Odeon – Serapions Ensemble: Lamento Allegro

Januar 4, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Tanz um den gestohlenen Esel

Der Oasenmann ist mit Ehefrau und Esel unterwegs ins Niltal, um seine Waren zu verkaufen: Elvis Grezda und Sandra Rato da Trindade. Bild: © Odeon/S. Smidt

Ohnedies ist alles Interpretation und Assoziation. So soll’s auch mit der Szene sein, in der sich Julio Cesar Manfugás Foster an eine in schlammbraune Arbeitskittel gewandete Beamtenschar wendet. Eine nach dem anderen stolpern sie hinter ihrem Schalter hervor, immer mehr werden sie, mit gurkenglasdicken Brillen, schlampig gebundenen Krawatten, diversen Ticks – jedes Zucken ein Verneinen der Zuständigkeit, jede Gebärde eine „Mich geht das nichts an“-Geste.

Es wird Aufstellung genommen, Ähnlichkeiten mit nächstens zu sehenden Angelobungsbilder sind …, im Lärm der Bürokratie geht die Beschwerde des Bürgers, oder weist ihn die Hautfarbe antizipativ als Nichthiesigen aus?, unter. Man hört nur zwei seiner Worte: „Wasser … Essen …“ Weit hergeholt? Stimmt. „Klagen des Bauern“ oder „Der redekundige Oasenmann“ ist ein mittelägyptisches Literaturwerk. Darin wird ein Niedriggestellter auf seinem Weg ins Niltal, wo er seine Waren verkaufen will, von einem leibeigenen Pächter seiner gesamten Habe beraubt. Worauf er sich an dessen Besitzer, den Obervermögensverwalter des Pharaos, der sich wiederum an seine Räte, später an den Pharao höchstselbst wendet.

Doch Gerechtigkeit widerfährt dem Bauern nicht. In neun Klagereden fordert er diese nun für sich ein, wird dafür verprügelt und vom untertänigen Volk sogar mit dem Tode bedroht. Der göttliche Herrscher allerdings lässt die Reden heimlich schriftlich festhalten, denn er ist seit Langem auf der Suche nach einem begnadeten Geschichtenerzähler … „Lamento Allegro“ nennt das Serapions Ensemble seine unter der Leitung von Max Kaufmann, Mario Mattiazzo und Erwin Piplits entstandene Inszenierung des Stoffs, deren Wiederaufnahme im Odeon Theater mit dem Jahreswechsel geschehen ist. Eine Parabel, so das Programmheft, über jene dicke Decke, die sich die Demokratie seit der attischen übergeworfen hat, um derart die Ungleichbehandlung von Staatsvolk und Zugezogenen, heißt: die wahre Macht der Archonten und Demagogen, Apparat die einen, System die anderen, zu tarnen.

In seine bewährt poetischen Bilder packt das Serapions Ensemble auch diesen kollektiven Theaterzauber. Ein Esel, mittels Fahrradgestell zum Laufen gebracht, ein Thespiskarren mit vielfältig nutzbarer Transportkiste, zwei Laufbänder und ein alter Filmprojektor – das sind jene Requisiten, um die herum die neue Kreation aus Schauspiel, Gesang, Tanz und bildnerischen Elementen komponiert ist. Julio Cesar Manfugás Foster, José Antonio Rey Garcia, Elvis Grezda, Ana Grigalashvili, Mercedes Miriam Vargas Iribar, Miriam Mercedes Vargas Iribar, Zsuzsanna Enikö Iszlay, Mario Mattiazzo, Gerwich Rozmyslowski und Sandra Rato da Trindade gestalten den 90-minütigen Abend.

