TAG: Dorian Gray. Die Auferstehung

Oktober 26, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schlüssellochsatire auf einen geistesnackten Kunstmarkt

Erbin Eleonora Raffalovich gewährt der Kunstwelt nur einen Schlüssellochblick aufs Kunstwerk: Alexander Braunshör (re.) mit Anna Mendelssohn, Georg Schubert und Alexander E. Fennon, hinten: Raphael Nicholas als Dorian-Gray-Akt. Bild: © Anna Stöcher

Die eigens aus London angereiste Oscar-Wilde-Biografin, eigentlich auf der Suche nach intimen Briefen, hat das Werk als erste gesehen, diesen auf einem Wiener Dachboden versteckten makellosen Männerakt, so lebendig auf die Leinwand geworfen, dass man meinte, er bewege sich. Ein Anruf bei vermeintlichen Freunden in London genügt nun, und die gerüchtesüchtige Kunstwelt steht Kopf. Jetzt wird konspiriert, intrigiert, manipuliert, falsifiziert, was das Zeug hält.

In Mara Mattuschkas wilde’scher Weitererzählung „Dorian Gray. Die Auferstehung“, einer Koproduktion von The Practical Mystery und dem TAG, und ebendort zur Uraufführung gebracht. Was Mattuschka mit ihrer Paraphrase des berühmten Bildnis-Romans geglückt ist, ist eine grandiose Gesellschaftskarikatur. Eine skurrile Schlüssel- lochsatire auf einen geistesnackten Kunstmarkt, Schlüsselloch, weil die Erbin nicht mehr als einen Blick durch dieses aufs Porträt erlaubt. Eine pechschwarze Boulevardkomödie über Sensationsgeilheit und Skrupellosigkeit. Ein Klamauk-Krimi, der Kuratoren, Konservatoren, Galeristen als perfide Geschäftemacher entblößt, während sich deren Schwindeleien-Schraube im typischen TAG-Stil in schwindelerregende Höhen schraubt.

Wien – Malerin Eva Frank und Oscar-Wilde-Biografin Heather Graham finden in jeder Hinsicht zueinander: Elisabeth Veit und Anna Mendelssohn. Bild: © Anna Stöcher

In London bereitet die Konkurrenz Howard und Chris Crisp derweil ihren Unzuchtsbettlaken-Coup vor: Georg Schubert und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Die Hype und Hysterie auslöst, ist Anna Mendelssohn als Wilde-Forscherin Heather Graham. Bei ihren Nachlass-Studien stößt diese statt auf pikante Billets von Oscar, John Gray und Marc-André Raffalovich auf eben besagtes Gemälde. Die britischen und der französische Schriftsteller waren eine Zeit lang in eine unglückselige Ménage à trois verstrickt. John soll Wildes Vorlage für die Figur des Dorian gewesen sein, was er jedoch stets dementierte. John und Marc-André blieben schließlich lebenslang ein Liebespaar, der Jude aus Paris folgte dem katholischen Priester sogar zu seinem Amt nach Edinburgh, wo beide 1934 knapp hintereinander verstarben.

Bei Mattuschka ist es Marc-Andrés fiktive Großnichte Eleonora Raffalovich, die in der sich darbietenden Graham-Chance eine Goldgrube erkennt. Ganz großartig spielt Alexander Braunshör die Grande Dame, ein schauerromantisches Nachtschattenwesen, das mit ärgerlich rollenden Augen und verächtlich verzogenen Mundwinkeln und dem Weltklassesatz „Die Geilheit geht nicht auf dem Strich spazieren, sie lauert in der Nationalbibliothek“ den Mitmenschen verdeutlicht, was von ihnen zu halten ist. Seine Warhol’schen „15 minutes of fame“ will aber auch ihr Diener Jirzi, Raphael Nicholas als ergeben-lasziver Kammerkater. Er nämlich ist das tatsächliche Modell im „frame“, rasch in den leeren Rahmen geturnt und in Pose gebracht, um der Handlung zur ihr gebührenden Heiterkeit zu verhelfen.

Eleonora bestätigt den Restauratoren die Echtheit des Gemäldes: Alexander Braunshör (M.) mit Raphael Nicholas und Georg Schubert. Bild: © Anna Stöcher

Die Einfassung für menschliche Eitelkeit kippt in Richtung Einsamkeit: Alexander E. Fennon fällt als Kunstkurator Adi Kunz rasch aus dem Rahmen. Bild: © Anna Stöcher

Paul Horn und moritz m. polansky haben dazu eine Perserteppichtreppe mit Koffern der Erinnerung bestückt, ein riesiger Bilderrahmen dreht sich als Tür oder um die Darsteller, er der Dreh- und Angelpunkt dieser Aufführung, eine Projektionsfreifläche für Eitel- wie Einsamkeit. Von mehreren Simultanspielplätzen sind zwei Betten, in denen sich eifrig getummelt wird. Und in denen Multikünstlerin Mattuschka gekonnt mit den Wilde-Motiven Dandytum und Homosexualität, Dekadenz und Geltungsdrang, seinem Doppelgänger-Leitgedanken und dem des Schattenarchetyps spielt. Das Ensemble verkörpert in Kostümen von Peter Paradise jeweils mehrere Charaktere, so Braunshör und Nicholas zum Ende hin die ob all der Lügenstorys amüsiert-verwunderten Oscar Wilde und John Gray, die gespensterhaft stimmverzerrt und vergnügt tänzelnd ihre bissigen Kommentare abgeben.

Apropos, Karikatur: In dieses Setting treten Alexander E. Fennon als Kurator Adi Kunz und Georg Schubert als Kunsthändler Otto Krause, geldgierige Ganoven, denen an Lug und Trug bis hin zur Fälschung eines Echtheits- zertifikats kein Vorgehen zum Zwecke der Gewinnmaximierung zu verbrecherisch ist. Tiefgründig waten Fennon und Schubert durch die Untiefen ihrer Dialoge; Auskenner können sich an der beiden Bonmots über Basil, sowohl Ward, wie Hallward, erfreuen, und an Querverweisen auf Helmut Berger als Massimo Dallamanos verderbter Playboy der Jet-Set-Siebziger. Doch alldieweil Kunz und Krause an der Verbringung des berüchtigten Konterfeis in einen anrüchigen Scheich- oder Oligarchentresor arbeiten, ist auch die Konkurrenz an der Themse nicht untätig.

