Albertina: Edvard Munch. Im Dialog

Februar 18, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Bilder der Urangst am Beginn der Moderne

Edvard Munch: Das kranke Kind, 1907. Tate: Presented by Thomas Olsen 1939 © Tate

Die Albertina widmet Edvard Munch ab 18. Februar ihre große Frühjahrsausstellung 2022. Die umfassende Schau ist in mehrerer Hinsicht einzigartig: Mehr als 60 Werke des norwegischen Künstlers zeigen das beeindruckende Œuvre, als eines, das für die moderne und zeitgenössische Kunst wegweisend ist. „Edvard Munch. Im Dialog“ konzentriert sich in erster Linie auf Munchs spätere Werke und deren Relevanz für die Kunst der Gegenwart.

Neben ikonischen Fassungen der „Madonna“, des“ Kranken Kindes“ oder der „Pubertät“, ist es nicht zuletzt das von Unheimlichkeit, Bedrohung und Entfremdung zeugende Naturbild Edvard Munchs, das durch eine Reihe an Landschaftsgemälden dieses Hauptthemas des Symbolismus und Expressionismus in einen

Dialog mit Werkgruppen bedeutender Künstlerinnen und Künstler unserer Zeit tritt. Zu den gezeigten, direkten Variationen von Munchs ikonischen Bildern werden Werke in den Fokus der Ausstellung gerückt, die an Munchs experimentelle und modernistische Erweiterung des Malereibegriffs anknüpfen.

Munch bricht dabei radikal mit der sichtbaren Wirklichkeit und wendet sich den verborgenen, unsichtbaren Verletzungen und Erschütterungen der Seele zu. Krankheit, Eifersucht und Angst bleiben zeitlebens wiederkehrende Themen. Ihn interessieren die Narben der psychischen Verarbeitung von Erlittenem. Auch technisch ist er revolutionär: eine koloristische Übersteigerung seiner Gemälde, die Vereinfachung der Motive, die ikonenhafte Frontalität seiner Figuren bis hin zur scheinbaren Verflüssigung der Landschaft bilden eine unberechenbare, bedrohliche Welt ab. Der Mensch wird zur Symbolfigur für das Sich-Verlieren des Einzelnen im Ganzen: die Urangst der Gesellschaft am Beginn der Moderne.

Edvard Munch: Frauen im Bad, 1917. Munchmuseet. Foto: Munchmuseet/Ove Kvavik

Edvard Munch: Winterlandschaft, 1915. Albertina, Wien – Sammlung Batliner © Albertina, Wien

Andy Warhol: Madonna and Self-Portrait with Skeleton’s Arm (After Munch), 1984. Gunn and Widar Salbuvik © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Licensed by Bildrecht, Wien 2022 © Michal Tomaszewicz

Peter Doig: Echo Lake, 1998. Tate: Presented by the Trustees in honour of Sir Dennis and Lady Stevenson (later Lord and Lady Stevenson of Coddenham), to mark his period as Chairman 1989-98, 1998 © Tate

Die weitreichende Rezeption Munchs in der zeitgenössischen Kunst beweisen sieben bedeutende Künstlerinnen und Künstler der Gegenwart allesamt Größen des 20. Jahrhunderts die mit Munch in Dialog treten: Andy Warhol, Jasper Johns, Georg Baselitz, Miriam Cahn, Peter Doig, Marlene Dumas und Tracey Emin. Die ausgewählten Werkgruppen illustrieren eindrucksvoll den Einfluss, den Edvard Munchs Kunst bis heute auf nachfolgende Generationen ausübt. Die Zugänge zu Munch sind so unterschiedlich wie die Künstlerinnen und Künstler selbst: Dazu gehören Georg Baselitz‘ Waldlandschaften und seine zum Teil auch indirekten Porträts des norwegischen Malers, während Andy Warhol einmal mehr Ikonen auf seine Weise nachbildet.

Miriam Cahn: madonna (bl.arb.), 1997. Courtesy the artist and Galerie Jocelyn Wolff ©Francois Doury

Edvard Munch: Madonna, 1895/1902. Albertina, Wien © Albertina, Wien

Tracey Emin: You Kept It Coming, 2019. Private Collection © Tracey Emin. All rights reserved, DACS/Artimage 2022 © Tracey Emin. All Rights Reserved / Bildrecht, Wien 2022

Marlene Dumas beschäftigt sich intensiv mit Fragen menschlicher Erfahrungen, rückt Themen wie Liebe, Identität, Rassismus aber auch Tod oder Trauer ins Zentrum ihrer Arbeit und schließt so unmittelbar an die inhaltlichen Schwerpunkte Munchs an. Auch bei Miriam Cahn steht menschliche Emotion von ohnmächtiger Verzweiflung und Angst bis hin zu zügelloser Aggression im Mittelpunkt. Für Peter Doig ist die Materialität in Munchs Gemälden wie auch die Ikonologie der Entfremdung der Menschheit von sich selbst wesentlicher Bezugspunkt in den Werken des Norwegers. Tracey Emins Gemälde und multimediale Arbeiten sind von traumatischen persönlichen Erfahrungen geprägt und knüpfen an den autobiographischen Charakter in Munchs Schaffen an.

