Theater in der Josefstadt: Einen Jux will er sich machen

Oktober 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch kann herrlich süßholzheucheln

Der Lehrbub steht dem Kommis in nichts nach: Die Josefstadt-Debütanten Johannes Krisch und Julian Valerio Rehrl als Weinberl und Christopherl. Bild: Rita Newman

Das Ereignis der gestrigen Nestroy-Possen-Premiere „Einen Jux will er sich machen“ am Theater in der Josefstadt sind tatsächlich deren drei. Selbstredend das Hausdebüt von Johannes Krisch. Der nach dreißig Jahren Mitgliedschaft am Burgtheater aufgrund von „Altlasten“ und im Sinne der „Selbstachtung“, wie Krisch das Thema im Bühne-Interview kurz abfertigte, nicht länger auf dessen Ensembleliste steht. Und hierauf von Herbert Föttinger herzlichst bewillkommnet wurde.

Und nun an seine erste Rolle im achten Hieb, den Handlungsdiener Weinberl, mit einem verschmitztem Charme und derart viel Wiener Schmäh herangeht, mit einem vor Spielfreude hell brennenden Herzen, dass es die des Publikums im Handumdrehen entflammt. Der Charakterschauspieler ist ein Glück, das man hoffentlich verstehen wird, festzuhalten, nicht nur Vollblutkomödiant, sondern auch einer von der immer seltener werdenden Sorte der Volksschauspieler – wobei diesbezüglich en tout Vienne um die Josefstadt am wenigsten zu fürchten ist. Wie Krisch seinen Midlife-„Greißler“ zum „verfluchten Kerl“ avanciert, wie er dessen verrückte Sehnsucht nach einmal Exzess im Leben anlegt, wie dieser Weinberl bei den folgenden Verstrickungen in Sachen Hochstapelei zur Hochform aufläuft, der eben noch beflissene Kommis, der jetzt prahlt und in seiner Not, entlarvt zu werden, profimäßig improvisiert, wie er vor den Damen süßholzheuchelt, das ist große Kunst.

Um nichts weniger erfreulich, die anderen zwei Neuzugänge: Robert Joseph Bartl, Krimifans bekannt als München-„Tatort“-Gerichtsmediziner Dr. Mathias Steinbrecher, der als Gewürzkrämer Zangler sein ganzes Gewicht in die Figur legt, und als – dieweil ihn sein Hausstaat ohnedies nicht ernst nimmt – strenger Herr mit batzweichem Kern den Zuschauern einen Riesenspaß macht. Ebenso wie Julian Valerio Rehrl, nagelneu aus der Schauspielschule Ernst Busch, der als Lehrling Christopherl zwischen spitzbübisch und panisch schwankt, ersteres in Anwesenheit der Mesdames, zweiteres, wenn er angesichts der Ausweglosigkeit von Situationen am liebsten „o‘fohrn“ möchte.

Mit Rehrl hat Föttinger ein junges Talent entdeckt, das sich mit Verve in seine Aufgaben wirft, seien’s die von der Regie vorgesehenen grobmotorischen Slapstick-Momente, seien’s die choreografisch fein getänzelten Szenen mit Johannes Krisch. An dessen Seite Rehrl grandios besteht, die beiden per ihrer punkgestreiften Hosen als bühnenverwandte Seelen ausgewiesen, und als solche fürs Uptempo der Aufführung zuständig. Diese hat Stephan Müller zu verantworten, der Schweizer Theatermacher, den Krisch noch von seinen „Nothing Special“-Gigs im Burgtheater-Kasino kennt, und der mit dieser Arbeit seinen ersten Nestroy inszeniert.

Marie und ihr Herzensmann August Sonders auf der Flucht: Anna Laimanee und Tobias Reinthaller. Bild: Rita Newman

Das is klassisch! Martin Zauner als Melchior mit Josefstadt-Neuzugang Robert Joseph Bartl als Zangler. Bild: Rita Newman

Für den er gewissermaßen eine kokette Künstlichkeit zur Methode erhebt. Müllers Zugang zum „Jux“ heißt schräg, skurril, schrullig. Was bedeutet, dass er mit dem so leicht ins Lächerliche zu ziehenden Soziotop des städtischen Bürgertums weit mehr anfangen kann, denn mit Nestroys Gesellschaftskritik – die er umschifft, als hätte der „Jux“ in den Charakteren Weinberl und Christopherl kein „Zu ebener Erde“. Nur einmal darf der Kommis über die „Kapitalisierung des Verstandes“ sinnieren, und zweifellos ist die tumultöse Handlung perfekt getimt, werden die Pointen so treffsicher ge-, wie Müller auf punktgenaue Sprache setzt, aber der gfeanzte Subtext, der fiese Sarkasmus, mit dem der Volkstheaterdichter die nicht nur früheren Verhältnisse beschreibt, fehlen.

