Madame Nielsen: Das Monster

April 10, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Passionsgeschichte eines Performance-Messias

Der erste Satz geht gleich mal über eineinhalb Seiten, das Jahr ist 1993, die Stadt New York, und zu erfahren ist, dass ein namenlos bleibender Mann übers Meer ebendahin kam, um der neue Messias zu werden. Dies durchaus in spirituellem Sinne, hat er doch Willem Dafoe in „The Last Temptation of Christ“ gesehen, und ist nun zwar überzeugt, dass der amerikanische Schauspielstar nicht nur auf der Leinwand als Heiland wirkt, aber auch, dass die Welt dringend einen europäischen Erlöser braucht. In diesem Glauben macht sich der Menschensohn auf zur Wooster Group, um sich deren Leiterin Elizabeth LeCompte als „the missing link zwischen der Avantgarde und den Massen“ anzubieten.

Er wird so eine Art „Volunteer“ – der den group members rund um ihre eisige Königin mit seinen gutgemeinten Performativ-Ratschlägen – „why not let Willem look more directly into the camera“ – allerdings von Anfang an auf die Nerven fällt. In Selbstfindungsübungen und darob in So-what-Coolness probt man gerade eine noch diffuse Dekonstruktion von Tschechows „Drei Schwestern“, „Brace Up!“ wird die Produktion später heißen, und zu wissen ist, dass The Wooster Group eine dem Poststrukturalismus huldigende Theatertruppe ist.

Gegründet Mitte der 1970er von Regisseurin LeCompte und dem blutjungen Dafoe, der 27 Jahre lang ihr Lebenspartner war und ihr bis heute ein künstlerischer ist. Ursprünglich für diese beiden prägte Andrzej Wirth den Begriff vom postdramatischen Theater. Festwochen-Besuchern sind die Woosters keine unbekannten, im Juni sollte ihre Arbeit „The Mother“ in Wien uraufgeführt werden (www.festwochen.at/the-mother), nachdem sie zuletzt 1997 mit Willem Dafoe als „The Hairy Ape“ hier zu Gast waren. Auch Madame Nielsen war zeitweilig Wooster-„associate“, und selbstverständlich strotzt ihr aktueller Roman „Das Monster“ vor Reminiszenzen.

Sind doch Leben und Kunst im Werk der Autorin, Sängerin, Performerin naturgemäß verbunden. Ob sie nun ihre bürgerlich-männliche Identität auf einem dänischen Friedhof verabschiedete, mit weißer Flagge im Irak die demokratische Idee Europa als Anti-US-Konzept verbreitete oder ein Jahr als Obdachlose auf den Kopenhagener Straßen zubrachte, immer ist bei Madame Nielsen das Nebeneinander von Fakt und Fiktion das bestimmende Moment. Als eine Demonstration, dass Wahrheit nicht unbedingt Wirklichkeit sein muss.

Gemeinsam mit dem Protagonisten, dessen 15 Minutes of Bandleader-Fame als Wind-Of-Change-Ausruf „Hello, CCCP, now get up and dance with us!“ vorüberwehte, und tatsächlich war die Nielsen früher Sänger und Gitarrist der Formation Creme X-Treme, begibt man sich auf gefährliches Manhattaner Terrain. In grandios süffisantem Tonfall, doch ohne Hybris, denn der Mann ist sich seiner Sendung sicher, insiderisch und namedroppend – Lou Reed, Paul Auster, Laurie Anderson, Susan Sontag, David Byrne und wen er sonst so trifft, LeCompte-Dafoe-Sohn Jack ist elf und liest Heidegger – absolviert er seine Gedanken-Gänge. Die Atmosphäre atmet Original-SoHo, und ist zugleich Attitüde, von Cast-Iron-Architektur bis Fake-Barock-Fassade eine Klischeekulisse.

Das alles ist sublime Hirnwichserei, eine surreale Avantgarde-Satire, und Madame Nielsen, allein optisch eine David Bowies Genieschädel mit geharnischtem Intellekt entsprungene Athene, präsentiert diesen auf dem Silberschild. Und alldieweil ihre Hauptfigur es als Offenbarung wähnt, in einer Bar für den echten Dafoe gehalten zu werden, folgt auf die Apokalypse das Armageddon. Zu dessen Austragungsort wird ein Appartement 412 West 25th Street, in das er als Untermieter einzieht, komplett ausgekleidet mit dunklem Samt, der Velvet Underground für eine Kunstfolterkammer, einen Andy-Warhol-Reliquienschrein mit Reproduktionen von „Car Crash“, „Lavender Disaster“ und Original oder Kopie des „Electric Chair“, bewohnt von den Bruce & Jerry-Wesen.

