Akademietheater: Rosa oder Die barmherzige Erde

März 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tobias Moretti beeindruckt als Romeo in Alterswindeln

Susanna Ernst, Waltraud Hackinger, Tobias Moretti und Marta Kizyma. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Es kann am Theater einen eigenen Zauber entfalten, wenn Rätsel offen bleiben, wenn nicht jede Leerstelle besetzt wird und Texte nicht bis zu ihrem Ende durchdekliniert werden. Auf diesen Zauber setzt Luk Perceval bei seiner Inszenierung von „Rosa oder Die barmherzige Erde“. Eine Uraufführung am Akademietheater, für die der 60 Jahre alte Burgdebütant Shakespeares „Romeo und Julia“ und Dimitri Verhulsts Roman „Der Bibliothekar, der lieber dement war, als zu Hause bei seiner Frau“ ineinander verschränkt hat. Das Resultat dieser Bemühungen ist ein ungemein spannender und unheimlich anstrengender Abend mit einem herausragenden Tobias Moretti als Bibliothekar Désiré/Romeo.

Somnambul ist das Wort, das einem zu dessen Darstellung einfällt. Wie geistesabwesend steht Moretti auf der Bühne, und ist doch ganz bei sich, stemmt den hundertminütigen Kraftakt quasi im Alleingang, denn die Mitschauspieler auf der Bühne sind kaum mehr als Staffage, um die Story über die Rampe zu bringen. Deren Inhalt nach Verhulst: Désiré ist ein Mann Mitte der 70, der sein Leben an der Seite seiner Frau so satt hat, dass er beschließt, den Demenzkranken zu geben und sich in eine

entsprechende Einrichtung einweisen zu lassen. Hier möchte er seine letzten Lebensjahre ohne Gezänk verbringen. Doch trifft er auf seine tatsächlich an Alzheimer erkrankte unerfüllt gebliebene Jugendliebe. Und hier nun Perceval – seine „Julia“, deren stilles Verlöschen ihn verzweifeln lässt. Aus Désiré wird Romeo, Pastor, Pfleger und Schwestern werden als Lorenzo, Benvolio oder Mercutio zu Stichwortgebern, und es ist nun Percevals Aufgabe, die viele Parallelen im Verhulst’schen Text zu Shakespeare zu ent- und aufzudecken. Von der Balkonszene bis zum Doppeltod. Denn Désiré wird nach dem Sterben Julias nicht mehr weiterleben wollen und sich in die Tiefe stürzen …

Für all das hat Katrin Brack ein Odeon erdacht, eine runde, sich drehende Spielstätte und eine Tribüne aus Sitzbänken, auf denen der Vergissmeinnicht-Chor, Damen zwischen 85 und 95, Platz genommen haben. Davor Moretti. Mal via Lautsprecher verstärkt, über den auch Geräusche wie ein beständig irres Frauenkichern eingespielt werden, mal ein Wispern von Liebe und Tod, die Stimmung seltsam bodenlos, mal resignativ, mal stockend-zögerlich, mal unflätig und wütend. Sein Désiré gibt die Demenz, scheint’s, nicht vor, er ist wirklich von ihr angekränkelt. Und dann wieder lichte Momente, wenn die Anverwandten, ob seiner Begriffstutzigkeit jede Hoffnung aufgebend, abtreten und er zu verstehen gibt, er hätte genau gewusst, was die wollten. Und genauso wie als Bibliothekar beeindruckt Moretti als Romeo in Alterswindeln.