Müllers Synonym für Posse ist Schwank, nicht Farce, und auch die neuen Coupletstrophen von Autor Thomas Arzt sind ziemlich handzahm, höflicher gesagt: übersubtil, es geht um die Eh-schon-wissen-Themen von Klimakrise über #MeToo bis zum von Krisch im Wortsinn frisch aus dem Hut gezauberten Politstatement „Die rechte Hand in die Höh‘ – das is ganz a blöde Idee.“ Die Musiker, die Krisch begleiten, sind Matthias Jakisic mit der E-Geige und Thomas Hojsa mit dem Akkordeon, deren Interpretation von Alt-Wiener Melodien Protagonist wie Publikum von den diesjährigen Festspielen Gutenstein kennen, wo Krisch in Felix Mitterers „Brüderlein fein“ den Nestroy-Konkurrenten Ferdinand Raimund verkörperte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34049).

Alles trifft sich im Haus des Fräulein von Blumenblatt: Elfriede Schüsseleder (M.) mit Martina Stilp als Madame Knorr, Robert Joseph Bartl, Paul Matić als Wächter, Anna Laimanee und Alexandra Krismer als Frau von Fischer. Bild: Rita Newman

Für Müllers 130-minütiges kunterbuntes Treiben haben Sophie Lux und Birgit Hutter ein entsprechendes Bühnenbild und Kostüme entworfen, von der in sich geschlossenen Bretter-vorm-Kopf-Welt des Zangler’schen G‘wölbs bis zur grünabgesteppten Gummizelle, die die Wohnung des Fräulein von Blumenblatt markiert. Den Modesalon der Madame Knorr säumen orange-güldene Wolkenstores, in selbem Material und Farben glänzt die Toilette der Couturière und ihrer Busenfreundin Frau von Fischer.

Optische Gustostücke, und wie die gesamte Garderobe von gigantischen Zylindern bis zu Zanglers zu engem Schützenrock grotesk überzeichnete Biedermeierzitate, die mittels Zugband bis zum Juhu gerafft werden können. Was Martina Stilp und Alexandra Krismer, beide festgelegt auf den Typ flatterhafte Funsn, genüsslich wieder und wieder zur Schau stellen. Martin Zauner amüsiert als Hausknecht Melchior unfehlbar „klassisch“ mit seinen Kabinettstückchen, ein wichtigtuerischer Kommentator des Geschehens, der, wo noch keine Verwirrung herrscht, garantiert für diese sorgt. Anna Laimanee und Tobias Reinthaller wissen als Liebespaar Zangler-Mündel Marie und August Sonders, wie man, was sich nicht schickt, auf gewiefte Weise trotzdem durchführen kann.

Von den etlichen, die in mehreren Rollen zu sehen sind, passt Elfriede Schüsseleder als überspannt, überkandideltes Fräulein von Blumenblatt wohl am besten ins Müller’sche Konzept. Für ihre ins Absurde gesteigerte Gestaltung dieser – wie die Knorr gleich ihren Wänden gekleideten – Kunstfigur, davor gibt Schüsseleder Zanglers hantige Wirtschafterin Frau Gertrud, gab’s den gebührenden Applaus, wie Cast und Crew überhaupt mit viel Jubel bedankt wurden. Nach dieser Begeisterung beim Premierenabend scheint’s, als hätte die Josefstadt mit dem „Jux“ einen weiteren Publikumshit zu verbuchen.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=ZqYGG-Z2558           www.josefstadt.org

  1. 10. 2019

Theater in der Josefstadt: Der Besuch der alten Dame

Oktober 20, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alle Kameras sind auf Güllen gerichtet

