Werk X: Aufstand der Unschuldigen

Oktober 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Beobachtung eines Brainstormings

Die Schauspieler schreiten schließlich zur Tat: Annette Isabella Holzmann, Felix Krasser, Christoph Griesser und Martin Hemmer. Bild: © Alexander Gotter

Wenn die Schauspieler knapp vor Schluss aus den Situationen treten und den Produktionsprozess diskutieren, dann ist das wie ein Fishing For Verständnis. Sieben Wochen habe man gearbeitet, und was habe man nun? – nichts! Keine Szenen, keine Dialoge, „keine einzige sinnvolle Zeile zu den Problemen unserer Zeit“. Nun, so schlimm ist es nicht.

„Aufstand der Unschuldigen“ im Werk X, dieser als Agitprop-Posse für Dummys angekündigte Abend, ist nur weniger Ali M. Abdullahs erste „Stück“-Entwicklung fürs Haus, als vielmehr das Beobachten eines Proben-Brainstormings zu Themen, die dem Ensemble dieser Tage vordringlich sind. Und so ist der Abend Werk-X-isch, wie man’s schon kennt, anarchistisch, kämpferisch und suggestiv, spannend, immer auch spaßig, und das Ende tumultös. Zu sagen, hier wäre was nicht fertig geworden, geht gar nicht, weil draußen in der wirklichen Welt ja auch nichts zum Abschluss gebracht ist. Die Debatte ist nicht beendet, der Fall nicht abgeschlossen – und kein Ausweg nirgendwo. Also.

Worum es geht, ist, kurz gefasst, die Frage danach, was wahr und was echt ist. In einer Zeit, in der fremdgefertigte Bilder und schreihälsische Parolen die Wahrnehmung bestimmen, muss man sich, so die Message, dieser Fernsteuerung entziehen und wieder lernen, vernunftbegabt eigene Entscheidungen zu treffen. Das Leben ist eben nicht „wie im echten Film“, und auch, wenn die Österreicher das gern tun, könne man nicht immer „nur zuschauen“ – dazu eine etwas lang geratene Episode über das Nichteingreifen heimischer UNO-Soldaten auf dem Golan.

Palavern in der Box: Peter Pertusini, Holzmann, Krasser, Griesser, Hemmer und Musiker Moritz Wallmüller. Bild: © Alexander Gotter

„Florian Klenk“ in der Greißlerei: Holzmann, Krasser, Griesser, Pertusini und Hemmer. Bild: © Alexander Gotter

Gefangen zwischen gelebten Geschichten und erzählter Realität versuchen die Schauspieler in knapp zwei Stunden, sich der selbstauferlegten Aufgabe zu stellen. Auftreten nun Verschwörungstheoretiker und Retrofuturisten, beide auch in ihrer Anti-Form, Doomer und Terroristen. Peter Pertusini gibt einen auf Gefahren aller Art vorbereiteten Prepper, der in komischer Verzweiflung Gewaltszenarien wie den Teufel an die Wand malt.

Den vielleicht stärksten und die Stoßrichtung der Veranstaltung vorgebenden Moment hat Christoph Griesser der vom martialisch brüllenden Anführer einer Roomclearing-Einheit zum traumatisierten Syrienkrieg-Heimkehrer wird. Eben noch wird das Publikum angeschnauzt, warum es seine Zeit im Theater vergeude, statt an seinen Schießübungen teilzunehmen, schließlich müssten sich auch Kulturbegeisterte zu wehren wissen, schon fällt er, ein Häufchen Mensch, in sich zusammen.

Palavert wird viel. Der Smalltalk auf einer Intellektuellen-Party wird rasch zum Streit, wenn jeder seine Ängste bloßlegt; Fußball-Hooligans, Herzinfarkt, Haie, das sei zu wenig brisant, befindet Annette Isabella Holzmann.

Angst, so die richtige, wichtige Aussage, ist ein mächtiges Tool in den Händen der Manipulierer. Wenn man aus dem Werk X und diesem Freie-Assoziation-Abend was mitnehmen kann, dann immer wieder Denkanstöße. In einer Fernsehtalk-Runde überbieten einander die Ideologienschleudern RAF-Gründer Andreas Baader, „Homeland“-Star Claire Danes, Identitären-Sprecher Martin Sellner und Globalisierungskritiker Jean Ziegler mit Argumenten darüber, ob Klasse vor Rasse gehe, rechts- vor linksradikal, Dachidentität vor Individualität, Grenzen dicht machen vor internationaler Solidarität.

