Sebastian Barry: Tausend Monde

November 27, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Kinder keiner neuen Nation

Die tiefe Angst der Büffelkuh. Wenn sie eingeholt wird. Wenn der Jäger, kurz bevor sein Gewehrlauf tödliches Feuer speit, so nah ist wie ein Gedanke. Jetzt des Tiers Moment hellster Klarheit. In dem ihm alles, was es liebt, ganz deutlich wird, die Prärie, die harten Gräser, der lange Atem des Winters und die jähe Fülle des Frühlings. „Ganz deutlich wird in ebender Sekunde, bevor sie dies alles verliert“, schreibt Winona. Da ist sie schon am Ende ihres Weges angelangt, und wo und warum sie das schreibt, wird die Leserin, der Leser am Ende erfahren

In Sebastian Barrys aktuellem Roman „Tausend Monde“, wieder ein Western, genaugenommen die Fortsetzung des Vorgängerromans „Tage ohne Ende“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31215), den man unbedingt gelesen haben sollte, aber zum Verständnis von „Tausend Monde“ nicht gelesen haben muss. Nach Thomas McNulty ist nun die 17-jährige Lakota Ojinjintka/Winona die Ich-Erzählerin, allein diese Perspektive macht das Buch besonders.

Gibt’s im Genre doch wenig weibliche Protagonisten – und noch seltener sind sie Native Americans. Es ist 1873, die Stadt Paris im Henry County, Tennessee, und das Land nach dem Bürgerkrieg tief gespalten. Der Süden liegt wirtschaftlich am Boden, die Menschen hungern, das Home Of The Brave schickt seine obdachlosen Kinder wie Untote über die Erde. Freigelassene Sklaven irren umher, Menschen, denen der Krieg Hab und Gut abgefackelt hat, marodierende Konföderierten-Soldaten formieren sich zu Rebellengruppen und nennen sich „Nachtreiter“.

Die Cherokee, die Chickasaw sind ermordet, vertrieben, in Reservate verbracht: „Die Leute mögen es nicht, wenn glühende Asche zu ihnen zurückweht. Jemals einen betrunkenen Indianer gesehen, jemals einen Indianer in Lumpen gesehen? Das passiert, wenn ein König von Trauer überwältigt wird“, schreibt Winona. „Krieg macht den Menschen im Handumdrehen zu einem Gewalttäter, Verstümmler und Mörder, allein die Berührung eines weißen Mannes, schon sein Nahen ist der Herold des Todes. Es sei denn, da ist ein Herz, das mäßigt, und die Bereitschaft zu lieben. So war das bei Thomas McNulty und John Cole.“

Tom McNulty und John Cole, man erinnere sich, das schwule Unionssoldatenpaar, das die Waise Ojinjintka adoptierte und ihr den leichter auszusprechenden Namen Winona gab, lebt und arbeitet samt Ziehtochter nach wie vor auf der Tabakfarm von Lige Magan. Dessen schwarze Wahlschwester Rosalee Bouguereau und deren Bruder Tennyson, beides Freigelassene, sind ebenfalls immer noch Teil der Familie, und Winona hat ihren Job als Sekretärin von Rechtsanwalt Briscoe. Welch eine Idylle, eine andauernd bedrohte. Es ist kurz nach dem Überfall der Banditenbande von Tach Petrie auf die Farm, Tach Petrie, der dabei erschossen wurde.

Winonas schriftliches Zeugnis-Ablegen ist eine Geschichte, die sich erst nach und nach entschlüsselt. „Könnte sein, dass ich von Dingen rede, die sich 1873 oder 1874 im Henry County, Tennessee, zugetragen haben, doch was Daten betrifft, war ich noch nie verlässlich. Und falls sie sich zugetragen haben, gab es zu der Zeit keine wahrheitsgetreue Darstellung. Es gab nackte Tatsachen und eine Leiche, und dann gab es die wahren Ereignisse, die niemand kannte. Dass Jas Jonski getötet wurde, war die nackte Tatsache,“ ist der Satz, der den Roman zum Pageturner macht.

