Theater in der Josefstadt: In der Löwengrube

März 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

An der Stammeszugehörigkeit wächst die Schauspielerei

Muss die Bretter, die ihm die Welt bedeuten, nun putzen: Florian Teichtmeister als Arthur Kirsch und Alexander Absenger als Strassky. Bild: Moritz Schell

Es beginnt mit Shakespeares Shylock und Buhrufen und Pfiffen aus dem „Publikum“. Aufruhr im Zuschauerraum. Der angeheuerte Politpöbel kommt freilich vom Band, und obwohl man weiß, dass das schon dazugehört zur Theateraufführung, ist es unangenehm. So unangenehm, diese braune Bagage im Nacken, dass man aufspringen, ja, und was dagegen sagen möchte … Am Theater in der Josefstadt hatte anlässlich dessen 70. Geburtstags Felix Mitterers „In der Löwengrube“ Premiere, hatte Erstaufführung am Haus, womit das Stück dank Direktor Herbert Föttinger seiner ursprünglichen Bestimmung nun endlich zugeführt ist.

Denn der von Otto Schenk in den 1990er-Jahren initiierte, dann aber für die Bühne nicht umgesetzte Schreibauftrag an den nunmehrigen Jubilar ist eine Josefstädter Geschichte. Eine true story sozusagen. Mitterers Tragifarce erzählt vom Wiener jüdischen Schauspieler Leo Reuss, der sich im Dritten Reich als schauspielerisches Naturtalent aus den heimischen Bergen ausgab, um zu einem Engagement zu kommen. Im Sommer 1936 sprach der zünftige Bauer Kaspar Brandhofer bei Max Reinhardt in Salzburg vor. Der, enthusiasmiert ob des ungeschliffenen Diamants, vermittelte seine Entdeckung nach Wien.

Es folgte ein Engagement an der Josefstadt unter Direktor Ernst Lothar und Schnitzlers „Fräulein Else“ in der Regie von Hans Thimig. Goebbels in seinem Kampf gegen „Kulturbolschewismus und jüdische Dekadenz“ war ganz im Glück – frische deutsche Höhenluft umwehte eine miefig-österreichische Bühne. Doch Schnitzler-Sohn Heinrich – oder der Akteur selbst, da gehen die Quellen nicht konform – ließ den Schwindel auffliegen: Brandhofer war in Wirklichkeit Leo Reuss. Er emigrierte 1937 nach Amerika, wo er in Hollywood wegen seines deutschsprachigen Akzents ausgerechnet in Nazi-Rollen besetzt wurde. Für ihre Inszenierung nun hat Regisseurin Stephanie Mohr ein feines Ensemble um sich versammelt, das einmal mehr sein ganzes Können ausspielt. Allen voran Florian Teichtmeister, der in der „Doppelrolle“ des jüdischen Schauspielers Arthur Kirsch und seiner Verkleidung als Tiroler Naturbursch Benedikt Höllrigl brilliert.

Mohr stellt ein Panoptikum seltsamer Gestalten auf die von Miriam Busch bis auf ein paar Stühle leergelassene Bühne. Mitläufer und Opportunisten, Antisemiten aus Leidenschaft und über diesen Ungeist Verzweifelte, Aufbegehrer und Durchlavierer, solche mit Rückgrat und Wirbellose. Das Theater, es ist stets ein Abbild der Gesellschaft, in guten wie in bösen Zeiten. Schauspieler tragen plötzlich Uniform, und wenn Peter Scholz als Direktor Meisel sagt: „Was ist Theater anderes als Weltanschauung?“, dann ist das kein Missverständnis, oder besser gesagt: nur seinerseits, denn die kulturpolitischen Soldaten sind längst in Stellung gegangen. Mohrs gewitzte Inszenierung entwickelt an diesen Stellen eine Ausdrücklichkeit, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt.

Der Meisel also muss Arthur Kirsch nach dem „Kaufmann von Venedig“ entlassen, er war dem Mob zu wenig „jiddelnd“, wenn man schon einmal „typgerecht“ besetzt. André Pohl wird als Kollege Polacek einspringen und eine Persiflage dessen hinlegen, was man sonst zum Glück nur noch von einschlägigen Filmaufnahmen kennt, aber wenig später wird der Höllrigl am Bühnentürl stehen und als Wilhelm Tell das Theater gleichsam neu erfinden. Teichtmeister gestaltet das erst extrem zurückgenommen, sozusagen sprachlos gegen die Schreihälse, ein feiner Mensch, den eine grobe Zeit überrollt. “Ich liebe diese Bretter, warum soll ich sie nicht zum Abschied putzen?“, sagt er leise, als er den Bühnenboden schrubben muss.

Der Tiroler Naturbursch Benedikt Höllrigl mischt das Theaterensemble auf: André Pohl, Florian Teichtmeister, Tobias Reinthaller und Peter Scholz. Bild: Moritz Schell

Die Diva denkt zuerst an die Karriere: Florian Teichtmeister, Pauline Knof als Kirsch-Ehefrau Helene Schwaiger und Alexander Absenger. Bild: Moritz Schell

Dann aber trumpft er auf. Aus Resignation und Angst entsteht Zorn – und eine Idee. Er wird die Unterweisung übertreffen und den Nazis ein Paradebeispiel ihrer eigenen Engstirnigkeit vorführen. Teichtmeister ist herrlich als „Reschpektsperson“, als Bauernphilosoph und Politpolterer für die Führergläubigen, die er mit seinem Fanatismus für den Faschismus in Furcht und Schrecken versetzt. Als blondes Anderl-Hofer-Lookalike, als einwandfreier Ötztaler gestaltet er schon das Vorsprechen als Kabinettstückl. Der beinharte Blut-und-Boden-Hund mit dem angeborenen „Rasseninstinkt“ gibt der Mörderbrut ihr eigenes Geistesgift zum Schlucken. Umso berührender dann, wenn Teichtmeister in sehr subtilen Szenen das echte „Ich“, den Kirsch aus dem Höllrigl hervorbrechen lässt, und wie er als solcher mit kleinen Gesten Verachtung darstellt.

Ihm gelingt eine wunderbar präzise Darstellung dieses Doppelcharakters: das Schaf im Wolfspelz. Teichtmeister spielt Kirschs Anstrengung diesen Höllrigl den ganzen Tag durchzuhalten, und er spielt dessen Seelenleere angesichts des Triumphs seines Tiroler Golems. Etwa, wenn er nicht nur Wahrheiten über die anderen austeilt, sondern auch solche über sich selbst einstecken muss. Denn mit der richtigen „Stammeszugeörigkeit“ wächst, scheint’s, die Schauspielkunst.