Thespiskarren ohne Tier: Julio Cesar Manfugás Foster mit Rey Garcia, Vargas Iribar, Rozmyslowski, Grigalashvili und Iszlay. Bild: © Odeon/S. Smidt

Wütende Menge: José Antonio Rey Garcia, Julio Cesar Manfugás Foster, Mercedes Miriam Vargas Iribar, Gerwich Rozmyslowski, Ana Grigalashvili und Mario Mattiazzo. Bild: © Odeon/Helmut Krbec

Die Räte kommen zwar aus ihrer Zauberkiste, doch …: Ana Grigalashvili und Elvis Grezda. Bild: © Odeon

… sind mit der Frage überfordert: Ana Grigalashvili, Vargas Iribar, Rato da Trindade und Iszlay. Bild: © Odeon/Helmut Krbec

Die belämmerte Beamtenschar: Grezda, Rozmyslowski,  Mattiazzo, Rey Garcia, Iszlay, Rato da Trindade, Grigalashvili, Vargas Iribar. Bild: © Odeon/S. Smidt

Die Krawatte wird als Würgehalsband gebraucht: Grezda, Rozmyslowski, Vargas Iribar, Rato da Trindade und Iszlay. Bild: © Odeon/Helmut Krbec

Wobei jeder mehrere Figuren verkörpert, Sandra Rato da Trindade und Elvis Grezda als Bauersleute beginnen den Reigen, sie in safrangelbem Kaftan, er in lindgrünem, und wie die Kostüme – sie noch aus den Beständen von Ulrike Kaufmann – von Spieler zu Spielerin weitergereicht werden, José Antonio Rey Garcia und Zsuzsanna Enikö Iszlay, Mario Mattiazzo, Mercedes und Miriam Vargas Iribar, macht deutlich wer nun als Chui-ni-Anup nebst Gattin unterwegs ist. Knapp nach Weihnachten erinnern die beiden an die Legende von Marias kleinem Esel, das Schwingen dreier Seile markiert den reißenden Fluss, den es zu durchqueren gilt, dann ein Wandteppich aus Wüste, Wind, Unwetter.

Dass Julio Cesar Manfugás Foster mit seiner vazierenden Truppe den Thespiskarren nicht länger allein ziehen will, mag – siehe Subventionssituation – als selbstironisches Augenzwinkern gedeutet werden, jedenfalls wird das Grautier gestohlen. Es bleibt der Imaginationskraft jedes einzelnen überlassen, in die folgenden Choreografien einen roten Faden einzuweben, die Strahlkraft der Aufführung versteht es, Fantasiebegabte aller Ausbildungsgrade für sich einzunehmen. Mit einem Maskenmix von Commedia dell’arte bis Mad Max, mit Musik von Goran Bregović, Philipp Glass, Meredith Monk, Mohammad Reza Mortazavi bis Richard Wagner.

Gesprochen, gesungen wird in vielen Ensemblesprachen, Gerwich Rozmyslowski führt, als die Reihe an ihm ist, seine Beschwerde auf Wienerisch. „Zu wem kann ich heute reden?“, das Gebet um Gerechtigkeit, wird zur Anklage, wird kämpferisch circensisch, wird zu einem resignativen „Wozu soll ich noch reden?“. Ein per Hoverboard schwebender Trenchcoat-/Würdenträger befragt die Räte, dies einer der skurril-schönsten Momente, wenn die vielarmige, verschlafene Obrigkeit, an der Spitze Ana Grigalashvili, aus der Kiste tritt, und unterm sich selbst eingeflüsterten Motto „Sag‘ kein Wort!“ mehr und mehr ins Taumeln gerät.

Der redekundige Oasenmann wird von Pharaos Stoffsäulen eingewickelt: Elvis Grezda, Ana Grigalashvili und Mercedes Miriam Vargas Iribar. Bild: © Odeon/Helmut Krbec

Die Dramatik des Visuellen, die wunderbar berührende Grausamkeit des Ganzen, wird um Textzitate erweitert, vom „Gespräch eines Lebensmüden mit seinem Ba“ aus dem Papyrus Berlin 3024 bis zum Gedicht „Die Freiheit ist schrecklich“ von Ali Podrimja. Freiheit, sagt das Serapions Ensemble damit, ist Verantwortung, und nur der eigenverantwortliche Mensch kann eine diesem würdige, lebenswerte Gesellschaft bilden. In der eine ethische Grundhaltung jedem einzelnen

inne ist, ohne dass ihn Gesetze dazu zwingen. Eigeninitiative ist das Credo zur Stunde. Die Darsteller tanzen nach Haka-Art. Das abschließende, überwältigende Bild: Aus sich drehenden Stoffzylindern wird ein Säulenpalast, der zusammen mit den historischen Kolonnaden der einstigen Getreidebörse ein monumentales Gesamtkunstwerk ergibt. Und während im Thronsaal des Pharaos dessen Untertanen am Schlips wie am Würgehalsband geführt werden, fallen die Stoffe und umschlingen den Bauern. Steht er da als königlich gekleideter Auserwählter oder als ein seinem Gebieter Ausgelieferter?