Wie als Kontrastprogramm zu den Kopfgeschüttelten geht’s in eine Greißlerei und zu einer Gratiszeitung-Schlagzeilen-Lesung der Gemeindebauler. Martin Hemmer bestellt sich als Figur „Florian Klenk“, im Original Falter-Chefredakteur und also solcher Enthüllungsjournalist, ein Käsebrot und wird in ein Wortgefecht über globale und hausgemachte Katastrophen verwickelt. Dass er zwischendurch „gescheite“ Bücher über den Populismus aller Seiten in die Kamera hält, entwickelt sich zum Running Gag.

Sperrholzplatten-Labyrinth, Vidiwalls und Leuchtschriftbänder: Die aufwendige Spielraumgestaltung von Renato Uz. Bild: © Alexander Gotter

Überhaupt ist die Kamera das bestimmende Stilmittel dieser Aufführung. Renato Uz hat drei miteinander verbundene Boxen auf der Spielfläche aufgestellt, ein Sperrholzplatten-Labyrinth als Symbol für die medialen Verschachtelungen einer modernen Welt, von keinem Sitzplatz aus sieht man alles, aber viel über die beiden riesigen Vidiwalls. Auf zwei Leuchtschriftbändern laufen Zitate von Kurz und Kickl. Von ersterem unter anderem: „Es wird nicht ohne hässliche Bilder abgehen.“

Musikalisch ist der Abend, mit Moritz Wallmüller an der Gitarre und Martin Hemmer am Schlagzeug top, die Darsteller singen sich von Zager and Evans‘ „In The Year 2525“ über den M.A.S.H-Song „Suicide Is Painless“ zu Led Zeppelins „Stairway To Heaven“.

Die Unschuldigen aus dem Titel werden übrigens definiert, als diejenigen, die nichts dafür können in einem Land zu leben, dass die Demokratie sukzessive abschafft. (Wobei es an dieser Stelle Karl Kraus zu bemühen gilt: Es wäre mehr Unschuld in der Welt, wenn die Menschen für all das verantwortlich wären, wofür sie nicht können.) Felix Krasser wird als Selbstmordattentäter ausgewählt, wütende weiße Schauspieler müssten endlich die Vorstellung von dunkelhäutigen Extremisten verdrängen, doch bevor’s zum großen Kabumm kommt, ist er seinen Sprengstoffgürtel schon wieder los. Im Programmfolder-Interview sagt Fragensteller Abdullah, „dass wir langsam Antworten brauchen“, dass die kritische Linke anfangen müsse, Lösungen vorzuschlagen. „Aufstand der Unschuldigen“ bemüht sich zumindest darum, diese gesellschaftliche Klemme zu beschreiben. Motto: Brainstorming ist aller Problembewältigung Anfang.

werk-x.at

  1. 10. 2018

Kammerspiele: Das Lächeln der Frauen

Februar 3, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die fabelhafte Welt der Aurélie

Ruth Brauer-Kvam und Alexander Pschill Bild: Sepp Gallauer

Am End‘ endlich happy: Ruth Brauer-Kvam und Alexander Pschill
Bild: Sepp Gallauer

Ach, und wenn sie nicht gestorben sind. Das ist was fürs Herz. Noch dazu unterlegt mit Musik aus einem Lieblingsfilm. In dem ebenfalls ein Mann aus Liebe vorgibt, ein anderer Mann zu sein. Halt ein britischer Lord X statt des britischen Autors Robert Miller. Aber egal. Zum Zer-flie-ßen schön war’s. Die Kammerspiele brachten Nicolas Barreaus Bestseller „Das Lächeln der Frauen“ auf die Bühne. Und zwar sehr französisch und très charmant: Ruth Brauer-Kvam und Alexander Pschill sind vraiment supersympa. Und wenn der Theatermitgeher danach meinte, er habe jeden Moment auf den Auftritt der „Ratatouille“-Ratte gewartet, dann ist auch das als Kompliment gedacht. Ganze Kerle, Sie verstehen, und ihre Art, überwältigende Gefühle in … naja … eben zu kleiden.

Das Traumpaar der Kammerspiele-Liebeskomödie schlüpft diesmal in die Rollen von Aurélie Bredin und André Chabanais. Die Bistrobesitzerin hat einen Liebesroman gekauft – und findet sich und ihr Restaurant in diesem bis ins Detail porträtiert. Naturellement will sie den sensiblen Schriftsteller, laut Klappentext ein englischer Einsiedler, kennenlernen, doch sie scheitert am bärbeißigen Pariser Lektor. Denn der ist … na? … na? … genau! Und der Brillenträger auf dem Bild ein Zahnarzt aus der britischen Pampa, der Bruder des Literaturagenten, der überhaupt die Idee zu dem ganzen Schwindel hatte, weil der Lektor unter vorgesetztem Erfolgsdruck stand. Dieser, le Big Boss, will seinen Erfolgsautor nun aber an der Seine sehen. Für Interviews und Lesungen. Für André eine Katastrophe, für Aurélie die Chance. Die Verwicklungen werden immer verwickelter, vor allem, da André längst sein Herz an Aurélie verloren hat. Doch die schwärmt nur für ihren nichtexistenten Dichter. Also muss der in einen Kotzbrocken verwandelt werden.