Famos ist auch Scholz als Direktor Meisel, dem Theater als Diktatur keine Fortune bringt. Er ist ein Überlebens-Künstler zum Gotterbarmen, ein zappeliger Um-sein-Leben-Reder, ein Feigling auch, aber das mit einer Vehemenz, dass man ihm seine Ergebenheit, mit der er das System letztlich nur düpiert, ohnedies nicht glauben mag. Er durchschaut bald, was Sache ist. So wie der Bühnenmeister Eder, den Alexander Strobele als raubeinigen Wiener Hackler mit dem Herzen am linken Fleck anlegt. „Je klana da Künstler, umso greßa da Nazi“, hat ihn das Leben gelehrt, also ist auf seine Diskretion Verlass. Doch das Chaoskarussel dreht sich immer schneller und die Wadlbeißereien unter den hehren Mimen werden aggressiver. Die „Herrenmenschen“ mit den original-arischen Namen Strassky, Polacek und Jakschitz, gespielt von Alexander Absenger als seine Abgötter fürchtender „Bösewicht“, Pohl als letztlich übel zugerichteter Intrigant und Tobias Reinthaller als jugendlichem Liebhaber von Alma Hasuns Olga, verlieren zunehmend die Nerven. Pauline Knof gibt die Kirsch-Ehefrau Helene Schwaiger als eine, die alles für die Karriere opfert. Egal welches Regime, Hauptsache: im Rampenlicht. Dabei mangelt es ihrer Diva durchaus nicht an Selbsterkenntnis.

Claudius von Stolzmann hat als Goebbels einen kurzen, aber prägnanten Auftritt. Er zeigt keine – wie oft zu sehen – Karikatur des Reichsministers, sondern gestaltet einen Machtmenschen und verhinderten Theaterautor, der Höllrigl sogar zwei seiner Stücke aufzwingt. Von Stolzmann hat sich die Rolle einverleibt und entwickelt von der Stimme bis zur Gestik eine glänzende Studie des Dritten-Reichs-Architekten. Am Ende hat das Schelmenstück für Kirsch zwar kein Happy End, aber mutmaßlich eines in der Schweiz. Das Publikum hingegen wird mit dieser Produktion voll und ganz beglückt. Regisseurin Mohr findet für ihre Arbeit die Mitte zwischen Sarkasmus, Spannung und Sentiment, ihre Schauspieler treffen den von ihr vorgegebenen Ton zwischen komödiantischem Auftrumpfen und sensibler Nachdenklichkeit perfekt.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=j873Eo_rGRs

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  1. 3. 2018

 

Theater in der Josefstadt: Galápagos

März 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine saftige Story sinnlos entfleischt

Die Inselbewohner: Matthias Franz Stein, Raphael von Bargen, Eva Mayer, Ruth Brauer-Kvam, Roman Schmelzer, Ljubiša Lupo Grujčić, Peter Scholz, Pauline Knof und die Riesenechsen. Bild: Moritz Schell

An der Josefstadt wurde Felix Mitterers jüngstes Stück „Galápagos“ uraufgeführt, und es ist nach den vorangegangenen „Jägerstätter“ und „Der Boxer“ der drittbeste Text. Mitterer hat eine saftige Story bis auf die Knochen entfleischt, doch kann er dem stehen gebliebenen Gerüst nichts Neues, nichts Spannendes anhaften. Entstanden ist so ein spröder, sperriger, sich schwerfällig abspulender Abend mit scherenschnittartigen Figuren. Mitterer ordnet jedem seiner Geschöpfe kaum mehr als eine Charaktereigenschaft zu.

Und so passiert etwas seltsam Seltenes: Die Josefstadt-Schauspieler kommen nicht zum Spielen. Und wo die Not am größten ist, rettet man sich sicherheitshalber in die Groteske und die Karikatur. Nun ist es ja in Ordnung, dass Mitterer sich nicht für den im Stoff enthaltenen Thriller interessierte, nur hat ihn offenbar das Psychodrama ebenso wenig inspiriert. Was bleibt hat etwas Lehrbuchhaftes, ist ein Erklärstück mit ein paar Brocken Handlung – summa summarum enttäuschend.

Das Stück beruht – naturgemäß bei Mitterer – auf einer wahren Geschichte. 1929 lassen sich auf der bis dahin unbewohnten, unwirtlichen Galápagos-Insel Floreana der deutsche Arzt, Philosoph und Naturfanatiker Friedrich Ritter und seine „Jüngerin“ Dore Strauch nieder. Man will ein zivilisationsfreies, urwüchsiges Leben führen, doch wird beider Gefallen aneinander alsbald getrübt, da Dore Strauch an Multipler Sklerose erkrankt – und für Ritter Siechtum etwas Unnatürliches ist. 1932 folgen ihnen, angelockt von Presseberichten, Heinz und Margret Wittmer, ebenfalls Deutsche, Flüchtlinge vor der Wirtschaftskrise und dem von ihr ausgelösten politischen Wetterleuchten, nach. Margret ist schwanger und wird den ersten Floreana-Ureinwohner zur Welt bringen – heute noch wohnen Wittmers auf der Insel; man rauft sich mehr schlecht als recht zusammen.

Auftritt eines schillernden Trios: Eine angebliche Wiener Baronin und ihre beiden Liebhaber. Eloise Wagner de Bousquet beginnt das Eiland zu annektieren. Sie will hier ein Luxushotel errichten, lässt sich aber den Großteil der Zeit von ihren Männern Rudolf Lorenz und Bubi Philippson in jeder Hinsicht verwöhnen. Natürlich ist Frau Baronin eine Hochstaplerin und Betrügerin. Die Situation eskaliert. 1934 sind von den sieben Inselbewohnern noch drei am Leben. Der Rest ist tot oder verschollen, die Umstände sind mysteriös. Weshalb Mitterer einen Polizisten aus Ecuador nach Floreana entsendet …

Dieses Spiel im Spiel setzt Stephanie Mohr mit einigen gelungenen Einfällen in Szene. Die Bühne von Miriam Busch ist à la mode kahl bis zur rückwärtigen Feuermauer, der Boden übersät mit zerknülltem Papier von und über Ritter, Zeitungsartikel und Seiten seines in die Binsen gegangenen literarischen Hauptwerks. Die Darsteller pflügen durch diese Gazettenwüste wie durch einen von Gottes Gnade verlassenen Paradiesgarten. Ab und an entrollt sich ein Prospekt, ein Schwarzwaldhaus samt Lebkuchenmann und Tannenbaum, ein paar riesige Riesenechsen, eine Ansichtskarte vom angekündigten Hotel …, illustriert kurz das Geschehen und fällt dann zu Boden. Gespensterstimmen, ihr Raunen, Stöhnen und irres Lachen, klingt aus dem Off. Schmeißfliegengesurr umschwirrt ihre Leiber.