Zwillinge in einmal hellrosa, einmal hellblauem Seidenpyjama, klein, seltsam feminisiert, weißblond, blass, meist hysterisch kreischend, „wie eine Parodie von Andy Warhol, der wohl auch nur eine Parodie seiner selbst, des Künstlers und des amerikanischen Traums gewesen war“, in deren Parallelwelt sich David-Lynch-auf-LSD-Dinge ereignen werden, Scheinhinrichtungen, rezeptiver Analsex unterm Zwei-Minuten-Film „Flash – November 22, 1963“ (über die Ermordung JFKs), kleiner und „großer“ Tod, eine „Woge aus Schmerz und Wollust“, verursacht von „Extraterrestrials, ohne Augen und die nackten, glänzenden Schädel zu breiten Mündern gespalten“ #BestePenisanalogieEver, die alles bisher Erlebte als ein Prelude to Madness erscheinen lassen.

Andy Warhol: Last Supper, 1986. The Andy Warhol Museum, Pittsburgh, floor 4 – Late Works gallery. Bild: © Abby Warhola

Willem Dafoe als Eugene O’Neills Schiffsheizer „The Hairy Ape“. Screenshot: thewoostergroup.org

Andy Warhol: Self-Portrait, 1986. The Andy Warhol Museum, © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc.

„Brace up!“ mit Peyton Smith, Josephine Buscemi und Willem Dafoe. Screenshot: thewoostergroup.org

Zu spät erkennt Er, in diesem All-the-world’s-a-stage-and-everyone’s-an-actor-Universum braucht’s keinen, der theatralisch sein Kreuz trägt, doch da ist er längst Versuchsobjekt, ein orientierungsloses Huhn auf dem Möbiusband, Anti-Held eines warholisch seriellen american albdream, abendliches Sushi, Beischlaf, French-Toast-Frühstück mit einem Klecks Ketchup, das aus der Heinz-Flasche „wie blutiger Samen von einem halbsteifen Glied“ tropft, Dafoes In-die-Kamera-Genuschel, The-Strand-Buchhandlung, wo alle Tage ein weniger zerlesenes Exemplar von „The Andy Warhol Diaries“ aufliegt, die Bar, in der ihn die bankers, currency traders, stockbrokers und andere canned human beings bald The Savior nennen, bis alles mit Bedeutung Beladene von heiß und pervers zu schal und banal verfault.

Verfall, Verrottung als Zeichen der unaufhörlichen leisen Verschiebung, der Verrückt-heit des Menschseins – Spoiler: die Twin-Dwarfs werden zu madenzerfressenen Kadavern, das More of the same der Megametropole enttarnt sich via systemischer Mikroverwerfungen als eben dieses nicht – löst als Motiv die Doppelung, die Wiederholung ab. Wie das Buchcover, das Schwarzweißfoto einer All-american-Family, das in Bruce & Jerrys Küche hängt, mit dem Text korrespondiert wird mehr und mehr eklatant, in fließenden Bewegungen choreografiert Madame Nielsen ihre Prosa, variiert, rhythmisiert, dirigiert ihr Thema a bene placito, a capriccio, bis die Grenzen der Wahrnehmung penetriert sind.

„Das Monster“ mit seinem hartnäckig passiven, dabei durch nichts abzuschreckenden, sein Selbst als Spielfläche darbietenden Main Character ist ein Kunststück ganz aus Sprache, ein Biting Swipe auf eine Szene, die künstlerisch-gesellschaftliche Erkundigungen als körperpolitische Nabelschau inszeniert. Ist ein Nielsen’sches Raum-Zeit-Kontinuum, ein Gottesbeweis wie von Niels Bohr erdacht, ein wilder Ritt durch Diskurse übers Postmoderne, ein epikureisches Lesevergnügen, befremdlich, bizarr, in jeder Bedeutung des Wortes komisch. Das nicht zuletzt die Frage aufwirft: Was sind Westernbrüste?

