Werk X: Geschichten aus dem Wiener Wald

Oktober 14, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sportgymnastik mit Fascesbündeln

Die deutsch-afrikanischen Performer Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star, Annick Prisca Agbadou, Hauke Heumann und Gotta Depri. Bild: © Alexander Gotter

Dass Faschisten den Antifaschisten dieser Tage Faschismus vorwerfen, hält Hauke Heumann für eine beängstigende Skurrilität. Und während der Performer im Weiteren und mit Verweis auf aktuelle Vorkommnisse, Walter Lübcke und NPD-Stephan E., Halle und Stephan B., gelöschte Akten beim Verfassungsschutz, NSU, Beate Zschäpe und keine Suche nach etwaigen Unterstützern im Hintergrund, Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ ins Heute fortentwickelt, hat sich Annick

Prisca Agbadou einen Kittel mit Qualtinger-Prints übergeworfen, fungiert Gotta Depri längst als Lederhosenträger. Heimatkitsch trifft auf Kritik an ebendieser, und die Frage ist, wie viel faschistoide Tendenzen in diesem abgegriffenen Begriff stecken. Die sich diese stellen, sind das Künstlerkollektiv Gintersdorfer/Klaßen, Monika Gintersdorfer, Knut Klaßen und neben den bereits erwähnten Akteuren noch Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star, die im Werk X ihre Version des „Wiener Volksstück gegen das Wiener Volksstück“ (© Erich Kästner) zur Aufführung bringen. Dies mit den bewährten Methoden der deutsch-afrikanischen Truppe an ihrer einmaligen Schnittmenge von Drama und Tanz, Theater und Coupé Décalé, letzteres ein Musikstil von der Côte d’Ivoire, woher drei der Auftretenden stammen.

Ihr transkulturelles Konzept haben Gintersdorfer/Klaßen diesmal um die Musiker Der Nino aus Wien und Partnerin Natalie Ofenböck erweitert, für beide ist es die erste Theaterarbeit, in der sie nicht nur selbst komponierte Songs, teilweise nach Horváth-Originaltexten oder Ernst Arnolds „Draußen in der Wachau“ singen, sondern auch aus dieser Rolle treten, um eine auf der Spielfläche zu verkörpern. Die – auch im soziologischen Sinne – Struktur des Ganzen ist die Nacherzählung. Konkret geschieht’s da beispielsweise, dass Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star etwas auf Französisch berichtet, und wie er wichtig vor dem Publikum auf- und abstapft und dabei ausladend gestikuliert, folgt ihm Hauke Heumann in gleichem Schritt und Geste.

Heumanns Live-Übersetzungen sind sozusagen ein Gintersdorfer/Klaßen’sches Stilmittel, sein Nachhaken, Andersformulieren, Auslassen der Reibungskoeffizient zwischen den Ausdrucksformen, zwischen Charakter und Darsteller, zwischen Verstehen und Verhandeln. Heumanns Anmerkungen zur gezeigten Horváth-Interpretation, zu Stückinhalt und Inszenierungsweise ist die Inszenierung. Erklärt also Yao die Figur eines jungen, gut angezogenen Manns, konkretisiert ihn Heumann als Alfred, und stellt Der Nino lapidar fest: „Strizzi halt.“

Tanz den Horváth! Annick Prisca Agbadou, Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star und Gotta Depri. Bild: © Alexander Gotter

Pervertierung der Sportgymnastik: Depri, Yao, Heumann und Agbadou beim Turnen mit den Fasces. Bild: © Alexander Gotter

Wie Afrika als Fundament unterm „Wiener Wald“ liegt, so die Kommentare vom Nino als komödiantisch-sarkastische Folie darüber. „Difficile est satiram non scribere“, bemerkt Der Nino dazu. Aus der Beschreibung wird allmählich Darstellung, Szene um Szene schält sich aus dem Geschilderten. Yao kriecht als – böse, man weiß es – Großmutter wie eine Spinne über den Boden und kreischt gellend nach der sauren Milch. Agbadou macht die Marianne, Yao als Rittmeister einen Rückwärtssalto, Depri tritt als wuchtiger Zauberkönig auf.

