Mr. Turner – Meister des Lichts

Dezember 2, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Harry-Potter-Ratte Timothy Spall

als britisches Malergenie

Schiffe und Wasser gehörten zu den wichtigsten Motiven von William Turner (Timothy Spall) Bild: © Filmladen Filmverleih

Schiffe und Wasser gehörten zu den wichtigsten Motiven von William Turner (Timothy Spall)
Bild: © Filmladen Filmverleih

Beim diesjährigen Festival von Cannes wetteiferten mehrere Biopics um die Goldene Palme. Filme über den irischen Rebellen Jimmy Gralton, Olympia-Ringer Mark Schultz und Modegott Yves Saint Laurent. Das Rennen machte ein Malergenie: Timothy Spall (Ron Weasleys „Ratte“ Wurmschwanz in den Harry-Potter-Filmen oder Winston Churchill in „The King’s Speech“) verkörperte William Turners umstrittenen, ungehobelten Charakter so prall und lebenssatt, dass er mit dem Darstellerpreis belohnt wurde. Für Begeisterung sorgten auch Mike Leighs Regie und die Bilder, die Ästethik, die Kameramann Dick Pope einfing; sie erinnern selbst an Turners atemberaubende, von Licht durchflutete Gemälde.

1826: Der englische Maler William Turner ist ein ebenso renommiertes wie exzentrisches Mitglied der Royal Academy. Er lebt mit seinem Vater William (Paul Jesson), den er innig liebt, und seiner Haushälterin Hannah Danby (Dorothy Atkinson) in London. Hannah verehrt den genialen Maler, der jedoch stillt an ihr nur sein sexuelles Verlangen. Denn Turner ist ein Egomane, ein wortkarger Einzelgänger – und doch zugleich ein Mann von enormer Sensibilität. Das Künstlergenie hat sich keiner Autorität, sondern der Vielfalt des Lebens verschrieben: Er genießt die Gastfreundschaft des Landadels oder besucht Bordelle, um junge Prostituierte zu zeichnen. Er ist stetig auf Reisen und lässt nichts aus, um dem Phänomen der Wahrnehmung auf die Spur zu kommen.  Turner ist fasziniert von den Errungenschaften der Industrialisierung wie der Fotografie und der Eisenbahn. Aber ganz besonders in  Bann schlagen ihn die Spielarten des Lichts, weshalb es ihn immer wieder in die Küstenstadt Margate zieht. Dort steigt er unter falschem Namen bei Sophia Booth (Marion Bailey) ab, mit der er heimlich eine innige und zärtliche Liebesbeziehung beginnt. Mehr und mehr scheiden sich an dem ruhelosen Künstler die Geister: Leidenschaftlich verteidigt ihn Kunstkritiker John Ruskin (Joshua McGuire) gegen kritische Stimmen, die Turners zunehmend abstrakter werdende Bilder als Klecksereien verspotten. Als ihm ein Millionär 100.000 Pfund für sein Gesamtwerk bietet, schlägt Turner das Angebot aus. Ungebrochen radikal bleibt Turner bis ins hohe Alter. Künstlerisch wie privat. Denn Haushälterin Hannah erfährt erst spät von Turners anderem Leben, das er an der Seite von Mrs. Booth führt.

Joseph Mallord William Turner (1775–1851): Meister des Lichts, ein Gigant unter den Künstlern, zielstrebig und kompromisslos, außerordentlich produktiv, revolutionär in seinem Ansatz, vollendet in seinem Handwerk, vorrausschauend in seiner Vision. Der Mensch Turner jedoch: exzentrisch, anarchisch, verletzlich, unberechenbar und gelegentlich ungehobelt. Er konnte bösartig und zugleich sanftmütig sein, und er war zu großer Leidenschaft und Poesie fähig. Spall bedient beide Seiten des Menschen. Mike Leigh konzentriert sich auf die letzten 25 Jahre des Künstlers. In Episoden ohne „durchgehende“ Handlung zeichnet er das Bild eines Getriebenen, der sich an einem Schiffsmast festbinden lässt, um einen Sturm aus der Nähe zu sehen. Gleich darauf folgen zärtliche Altersliebesszenen. Turner hatte zwei uneheliche Töchter mit Sarah Danby, der Tante von Hannah Danby, und einen Stiefsohn von Sophia Booth.
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Turner  löste sich in seiner Malerei von der Gegenständlichkeit der Darstellung. 60 Jahre vor der Epoche der abstrakten Malerei. Turner malte sozusagen Gefühle und vermittelte dem Betrachter eine Empfindung. Die Farbflächen wurden zu Projektions- und Assoziierungsflächen. Der Betrachter wurde so individuell und frei in seiner Reflexion wie der Künstler. Diese Malerei war Ausdruck einer Zeit und einer Gesellschaft, in der nichts mehr seinen angestammten Platz hatte, in der keine Tradition Sicherheit bieten konnte, in der sich alles auflöste und neu zusammensetzte. Turner nahm sich diese Freiheit, die Freiheit des schöpferischen Individuums, das jetzt Mitte des 19. Jahrhunderts zeigte, dass es eine ganze Welt neu erfinden konnte. Dieser dargestellte Gedanke allein macht Leighs Film ebenfalls zum Kunstwerk.