Apropos, Weiblichkeit: Eine der schönsten Passagen zur Personenbeschreibung gelingt Madame Nielsen bei Wooster-Mitbegründerin und schnell Er’s Badewannengespielin Peyton Smith: „Er war besessen davon, Peyton Smith anzusehen, er konnte den Blick nicht von ihr lösen, ihren Brüsten, die – egal, welches neue Kleidungsstück sie (ganz oder, hypnotisierend frivol, nur ansatzweise) verbarg … riefen, riefen, riefen danach, befreit und gehalten zu werden, oh, die Art, wie sie plötzlich lächelte, und die Art, wie sie sich manchmal bückte und ihren Take-away-Kaffeebecher aufhob, nicht affenartig geschmeidig wie Dafoe, sondern ein klein bisschen wacklig … als die (recht füllige) bald vierzigjährige Vorstadthausfrau, die sie war, die kleine Extrafalte unterm Kinn, die … bebte, vor Lebensgenuss und zunehmendem Alter, … das kam ihm so unendlich rührend menschlich, ja liebenswert vor, dass er sich völlig im Klaren darüber war, dass er verliebt war.“

PS.: „Das Monster“ sind übrigens die Menendez-Brüder Joseph und Eric, die 1989 ihre Eltern in deren Schlafzimmer erschossen, bevor sie die Polizei über einen Einbruch mit mörderischem Ende informierten. Bis sie ein halbes Jahr später als Täter überführt waren, hatten sie eine satte Million Dollar an Erbschaft ausgegeben. Beide Brüder haben in Haft medienwirksam geheiratet, und klar ist, dass diese Natural Born Killers Madame Nielsens Interesse weckten.

PPS.: Steht an einer Tür „This is no exit“ kommt man trotzdem irgendwohin hinaus.

Über die Autorin: Madame Nielsen, geboren 1963 im dänischen Aalborg, ist Autorin, Sängerin, Performerin. Ihre Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, und sie war mehrfach für den Nordic-Council-Literature-Prize nominiert. Performances unter anderem in Berlin und Wien. Ihr Roman „Der endlose Sommer“ erschien 2017 auf Deutsch und war ein großer Erfolg. 2001 trug die Künstlerin ihre Geburtsidentität Claus Beck-Nielsen in einer Aktion zu Grabe, denn „Ich bin viel schöner als Frau, denn als magerer älterer Herr“.

Kiepenheuer & Witsch, Madame Nielsen: „Das Monster“, Roman, 240 Seiten. Übersetzt aus dem Dänischen von Hannes Langendörfer.

Videolesung „Das Monster“ von Madame Nielsen: www.youtube.com/watch?v=yEyxFgjPS88, Madame Nielsen im Gespräch über ihr Projekt Obdachlosigkeit, ihre Friedensperformances im Irak und ihren Weg vom Mann zur Frau: www.youtube.com/watch?v=Lww4ehNICfw

„Brace up!“ nach Tschechows „Drei Schwestern“, inszeniert von Elizabeth LeCompte, mit Willem Dafoe ist bis 13. April kostenlos zu streamen: thewoostergroup.org/blog/2020/04/06/brace-up-complete-production, Willem Dafoe als „The Hairy Ape“: thewoostergroup.org/blog/2018/08/04/summer-of-dafoe-from-the-archives-the-hairy-ape-1996

www.kiwi-verlag.de           nielsen.re           thewoostergroup.org           www.warhol.org

  1. 4. 2020

Rabenhof: Monster

November 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zombieball im Hoamatland

Untotentanz beim Monsterball: Christoph Krutzler, Bettina Schwarz, Eva Mayer und Richard Schmetterer, hinten: Romantic Slivo featuring Valentin Eybl. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Am Rottensee lässt sich’s gut verrotten, wissen die Buchleser längst. Nur logisch also, dass Regisseurin Christina Tscharyiski nun eine Truppe Untoter auf die Bühne stellt, damit diese Kurt Palms bizarre Romanfiguren zum Leben erwecken. Deren Krachlederne und Goiserer blicken tapfer ihren Lumpentagen ins Auge, und apropos: die wiederum sind von schwarzen Lidschatten umrandet und mit Gruselkontaktlinsen bestückt. Die Haut ist fahl und fleckig, die Stutzen sind löchrig.