Yao protestiert, geriert sich als großer Schauspieler und will zum Gaudium der Zuschauer sofort alle Rollen übernehmen. Depri und Yao schwärmen von der Valerie als selbstbewusster Frau, die Witwe sei ihre Lieblingsfigur, so die beiden, die „Draffiggantin“ führt Der Nino im Depressiv-Dialekt aus, weil sie eine ist, die sich nimmt, was sie braucht. Heißt: Sex. Und apropos: Später im Maxim wird Heumann mitteilen, dass auf Valeries hysterische Anfälle hier verzichtet wird: „Die Frauenschreie müssen wir auslassen, wir machen nicht so psychologisches Theater“, sagt er heiter entschuldigend.

In dieser Ansage über Verfremdung liegt ein tieferes Verständnis für Horváth, trotz oder eben gerade wegen der Anti-Einstellung des Abends – anti- psychologischer Annäherung, anti- kathartischem Effekt, anti- sogar Exzess. Wer wen oder über wen spricht, ändert sich ständig. Der Text durchläuft das Ensemble. Das uneigentliche Sprechen der Horváth’schen Figuren erfindet sich bei Gintersdorfer/Klaßen solcherart neu und aufs Extrem zugespitzt. Über den grotesk energischen Studenten Erich, dieser ein Vorbote des Nationalsozialismus, er laut Heumann die Repräsentationsfigur Deutschlands, kommt der zum eingangs beschriebenen Exkurs.

Und zur Rhythmischen Sportgymnastik als Kern der Gintersdorfer/Klaßen-Arbeit. Ausgehend von Mariannes Wunsch, diese einmal zu studieren, und der Pervertierung desselben, wenn sie am Ende ihres Weges als Nackttänzerin strippt, befasst sich die Gruppe sowohl mit den Theorien eines Émile Jaques-Dalcrozes, der durch die Gymnastik die Gesellschaft von ihren Zwängen befreit wissen wollte, als auch mit der Förderung der „organischen Volksgemeinschaft“ im Dritten Reich.

Neue Wienerlieder nach Horváth-Texten: Yao, Der Nino aus Wien, Heumann, Natalie Ofenböck im Spiegel und Depri. Bild: © Alexander Gotter

Qualtingerkittel trifft auf Lederhosenträger: Annick Prisca Agbadou und Gotta Depri, hinten: Natalie Ofenböck. Bild: © Alexander Gotter

In ihren „Geschichten aus dem Wiener Wald“ bewegen sich die Performer permanent im Raum, nach Art der Turnsportchoreografien vollführen sie Tanzschritte und Sprünge, „verbiegen“ sich im Wortsinn und in politischem, und verwenden als „Gerät“ schließlich schwarze Fasces, die Rutenbündel der italienischen Faschisten, übernommen von den Römern als äußeres Attribut der Herrschergewalt. Ein krasses Bild, wie die körperliche Offenbarung der Seele in Riefenstahl-Optik versinkt, wie Freikörperkultur und Reformpädagogik in NSDAP’sche Zucht und Ordnung kippen. Derart geben einem Gintersdorfer/Klaßen kaltwarm.

Auf eine großartige Szene an der schönen blauen Donau, wo Heumann als Valerie beim Umziehen von Alfred, vom Zauberkönig und von Erich bespechtelt wird, folgt die „pikante“, in Wahrheit brutale im Nachtclub, Der Nino aus Wien und Natalie Ofenböck singen „Jeder hat einen Traum, aber wahr wird er kaum“. Beim Heurigen zeigen die alsbaldigen Herrenmenschen im Spiegel ihre Fratzen, und drehen diesen natürlich genüsslich Richtung Zuschauertribüne. Wie’s für die Marianne ausgeht, ist bekannt, und als abschließendes Lied erklingt Oskars Verlobungsfeierdrohung: „Du wirst meiner Liebe nicht entgehen …“

Fazit: Diese zugleich Innenschau- wie Außenblickproduktion, die eine schon wieder nach rechts schunkelnde Gesellschaft in ihrer volksdümmlichen Gemütlichkeit und ihrem entmenschten Ausgrenzertum aufs Korn nimmt, ist eine der hervorragendsten, die das Werk X bis dato geboten hat. Ein würdiger Auftakt der unter dem Spielzeitmotto „Heimat und Arschloch“ stehenden Saison, der mit Bravour abgeschlossene Beweis, dass weder „Vaterland“ noch „Muttersprache“, sondern nur Individualität Identität erschafft.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=deXvxHFhwbY                werk-x.at           www.gintersdorferklassen.org