Friedrich Ritter neigt zu Gewaltausbrüchen: Raphael von Bargen mit Eva Mayer als „Jüngerin“ Dore Strauch und Polizist Ljubiša Lupo Grujčić. Bild: Moritz Schell

Die Baronin spielt gefährliche Piratenspielchen: Ruth Brauer-Kvam als Eloise Wagner de Bousquet mit Roman Schmelzer als Lover Bubi Philippson. Bild: Moritz Schell

Ermittler Felipe Pasmino erscheint, Ljubiša Lupo Grujčić mit – warum auch immer – Dauergrinsen im Gesicht. Es entsteht eine Art Verhörsituation, die Figuren fallen von der Gegenwart in ihre Vergangenheit und retour, der Polizist bleibt bei diesen Rückblenden als Beobachter am Rande der Szenerie. Man beschuldigt sich gegenseitig, man verleugnet sich, die Angaben widersprechen einander. Und weil hier dem Ordnungsorgan im Wortsinn etwas vorgespielt, etwas vorgegaukelt wird, agieren die Josefstädter in diesen Szenen wie beim Laientheater. Doch, egal ob hier und jetzt oder verwesend gewesen, egal also, auf welcher Zeitebene sich das Spiel gerade befindet, die Regie ändert weder durch Licht- noch sonstige Effekte etwas an der Einheitsstimmung. Das ermüdet.

Mohr bedient das Erzählerische des Textes, wie er ist auch ihre Arbeit auf das Wesentliche reduziert, schnörkellos, unterkühlt und nichts ausstellend. In diesem auch metaphorisch leeren Raum hätten die Darsteller Platz für ihre Darstellung, doch nichts dergleichen passiert. Es entwickelt sich nichts, nichts bewegt sich, selbst die Drehbühne hat sich der Trägheit verschrieben. Wenn Emotionen hochkochen, ist auch dieses Aufeinanderprallen schockgefroren.

Entsprechend eindimensional die Rollengestaltung: Raphael von Bargen bleibt als Friedrich Ritter von vorne bis hinten hart, ungeduldig und von erbitterter Konsequenz, Eva Mayer dagegen ist als Dore Strauch die Dulderin mit Herz. Peter Scholz präsentiert Heinz Wittmer als geschwätzigen Nervtöter, aber immerhin Gemütsmensch, Pauline Knof ist als seine Frau Margret pragmatisch kalt und bärbeißig, und beiden haftet die wichtigste deutsche Tugend an, „tüchtig“ zu sein.

Ruth Brauer-Kvam legt die Baronin mit schriller Stimme und Hang zu überbordenden Gesten als unberechenbare, zähnefletschende (sic!) Wahnsinnige an. Ihre Eloise ist nicht mehr als das Spottbild eines Menschen, eine Möchtegernin sowohl als lustvolle Verbrecherin wie als männermordende Femme fatal. Matthias Franz Stein ist als misshandelter, devoter Rudi ein hilflos weinerlicher Tropf, Roman Schmelzer als Bubi um nichts weniger eine Persiflage und wohl in erster Linie deshalb auf der Bühne, weil er als „Kraftlackel“ die zierliche Brauer-Kvam ohne Probleme einen Abend lang auf Händen tragen kann. Grujčić bleibt als zweiter Ausdruck neben dem Grinsen ein ungläubiges Kopfschütteln ob der servierten Geschichten – wer der oder die Mörder sind, bleibt wie in der Wirklichkeit unklar.

Das Josefstädter Publikum dankte mit freundlichem, aber endenwollendem Applaus. Nun ließe sich vortrefflich über den dünnen Firnis der Zivilisation philosophieren, über das menschliche Miteinander im Allgemeinen und im Besonderen, über Macht- und Besitzansprüche und über das Survival of the Fittest – doch ehrlich, all das gibt die Aufführung nicht her. Der ganze Abend ist so mühsam und aufreibend staubtrocken, wie es das Leben auf Floreana wohl wirklich war. Ein literarischer Mehrwert zu den in regelmäßigen Abständen erscheinenden Fachpublikationen über Ritter und seine Runde findet sich nicht. Und so ist Mitterers „Galápagos“ in mehrfacher Hinsicht eine Insel der Unseligen.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Md8dH6hBwkg

Originalaufnahmen/ORF ZiB2: tvthek.orf.at/topic/Kultur/6275545/ZIB-2/13921103/Galapagos-in-der-Josefstadt/14005850

www.josefstadt.org

Wien, 17. 3. 2017

 

Theater in der Josefstadt: Sieben Sekunden Ewigkeit

Januar 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sandra Cervik brilliert in Peter Turrinis Monolog

Sandra Cervik inmitten der Hedy-Lamarr-Schaufensterpuppen. Bild: Sepp Gallauer

Sandra Cervik inmitten der Hedy-Lamarr-Schaufensterpuppen. Bild: Sepp Gallauer

Die Bitte, auf der Bühne an einen Police Officer in Florida gerichtet, erfüllten ihr tatsächlich ihre Kinder Anthony und Deedee. Sie verstreuten zumindest einen Teil der Asche ihrer Mutter Am Himmel im Wienerwald, den anderen Teil setzten sie in einem Ehrengrab am Zentralfriedhof bei. So verhält es sich mit Peter Turrinis Monolog „Sieben Sekunden Ewigkeit“, der am Donnerstag unter großem Jubel im Theater in der Josefstadt zur Uraufführung gebracht wurde:

Dichtung und Wahrheit. Turrini nähert sich in seiner jüngsten Arbeit dem Phänomen Hedy Lamarr. Lange schon ist der Dichter von dieser Frau fasziniert, die sich bei ihm selbst als die schönste und gleichzeitig klügste der Welt bezeichnen darf. Sein Stück bewegt sich eng entlang der Biografie der Hollywoodschauspielerin und Erfinderin, und ist gleichzeitig weitergreifend eine Folie, auf der er Zeitgeschichte und Themen zur Zeit spiegelt.

Hedy Lamarr wurde 1914 als Hedwig Kiesler in Wien in bessere Kreise geboren. Sie heiratete den wesentlich älteren Waffenfabrikanten Mandl, der Geschäfte mit den Nazis machte, ging ihm durch und in die USA, wurde von Louis B. Mayer unter Vertrag genommen und ein Filmstar. 1942 entwickelte Lamarr eine Funkfernsteuerung für Torpedos. Dieses Frequenzsprungverfahren sollte es den Feinden der Alliierten unmöglich machen, deren Geschosse aufzuspüren. Es wird heute immer noch in der Mobilfunktechnik verwendet.