Das Fernsehen filmt Claire Zachanassians Ankunft in Güllen: André Pohl, Siegfried Walther, Arwen Hollweg, Andrea Jonasson, Alexandra Krismer und Lukas Spisser. Bild: Herwig Prammer

Breaking News, Live-Schaltungen, Society-Berichterstattung. Ein Imagefilm des Zachanassian-Konzerns und Kinderfotos von dessen Inhaberin. Medienhype wird Medienhatz wird Medienschelte. So will es Regisseur Stephan Müller, der mit seiner Interpretation des Dürrenmatt-Klassikers „Der Besuch der alten Dame“ am Theater in der Josefstadt sein Debüt am Haus gibt. Nur wenige Monate nach der so zeit- wie ereignislosen Inszenierung der Tragiposse am Burgtheater versucht es Müller mit einem Deutlichmachen des Zeitungeists – und reüssiert damit. Lehrt er doch dem bis zum Gehtnichtmehr gesehenen Stück tatsächlich ein paar neue Tricks.

Dabei tut er der heimtückisch lehrreichen Hochkonjunktur-Komödie niemals unrecht, die offenbare Ewiggültigkeit dieser grotesk-bösen Parabel auf die korrumpierende Wirkung von – prognostiziertem -Wohlstand und die darob Krisenanfälligkeit von Rechtsprozessen bleibt unangetastet. Müller dreht die Dürrenmatt’sche Schraube sogar noch fester, bei ihm hat sich der Kapitalismus, dies sehr frei nach Peter Rüedi, demokratisiert, gleichzeitig die Gesellschaft entsolidarisiert. Und zwar ohne viel Steigerungsform, sondern von Anfang an.

Jeder geifert nach seinem Stück vom Kuchen, die Geldgier regiert Güllen – und ergo wird die wichtigste Vertreterin des Systems mit allen Ehren empfangen. Und dank ihres Auftritts sind nun alle Kameras auf Güllen gerichtet. Die meineidigen Kastraten und allerlei anders Surreales hat Müller gestrichen, dafür in seiner Turbo-Bearbeitung die Rolle der „Lästigen“ groß gemacht: Martina Stilp und Alexandra Krismer kommentieren, analysieren, diskutieren als krawallige Fernsehleute mit gekonnter Privatsender-Schnappatmung die Situationen, in die sich die kleingeistigen Kleinstädter mit ihren Machenschaften manövrieren. Auf fünf Monitore wird das übertragen (Bühnenbild und Video: Sophie Lux, sie lässt auf transparenten Screenfronten auch Wald, Scheune und einen Flugzeugstart entstehen), und doch bleibt diese von sensationsgeil zu skandallüstern sich auswachsende Journaille immer irgendwie außen vor, wird mit blödsinnig-banalen Informationsfetzelchen genarrt und vorgeführt und durchschaut nichts. Bis sie am Ende sogar fröhlich das Herzversagen aus Freude frisst.

Spielmacherin in dieser „Schulden, Schuld & Sühne“-Satire ist selbstverständlich Milliardärin Claire Zachanassian, und Grande Dame Andrea Jonasson für die Figur, deren Darstellung sie davor drei Mal ablehnte, eine Idealbesetzung. Die Jonasson changiert wie das ihr von Birgit Hutter angepasste schwarze Designerkleid, zwischen mephistophelisch, mondän, monströs. Sie ist ganz gelassen, stoisch und seelenruhig abwartend und süffisant, die Stimme moduliert sie von gefährlich schmeichlerisch zu scharfzüngig bedrohlich. Dieses ehemalige „Wildkätzchen“ Ills ist ein geschmeidig auf seine Beute lauerndes, gleichzeitig seine Wunde leckendes, denn wie alle Diven hat es eine, Raubtier. Gleich dem Panther, der der Zachanassian noch entlaufen wird.