  1. 10. 2019

Kasino des Burgtheaters: Theblondproject

Oktober 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Aufzug mit der Avatarin

Gesine Danckwart und Caroline Peters erklären dem anwesenden Publikum den Ablauf des Abends. Bild: Marcella Ruiz Cruz / Burgtheater

Als Rod Stewart sein Album „Blondes Have More Fun“ veröffentlichte, war er mehr als 40 Jahre von der gestrigen Uraufführung entfernt, und nein, als Angehörige dieser – wenn auch mittlerweile im Friseursalon aufgepeppten – Spezies kann man nicht sagen, dass man an „Theblondproject“ besonders viel Spaß gehabt hätte. Theatermacherin Gesine Danckwart und Schauspielerin Caroline Peters haben die immerhin vom deutschen Fonds Doppelpass geförderte Produktion der Danckwart’

schen Formation Chez Company und des Burgtheaters gemeinsam entwickelt und getextet, und fungieren nun im Kasino desselben auch als Performerinnen. Dass der Abend allerdings ab der initialen Phase nicht zündet, mag an der eigenen Erwartungshaltung gelegen sein, wurde doch via Burgtheater-Webseite vollmundig verkündet, die Akteurinnen würden sich anhand der klischeebehaftesten Haarfarbe von allen mit Rollenbildern, Identitätsmustern, Machtstrukturen, heißt: eben den üblichen Mythen ums Blondsein, beschäftigen. Davon bleibt ein von Peters zugegeben virtuos vorgetragener Blondinenwitz und bereits anfangs die Ansage, die eine, Danckwart, sei immer schon Feministin gewesen, während die andere, Peters, damit bis dato wenig zu tun hatte, hätte sich ihrer Selbstverwirklichung doch nie ein Mann in den Weg gestellt.

Was bei einer Mitarbeiterin in einem Apparat, der vom Literaturkanon bis zur Bühnentätigkeit männlich dominiert ist, an sich schon verwundert, auch eingedenk der Tatsache, dass die zwei großen Wiener Theater von Frauen- zurück in Männerhände gegeben wurden. Staunende Sprachlosigkeit befällt einen aber erst, als das Künstlerinnenduo sich dem Gendering verweigert, und für sich selbst in seinen Aufgaben das Maskulinum wählt – Autor, Regisseur, Schauspieler. Ist das ein Witz in dieser Welt weißer Hetero-Herren?

An einer Station steuern die Zuschauer die Avatarin … Bild: Marcella Ruiz Cruz / Burgtheater

… und die reagiert sofort auf deren Wünsche. Bild: Marcella Ruiz Cruz / Burgtheater

„Theblondproject“ will sich als Indikator des neuen Kušej’schen Burgtheaters verstanden wissen, wobei vor allem im Kasino stattfinden soll, was weibliche Avantgarde, Diskurs darüber – mit einem Wort: emanizipationsbewegt ist. Bewegt wird aber erstmal nur das Publikum, eingeladen zu einem Parcours durch die Hinterbühnenräume des Kasinos, wo an Bildern, Filmen, Erlebnissen allerhand passiert. Chefmaskenbildner Peter Spörl referiert über Haare, daneben Perücken und Spiegel, um das Gehörte gleich auszuprobieren. Komparsinnen und Komparsen unterhalten mit Anekdoten über berühmte Blondinen, an Musik erklingt der Plastikblondsong „Barbie Girl“ von Aqua und Emilia Mitikus „Big Big World“.

Herzstück der Installation sind Video-Interviews mit Frauen, Kulturstadträtin Veronika Kaup-Hasler, Theaterwissenschaftlerin Monika Meister und anderen aus der vielzitierten „Mitte der Gesellschaft“ stammenden Macherinnen. Das innovative Highlight des Ganzen ist denn freilich nicht Inhaltliches, sondern ein Stück Technik, Thekla Kaischauri als mit Stirnkamera ausgestattete „Avatarin“, deren Live-Aufnahmen in den Saal übertragen, und deren Aktionen von den Zuschauerinnen und Zuschauern gesteuert werden können. So muss sie mal Klavierspielen, mal raus auf den regennassen Schwarzenbergplatz, mit einem selber zum Schluss im Aufzug hinunter Richtung Eingangsbereich fahren.