Doch nicht an diesem großen Wurf wurde die Lamarr stets gemessen, sondern an eben „Sieben Sekunden Ewigkeit“. So lange dauert ihre Nacktszene im Film „Ekstase“ von 1933. Da huscht sie völlig unbekleidet durch einen Wald – als erste Frau, die sich jemals hüllenlos vor der Kamera zeigte. In Stephanie Mohrs Inszenierung läuft diese Sequenz als Hintergrundkulisse. Immer und immer wieder. Vorne eine fulminante Sandra Cervik. Turrini hat ihr den Text auf den Leib geschneidert und sie spielt ihn mit vollem Körpereinsatz; mit Perückenunterziehhaube und im Fatsuit macht sie aus dem Monolog den wütenden Verzweiflungsschrei einer derangierten, einer ausrangierten Diva.

Mit viel Ironie gestaltet Cervik ihre Rolle ... Bild: Sepp Gallauer

Mit viel Ironie gestaltet Cervik ihre Rolle … Bild: Sepp Gallauer

... einer Frau, die ebenso schön wie klug war. Bild: Sepp Gallauer

… einer Frau, die ebenso schön wie klug war. Bild: Sepp Gallauer

Im Jahr 2000 ist Lamarr verstorben; bei Turrini blickt sie vier Jahre vorher auf ihr Leben zurück, erzählt es einem imaginären Gesetzeshüter, der sie alkoholisiert im Straßengraben aufgelesen hat, nicht ahnend welchen Schatz er da birgt. Im Bühnenbild von Miriam Busch kriecht Cervik über die Planskizzen von Lamarrs Erfindung. Sie ist umringt von einem guten Dutzend Schaufensterpuppen, sie zieht sie aus, um sich ihre Verkleidungen anzuziehen, diese vielen Rollen, in die „die Frau“ zu schlüpfen und dabei immer schön zu sein hat. Cervik stattet die Figur mit einer gehörigen Portion Ironie aus. Sie macht sich lustig über den Schönheits- und Jugendwahn, der längst nicht nur die Traumfabrik befallen hat.

Und während sie im einen Moment über Versuche zur Selbstoptimierung zynisch lacht, wird sie im nächsten ernst, wenn sie über Pogrome in Russland und den Faschismus in Deutschland und Österreich spricht. Turrinis Text springt zwischen den Jahreszahlen und zwischen den Emotionen. Wie ein Kaleidoskop dreht sich sein Stück um die Beschreibungen und Zuschreibungen, mit denen er sein literarisches Geschöpf zu fassen sucht.

Dass die Lamarr in der Regie von Max Reinhardt einmal auch am Josefstädter Theater auftrat, ist eine Anekdote, die sich der Dramatiker nicht entgehen lassen konnte und die das Publikum mit einem Lachen bedankt. Das erprobte Team Mohr-Cervik zeigt sich mit dieser Aufführung erneut von seiner besten Seite. Stephanie Mohr hat Sandra Cervik sehr präzise und prägnant in Szene gesetzt; es ist stets die Stärke der Regisseurin ihre Schauspieler schillern zu lassen – und so tut’s die Cervik auch diesmal. Am Ende gab’s viel Applaus für alle Beteiligten und einen glücklich gerührten Peter Turrini. Die Josefstadt setzt ihren Erfolgskurs der Ur- und Erstaufführungen fort; weiter geht es am 2. Februar mit Daniel Kehlmann und seinem „Heilig Abend“.

Video: www.youtube.com/watch?v=xXzBjcKggOk

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Wien, 13. 1. 2017

Theater in der Josefstadt: Totes Gebirge

Januar 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die schönste Nation ist die Halluzination

Roman Schmelzer, Peter Scholz, Stefan Gorski, Ulrich Reinthaller, Susa Meyer und Maria Köstlinger Bild: Astrid Knie

Roman Schmelzer, Peter Scholz, Stefan Gorski, Ulrich Reinthaller, Susa Meyer und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Dem Lachen geht’s so, wie es der Arzt diagnostiziert hat. Es wagt sich vor, erschrickt sich, taucht im Hals unter, und muss dann doch ausbrechen. Der Mechanismus der Ansteckung. Das Publikum im Theater in der Josefstadt war diesbezüglich hochin­fek­ti­ös. „Totes Gebirge“ heißt die Tragikomödie des oberösterreichischen Dramatikers Thomas Arzt, die am Haus uraufgeführt wurde. Eine poetische, prägnante Analyse der gesellschaftlichen Gemütslage. Ein Spiel um Illusionen und Irrationalität, ein Ausloten jenes Quantums Wahrheit, das dem Menschen zumutbar ist. Von Regisseurin Stephanie Mohr mit viel Sinn für Hintersinn in Szene gesetzt.

„Totes Gebirge“ ist ein Psychiatriestück, die Anstalt jedoch kein Kuckucksnest, sondern ein Schneckenhaus. Die Ausgestoßenen des genormten Gemein-Wesens haben sich, so krank wie die Welt selbst, in die geschlossene Abteilung geflüchtet. Nicht gerettet. Dazu fehlt ihnen der Mut zur Anarchie, die Kraft diesen einen entscheidenden Schritt zu tun. Der Schmied vom Glück zu sein, ist eine Utopie. Und so eben-bilden sie ab, was sie eigentlich fürchten. Drinnen ist draußen. Und normal eine Abart von verfassungsmäßig. Arzt setzt Sprachverlust mit dem der Identität gleich. Der letzte Satz, er ist hier schon gesprochen. Was bleibt, sind die halben, die unfertigen für diese Bruchstückexistenzen. Schweigen, stammeln, schreien als Symptome der Haben-Welt; Singen fürs Haben-Wollen. Arzt setzt dieser Emotionalität die Rationalität ins Genick. Doch die – wie von Serge Lama besungenen – reellen Leute bewegen sich nicht weniger albtraumwandlerisch durch ihre Leben, wie die als solche befundeten „Ungesunden“.

Arzt hat die Namen seiner Figuren aus einsamen Berggipfeln und irritierten Volkstheatercharakteren montiert. Raimund Woising, Emanuel Loser – er passt auch englisch gelesen, Nepomuk Elm. In Stefanie Mohrs Fast-schon-Schluss-Bild werden sie neben Bildern ihrer Geistesverwandtschaft stehen. Dem depressiven Dichter auf der Hundsbissflucht, dem Selbstdarsteller in Papageno-Pose, dem Berufszyniker in einer seiner Paraderollen. Die schönste Nation ist die Resignation, hat er einmal geschrieben. Arzt ersetzt sie durch die Halluzination. Der Komet ist natürlich angekündigt. Von Franui kommen dazu Sphärenklangvolkslieder. Arienausbrüche aus dem Resignativrezitativ. Allein Susa Meyer im Modern-Gstanzl-Modus zu erleben, ist den Abend wert.