Sabine Haupt und Tobias Moretti. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Sabine Haupt, Gertraud Jesserer und Tobias Moretti. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

In einer der eindrücklichsten Szenen wird er vom Chor gerufen. „Papa!“ Immer mehr Stimmen, immer lautere, da versteht man, dass da ein Mensch unter  jahrelanger Verantwortung zusammenbrach, versteht, dass nicht mehr ging, was andere von ihm erwarteten, und ergo der Rückzug erfolgen musste. Nicht zur Kenntnis nehmen wollen/können das Sabine Haupt als Tochter Charlotte – eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs – und Gertraud Jesserer mit Tremolostimme als Ehefrau Moniek. Sylvie Rohrer, Daniel Jesch, Marta Kizyma und Stefan Wieland fungieren als Hauptschwester, Pfleger und Pastor und als Shakespeare-Personal. Mariia Shulga ist eine anrührende Rosa.

Sie umrahmen das zähflüssige Spiel vom Sterben des alten Mannes, das sich mehr als Stimmung, denn in Klarheit erschließt. Zu denken gibt immerhin, dass hier einer am Ende den Prototyp jugendlicher Lebens- und Liebesgier gibt, das macht grübeln über verpasste Chancen und verflossene Gelegenheiten … Am Ende gab es Jubel für alle, allen voran Tobias Moretti, der einmal mehr bewies, dass man nicht nur beim Film, sondern auch auf der Bühne auf ihn zählen kann.

www.burgtheater.at

  1. 3. 2018

Theater in der Josefstadt: C’est la vie – Eine Revue

September 18, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Peter Turrinis Herzbluttext mit viel Liebe dargebracht

Marcello De Nardo, Hilde Dalik, Thomas Mraz, Erich Schleyer, Wolfgang Schlögl, Susanna Wiegand Bild: Erich Reismann

Marcello De Nardo, Hilde Dalik, Thomas Mraz, Erich Schleyer, Wolfgang Schlögl, Susanna Wiegand
Bild: Erich Reismann

Da stand er also, der Turrini Peter auf der Josefstädter Bühne, ließ tosenden Applaus und ein Geburtstagsständchen des Publikums über sich hinwegfegen. Keiner kann so wie er dichterfürstisch verlegen über den Brillenrand lugen. Ja, huldigt mir, aber ein bissl peinlich ist es schon. Also werden Darsteller und Team flugs noch einmal herausgewunken, da kann man in der Menge untergehen. Dass Direktor Herbert Föttinger nicht in seiner üblichen Loge saß, lässt darauf schließen, dass er während der Uraufführung irgendwo hinten mit Autorenhandhaltung beschäftigt war. Jetzt sei doch endlich nimmer lampenfiebrig, du theatralischer Fieberkopf. Alle, alle lieben dich. Aber es ist wohl gerade das, das dich erschreckt …

Peter Turrini hat sich mit „C’est la vie – Eine Revue“ wieder einmal neu erfunden, nur um er selbst zu bleiben. Das ist ihm vergangene Saison schon gelungen www.mottingers-meinung.at/aus-liebe-am-theater-in-der-josefstadt/, und nicht unwitzig, hatte der Nestroypreisträger in seiner „Lebenswerk“-Rede doch über die Auswüchse seines Nachwuchs gelästert, niemand, der noch Dialoge schreiben kann, alles Textflächenablieferer, Regisseur bleib‘ bei deinen Leisten und führe mich in meiner Gesamtheit auf … Nun legt er knapp vor seinem 70. Geburtstag eine Art Bühnenbiografie vor. 94 Stellen, Sorten von Texten, Gedichten, Tagebuchstellen, Briefauszügen, Passagen aus Gesprächen. Ein Lebens-Lauf, von dem Lebensmensch Silke Hassler sagt: „Verfallen Sie nicht in den Irrtum, dem Dichter Peter Turrini alles über den Dichter Peter Turrini zu glauben.“ Ein so wahrer wie unwahrer Satz, weil hier ein Jedermanns Künstlerschicksal, haha, ein Übers-Theater-Text durch die Eckpfeiler von Turrinis Leben getragen wird. Manches so intim, dass es weh tut, übertüncht mit launiger Selbstverletzungsabwehr-Anekdotenhaftigkeit, Lachen, bis einen – das Wort ist vom Peter gelernt – die „Arschlöcherei“ des Lebens wieder einholt. So kommt er wunderbar poetisch von Kindheitswünschen zu Erwachsenenträumen, der dicke Kärntner Tischlerbub mit dem Katzlmacher-Vater, vom Abenteuer am Busen der Nachbarin ans Volkstheater, vom Kennenlernschock Lampersberg-Artmann-Bernhard in die Psychiatrie. Von „Rozznjogd“ über „Sauschlachten“ zur „Alpensaga“. Immer schön tragi- bis komisch. Ein Buch, bereits bei Amaltea erschienen www.amalthea.at, ein Muss, wieder und wieder und wieder darin zu versinken.