Jas Jonski ist Winonas erste Liebe, „ein mickriger Bursche aus Polen“, Verkäufer im Trockenwarenladen, in dem sie bevorzugt einkauft. Er macht ihr den Hof, ihr, die in den Augen der Stadtbewohner eine Wilde ist, „näher an einer Wölfin als an einer Frau“, ihr, in deren Hinterkopf immer noch ein rußgeschwärztes, blutgetränktes Schlachtengemälde tobt, er – „ein Weißer“. Tom, der mütterliche, der manchmal Frauenkleider trägt, mag ihn nicht, „John Cole schaute finster drein und sagte nichts“, „John Cole, der Kiel meines Bootes, Thomas das Ruder und die Segel“, dennoch gestatten sie Jas‘ Liebeswerben, schließlich gar die Verlobung.

„Es kam der Tag, da ich voller Blutergüsse zur Farm zurückkam“, berichtet Winona weiter. Verprügelt, vergewaltigt, das ist an einer rechtlosen „Indianerin“ kein Verbrechen. Wer es getan hat? Winona vermag den Nebel, der ihren Kopf umwölkt, nicht zu durchdringen, sie weiß nur, dass sie Jas nicht mehr heiraten will. Der reitet zur Farm. Erst hundert Seiten später wird er erfahren, was seine Braut erleiden musste, wird sich unter Tränen fragen, ob er dies Schreckliche getan hat, denn auch er ist ohne Erinnerung. Nun wird er fürs Erste zwecks Verhör in der Wäschekammer festgesetzt, bewacht von Tennyson – der daraufhin von Unbekannten fast totgeschlagen wird, „ein Schwarzer, der Herr über einen Weißen gewesen ist“, wie Jas herumposaunt, „ein Fürst von einem Mann“, der danach ein Angst gebeuteltes Häufchen Elend ist.

Wie schon in „Tage ohne Ende“ zeichnet Sebastian Barry auch in „Tausend Monde“ mittels seiner Wild-West-Versatzstücke und der ihm eigenen poetischen Prosa ein düsteres Bild der USA. Weiße vs Indigene, Weiße vs Afroamerikaner, die WASP gegen die von ihrem Land Vertriebenen und gegen die ins Land Verschleppten, und mittendrin ein Mädchen auf Identitätssuche in einer Gesellschaft, die sie nicht als menschliches Wesen anerkennt. Diesen Riss durch die USA, es gibt ihn auch aktuell.

Auch das macht Barrys Buch beachtenswert. Wie er die Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpft, ein Anwalt derer, die „auf ein nie heraufdämmerndes Morgenrot warteten“, die auch knapp vor 2021 die Kinder keiner neuen Nation sind, weil in ihr die alte Rechte mit ihren alten Rechten regiert. Die „Lost Cause“-Kämpfer sind bis unter die Zähne bewaffnet, ideologisch aufmunitioniert, nicht zuletzt vom nicht scheiden wollenden Präsidenten, der ihre Denkmäler und ihre Schusswaffen verteidigt, egal – #BlackLivesMatter, und der die „The South Shall Rise Again“-Mentalität in Wählerstimmen umzuwandeln wusste.

Aufs Stichwort auftritt Tachs Bruder Zach Petrie, Anführer der Nachtreiter, die bei ihren Aktionen Kapuzen tragen, und wirklich wurde der Ku Klux Klan 1865 in Pulaski, Tennessee, von Konföderierten-Offizieren gegründet, 50 Reiter, unter ihnen der grausame „Lynchjurist“ Aurelius Littlefair und Jas Jonskis Kumpel Wynkle King. Auftritt auch Colonel Purton mit seinem Trupp, ein großgewachsener Mann mit Hasenscharte, der Zach Petrie und Konsorten wegen diverser Untaten, Erhängungen, Brandstiftungen, auch der an Tennyson festnehmen will. „In Tennessee, sagte der Colonel, gebe es Tausende Seelen wie Zach Petrie. Männer, die der Krieg so aufgebracht habe, dass sie nicht die Luft des Friedens atmen könnten, sie erstickten daran. Und dass keine neue Zeit sie zufriedenstellen könne.“