Raimund Woising hat sich also selbst eingewiesen. Der verzweifelte Pädagoge und verhinderte Romanautor hat vor März seine Biedermeiermöbel zertrümmert und fröstelt nun um seinen Verstand. Die Rauhnächte sind, die Zeit vor Silvester, dieser Nullpunktnacht, in der nie Neues entsteht, und wer das Erbstück Österreich mit allen seinen Pragmatismen samt der Pragmatisierung vernichtet, in dessen Oberlehrerstübchen muss … Ulrich Reinthaller spielt das in zeppelnder Stasis und mit urheimatlichem Querulantentum. Er ist wie die Erfindung der Anti-Romantik, oder Auswuchs deren düsterster Seite, jedenfalls ein astreiner Menschenfeind. Er hat das Vertrauen in die kollektive Verlassenschaft verloren und ist also als solcher von ihr verlassen. Gott und die Welt. Und Reinthaller als personifizierter Weltekel. Kein weites Land in dieser Zeit, nur tiefe, schwarze Seelenschluchten.

Dass diese Pose auch Posse ist, weiß Mohr gekonnt umzusetzen. Sie lässt ihre Darsteller zwischen den Suizidzeilen in einen Theatertonfall fallen, als ob man einem Sommerstegreif aufsitzt. Und Roman Schmelzer mittendrin als Komödiengalan. Welch eine Vorstellung! Das Dach leckt, Schnee fällt rein, auf der Rückseite der gagerlgelben Sicherheitswandverkleidung, samt k.k.-Kronleuter eine Idee von Miriam Busch, ein Blick auf die Hinterbühne. Die Meyer sitzt dort als Inspizientin. Die ganze Welt ein Guckkasten, der sich um die eigene Achse dreht, und die Kasperln glurren raus. Tatsächlich plant Peter Scholz als Pfleger Anton Priel als Höhepunkt der Partynacht eine Vorführung mit Figuren. Wenn denn die Menschen ihr Maskenspiel beenden. Doch vorerst macht Mohr daraus einen Perchtenlauf. Sie gesellt den armen Irren zum reinen Tor und zum weisen Narren. Roman Schmelzer als Emanuel und Stefan Gorski als Nepomuk zeigen wie’s geht, wenn das Hirn rissig ist. Sie sind wie die zwei Seiten des Maria-Theresien-Talers, so mittel europäisch, die Selbsttäuschung und die Enttäuschung, die Verweigerung und die Verneinung, der alpenländische Alkoholismus und die Arbeitslosigkeit. Vor allem Gorski legt als todgeweihter Drogensüchtiger ein eindrückliches Zeugnis seines Könnens vor.

Absolutistisch-mütterliche Herrscherin über diese Abhängigkeits- und Ohnmachtsverhältnisse ist Susa Meyers Theresia Mölbing. Für sie ist Stagnation schon Fortschritt, weil Garant für Ruhe im Hause Österreich. Die Ärztin will das Individuum, nicht die Gesellschaft behandeln, der Arzt aber genau das Gegenteil. Zwischen Gefühls- und Vernunfts- muss dem -menschen doch noch ein drittes gegeben sein, sagt er, Psyche bedeutete ursprünglich ja an sich Person. In seinen oberösterreichischen Kunstdialektliedern lässt er die Fassade der einen bröckeln, „Da Mensch is ka Puppn“ heißt es da für alle gleichbedeutend, und enttarnt die Phantasmen der anderen. Peter Scholz gibt den Pfleger als guten Samariter im Handwerkerornat, er ist einer, der auch gern mit den Schneeflocken diskutiert, er wiegt den schwerstversehrten Nepomuk in den Schlaf. Maria Köstlinger spielt Raimunds Schwester Josefine Schönberg wie ein patziges Teenager-Girlie. Die Autoverkäuferin ist der Typ „psychisch krank – gibt’s nicht, geht nicht“, sie lässt sich von Emanuel hofieren, bis sie ihn als „Insassen“ erkennt. Mit Scholz‘ und Köstlingers Charakteren sind die Gegensatzpositionen bezogen. Menschen unterscheiden sich in die, die’s gut meinen, und die, die gut tun.

Am End? Weiß keiner nix. Die Aufklärung kommt zwar schon, eine Erklärung naturgemäß nicht. Der Komet entpuppt sich als der Josefstadt-Luster. Die österreichische Lösung sind Punsch und Brötchen. Das Land der Beamten, Bauern und Lokalpolitiker, wie es singt, säuft, lacht und sich deshalb nicht selbstmordet. Letzteres nach Thomas Bernhard hierorts ja eines der selbstverständlichsten Wörter, weil nach seinem Großvater Johannes Freumbichler nur eine lebenslange das Leben aufrecht haltende Drohung. Thomas Bernhard, dieser vorletzte große Volksstückschreiber, grinst die ganze Vorstellung lang ums Eck. Großer Jubel für Darsteller und Regisseurin Stephanie Mohr, noch größerer für den Autor. Wer ein g’scheites Stück will, bitte den Arzt aufsuchen.

Thomas Arzt im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16973

Trailer: www.youtube.com/watch?v=z536xI14xSI

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Wien, 22. 1. 2016

Thomas Arzt im Gespräch

Januar 20, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Totes Gebirge“ am Theater in der Josefstadt

Susa Meyer als Ärztin, Roman Schmelzer als Psychiatriepatient Emanuel Bild: Astrid Knie

Susa Meyer als Chefärztin, Roman Schmelzer als Psychiatriepatient Emanuel. Bild: Astrid Knie

Der oberösterreichische Dramatiker Thomas Arzt hat ein Stück über die österreichische Seele geschrieben, die ihm längst kein „weites Land“ mehr ist. „Totes Gebirge“ heißt der Text, der am 21. Jänner am Theater in der Josefstadt uraufgeführt wird, und so karstig wie die Landschaft ist die Psyche von Arzts Protagonisten. Weshalb das Ganze in der Psychiatrie spielt. Aber anders als bei vielen Psychiatrie-Stücken verkörpern die Patienten hier kein anarchisches Gegenmodell zur normierten Mehrheitsgesellschaft, sondern sind genauso krank wie die Welt, vor der sie sich in die geschlossene Abteilung geflüchtet haben.

Die melancholische Chefärztin hat eingesehen, dass ihre Therapie der Einzelfälle vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Missstände nur Flickwerk bleiben kann. Aktuell machen ihr drei Patienten Sorgen. Der Neuzugang Raimund scheint wie versteinert, Nepomuk leidet sich nach exzessivem Alkoholmissbrauch langsam zu Tode, der langzeitarbeitslose Emanuel hält sich mit Selbstbetrug am Leben. Bis Raimunds Schwester – widerwillig, weil psychisch krank gibt’s nicht – auf der Bildfläche erscheint.

