Academy Awards Streaming: Gary Oldman ist „Mank“

März 20, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

David Finchers Meisterwerk ist nominiert für zehn Oscars

Ein ziemlich verkaterter Mank am William-Randolph-Hearst-Privatset: Gary Oldman und Amanda Seyfried als Marion Davies. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Mit den meisten, das sind dieses Jahr zehn Nominierungen geht der Netflix-Film „Mank“ ins Rennen um die Academy Awards 2021, und zwar in den Oscar-Kategorien: Bester Film, David Fincher für Beste Regie, Gary Oldman als Bester Hauptdarsteller, Amanda Seyfried als Beste Nebendarstellerin, Erik Messerschmidt für Beste Kamera, Donald Graham Burt

und Jan Pascale für Bestes Szenenbild, Trish Summerville für Bestes Kostümdesign, Trent Reznor und Atticus Ross für Beste Filmmusik, Gigi Williams und Team für Bestes Makeup und Frisuren sowie Ren Kylce und Team für Besten Ton. Hier noch einmal die Filmrezension vom vergangenen November:

The Making of „Citizen Cane“ und Hollywoods Fake News

Einer der außerordentlichen Eindrücke in diesem Film sind die Fade-Outs. Langsam kommen sie, zögerlich, kein Schwarz soll die Sequenz zu schnell beenden, stattdessen ein Moment des Unerledigten bleiben, könnt‘ ich zum Augenblicke sagen …, bis schließlich die Gegenwart von 1940 in Flashbacks aus den Dreißigerjahren entschwindet. Dazu auf der Schreibmaschine getippte Szenenüberschriften – Schauplatz, Tageszeit, Situation …

David Fincher hat für Netflix „Mank“ gedreht, die Story um die Entstehungsgeschichte des Filmdramas „Citizen Kane“, Orson Welles‘ Hollywood-Einstand mit ihm als Regisseur, Hauptdarsteller und Produzent, bis heute auf der Top-Ten-Liste der besten Filme aller Zeiten – und wie jedes Meisterwerk von einem Mythos umrankt. Dieser hier betrifft Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz, der im Abspann gerade mal als Co. genannt wird, alldieweil US-Kritikstar Pauline Kael schon 1971 im New Yorker auf Manks alleinige Autorschaft verwies. Ein Essay, den Davids Vater Jack Fincher bereits vor Jahrzehnten für sein Script studierte.

Da liegt also Mank im Bett, nach einem Autounfall mit Liegegips verarztet, auf einer Ranch in der Mojave-Wüste 85 Meilen nordöstlich von Los Angeles, wo, so hoffen die ihn dort einquartiert haben vergeblich, für den Alkoholiker nichts Hochprozentiges, dafür eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre zu finden ist. Das lädierte Bein ist gleichsam Sinnbild einer angeknacksten Karriere, Mank hat es sich mit MGM-Boss Louis B. Mayer verscherzt, jetzt soll die in Ungnade gefallene Edelfeder im Auftrag von RKO ein Drehbuch für Orson Welles verfassen.

Welles wer? Das neue Boy Wonder von der Ostküste gibt sein Traumfabrik-Debüt und hat dafür von RKO Carte blanche bekommen, seine „War of the Worlds“-Massenpanik eilt dem 24-Jährigen als Ruf voraus – und Tom Burke spielt einen sich selbst vergötternden Egomanen, der von seinem Genie einfach hingerissen ist. Eine Ich-Sucht, vor den lasterhaften, lästerlichen Mank geworfen, als wären‘s Schnapsperlen ins Whiskeyglas. Sechzig Tage hat er Zeit, so lange haben’s nicht einmal die biblischen Propheten in der Trockenzone ausgehalten. Zur Inspiration lässt sich Mank ergo erst einmal von der deutsch-jüdischen Haushälterin und Pflegerin Fräulein Freda, Monika Gossmann ehrenwert und ergeben, die Hausbar füllen, was wiederum der neuen, resoluten, moralisch entrüsteten Sekretärin Mrs. Rita Alexander, Lily Collins, nicht behagt.

Charles Dance als Medienmogul und Kane-Vorbild William Randolph Hearst. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Amanda Seyfried als dessen Dauergeliebte und Schauspielerin Marion Davies. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Tom Burke gibt den selbstverliebten Wonder Boy Orson Welles. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Oldman mit Arliss Howard als Louis B. Mayer und Tom Pelphrey als Manks Bruder Joe. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Gary Oldman in einer platonischen Ménage à trois, das Eheweib „poor Sara“, Tuppence Middleton wunderbar krisengeschmiedet, hat er zuhause gelassen, so ist Oldmans Mank: ein charmant ramponiertes, kauziges Scheusal, einer, der mit seinen pointierten Sagern und wohldosierten Beleidigungen die zynische Zier jeder Party ist, belesen, ein Poet, ein Philosoph, ein Philanthrop, letzteres gut versteckt (in einem Küchengespräch erfährt etwa Rita, dass Mank Fredas ganzes Dorf vor den Nazis in die USA gerettet hat), liebenswert, wenn er jemanden mag, was ihn demjenigen gegenüber hilflos macht, Oldman – in jeder Hinsicht ein Sympathicus.