Wie ein Panther belauert Claire die Bürger: Andrea Jonasson, Oliver Huether, Elfriede Schüsseleder, Alexander Strobele, Michael König, Siegfried Walther und André Pohl. Bild: Herwig Prammer

Aus gefährlich schmeichlerisch wird schnell scharfzüngig bedrohlich: Andrea Jonasson und Michael König. Bild: Herwig Prammer

Sogar ein Volksschulfoto von „Kläri“ und Alfred wird den Journalisten gezeigt: Siegfried Walther, Michael König, Martina Stilp und Michael Würmer. Bild: Herwig Prammer

Den Alfred Ill gibt Michael König zunächst mit dem Image eines gealterten Don Juan, bis seine Verve in wütende Verzweiflung, schließlich in Weltmüdigkeit umschlägt. Sehr schön ist zu sehen, wie diesem einstigen Schwerenöter die Selbstgefälligkeit aus dem Gesicht fällt, filigran, fast jedermännisch gestaltet König dessen Verwandlung vom eitlen Protz zum Leidensmann, ein einstiger Täter, der Opfer wird. Die Güllener Honoratioren, die opportunistischen Speichellecker, die scheinheiligen Moralapostel und Spekulanten mit, schließlich willige Vollstrecker von Ills Tod, verkörpern:

Siegfried Walther als unverschämt manipulativer Bürgermeister, André Pohl, der als Lehrer larmoyant vorgibt, den Humanismus hoch zu halten, von beiden eine Glanzleistung, Johannes Seilern als bigotter Pfarrer, Alexander Strobele als schleimiger Mitläufer-Arzt und Oliver Huether als auf Streit gebürsteter Polizist. Bravourös wird hier vorgeführt, wie schnell Worte Werte ummünzen können.

Witzig auch, wie sich das Ensemble je nach dargestelltem Charakter ein für ihn typisches Verhalten vor der Kamera ausgedacht hat, von augenaufreißend eingeschüchtert – der Lehrer, der Arzt – bis zum belehrend dozierenden Bürgermeister, der es auch nicht verabsäumt, „die Bürger an den Bildschirmen“ zu begrüßen. Lukas Spisser macht aus dem Gatten VII bis IX kleine Kabinettstücke, Markus Kofler ist als Butler ein sinistrer Handlanger seiner Herrin.

Elfriede Schüsseleders Frau Ill ist unterkühlt und verhärmt, dabei unter dieser Oberfläche brodelnd, bis auch sie – samt ihren in der Elternliebe elastischen Kindern: Gioia Osthoff und Tobias Reinthaller – vom Aufschwung etwas mitkriegt. In ihrem Fall ein neues rotes Kleid, während die Konsum-„Gleichschaltung“ allgemein über die berühmten schandfarbig-gelben Schuhe funktioniert.

Auch sprachlich hat Regisseur Müller die Aufführung ins schlagzeilen- und parolengebeutelte Heute geholt, von der dringend notwendigen Aufwertung des Wirtschaftsstandorts Güllen ist die Rede, aus dem Zachanassian-Geld soll in der Vorstellung mancher ein bedingungsloses Grundeinkommen werden, der Lehrer referiert über „abendländische Prinzipien“. Die Lacher hat diesbezüglich Andrea Jonasson auf ihrer Seite, einmal, als sie den Butler anweist, Tesla-Aktion zu kaufen – Zuruf aus dem Publikum: „Jetzt geht sie pleite!“ -, einmal, als sie Claire bei deren x-ter Hochzeit, Ölbarone und Oligarchen als Gäste, verkünden lässt: „Putin kommt nicht.“ Zum Schluss lässt Müller die Ermordung Ills hinterwandfüllend via Video vorführen. Keine Ahnung, warum es ihm wichtig war, die Gewalttat in dieser Drastik vorzuführen. Gebraucht hätte man’s nicht. Man weiß auch so, dass dies eine Welt ist, in der tagtäglich Unbequeme für politische und Industrie-Interessen aus dem Weg geräumt werden.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=gDoFpKBCkWQ

www.josefstadt.org

  1. 10. 2018

Akademietheater: Rosa oder Die barmherzige Erde

März 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tobias Moretti beeindruckt als Romeo in Alterswindeln

Susanna Ernst, Waltraud Hackinger, Tobias Moretti und Marta Kizyma. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Es kann am Theater einen eigenen Zauber entfalten, wenn Rätsel offen bleiben, wenn nicht jede Leerstelle besetzt wird und Texte nicht bis zu ihrem Ende durchdekliniert werden. Auf diesen Zauber setzt Luk Perceval bei seiner Inszenierung von „Rosa oder Die barmherzige Erde“. Eine Uraufführung am Akademietheater, für die der 60 Jahre alte Burgdebütant Shakespeares „Romeo und Julia“ und Dimitri Verhulsts Roman „Der Bibliothekar, der lieber dement war, als zu Hause bei seiner Frau“ ineinander verschränkt hat. Das Resultat dieser Bemühungen ist ein ungemein spannender und unheimlich anstrengender Abend mit einem herausragenden Tobias Moretti als Bibliothekar Désiré/Romeo.