Nur Pfleger Anton ist in diesem Szenario optimistisch und bereitet für den Silvesterabend ein Puppenspiel vor. Eine sinnlose Aktion, weiß Nepomuk doch, dass zum Jahreswechsel endlich der ersehnte Komet kommen wird … In der Regie von Stephanie Mohr spielen Ulrich Reinthaller, Maria Köstlinger, Susa Meyer, Peter Scholz, Roman Schmelzer und Stefan Gorski. Die von Andreas Schett und Markus Kraler komponierte Musik interpretiert die großartige Musicbanda Franui. Thomas Arzt im Gespräch über seine Tragikomödie:

MM: Der Satz oder die Halbsätze, an denen ich hängengeblieben bin, sind „Der Verstand ein Fixstern. Die Idiotie die schönsten Planeten.“ Ist das die Diagnose unserer Gesellschaft, Herr Arzt?

Thomas Arzt: Es ist eine Sichtweise. Diesen Satz sagt eine bestimmte Figur, der Psychiatrieinsasse Nepomuk, er ist also sicher eine Nestroy’sche Welterklärung. Es geht darum, dass wir in unseren Meinungen oft sehr festgefahren sind, und uns in ihnen sehr sicher und fix fühlen, weil das eben vernünftig ist. Würden wir uns auf die Idiotie, auf die Unvernunft, auf das Kreisen um ein Thema einlassen, würden wir vielleicht einen anderen Blickwinkel erhalten. Wobei Nepomuks auswegloses Kreisen in der Psychiatrie natürlich auch etwas sehr Trauriges ist. Er wartet nur noch auf den Kometen, der ihm die Erlösung, also den Tod, bringen wird.

MM: Die sechs Figuren in Ihrem Stück bilden, scheint es, Gegensatzpaare, der eine vertritt die Ratio, der andere die Irrationalität.

Arzt: Das ist durchaus eine Schreibstrategie, weil ich glaube, dass der Mensch beides hat. Vieles ist erstarrt, vieles läuft automatisch ab, der Mensch sollte aber auch nicht vergessen, dass er ein emotionales Wesen ist. Ich habe schon Sehnsucht nach einer Gesellschaft, in der Gefühlsausbruch, Emotion, Aggression möglich ist, und man braucht dann sogar einen sehr klaren Verstand, um das in die richtigen Bahnen zu lenken. Derzeit gibt es nur Extreme: die extrem festmauernden und die extrem öffnenden Kräfte. Die Gesellschaft verliert gerade ihre Mitte. Deshalb werden politisch wie privat für alles schnelle Lösungen gefunden.

MM: Konkret? Die diversen tagesaktuellen Debatten sollten statt „nur Hirn“ oder „nur Herz“ auf einem Mittelweg geführt werden?

Arzt: Das Bauchgefühl kann trügerisch sein und schlimme Dinge auslösen. Andererseits operiert die Vernunftseite mit Begriffen, die nicht mehr gegenwartstauglich sind. Was ist „Festung Europa“, was „Sicherheitspolitik“, was „Wohlstand“? Da wird von einer Welt gesprochen, die es so nicht mehr gibt, weil sie sich schneller und schneller wandelt. Das können viele Menschen schwer akzeptieren, weil es weh tut. Die Ärztin im Stück, eine sehr nüchterne Person, spricht von der Akzeptanz eines Zustandes, den es zur Heilung braucht. Man muss also akzeptieren, damit ein neues Europa entstehen kann, man kann sich nicht in einer alten Wohlstands-Biedermeierlichkeit einigeln, nur weil man Angst hat, dass man ohne sie nicht leben könnte.

MM: Das klingt, als ob wir auch neue Begriffe bräuchten, um die Aufgaben, die uns dieser Tage gestellt werden, angehen zu können?

Arzt: Stimmt. Politiker lassen gerne kurze, klare Sätze fallen, die aber am Problem vorbeigehen. Etwas „über die Grenze“ schieben, heißt ja nur aus dem Sichtfeld schaffen, nicht lösen. Das Problem wird weiterbestehen, und in einer globalen Welt werden wir weiter dafür verantwortlich sein. Das lässt sich nicht von der Hand weisen. Es gibt eine Sprache, die von der sozialdemokratisch-kritischen Sichtweise kommt, von einer linken Utopie geprägt ist, sich aber auf die Realität nicht eins-zu-eins übertragen lässt. Was heißt „Umverteilung“ heute? Wo setzt man da an? Da wird ein 70er-Jahre-Sprechen herbeigesehnt – nach dem gibt es offenbar eine ganz starke Sehnsucht, nach dem gesellschaftlichen Aufbruch damals, wo die Menschen tatsächlich noch „politisch“ waren. Die andere Seite, die Rechtspopulisten, reden ganz schiach. Da wird eine Sprache bemüht, die noch älter ist, und von der wir eigentlich hofften, sie schon zertrümmert zu haben.  Wenn man also keine neue Idee von Begrifflichkeiten entwickelt, werden die sprachlichen Gräben in der Zukunft noch tiefer werden. Davor habe ich privat Angst, und als Mitglied unserer Gesellschaft stelle ich mich darauf ein, dass man wach sein muss.

MM: „Totes Gebirge“ ist nun der Erosionsvorgang im Menschen? Die Seele als Karst, nicht mehr als weites Land?

Arzt: Ausgangspunkt des Stücks ist ein privater, das ist bei mir oft der Fall, und hier war es das Erleben, was es heißt, in einer Psychiatrie zu sein. Ich war vor vier Jahren als Besucher in einer Psychiatrie und habe es so erlebt, dass die Menschen dort ganz schwer über das sprechen können, was sie schmerzt, was sie ohnmächtig macht, so dass man da gar nicht von einer Perspektive, von einem „weiten Land“ sprechen kann. Wie man in der Psychoanalyse sagt: Man geht durch eine Seelenlandschaft und versucht aufzugreifen, aufzubrechen. Aber für mich war da zuerst eine schwarze Schlucht, eine Kluft. Zeitgleich habe ich begonnen zu wandern. Meine Frau ist am Fuße des Toten Gebirges aufgewachsen, sie war immer schon bergklettern, und ich jetzt mit ihr, und ich habe festgestellt, man findet sich im Gebirge selber. Das ist befreiend und beklemmend. Vor allem, wenn man unzufrieden ist mit sich selbst.