Nun aber mussten die Wortbrücken und Satzbauten auf die Bühne. Und hier gilt das Hurra! Regisseurin Stephanie Mohr, die die Versatzstücke als Pfand in ihre Hand nahm, Turrinis Herzbluttext in einen wärmenden Mantel der Liebe hüllte und daraus eine Aufführung zum Niederknien schuf. Allein das Bühnenbild von Miriam Busch: ein Zimmer, vollgestopft bis zum Plafond, einerseits in der Kleinhäuslernachkriegszeit stecken geblieben, mit Uralt-Fernsehapparat, Kirchenfenster, Madonna und Turrini-Büste mit Magritte-Melonen, ein Schauwert-Sammelsurium als sei’s von Alois Mosbacher, andererseits Turrinis niederösterreichische Niederlassung mit Aktenordnern wie in der Schreibwerkstatt überm Hof und dem Küchentisch, an dem Gäste, die Glück haben, mit Familienrezeptpasta bewirtet werden. Eine solche wird denn auch gekocht. Dazu gibt’s Live-Musik von Wolfgang Schlögl, der ebenso auch Mitspieler ist, wie Souffleuse Monika Steidl. Ein (Ab-?)lebensgedicht, eine lyrische Hinterbliebenenverfügung, einen morbiden Depressionsmoment des nach einer schweren Operation Rekonvaleszenten hat Mohr vom Schluss in die Mitte verlegt.

Wenn ihr ruft, ich soll doch bleiben / schmerzerfüllt sei euer Herz, /

ach, ich tanz mit wilden Sprüngen himmelwärts.

Sonst hat sie alles original ins Können ihrer One in Five (um Jim Morrison zu zitieren) übertragen. Hilde Dalik, Marcello De Nardo, Thomas Mraz, Erich Schleyer und Susanna Wiegand turnen von Eros zu Thanatos, von der Wiege bis zur Bahre, spielen, wo’s eigentlich nichts zu spielen gibt, mit erfreulichster Bühnenpräsenz; auch wenn sie gerade nicht am Wort sind, hat hier jeder was zu tun – Paradeiser würfeln, Schreibmaschine malträtieren, Schultaferln mit Pfui-Ausdrücken beschmieren. Das Fünfgewürz macht die Buchstabensuppe zum Gourmettheater. In schwarzen „Godot“-Anzügen und mit den Büsten-Melonen sind sie gleich und könnten ungleicher nicht sein. Schleyer, der wunderbare Erzähler, tut ein wenig auf Oberlehrer. De Nardo, dem die Geschichte aufgrund seiner eigenen am meisten und am nächsten liegt, und Mraz (nebenbei ein wahrer Dancing Star ;-)) agieren wie bei der Geburt getrennte Zwillingsturrinis. Susanna Wiegand lässt sich auch bei einer Onaniergeschichte vom Oberlehrer nicht unterbrechen, Hilde Dalik sprüht vor Freude und glänzt im Unglück. Sie alle haben sich den Text nicht angeeignet, nicht verinnerlicht, sie SIND der Text. Bravo! Dazu übt man sich im Kärntner Dialektsingen, trällert Ti Amo und intoniert das italienische Partisanenlied Bella Ciao.