Der Klan, ca. 1870. Bild: pixabay.com

Bild: pixaybay.com

Lakota, Kleid ca. 1850. Bild: pixabay.com

„Petrie habe das heftige Gefühl eines Mannes, dem Unrecht widerfahren sei, und das verwahre er für immer in seiner Brust, sagte der Colonel.“ Und beschließt die Rebellenhochburg der Nachtreiter am West Sandy Creek, wie das schon klingt!, eigentlich eine kleine Stadt mit Frauen und Kindern, auszuräuchern. Der Colonel, ganz Law and Order. Winona folgt der Kolonne „im Dienste Tennysons“, während die Leserin, der Leser mehr über die Nacht des sexuellen Missbrauchs an ihr erfährt. Dass sie mit Jas Jonski Arm in Arm über den Court Square geschlendert sei, Richtung des von Jas‘ Freund Frank Parkman als Bursche beaufsichtigten Pferdestalls. Parkman, der nebenbei auch der Hilfssheriff ist. Dass sie Whiskey getrunken hätten, und dass sie sich so schäme, dass sie ihren Vätern dies nicht sagen könne. Danach: Blackout.

Einfühlsam und eindrücklich bringt Barry diese Emotionen zu Papier, die Selbstvorwürfe, die Schuldgefühle des Opfers eines Verbrechens, das bis heute ein gesellschaftliches Tabu ist und ob des Schweigens oftmals ungeahndet bleibt. Zurecht sei ihr dies geschehen, da sie doch betrunken war!, diese „belanglose Kleinigkeit im allgemeinen Weltenlauf, die jedes Mädchen zu ertragen hatte“.

Und während Purtons Attacke auf Petrie misslingt, Petrie, dessen elterliches Anwesen ohne die Bewirtschaftung durch Sklaven jämmerlich verkommt, Petrie, der vielen der neue Held ist; während Tennyson, der durch die Schläge seine Stimme verloren hat, die Zeichnung eines Hasen anfertigt, der eindeutig auf ihn einprügelt – hat die Order nachgeholfen, damit das Law in Kraft treten konnte?; während Jas Jonski seine Mutter als Vermittlerin bei Winona aus Knoxville kommen lässt, die sich aber als Indianerhasserin in höchster Vollendung entpuppt; während Briscoes Haus in Flammen aufgeht, Briscoe, der als Anwalt Purtons Einsatzbefehl gegenzeichnete, …

… stößt Winona am West Sandy Creek auf die junge Chickasaw Peg, Ziehtochter von Aurelius Littlefair, deren leiblicher Vater im Krieg Littlefairs bester Späher war, denn auch viele Native Americans stellten sich im Sezessionskrieg auf die eine oder andere Seite, nimmt sie mit nach Hause – und verliebt sich in sie. Peg, neben der sie in der Nacht nicht nur schläft: „Könnte man Honig in der Luft schweben lassen, dann wäre das Peg. Könnte man einen Abschnitt des wildesten Flusses nehmen und ihn in einen Menschen verwandeln, dann wäre das Peg. Könnte man seine Lippen auf einen pulsierenden Stern drücken, dann wäre das Peg. Ihr langer, weicher, süßer, wilder, tanzender, durchdringender, geküsster Körper. Mit all seiner Süße im Zentrum.“ Peg, die Tom und John Cole und Lige Magan bei der Ernte der Tabakblätter hilft, und wie diese nach Winonas Schilderungen von Jas‘ Täterschaft überzeugt ist.

Geschickt zieht Sebastian Barry das Fahndungsnetz um Lige Magans Farm enger. Draußen Lügen und noch mehr Lügen, „der Pony-Express des Getratsches galoppiert“, wie Briscoe sagt, drinnen für die Leserin, den Leser mehr und mehr Möglichkeiten, wer Jas Jonski ins Jenseits befördert haben könnte. Eine blutrauschende Rachetat muss das gewesen sein, mehr als zwanzig Messerstiche! Die Feinde formieren sich. Unter Gouverneur John C. Brown, vormals Generalmajor im konföderierten Heer und später Gründer jener nach „Rassen“ getrennten Schulen, die in den Südstaaten bis Mitte des 20. Jahrhunderts Bestand haben sollten, baut sich auch Paris, Tennessee, politisch um. Noch einer von Barrys Querverweisen, in denen die Fiktion auf historische Fakten trifft, noch ein Seitenhieb auf den derzeitigen US-amerikanischen – und nicht nur dort – Konservativismus.