„Dorian Gray“, das Musical: Raphael Nicholas und Georg Schubert swingen und singen, als Backgroundtänzerinnen Anna Mendelssohn und Elisabeth Veit. Bild: © Anna Stöcher

Dorian wird zum Werbeträger: Raphael Nicholas mit Elisabeth Veit, Alexander Braunshör und Georg Schubert als Modeschöpfer Kurt Lacomb. Bild: © Anna Stöcher

Schubert und Nicholas als schwule Lover Howard und Chris Crisp, die ein natürlich ebenfalls gefaktes „Unzuchtsbettlaken“ zur Auktion anbieten. Elisabeth Veit als dem figurativen Stil verpflichtete Malerin Eva Frank findet sich derweil nicht nur mit Heather zusammen, sondern in Jirzi auch das ideale Modell – mit freilich absehbaren Folgen. An dieser Stelle zerfasert Mattuschkas Farce über betrogene Betrüger und auf Fälschungen hereingefallene Fälscher ein wenig. Immer, wenn man meint, sie komme zum Schluss, setzt sie noch einen drauf und noch einen und noch einen …

Wohl, weil’s den Dorian-Gray-Stoff in mehr als zehn Musicalfassungen gibt, inszeniert sie auch eine ebensolche Szene. Jirzi, inzwischen völlig davon überzeugt und angetan, John-Dorian zu sein, bekommt als dieser einen Werbevertrag von Schuberts modeschöpfendem Lagerfeldklon Kurt Lacomb. Die Restauratoren bestätigen die Echtheit von Bildnis wie des um 100.000 Euro versteigerten Bettlakens, weil man auf beiden die gleiche DNA gefunden hat. Ein gewisser Churchill spielt dabei eine tragende Rolle.

Trailer: vimeo.com/366787170           dastag.at

  1. 10. 2019

Raimundspiele Gutenstein: Brüderlein fein

Juli 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch als Choleriker mit sensibler Seele

Im Kampf mit seinen Dämonen: Johannes Krisch als Ferdinand Raimund. Bild: © Joachim Kern

Ferdinand Ochsenheimer, Schiller-Star, Bühnenbösewicht, gefeiert am k. k. Hoftheater zu Wien, war also das große Vorbild. Lernt das Publikum unter Lachen, wenn Johannes Krisch ochsenheimerisch grimassiert, outriert, den Körper einmal um die eigene Achse schraubt – doch sein Ferdinand Raimund trotzdem nicht ans Burgtheater engagiert wird. Einige Szenen später, da ist Raimund schon die Wiener Volkstheater-Berühmtheit, den zu sehen

die Leute um die Häuserblocks Schlange stehen, wird er seinen Schauspielern jedes Extemporieren, jedes übertriebene Agieren verbieten. Der Dramatiker war nicht nur der beste Darsteller seiner Werke, sondern auch ein moderner Regisseur, der Disziplin und Texttreue einforderte. Dies nur eines der Dinge, die man in Felix Mitterers Raimund-Bioplay „Brüderlein fein“ über den Zauberpossen-Dichter erfährt, dessen Uraufführung Donnerstagabend bei den Raimundspielen Gutenstein mit Standing Ovations für Autor, Inszenierung und Ensemble endete. Intendantin Andrea Eckert hatte Mitterer als ausgewiesenen Experten fürs Historisch-Biografische mit dem Stück beauftragt, das nun chronologisch entlang Raimunds Leben und Schaffen verläuft, unterfüttert von Stück-im-Stück-Sequenzen und auch allerhand Zauberhaftem.

Auf den durch den Zuschauerraum wandernden Zuckerbäckerlehrling, der im Burgtheater in den Pausen Brezeln verkauft, und dort sein theatrales Erweckungserlebnis hat, folgen derart Fee Rosalinde und Nymphe Lidi – Figuren aus „Der Barometermacher auf der Zauberinsel“ -, die das Jungtalent mit allen Begabungen segnen, die es sich ersehnt. Mitterer erzählt im Zeitraffer von den wichtigsten Momenten, der Lebensliebe zur Kaffeehausbesitzerstochter Toni Wagner, der Ehe mit Schauspielkollegin Luise Gleich, die ihm ein Kind des Fürsten Kaunitz unterschob, zeigt Probenarbeit und Aufführungen und das Durchfallen von „Moisasurs Zauberfluch“ im Theater an der Wien. Der Name Nestroys irrlichtert durchs Geschehen, der große Rivale, der es hellhörig verstand, auf den Zug der Zeit aufzuspringen, schließlich das Hobellied statt des Pistolenschusses. Mitterer, seines Zeichens selbst Volksstückeschreiber, fährt seinen bewährten Mix aus Gelehrigkeit und Geschichtswissen auf, sein Drama wie immer durchsetzt von heiteren Episoden, und wenn der Tiroler über den Wiener sagt, er wäre ihm ein Bruder geworden, so glaubt man das aufs Wort.

Genialischer Dritter im Bunde ist Johannes Krisch, der Burgtheaterschauspieler auf Landpartie, der Ferdinand Raimund als den „leidenden Humoristen“ darstellt, als den ihn Zeitgenosse Carl Ludwig Costenoble einmal bezeichnete, Costenoble, der 1832 über Raimund in seinem Tagebuch vermerkte: „Der wird noch toll oder bringt sich um.“ Krisch, mit Hund Ariel als wuschelige Handpuppe, gibt den Komödianten, der so gern Tragöde sein wollte, in all seinen Extremen. Egal, ob ihm gerade rührselig ums Herz oder der Sinn nach kindlichem Überschwang ist oder „da Gache“, heißt: der Jähzorn, mit ihm durchgeht, gelingt Krisch das Psychogramm eines manischen Fieberkopfs, eines Cholerikers mit sensibler Seele, dessen Abstürze in die Depression, ins Hypochondrische für alle Beteiligten verheerend sind.

Liebeswerben bei Toni Wagner: Anna Rieser und Johannes Krisch mit „Hund“ Ariel. Bild: © Joachim Kern

Mutter Wagner ist darob nicht erfreut und erteilt „Trottoirverbot“: Eduard Wildner. Bild: © Joachim Kern

Therese Krones als „die Jugend“: Lisa Schrammel und Johannes Krisch. Bild: © Joachim Kern

Landpartie mit dem Freund Johann Landner: Johannes Krisch und Gerhard Kasal. Bild: © Joachim Kern

Nach der Pause zunehmend von Raimunds Dämonen getrieben, läuft Krisch zur Hochform auf, und eine schöne Idee ist, dass ihm Ariel im Zwischenmenschlichen als warnendes Gewissen zur Seite steht. Am Ende wird dieser Raimund, überzeugt, sich mit Tollwut infiziert zu haben, von Fabelwesen mit Hundsköpfen umzingelt werden … Regisseurin Nicole Claudia Weber und Ausstatterin Vanessa Achilles-Broutin stellen all das mit wenigen Mitteln auf die Bühne, Versatzstücke, ein Fenster, ein Alkovenbett, eine Gefängniszelle, werden rasant rein- und rausgeschoben, die Kostüme sind mit Reif- und Gehrock angedacht biedermeierlich. Tommy Hojsa begleitet die Handlung auf dem Akkordeon.