Bevor es gilt, sich aus der Bunten-Abend-Atmosphäre zu verabschieden, monologisiert Caroline Peters noch dreißig Minuten lang, kommt dabei vom Hundertsten ins Tausendste, von der strawberryblonden Rita Hayworth über die Hitchcock-blonde Tippi Hedren zur wasserstoffblonden Marilyn Monroe, diese als Smiley auf der Spielfläche versinnbildlicht, und apropos, Sex-: von Bikini zu Atoll zu Atombombe.  Bombshellblond und in „Diamonds Are a Girl’s Best Friend“-Aufmachung womansplaint Peters, was das Zeug hält, flachst, sie sei im Laufe der Veranstaltung noch (flachs)-blonder geworden, schäkert mit Souffleuse Monika Brusenbauch, weil’s doch nur ein Scherz ist, wenn sie sich aus deren Einsagebuch die vergessenen Formulierungen holt.

Keep on Smiley: Caroline Peters als Bombshell Blonde in „Diamonds Are a Girl’s Best Friend“-Aufmachung. Bild: Marcella Ruiz Cruz / Burgtheater

Da geht das Auditorium dankbar mit, doch hat’s anschließend Gesine Danckwart schwer, die, in Fell gehüllt, den mutmaßlich maßgeblichen Satz der Vorführung sagt: „Ich sehe mich einfach nicht.“ Und ist das der Fall, kann ich auch nicht gesehen werden. Da legt sich der Frauen- solidaritätsschalter doch noch um, auch wenn dieses Selbst- bespiegelungsprojekt – „Spiegel“ im Sinne von: zwar glänzender, aber letztlich zweidimensionaler Oberfläche

– nichts zu Selbstreflexion, schon gar nicht Selbstfindung beigetragen hat. Immerhin ein Erfreuliches: Auf den zu Beginn ausgeteilten Fragebögen geben am Ende 87 Prozent der diese Ausfüllenden an, den Begriff „Feminismus“ nicht zum Schimpfen zu verwenden. „Befragen“ ist auch das Stichwort, das „Theblondproject“ für sich erkoren hat, Danckwart und Peters wollen das mit sich, einander und anderen weiter tun. Im Frühjahr 2012 soll es dann ein zweites Projekt an der Deutschen Oper Berlin geben.

www.burgtheater.at           www.theblondproject.net

  1. 10. 2019

TAG: Der Untergang des österreichischen Imperiums oder Die gereizte Republik

November 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die amüsante Misere der Medienmenschen

Jens Claßen, Lisa Schrammel, Monika Klengel und Georg Schubert. Bild: Anna Stöcher

Die politische Utopie ist tot, die untote Vergangenheit lebt. Auf diesen Punkt bringt am Ende einer der Protagonisten die Situation der Nation, wenn nicht der Welt, und es wäre ein allzu deprimierendes, wäre man nicht zuvor zwei Stunden lang im TAG gesessen. Dort hat sich einmal mehr Ed. Hauswirth mit seinem Grazer Theater im Bahnhof unters Wiener Ensemble gemischt.

Diesmal mit dem Ansinnen entlang Boccaccios „Il Decamerone“ eine aberwitzige Farce über die heimische Politik- und Medienlandschaft zu entwickeln. Ja, „Der Untergang des österreichischen Imperiums oder Die gereizte Republik“ befasst sich tatsächlich mit dem Journalismus. Da fühlt man sich ein wenig auf den Nabel geschaut, schon TAG-Chef Gernot Plass‘ Aufsatz auf dem Programmzettel kann man gleichsam nur schuldbewusst abnicken – als selbsternannte Meinungsmacherin, und wenn man im vollen Zuschauerraum diejenige ist, die an diversen Stellen am lautesten lacht, dann wegen: naja, Auskennerin eben. Wie immer haben Hauswirth und Team den Text nach geführten Interviews entwickelt, und da müssen einige Kolleginnen und Kollegen niedergeschmettert von der eigenen Branche aus dem Nähkästchen geplaudert haben, so absurd, so traurig, aber wahr ist der Abend, der daraus entstanden ist.