David Fincher hat den „Citizen Kane“ en détail erforscht, konterkariert Welles‘ Deep Focus Cinematography, seine Point-of-View-Shots mit einer Nonchalance und Nachlässigkeit ähnlich der seines Protagonisten, während die Vorspanntitel das Golden Age in La La Land imitieren, Fincher verwichene Manierismen neu interpretiert. Nicht nur jenem dem aktuellen Kino abhandengekommenen Stilmittel Abblende wird gefrönt, künstlich eingefügte Kratzer und Marker sollen den Eindruck erwecken, dass man hier tatsächlich Filmrollen eingelegt hat. Fincher lässt seinen Film so ein eigenes, warmes Timbre entwickeln, diese achtsame inszenatorische Geste ist dem Regisseur offensichtlich Herzenssache.

Doch wiewohl von Kameramann Erik Messerschmidt in versonnen-traumverlorenem Schwarzweiß festgehalten, ist „Mank“ keine verwehte Nostalgie, keine Sentimentalität, keine schluchzenden Geigen à la anno Schnee, sondern eine durch und durch zeitgenössische Produktion. Fincher verschiebt die Perspektiven, die Betrachtungsweisen und Standpunkte, er erzählt, was sonst selten der Erzählung für Wert befunden wird. Finchers Rückblendenstruktur arrangiert die Geschehnisse neu, ordnet deren Chronologie um, flicht historisch nicht verbürgte Figuren oder Episoden ein und stellt legendäre Sätze in einen anderen Kontext. Mankiewicz‘ zweitberühmtesten Satz „There, but for the grace of God, goes God“ ruft Oldman Orson Welles hinterher.

Der sardonische Welles geistert meist als sagenumwobene Telefonstimme durch den Äther; viel näher als ihm ist Fincher den Figuren in den Rückblenden. Diese beginnen 1930, als Mank nach durchfeierter Nacht und hinlänglich verkatert auf Hearst Castle erwacht, Schloss und Anwesen samt Privatzoo des Medienmoguls William Randolph Hearst, den Grandseigneur Charles Dance als ebensolchen gibt, ein Machtmensch, ein Massenmanipulator, Meinungs- und Ministermacher und von den ihm Verpflichteten bestenfalls amüsiert.

Mank stolpert mitten in Dreharbeiten auf Hearsts Privatset – und wie Charles Dance auf dem Kamerawagen heransaust, ist vom Feinsten. Die folgenden geschliffenen Dialoge sind im englischen O-Ton noch gewitzter. Wenn Oldmans Mank mit den „supporting devices“ per Augenwinkern eindeutig den versteckten Alkohol meint, doch auf Deutsch mit dem durchaus korrekten Vokabel „Stützvorrichtung“ (für den geh-gehandicapten) übersetzt wird, so trifft das eben nicht den Kern von Vater Finchers Komödiantik.

Gary Oldman mit Lily Collins als Sekretärin und Alkohollehrling Rita Alexander. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Monika Gossmann als deutsch-jüdische Pflegerin Fräulein Freda. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Angewidert sieht Mank Louis B. Mayers Fake News: Gary Oldman. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Mayer verkündet Lohnkürzungen für die Studiobelegschaft: Arliss Howard. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Fincher-Sohn gibt Hearst durch die Flashbacks eine zentrale Rolle im zunehmend eskalierenden Konflikt. Durch den Alkoholnebel wabern Manks Erinnerungen und befeuern den Schreibprozess, Hearst ist Kane, ach, Rosebud! Hearst wird mit Mank noch Schlittenfahren, doch vorerst lernt er dessen Dauergeliebte, Ex-Ziegfeld-Follie, Schauspielerin Marion Davies kennen, Amanda Seyfried als Wasserstoffblondine mit wachem Verstand, in der Mank eine Seelenverwandte findet.

Die Studiobosse, die an Hearsts Intrigenfäden wie Marionetten zappeln, werden vorgestellt, allen voran Arliss Howard als maliziöser, vom Machtrausch mickriger Männer angesäuselter Louis B. Mayer. Bezeichnend eine Wirtschaftskrisen-Szene in der Mayer der als „meine Mischpoche“ geherzten Studio-Belegschaft mit blumigen Worten die Hälfte der Gehälter abschwatzt. Diese Chuzpe macht sogar Mank sprachlos.

Der Republikaner Hearst bedient sich der Suggestivkraft des Kinos, um im kalifornischen Gouverneurs-Wahlkampf von 1934 eine schmutzige Kampagne gegen den Schriftsteller und Sozialisten Upton Sinclair zu führen, und seinen Mann Frank Merriam groß zu machen. Fincher zeigt den politischen Druck auf die MGM-Künstlerinnen und -Künstler, die ohne eine Widerrede zu wagen in Mayers Anti-Sinclair-Fonds einzahlen müssen. Der an Felix E. Feist angelehnte Shelly Metcalf, Jamie McShane, zeigt Mank schließlich, was Mayer ihm als erste Regie-Chance angepriesen hat:

„Interviews“ mit Merriam-Wählern und Sinclair-Gegnern, allesamt gecastete Schauspielerinnen und Schauspieler, arbeitslose Mimen, die sich um die Mitwirkung in den Propagandaspots rissen, Fake News made by Film Industry, und mag Manks Prinzipienfestigkeit auch nur bis zur nächsten Bar reichen, diese Korruptheit stößt ihm saurer auf als Sodbrennen. Es ereignet sich Eskalation eins bei der Wahlabendparty im Trocadero Nachtclub, als Mank sein heute hochaktuelles: Man muss nur lang und laut genug die Unwahrheit sagen … vom Stapel lässt.