MM: Das führt schon wieder zur Sprache: Wenn Sie sagen, dass die Leute in einer Psychiatrie sprachlos sind, und das Sprechen, die Redetherapie das einzige gangbare Mittel ist, um mit seelischen Erkrankungen umzugehen, wohin kann das führen?

Arzt: In meinem Stück zu einer nicht schönen Sprache. Gesellschaftliches Versagen beginnt dort, wo die Sprache versagt. Je weniger Betroffene über etwas reden können, umso wichtiger ist es, dass die Öffentlichkeit darüber reden kann. Das passiert in vielen Bereichen schon ganz gut, aber sobald eine psychische Erkrankung im Raum steht, beginnt das allgemeine Schweigen. Das ist einfacher als zuzugeben, dass jeder einmal eine Depressionserfahrung hat, dass das Teil des Menschseins ist. Jeder möchte so weit wie möglich „normal“ sein.

MM: Das ist eine Vorgabe, denke ich. Man hat leistungsfähig zu sein, und irgendwie fröhlich zu sein. Sonst haben die anderen den Eindruck, man funktioniert nicht.

Arzt: Das ist ein wichtiger Gedanke. Wenn jemand „abnormal“ ist, sprich: nicht ganz unserem Bild entspricht, dann hat er versagt. Und dieses Versagen schiebt man dem Privatmenschen zu, auch wenn es ein Umfeld gäbe, das mitgewirkt hat. Letztlich sagen wir doch: Warum hast du es so weit kommen lassen? Warum lässt du dich so hängen? Arbeite an dir! Das ist diese neoliberale Vorstellung, dass jeder, der sich anstrengt, auch seines Glückes Schmied ist. Ich habe mir meinen Wohlstand erarbeitet, den hätte sich der andere auch erarbeiten können. Es ist ungerecht vom Wohlfahrtsstaat, dass er meine Verdienste einem anderen zuschiebt. Dieses Denken wird durch einen immer schnelleren Markt, durch die Selbstbehauptung von Karriere getragen, das erzeugt Druck, das erzeugt das Gefühl, ich bin der einzige, der es nicht kann. Das stürzt viele Menschen tatsächlich in ein schwarzes Loch, in eine Depression. Um nun auf Ihre Frage zur Sprache zurückzukommen: Mich interessiert, wo Sprache Verwundungen aufweist, wo Zerstörung stattgefunden hat. Dass quasi die Sinnfrage des eigenen Lebens schon durch die beschädigte Grammatik in Zweifel gezogen wird. Das abrupte Abbrechen der Sätze verdeutlicht, wie nahe da einer schon an der Klippe steht, dann spricht einer wieder ganz melodisch, das finde ich ganz schön: Wo der rationale Sinn verloren geht, gibt die Irrationalität Sinn. Der Protagonist Raimund hat ja seine Biedermeiermöbel zertrümmert, nun ist ihm, der es gewohnt war, akademisch korrekt zu sprechen, auch die Sprache zertrümmert.

MM: Dieser Raimund ist Lehrer und verhinderter Autor. Er wird als Schriftsteller aus der Bahn geworfen. Wie pathologisch ist das, wenn man als Autor einen Autor als Hauptfigur wählt?

Arzt: Sagen Sie’s mir! (Er lacht.) Nein, Sie haben mich ertappt, es gibt eine gewisse Selbstironie in der Angelegenheit, daraus mache ich gar kein großes Geheimnis. Ich bin jemand, der sehr viel Sicherheit braucht. Meine Eltern sind Lehrer, und als ich während meines Theater-, Medien- und Filmwissenschaftsstudiums die Panik gekriegt habe, was aus mir werden soll, bin ich auch auf Lehramt umgeschwenkt. Ich habe sogar kurz unterrichtet, aber irgendwie war das eine Selbstlüge. Den Sicherheitsgedanken habe ich aber fürs Stück wieder aufgegriffen. Dass einer nicht tut, was er will, weil er zu feige ist, oder die Umwelt es ihm ausredet oder was auch immer. Andererseits ist Künstler sein auch viel Selbstausbeutung und Idealismus, da ist ein Plan B mitunter gar nicht schlecht. Raimund steckt in diesem System, doch statt dass er das System verändert, zerstört er sich selbst.

MM: Und wie haben Sie sich vom Plan B verabschiedet?

Arzt: Meine Frau hat mir den Mut dazu gegeben. Sie ist der Mensch, der gemerkt hat, wo’s mich hinzieht, wo ich Stärken habe. Ich hatte ein Stück und sie sagte: Jetzt schick‘ das doch dort hin! Dort war das Schauspielhaus Wien unter Andreas Beck, und der hat mir dann angeboten, begleitet, in einem Workshop ein Stück zu entwickeln. Da kam „Grillenparz“ raus. Es war verblüffend. Ich bin ein Glückskind. Die Schauspieler haben es gelesen und gesagt, das interessiert uns. So bin ich in eine Theaterlandschaft gestolpert, die ich immer noch nicht überblicke. Das ist vielleicht meine Stärke, aber mitunter auch meine Überforderung. Ich merke, so wie jetzt bei den Proben, dass Theater Energie aus mir saugt. Da freue ich mich dann schon wieder auf mein stilles Schreibkämmerlein.

MM: Wann werden Sie das Gefühl haben, es „geschafft“ zu haben?

Arzt: Es ist die Frage, ob man dieses Gefühl überhaupt anstrebt. Ich bin froh, wenn ich ein Stück abgeben kann, wenn ich zufrieden mit einem Text bin, wenn ich denke, mich hat die Arbeit daran gefestigt und weitergebracht, und jetzt wollen andere sich damit beschäftigen. Das ist das größte, was passieren kann. Ich arbeite von Stück zu Stück an Themen, die mich umtreiben. Es gibt einen Schreibfluss, der immer größer wird, und mit all meinen Mitteln versuche ich mich in ihm über Wasser zu halten.

MM: Um im psychiatrischen Fachjargon zu bleiben: Sie bauen in „Totes Gebirge“ eine ganze Assoziationskette auf, hauen uns auch ein wenig Schubert um die Ohren, aber das stärkste diesbezügliche Motiv, sind die Namen Ihrer Figuren: Raimund, Emanuel, Nepomuk. Ein Dichter mit gefesselter Fantasie, ein Selbstdarsteller und in diesem Sinne (Selbst-)betrüger und ein alter Zyniker? Darf ich Sie in diese Ecke schieben?