www.turner-derfilm.de

www.william-turner.org

Wien, 2. 12. 2014

Robin Sloan: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra

Mai 14, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Auf der Suche nach Unsterblichkeit

Die sonderbare Buchhandlung des Mr Penumbra von Robin SloanMr. Penumbras Buchhandlung in San Francisco hat 24 Stunden am Tag geöffnet. Doch Kunden sind selten, gibt es doch wenig Literarisches zu erstehen. Und die seltenen, seltsamen Personen, die sich in das verstaubte Geschäft verirren, wollen bloß das eine: Sie leihen sich alte Codices aus. Drei Stockwerke hohe Regale beherbergen riesige Folianten, die keine Texte beinhalten, sondern nur ellenlange Reihen aus Buchstaben.
Drei Mitarbeiter teilen sich die 8-Stunden-Schichten, einer von ihnen ist Clay Jannon. Die Rezession hat ihn seinen Job als Webdesigner gekostet, und so meldet er sich auf eine Stellenanzeige hin bei Mr. Penumbra, einen etwas schrulligen älteren Herrn. Mit Büchern hat Clay wenig am Hut. Er ist kein typischer Bücherfreak, sondern ein erfolgloser Computernerd, der nicht so recht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll. Aber ein Job ist ein Job. Er übernimmt die Nachtschicht, und bald wird ihm klar, dass im Buchladen irgendetwas nicht stimmt: Denn die Buchhandlung des Mr. Penumbra ist bloße Fassade, hinter der eine Geheimgesellschaft von Lesern verkehrt. Und langsam beginnt auch Clay der Faszination der Bücher und seiner Geheimnisse zu erliegen. Mit der Unterstützung anderer Nerds, seiner Freundin Kat, einer rationalen Mitarbeiterin von Google und seines ältesten Kumpels Neel, Experte für die 3D-Animation von Brüsten in Computerspielen, und natürlich mit Mr. Penumbra selbst, macht er sich daran, dieses Geheimnis zu lüften. Ein Geheimnis, das bis in die Anfangszeiten des Buchdrucks zurückreicht, in den Codex Vitae des Buchdruckers Aldus Manutius zu suchen ist, der den Wunsch des Menschen nach Unsterblichkeit zu verbergen scheint.
Robin Sloan entführt den Leser in eine vertraute und trotzdem mitreißend andersartige Welt mitten im Alltag. Der Erstling des 1979 geborenen US-Autors ist eine moderne Abenteuergeschichte, Krimi und Satire zugleich. Er bewegt sich im Sog aus Google, E-Books, Computerspielen, Raubkopien, Open Access und Leistungsschutzrecht, frei zugänglicher und teuer lizenzierter Software, gigantischer Digitalisierungsvorhaben, aber auch in der faszinierenden Welt alter Buchdruckkunst und besonderer Schriftzeichen.
Um das Geheimnis zu entschlüsseln landen Clay und seine Freunde schließlich in den tiefsten Gewölben der Gemeinschaft des „Ungebrochenen Buchrückens“ in New York, modernste Technologien sollen bei der Lösung des Rätsels helfen.
Am Schluss müssen die Beteiligten erkennen, dass sie Teil eines großen Spiels waren, und es bleibt die Erkenntnis: auch High-Tech stößt an seine Grenzen. Sloan hat ein leises Buch und eine moderne Liebeserklärung an Bücher, Worte und Buchstaben geschrieben. Und die Lösung des Geheimnisses? Es gibt zwar keine Unsterblichkeit, aber dafür ist Freundschaft ein umso wichtigeres Gut, dass die Jahrhunderte überdauert.