Regisseur Fabian Alder hat tief in die Trickkiste der Screwball Comedies gegriffen. Mit feinem Witz und einem Händchen für die richtige Dosis Slapstick legt er diesen Parcours d’amour aus. Auf einer riesigen Leinwand laufen Schwarzweißfilme (Video: Moritz Grewenig), dahinter Schattenspiele. Pschill und Brauer-Kvam als verrückter Flic und vornehme Dame auf der Flucht, ein sinistrer Bouquinist gewährt Unterschlupf, die Dame enttarnt sich durch Trenchcoat tragen als Spionin. Und dann, nach einer köstlichen Film-noir-Verhörszene, das Happy End beim Blutorangenparfait. Mit Pschill als Bogey-Persiflage samt dessen Ich-bring‘-beim-Reden-die-Zähne-nicht-auseinander-Attitüde. Ach, seufzte ich das schon?, we’ll always have Paris. Sehr schön übrigens, wie in diesen Zuspielern Wien die Stadt der Liebe spielt. Alder zeigt die Täuschung offen, der Zuschauer ist Teil der Illusion, wenn falsche Bärte geklebt und Sakkos in Windeseile gewendet werden. André macht das Publikum nämlich zu seinem Verbündeten in Liebesfragen. Dabei hilft, dass die Bühnenfassung von Gunnar Dreßler die Erzählprosa über Strecken beibehalten hat, die Protagonisten kommentieren so das Geschehen. Die Filmdialoge sind dem Madcap-Flair angepasst und konterkarieren den sanften Zynismus auf dem Theater.

Was auf der Bühne passiert, ist aber nicht weniger hinreißend, als das Leinwandgeschehen. Pschill brilliert als André, ein geschmeidiger Bluffer und ziemlich unverschämt, also genau der Typus, mit dem’s Richtung Traualtar geht. Großartig, wie er die Marotten seines griesgrämigen Verlegerchefs, seines leichtsinnigen Agentenfreundes – und auch die Schrullen des Zahnarztes verkörpert. Der taucht tatsächlich auf und läuft zu Hochform auf. Pschill hat sich ein halbes Dutzend Stimmen und Mimiken zugelegt und darf mit dieser Performance auch als Erfinder der Solo-Doppelconference gelten. Er gestaltet mit seinem Spiel eine liebenswerte Hommage an den großen Nestor-Patou-Darsteller. Brauer-Kvam ist das Entlein, in dem der Schwan schlummert. Zielstrebig und unbeirrt von Andrés Ausweichmanövern verfolgt ihre Aurélie ihren Plan, in poetischen Traummomenten flattert ihr Finger-Herz wie ein Vögelchen vor Vorfreude auf. Brauer-Kvam beweist sich als Akkordeonistin und tanzt verliebt mit dem Besen. Die fabelhafte Welt der Aurélie ist bei ihr in besten Händen. Aurélie glaubt André alles, außer der Wahrheit. Und so muss dieser einen letzten Schachzug wagen, damit bis zum Abspann alles gut ist.

Alders Inszenierung hat alles, was eine „Pariser Bekanntschaft“ braucht: respektlosen Humor, einen schnellen Rhythmus, witzige Dialoge, exzentrische Charaktere und einen battle of sexes, in dem keinem etwas geschenkt wird. Das Publikum bedankte sich sehr herzlich für den vergnüglichen Abend. „Lassen Sie sich zum Valentinstag keine Blumen schenken, sondern ‚Das Lächeln der Frauen'“, schrieb eine entzückte Rezensentin als 2010 Barreaus Buch erschien. In eineinhalb Wochen ist es wieder soweit.  Nur diesmal dürfen’s statt Lektüre gerne Karten für die Kammerspiele sein …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=3DCb1VWp3yE

www.josefstadt.org

Wien, 3. 2. 2016

Landestheater NÖ: Der Himbeerpflücker

Januar 16, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein bitterböser Kasperl und sein zynisches Krokodil

Christine Jirku, Martin Leutgeb, Raimund Wallisch, Michael Scherff, Lisa Weidenmüller Bild: Lalo Jodlbauer

Bad Brauning, wie es säuft und streitet: Helmut Wiesinger, Christine Jirku, Martin Leutgeb, Raimund Wallisch, Michael Scherff und Lisa Weidenmüller
Bild: Lalo Jodlbauer