An diesem versammeln sich acht „publizierende Persönlichkeiten“ in einer Mäzenatenvilla am Semmering, das macht man seit ewig so, zum Ausspannen vom harten Kampf um die Aktualität, diesmal allerdings scheint die Zusammenkunft mit einer biedermeierlichen Realitätsflucht zu tun zu haben. Handys werden weggesperrt, Cocktails gemixt, die Frauen gehen joggen, die Männer kochen, über der von Johanna Hierzegger sparsam gestalteten Spielfläche kann das Publikum auf zwei Monitoren verfolgen, was drinnen in den Zimmern und draußen in der Natur vor sich geht. Die Laune ist zunächst bestens, die Musik laut, dazu wird sich zum Wettnageln nackig gemacht.

Raphael Nicholas und Beatrix Brunschko. Bild: Anna Stöcher

Beatrix Brunschko und Lorenz Kabas. Bild: Anna Stöcher

Doch man hat eben über die Jahre miteinander nicht nur geflirtet, gesungen und Sex gehabt, man hat auch miteinander gearbeitet, geschrieben und einander bis weit über die Schmerz- und Schamgrenze ausgenützt. Wo Alkohol ist, ist Auseinandersetzung, und so geraten die Kumpane alsbald aneinander. Monika Klengel spielt dabei Linde, eine in ihrem Glauben an sich selbst unerschütterliche Ex-Chefredakteurin, die einst mit einem Wochenmagazin spektakulär scheiterte, und dabei etliche von ihr angeheuerte Freunde mit in AMS-Gefilde riss.

Weil man dort für die schreibende Zunft keine Jobs, sondern nur ein Kopfschütteln übrig hat, arbeiten die Fifty-Somethings nun allesamt als „Freie“. Passé ist das Angestelltendasein, perdu sind die 15 Monatsgehälter, man hält sich mit Bücher- und Reden-Schreiben, mit Podcasts und Blogs mehr schlecht als recht über Wasser, aber immer noch den Kopf oben, denn man hat sie noch – seine Integrität. Die zu beschädigen tritt Markus an. Lindes ehemaliger Praktikant ist der einzige, der es geschafft hat, er ist nun „geschäftsführender Chefredakteur“ eines Boulevardblatts.

Dieses offenbar ein veritables Krawallmachermedium, das den rechtspopulistischen Regierungskurs hochjubelt. Raphael Nicholas gestaltet die Art affektierten Teflonmann, dessen sleeke Selbstverliebtheit aus allen Poren tropft, und dass dieser Markus etwas Mephistophelisches hat, zeigt sich auch dann, wenn er am Schluss zur scheinheilig-reuigen Fußwaschung der gewesenen Verbündeten antreten muss.

Zuvor aber bietet dieser Markus dem einen, nicht unbedingt ebenso dem anderen einen Schreibtisch in seinem Medienimperium an. Und weil die Lage der Angesprochenen prekär genug ist, wird nun überlegt: „Schreibende Nutte für ein Drecksprojekt“ werden? Sich vom Geld korrumpieren lassen und eine Kolumne über Volkskultur verfassen? Prinzipien, aber in der Tasche den letzten Cent haben? Fronten brechen auf, und die Pest wütet nicht weniger als im „Decamerone“. In dieser Stimmung entfalten Hauswirth und Mitstreiter nun ihre Kritik am System und an sich selbst, kriegt doch in erster Linie das kollektive linksintellektuelle In-Ohnmacht-Fallen angesichts herrschender Verhältnisse eins aufs Dach.

Georg Schubert, Juliette Eröd, Lisa Schrammel und Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

Fassungslos stehen die Figuren vor dem Fakt, dass ihre gut eingeübten gesellschaftlichen Diskurse nichts mehr gelten und plötzlich die ideologische Gegenseite die öffentliche Hegemonie beansprucht. Politiker machen sich via Twitter ihre Nachrichten selber, Plattformen regieren über Blattformen. Und während man sich an Markus anbiedert oder sich ihm gegenüber abweisend verhält, wird gestritten, geprügelt, gejammert, entgleist.

Wird Faschismus-Fantasien und solchen über Bürgerwehr und Blasmusik, Reaktion und Ressentimentkultur freier Lauf gelassen. Das alles könnte konzentrierter sein, vor allem in der letzten halben Stunde zerfasert die Aufführung von der brisanten Pointiertheit doch in die Beliebigkeit, gerät die Zankerei zunehmend zäh.