An solchen Stellen bekommt Finchers Film politische Tiefenschärfe. Später, in der 1940er-Mojave, wird er seinem Bruder Joe, Tom Pelphrey als schmucker Bursche eine Art Mank 2.0, der ihn vorm beruflichen Selbstmord warnt, heißt: sich nicht mit Hearst anzulegen, bescheiden: „Wir müssen achtsamer sein!“ – „Weswegen?“ – „Wegen der Menschen, die im Dunkeln sitzen …“ [Joseph wird als Autor-Regisseur und Oscarsammler von „All about Eve“ mit Bette Davis, „Julius Cäsar“ mit Marlon Brando bis „Cleopatra“ mit Elizabeth Taylor und Richard Burton, zuletzt „Sleuth“ mit Laurence Olivier und Michael Cane, den älteren übertreffen, Anm.]

Partycrasher Mank blamiert Mayer und sich selbst: Gary Oldman. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Not amused: Arliss Howard als Mayer und Charles Dance als Hearst. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Die Wahlnacht 1934: Tuppence Middleton als „die arme Sara“ (M.). Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Ein Oscar fürs Beste Original-Drehbuch: Gary Oldman als Mank. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Abblende, Aufblende, 1937 und wieder Party. Sturzbetrunken und streitlustig stürmt Mank den Hearst-Zirkus, um ihm sein Sinclair-Komplott vor die Füße zu werfen. Bevor er auf den Teppich kotzt. Der „Hofnarr“ wird vom Hausherrn persönlich hinausgeworfen. Dies die famose Schlüsselszene des Ganzen in der Mankiewicz vor Hearst schon seine Fabel eines megalomanischen Zeitungszaren skizziert. Ein Moment wie ein fiebriger Albtraum, für den Fincher manche Takes bis zu hundertmal wiederholt haben soll. In der Wüste verlangt Mank vom angereisten Orson Welles indes seinen Credit, davor hatte er auf Rechte und Nennung verzichtet, es steht also in zwei Zeitzonen Spitz auf Knopf. Welles‘ Wutausbruch nützt Mank sofort für die Trennungsszene zwischen Kane und seiner zweiten Frau.

Mehr als zwei Stunden lang begeistert Gary Oldman als Mank in Finchers detailreicher Charakterstudie eines sozial unverträglichen Menschen im Minenfeld gesellschaftlicher Konventionen. Welch hochentzündliche Reibefläche, dieser Traumfabrik-Insider, der stets Hollywoods Außenseiter war, welch eine Rolle, dieser überbezahlte, unterforderte in-der-Regel-der-einzige-im-Raum Intellektuelle mit seiner rücksichtslosen Integrität.

In der schönsten Szene spazieren Mank und „Pops“ Starlet Marion bei einem unschuldig-nächtlichen Tête-à-Tête durch Hearsts Privatzoo, vorbei an den Schemen von Giraffen, Raubkatzen und Elefanten. Ein surreales Szenario mit Serengeti-Tonspur, und die beiden um nichts weniger Gefangene des Studiosystems als die Kreaturen im Tiergarten. Mank sagt: „Ich bin wie eine Ratte in einer selbstgebauten Falle, die ich repariere, sobald Gefahr besteht, ihr zu entkommen.“ Und eine Vorahnung von Kanes goldenem Käfig Xanadu, Manks krönender Schöpfung, von deren Genesis niemand überraschter ist als er selbst, liegt in der Luft.

Der Rest ist Geschichte: „Citizen Kane“ wurde 1942 mit neun Oscar-Nominierungen bedacht, darunter Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller, und bei jeder Nennung von Hearst-Getreuen ausgebuht. Schließlich ging der Academy Award in der Kategorie Bestes Original-Drehbuch an Welles und Mankiewicz, die beide der Verleihung fern geblieben waren, Welles, weil er bereits in Mexiko drehte. Auf die Frage der ihm nachgefolgten Journalisten, ob er seinem Mitpreisträger medial etwas ausrichten wolle, antwortet er zumindest im Film: „Tell him he can kiss my ass.“ Am 25. April wird man wissen, wie David Finchers Hommage wie Demontage des klassischen Hollywood abgeschnitten hat.

Trailer/engl.: www.youtube.com/watch?v=aSfX-nrg-lI     www.youtube.com/watch?v=qDFI6EbEF8c     Behind the Scenes: www.youtube.com/watch?v=49LWiBUCauU     www.netflix.com

20. 3. 2021

Arash T. Riahi: Ein bisschen bleiben wir noch

Oktober 1, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus Kindersicht aufs Abschieben geschaut

Oskar und Lilli haben sich eine heile Fototapetenwelt gebastelt: Leopold Pallua und Rosa Zant. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Wenn man den Mund lange genug offenlässt, können die Sorgen vielleicht aus einem rausfliegen“, hofft Oskar flüsternd und probiert es gleich einmal aus. Doch so einfach ist es nicht. Der Achtjährige und seine fünf Jahre ältere Schwester sitzen vor der Heile-Welt-Fototapete, die sie sich gebastelt haben. Elefanten, ein Rehkitz, Eichhörnchen

bevölkern das Fantasieland von Ortsa und Leila – die un/längst zu Oskar und Lilli geworden sind. Um weniger aufzufallen, nicht aus der Masse rauszufallen. Die Polizei wummert an die Tür, dringt in die mehr als bescheidene Bleibe ein, durchwühlt die wenigen Habseligkeiten. Sie wisse doch um den Ausweisungsbescheid, wird die Mutter zurechtgewiesen, und festgestellt, dass die Behörde Sohn und Tochter nun mitnehme. Zu „Schnitzeln“ und „an sauberem G’wand“ – und die verzweifelte Frau, Schauspielerin Ines Miro, läuft ins Bad, schließt sich ein, die Pulsadern, Blut fließt …