Somnambul ist das Wort, das einem zu dessen Darstellung einfällt. Wie geistesabwesend steht Moretti auf der Bühne, und ist doch ganz bei sich, stemmt den hundertminütigen Kraftakt quasi im Alleingang, denn die Mitschauspieler auf der Bühne sind kaum mehr als Staffage, um die Story über die Rampe zu bringen. Deren Inhalt nach Verhulst: Désiré ist ein Mann Mitte der 70, der sein Leben an der Seite seiner Frau so satt hat, dass er beschließt, den Demenzkranken zu geben und sich in eine

entsprechende Einrichtung einweisen zu lassen. Hier möchte er seine letzten Lebensjahre ohne Gezänk verbringen. Doch trifft er auf seine tatsächlich an Alzheimer erkrankte unerfüllt gebliebene Jugendliebe. Und hier nun Perceval – seine „Julia“, deren stilles Verlöschen ihn verzweifeln lässt. Aus Désiré wird Romeo, Pastor, Pfleger und Schwestern werden als Lorenzo, Benvolio oder Mercutio zu Stichwortgebern, und es ist nun Percevals Aufgabe, die viele Parallelen im Verhulst’schen Text zu Shakespeare zu ent- und aufzudecken. Von der Balkonszene bis zum Doppeltod. Denn Désiré wird nach dem Sterben Julias nicht mehr weiterleben wollen und sich in die Tiefe stürzen …

Für all das hat Katrin Brack ein Odeon erdacht, eine runde, sich drehende Spielstätte und eine Tribüne aus Sitzbänken, auf denen der Vergissmeinnicht-Chor, Damen zwischen 85 und 95, Platz genommen haben. Davor Moretti. Mal via Lautsprecher verstärkt, über den auch Geräusche wie ein beständig irres Frauenkichern eingespielt werden, mal ein Wispern von Liebe und Tod, die Stimmung seltsam bodenlos, mal resignativ, mal stockend-zögerlich, mal unflätig und wütend. Sein Désiré gibt die Demenz, scheint’s, nicht vor, er ist wirklich von ihr angekränkelt. Und dann wieder lichte Momente, wenn die Anverwandten, ob seiner Begriffstutzigkeit jede Hoffnung aufgebend, abtreten und er zu verstehen gibt, er hätte genau gewusst, was die wollten. Und genauso wie als Bibliothekar beeindruckt Moretti als Romeo in Alterswindeln.

Sabine Haupt und Tobias Moretti. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Sabine Haupt, Gertraud Jesserer und Tobias Moretti. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

In einer der eindrücklichsten Szenen wird er vom Chor gerufen. „Papa!“ Immer mehr Stimmen, immer lautere, da versteht man, dass da ein Mensch unter  jahrelanger Verantwortung zusammenbrach, versteht, dass nicht mehr ging, was andere von ihm erwarteten, und ergo der Rückzug erfolgen musste. Nicht zur Kenntnis nehmen wollen/können das Sabine Haupt als Tochter Charlotte – eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs – und Gertraud Jesserer mit Tremolostimme als Ehefrau Moniek. Sylvie Rohrer, Daniel Jesch, Marta Kizyma und Stefan Wieland fungieren als Hauptschwester, Pfleger und Pastor und als Shakespeare-Personal. Mariia Shulga ist eine anrührende Rosa.