Aufgerieben wird Krischs Raimund zwischen den beiden Polen Luise Gleich und Antonie Wagner. Larissa Fuchs spielt erstere durchtrieben und berechnend, sie umgarnt den Dichter mit ihrem sinistren Plan der Eheschließung und ist gleichzeitig ebenfalls Opfer, des Fürsten Kaunitz, aus dessen Fängen es kein Entrinnen gibt. Krisch hat mit Fuchs starke Szenen. Wenn ein ganzes – imaginäres – Publikum ihm unter Buh-Rufen „G’heirat‘ wird!“ befiehlt, wenn er die untreue Gattin später während einer Vorstellung quer durch den Theatersaal jagt und würgt, da verbinden sich Verzweiflung und Furor und Volksstückewitz aufs Feinste. Fuchs hat zum Schluss noch einen feinnervigen Auftritt, als heruntergekommene Akteurin, die den Ex vergebens um ein Engagement anfleht.

Anna Rieser ist eine anrührende Toni Wagner, verständnisvoll, verzeihend, zu Raimunds Leidwesen kein Naturkind, sondern insektophobisch, was Rieser mit großem Vergnügen ausspielt, auch Raimunds Stimme der Vernunft, die ihn mahnt, künstlerisch bei dem zu bleiben, was er am besten kann und was sein Publikum schätzt – eine Einmischung in seine Belange, die sich der Egomane von der „Sitzkassiererin“, wie er sie schimpft, verbietet. Dennoch werden die beiden einander vor der Mariensäule in Neustift am Walde statt des dem Geschiedenen verbotenen Eheversprechens einen „ewigen Bund der Liebe und Treue“ schwören. Lisa Schrammel bleibt als Therese Krones, diese immerhin die gefeiertste Schauspielerin ihrer Zeit, deren exaltierter Lebensstil ihr einen frühen Tod bescherte, zu sehr im Hintergrund, singt aber als „Jugend“, Krones‘ berühmte Hosenrolle in „Der Bauer als Millionär“, im Duett mit Krisch glockenklar das „Brüderlein fein“.

Sein Jähzorn bringt Ferdinand Raimund ins Gefängnis: Johannes Krisch, Tommy Hojsa, Eduard Wildner als Fürst Kaunitz, Reinhold G. Moritz als Josef Gleich, Larissa Fuchs als Luise Gleich. Bild: © Joachim Kern

Neun Rollen teilen sich drei Schauspieler: Gerhard Kasal ist unter anderem als Soproner Theaterdirektor Christoph Kunz und als Johann Landner zu sehen, Raimunds Freund und lebenslange Stütze. Reinhold G. Moritz spielt den schlitzohrigen Theatermacher und Schwiegervater Josef Gleich, den sterbenden, seinen Sohn verfluchenden Vater Raimund und brillant den für seine Spontaneinfälle berüchtigten „Agent aller heiteren Charaktere“, wie ihn Adolf Bäuerle einmal nannte, Friedrich Korntheuer.

Eduard Wildner erscheint zum Gaudium des Publikums als übellaunige Mutter Wagner und erteilt Raimund „Hausverbot, Fensterverbot, Trottoirverbot“; Wildner gibt gefährlich jovial auch den Fürsten Kaunitz, wegen dessen sexueller Lust auf Kinder ihm Luise Gleich vom Vater „als Gespielin verkauft worden“ war. Ein Schicksal, das, so stellte sich heraus, als die „Affäre Kaunitz“ aufflog, 200 andere minderjährige Mädchen mit ihr geteilt haben.

Zum Ende eben „Der Verschwender“, Hobellied, und Mitterers Hommage an den Uraufführungs- und Raimunds Sehnsuchtsort, wenn er den Todgeweihten sagen lässt: „Begrabt‘s mich in Gutenstein, ja nicht in Wien“. Das ist freilich allemal einen Extra-Applaus wert. Mit „Brüderlein fein“ ist Felix Mitterer eine kitsch- und klischeefreie Vita-Verdichtung Ferdinand Raimunds gelungen, die zwischen plastischen Szenen und poetischen Passagen changiert, und Hauptdarsteller Johannes Krisch alle Register seines großen schauspielerischen Könnens ziehen lässt. Neben Mitterer galt ihm vor allem, der sich in gekonntem Alt-Wiener Dialekt in einen rappelkopfschen Wahn hineinwütet, der Jubel. Den die beiden Arm in Arm genossen.

Andrea Eckert und Felix Mitterer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=33961

www.raimundspiele.at

  1. 7. 2019

Raimundspiele Gutenstein: Intendantin Andrea Eckert und Autor Felix Mitterer im Gespräch

Juli 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch spielt Ferdinand Raimund in der Mitterer-Uraufführung „Brüderlein fein“

Andrea Eckert. Bild: © Janine Guldener

Kein Stück von, sondern eines über Ferdinand Raimund zeigen die Raimundspiele Gutenstein dieses Jahr. Intendantin Andrea Eckert hat keinen Geringeren als Autor Felix Mitterer um dies Stück gebeten, das das tragische Leben des großen Dramatikers und Schauspielers zum Inhalt hat. Uraufführung von „Brüderlein fein“ ist nun am 11. Juli – und das Publikum kann versichert sein, unbekannte Seiten Raimunds kennenzulernen. Den Dichter spielt der auch unter der Direktion Martin Kušej dem Burgtheater erhalten bleibende Johannes Krisch. Andrea Eckert und Felix Mitterer im Gespräch:

MM: Wie kam es zu Ihrer Überlegung, in Gutenstein dieses Jahr kein Stück von Ferdinand Raimund zu spielen, sondern eines über ihn zu initiieren?

Andrea Eckert: Der Gedanke kam mir sehr bald, nachdem ich bei den Raimundspielen als Intendantin begonnen hatte. Ich finde es wunderbar, dass es diese eindeutige Widmung der Spiele, sich ausschließlich mit Raimund-Werken zu befassen gibt, daran halte ich auch hundertprozentig fest, aber die Anzahl der Stücke ist begrenzt. Nicht nur deshalb dachte

ich mir, es wird Zeit, einmal über ihn zu erzählen, sondern auch, weil ich das Leben von Ferdinand Raimund zutiefst bewegend, bestürzend und ergreifend finde. Die wenigsten Leute wissen Genaueres darüber – kennen nur seinen spektakulären Selbstmord. Wenn ich von Raimund als Schauspielstar spreche, der die Wiener Theater füllte und für den Zuschauer um die Häuserblocks Schlange gestanden sind, um ihn auf der Bühne zu sehen, ein Mensch, der so leidenschaftlich und gleichzeitig so trostlos war, bekam ich nur ein „Ah so?“ zurück.

MM: Und so begann die Suche nach einem Dramatiker?