Regisseur Arash T. Riahi hat den Roman „Oskar und Lilli“ von Monika Helfer verfilmt. „Ein bisschen bleiben wir noch“ ist ab morgen in den Kinos zu sehen, und Riahis Zugang zum Thema, er selbst als achtjähriger Flüchtling in den 1980er-Jahren aus dem Iran in Europa angekommen, kein sozialrealistischer, sondern ein poetischer. Ihm gehe es um die Unschuld, die Unschuld der Kinder und die des menschlichen Glaubens an Gerechtigkeit, sagt Riahi, und „dass wir viele der Probleme unserer Zeit nicht durch bürokratische Ansätze sondern durch humanistische lösen werden können“. Lilli und Oskar, sie kennen keine andere „Heimat“ als Österreich.

Dass ihm die Kindersicht aufs Abschieben so glänzend gelingt, ist seinen Darstellern Rosa Zant als Lilli und Leopold Pallua als Oskar zu danken, die schlicht hinreißend spielen. Die kühle, abweisende Teenagerin und den fantasiebegabten, warmherzigen kleinen Bruder, die sich im Folgenden ihre je eigene Überlebensstrategie zurechtlegen. Wobei Riahi in kontrastreichen Aufnahmen zwischen Leinwandmagie, Albtraumsequenzen aus einem zerstörten Land und unverblümter österreichischer Härte zu wechseln weiß.

Die überforderten Öko-Pflegeeltern: Alexandra Maria Nutz und Markus Zett. Bild: © Filmladen Filmverleih

Manchmal verliert sogar Oskar die gute Laune: Leopold Pallua. Bild: © Filmladen Filmverleih

Frei fliegend im „Scherm“ – Lilli blüht im Prater auf: Rosa Zant. Bild: © Filmladen Filmverleih

Geborgen bei Oma Erika: Christine Ostermayer und Leopold Pallua. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die aus Tschetschenien geflohene Familie, der Vater vor Jahren in irgendeinem Grenzland verloren gegangen, wird einmal mehr auseinandergerissen. Die Mutter wird nach ihrem Selbstmordversuch in die Psychiatrie eingewiesen, Oskar und Lilli verschiedenen Pflegeeltern zugeteilt, damit sie sich, so die Logik von Jugendamtsmitarbeiterin Veronika Glatzner, nicht zusammen in ihrem Trauma einigeln können. „Ich werde dich finden, egal wo sie dich hinbringen“, ist Lillis letztes Versprechen. Dann entführt Riahi seine minderjährigen abgewiesenen Asylwerber in eine Gutmenschen-Farce.

Lilli landet bei Single Ruth, als die Simone Fuith herrlich aufgeklärt-aufgedreht agiert, sie wisse ja, die Tschetschenen essen viel Fleisch, plappert sie beim ersten Abendmahl und dass sie sich nicht als Ersatzmutter, sondern Lillis neue beste Freundin verstehe. Oskar wird zu einem von Alexandra Maria Nutz und Markus Zett lustvoll überzeichneten Lehrerehepaar verfrachtet, zwei Ökofundis und Vegetarier, die auf Oskars Kommentar zum fleischlosen Eintopf – „Ihr seid alle nicht normal!“ – mit Entsetzen reagieren und sofortige Integration einfordern. Doch mehr als alles Missverstehen schwebt über beiden Haushalten „das gute Gefühl, dass wir das machen“.

Da lacht sich Oma Erika – Christine Ostermayer, die ihre Rolle mit nahezu erschreckend realitätsnaher Hingabe verkörpert – fast kaputt. Mit deren Parkinsonerkrankung die Lehrer ebenso überfordert und ergo hysterisch sind wie mit ihren Moralvorstellungen, und Söhnchen Simon (Filmemachers Neffe Simon Fraberger-Riahi), und es wird Oskar sein, der sich, zunächst als eine Art „Heimhilfe/Babysitter“ zweckentfremdet, um das Schicksal auch dieser Familie annehmen wird. In seinem maßlosen Optimismus, die Existenz und das Verhalten der Menschen um sich zu verändern, zu verbessern, und so sein eigenes, um einiges dramatischeres Leben zu meistern.

Das macht Leopold Pallua in doppeltem Sinne zum Herz des Films, sein Oskar, der Künstler und Erfinder, dessen Neugier und Neunmalklugheit, dessen trockener Humor und Leichtigkeit Situationen zu meistern, den Grundtenor der Traurigkeit erst erträglich machen. Ihm schenkt Riahi all die lyrischen Momente, allein wie er Großmutters Wunderkammer-Schlafzimmer entdeckt, alldieweil Lilli sich an der Wirklichkeit reiben muss. Ruths zwielichtigem Lover Georg, Rainer Wöss, zum Beispiel. Von dem man lange glaubt, dass er Lilli an die Wäsche, während er sie nur so rasch wie möglich wieder loswerden will.