Aurelius Littlefair wird zum Richter von Henry County ernannt, Frank Parkman zum Sheriff, Wynkle King zum Hilfssheriff, einer der Steigbügelhalter des anderen, und ein Freigelassener namens Imre Grimm über einem Feuer aufgehängt und seiner Körperteile entledigt, bis … die Stadtbevölkerung die Teile seines Leichnams als Souvenir mitnehmen konnte. „Jetzt sind wir wahrhaftig Bürger im Land des Teufels, sagte der Anwalt Briscoe.“ Dessen ehemaliger Bundesgenosse Colonel Purton, den die neue Gerichtsbarkeit seiner Befugnisse berauben will, schafft die Kehrtwende. Er übergibt Winona dem nunmehrigen Sheriff. Das heißt: sie stellt sich aus Gründen, doch in der Gefängniszelle vertraut ihr Frank Parkman an, was im Pferdestall geschah und, dass er wüsste, wer Jas erstochen hat. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, die „ganz deutlich wird in ebender Sekunde, bevor sie dies alles verliert“. Und Wynkle King hört zu …

“Ich verzehre mich nach dem heiligen Stumpfsinn gewöhnlichen Lebens“, ist einer der schönsten Sätze, die Sebastian Barry für seine Heldin formuliert hat. „Tausend Monde“ ist ein geschichtlich verorteter, gleichsam zeitloser Anti-Kriegs-Roman, ist ein Buch darüber, dass Gewalt wieder Gewalt, aber neben den Monstern auch Friedenswächter erzeugt. „Er ist in dieser Geschichte der gute“, meint Winona einmal über Anwalt Briscoe.

„Tausend Monde“ kommt mit weniger brachialen Szenen aus als „Tage ohne Ende“, doch wenn der dünne Firnis der Zivilisation blättert, ist in jedem, von Hans-Christian Oeser einmal mehr mit viel Fingerspitzengefühl übersetzten Satz zu spüren, welches Gewaltpotenzial unter der Oberfläche auf seinen Ausbruch wartet. Ein intensiver, beeindruckender Roman über Rache und Vergeltung, über Schuld und verlorene Unschuld. Eine Erzählung darüber, wie man lebt, wenn die eigene Geschichte in einer diffusen Vergangenheit versinkt und keine Gewissheit möglich ist. Und nicht zuletzt: Welch ein wunderbares Buch über die Liebe! Winona über Tom und John Cole: „Ihre Liebe war das erste Gebot meiner Welt – Du sollst hoffen, so zu lieben wie sie.“

Über den Autor: Sebastian Barry, 1955 in Dublin geboren, gehört zu den besten irischen Autoren der Gegenwart. Er schreibt Theaterstücke, Lyrik und Prosa. Bei Steidl erschienen bisher seine Romane „Ein verborgenes Leben“, ausgezeichnet mit dem Costa Book of the Year Award und auf der Shortlist für den Booker Preis, „Mein fernes, fremdes Land“, ausgezeichnet mit dem Walter Scott Prize for Historical Fiction, „Ein langer, langer Weg“, auf der Shortlist für den Booker Preis, und „Gentleman auf Zeit“. „Tage ohne Ende“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31215), 2018 auf Deutsch erschienen, war ein internationaler Bestseller und wurde unter anderem mit dem Costa Book of the Year Award ausgezeichnet. Sebastian Barry lebt in Wicklow, Irland.

Steidl Verlag, Sebastian Barry: „Tausend Monde“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser.

steidl.de

BUCHTIPP: Hanser Berlin, Tommy Orange: „Dort Dort“. Roman über das Leben der Cheyenne in den heutigen USA. Autor Tommy Orange, geboren 1982 in Oakland, ist Mitglied der Cheyenne und Arapaho Tribes. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35082

  1. 11. 2020

Wiener Festwochen: Macbeth

Mai 26, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die schottischen Clanchefs als kongolesische Warlords