Es beginnt mit Steisshäuptl-Würstln fürs Publikum und Heino singt das Landserlied vom Polenstädtchen-Mädchen. Das Burgerl und der Zagl verteilen die Gaben vom Chef, großzügig gönnerhaft und marktschreierisch, und da kommt gleich zu Anfang Freude auf. Stadl-Stimmung! Die Leut‘ nehmen sie auf, die Pawlatschenbühnen- atmosphäre in die Regisseurin Cilli Drexel das Landestheater Niederösterreich taucht: Hier wird scharfzüngig Volkstheater gemacht, rabiates Grand Guignol. Mit Martin Leutgeb als bitterbösem Kasperl und Raimund Wallisch als seinem zynischen Krokodil. Leutgeb lädt zum Ende noch kornblumenblau auf drei Bier – bevor er dann die Bühne zerlegt. „Schönerer“ kann’s gar nicht sein. Jubel, Trubel und Applaus. Die Drexel hat dem Landestheater nach der „Hexenjagd“ wieder eine frische, freche und hochpolitische Inszenierung geschenkt: „Der Himbeerpflücker“. Es war längst an der Zeit, dass man sich Fritz Hochwälders Farce über Österreichs Ewiggestrige wieder angenommen hat.

Hochwälder, Jude und Sozialist, 1938 durch den Rhein schwimmend in die Schweiz geflüchtet, in den 1950er Jahren quasi Hausautor des Burgtheaters, berichtet aus dem gar nicht so fiktiven Dorf Bad Brauning. Dort trauern die Honoratioren der für sie „guten, alten Zeit“ nach, haben sie sich im Dritten Reich doch alle bereichert. Nicht zuletzt mithilfe des Himbeerpflückers, so genannt, weil der Scharführer Gefangene aus dem Lager „zum Himbeerpflücken“ in einen Steinbruch führte, um sie dort zu erschießen. Nun soll der Kriegsverbrecher auf der Flucht, also „Kriegsflüchtling“, und auf dem Weg nach Bad Brauning sein. Soll man ihn vor der „alttestamentarischen Rache“ schützen oder zweiterepublikstreu agieren? Während man sich um Tourismuszahlen und Zahngold sorgt, taucht ein vielen vermeintlich noch ziemlich gut bekannter Fremder auf …

Drexel tanzt mit der alpenländischen Identität Rock’n’Roll. Ihre Arbeit hat Tempo und Temperament; Hochwälders Blut-und-Boden-Panoptikum muss, Tür auf, Tür zu, durch eine Klipp-Klapp-Komödie hudeln, um den Anschluss an den dazugehörigen Mythos nicht zu verlieren. Man schwankt zwischen Generalamnestie und Generalamnesie, was den rechten Arm aber nicht an Ausreißern nach oben hindert.  „Heimat, bist du großer Väter, lauter Opfer, kane Täter“ sangen Helmut Qualtinger und Kurt Sowinetz, das berühmteste Steißhäuptl-Zagl-Duo, in ihren „Moritaten“. Der Atem der Geschichte stinkt zum Himmel, doch Drexel hat auch die Töchtersöhne nicht vergessen, für manche sind tausend Jahre ja nur ein Tag, und spickt den Text. „Das nenne ich ordentliche Beschäftigungspolitik.“ – „Asyl ist kein Menschenrecht.“ – „Wir sind die neuen Juden.“ So grauslich verfolgt fühlt man sich von den „linkslinken Gutmenschen“, dass man mit seiner Gesinnung in den Keller gehen muss – hierzulande bekanntlich the place to be -, von wo ein Live-Stream den Kampf der Kameraden gegen die „Überfremdung“ auf die Bühne überträgt. In bester Tradition wird zwischen „unter der Erde“ und „Erdgeschoß“ verhandelt, wenn’s um Günstlingswirtschaft, Postenschacherei und andere Arten von Parteinahme geht.