Tschetschenische Albträume: Rosa Zant, Leopold Pallua und Ines Miro als Mutter. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die einzige Schulfreundin bleibt Betti, Anna Fenderl, Tochter von Studio 2-Moderatorin Birgit Fenderl, mit einer weiteren Probe ihres Talents, Problemfamilienmitglied Betti also, Raucherin und Wodkatrinkerin, die Lilli das Taschengeld abluchst, damit sich ihre Mutter die Drogensucht nicht auf dem Straßenstrich finanziert. Wenig wirft hier ein gutes Licht auf den sogenannten Westen und seine Werte. Und irgendwie mystisch und zauberhaft spiegelt

die schon hinüber entschwindende Großmutter, deren Geschichte ein großes Rätsel bleibt, das Gestern ins Jetzt. Mit welch Szenen Arash T. Riahi sein Anliegen illustriert: Lilli, die sich noch einmal in die alte Wohnung schleicht, um das Blut der Mutter wegzuwaschen. Lilli an ihrem Zufluchtsort des Glücks, frei fliegend im Prater-„Scherm“. Oskar, der die gefrustete Bio-Lehrerin im Supermarkt beim Wurstfressen ertappt. Oskar, der sich darin übt, ein „gefährliches Kind“ zu sein, um eine Adoption zu verhindern.

Die Mutter im Krankenhausgarten, die vorgibt ihre Kinder nicht zu erkennen, und wie der Zuschauer merkt, es ist ihr Schwindel für deren bessere Zukunft. Die persönlich liebste, als Oskar der Lehrerin eine Leberkässemmel unter die Matratze schiebt, damit der Lehrer glaubt, sie furzt – und Klein-Simon die Semmel hervorholt und isst. Mehr Rebellion, mehr Widerstand geht nicht. Und schließlich ein Seifenblasentanz mit Mutter, Lilli und Großmutter Erika – Momente wie dieser in Filmen stets ein Zeichen für den Tod.

„Ein bisschen bleiben wir noch“ ist an keiner Stelle ein kitschiges Betroffenheitsdrama, der Film ist ein zutiefst menschliches Werk, das seine jugendlichen Hauptfiguren nie zu wandelnden Klischees verkommen lässt. Leopold Pallua, Rosa Zant und Anna Fenderl spielen sich mit einer rauen Emotion durch den kaum entrinnbaren, aber dennoch mit Hoffnungsschimmern erfüllten Mikrokosmos ihrer Figuren, dass es eine Freude ist. Aufwühlend und beglückend, die unter der Oberfläche schwelende Tragik niemals beschönigend, endet der Film mit einem Schlussbild, das in seiner Ambiguität jedem selbst zu deuten überlassen ist. Real, surreal, sch*egal, um den alten Sponti-Spruch abzuändern. Bei Oskar wird: Das be*scheidenste Leben ein schöner Traum.

www.einbisschenbleibenwirnoch.at           Trailer: vimeo.com/396736862           www.youtube.com/watch?v=_1o5thmI3ik           Behind the Scenes-Clip mit Arash T. Riahi über die Besetzung seines Baby-Neffen Simon – Sehenswert!: www.facebook.com/OskarAndLilli/videos/1296956990643097/

  1. 10. 2020

Rund um die Burg 2020: Das Literaturfestival geht online

April 30, 2020 in Buch, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Stars wie T. C. Boyle und Stewart O’Nan lesen live

T. C. Boyle, © echo medienhaus

Das #Corona-Virus und seine bekannten Auswirkungen hat auch vor dem traditionsreichen Literaturfestival „Rund um die Burg“ nicht Halt gemacht. Dennoch findet das Lesefest auch dieses Jahr statt – und zwar online. Mit wie gehabt zahlreichen nationalen und internationalen Stars der Literaturszene geht der 24-Stunden-Lesemarathon heuer am 8. Mai eben über die virtuelle Bühne.

Nicht weniger als 45 Autoren – und damit mehr als doppelt so viele wie in den vergangenen Jahren – lesen ab 10 Uhr auf rundumdieburg.at aus ihren Werken. Und das nicht nur am Veranstaltungstag: Alle Beiträge können auch danach noch gestreamt werden.

Mit dabei sind Superstars wie T. C. Boyle, dessen Zuschaltung aus Santa Barbara, Kalifornien, um Mitternacht Ortszeit läuft, Rafik Schami mit „Vom Überlisten“ um 11 Uhr, Stewart O’Nan, dessen Lesung aus Pittsburgh aus „Henry Himself“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=37172) ab 13.20 Uhr läuft, Hilary Mantel aus dem Süden Englands, die ab 16 Uhr den Abschluss ihrer Cromwell-Trilogie „The Mirror and the Light“ vorstellt (Rezension Band I „Wölfe“: www.mottingers-meinung.at/?p=153, Rezension Band II „Falken“: www.mottingers-meinung.at/?p=2951), John Stralecky, der um 20 Uhr aus seinem Bestseller „Auszeit im Café am Ende der Welt“ liest, und Raoul Schrott um 0.40 Uhr mit „Eine Geschichte des Windes“.

Monika Helfer, © echo medienhaus

Rafik Schami, © echo medienhaus

Stewart O´Nan, © echo medienhaus

Eröffnet wird mit Fernseh-Legende Hugo Portisch, der ab 10 Uhr in seiner Wohnung aus seiner Autobiographie „Aufregend war es immer“ vorträgt. Michael Köhlmeier erzählt zuhause in Hohenems ab 21 Uhr seine beliebten Märchen (Rezension „Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle“: www.mottingers-meinung.at/?p=30974) und spätnachts ab 0.20 Uhr liest Monika Helfer, deren Roman „Oskar und Lilli“ von Arash T. Riahi unter dem Titel „Ein bisschen bleiben wir noch“ verfilmt wurde und eigentlich bereits im Kino sein sollte www.einbisschenbleibenwirnoch.at, aus ihrem jüngsten Werk „Die Bagage“.