Die drei Hexen Bild:  Nicky Newman

Die drei Hexen
Bild: Nicky Newman

Es wird am Ende der diesjährigen Wiener Festwochen eine der besten Produktionen gewesen sein, die zu sehen waren: Brett Bailey und sein Third World Bunfight aus Kapstadt, die Wien schon mit Aufführungen wie „Big Dada“, „Orfeus“ oder der Performanceinstallation „Exhibit A“ beglückten, kommen diesmal klassisch. Verdi. Macbeth. Der belgische Komponist Fabrizio Cassol hat das Werk auf zwölf Musiker vom No Borders Orchestra eingerichtet; stimmlich tadellos sind Owen Metsileng als Macbeth, dessen sotto voce, seine gedämpfte Stimme, beeindruckend dunkel tönt, Nobulumko Mngxekeza als seine Lady mit starkem Sopran und Otto Maidi als Banquo; den Rest der Rollen bestreitet ein ebenfalls tadelloser Chor. Man singt italienisch.

Nun aber Bailey. Er verlegt die Handlung vom schottischen Hochmoor in die Demokratische Republik Kongo. Und bald wundert man sich: War sie dort nicht schon immer angelegt? Warlords bestimmen das Geschehen. Eine Million Hutu flüchtet aus Ruanda über die Grenze. Da erscheinen dem Macbeth die drei Hexen, heißt: weißgesichtige „Businessmen“, vermummt wie der Ku-Klux-Klan, mit ihren (Un-)heilsversprechen. „Invest in Africa“ wird später auf der großen Vidiwall stehen. Denn die bösen Geister wollen Coltan, Gold und Kupfer. Eines der ärmsten Länder der Welt ist reich an Bodenschätzen. Macbeths Preis der Macht sind die Handys, Laptops und Spielkonsolen der Ersten Welt. Kinder – „Negerpuppen“, leblos, tot, die von den Hexen achtlos weggeworfen werden, schlachten die „alten (zwei, drei, um Gottes willen: gar vier?) Jahre alten Geräte aus. (Der Laptop auf dem diese Zeilen entstehen ist übrigens zehn Jahre alt und die Wartungsfirma hat seinen Sarg schon bestellt. Doch noch ist Leben in dem alten Mann!)

Bald nicht mehr so in König Duncan. Ein Blauhelm filmt das Begräbnis, auf seiner Kopfbedeckung steht „Monusco“. Die friedenssichernde Einheit der UNO filmt greift nicht ins Stück ein, dafür, dass sie den Schutz der Zivilbevölkerung vor Rebellen im Kongo nicht gewährleistet, ist die UNO in den letzten Jahren wiederholt kritisiert worden. Bailey macht Politik. Wie stets. Für ihn gibt es keinen Maulkorb. Und über die Vidiwall regnen die Dollarzeichen. Und die Handaufhalter. Von Mord zu Mord – Banquo, dessen Brut laut Prophezeiung herrschen wird, Macduff – da wird gleich ein ganzes Dorf geopfert – wird die Lady mondäner, machthungriger, aber auch verwirrter. Die Übertitelübersetzungen sind jetzt bei „Fuck“ und „Echt irre!“ und „Bullshit“ angelangt. Der König ist verängstigt. Zu viel Blut fließt. Großartig, wie Bailey Nachrichtenmeldungen via Leinwand übermittelt. „Global Witness“ berichtet von abertausenden Toten, Massenfluchten, Massenvergewaltigungen. Berggorillas werden im Nationalpark Virunga Opfer von Wilderern. Die Macheten liegen bereit. Bailey projeziert Fotos von Leichen, Kindersoldaten, Verhungernden. Noch nie ging einem Verdis Schöngesang so unter die Haut.

Doch, man weiß es ja: Der Wald rückt näher. Und der nicht von einem Weib Geborene.  Und die Botschaft bleibt bestehen: Die Saat ist gesät, Nachtmahr entsteht. Mit bisher 5,4 Millionen Toten tobt in der Demokratischen Republik Kongo einer der schlimmsten Bürgerkriege unserer Zeit.

Für Brett Bailey und sein Team gab’s minutenlang Standing Ovations.

www.festwochen.at

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-2014

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-geschichten-aus-dem-wiener-wald/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-bluthaus/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-titkainkunsere-geheimnisse/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-stavangera-pulp-people/

26. 5. 2014