Über den Autor:
Robin Sloan wurde 1979 in der Nähe von Detroit geboren und hat an der Michigan State University Wirtschaftswissenschaften studiert. Er hat für Twitter und verschiedene andere Onlineplattformen gearbeitet und schreibt gerade an einem neuen Roman. Er lebt in San Francisco.

Blessing, Robin Sloan: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“, 352 Seiten. Aus dem Amerikanischen von Ruth Keen.

www.randomhouse.de/blessing

Wien, 14. 5. 2014

Schauspielhaus Graz: Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Dezember 10, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Regisseur Philip Jenkins im Gespräch

Kaspar Locher, Julius Feldmeier Bild: (c) Lupi Spuma

Kaspar Locher, Julius Feldmeier
Bild: (c) Lupi Spuma

Am 14. Dezember hat am Schauspielhaus Graz „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ nach der Erzählung von Robert Louis Stevenson Premiere. Stevenson, unter anderem Autor des Klassikers Die Schatzinsel, schrieb die Novelle Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde 1886. Neue Entwicklungen auf dem Gebiet der Technik und Wissenschaft bescherten damals den Menschen auf einen Schlag neue Freiheiten und Risiken. Im Dilemma der Doppelfigur Jekyll/Hyde, der Aufspaltung zwischen Gut und Böse, schuf Stevenson einen Stoff, der nun im 21. Jahrhundert mit der Frage, wie man leben möchte, neue Gültigkeit erfährt. Dr. Jekyll ist in seiner Forschung auf die Möglichkeit gestoßen, einen Teil seines Ichs abzuspalten und in ihm all das auszuleben, was ihm sonst verwehrt bleibt: Entgrenzung ist das Zauberwort! Der Traum vom Ausleben der Sehnsüchte, auch der dunklen, ohne dafür belangt, ohne in seinem Umfeld erkannt zu werden, wird für ihn Wirklichkeit. Doch Dr. Jekylls Selbstversuch geht schief und die andere Identität Hyde ist bald nicht mehr bereit, nur der Erfüllungsgehilfe für den Doktor zu spielen. Jekyll hat sich seinen eigenen Todfeind geschaffen! Es spielen Julius Feldmeier, Pia Luise Händler, Kaspar Locher und Christoph Rothenbuchner. Regie führt: Philip Jenkins (*1976 in Heidelberg) studierte Theaterwissenschaft in Wien, bevor er Regieassistent am Burgtheater wurde. 2008 inszenierte er die Österreichische Erstaufführung von Das Leben der Bohème nach Aki Kaurismäki am Burgtheater und arbeitet seither regelmäßig am Volkstheater Wien und am Harzer Städtebundtheater. Am Schauspielhaus Graz inszenierte er 2013 die Österreichische Erstaufführung von Elfriede Jelineks FaustIn and out. Ein Gespräch.

MM: Wie kam es zur Beschäftigung mit Jekyll und Hyde? Was ist für Sie der Reiz an der Geschichte von Robert Louis Stevenson?

Philip Jenkins: Für mich ist „Jekyll und Hyde“ ein außerordentlich interessanter Stoff, weil es um Verwandlung geht, ein Ur-Thema des Theaters – Verwandlung im tatsächlich existentiellen Sinne. Ein anderes wichtiges Thema ist Freiheit. Jekyll sieht die Chance, sich nicht nur als Individuum frei zu machen, sondern sogar sich von sich selbst als Individuum zu befreien. Es gelingt ihm anscheinend, sein Gewissen nach Belieben an- und abzuschalten und seine Sehnsüchte komplett in eine andere Person zu verlagern. Das heißt, er kann sich auf der einen Seite rücksichtslos ausleben, auf der anderen Seite bleibt er ein verantwortungsvoll funktionierender Bürger mit reinem Gewissen. Diese vollkommene Freiheit Jekylls kippt allerdings ins Gegenteil: Als Hyde die Kontrolle übernimmt, verliert Jekyll nach und nach das, was selbst dem Unfreiesten immer noch bleibt, nämlich mit sich eins und identisch, sprich „individuell“ zu sein. Das Dilemma Jekylls, gleichzeitig frei und verantwortungsvoll zu sein, die scheinbare Überwindung dieses Dilemmas und die katastrophalen Folgen – das finde ich hochaktuell.

MM: Wann haben Sie den Roman zum ersten Mal gelesen? Und was dabei gedacht, empfunden?