Arzt: Absolut, denn das ist ein liebevoller Verweis auf die Stücke, mit denen ich aufgewachsen bin. Mein erster Theaterkontakt war ein sehr unakademischer, nämlich das Amateurtheater auf dem Land. Ich habe Schultheater gespielt, und dieses Volkstheater hat mich als Kind fasziniert. Für mich sind die Stücke von Nestroy und Raimund ein Auflehnen im Puppenkasten der Bühne. Ihr Humor ist scharfzüngig, tut oft weh. Dazu kommt, dass sich Volkstheater, im Sinne von Hans Wurst gedacht, nie dem Obszönen, dem Lustvollen verweigert. All diese Spielarten mag ich sehr. Ich sehne mich danach, herzhaft zu lachen, und gleichzeitig danach, dass mir das Lachen im Hals steckenbleibt. Das geht bei mir durch die Auseinandersetzung mit dem österreichischen Volksstück, und führt weiter zu Horváth, Turrini, Schwab, Steeruwitz … Das ist immer das, was mich als Zuschauer gepackt hat.

MM: Sie haben noch eine weitere volksstückhafte Ebene eingeführt: in einem oberösterreichischen Kunstdialekt gesungene Gstanzln.

Arzt: Auch das ist ein Schreiben zurück zu den Wurzeln. Da geht es um ein Heimatgefühl. Viele Figuren im Stück, Raimunds Schwester, seine Ärztin, geben vor, fest im Leben zu stehen, dabei sind sie von einer großen Einsamkeit. Vielleicht sehnen sie sich nach einem gemeinsamen Moment, den gebe ich ihnen in diesen dialektalen Einschüben, wenn gemeinsam gesungen wird. Da kommen ganz schöne Gegenwelten heraus, in denen Wünsche, Ängste und Utopien ausgesprochen werden können. Der gesungene Dialekt erlaubt mir, formal poetischer zu werden, als es ein bodenständiger Dialog sein könnte.

MM: Es funktioniert ein bisschen wie in der Oper mit Arie und Rezitativ.

Arzt: Es ist ein Kommentar, eine Reflexion. Es hebt durch das Chorische individuelle Angelegenheiten auf einen gesellschaftlichen Standpunkt, beispielsweise im Lied „Der Mensch is ka Puppn“. Da ist erstmals ein Moment, in dem man merkt, auch die Vernunftmenschen sind betroffen.

MM: Im Text steht „Es sind uns die Begriffe abhanden gekommen“. Es ist interessant, dass Sie von Heimatgefühl sprechen, das ist doch auch ein Begriff, den uns ein paar angepatzt haben …

Arzt: Der ist von allen Seiten ideologisiert, aber sehr viele Menschen brauchen Heimat und sehnen sich nach einem Daheim. Ich habe die Überzeugung, dass es gut tut, den Heimatbegriff nicht an Orte zu binden, sondern an Menschen. Wo Freunde sind, ist der Heimatbegriff größer als bis zum nächsten Zaun. Das kann man denen entgegenhalten, die nun so fürchten um unsere Kultur. Heimat ist nicht unbedingt das gleiche wie Kulturalität, Lebensraum, Religion … Das sind lauter Begriffe, die man sich genauer anschauen muss. Was bedeutet das alles tatsächlich? Uns sind die Begriffe abhanden gekommen. Schön wäre, wenn wir bald von einer europäischen Heimat sprechen könnten.

MM: In der Heimat dann bedeuten würde?

Arzt: Ich bin auf der Suche, ich weiß es nicht.

MM: Noch ein Textzitat: „Natürlich ist hier nichts stabil. Aber das ist die Normalität. Unsere Aufgabe ist es, aufzupassen, dass es uns nicht auffrisst.“ Aber es tut’s doch.

Arzt: Jaja, das ist schon ein Hilfeschrei von der Frau Doktor. Sie fühlt, dass da Veränderung ist, und dass diese Veränderung auch mit ihr was macht. Sie sagt auch, wir haben nicht genug Decken, um alle Krankheiten der Welt damit zudecken, heißt: unsichtbar machen zu können. Das ist der Kern des Stücks. Es geht nicht nur darum, Bewusstsein zu schärfen, sondern auch Orientierungslosigkeit zuzugeben, einmal zu sagen, ich weiß es nicht. Es ist von keinem Politiker zu erwarten, dass er immer alles gleich zu Ende denken kann. Das passiert aber, auf schnell, schnell, weil die Politiker glauben, dass sie die Leute sonst verunsichern. Würde man sagen: Das ist eine neue Situation, wir überlegen in Ruhe, wie wir damit umgehen, dann würden die Leute das auch verstehen. Man muss nachdenken, um eine Idee zu haben. Derzeit fehlt jede Idee. Außer solche zum Machterhalt und zur Rettung des letzten Geldes. Diesen Aussagen wird aber mehr und mehr misstraut.

MM: Der Historiker und Philosoph Philipp Blom hat in diesem Sinne kürzlich gesagt: Wohlstandserhalt ist kein gesellschaftspolitisches Konzept.

Arzt: Neben diesen Satz stelle ich mich absolut.

MM: Nun merken Sie an mir, dass die Beschäftigung mit Ihrem Stück mehr Fragen aufwirft, als man davor hatte. Haben Sie Trost und Rat fürs Theaterpublikum?

Arzt: Es sind sehr viele Momente im Stück, wo jemand eine Ziellinie vorgibt, die dann aber niemand überschreitet. Auch das Ende bleibt offen. Ja, reden wir darüber! Fragen sind dazu da, dass sie gestellt werden, Theater aber nicht, um Antworten zu geben. Meine Antwort ist: Ich schreibe weiter. Kommen Sie also auch in mein nächstes Stück!

Über den Autor:

Geboren 1983 in Schlierbach, Oberösterreich. Lebt als freier Autor mit seiner Frau in Wien und in Flensburg an der Ostsee. 2008 entstand sein erstes Theaterstück „Grillenparz“ im Rahmen des Autorenprojekts „stück/für/stück“ am Schauspielhaus Wien. Es wurde mit dem von der Literar-Mechana gestifteten Hans-Gratzer-Stipendium ausgezeichnet und im April 2011 am Schauspielhaus Wien uraufgeführt, wo Thomas Arzt in der Spielzeit 2010/2011 als Hausautor arbeitete. Für sein zweites Stück „Alpenvorland“ erhielt er im selben Jahr den Autorenpreis am Heidelberger Stückemarkt. Nach Aufführungen in Österreich, Deutschland und der Schweiz wird das Stück 2016 am 2. Internationalen Autorenfestival in Buenos Aires gezeigt. Weitere Arbeiten entstanden in den vergangenen Jahren u. a. für die Wiener Festwochen, das Volkstheater, das Schauspielhaus Graz und das Landestheater Linz. Zuletzt war 2014 am Schauspielhaus Wien „Johnny Breitwieser“ zu sehen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=12355

www.thomasarzt.at

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=z536xI14xSI

Wien, 20. 1. 2016