Und mitten unter den derart liederlichen Leichen singt einer seine Lieder. Heißt: Es handelt sich dabei weniger um -musik, denn um Volksgegröle. „Alles Böse kommt aus dem Ausland herein“, schmettert der skurril-schmierige Schlagerschlurf im Silberanzug – damit das klar ist, denn das „Monster“, gestern erst im Rabenhof vom absurden Trash-Text zum aberwitzigen Theaterabend mutiert, ist keine scheußliche Bestie, sondern der ebensolche Seinszustand der Republik.

Tscharyiski, zuletzt im Erdberger Gemeindebau mit „Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis“ erfolgreich (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24674), mixt nach Originalrezept Krimisatire, Politgroteske und beißende Gesellschaftskritik. Freilich kann ihre 80-Minuten-Show nur ein Shot zum Palm’schen Giftcocktail sein, sind hier doch die Ereignisse auf ihre Essenz reduziert, aber die verhängnisvollsten Vorkommnisse immerhin so verquickt, dass den diversen Handlungssträngen durchaus zu folgen ist.

Als da wären: Ein aus den Tiefen des Alls heranrasender Asteroid, ein riesiger Nazikillerfisch, seines Zeichens ein dereinst aus dem Ruder gelaufenes Experiment der Reichsanstalt für Fischerei, ergo ein im Strandbad angeschwemmter abgebissener Frauenfuß, die irdische Hülle eines tschetschenischen Mädchen- und Organhändlers und ein lesbisches Vampirinnen-Pärchen, das Männer nach dem Aussaugen gern auch ausweidet, eine Innenministerin, die, von ihrem Pressesprecher zwecks Positiv-PR ins Asylwerberheim gezwungen, von einem afrikanischen Eintopf isst, in dem eine Ebola-verseuchte Meerkatzenpfote schwimmt, ein wählerstimmengeiler Bürgermeister, der ein Seekonzert plant, und der in all diesen Fällen ermittelnde Polizist Alfons Stallinger, der die Katastrophen zu verhindert sucht …

Bettina Schwarz. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Christoph Krutzler. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Eva Mayer. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Richard Schmetterer. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Eva Mayer, Bettina Schwarz, Christoph Krutzler und Richard Schmetterer betätigen sich in diesem Umfeld als Erzähler und gestalten ein komplettes Kuriositätenkabinett an Charakteren. Vor einem pittoresken Alpenseebild, Kulisse und Kostüme sind von Jenny Schleif, mitten drin im Hoamatland, findet deren Zombieball statt, links ein Steckerlfischstand, der Himmel immer dann blutrot, wenn allerhöchste Gefahr droht. Gespielt wird einfach großartig und alle Geschlechterrollen ignorierend. Christoph Krutzler ist als abschiebefreudige Innenministerin Dietlinde Breitfurtner-Brandstätter eine prächtige Bissgurn, ein wunderbar suizidaler Weltuntergangsprophet ist gleich: Astronom auf Teneriffa, und sehr attraktiv als osteuropäisch-sexy Blutsaugerin.

Deren Sarggenossin gibt Richard Schmetterer mit Flittchenblick und gekonntem Hüftkreisen, und weil er schon mit Todesverachtung die Totenblasse mimt, übernimmt er auch gleich den Part des nicht ausschließlich wegen seiner Wasserphobie schreckensbleichen Alfons Stallinger. Spooky Eva Mayer macht unter anderem auf Immobilientycoon Alexander Prix, ein Kapitalisten-Prototyp und in jedem Sinne mit dicker Hose ausgestatteter Koks- und Splatterfan, Bettina Schwarz spielt den bärbeißig-unbelehrbaren Bürgermeister und die beflissene Flüchtlingsheim-Betreuerin der Familie Nkwongu. Zum kessen Grusical gerät das Ganze durch die Kompositionen von Musiker Valentin Eybl und „5/8erl in Ehr’n“-Sänger Robert Slivovsky aka Romantic Slivo.

Meistersinger der hinterfotzigen Heurigenlieder und der gfeanzten Volksmusik: Romantic Slivo featuring Valentin Eybl. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Romantic Slivo ist ein fantastischer Entertainer, sozusagen das A und O dieser Apokalypse, und legt mit skandalös-hinterfotzigen Heurigenmelodien über die hiesigen Goldenen Herzen und Songs wie „Ohne di / geh‘ i nirgendwo hi'“ die Lunte ans Pulverfass von Patriotismus und Chauvinismus, von Xenophobie und Neophobie. Den gfeanzten volks- dümmlichen Schmachtfetzen bringt Slivo als Volks-Rock’n’Roller Andreas Mastwächter zu Gehör.