Eckert: Ich habe intensiv nachgedacht, wer das sein könnte, und da ich Felix Mitterer vom Dorothea-Neff-Stück „Du bleibst bei mir“ am Volkstheater kannte, da ich auch viele seiner anderen Stücke, zum Beispiel seinen „Jägerstätter“ und „Der Boxer“ an der Josefstadt gesehen hatte, war ich entschieden: Ich frag‘ ihn! Er war damals quasi mein Nachbar, weil wir im Weinviertel ein Haus haben. Er war anfangs zurückhaltend und hat liebenswürdiger Weise andere Kollegen vorgeschlagen, die’s schreiben sollen, ich habe allerdings nicht nachgelassen, bis er endlich Ja sagte. Er hat in erstaunlich kurzer Zeit eine Rohfassung geschrieben, und ich war von Anfang an begeistert, weil ich gemerkt habe, was er mir später auch bestätigt hat, dass er eine tiefe Beziehung, fast eine Seelenverwandtschaft, zu Raimund gefunden hat. Man merkt dem Stück an, dass hier eine Begegnung zwischen zwei Dichtern stattfindet, und ich bin glücklich, aber auch sehr aufgeregt, denn natürlich ist diese Uraufführung ein Experiment, ein, wie ich finde, für die Raimundspiele Wesentliches.

Felix Mitterer: Ja, nach der Dorothea Neff ist der Kontakt zwischen Andrea Eckert und mir aufrecht geblieben, wir haben uns in Niederösterreich auch öfters gesehen. Als sie mich wegen des Stücks gefragt hat, kannte ich von Ferdinand Raimund nur die Zauberpossen, die halt so gespielt werden, aber dann habe ich mich mit seiner Biografie beschäftigt und hab‘ ihn liebgewonnen, und dachte mir, das Leben dieses Mannes muss unbedingt auf die Bühne – und so habe ich zugesagt.

MM: Wie haben denn die Gutensteiner auf dieses Ansinnen reagiert?

Mitterer: Gut, glaub‘ ich. Ich bin ja immer wieder draußen und schaue mir Inszenierungen an, ich habe auch alles besichtigt, was mit Raimund zu tun hat, bis zum Grab auf dem Bergfriedhof. Na, und jetzt bin ich selber da gelandet, in einem Sommerfrischegebiet, so schön und lieblich, wie ich es nicht mehr für möglich gehalten hätte, sag‘ ich als einer, der aus den schroffen Tiroler Alpenhöhen kommt.

Eckert: Der Bürgermeister von Gutenstein, Michael Kreuzer, ist auch der kaufmännische Direktor der Raimundspiele. Ich habe meinen Plan mit ihm besprochen, er denkt natürlich kaufmännisch und erwartet sich einiges. Und es ist ja auch etwas Spektakuläres, es ist eine Welturaufführung, sie wird vom ORF aufgezeichnet. Darüber bin ich auch sehr glücklich, denn das ist für die Raimundspiele schon etwas Besonderes. Und wie der Kartenvorverkauf zeigt, folgt uns unser Publikum auf diesem Weg, etwas Neues zu sehen.

MM: Felix Mitterer hat seinem Werk den Titel „Brüderlein fein“ …

Mitterer: „Brüderlein fein“, obwohl er’s gar nicht fein mit sich selbst hatte.

MM: … nach dem berühmten Lied aus „Der Bauer als Millionär“ gegeben, in dem „die Jugend“ auftritt und „das hohe Alter“. Handelt das Mitterer-Stück auch „von der Wiege bis zur Bahre“?

Eckert: Nicht von der Wiege an, aber von seinen Anfängen, er kam ja aus sehr armen Verhältnissen, die Eltern sind früh gestorben, und so hat er als Bub Brezeln im Burgtheater verkauft, so hat er seine Leidenschaft fürs Theater gefasst. Das ist keine Anekdote, sondern das war so. Mit einem Brezelverkauf im Publikum beginnt auch unser Stück, dann geht’s weiter mit der Liebe und den Leidenschaften, mit den Erfolgen und Misserfolgen – chronologisch bis zum Ende.

Mitterer: Ich behandle die wichtigsten Ereignisse seines Lebens. Das beginnt mit dem Anbieten von Desserts und Limonaden aus der Manufaktur des Hofzuckerbäckermeisters Jung auf der Freyung, wobei er am Burgtheater sein Erweckungserlebnis hatte, geht weiter wie Raimund von der Fee Rosalinde aus „Der Barometermacher auf der Zauberinsel“ seine literarische Begabung erhält, bis zu den bekannten Erfolgen. Die große Tragödie des Ferdinand Raimund war ja, dass er immer der große Tragöde sein und am Burgtheater aufgeführt werden wollte. Er war kein glücklicher Mensch, ein Hypochonder, der sich selbst aber als solchen erkannt hat, und je erfolgreicher, je depressiver. Mein Stück ist aber keine Tragödie, sondern eine Tragikomödie, und ich hoffe so, wie der Raimund es heute auch geschrieben hätte. In trockener Verzweiflung und als Liebeserklärung an die Schauspielerinnen und Schauspieler.

Johannes Krisch. Bild: © Joachim Kern

Felix Mitterer. Bild: © Joachim Kern

MM: Herr Mitterer hat als Regieanweisung vorgegeben, „man möge sich an der damaligen Ausstattungspraxis orientieren“. Wie tun sich Regisseurin Nicole Claudia Weber und Ausstatterin Vanessa Achilles-Broutin damit?

Eckert: Die Mittel, die es zu Raimunds Zeiten gegeben hat, bringen Gutenstein jedes Jahr in die Bredouille. Wir sind finanziell kein reiches Festival, wir haben nicht einmal eine Drehbühne, geschweige denn eine Versenkung, wir können Raimund auch keine feuerspeienden Vulkane auf die Bühne stellen, wie er es in seinen Regieanweisungen schreibt. Wir arbeiten also mit dem, was uns zur Verfügung steht, und zu meinem großen Glück machen wir das mit einem künstlerischen Team, das sehr viel Fantasie hat.

Mitterer: Geh, man muss doch nur mit Papier und Pappendeckel hantieren, so wie damals. (Er lacht.)

Eckert: Nicole Claudia Weber und Vanessa Achilles-Broutin haben jedenfalls einen wunderbaren Weg gefunden, wie man rasche Verwandlungen ohne großen Aufwand, größtenteils durch die Darstellung der Schauspieler verwirklichen kann, ohne, dass unser Theater „Armes Theater“ wird. Die Inszenierung wird ästhetisch sehr speziell sein und alle Notwendigkeiten des Stücks bedienen.

MM: Denn die Darsteller sind fast alle mehrfach tätig, sowohl als eine real existiert habende Person als auch als Raimund’sche Bühnenfigur. Das heißt, Sie zeigen streckenweise Theater auf dem Theater?

Eckert: Stimmt. Das Ensemble spielt ja in Raimunds Stücken, es werden auch Proben gezeigt, während derer man sieht, welch moderner Regisseur Raimund auch war, einer, der unglaublich auf Text gehalten hat, und sehr streng mit seinen Schauspielern war. Es gibt sogar das Gerücht, dass er tätlich wurde, wenn’s ihm nicht gepasst hat. Er war ein sehr jähzorniger Mensch.

