudolf Moshammer (in Gestalt von Benny Claessens). Ein Wiedergänger, der seinen durch einen Lustknaben verursachten Tod wiederkäut. Und ob seines Endes das der Modewelt fordert. Da wurden die Minuten lang. Simons Liebe zur Jelinek entpuppte sich wieder einmal als seine Schwäche: Er kann ihre Texte nie kürzen. Und nimmt ihnen damit Würze.