Jenkins: Den Roman habe ich, glaube ich, mit 18 zum ersten Mal gelesen. Fasziniert hat mich daran das, was wohl bis heute die Popularität der Geschichte ausmacht: Die vereinfachte, aber eben nicht banalisierte Grundkonstellation für eine Vielzahl von komplizierten Problemen. Deshalb ist „Jekyll und Hyde“ einer der wenigen modernen Großstadt-Mythen geworden, ähnlich wie die ebenfalls viktorianischen Mythen „Sherlock Holmes“ und „Dracula“.

MM: In Ihrer Fassung haben Sie der Story das „Viktorianische“ runtergeräumt. Es bleibt ein Philosophieren um „Bewusstsein“. Ihr Jekyll scheint mir weniger Arzt als Mathematiker in einer Gödel’schen Variation. Ihre Meinung dazu? Und: Ist jeder Wissenschaftler in irgendeiner Form ein „Ungeheuer“?

Jenkins: Ich habe versucht, in den ersten Szenen einen gewissen „Konversations-Ton“ beizubehalten, der sich im Laufe des Stücks wandelt. Die Normalität, fast schon Gediegenheit von Jekylls, Beatrix’ und Johns Welt spiegelt sich wider in einer Dialog-Struktur, die dem Publikum vertraut ist. Mit dem Einbruch von Hyde in diese Welt ändert sich auch die Sprache. Bemerkenswert ist, daß es zur heutigen Bewusstseins-Forschung Beiträge von Wissenschaftlern aus allen Disziplinen gibt: Physiker, Mediziner, Biologen, Soziologen, Mathematiker, Philosophen u.a. beschäftigen sich damit. Man könnte fast sagen, daß das Bewusstsein wieder den Universalgelehrten vergangener Jahrhunderte verlangt – im Gegensatz zur sonstigen zunehmenden Spezialisierung in der Wissenschaft. Deshalb ist Jekyll in meiner Fassung zwar Mediziner, aber er hat Kenntnisse aus verschiedenen Bereichen und kann diese verknüpfen. Sind Wissenschaftler „Ungeheuer“? Nein, sicherlich nicht. Es gibt Wissenschaftler, die mit größter Vehemenz versuchen nachzuweisen, daß der Mensch nur ein Haufen Neuronen ist, und die trotzdem verheiratet sind und ihre Enkelkinder lieben. Wie geht das zusammen? Diese Diskrepanz zwischen „reiner Lehre“ und Privatleben finde ich im Hinblick auf „Jekyll und Hyde“ besonders interessant.

MM: Wie stark beeinflusst Jekyll die Angst, gesellschaftlichen Konventionen nicht zu genügen?

Jenkins: Jekyll hat soziale Defizite. Seine Verlobte Beatrix ist da viel geschickter, man kann sagen, sie ist eine „Netzwerkerin“. Und sie ist verärgert, wenn Jekyll ihre Bemühungen durch Ungeschicklichkeit oder Überheblichkeit torpediert. Dabei ist Jekyll gar kein erklärter Feind der gesellschaftlichen Konvention,  er versucht nur, sich ein Leben abseits davon zu etablieren.

MM: Ist Hyde ein Katalysator – für versteckte Obsessionen im Unter-Bewusstsein? Einer, der das Gehörte verdaut und die Wahrheit sagt? Der „Sicherheit“ bietet?

Jenkins: Ja, das kann man so sagen. Hyde kennt keinerlei Form von Loyalität oder Solidarität, das macht seine Stärke aus. Die Schattenseiten dieses asozialen Verhaltens muss er nicht ausbaden, weil er sich immer rechtzeitig in Jekyll flüchten kann. Das scheint am Anfang tatsächlich eine Art von „Sicherheit“ zu bieten. In unserer Fassung entsteht Hyde und muss sich dann erstmal eine Sprache schaffen. Das heißt, er verwertet die Gespräche, die Jekyll zuletzt geführt hat, löst Begriffe aus ihrem Kontext und wendet sie ins Zynische. Es liegt nahe, daß Jekyll während dieser Gespräche vielleicht auch ähnliches gedacht hat und es Hyde ist, der diese Gedanken dann ausspricht.

MM: Ist John der Gegenentwurf zum Janus-Kopf? Weil er seinen „freien Willen in den Dienst der guten Sache stellt“?