Mitterer: Der Raimund hat jede zweite Woche ein neues Stück geschrieben und rausgeschossen, weil ihm die von den anderen zu schlecht waren. Er war Schauspieler und übernahm auch die Regie, er war der erste, der darauf Wert legte, dass die Darsteller mit gelerntem Text auf die Probe kommen, das war damals gar nicht üblich, aber seine Strenge hat ihm recht gegeben, die Leute sind ins Theater g’rennt.

MM: Apropos, Gerüchte: Es gibt eine Polizeiakte, in dem festgehalten ist, er hätte seine Ehefrau Luise Gleich „auf eine wahrhaft unmenschliche Art“ misshandelt.

Eckert: Ferdinand Raimund war ein Künstler, und in seinen Lieben so extrem wie im Theater. Er konnte mit Betrug sehr schlecht umgehen, das kann ich verstehen. Er wurde von den Damen mitunter nicht gut behandelt. Schön finde ich es nicht, aber ich gestehe ihm zu, dass er mitunter ausgerastet ist. Man muss auch nicht alles glauben, was im Polizeiakt steht. Tatsache ist, dass er im Foyer der Josefstadt einmal einer Geliebten, die ihn betrogen hat, mit einem Stecken nachgerannt ist und damit zugeschlagen hat, und dann auch ins Gefängnis gekommen ist.

Mitterer: Mitten während der Vorstellung hat er sie quer durch den Zuschauerraum verfolgt und auf sie hingeprügelt.

Eckert: Trotzdem war er seiner großen Lebensliebe Toni Wagner bis zu seinem Ende in gewisser Weise treu.

Mitterer: Er war ein Fieberkopf, er hat sich immer bis zur Raserei verliebt. Und die Luise Gleich ist ihm ja schwanger untergeschoben worden. Die war von ihrem Vater dem Alois von Kaunitz wegen dessen sexueller Lust auf Kinder „als Gespielin verkauft worden“. Das erfuhr Raimund aber erst 1822, als die „Affäre Kaunitz“ aufflog. Jetzt muss man sich vorstellen, er stand mit dieser Soubrette, seiner Braut auf der Bühne, und wurde ausgepfiffen, weil das Publikum von ihm verlangte, zu heiraten. Die Toni Wagner war Kaffeehaustochter und ihre Eltern komplett gegen die Beziehung, weshalb die beiden auch nur vor der Mariensäule in Neustift am Walde einen „ewigen Bund der Liebe und Treue“ schließen konnten. Toni war auch bei Raimunds Selbstmord Zeugin, er wollte noch testamentarisch für sie sorgen, aber sie ist später völlig verarmt gestorben.

MM: Als Theaterkind der mittleren bis späten 1970-Jahre muss ich gestehen, dass ich mit Raimund lange Zeit wenig anfangen konnte. Die Aufführungen waren mir zu lieblich, zu süßlich, zu viele rosa Rüschen, wenn ich das so sagen darf – bis endlich Regisseurinnen und Regisseure herangewachsen sind, die die dunkle Seite seiner Zauberpossen erkannt und bedient haben. Was meinen Sie, hat sich punkto Aufführungspraxis und Rezeption gewandelt?

Eckert: Diese Zauberwelt, die eine ganz große Poesie und sehr viel Humor hat, das finde ich bei Raimund ganz wesentlich, und auch im Stück von Felix Mitterer so schön herausgearbeitet, existiert ja. Trotzdem, wie Sie sagen, gibt es dahinter auch eine genaue Sicht auf die Menschen. „Der Diamant des Geisterkönigs“ beispielsweise ist sogar ziemlich brutal. Auch „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ ist ein in dieser Hinsicht erstaunliches Stück. Raimund zeigt einen Kosmos verschiedenster Charakterzüge, auch die unangenehmen, die grauslichen. Das muss man sehen, aber nicht draufhauen. Insofern hat sich die Aufführungspraxis sicher geändert.

Mitterer: Mir ist es auch so gegangen. Als Tiroler Bub kannte ich Raimund-Inszenierungen nur von Fernsehaufzeichnungen, und die waren mir viel zu zuckersüß. Aber es gab auch Ausnahmen, immer wenn die Hörbigers spielten, das fand ich damals schon gigantisch.

MM: Lassen Sie uns über die Besetzung sprechen: Johannes Krisch ist natürlich der Glücksfall als Ferdinand Raimund. Wie haben Sie ihn gewonnen?

Eckert: Lassen Sie es mich so sagen: ich habe mich sehr um ihn bemüht. Es ist ein ganz wesentlicher Teil meiner Aufgabe, eine Besetzung zusammenzustellen, an die ich glaube. In diesem Fall steht und fällt das Stück mit der Figur des Raimund. Ich habe Johannes Krisch das Stück geschickt, ich habe ihm schon vergangenes Jahr eine Rolle angeboten, aber er hat mich freundlich versetzt wegen Dreharbeiten oder etwas anderem. In diesem Fall hat er mich am nächsten Tag zurückgerufen, und war offensichtlich vom Stück und der Rolle so begeistert, dass er mir zugesagt hat. Das ist großartig, weil er quasi seine sommerliche Drehzeit diesmal uns geschenkt hat.

Johannes Krisch als Ferdinand Raimund. Bild: © Moritz Schell

Larissa Fuchs als Luise Gleich, Johannes Krisch und Anna Rieser als Toni Wagner. Bild: © Moritz Schell

MM: Die Damen im Ensemble sind …?

Eckert: Anna Rieser ist Toni Wagner. Sie feiert große Erfolge am Landestheater Linz, ist dort ein echter Publikumsliebling, und ich denke, dass sie mit ihrem Charme und gleichzeitiger Herbheit eine ideale Toni ist. Larissa Fuchs ist die Frau von Johannes Krisch und ist besetzt als Raimunds Ehefrau Luise Gleich, die beiden haben am Berliner Ensemble gemeinsam „Liliom“ gespielt, Larissa Fuchs die Julie, das war ganz fabelhaft. Luise Gleich ist bei Felix Mitterer eine extrem vielschichtige Figur, ich finde diese beiden Frauen und wie Raimund zwischen ihnen aufgerieben wird, herzzerreißend. Lisa Schrammel vom TAG spielt Therese Krones und wird das berühmte „Brüderlein fein“ singen.

MM: Edu Wildner ist wieder mit dabei …

Eckert: Natürlich. Er verkörpert nicht nur den Wüstling Fürst Kaunitz, sondern auch die Mutter Wagner, eine wunderbare Rolle. Gerhard Kasal von der Josefstadt spielt Johann Landner, Raimunds Freund und lebenslange Stütze, Reinhold G. Moritz unter anderem den zwielichtigen Vater von Luise Gleich, der, wie schon gesagt, seine Tochter an Kaunitz verkauft hat, und Theaterdirektor und Stückevielschreiber war – ich glaube, es sind mehr als 100.