All diese Disziplinen beherrscht der Steißhäuptl aus dem Effeff. Martin Leutgeb verleiht dem Wirt und Bürgermeister wuchtige Gestalt. Er gibt das Bild dieser Art von Politiker so perfekt, man möchte ihn nicht zur Wahl vorschlagen. Er ist Despot und untertäniger Diener. Ist Lamm und Berserker. Hängt staatstragend seine Fahne in den Wind. Kann pathetisch fluchen und populistisch brüllen. Leutgeb zeigt sich als begnadeter Komödiant, ein Tiroler Michel Galabru, der auch gekonnt mit dem Publikum spielt. Und morgen die ganze Welt. „Und wer sollte nicht einverstanden sein?“  Ein Blick über die Rampe. Mit breitem Siegergrinsen sucht er das Einvernehmen mit dem Saal. Aber da ist er nicht der einzige. Raimund Wallisch als Zagl tut’s ihm gleich. Und auch nicht. Er steht als personifizierter Sarkasmus in der allgemeinen HHHektik, ein Fels in der Brandung, weil NS-Mitläufer aus Überzeugung, nicht aus Geldgier, und daher in der Konsistenz seines Selbstkonzepts nicht bedroht. Als Pendant zum braunen Bürgermeistersanzug trägt er eine feldgraue Pagenuniform. Wallisch wirkt wie dem Hotel Savoy entsprungen, ein stiller, sinistrer, gefährlicher „Schläfer“. Die beiden Gäste am Landestheater haben die österreichische Verfassung in den zwei Gruselclowns erstklassig zusammengefasst.  Fast eine Million Stimmen können nicht irren. „Wir können wählen, wen wir wollen, aber innerlich sind wir doch geblieben, wer wir waren“, sagt Steißhäuptl.

Doch nicht nur er und sein untreuer Diener beherrschen Heimtücke und Intrige. Auch der Rest der Angepatzten ist diesbezüglich auf der Höhe. „Euthanasie-Arzt“ Helmut Wiesinger, „Rechtsanwalt“ Tobias Voigt, der wieder einmal seine Wandelbarkeit unter Beweis stellt, „Baumeister“ Michael Scherff, „Fabrikdirektor“ Christine Jirku, Lisa Weidenmüller, als Steißhäuptl-Tochter Sieglinde ein pampertes frühreifes Früchtchen, und „Postenkommandant“ Christoph Kail zeigen sich als vergangenheitsbewältigende Gemeinschaft von ihrer darstellerisch schlimmsten besten Seite. Da hat es das Burgerl von Magdalena Helmig nicht leicht. Die „dumme Gretel“ ist aber bald als satirische Spielmacherin am Zug. Helmig springinkerlt sich durch die Szene, die von der Schönheit links liegen gelassene Außenseiterin ist Steißhäuptls Dienstmädchen, macht Faxen und Grimassen, und wird am Schluss dem Ort ordentlich die Leviten lesen. Wenn sich nämlich der Himbeerpflücker als Kleinganove Kerz entpuppen wird. Reinhold G. Moritz gibt das mit seiner Halbseidenen, Eva Maria Marold, angereiste Schlurferl überzeugend, ein müder, abgetakelter Einsteiger, der hofft, die Dorftrottel abzocken zu können. Bis er erkennt, mit wem man ihn verwechselt. Da wird der Gauner zum einzigen ehrlichen Mann. Geht lieber ins Häfn denn als hofierter Holocaust-Verbrecher durchzugehen.

Fritz Hochwälder schrieb 1964 vom „ungebrochen faulen Zauber“ der „Hoch-Zeit“, von der Sehnsucht vieler nach dem neuen/alten Heilsbringer, vom Traum „die Welt der eigenen Minderwertigkeit zu unterwerfen“. Aus diesem Schoß kann’s wieder kriechen. Dagegen gilt es ein Theater zu machen. Und Politik. Cilli Drexel hat es getan: Einfach dem Schrecken in sein schimmliges Wiedergängergesicht gelacht.

Der Himbeerpflücker ist bis 2. 4. am Landestheater Niederösterreich und am 8. und 9. 3. als Gastspiel an der Bühne Baden zu sehen.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

Wien, 16. 1. 2016

Martin Suters „Die dunkle Seite des Mondes“ im Kino

Januar 11, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Moritz Bleibtreu besticht mit radikaler Performance

Moritz Bleibtreu Bild: © Felix Cramer

Moritz Bleibtreu
Bild: © Felix Cramer

Die Bücher des Schweizer Erfolgsautors Martin Suter werden von Film und Fernsehen gern und mit wechselndem Erfolg als Vorlage verwendet. Zwei seiner Werke aus der „neurologischen Trilogie“ hatten es ja schon auf die Leinwand geschafft, während Francis Girods Verfilmung von „Ein perfekter Freund“ allerdings nur in Frankreich zum Hit wurde, erlangte „Small World“ von Bruno Chiche dank Superstar Gérard Depardieu als Demenzpatienten internationale Anerkennung. Nun also kommt am 15. Jänner „Die dunkle Seite des Mondes“ ins Kino, der Titel eine Anspielung auf das Pink-Floyd-Album, von dem Suter sagt: „Es ist bis heute eines meiner liebsten. Und die Musik war zu ihrer Zeit eine treue Tripbegleiterin in der Szene.“

Der deutsche Regisseur Stephan Rick übernahm den Arbeitsauftrag vom ursprünglich vorgesehenen Oliver Hirschbiegel und adaptierte die Geschichte eines Anwalts, dessen Leben sich nach einem durch halluzinogene Pilze ausgelösten Rausch radikal ändert, für die Leinwand. Der Film präsentiert sich als rasanter Psychotrip, der den Zuschauer von der ersten Minuten an in seinen Bann zieht. Die Spannung ist von Anfang an hoch, doch Rick versteht es, die Spirale immer noch weiter anzuziehen. Dass das gelingt, ist nicht zuletzt das Verdienst von Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu, der eine beeindruckende Performance abliefert.