Sie umrahmen das zähflüssige Spiel vom Sterben des alten Mannes, das sich mehr als Stimmung, denn in Klarheit erschließt. Zu denken gibt immerhin, dass hier einer am Ende den Prototyp jugendlicher Lebens- und Liebesgier gibt, das macht grübeln über verpasste Chancen und verflossene Gelegenheiten … Am Ende gab es Jubel für alle, allen voran Tobias Moretti, der einmal mehr bewies, dass man nicht nur beim Film, sondern auch auf der Bühne auf ihn zählen kann.

www.burgtheater.at

  1. 3. 2018

Volx/Margareten: Philoktet

Mai 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Stefanie Reinsperger im Superlativ

Stefanie Reinsperger brilliert als Philoktet. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Sozusagen vor ihrer Abreise nach Salzburg macht Stefanie Reinsperger dem Wiener Publikum noch ein Geschenk. Im Volx/Margareten spielt sie Heiner Müllers „Philoktet“, und sie ist in dieser Rolle grandios, gewaltiger als alles, was man bisher von ihr kennt; sie wird im Laufe des Abends überlebensgroß, wächst über ihr Schauspielerinnenmaß hinaus – Steffi Reinsperger im Superlativ.

Calle Fuhr legt mit der Inszenierung seine erste große Arbeit am Haus vor; er setzt auf ein ästhetisch klares, asketisches Konzept, setzt aufs Wort als Waffe, seine Bühne ist ein leerer Raum mit einigen gerahmten Leinwänden, auf denen sich die Schatten der Menschen wie ein Gespensterreigen drehen. Fuhr bezieht Müllers Text auf seinen Ursprung zurück, die Zeit des Mauerbaus, derart Verschanzungen entstehen ja gerade weltweit wieder, und so weitet er – ohne großartig gekünstelten Fingerzeig – Müllers spitzfedrige Analyse des DDR-Regimes ins 21. Jahrhundert aus.

Dessen drei Protagonisten stellt er exemplarisch vor: Odysseus, den Systemstrategen, Neoptolemos, den Moralisten, der zum Mörder werden muss, und Philoktet, das vom Wollen und Wirken der Masse zerschundene Individuum. Der Typus Funktionär und die Typen, die fürs Gemeinwohl funktionieren, das sind seine Wiedergänger, ersterer die Art politisch Untoter, die nach jeder Krise nur umso länger zu leben und desto stärker geworden zu sein scheint, zweitere Mitläufer, weil ihnen der Mut zum Davonlaufen nicht reicht. Dass Fuhr den Philoktet von einer Frau darstellen lässt, kann man als Reverenz an Müllers (zweite von vier) Ehefrau und wichtige Mitautorin Inge lesen, die sich 1966 das Leben nahm …

Dass das Ganze nicht im Akademischen bleibt, ist neben der Reinsperger ihren fabelhaften Kollegen Sebastian Klein und Luka Vlatković zu danken. Sie alle zeigen sich der Satzkaskaden, die es hier 90 Minuten lang zu bewältigen gilt, mächtig, zeigen das, was Dimiter Gotscheff (er 2005 ein „Philoktet“ in eigener Inszenierung) einmal über seinen Freund und Weggefährten sagte: ”Die Sprache Heiner Müllers fährt mir direkt in die Gedärme.“

Der lange Schatten des Odysseus fällt auf Neoptolemos: Luka Vlatković. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Der erste Profi in Sachen Politpropaganda: Sebastian Klein als Odysseus. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

„Kein Platz für Tugend hier und keine Zeit jetzt“, braust Odysseus gegen Neoptolemos auf. Sebastian Klein legt ihn als sleeken Manager im Casual-Friday-Outfit an, als Phrasendrescher und Feindbildschaffer, sein Odysseus ist ein Spötter, ein Spieler, ein Teflonmann, und mit schneidender Stimme – der Erfinder der Politpropaganda. So, wie er dasteht, könnte er heute Nachwuchshoffnung jeder neoliberal-bürgerlichen Partei sein. Den Sohn des Achill macht er sich mit Schokoriegeln gefügig, und der, Luka Vlatković als Neoptolemos, wirkt wie ein eingeschüchterter Praktikant, der grad begreift, dass er seine Uni-Ethik im Geschäftsleben einpacken kann.

Im Wortsinn hemdsärmelig steht er da, die Schultern trotzig hochgezogen, so ein Schlamassel, in den es da geraten ist, das Halbgottheldensöhnchen, das an der Front keiner für voll nimmt. Und dann findet Philoktet das Schokoladepapierchen. „Willkommen in der Narrheit, Grieche“, grüßt er es, und schon ist klar, hier ist einer vom Wahnsinn angesprungen. Die junge Frau, die den alten Mann gibt, das ist eine Spielart, die eine eigene Sogwirkung und eine eigenartige Sinnlichkeit entwickelt.