Mitterer: Die Besetzung ist perfekt. Ich freue mich, dass sie alle das Stück so mögen, und es, wie ich vorhin sagte, mit trockener Verzweiflung spielen. Das macht es komödiantisch, obwohl die Geschehnisse ja nicht komisch sind.

Nachmittagsstimmung. Bild: © Kern Jochi

Das Theaterzelt am Abend. Bild: © Karl Denk

MM: Sie wirken dies Jahr nicht auf der Bühne mit?

Eckert: Nein, es gibt in dem Stück keine Rolle für mich. Ich war die letzten Monate ohnehin mehr als ausgelastet mit meinen beiden Burgtheaterengagements, und diese Uraufführung aus der Taufe zu heben, ist kein leichter Job. Ich bin hier Intendantin und trage letztlich die Verantwortung für das künstlerische Ergebnis. Das nehme ich sehr ernst. Ich sitze bei jeder Probe, mache meine Anmerkungen, manchmal Verbesserungsvorschläge. Ich könnte dieses Jahr gar nicht daneben auch noch spielen. Das wäre fahrlässig. Trotzdem bin ich natürlich während der Festspielzeit präsent, es wird einen Chansonabend mit dem Titel „Damenwahl“ geben, an dem ich Wienerlieder, französische, englische und jüdische Lieder singen werde, begleitet von Tommy Hojsa, Otmar Klein und Lenny Dickson. Den Abend haben wir mit großem Erfolg bereits in Wien gespielt und jetzt freuen wir uns auf Gutenstein. Am zweiten Spieltag der Saison führe ich ein Gespräch mit Felix Mitterer und bin wöchentlich Gastgeberin bei den Literaturprogrammen, zu denen ich Erika Pluhar, Emmy Werner und Michael Köhlmeier eingeladen habe.

MM: Das Ende von Ferdinand Raimund wird sehr dezent abgehandelt.

Eckert: Felix Mitterer war wichtig, dass von Raimund an diesem Abend nicht der Selbstmord, der Schuss in den Mund bleibt, er wollte, dass sein Werk, seine Poesie das letzte Wort haben. Daher endet das Stück mit dem „Hobellied“ – „Da leg ich meinen Hobel hin und sag der Welt Ade“ und nicht mit seinem furchtbar traurigen, qualvollen Suizid.

Mitterer: Raimunds tagelangen Todesqualen wollte ich wirklich nicht beschreiben. Seltsam, diese Angst, an Tollwut zu erkranken! Und dann wurde er von seinem eigenen gebissen und hat ihn erschlagen. Dabei war er ein großer Hundeliebhaber und hat immer einen Hund gehabt …

MM: Zum Schluss gefragt: Frau Eckert, Sie waren, wie Sie vorher erwähnten, nun zwei Mal am Burgtheater zu sehen, als Frau Sidonie Knobbe in „Die Ratten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32521) und mit Markus Meyer im Kasino in „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33364)

Eckert: … es war für mich wunderschön und wichtig, in dieser Stadt wieder als Schauspielerin vorzukommen, und ich habe gemerkt, dass sich das Publikum freut, mich wieder zu sehen. „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ war innerhalb von zwei Stunden ausverkauft. Insofern waren diese Produktionen ein Heimkommen, und ich kann Karin Bergmann nur tausend Mal danken, dass sie mir beide Rollen anvertraut hat, die großartige Erfahrungen waren, die Arbeit mit Andrea Breth wirklich etwas Besonderes, das Tanzstück, wo ich so gerne tanze … Das alles war einfach ein riesiges Glück.

MM: Aus dem sich Weiteres ergeben hat?

Eckert: Bis jetzt nicht. Das ist kein Problem, mein Beruf lässt mich schon nicht verkommen. Ich bin total entspannt und keine, die wartet, dafür bin ich viel zu ungeduldig. Wenn’s kein Angebot gibt, erfinde ich mir eine Arbeit, drehe einen Film oder gebe einen Chansonabend, mache selber etwas. Im Herbst mache ich einen Kinofilm in Deutschland und komme bei der nächsten Staffel der „Vorstadtweiber“ als „Greta Morena“ ins Fernsehen, eine Dame, die von der Münchner High Society zurück aufs Wiener Gesellschaftsparkett wechselt. Ich habe immer Arbeit, meistens zuviel. Nur nach der Bewerbung um die Leitung des Volkstheaters 2003 und der Nestroy-Gala, bei der ich mich gegen schwarz-blaue Regierung ausgesprochen hatte, gab’s einen Moment, da war’s wirklich kompliziert. Das war beruflich katastrophal, vor allem beim ORF, der über Jahre kein Drehangebot für mich hatte. Aber es ging weiter, und aus dieser Erfahrung schöpfe ich heute die Zuversicht, es ging und es geht sich immer aus.

Mitterer: Ja, so ist es, gell. Ich habe für die Tiroler Volksschauspiele Telfs „Verkaufte Heimat“ geschrieben, das wird am 25. Juli uraufgeführt und ist ein historisches Stück, das im Jahr 1939 spielt, als die Südtiroler die Option hatten, der Musolini- oder der Hitler-Propaganda zu glauben, also italienische Staatsbürger zu sein oder ins Deutsche Reich zu gehen. Das wird in einer der Südtiroler-Siedlungen aufgeführt, die in ganz Tirol sukzessive abgerissen statt als Kulturgut erhalten werden. Dann kommt am 14. August in Schwaz die Uraufführung von „Silberberg“, wo’s darum geht, wie Kaiser Maximilian den Bergbau an die Fugger verkauft hat. Und dann schreibe ich wieder was für die Josefstadt.

MM: Und da nun das Wort Volkstheater gefallen ist, darf ich fragen, ob Sie den designierten neuen Direktor Kay Voges kennen?

Eckert: Nein, ich fand ihn in allen Interviews sehr sympathisch. Ob er die richtige Mischung für das Volkstheater finden wird, werden wir sehen. Ich hoffe es sehr, weil mich der doch oft sehr schüttere Besuch dort bekümmert. Ich finde, das Volkstheater ist ein wunderbares Haus, und ich wünsche ihm von Herzen alles, alles Gute.

www.raimundspiele.at

6. 7. 2019

Wiener Festwochen: Diamante

Mai 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Als Voyeur in anderer Leute Lebenswelten

Bild: © Annette Hauschild, Ruhrtriennale 2018. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

Werksiedlungen gab’s auch hierzulande, in Wiedenbrunn von den Krupps für ihre Berndorf-Arbeiter aufgezogen, in Kaprun, in Altach, in Hard, die berühmteste, in Mannersdorf, hat kein geringerer als Roland Rainer konzipiert. Werksiedlungen sind Städte, die Unternehmen für ihre Untergebenen errichten. Google und Facebook schufen zum Beispiel idyllische Fleckchen für ihre Tüftler und Denker, die so selbst im Privaten greifbar sind, Tag und Nacht Tür an Tür mit den Chefs.