Zu sehen bis 19. Juni.

www.albertina.at           Virtuelle Eröffnung von Klaus Albrecht Schröder und eine Einführung von Kuratorin Antonia Hoerschelmann: www.youtube.com/watch?v=HvADJIA6AqY           www.youtube.com/watch?v=5w7oYCI42pM

18. 2. 2022

Albertina: Edvard Munch. Liebe, Tod und Einsamkeit

September 22, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

„Der Schrei“ ist natürlich mit dabei

Edvard Munch: Der Schrei, 1895. Privatsammlung Courtesy Galleri K, Oslo   Bild: © Reto Rodolfo Pedrini, Zürich

Edvard Munch: Der Schrei, 1895. Privatsammlung Courtesy Galleri K, Oslo
Bild: © Reto Rodolfo Pedrini, Zürich

Es gibt ihn als Horrorfaschingsmaske oder als Luftballon und interpretiert von Homer Simpson. Nun ist eines der berühmtesten Bilder der Welt, das heißt: eine Version davon, denn heute sind vier Variationen in Gemäldeform und mehrere Lithographien bekannt, in Wien zu sehen. Die Albertina zeigt ab 25. September „Edvard Munch“, 100 Meisterwerke der Druckgrafik, darunter natürlich die berühmteste Ikone dieses norwegischen Künstlers „Der Schrei“.

Edvard Munch ist einer der einflussreichsten Protagonisten der Moderne. Er gilt als Bahnbrecher für die expressionistische Richtung in der Malerei der Moderne, tatsächlich nimmt sein Werk eine Sattelstellung zwischen Symbolismus und Expressionismus ein und zeugt von der lebenslangen Auseinandersetzung des Künstlers mit den existenziellen Fragen des Menschen.
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In Deutschland und Mitteleuropa genoss er früh den Ruf eines Epoche machenden Neuschöpfers, bald waren seine Eigenart und sein Status im übrigen Europa und in der Welt anerkannt. Munch wurde inspiriert von den deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche. Sein Interesse für Psychologie, Eros und den Tod gab ihm die nötigen Impulse für seine Werke. Er beschäftigte sich auch mit seinen Träumen und seinem eigenen vorweggenommenen Ende. Er wollte die persönlichsten Bilder, die ein Mensch in sich trägt, in seiner Kunst zeigen, oder wie er es in einer Art Manifest in Kristiana sagt, „eine Kunst, die aus den Tiefen unseres Inneren kommt. Die Kunst soll den Menschen bewegen und ein Ausdruck seines Lebens sein. Ein Leben, erfüllt mit Liebe, Leid und Gefühlen.“ Wie sehr Munchs Schaffen von seinen Lebenserfahrungen geprägt ist, zeigt unter anderem sein Bild „Das kranke Kind“, eine Darstellung seiner sterbenden Schwester. Auch davon ist eine Version in der Albertina zu sehen.
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Die Ausstellung präsentiert das zentrale Projekt in Munchs umfangreichem Werk: den Lebensfries. Munch entwickelt in dieser Auseinandersetzung mit seinen Lebensthemen symbolgeladene Illustrationen und vielfältige Variationen von größter Intensität. Madonna“,Der Kuss“ und „Melancholie“ gelten heute als allgemein gültige Chiffren menschlicher Gefühle: „Man sollte nicht mehr Innenräume malen mit Leuten, die lesen, und Frauen, die stricken, sondern lebendige, atmende Menschen“, so das Credo des Künstlers. Die Schau fokussiert darüber hinaus das druckgrafische Werk. Munchs Lithografien, Radierungen und Holzschnitte stellen einen absoluten Höhepunkt der Druckgrafik des 20. Jahrhunderts dar. Unter den in Wien zu sehenden Highlights befindet sich auch der Holzschnitt „Zwei Menschen. Die Einsamen“, der einzige von Munch mit Ölfarbe handkolorierte Druck.
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Seine Bilder seien „recht schwer verständlich“, erklärte Munch einmal. Leichter könnten sie jedoch verstanden werden, „wenn sie alle zusammenkommen“. Die Albertina nimmt den Maler und Grafiker (beinah) beim Wort. Alle Exponate der Schau stammen aus der weltweit größten und bedeutendsten Privatsammlung von Meisterdrucken Edvard Munchs.
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Wien, 22. 9. 2015