Bleibtreu spielt den Wirtschaftsanwalt Urs Blank. Dieser ist der unangefochtene Star auf seinem Gebiet. Er ist erfolgreich, hat Geld und die für ihn perfekte Frau (Doris Schretzmayer). Der Selbstmord eines Geschäftskollegen wirft Blank jedoch aus der Bahn. Er fängt an, sein bisheriges Leben in Frage zu stellen. Vielleicht auch deshalb fühlt er sich so zu Lucille (Nora von Waldstätten) hingezogen, die ihm mit ihrem alternativen Lebensstil eine ganz neue Welt eröffnet – und ihn mit magic mushrooms verführt. Mit Folgen für Blank, denn nach diesem Abenteuer verändert sich seine Persönlichkeit. Seine dunkle Seite kommt zum Vorschein. Zunächst fast unbemerkt, dann mit unbarmherziger Macht brechen lang unterdrückte Aggressionen aus ihm heraus. Und machen den zivilisierten Anwalt zum instinktgetriebenen Individuum, verwandeln den Dr. Jekyll in Mr. Hyde. Zutiefst verunsichert von seiner Wandlung flüchtet sich Blank aus seinem alten Leben in den Wald, um dort nach einem Gegenmittel für den missglückten Selbstversuch zu suchen. Doch für seinen Geschäftspartner Ott (Jürgen Prochnow) ist der unberechenbare Blank eine tickende Zeitbombe geworden. So wird er zum Gejagten – und sein Kampf um seine Rückkehr zum Wettlauf um sein Leben …

Bleibtreu begibt sich auf eine darstellerische Tour de Force. Sein Urs Blank ist so sensibel wie brutal, funktioniert als Mörder ebenso wie als Liebhaber. Die Ambivalenz, die der Schauspieler der Suter’schen Figur gelassen hat, macht den großen Reiz des Films aus – und zeigt einmal mehr, wie vielfältig er in seinem Spiel sein kann. Ließ der Autor seinen Roman schon zwischen Psychothriller und Psychogramm eines Mannes in der Midlife-Crisis, zwischen Horror- und -märchen changieren, so tut dies Bleibtreu mit seiner Rolle erst recht. Da hat einer Schubladen souverän und mit so großer Kraft zugeschlagen, dass sie von keinem Katalogisierer mehr zu öffnen sein werden!

Jürgen Prochnow hatte in seiner beeindruckenden Karriere zweifellos schon bedeutendere Rollen, als die des Ott, doch ist es wie immer erfreulich, den Boot-Star wieder einmal im Kino zu sehen. Als eiskalter, unberechenbarer Machtmensch überzeugt Prochnow selbst in seinen seltenen Momenten. Er ist nicht nur erbitterter Gegner Blanks, sondern wird als Kämpfer auch handgreiflich, was zu einem blutigen Showdown im Wald führt, den die gewieften Kameramänner Stefan Ciupek und Felix Cramer mit poetisch-expressiven Bildern ausmalen. Zu einem wiederkehrenden Motiv werden etwa Begegnungen mit einem schwarzen Wolf, das sind geheimnisumwitterte Sequenzen, doch gefertigt, ohne dass der Film dadurch künstlich oder verkopft wirken würde.

Ein Dämpfer für Suter-Auskenner mag es sein, dass Rick, der auch das Drehbuch schrieb, Blanks Halluzinationserfahrungen und seine Naturerlebnisse stark zusammenstrich, obwohl sie beinah die Hälfte der literarischen Vorlage ausmachen. Dennoch ist Ricks Verfilmung von „Die dunkle Seite des Mondes“ eine in sich stimmige, erstklassige Analyse über den schmalen Grat zwischen Normalität und Wahnsinn, auf dem sich der Mensch befindet. Sehenswert!

www.dsdm-film.de

Wien, 11. 1. 2016

Landestheater Niederösterreich: Ungeduld des Herzens

November 28, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Stefan Zweigs Sittengemälde als intimes Familientableau

Swintha Gersthofer und Moritz Vierboom Bild: Nurith Wagner-Strauss

Swintha Gersthofer und Moritz Vierboom
Bild: Nurith Wagner-Strauss

Mitleid ist die zentrale Botschaft des Glaubens. Nicht die Hoffnung auf eine allumfassende Liebe, sondern die Fähigkeit mit dem anderen dessen Last zu tragen. Mitleid bedeutet nicht, sich diese Last aufbürden zu lassen. Dieses in Mitleidenschaft gezogen zu werden passiert aber Anton Hofmiller.