Um solcherart die Produktion und damit den Profit zu steigern. Und weil man nun alles teilt, von Gratisfahrrädern übers Gemeinschaftsschwimmbad bis zur Bio-Nahrung, besonders perfide war einst Krupp in Essen, wo die Wohnkolonie sowohl an die werkseigene Gas- als auch Wasserleitung angebunden war, und ein Teil des Lohns in Lebensmittelscheinen zur alleinigen Einlösung beim Krupp-Krämer ausbezahlt wurde, wird der Paradiesgarten schnell zum Sektenhort. Auf Absplitterung von folgt Angst vor der Außenwelt, folgt die Abschottung – there we are: Gated Communitys. Ein gerade aus den beiden Amerikas nach Europa kommender Trend (siehe dazu auch die Filmrezension zu Lukas Valenta Rinners „Die Liebhaberin“: www.mottingers-meinung.at/?p=25785).

In eine solche führen nun der argentinische Regisseur Mariano Pensotti und seine Kompanie Grupo Marea bei der ersten diesjährigen Festwochen-Produktion „Diamante“. In der riesigen Halle der Erste Bank Arena in der Donaustadt, der 22. Bezirk dies Jahr ja ein Festwochen-Schwerpunkt mit zahlreichen Projekten, hat sich Pensotti von Bühnen- und Kostümbildnerin Mariana Tirantte diese Dschungelstadt aufbauen lassen, zehn Häuschen und ein Auto, die Zuschauer bewegen sich dazwischen, von Spielort zu Spielort, beobachten durch Schaufenster, wie Darstellerinnen und Darsteller agieren, der oberste Teil der Glasfronten jeweils der Platz für Übertitel mittels derer erklärt wird, was zu sehen ist. Ein Erzähler geleitet das Publikum zusätzlich von Station zu Station.

Bild: © Nurith Wagner-Strauss. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

Bild: © Nurith Wagner-Strauss. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

Drei Mal durchläuft man den Kreislauf der elf Geschichten à acht Minuten, in Sommer, Herbst und Winter wird man zum Voyeur in anderer Leute Lebenswelten, die Reihenfolge des theatralen Spaziergangs dabei beliebig. So fiktiv die einzelnen Geschichten, von denen Pensotti berichtet, so wahr die ganze Geschichte. Diamante wurde 1836 von der Bergbau- gesellschaft Goodwind im Norden Argentiniens gegründet, zählt heute etwa 20.000 Einwohner, und war zunächst ein kapitalistisches Utopia mit dem Ziel, durch Zivilisierung der Region einen strategischen Zugang zu den reichen Erdölvorkommen zu schaffen.

Der deutschstämmige Goodwind-Eigentümer Emil Hügel ließ die südschwedische Ferienpittoreske seiner Kindheit nachbauen, die ersten Siedler kamen wie er überwiegend aus Deutschland, doch schon bald gab der Gründer seiner Stadt strenge Regeln: Anstelle des örtlichen Spanisch wurden Deutsch und Englisch gesprochen, die Kirchen waren protestantisch, Alkohol wurde nur abends verkauft, alle mussten jeden Morgen gemeinsam Sport machen, jeder musste ein Musikinstrument beherrschen … In diese Tatsachen platziert Pensotti seine ans Fernsehformat Telenovela angelehnten Minidramen.

In ihren skandinavischen Holzhäuschen, eingebettet in ihre sozialen Privilegien, erspäht man die Menschen beim Tanzen und Lieben, sieht, wie Beziehungen entstehen, zerbrechen, wie betrogen, die Flucht gewagt und trotz allem gehofft wird. Eine leitende Angestellte des Konzerns kandidiert für das Gouverneursamt, der Betriebsrat wird ihr linker Gegenkandidat. In das Haus einer Rechtsanwaltsfamilie, die für das Unternehmen arbeitet, wird eingebrochen. Der Gewerkschafter wird beschuldigt, den Einbruch organisiert zu haben, in Wirklichkeit war es der Wahlkampfmanager seiner politischen Rivalin – und verhaftet. Die rechte Kandidatin gewinnt die Wahl, doch die Firma fusioniert plötzlich und ohne ihr Wissen, es gibt Entlassungen, später geht das Werk bankrott.

Diamante, die zukunftsträchtige Mustersiedlung, hat sich in ihr schlimmstes Gegenteil verkehrt, mit jedem Akt werden die Charaktere verunsicherter, steigt die Sorge um Sicherheit und Wohlstand, werden die Verhältnisse chaotischer, die Menschen verrohter und gewaltbereiter: Sekten, Gangs, Milizen bestimmen bald die Stadt – die schließlich, wie zynisch ist das denn!, zum Themenpark wird, in dem die verbliebenen Einwohner sich selbst nur noch spielen. Auch das reale Diamante hat sich in die Region, in der es errichtet wurde, nie integriert; im Gegenteil, man lebt in Furcht vor den Nachbarn, denn der Lebensstandard der Stadt steht in krassem Widerspruch zur Armut der umliegenden Dörfer.

Bild: © Nurith Wagner-Strauss. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

So überwältigend ausufernd die einzelnen Ebenen dieses Live-Epos, so klar die Grundaussage. Pensotti zeigt auf, wie sich ein Innen zum Außen verhält, heißt: wie Privates von Politik, diese von der Wirtschaft gegängelt wird. Er zeigt ein System, das das Individuum als kalkulierbar und sich ergo als ihm nicht mehr verpflichtet betrachtet, zeigt subtil die seelischen und zwischenmenschlichen Folgen von permanentem Erfolgsdruck zwecks Effizienzsteigerung und Gewinnmaximierung.

Er arbeitet sich an den Themen Kolonialismus und Neoliberalismus und dem Outsourcing von Arbeit in Billiglohnländer ebenso ab, wie an der Festungsmentalität derer, und hier trifft er den Nerv der europäischen Gegenwart, die um den Erhalt ihres Hab und Guts bangen. Dies bevorzugt verbrämt im Begriff der Erhaltung der eigenen Kultur. „Diamante“ ist ein fünfeinhalbstündiges Immersivspektakel, anstrengend, aber da dramaturgisch ausgetüftelt durchwegs spannend. Ergreifende Geschichten, perfekte Performance, tolles Setting, großartiges Theater. Die Wiener Festwochen 2019 beginnen mit einem Höhepunkt.

Video: www.youtube.com/watch?v=XoCE2Rvtt24           www.festwochen.at

  1. 5. 2019

Werk X: Aufstand der Unschuldigen

Oktober 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Beobachtung eines Brainstormings

Die Schauspieler schreiten schließlich zur Tat: Annette Isabella Holzmann, Felix Krasser, Christoph Griesser und Martin Hemmer. Bild: © Alexander Gotter

Wenn die Schauspieler knapp vor Schluss aus den Situationen treten und den Produktionsprozess diskutieren, dann ist das wie ein Fishing For Verständnis. Sieben Wochen habe man gearbeitet, und was habe man nun? – nichts! Keine Szenen, keine Dialoge, „keine einzige sinnvolle Zeile zu den Problemen unserer Zeit“. Nun, so schlimm ist es nicht.

