Sigi Zimmerschied ist wieder in Wien

April 10, 2013 in Bühne

„Multiple Lois“ im Kabarett Niedermair

Da steht er also auf der Bühne, der Lois. Verloren und allein gelassen. Seine Freunde haben ihn vor einiger Zeit ins Kabarett geschleppt. „Reisswolf“. Er hätt’s ja nicht gebraucht, „Eintritt zu zahlen, damit mir einer zwei Stunden lang erzählt, dass I a Depp bin“. Und dann dieser Zimmerschied, der hat sich Notizen über den Lois gemacht und ihn jetzt eingeladen, um über ein neues Programm zu reden, und jetzt kommt er nicht daher. Also erzählt der Lois selber über sich. Und macht einen nicht nur Schmunzeln, sondern vor allem auch Gänsehaut.

Bild: Sigi Zimmerschied

Bild: Sigi Zimmerschied

Sigi Zimmerschied, der Sezierer der (nicht nur) bayrischen Seele, dieser optische Mix aus Zenturio Gaius Bonus (für Asterix-Auskenner) und einem Charakterkopf von Franz Xaver Messerschmidt (für Hochkulturler) ist wieder in Wien. Und ist wie immer fabelhaft. Im Kabarett Niedermair zeigt er seine neueste Boshaftigkeit „Multiple Lois. Einwürfe eines Parasiten“. Dabei muss man sagen: So einer ist der Lois gar nicht. Wenn er schon an etwas saugt, dann an der Zeitgeschichte. Er schaut nur durchs Kaleidoskop der Grauslichkeiten. Da sieht man halt dann die Zerrbilder. Die Fratzen hinter der „Wahrheit“. Dich und mich und den vom Zweiten Weltkrieg versehrten Vater und den Finanzbeamten-Onkel Norbert und sein Bua, den Duplo, den eine russische Barbie abzockt, und natürlich den Papst … Große bayrische Kleinkünstler laborieren immer an der katholischen Krankheit. Die muss man ihnen lassen … Einfache Feindbilder und Sozialhass. Das sind die Stammtischthemen, bei denen die Leut’ hellhörig werden. Klärt der Kabarettist auf. Politiker arbeiten mit dem Schüren dieser Ängste. Und er, der Zimmerschied, sowieso schon lang. Diese Type, die ihr Publikum auf der Schaufel hat, und sie damit ins Fegefeuer wirft. Was wurscht ist, weil einen vor Lachen eh schon das Seitenstechen brennt.

Aber zurück zum Lois. Der will risikolos alt werden (wie der Zimmerschied wird er demnächst 60). Hat deswegen Arbeit und Frauen, also allem, was anstrengend ist, abgeschworen. Und lebt von seinen Wehwehchen. Motto: „Mehr als das ganz große Verbrechen nutzt einem das ganz kleine Gebrechen.“ Weil: „Was den Sozialstaat vom Darwinismus unterscheidet, ist, dass bei ersterem der Bedürftige g’winnt.“

Doch mittellos ist der Lois gar nicht. Er hat ein Häuschen vom Großvater geerbt, der hat sich’s vom Zacharias, den was sie später nach Dachau abholt haben, statt Enteignung lieber schenken lassen. Die Zimmer darin vermietet der Lois. Homo homini ixodes. Der Mensch ist des Menschen Zweck. Zum Selbstzweck ein Zeck.

Am Beispiel, an Lois’ Beschreibung seiner Mieter rollt Zimmerschied grenzgenial 60 Jahre deutsche Uneinheit auf. Von den Hippies mit ihren „Shit“-ins bis zu den Yuppies mit ihren Clubbings, wo dann Dax und Koks Thema waren. Von den dankbaren türkischen Gastarbeitern der 70er-Jahre, die noch soo gern im Keller hausten, bis zu ihren undankbaren Enkeln, diesen Hip-Hoppern oder Hoppel-Hippern oder wie die heißen, die auf einmal Warmwasser am Zimmer wollen. Von den Ex-DDRlern, diesen Altkommunisten, die dann wiederum sehr dankbar waren, und Wanzen und Glühbirnen im Haus -angebracht haben. Ein paar einquartierte Glatzen hat er schnell entfernt und im Keller nun einen Schwulenklub eröffnet. Man muss mit dem Zeitgeist schwimmen, damit man nicht untergeht.

Zimmerschied wäre nicht Zimmerschied, würde er seine Erzählung nicht mit Sätzen wie „Neo-Liberalismus und –Nazi gehören für mich zusammen“ oder „Vorm Amokläufer sind alle gleich, deshalb ist er Sozialist“ würzen. Ein absolut politisch unkorrekter, umwerfender, unvergleichlicher Abend. Einer, wo man gewesen sein muss.

Von Sigi Zimmerschied ist kürzlich auch das Buch „Die Stachelbeersträucher von Saigon“ erschienen: Verlag LangenMüller, 288 Seiten.  (Mehr Infos: www.herbig.net)

 www.niedermair.at

www.sigi-zimmerschied.de

Von Michaela Mottinger

Wien, 10. 4. 2013