Alles Leben und Sterben ist … Bühne. No One Here Gets Out Alive.

Zum Schluss wünscht sich Turrini von seiner Liebsten einen „geilen Strip“. Tschuldige, aber dazu ist jetzt keine Zeit. Die beiden schreiben nämlich gerade das Finanzverbrechenstück „Die Spekulantenkomödie“. Das wollen wir nächste Saison sehen!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=DrJusIANmW0

TIPPS:

25. September: Lesung mit Herbert Föttinger und Peter Turrini: H.C. Artmann „how much, schatzi?“

www.josefstadt.org/programm/stuecke/action/show/stueck/how-much-schatzi.html

26. September: Österreichische Filmpremiere / Uraufführung: „Peter Turrini. Rückkehr an meinen Ausgangspunkt“. Ein Dokumentarfilm mit Peter Turrini von Ruth Rieser.  Titelgebender „Ausgangspunkt“ des Films über und mit Peter Turrini, der am Tag der Filmpremiere seinen 70. Geburtstag feiert, ist der Tonhof in Maria Saal. Hier führte in den 50er und 60er Jahren das Künstlerpaar Maja und Gerhard Lampersberg ein offenes Haus für „völlig unbekannte Kunst-Irre“, wie es Turrini im Laufe des Filmes einmal nennt – von Thomas Bernhard bis Christine Lavant u.v.a.m.  Für den 15jährigen Turrini war der Tonhof in seinem Kärntner Heimatort ein magischer Ort, sein „erstes Zuhause – Labor, Enklave, Wiege der österreichischen Nachkriegsliteratur“. Die Schauspielerin und Filmemacherin Ruth Rieser verkörperte bei der Uraufführung von Turrinis Tonhof-Stück „Bei Einbruch der Dunkelheit“ in Klagenfurt die Claire. In ihrem bildmächtigen, ruhigen Dokumentarfilm lässt sie den Dramatiker Turrini zu Wort kommen – nachdenklich, offenherzig, liebevoll. Ohne Ressentiment oder Voyeurismus wird im Gespräch behutsam dem Herzschlag des Tonhofes und seiner mittlerweile verstorbenen Hausherren nachgespürt. Dabei wird der heute 70-jährige Peter Turrini auch als aufmerksamer Freund der Jugend sichtbar, als einer mit feinem Sensorium für das Jetzt. Neben den Bildern des Ortes und des Hofes verdichten stimmungsvolle Lesungen im Tonhof-Stadl und in den nahezu unveränderten Zimmern des Hauses diesen Dokumentarfilm zu einem außergewöhnlich persönlichen Porträt Peter Turrinis.

Das Theater lädt ein: Gratis-Zählkarten/freie Platzwahl. Generelle Kartenausgabe ab 19. September.

www.josefstadt.org

Wien, 18. 9. 2014

Kurt Palm: Kein Spaghetti-Western

Januar 10, 2014 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Sein neuer Roman im Residenz Verlag:

Bringt mir die Nudel von Gioachino Rossini

cover_1681_lNach dem großen, mittlerweile verfilmten Erfolg von „Bad Fucking“ erscheint am 16. Jänner im Residenz Verlag Kurt Palms nächster Roman „Bringt mir die Nudel von Gioachino Rossini. Kein Spaghetti-Western“.

Ein Opernkomponist als Westernheld? Mozarts Librettist als Mafia-Pate? Ein Indianer als Ballonfahrer? Kurt Palm verbindet Aberwitz und historische Details zu einer ebenso haarsträubenden wie spannenden Geschichte und lässt den „Wilden Westen“ lebendig werden. Gelangweilt vom Gesellschaftsleben, nimmt Gioachino Rossini eine verrückte Herausforderung an. Sein Onkel hat ihm in Missouri einen Saloon und ein Stück Weideland vererbt, und weder die stürmische Atlantiküberquerung noch die Mühen einer 1700 Kilometer langen Fahrt können ihn abschrecken. Und als sich der Inder Kamalesh, der entlaufene Sklave Ringgold und der Indianer Big Thunder seinem Ein-Mann-Treck anschließen, kann Rossini nichts mehr aufhalten.