Lesen werden außerdem Georg Biron, Erika Pluhar, „Superheldin“ Lisz Hirn, Stefan Slupetzky aus „Bummabunga“, Steirerkrimi-Autorin Claudia Rossbacher, Tex Rubinowitz www.mottingers-meinung.at/?p=33292, Gerhard Nechyba Liobelsberger aus „Alles Geld der Welt“, Eva Rossmann, Joesi Prokopetz, ORF-Wetter-Moderatorin Eser Akaba aus „Sie sprechen ja Deutsch!“, Chris Lohner sowie the one and only Erich Schleyer.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=l2Y0Z0uSnpg           rundumdieburg.at

30. 4. 2020

Hilary Mantel, © echo medienhaus

Raoul Schrott, © echo medienhaus

Michael Köhlmeyer, © echo medienhaus

John Strelecky, © echo medienhaus

Werk X: Geschichten aus dem Wiener Wald

Oktober 14, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sportgymnastik mit Fascesbündeln

Die deutsch-afrikanischen Performer Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star, Annick Prisca Agbadou, Hauke Heumann und Gotta Depri. Bild: © Alexander Gotter

Dass Faschisten den Antifaschisten dieser Tage Faschismus vorwerfen, hält Hauke Heumann für eine beängstigende Skurrilität. Und während der Performer im Weiteren und mit Verweis auf aktuelle Vorkommnisse, Walter Lübcke und NPD-Stephan E., Halle und Stephan B., gelöschte Akten beim Verfassungsschutz, NSU, Beate Zschäpe und keine Suche nach etwaigen Unterstützern im Hintergrund, Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ ins Heute fortentwickelt, hat sich Annick

Prisca Agbadou einen Kittel mit Qualtinger-Prints übergeworfen, fungiert Gotta Depri längst als Lederhosenträger. Heimatkitsch trifft auf Kritik an ebendieser, und die Frage ist, wie viel faschistoide Tendenzen in diesem abgegriffenen Begriff stecken. Die sich diese stellen, sind das Künstlerkollektiv Gintersdorfer/Klaßen, Monika Gintersdorfer, Knut Klaßen und neben den bereits erwähnten Akteuren noch Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star, die im Werk X ihre Version des „Wiener Volksstück gegen das Wiener Volksstück“ (© Erich Kästner) zur Aufführung bringen. Dies mit den bewährten Methoden der deutsch-afrikanischen Truppe an ihrer einmaligen Schnittmenge von Drama und Tanz, Theater und Coupé Décalé, letzteres ein Musikstil von der Côte d’Ivoire, woher drei der Auftretenden stammen.

Ihr transkulturelles Konzept haben Gintersdorfer/Klaßen diesmal um die Musiker Der Nino aus Wien und Partnerin Natalie Ofenböck erweitert, für beide ist es die erste Theaterarbeit, in der sie nicht nur selbst komponierte Songs, teilweise nach Horváth-Originaltexten oder Ernst Arnolds „Draußen in der Wachau“ singen, sondern auch aus dieser Rolle treten, um eine auf der Spielfläche zu verkörpern. Die – auch im soziologischen Sinne – Struktur des Ganzen ist die Nacherzählung. Konkret geschieht’s da beispielsweise, dass Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star etwas auf Französisch berichtet, und wie er wichtig vor dem Publikum auf- und abstapft und dabei ausladend gestikuliert, folgt ihm Hauke Heumann in gleichem Schritt und Geste.

Heumanns Live-Übersetzungen sind sozusagen ein Gintersdorfer/Klaßen’sches Stilmittel, sein Nachhaken, Andersformulieren, Auslassen der Reibungskoeffizient zwischen den Ausdrucksformen, zwischen Charakter und Darsteller, zwischen Verstehen und Verhandeln. Heumanns Anmerkungen zur gezeigten Horváth-Interpretation, zu Stückinhalt und Inszenierungsweise ist die Inszenierung. Erklärt also Yao die Figur eines jungen, gut angezogenen Manns, konkretisiert ihn Heumann als Alfred, und stellt Der Nino lapidar fest: „Strizzi halt.“

Tanz den Horváth! Annick Prisca Agbadou, Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star und Gotta Depri. Bild: © Alexander Gotter

Pervertierung der Sportgymnastik: Depri, Yao, Heumann und Agbadou beim Turnen mit den Fasces. Bild: © Alexander Gotter

Wie Afrika als Fundament unterm „Wiener Wald“ liegt, so die Kommentare vom Nino als komödiantisch-sarkastische Folie darüber. „Difficile est satiram non scribere“, bemerkt Der Nino dazu. Aus der Beschreibung wird allmählich Darstellung, Szene um Szene schält sich aus dem Geschilderten. Yao kriecht als – böse, man weiß es – Großmutter wie eine Spinne über den Boden und kreischt gellend nach der sauren Milch. Agbadou macht die Marianne, Yao als Rittmeister einen Rückwärtssalto, Depri tritt als wuchtiger Zauberkönig auf.