Dessen von den Menschenmassen umjubelter Auftritt beim „Rock se Lek“-Konzert wird zum Höhepunkt der Weltuntergangsumtriebe – alldieweil Schwarz als Herr Nkwongu dessen Brief ans neue Vaterland Österreich unter Fanfarenklängen als Fanal für Vielfalt, Fremdenfreundlichkeit und Toleranz vorliest, dem Prix von den feministischen Vampirinnen das Herz aus der Brust gerissen und ausgetrunken wird, die Innenministerin symbolträchtig in einer sumpfigen Lacke versinkt und der Stallinger sich wieder aufs Sockenstricken verlegt.

Unheimlich gemütlich, diese horrible Heimatseligkeit. Als wär’s ein „Austrian Gothic“-Gemälde schleichen Kurt Palms modrige Märchengestalten durch Christina Tscharyiski nationalgroteskes Grand Guignol. Auf Geschunkel, Wertegeschwafel und die rechte Gesinnung folgt der Final Impact, das absehbare Ende, das bei diesem viel zu kurzen Schabernack denn doch plötzlich und unerwartet kommt. Der Schluss natürlich bitterböse, das Publikum in Jubelstimmung, soviel zum monsterhaften Absang einer Aufführung, die sich Freunde des gepflegten Sarkasmus keinesfalls entgehen lassen sollten.

www.rabenhoftheater.com            Romanrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34263

  1. 11. 2019

Kurt Palm: Monster

September 4, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Jede Ähnlichkeit mit freischwimmenden Fischen ist …

Es ereignet sich ungefähr folgendes: 1. Am bis dahin lieblichen Rottensee dreht Horrorlegende George A. Romero einen seiner berühmt-berüchtigten Zombiefilme. 2. Unter die Statisten mischt sich ein tschetschenisches Lesbenpaar, zwei Vampirinnen, die Männer nach dem Aussaugen auch noch gern auf Herz und Nieren prüfen. 3. Die Innenministerin, von ihrem Pressesprecher zwecks Positiv-PR ins ortsansässige Asylwerberheim gezwungen, isst von einem original-afrikanischen Eintopf, in dem unbemerkt eine Ebola-verseuchte Meerkatzenpfote schwimmt. 4. Am nächsten Tag werden im Strandbad der Fuß einer Frau und die Hinterhaxe eines Hundes angeschwemmt …

Was vergessen? Sicher. Denn die Fülle an Handlungssträngen und Figuren, mit denen Kurt Palm seinen jüngsten Roman „Monster“ flutet, lässt alle erzählerischen Dämme brechen. Sein aberwitziger, absurder Trash-Text changiert einmal mehr zwischen Krimisatire, Politgroteske und beißender Gesellschaftskritik. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig, ebenso die Ähnlichkeit mit Fischen, möchte man sagen, denn wie Polizist Alfons Stallinger, er der Bruder von Gendarmerieinspektor Arthur Stallinger aus „Bad Fucking“, mutmaßt, treibt im Gewässer ein riesiger sein Unwesen.

Aber wer hört schon auf den diensthabenden Wasserphobiker, der am liebsten im Wachzimmer Socken strickt. Palm hat sich für sein Buch zweifellos von seiner Ursprungsregion inspirieren lassen. Von den typischen Tourismushochburgen mit Hang zur freiwilligen Selbstverkrümmung vor zahlenden Gästen, wo Oligarchen aller Herren Länder mit Schützenverein und Goldhaubengruppe becircen werden und gewiefte Lokalpolitiker das „Landidyll“ als Schlagwort des Schweigens über der sumpfigen Vergangenheit der Provinz ausbreiten. Mitten unters Kuriositätenkabinett seiner Charaktere mischt Palm nämlich die beiden Momente, mit denen er erneut die österreichische Mentalität aufmischt. Das „Monster“ ist kein Seeungeheuer, macht er alsbald klar, sondern der Seinszustand der Republik.