Unverschämt gut und unglaublich verrückt. Ein Buch nicht nur für Westernfans, Opernfreunde oder Truthahnfänger.

Lesungen und Buchpräsentationen:
19.01.2014          Wien, Rote Bar im Volkstheater
21.01.2014          Graz, Literaturhaus
23.01.2014          Wien, Literaturhaus
03.02.2014          Linz, StifterHaus
18.02.2014          Saalfelden, Kunsthaus Nexus
19.02.2014          Neukirchen am Großvenediger, Cinetheatro
20.02.2014          Salzburg, Literaturhaus

Zum Autor: Kurt Palm (geb. am 12. April 1955 in Vöcklabruck) ist ein österreichischer Autor und Regisseur. Von 1962 bis 1975 war Palm als Ministrant, Mittelstürmer (TSV Timelkam), Nachtwächter und Autostopper tätig. Das Germanistik-Studium an der Universität Salzburg schloß er 1981 mit einer Dissertation über „Brecht und Österreich“ ab. Seit 1982 arbeitet Kurt Palm als Regisseur, Autor und Volksbildner. Schrieb Bücher über Brecht, Stifter, Joyce, Mozart, Fußball und Palmsamstage. Drehte einige Kinofilme und inszenierte zahlreiche Opern und Theaterstücke im In- und Ausland. 1989 gründete er in Wien die legendäre Theatergruppe „Sparverein Die Unzertrennlichen“ (aufgelöst 1999). Von 1994 bis 1996 inszenierte er 24 Folgen von „Phettbergs Nette Leit Show“. Seit 19. November 1998 ist Palm Mitglied der „Society of Jem Casey“ in Dublin. Er lebt in Wien und Oberranna bei Unterranna bzw. Niederranna und isst vorzugsweise gebratene Forellen. Für „Bad Fucking“ wurde er mit dem Glauser-Preis 2011 für den besten Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet.

Ebenfalls im Residenz Verlag erschienen:

Bad Fucking
Sonderausgabe zum Film

Verfilmt von Harald Sicheritz nach dem Roman von Kurt Palm mit Martina Ebm, Proschat Madani, Adele Neuhauser, Wolfgang Böck, Thomas Mraz, Michael Ostrowski, Bettina Redlich, Johannes Silberschneider, Thomas Stipsits, Gerhard Liebmann u. a. Österreichweit im Kino. In Bad Fucking braut sich etwas zusammen: Zuerst liegt Vitus Schallmoser (Sonderling) tot in seiner Wohnhöhle. Dann bekommt Camilla Glyck (Bundeskriminalamt) den Auftrag, nach Maria Sperr (Innenministerin) zu suchen, die als Bauunternehmerin in Bad Fucking quasi nebenberuflich ein Asylantenheim errichten lassen wollte. Und während auf dem Sportplatz von Bad Fucking eine Gruppe Cheerleader trainiert, beschließt Jagoda Dragicevic (Putzfrau), Dr. Ulrich (Zahnarzt) wegen eines Nacktfotos zu erpressen. Unterdessen flüchtet in Wien Ludmilla Jesenská (Einbrecherin) vor ihren Verfolgern: Sie hat in Bad Fucking Fotos von geheimnisvollen Höhlenmalereien gemacht … Das alles (und noch viel mehr) geschieht, während eine Hitzewelle Europa beinahe lahm legt und sich Tausende Aale und ein Mordsunwetter auf Bad Fucking zubewegen.

www.residenzverlag.at

www.palmfiction.net

Wien, 10. 1. 2014

Theater in der Josefstadt: „Wie im Himmel“

November 8, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Titel ist Programm