„Aufstand der Unschuldigen“ im Werk X, dieser als Agitprop-Posse für Dummys angekündigte Abend, ist nur weniger Ali M. Abdullahs erste „Stück“-Entwicklung fürs Haus, als vielmehr das Beobachten eines Proben-Brainstormings zu Themen, die dem Ensemble dieser Tage vordringlich sind. Und so ist der Abend Werk-X-isch, wie man’s schon kennt, anarchistisch, kämpferisch und suggestiv, spannend, immer auch spaßig, und das Ende tumultös. Zu sagen, hier wäre was nicht fertig geworden, geht gar nicht, weil draußen in der wirklichen Welt ja auch nichts zum Abschluss gebracht ist. Die Debatte ist nicht beendet, der Fall nicht abgeschlossen – und kein Ausweg nirgendwo. Also.

Worum es geht, ist, kurz gefasst, die Frage danach, was wahr und was echt ist. In einer Zeit, in der fremdgefertigte Bilder und schreihälsische Parolen die Wahrnehmung bestimmen, muss man sich, so die Message, dieser Fernsteuerung entziehen und wieder lernen, vernunftbegabt eigene Entscheidungen zu treffen. Das Leben ist eben nicht „wie im echten Film“, und auch, wenn die Österreicher das gern tun, könne man nicht immer „nur zuschauen“ – dazu eine etwas lang geratene Episode über das Nichteingreifen heimischer UNO-Soldaten auf dem Golan.

Palavern in der Box: Peter Pertusini, Holzmann, Krasser, Griesser, Hemmer und Musiker Moritz Wallmüller. Bild: © Alexander Gotter

„Florian Klenk“ in der Greißlerei: Holzmann, Krasser, Griesser, Pertusini und Hemmer. Bild: © Alexander Gotter

Gefangen zwischen gelebten Geschichten und erzählter Realität versuchen die Schauspieler in knapp zwei Stunden, sich der selbstauferlegten Aufgabe zu stellen. Auftreten nun Verschwörungstheoretiker und Retrofuturisten, beide auch in ihrer Anti-Form, Doomer und Terroristen. Peter Pertusini gibt einen auf Gefahren aller Art vorbereiteten Prepper, der in komischer Verzweiflung Gewaltszenarien wie den Teufel an die Wand malt.

Den vielleicht stärksten und die Stoßrichtung der Veranstaltung vorgebenden Moment hat Christoph Griesser der vom martialisch brüllenden Anführer einer Roomclearing-Einheit zum traumatisierten Syrienkrieg-Heimkehrer wird. Eben noch wird das Publikum angeschnauzt, warum es seine Zeit im Theater vergeude, statt an seinen Schießübungen teilzunehmen, schließlich müssten sich auch Kulturbegeisterte zu wehren wissen, schon fällt er, ein Häufchen Mensch, in sich zusammen.

Palavert wird viel. Der Smalltalk auf einer Intellektuellen-Party wird rasch zum Streit, wenn jeder seine Ängste bloßlegt; Fußball-Hooligans, Herzinfarkt, Haie, das sei zu wenig brisant, befindet Annette Isabella Holzmann.

Angst, so die richtige, wichtige Aussage, ist ein mächtiges Tool in den Händen der Manipulierer. Wenn man aus dem Werk X und diesem Freie-Assoziation-Abend was mitnehmen kann, dann immer wieder Denkanstöße. In einer Fernsehtalk-Runde überbieten einander die Ideologienschleudern RAF-Gründer Andreas Baader, „Homeland“-Star Claire Danes, Identitären-Sprecher Martin Sellner und Globalisierungskritiker Jean Ziegler mit Argumenten darüber, ob Klasse vor Rasse gehe, rechts- vor linksradikal, Dachidentität vor Individualität, Grenzen dicht machen vor internationaler Solidarität.

Wie als Kontrastprogramm zu den Kopfgeschüttelten geht’s in eine Greißlerei und zu einer Gratiszeitung-Schlagzeilen-Lesung der Gemeindebauler. Martin Hemmer bestellt sich als Figur „Florian Klenk“, im Original Falter-Chefredakteur und also solcher Enthüllungsjournalist, ein Käsebrot und wird in ein Wortgefecht über globale und hausgemachte Katastrophen verwickelt. Dass er zwischendurch „gescheite“ Bücher über den Populismus aller Seiten in die Kamera hält, entwickelt sich zum Running Gag.

Sperrholzplatten-Labyrinth, Vidiwalls und Leuchtschriftbänder: Die aufwendige Spielraumgestaltung von Renato Uz. Bild: © Alexander Gotter

Überhaupt ist die Kamera das bestimmende Stilmittel dieser Aufführung. Renato Uz hat drei miteinander verbundene Boxen auf der Spielfläche aufgestellt, ein Sperrholzplatten-Labyrinth als Symbol für die medialen Verschachtelungen einer modernen Welt, von keinem Sitzplatz aus sieht man alles, aber viel über die beiden riesigen Vidiwalls. Auf zwei Leuchtschriftbändern laufen Zitate von Kurz und Kickl. Von ersterem unter anderem: „Es wird nicht ohne hässliche Bilder abgehen.“

Musikalisch ist der Abend, mit Moritz Wallmüller an der Gitarre und Martin Hemmer am Schlagzeug top, die Darsteller singen sich von Zager and Evans‘ „In The Year 2525“ über den M.A.S.H-Song „Suicide Is Painless“ zu Led Zeppelins „Stairway To Heaven“.

Die Unschuldigen aus dem Titel werden übrigens definiert, als diejenigen, die nichts dafür können in einem Land zu leben, dass die Demokratie sukzessive abschafft. (Wobei es an dieser Stelle Karl Kraus zu bemühen gilt: Es wäre mehr Unschuld in der Welt, wenn die Menschen für all das verantwortlich wären, wofür sie nicht können.) Felix Krasser wird als Selbstmordattentäter ausgewählt, wütende weiße Schauspieler müssten endlich die Vorstellung von dunkelhäutigen Extremisten verdrängen, doch bevor’s zum großen Kabumm kommt, ist er seinen Sprengstoffgürtel schon wieder los. Im Programmfolder-Interview sagt Fragensteller Abdullah, „dass wir langsam Antworten brauchen“, dass die kritische Linke anfangen müsse, Lösungen vorzuschlagen. „Aufstand der Unschuldigen“ bemüht sich zumindest darum, diese gesellschaftliche Klemme zu beschreiben. Motto: Brainstorming ist aller Problembewältigung Anfang.

werk-x.at

  1. 10. 2018