Jenkins: John macht scheinbar alles richtig: Er stellt sich den sozialen Problemen der Zeit und lässt sich dabei von einem sehr starken Gerechtigkeitssinn leiten. Er riskiert die Unversehrtheit seines Körpers, um der Stimme seines Gewissens zu folgen, ohne daß er durch äußere Einflüsse dazu gezwungen wäre. Zumindest hat er das vor. Aber er scheitert in seinem Vorhaben an der eigenen Bequemlichkeit, stellt also letztlich sein Wohlbefinden über die idealistischen Ziele. John will seinen „freien Willen in den Dienst der guten Sache stellen“, aber sein „freier Wille“ entpuppt sich lediglich als „guter Wille“. Und der bewirkt bekanntlich an sich nicht viel – heute wie damals. John weiß das, leidet darunter und bemitleidet sich dann auch noch selbst.

MM: Trägt jeder Jekyll und Hyde in sich? Wann ertappen Sie sich dabei, hyde-isch zu sein?

Jenkins: Ich glaube, beim „hyde-isch“-Sein ertappt man sich nicht so häufig, wie bei dem Wunsch, „hyde-isch“ zu sein – und der steckt wohl prinzipiell in jedem. Wohl jeder hat manchmal das Gefühl, es ginge ihm insgesamt besser, wenn er die Einschränkungen durch Kollegen, Familie, Freunde, Feinde – kurz Mitmenschen ignorieren könnte, und auch die Nöte derselben. Man glaubt, ein Recht dazu zu haben, andere beiseite zu schieben, um „auch mal an sich zu denken“, „nicht mehr zu kurz zu kommen“ usw. Aber wohin führt das in der extremsten Konsequenz?

MM: Ein paar Worte zur Inszenierung: Spielt ein Schauspieler Jekyll und Hyde? Eine rein körperliche Verwandlung oder eine mit Hilfsmitteln? Es gibt eine Szene, wo sich beide gegenüber stehen – also doch zwei Darsteller?

Jenkins:  Es gibt in der Inszenierung tatsächlich zwei Schauspieler für die beiden Figuren bzw. Charaktere (im englischen Theater ist das Wort für „Rolle“ ja tatsächlich „character“…): Christoph Rothenbuchner ist Jekyll, Kaspar Locher ist Hyde. Für die Verwandlungen gibt es ein bühnentechnisches Hilfsmittel. Und am Ende stehen sich die beiden auch einmal gegenüber.

MM: Sie haben am Schauspielhaus Graz 2013 die Österreichische Erstaufführung von Elfriede Jelineks FaustIn and out inszeniert. Warum da? Was sind die Vorzüge des Hauses, des Ensembles?

Jenkins: Die Stücke von Elfriede Jelinek haben in meiner Biographie einen besonderen Stellenwert. Als ich 1996 nach Wien kam, konnte ich die Uraufführungen von „Sportstück“ und „Das Werk“ sehen. Später war ich Regieassistent der Uraufführungen von „Babel“ und „Über Tiere“. Sowohl als Zuschauer als auch als Mitarbeiter haben mich die Texte und der Umgang mit ihnen stark beeindruckt. Als mir das Schauspielhaus Graz die österreichische Erstaufführung von „FaustIn and out“ anbot, war ich deshalb sofort Feuer und Flamme. Daß ich dafür zwei so großartige Schauspielerinnen wie Verena Lercher und Seyneb Saleh zur Verfügung hatte, war ein zusätzliches Glück. Und meine jetzige Besetzung ist genauso inspiriert und einsatzfreudig. Ja, das Schauspielhaus Graz hat ein hervorragendes Ensemble.

MM: Es gibt Verfilmungen von 1920 bis in die Gegenwart. Mit John Barrymore, Frederic March, Spencer Tracy, Jack Palance … Haben Sie einen Favoriten?