Thomas Mraz (Holmfrid), Peter Scholz (Arne), Alma Hasun (Lena), Christian Nickel (Daniel Daréus), Therese Lohner (Siv), Sona MacDonald (Inger), Christian Futterknecht (Erik), Matthias Franz Stein (Tore) Bild: © Erich Reismann

Thomas Mraz (Holmfrid), Peter Scholz (Arne), Alma Hasun (Lena), Christian Nickel (Daniel Daréus), Therese Lohner (Siv), Sona MacDonald (Inger), Christian Futterknecht (Erik), Matthias Franz Stein (Tore)
Bild: © Erich Reismann

Denn „Wie im Himmel“ fühlt man sich tatsächlich. Das Theater in der Josefstadt zeigt Kay Pollaks oscarnominierten Film als Bühnenfassung – und beweist damit einmal mehr, was nicht mehr bewiesen werden muss: Dass das Haus über ein wunderbar harmonisches, bei dieser Produktion in doppelter Bedeutung: über ein im Einklang stehendes Ensemble verfügt. Auch Regisseur Janusz Kica und der für die Musik zuständige Komponist Kyrre Kvam sind ganz in ihrem Element. Der im Text beschworene „Grundton“ stimmt. piano bis mezza voce. Ohne, dass die Dynamik zu kurz kommt. Poetisch lyrisch, wenn zu Beginn Schneeflocken den Vorhang aufwehen, wenn der von einem Herzinfarkt aus der Laufbahn geschleuderte Dirigent Daniel Daréus in Unterwäsche in Embryohaltung da liegt. Einer, der neu geboren werden will, und auf diesem Weg Hebamme für eine Kleinstadt, für eine ganze Gesellschaft ist. Und dafür sforzato mit Gewehr, Axt und Fäusten bedroht wird. Da wird der Klang spröde, splitterig, steinhart. Dorffriede? Von wegen.

Christian Nickel spielt den Daniel. Ein Glück. Nickel kann von Geige bis Klavier sein musikalisches Talent ausleben – und erstmals auch einen Chor dirigieren. Der „Chor im Hemd“, musikalische Leitung: Andreas Salzbrunn, unterstützt die Josefstädter. Nickel rührt ans Herz, das seine Rolle bis zum Umfallen erschöpft hat. Was im Film Rückblende ist, erzählt er: seine Kindheit, der verspottete „Daniel mit der Fiedel“, seine von seinem Genie überzeugte und es fördernde Mutter, eine nicht mehr unter uns weilende, dennoch omnipräsente Figur, Grausamkeiten, die einen Bratscher in den Freitod trieben – der Perfektionist erwaretet auch von anderen Perfektion, Blitzlichtgewitter über dem Star, seine Rückkehr ins Heimatdorf. Warum? Er weiß er selber nicht. Und gerät als neuer Kantor des Kirchenchors in eine Spirale von Intoleranz, Verklemmtheiten, ständig läutenden Handys (diesmal auf der Bühne, nicht im Zuschauerraum) und Eifersucht – von den Männern wegen der Frauen; von den Frauen wegen Sex. Kica lässt statt Überblendungen mehrere Szenen gleichzeitig auf der Bühne zu: Vergangenheit – Gegenwart – erträumte Zukunft. Alte Freund- und Liebschaften brechen auseinander, neue entstehen . Doch was Daniel immer wollte, gelingt ihm schließlich: die Herzen des Publikums zu öffen. Der Preis dafür, ein Menschenleben.

In alto i nostri cuori. Sono rivolti al Signore.

Sursum corda. Habemus ad Dominum.