Yao protestiert, geriert sich als großer Schauspieler und will zum Gaudium der Zuschauer sofort alle Rollen übernehmen. Depri und Yao schwärmen von der Valerie als selbstbewusster Frau, die Witwe sei ihre Lieblingsfigur, so die beiden, die „Draffiggantin“ führt Der Nino im Depressiv-Dialekt aus, weil sie eine ist, die sich nimmt, was sie braucht. Heißt: Sex. Und apropos: Später im Maxim wird Heumann mitteilen, dass auf Valeries hysterische Anfälle hier verzichtet wird: „Die Frauenschreie müssen wir auslassen, wir machen nicht so psychologisches Theater“, sagt er heiter entschuldigend.

In dieser Ansage über Verfremdung liegt ein tieferes Verständnis für Horváth, trotz oder eben gerade wegen der Anti-Einstellung des Abends – anti- psychologischer Annäherung, anti- kathartischem Effekt, anti- sogar Exzess. Wer wen oder über wen spricht, ändert sich ständig. Der Text durchläuft das Ensemble. Das uneigentliche Sprechen der Horváth’schen Figuren erfindet sich bei Gintersdorfer/Klaßen solcherart neu und aufs Extrem zugespitzt. Über den grotesk energischen Studenten Erich, dieser ein Vorbote des Nationalsozialismus, er laut Heumann die Repräsentationsfigur Deutschlands, kommt der zum eingangs beschriebenen Exkurs.

Und zur Rhythmischen Sportgymnastik als Kern der Gintersdorfer/Klaßen-Arbeit. Ausgehend von Mariannes Wunsch, diese einmal zu studieren, und der Pervertierung desselben, wenn sie am Ende ihres Weges als Nackttänzerin strippt, befasst sich die Gruppe sowohl mit den Theorien eines Émile Jaques-Dalcrozes, der durch die Gymnastik die Gesellschaft von ihren Zwängen befreit wissen wollte, als auch mit der Förderung der „organischen Volksgemeinschaft“ im Dritten Reich.

Neue Wienerlieder nach Horváth-Texten: Yao, Der Nino aus Wien, Heumann, Natalie Ofenböck im Spiegel und Depri. Bild: © Alexander Gotter

Qualtingerkittel trifft auf Lederhosenträger: Annick Prisca Agbadou und Gotta Depri, hinten: Natalie Ofenböck. Bild: © Alexander Gotter

In ihren „Geschichten aus dem Wiener Wald“ bewegen sich die Performer permanent im Raum, nach Art der Turnsportchoreografien vollführen sie Tanzschritte und Sprünge, „verbiegen“ sich im Wortsinn und in politischem, und verwenden als „Gerät“ schließlich schwarze Fasces, die Rutenbündel der italienischen Faschisten, übernommen von den Römern als äußeres Attribut der Herrschergewalt. Ein krasses Bild, wie die körperliche Offenbarung der Seele in Riefenstahl-Optik versinkt, wie Freikörperkultur und Reformpädagogik in NSDAP’sche Zucht und Ordnung kippen. Derart geben einem Gintersdorfer/Klaßen kaltwarm.

Auf eine großartige Szene an der schönen blauen Donau, wo Heumann als Valerie beim Umziehen von Alfred, vom Zauberkönig und von Erich bespechtelt wird, folgt die „pikante“, in Wahrheit brutale im Nachtclub, Der Nino aus Wien und Natalie Ofenböck singen „Jeder hat einen Traum, aber wahr wird er kaum“. Beim Heurigen zeigen die alsbaldigen Herrenmenschen im Spiegel ihre Fratzen, und drehen diesen natürlich genüsslich Richtung Zuschauertribüne. Wie’s für die Marianne ausgeht, ist bekannt, und als abschließendes Lied erklingt Oskars Verlobungsfeierdrohung: „Du wirst meiner Liebe nicht entgehen …“

Fazit: Diese zugleich Innenschau- wie Außenblickproduktion, die eine schon wieder nach rechts schunkelnde Gesellschaft in ihrer volksdümmlichen Gemütlichkeit und ihrem entmenschten Ausgrenzertum aufs Korn nimmt, ist eine der hervorragendsten, die das Werk X bis dato geboten hat. Ein würdiger Auftakt der unter dem Spielzeitmotto „Heimat und Arschloch“ stehenden Saison, der mit Bravour abgeschlossene Beweis, dass weder „Vaterland“ noch „Muttersprache“, sondern nur Individualität Identität erschafft.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=deXvxHFhwbY                werk-x.at           www.gintersdorferklassen.org

  1. 10. 2019

Kasino des Burgtheaters: Theblondproject

Oktober 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Aufzug mit der Avatarin

Gesine Danckwart und Caroline Peters erklären dem anwesenden Publikum den Ablauf des Abends. Bild: Marcella Ruiz Cruz / Burgtheater

Als Rod Stewart sein Album „Blondes Have More Fun“ veröffentlichte, war er mehr als 40 Jahre von der gestrigen Uraufführung entfernt, und nein, als Angehörige dieser – wenn auch mittlerweile im Friseursalon aufgepeppten – Spezies kann man nicht sagen, dass man an „Theblondproject“ besonders viel Spaß gehabt hätte. Theatermacherin Gesine Danckwart und Schauspielerin Caroline Peters haben die immerhin vom deutschen Fonds Doppelpass geförderte Produktion der Danckwart’

schen Formation Chez Company und des Burgtheaters gemeinsam entwickelt und getextet, und fungieren nun im Kasino desselben auch als Performerinnen. Dass der Abend allerdings ab der initialen Phase nicht zündet, mag an der eigenen Erwartungshaltung gelegen sein, wurde doch via Burgtheater-Webseite vollmundig verkündet, die Akteurinnen würden sich anhand der klischeebehaftesten Haarfarbe von allen mit Rollenbildern, Identitätsmustern, Machtstrukturen, heißt: eben den üblichen Mythen ums Blondsein, beschäftigen. Davon bleibt ein von Peters zugegeben virtuos vorgetragener Blondinenwitz und bereits anfangs die Ansage, die eine, Danckwart, sei immer schon Feministin gewesen, während die andere, Peters, damit bis dato wenig zu tun hatte, hätte sich ihrer Selbstverwirklichung doch nie ein Mann in den Weg gestellt.