Die Reinsperger, in einmal High Heel, einmal Socke eine hinkend-androgyne Amazone, ist von einer schmerzhaften Intensität, wenn sie Zwiesprache mit dem faulenden Bein hält. In schrullig-freundlichem Stakkato versucht sie in Neoptolemos einen Verbündeten zu finden, im nächsten Augenblick gilt ihr ganzer Furor dem Verräter Odysseus. Ihr Philoktet schreit vor Schmerz, weint vor Wut – doch im Sarkasmus des Besiegten läuft sie schlussendlich zur Höchstform auf, Reinsperger, die Meisterin von Vers und Tempo. Das Ende kommt rasch, unvermittelt, beinah sieht man nicht, wie Vlatkovićs Neoptolemos es herbeiführt, und auf, auf jagt ihn Odysseus zu neuen Taten. Fast möcht’ man sagen: zum nächsten Meeting. Die Leiche wird er für seine Manipulationen noch zu nutzen wissen, im Abgang feilt er schon an der diesbezüglichen Rede. Der Unschuldige hat sich schuldig gemacht, nur so kann Macht Struktur gewinnen. Doch letztlich sagt Heiner Müller, sagt Calle Fuhr, kann es im Krieg der Weltanschauungen keine Gewinner geben. Der tote Körper, schwer, unhandlich, erweist sich als nicht transportierbar …

Ein bemerkenswerter Abend, der da im intimen Spielraum im 5. Bezirk zu sehen ist. Nächste Station für Stefanie Reinsperger ist nun die Buhlschaft, und im Hinausgehen flüsterte es jemand: „Den Jedermann könnte sie auch.“

www.volkstheater.at

Wien, 8. 5. 2017

Kasino des Burgtheaters: Platons Party

März 29, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Club der tanzenden Philosophen

Hermann Scheidleder, Martin Schwab, Merlin Sandmeyer, Daniel Jesch und Michael Masula. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Trinken, Tanzen, Tod. Das sind die Eckpfeiler des Abends „Platons Party“, den Stephan Müller im Kasino des Burgtheaters gestaltet hat. Der für seine anspruchsvollen Arbeiten bekannte Schweizer Regisseur verbindet dabei zwei Dialoge von Platon, dessen Symposion und Phaidon. Im Mittelpunkt der Texte steht der große Denker Sokrates – und die Ewiggültigkeit seiner Gedanken.

Im ersten Teil huldigen er und sein innerer Kreis den Gaben von Gott Eros, im zweiten gilt es sich mit Thanatos auseinanderzusetzen. Denn Sokrates wird am Ende zum Tode verurteilt werden und den Schierlingsbecher leeren. Die Anklage: Gottlosigkeit. Müller begibt sich mit Witz auf die Suche nach den sokratischen Wahrheiten. Technomusik wummert, die Darsteller tänzeln herein, ein jeder nach seinen diesbezüglichen Fähigkeiten, man bezärtelt einander, man trägt Smoking und die meiste Zeit ein Glas in der Hand. Der Gentlemen’s Club, oder wie er sich selbst nennt: der Club der tanzenden Philosophen, lässt sich’s gutgehen. Und weil man Bildungsbürger ist, sinniert man über dieses und jenes, die Welt an sich und das Weltgeschehen im Besonderen.

Das ist so leichtfüßig dargeboten, man vergißt beinah, dass man gemeinsam mit dem großartigen Ensemble an der Wiege des abendländischen Denkens steht. Wie es der Meister aller Meister mit seiner Maieutik vorgesehen hat, leistet man zusammen Hebammendienst, wenn auf der Bühne nach mehr als 1600 Jahren Sokrates‘ ethische Grundsätze, sein Verstehen der Dinge, seine Kenntnis des Menschen wiedergeboren werden. Diese kleine, knapp zweistündige Aufführung erweist sich als wesentliche Ergänzung des derzeit an der Burg laufenden Antike-Schwerpunkts. Sie ist im Wortsinn der philosophische Überbau zum großen Drama.