Die großartigen Spieler mit und Gegenspieler von „Daniel“ Christian Nickel sind: Peter Scholz als Arne, geschäftiger, geschäftsmäßiger Autotandler, wie seine Zunft es vorschreibt ein sympathisches Schlitzohr, der für den Chor große Pläne hat – Gesangswettbewerb im Wiener Konzerthaus! Thomas Mraz als sein von ihm verlachter Angestellter „Fettsack“ Holmfried, eine sensible Darstellung eines Außenseiters, der seinem Boss am Ende sagt: Ich vergebe dir. Der noch größere Außenseiter, „Dorftrottel“ Tore, der nach Daniels Gebot: Jeder der mitsingen will, darf, plötzlich Mitglied des Chors sein will. Eine glanzvolle Talentprobe von Matthias Franz Stein, der nicht in die Ich-spiele- einen-geistig-Behinderten-Falle tappt, weder zuviel noch zu wenig macht, sondern einfach liebenswert ist. „Erik“ Christian Futterknecht, der „Florence“ Maria Auersperg spät, aber doch seine Liebe gesteht. „Gabriella“ Maria Köstlinger, die von ihrem Mann „Conny“ Oliver Huether geprügelt wird. Köstlinger ist die zweite „Hauptrolle“ des Abends. Wie ihr der Chor Selbstbewusstsein gibt, wie sie sich emanzipiert, wie sie ihre Kinder nimmt und geht. Natürlich singt sie auch „Gabriellas Lied“. Trotzig. Schön. Vor der Pause. Furchtbar. www.youtube.com/watch?v=u2Vr1ODCUag Mit in alle Richtungen davongelaufener Wimperntusche in den Stäußelsälen aufzutauchen. Conny wird von ihr ablassen, als er ihren Halt in der Gruppe erkennt, er wird in Handschellen enden. Huether mit Tränen in den Augen. „Olga“ Maria Urban, die sich von Siv nicht mehr deren Willen aufzwingen lässt. Therese Lohner ist eine prächtige bigotte „Betschwester“, die die verdorbenen Sitten im Chor – einer liegt auf des anderen Bauch und horcht auf dessen Atmung! – anzeigen MUSS. Das hat was von Hexenjagd, auch wenn ihr Busen nach Daniel bebt. Verlangen ist eine Sünde. Weswegen sie „Lena“ Alma Hasun, ganz junges Ding und Daniels romantic interest, beim Pfarrer denunziert. Der, „Stig“, Michael Dangl, ein Unsympath, wird von Daniels Bewunderer zum größten Gegner. Innerlich versteinert, weil er glaubt, dass Gott das von ihm verlangt, sieht er seinen Einfluss über seine Schäfchen schwinden. Selbst in der Frisur zeigt sich der Gegensatz der beiden: Daniels weiche Locken vs. Stigs zur Haifischflosse gegelter Hinterkopf. Ausgerechnet seine Frau, „Inger“, Sona MacDonald, die dritte Protagonistin, ist die einzige Freidenkerin im Ort. Sie liebt Stig und will wieder geliebt werden, körperliche Hingabe, ein wenig Ekstase für den Hausgebrauch inklusive. Doch der ist nur in seinem Benehmen steif. Bei einem ausgelassenen Fest, bei dem Köstlinger Klavier, Futterknecht Schifferklavier und Scholz Stromgitarre spielen, verrutscht ihr das Hemdchen. Und der Pfarrer greift zur Flinte …

Typisch Protestanten. Dann schon lieber, wie Ottfried Fischer sagt, brachial barock katholisch.

Konfessionen? Egal. „Wie im Himmel“ bereitet all jenen zweieinhalb besinnliche Stunden, die noch bis zur Besinnungslosigkeit Erledigungen zu machen haben, bis „die besinnliche Zeit“ über sie hereinbricht. In diesem Sinne ist es auch stimmig, dass Kica anfangs ein paar Weihnachtsmänner über die Bühne jagt. (Nicht nur das ist) sehenswert!

www.josefstadt.org

www.mottingers-meinung.at/christian-nickel-im-gespraech

www.chorimhemd.com

Wien, 8. 11. 2013