Was bei einer Mitarbeiterin in einem Apparat, der vom Literaturkanon bis zur Bühnentätigkeit männlich dominiert ist, an sich schon verwundert, auch eingedenk der Tatsache, dass die zwei großen Wiener Theater von Frauen- zurück in Männerhände gegeben wurden. Staunende Sprachlosigkeit befällt einen aber erst, als das Künstlerinnenduo sich dem Gendering verweigert, und für sich selbst in seinen Aufgaben das Maskulinum wählt – Autor, Regisseur, Schauspieler. Ist das ein Witz in dieser Welt weißer Hetero-Herren?

An einer Station steuern die Zuschauer die Avatarin … Bild: Marcella Ruiz Cruz / Burgtheater

… und die reagiert sofort auf deren Wünsche. Bild: Marcella Ruiz Cruz / Burgtheater

„Theblondproject“ will sich als Indikator des neuen Kušej’schen Burgtheaters verstanden wissen, wobei vor allem im Kasino stattfinden soll, was weibliche Avantgarde, Diskurs darüber – mit einem Wort: emanizipationsbewegt ist. Bewegt wird aber erstmal nur das Publikum, eingeladen zu einem Parcours durch die Hinterbühnenräume des Kasinos, wo an Bildern, Filmen, Erlebnissen allerhand passiert. Chefmaskenbildner Peter Spörl referiert über Haare, daneben Perücken und Spiegel, um das Gehörte gleich auszuprobieren. Komparsinnen und Komparsen unterhalten mit Anekdoten über berühmte Blondinen, an Musik erklingt der Plastikblondsong „Barbie Girl“ von Aqua und Emilia Mitikus „Big Big World“.

Herzstück der Installation sind Video-Interviews mit Frauen, Kulturstadträtin Veronika Kaup-Hasler, Theaterwissenschaftlerin Monika Meister und anderen aus der vielzitierten „Mitte der Gesellschaft“ stammenden Macherinnen. Das innovative Highlight des Ganzen ist denn freilich nicht Inhaltliches, sondern ein Stück Technik, Thekla Kaischauri als mit Stirnkamera ausgestattete „Avatarin“, deren Live-Aufnahmen in den Saal übertragen, und deren Aktionen von den Zuschauerinnen und Zuschauern gesteuert werden können. So muss sie mal Klavierspielen, mal raus auf den regennassen Schwarzenbergplatz, mit einem selber zum Schluss im Aufzug hinunter Richtung Eingangsbereich fahren.

Bevor es gilt, sich aus der Bunten-Abend-Atmosphäre zu verabschieden, monologisiert Caroline Peters noch dreißig Minuten lang, kommt dabei vom Hundertsten ins Tausendste, von der strawberryblonden Rita Hayworth über die Hitchcock-blonde Tippi Hedren zur wasserstoffblonden Marilyn Monroe, diese als Smiley auf der Spielfläche versinnbildlicht, und apropos, Sex-: von Bikini zu Atoll zu Atombombe.  Bombshellblond und in „Diamonds Are a Girl’s Best Friend“-Aufmachung womansplaint Peters, was das Zeug hält, flachst, sie sei im Laufe der Veranstaltung noch (flachs)-blonder geworden, schäkert mit Souffleuse Monika Brusenbauch, weil’s doch nur ein Scherz ist, wenn sie sich aus deren Einsagebuch die vergessenen Formulierungen holt.

Keep on Smiley: Caroline Peters als Bombshell Blonde in „Diamonds Are a Girl’s Best Friend“-Aufmachung. Bild: Marcella Ruiz Cruz / Burgtheater

Da geht das Auditorium dankbar mit, doch hat’s anschließend Gesine Danckwart schwer, die, in Fell gehüllt, den mutmaßlich maßgeblichen Satz der Vorführung sagt: „Ich sehe mich einfach nicht.“ Und ist das der Fall, kann ich auch nicht gesehen werden. Da legt sich der Frauen- solidaritätsschalter doch noch um, auch wenn dieses Selbst- bespiegelungsprojekt – „Spiegel“ im Sinne von: zwar glänzender, aber letztlich zweidimensionaler Oberfläche

– nichts zu Selbstreflexion, schon gar nicht Selbstfindung beigetragen hat. Immerhin ein Erfreuliches: Auf den zu Beginn ausgeteilten Fragebögen geben am Ende 87 Prozent der diese Ausfüllenden an, den Begriff „Feminismus“ nicht zum Schimpfen zu verwenden. „Befragen“ ist auch das Stichwort, das „Theblondproject“ für sich erkoren hat, Danckwart und Peters wollen das mit sich, einander und anderen weiter tun. Im Frühjahr 2012 soll es dann ein zweites Projekt an der Deutschen Oper Berlin geben.

www.burgtheater.at           www.theblondproject.net

  1. 10. 2019