Nichtsdestotrotz sind die Schauspieler gewohnt großartig: Beatrix Brunschko als feministischer Freigeist Barbara, Juliette Eröd als esoterisch angehauchte Dora, die noch dazu frischen Trennungsschmerz zu verwinden hat, Jens Claßen als verbrauchter, ausgeschriebener Frank, den seine junge, noch an das Gute im Journalismus glaubende Geliebte Birgit, Lisa Schrammel, unbedingt zum Vater machen will, Georg Schubert als Harry, dieser seit seinem Absturz Lohnschreiber in SPÖ-Diensten. Lorenz Kabas schließlich gibt den gutmütigen Querdenker Clemens, er als Standesvertreter einer bedrohten Art zweifellos der Sympathieträger des Abends. Weshalb ihm in einer der zahlreichen surrealen Szenen, zu einer endlosschleifigen, in Englisch gehaltenen Kanzler-Kurz-Rede, auch der beste Satz gehört, nämlich: „Ignorieren Sie diese Stimme!“

Trailer: vimeo.com/300373630

dastag.at

  1. 11. 2018

Volkstheater: Verteidigung der Demokratie

Oktober 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Frontalunterricht zu Zeitfragen

Nils Hohenhövel, Christoph Rothenbuchner, Thomas Frank, Birgit Stöger und Katharina Klar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein Theater findet nicht statt, nicht in dem Sinne, dass es Stück und Rollen gibt. Drama wird aber genug gemacht, und zwar mit einer deklamatorischen Aufgeregtheit, die dem thesenpapierenen Diskurs wohl etwas Leben einhauchen soll. Die Übung gelingt, zeigt der eine oder andere schwergewordene Kopf im Publikum, nicht gänzlich, „Verteidigung der Demokratie“ am Volkstheater ist wie Frontalunterricht zu Zeitfragen, erfordert fast zwei Stunden Höchstkonzentration, und das wird durch das Fehlen jeglichen Dialogs, jeglicher Spannungssituation nicht einfacher.

Dabei hat Regisseurin Christine Eder wie immer viel zu sagen, sie tut es in ihrer aktuellen Textcollage ausschließlich über Zitate, aus Reden, Aufsätzen, Artikeln, die sich mit Verfassung und Freiheit, Besitz, Markt und Politik befassen, und in denen das Demokratieverständnis auf dem Prüfstand steht. Der Titel von Eders von ihr so genannter „Politshow“ ist einer Schrift von Hans Kelsen entliehen, der Rechtswissenschaftler war Architekt der 1920 in Kraft getretenen österreichischen Verfassung, und dessen Biografie folgt der Abend umrisshaft.

Von seiner Vertreibung aus Österreich bereits 1929 über das Verunmöglichen seiner Lehrtätigkeit in der Schweiz durch nationalsozialistische Studenten bis zum Exil in den USA, wo Kelsen, nunmehr Professor in Berkeley, vor dem McCarthy-Ausschuss aussagen muss. Hierzulande wiederum kam es immer wieder zu antisemitischen Äußerungen über Kelsen, der umstrittene Hochschulprofessor Taras Borodajkewycz sagte, „Er hieß ja eigentlich Kohn“, was zu Demonstrationen und zum Tod Ernst Kirchwegers führte, erst im Vorjahr wiederholt der FPÖ-Politiker Johannes Hübner den Ausspruch, gab danach – nach „Totschlag-Kampagne“ und „beinharter Zerstörungsstrategie“ gegen ihn – den Rücktritt bekannt, sehr bedauert von Herbert Kickl.

Fünf Schauspieler, Thomas Frank, Nils Hohenhövel, Katharina Klar, Christoph Rothenbuchner und Birgit Stöger, und vier Musiker, „Gustav“ Eva Jantschitsch, Didi Kern, Imre Lichtenberger Bozoki und Elise Mory, gestalten das Geschehen, und Rothenbuchner beginnt, kaum auf der Bühne erschienen, als Kelsen schon zu dozieren. Über Grundrechte, Kompromissfindung zwischen Mehr- und Minderheiten, über seine Reine Rechtslehre und seinen Glauben an den Staatssozialismus. Rothenbuchner macht diesen Kelsen bescheidwisserisch prophetisch zum Vehikel seiner Lebensthemen, alle längst vorformuliert und nun für die unwissende Zuschauerschaft wiedergekäut.