1938 hat Stefan Zweig seinen Roman „Ungeduld des Herzens“ geschrieben. Schon im Exil. Auf einer k.u.k.-Folie, der „guten alten“ für einen Weltkrieg verantwortlichen Zeit, entwirft der Schriftsteller ein Sittengemälde seiner Tage. Er, der so gern als der unpolitische unter Österreichs Autoren gesehen wird, stellt darin eine treffsichere Diagnose über eine an den Rand der Menschlichkeit taumelnde Gesellschaft. Hellsichtig scheint der Pazifist gesehen zu haben, welches Unheil da noch kommen wird. Und so formuliert er an gegen die Hetzredner, schilt die Politik, dass sie kein besseres Mittel gegen die Kluft zwischen Arm und Reich weiß, als diese krakeelen zu lassen. Zeigt ein wie in absolutistischer Erstarrung manövrierunfähig gebliebenes Österreich, in dem viele sich zurück in ein Weltreich, heim ins Reich, sehnen. Beschreibt skrupellosen Wirtschaftsliberalismus und eine Figur, deren Vorbild unverkennbar Alfred Adler ist, der Begründer der Individualpsychologie und Benenner des Minderwertigkeitskomplexes. Hofmiller erzählt im Roman rückblickend von seiner alles andere denn als Kavalier absolvierten Jugend, es ist eben 1938, und der ehemalige Kavallerieleutnant macht sich kurz nach dem „Anschluss“ bereit, sich gegen die öffentliche Meinung zu stellen. Diesmal nicht feig sein. Diesmal aktiver Widerstand.

2015 hat Regisseur Thomas Jonigk für das Landestheater Niederösterreich eine Bühnenfassung des Romans erstellt. „Ungeduld des Herzens“ als Kammerspiel mit wenig Herz und zuviel Hirn. Er macht aus Stefan Zweigs Sittengemälde ein morbides Familientableau. Beinah ein Stillleben, denn seine Figuren agieren so spröde leblos, so ohne Sentiment, als wäre das Leben still stehen geblieben. Im Hintergrund (Bühnenbild: Lisa Dässler, Kostüme: Esther Geremus) steht ergo, läuft nicht, ein Bild wie Eadweard Muybridges Serienfotografie „Horse in Motion“ aus dem Jahr 1872. Die vielen Einzelbilder, die es ganz machen, verwehrt er. Das Bild bleibt brüchig. Die Arbeit des Regisseurs auch. Der Abend ist so beklemmend, dass das Publikum immer wieder in befreiendes Lachen ausbrechen muss. Jonigk hat das Personal bis auf die Wesentlichen schlank gemacht, es gibt sechs Spieler, die Staffage wie etwa die Kasernenkameraden ist gestrichen. Europas untergehendes Judentum ist kein Thema mehr. Auf den ersten Blick ist diese Inszenierung eine interessante, hochintelligente Themenverfehlung.

Doch so ein einfaches Urteil erlaubt Jonigk sich und den Zuschauern nicht. Sie ist schon da, die Schwingung, im Infraschallbereich, schleicht sich in den Körper als unangenehmes Gefühl einer Parallelität zur Gegenwart, ein kollektives 21.-Jahrhundert-Atemanhalten in Erwartung der größtmöglichen globalen Katastrophe. Stefan Zweig, leider zeitlos. Jonigk führt dafür einen Charakter quasi neu ein, der im Roman wohl existiert, aber nicht mit dieser Gewalt regiert. Während Moritz Vierboom als Anton Hofmiller weiterhin gleichsam als Ich-Erzähler fungiert, wurde ihm eine Erklärerin zur Seite gestellt. Babett Arens als Frau Engelmayer ist die Sensation des Abends. Sie ist allwissende Besserwisserin und überzeitliche Zeittafel. Sie ist eine Mephista, wie sie da am Pianino sitzt, höflich desinteressiert am Schicksal der anderen, aber es dennoch dirigierend. Mit lapidarem Lächeln kommentiert sie: „Jetzt kommt wieder was Furchtbares.“ Oder weiß auf den Satz „Ich sterbe vor Hunger“ schon die zukunftsweisende Antwort: „Nein, Sie sterben an was anderem.“ Auch Ediths Sturz in die Tiefe sagt sie bereits zur Halbzeit der knapp zweistündigen Inszenierung voraus. Babett Arens, ganz groß. „Gott ist eine Erfindung des Menschen“, sagt die Engelmayer oft. In diesem Fall wohl eher eine des Teufels.