Und so stellt er einerseits die nigerianische Familie Nkwongu in den Mittelpunkt, der Vater und seine beiden Kinder über Libyen geflüchtet, die Mutter von der Boko Haram entführt, andererseits die Geschichte des Altbauern Matthias Ablinger, der als 15-Jähriger beim Volkssturm die an einem abgeschossenen US-Piloten verübte SS-Lynchjustiz miterleben musste. Als er zu seinem Schrecken der Zeitung entnimmt, dass der damalige Täter, Obernazi, Altbürgermeister Flachberger zum 90er geehrt werden soll, beschließt er, für späte Gerechtigkeit zu sorgen – und er macht sich auch auf die Suche nach William Lesters Enkel, um diesem die Erkennungsmarken seines Großvaters auszuhändigen.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Wie in „Monster“ des Weiteren der Filz aus Innenpolitik und Wirtschaftsinteressen, wie der sich hinter Trachten tragender Hoamatlichkeit und Schlagergeschunkel nur noch schlecht verbergende Nationalismus karikiert wird, macht daraus das Buch zur Stunde. „Tradition, Volkskultur, Scholle, Herrgott, Brauchtum, Familie, Kirche, Vaterland, Verbundenheit, Gemeinschaft, Christentum und Gesinnung“, skandiert der Kameradschaftsbund bei der Flachberger-Feier die abendländischen Werte. Palm skizziert seine zur Kenntlichkeit entstellten Geschöpfe messerscharf: die abschiebefreudige Innenministerin Dietlinde Breitfurtner-Brandstätter, „die im Profil wie ein Vogel aussah, der lange nichts zu essen bekommen hatte“, und die in einem Alter war, „in dem die Halsketten immer opulenter, die Ohrringe immer größer und die Haut immer schlaffer wurden“.

Den skrupellosen Immobilientycoon Alexander Prix, Koks- und Splatterfan, Bestechungsexperte unter Sektionschefs, finanziell potenter Blutsauger, ein Sexsüchtiger, der schließlich zum Vampirinnenopfer wird; den Volks-Rock-’n’-Roller Nummer eins, Andreas Mastwächter, der auf einem Schiff im See ein Konzert geben soll, bei dem ihn allerdings der Riesenfisch zum Anbeißen findet. Das Wesen, versteht sich im Zusammenhang, ist ein aus dem Ruder gelaufenes Experiment der Reichsanstalt für Fischerei, der weiland wohl so etwas wie „Filets fürs Volk“ vorschwebte …

Derart (ver)führt einen Kurt Palm mit dem ihm eigenen sarkastischen Gruselklamauk von Chaos zu Katastrophe, von Tief- zu Höhepunkt. Die Spur der Flüchtlingsfamilie verliert sich zwischen den Seiten, dazu macht der Autor eine empathisch-autobiografische Notiz. Vernichtende Schicksalsschläge und selbstverschuldetes Unglück, Verrat, Betrug, Suizid, eine Liebe ohne Hoffnung, ereignen sich hingegen in den Nebensätzen dieses Blut-und-Beuschel-Dramas. Das erste Ende ist so apokalyptisch, dass es einen Lachen macht. Das zweite ist der große Todernst. „Und das Land lag öd und leer, und die Zeit war endlos und schwarz.“

Über den Autor: Kurt Palm, geboren 1955 in Vöcklabruck, Studium der Germanistik und Publizistik, wurde mit der gefeierten TV-Produktion „Phettbergs nette Leit Show“ (1994-96) bekannt. Sein Bestseller „Bad Fucking“ wurde 2011 mit dem Friedrich-Glauser-Preis für den besten deutschsprachigen Krimi des Jahres ausgezeichnet und war auch als Film erfolgreich. 2014 folgten der Film „Kafka, Killer und Chaoten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=9435) und der Roman „Bringt mir die Nudel von Gioachino Rossini“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6798). Bei Deuticke erschien zuletzt 2017 sein Roman „Strandrevolution“. „Monster“ wird ab 5. November als bitterböse Bühnenshow im Wiener Rabenhof gezeigt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35845).

Deuticke Verlag, Kurt Palm: „Monster“, Roman, 304 Seiten.

www.hanser-literaturverlage.de/verlage/zsolnay-deuticke           www.palmfiction.net/blog

Teaser zu „Monster“: www.youtube.com/watch?time_continue=20&v=sOell6t-H4s

  1. 9. 2019