Jenkins: Die Frederic-March-Verfilmung ist besonders schön wegen ihrer liebevollen Personenregie und der expressionistischen, fast Caligari-haften Bilder. Die Version mit Spencer Tracy war für die Erstellung meiner Fassung insofern wichtig, weil ich mich vor allem im ersten Teil sprachlich an den Drehbuch-Dialogen orientiert habe bzw. Sätze aus dem Film zu neuen Dialogen montiert habe. Sehr gerne mag ich auch die Komödie „Der verrückte Professor“ mit Jerry Lewis. Und ein besonderes Schmankerl ist der Film „Das Testament des Dr. Cordelier“ von Jean Renoir mit dem französischen Film- und Theaterstar Jean-Louis Barrault…

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 10. 12. 2013

Star Trek Into Darkness

Mai 6, 2013 in Film

Spitzt die Ohren!Star-Trek-Into-Darkness

Sternenflottennachricht Nr. 1.: Schreiberlinge, die den Unterschied zwischen der Bezeichnung „Trekkies“ und „Trekkern“ nicht kennen, mögen es BITTE unterlassen über Gene Roddenberrys Universum zu berichten. Man mag vielleicht einen klingonischen Bird of Prey nicht von einem romulanischen Warbird unterscheiden können, auch schon schlimm, aber das geht zu weit!

Sternenflottennachricht Nr. 2.: Am 9. Mai startet in den Kinos der zweite Film mit der jungen Crew: „Star Trek Into Darkness“. Viel hat J. J. Abrams, der nicht nur neuer Regisseur auf der Brücke der Enterprise, sondern auch frisch gebackener „Star Wars“-Imperator ist (ungefähr gleichbedeutend, als müssten sich Rapid und Austria ein Umkleidekammerl teilen), weshalb Ur-Jim William Shatner Abrams auch als „Schwein“ bezeichnet haben soll, noch nicht über das zwölfte Kinoabenteuer von Kirk und Co. verraten: Ein psychopathischer Terrorist namens John Harrison (TV-„Sherlock“ Benedict Cumberbatch in der Rolle, für die lange Zeit Benicio Del Toro vorgesehen war, und angeblich der alte Klassiker „Khan“) will einen Vergeltungskrieg gegen die Föderation führen. Als Ablenkungsmanöver jagt er ein belangloses Archiv in die Luft, als alle Würdenträger sich ob der Tat versammeln, hat er sie. Oder so. Die Enterprise erobert derweil laut Vorspann Galaxien, in die nie zuvor ein Mensch vorgedrungen ist. Und in diesen unendlichen Weiten hat Kirk (Chris Pine) gerade viel Spaß mit zwei ringelschwänzigen Damen, als der Notruf kommt. Natürlich tut Kirk das Richtige, aber nichts nach Vorschrift, was zur nächsten Beziehungskrise mit Spock (Zachary Quinto) führt. Man ist hier ja schließlich in einer Mischung aus Weltraum-Western (Final Frontiers …) und Buddie-Film: der Heißsporn und der Analytiker. Bekannt ist noch, dass Uhuras (Zoe Saldana) Liebe zu Spock intensiver dargesteller sein soll. Das wäre neu! Denn im TV war Uhura noch Krik zugetan, was 1968 zum ersten via Flimmerkiste gezeigten schwarzweißen Kuss führte. Und, dass Benedict Cumberbatch saugut sein soll. Das wäre nur logisch!

Mehr dazu demnächst in der Filmkritik von www.mottingers-meinung.at. Mit von der Partie sind natürlich wieder auch der unvergleichliche Simon Pegg als Scotty, „Pille“/“Bones“ Karl Urban, John Cho als Mr. Sulu und Anton Yelchin als Pavel Chekov. Er war Abrams größtes Verdienst am 2009er Star Trek, dass alle Charaktere so gut gecastet waren, dass man sie sich als spätere/eigentlich frühere William Shatner, Leonard Nimoy (der ja zeitschleifig auch mitmischt), De Forest Kelley, James Doohan, George Takei, Nichelle Nichols oder Walter Koenig vorstellen konnte.

„Star Trek Into Darkness“ ist ein Film in 3D. Und darin liegt vielleicht die größte Gefahr für den Sci-Fi-Film. Dass zwischen Action, Spezialeffekten und Materialschlacht nicht die Selbstironie der 60er-Jahre-Fernsehserie auf der Strecke bleibt. Und Gene Roddenberrys, Im Zweiten Weltkrieg Bomberpilot in der US-Air Force, humanitäre Botschaft von Toleranz und Frieden zwischen den Völkern. Sein Captain Kirk ging zwar keiner schönen Frau und keiner Schlägerei aus dem Weg, aber, wenn’s hart auf hart kam, hieß es immer: Phaser auf Betäubung. Hoffentlich muss Jim nicht bald Gliedmaßen mit einem Lichtschwert abtrennen …

paramount-kino-newsroom.de

www.startrekmovie.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=rdZuqozLiUs&feature=youtu.be

Von Michaela Mottinger

Wien, 6. 5. 2013