Auf der Spielfläche des Kasinos steht  – eine Lücke, eine karstige Wand, aus der Bühnenbildnerin Claudia Vallant ein Loch gerissen hat. Die ausgefranzte Wunde wird umschlossen von Projektionen – Menschengesichter und Menschenleiber, vor allem letztere von Michelangelo’scher Anmutung. Ekstatisch aufgerissene Augen, gierige Münder, Nacktheit, Begehren, dieser Reigen dreht sie sich um die leere Mitte, als wär‘ sie der Eingang zu Platons Höhlengleichnis. Der Bildungs-Weg als erotisch schmerzhafter Befreiungsprozess. Sokrates selbst hat keine Schriften hinterlassen, das überließ er seinem Schüler Platon …

Das Ensemble lagert sich rund ums von Menschenleibern umschlossene Bühnenbildloch. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Im Turnsaal der Transzendenz: Daniel Jesch, Martin Schwab und Merlin Sandmeyer. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die Schauspieler, Daniel Jesch, Michael Masula, Merlin Sandmeyer, Herman Scheidleder und Martin Schwab, sind Erzählende und gleichsam Gegenstand der Erzählung, sie sind Chor und Protagonisten. Immer wieder schält sich einer aus der Gruppe und wird als Individuum erkennbar. Michael Masula gibt einen so eleganten wie leicht erregbaren Alkibiades, Daniel Jesch setzt als arroganter Arzt Eryximachos selbstbewusst auf sein medizinisches Wissen bezüglich der Zuträglichkeit von Sex.

Der jüngste im Männerbunde, Merlin Sandmeyer macht aus Agathon einen eitlen Geck, der im bodenlangen Pelz seine stilistisch gefeilten, aber inhaltlich unausgegorenen Reden schwingt. Er erhält natürlich seine Lektion – und zwar vom Komödiendichter Aristophanes, den Hermann Scheidleder mit heiterer Gelassenheit – und einem gewaltigen Schluckauf – ausstattet. Wie Scheidleder über den Mythos der Kugelmenschen berichtet, die von den Göttern in zwei sehnsüchtelnde Hälften, in Mann und Frau, zerteilt wurden, ist einer der Höhepunkte der Aufführung.

Martin Schwab schließlich brilliert als ein (hinter-)listiger Sokrates, in dessen überliefert bescheidener Art und seinem Hang zur Selbstironie er bestimmt eine Seelenverwandtschaft entdecken konnte. Jede Sekunde auf der Höhe, ist Schwab immer im Zentrum des Geschehens, hat stets die dramaturgischen Fäden in der Hand, so er sie nicht sowieso selber spinnt – rhetorisch und schauspielerisch liefert er eine Spitzenleistung.

Es ist bemerkenswert, wie üppig Stephan Müller, der auch für die Textfassung verantwortlich ist, eine Szenerie illustrieren kann, in der nicht viel mehr als laut gedacht wird. Seine Inszenierung ist alles andere als eine stoische Angelegenheit – wiewohl Schwab nach der Pause auf deren Grundsatz der Gelassenheit zurückgreift. Sein Sterben schon greifbar, leitet Sokrates noch einmal die Gedanken seiner Freunde – Jesch und Sandmeyer als Kebes und Simmias – an. Die Dreiergespräche über Wesen und Unsterblichkeit der Seele, über die Frage, ob Wissen schon vor der Geburt existiert, über die sokratische Vorstellung der „wahren Welt“ sind ehrlich ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr zu verfolgen. Und das, obwohl die vorgebrachten Beispiele mit Kreide auf den Fußboden gezeichnet und per Video auf die Hinterwand übertragen werden. Transzendenz-Erläuterungen für Thebaner im Turnsaal – ob der allgemeinen Verwirrung auf der Suche nach einer nachvollziehbaren Logik spielt man nun sogar mit Textbuch in der Hand.

Nichts desto trotz geht man am Ende beglückt nach Hause. Schließlich stammt der Satz von Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Man hat hervorragende Darsteller genossen, kluge Dialoge gehört, tolle Bilder gesehen. Man hat sich amüsiert und wird nun in die Nacht entlassen um nach zu denken. Das Publikum dankte mit entsprechendem Applaus. Wie schön, dass die Burg diese Saison ihr Kasino wieder so gut und gerne nutzt.
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www.burgtheater.at
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Wien, 29. 3. 2017