Kartonquader vor dem Zusammensturz: Symbol- wie Bühnenbild von Monika Rovan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Didi Kern, Elise Mory, Frank, Hohenhövel, Eva Jantschitsch und Imre Lichtenberger Bozoki. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Rund um ihn reden andere Denker und Taktiker. John Locke, Friedrich von Hayek und Kelsens Schulfreund Ludwig von Mises, abgehandelt werden die Mont Pelerin Society, Maggie und ihr Thatcherismus, Michael Friedman und die Chicago Boys. Dass Kelsen 1973 gestorben ist, tut da nichts zur Sache, übrigens und apropos Chicago Boys im selben Jahr wie Salvador Allende, der chilenische Staatspräsident hier leuchtendes Vorbild für seinen Versuch, eine sozialistische Gesellschaft zu etablieren, schließlich von den USA und dem von ihr unterstützten Pinochet’schen Militärputsch in den Suizid getrieben.

Die Stoßrichtung ist also klar. Gegen latenten Faschismus und hegemonialen Neoliberalismus. Gegen den Laissez-Faire-Kapitalismus. Gegen Europa als Elitenprojekt. Gegen den „toxisch-patriotischen Hassatem“. Gegen die Verbotsgesellschaft. Die linke Faust kämpferisch in die Höh‘ gestreckt, wird gezeigt, auf welch tönernen Füßen Demokratie steht, wenn man nicht auf sie aufpasst, wie auf das Untergraben der Rechtsstaatlichkeit die Rechts-Staaten folgen, wie „präventive Sicherheitsgesetze“ die Grundrechte des einzelnen aushöhlen und so mit der Verfassung brechen.

Dazu gibt es als Symbol- das Bühnenbild von Monika Rovan, lose aufgestapelte Kartonquader, die schleichend entfernt werden, bis sie in sich zusammenkrachen. Oder von Thomas Frank umgerannt werden. Parallelen vom Historischen zum Heute – siehe etwa die ergebnislose Flüchtlingskonferenz von Évian 1938 – schafft Eder durch die slapstickartigen Anrufe ihrer Schauspieler bei der „Terrorhotline“ des „Bundesministeriums für Verteidigung der Freiheit und Demokratie“. Hier wird „besorgten Bürgern“ von „Experten“ erklärt, dass der „Gefährder“ stets dunkelhäutig ist und arabisch spricht, hier kann man wegen des „Flüchtlingsterrors“ den Ausstieg Österreichs aus der Menschenrechtskonvention fordern. Hier erfährt man, warum die Beschneidung ebendieser unabdingbar für die Aufrechterhaltung der Freiheit ist. Hier sagt Katharina Klar den unheimlichen Überwachungsstaatsatz „Waren Sie nicht auch auf der Demo gegen die Regierung?“ Dies just an dem Tag, an dem sich der Protest wieder formiert.

Wo „Verteidigung der Demokratie“ doch so etwas wie Emotion aufkommen lässt, ist in der Musik von „Gustav“ Eva Jantschitsch, die ihren Synthesizersound mit Referenzen an Delia Derbyshire oder Wendy Carlos speist. Wenn sie über den „Narzissmus der Gekränkten/vermengt mit Größenwahn“ singt, kann einem schon die Gänsehaut kommen. Wie schön wär’s erst gewesen, hätte sich Christine Eder, statt sich in die Materialschlacht zu begeben, darauf besonnen, dass Theater von Darstellen kommt. Mehr Performance statt Proseminar, das wäre Mehrwert statt Lehrwert. So aber brummt einem vom Gesagten und Widergesagten und Wiedergesagten in erster Konsequenz der Schädel.

www.volkstheater.at

  1. 10. 2018

Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon

August 25, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Roadmovie mit einem Doppeldecker

Philomena (Emma Bading) und Schorsch Kempter (Elmar Wepper) vor Schorschs Kiebitz. Bild: © Mathias Bothor/Majestic

Es sei Grundvoraussetzung gewesen, dass Elmar Wepper die Titelrolle in diesem Film übernimmt, sagt Regisseur Florian Gallenberger im Gespräch. Der Oscarpreisträger hat Jockel Tschierschs Roman „Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon“ für die Leinwand adaptiert, und tatsächlich ist sein Hauptdarsteller darin sein größter Trumpf.