Moritz Vierboom steht als Hofmiller zum Glück jenseits der dieser Rolle oft verordneten strafbaren Naivität. Er ist natürlich immer noch Feschak, immer noch k.u.k.-Offizier – Standesdünkel und Ehrenkodex -, denn diese höhen Rösser braucht es, um ihn fallen zu lassen. Hofmiller scheitert an zu viel Höflichkeit, gemixt mit schlechtem Gewissen. Wegen seines Mitleids mit Edith wird er in Mitleidenschaft gezogen. Seine „Ungeduld des Herzens“ ist, sich möglichst schnell freimachen zu wollen von der peinlichen Ergriffenheit über dieses fremde Unglück, seine Haltung und Handlungen sind die instinktive Abwehr dieses fremden Leids von der eigenen Existenz. Vierboom spielt den Mann als Maus in der Falle. Nur kurz blitzt auf, dass der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Soldat sehr wohl nach Ediths Millionen schielt. Dass die Figuren eine Vorgeschichte haben, am wegweisendsten die des Grafen von Kekesfalva alias Lämmel Kanitz, was geschieht auf dieser Welt nicht alles par dépit, hat Jonigk nicht wirklich gefesselt. Aber wie sich Vierboom quält und windet ist schon sehenswert.

Ebenso wie Swintha Gersthofer als Edith. Bei Jonigk sitzt die Gelähmte nicht im Rollstuhl, ihre Behinderung wird somit zur Behauptung: Sie sich selbst sowie alle anderen behindern und lähmen sie. Ein gelungener Kunstgriff. Gersthofer gestaltet eine verzweifelte Feindseligkeit; ihr verbitterter Zynismus macht sie zur geistig alten Frau. Diese Kranke ist keine Dulderin, sondern eine hysterische Haustryannin, Hofmiller schon Ehekrüppel, bevor er noch ans heiraten denkt. In Blassrosé und mit zerzaustem Goldhaar wirkt Gersthofer wie eine gruselige Porzellanpuppe. In einer gespenstischen, imaginierten Tanz- und Stampfszene präsentiert sich ihre lebenserhaltende Egomanie. Sie kann auch in ihren Mitmenschen das Schlechteste zum Vorschein bringen. Als ihre Sexualität sich Bahn bricht, erweist sich Hofmiller endlich als Schwein. Vierboom und Gersthofer sind ein fabelhaftes Albtraumpaar. Ein Fest für … Swintha Gersthofer.

Michael Scherff changiert als Lajos von Kekesfalva zwischen Optimismus und Leidensmann. Dass er ein Manipulator ist, der durch diese Gabe schon zu seinem Geld kam und nun auf den Schwiegersohn hofft, ist nicht einmal mehr eine vollständige Fußnote. Genauso wenig wie die erzählerische Klammer, dass Hofmiller in den Krieg geradezu flüchtet, weil er sich die Schuld an Ediths Tod gibt beziehungsweise je nach Interpretation auch hat. Jonigk interpretiert nicht, er lässt aus. Er will Scherff als guten Menschen zeigen. Den braucht er wohl als Gegenpendel ebenso wie Magdalena Helmigs Ilona und deren Lebenslust und Leichtigkeit, nicht aber ihre Verlustbereitschaft. Der einzig wahrhaft gute Mensch, wahrhaft bis zur Schmerzhaftigkeit, wobei so wirklich gut und wirklich sympathisch ist hier keiner, ist aber Doktor Condor, sehr straight, sehr präzise dargestellt von Tobias Voigt, der wie sein reales Vorbild der Psychosomatik auf der Spur ist.

Alfred Adlers literarische Hauptwerke heißen „Der Sinn des Lebens“ und „Über den nervösen Charakter“. Was könnte als Überschrift besser für diesen Abend am Landestheater dienen? Am Ende sagt die Arens noch: „Und im Dritten Weltkrieg …“ sie hüstelt … So weit wollte es Jonigk nicht kommen lassen, sich eine Hellsichtigkeit wie Stefan Zweig zu verpassen. Sie wäre zu grauenhaft. Da ist Sarkasmus die bessere Wahl. Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten. Sagte Brecht. Ein eigenwilliger, eigensinniger Theaterabend!

Termine:

„Ungeduld des Herzens“ ist am Landestheater Niederösterreich bis 31. Jänner und am 26. und 27. Jänner als Gastspiel in der Bühne Baden zu sehen.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

Wien, 28. 11. 2015