Wepper läuft als grumpy old man einmal mehr zur Hochform auf, liebenswert und lässig lässt der 74-Jährige die Tragikomödie in luftige Höhen abheben – zu sehen ab 31. August in den Kinos. Wepper spielt den Gärtner Schorsch Kempter. Dessen Kleinbetrieb steht kurz vor der Pleite. Zu den finanziellen kommen familiäre Probleme. Die Ehe mit Frau Monika hat sich entzaubert, Tochter Miriam will an der Kunstakademie studieren, statt in die Fußstapfen der Eltern zu treten. Als sich die Betreiber eines Golfplatzes weigern, die Rechnung für einen neuen Rasen zu bezahlen, weil der nicht kalifornisch-grün ist, wird die Lage prekär. Der Gerichtsvollzieher kommt, und will seinen „Kuckuck“ auch auf das Propellerflugzeug von Schorsch kleben. Da tut der, was er immer tut, wenn ihm die Probleme über den Kopf wachsen: Er fliegt mit seinem roten Kiebitz auf und davon.

Was nun folgt, ist ein Roadmovie mit einem Doppeldecker. Denn auf seiner Reise lernt Schorsch nicht nur allerlei kauzige Typen kennen, sondern auch sich selbst. Ganz klar, dass aus dem pessimistischen, misanthropischen Eigenbrötler am Ende ein empathiebegabter Menschenfreund wird. So wird er etwa zum Heiler und Helfer für die bipolare Schlossbesitzerstochter Philomena, die ihrer Stiefmutter via Handy „Selbstmordvideos“ schickt. Mit ihr hat er Erlebnisse, die seine harte Schale knacken, und für beide wieder Freude am Leben aufkommen lassen. Philo wird zu Schorschs Reisegefährtin.

Aufblüht der Antiheld dann auf der vierten Etappe. Da muss er wegen einer Havarie auf einem stillgelegten, kleinen Flughafen in Brandenburg notlanden – und landet so mitten im Revier der dortigen Besitzerin, Mechanikerin, Kneipenwirtin Hannah. Und die wirbelt die Gefühle des Gärtners ganz schön durcheinander. Doch Hannah steht nicht auf ungeklärte Verhältnisse, und so schickt sie Schorsch nach Hause zu seiner Frau. Der aber will seine Ahnung von Glück nicht wieder verlieren …

Die Ehe von Schorsch Kempter (Elmar Wepper) und seiner Frau Monika (Monika Baumgartner) steht nicht zum Besten. Bild: © Luna Filmverleih

Schorsch Kempters (Elmar Wepper) schicksalhafte Begegnung mit Mechanikerin Hannah (Dagmar Manzel). Bild: © Luna Filmverleih

Gallenberger hat seinen Film hochkarätig besetzt. Monika Baumgartner spielt Schorschs resigniert habende Ehefrau, Dagmar Manzel mit Berliner Schnauze die Hannah. Ulrich Tukur und Sunny Melles sind als Schlossbesitzerpaar von der exzentrischen Extraklasse. Emma Bading ist als deren Tochter Philomena zu sehen, Karolina Horster als Schorschs rebellische Tochter Miriam. Die Schauspieler haben sichtlich Spaß am augenzwinkerndem Stoff. Und als Draufgabe gibt’s wunderschöne Luftaufnahmen aus dem Kiebitz.

„Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon“ ist ein ans Herz gehender Film. Feinfühlig erzählt er von unerfüllten Träumen, mutigen Entscheidungen und von jener außergewöhnlichen Kraft im Menschen, die erforderlich ist, um die Hürden des Lebens zu überwinden.

Erst der Blick von weit oben öffnet Schorsch die Sicht auf sich selbst. Er begreift, dass er an wichtigen Herzensentscheidungen und seinen Träumen vorbeigelebt hat. Und dass er auf Kurs kommen muss, bevor es zu spät ist. Ein Wiedersehen mit Elmar Wepper gibt es bald. Denn Doris Dörrie, die den einst unterforderten Serienstar für die große Leinwand entdeckte, dreht derzeit mit ihm die Fortsetzung von „Kirschblüten Hanami“, „Kirschblüten & Dämonen“. Im April fiel die erste Klappe, Kinostart ist 2019.

gruenerwirdsnicht-film.de/

  1. 8. 2018