Die Gedankenwelt des Bauern und die allzu menschliche Universalgeschichte verschwimmen.  „Auf dem Rücken der Schildkröte / ein jedes Ding war schrecklich / auch die Freiheit“, rezitiert Grezda, nun wieder Oasenmann, Ali Podrimja. Da erkennt man erst, was das Auge bereits vorher beobachtet hat: Je mehr sich der Beraubte in seinen Klagen mit dem Diebstahl beschäftigt, desto mehr beraubt er sich der Freiheit. Das ist der Preis fürs Recht bekommen, für Privilegien und Reichtum aus der Hand der Machthaber. Sehr eindrucksvoll verschwindet zum Schluss die Frau erst durch die, dann auf der Filmleinwand, und mit ihr der Esel – mutmaßlich ins wahrhaft Freisein. Tosender Applaus für diese absolut staunenswerte Produktion.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zn4NvfvbFRs&feature=youtu.be           vimeo.com/330207813           www.odeon-theater.at

  1. 1. 2020

Kleine Germanen: Die Filmemacher Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh im Gespräch

Mai 30, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie man aus Kindern Neonazis macht

Die kleine Elsa salutiert im Waffenrock ihres Großvaters. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Für Führer, Volk und Vaterland“, der Großvater schwört Elsa von klein auf darauf ein. Die steht da, verliert sich in seinem übergroßen Waffenrock, aber salutiert brav zu den Befehlen des ewiggestrigen Opas. Mit 13 tummelt sich Elsa unter Rechtsextremen, heiratet mit 18 Thorsten, wird zwei Mal Mutter – und erzieht ihre Kinder im gleichen Geiste: Der Kampf für die Heimat als heilige Pflicht …

„Kleine Germanen“ der Regisseure Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh ist zweifellos der Aufregerfilm dieses Kinofrühjahrs. Schon vor dem Leinwandstart tobten die rechten Internet-Trolle gegen die „antideutsche Hetze“, die Gegenseite feuerte mit Argumenten wie, die Filmemacher hätten eben dieser rechten Szene allzu kritiklos die Rednerbühne überlassen. Was „Kleine Germanen“ aufzeigen will, ist ein kaum aufgearbeitetes gesellschaftspolitisches Problem: Kinder, die in einem demokratiefeindlichen Umfeld aufwachsen und nach den Prinzipien rechtsextremer Ideologie erzogen, Kinder, die zu Neonazis gemacht werden, und dies nicht etwa in den Strukturen einschlägiger „Springerstiefel“-Gruppierungen , sondern in einem moderat wirkenden Teil einer Mittelschicht, die aber tatsächlich von rechtspopulistischen Strömungen geprägt ist. „Kleine Germanen“ ist als Dokumentarfilm über Erziehungsmethoden nicht unproblematisch, denn in Ermangelung der Gesprächsmöglichkeit mit „echten rechten“ Kindern, können Geiger und Farokhmanesh in Interviews nur deren Eltern zu Wort kommen lassen.

Die Kronzeugin musste, da Geflüchtete aus und nun Verfolgte von der Szene, vollkommen anonym bleiben. Ihre Geschichte, die der kleinen Elsa, zieht sich in Animationssequenzen von 1974 bis ins Jahr 2000 als roter Faden durch den Film. Heute startet „Kleine Germanen“ in den österreichischen Kinos. Die Filmemacher Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh im Gespräch:

MM: Sie kommen in politisch interessanten Zeiten nach Österreich. Welches Stimmungsbild vermittelt sich Ihnen?

Frank Geiger: Dass Demokratie wieder auf dem Vormarsch ist, dass es möglich ist, eine Regierung abzuwählen, eine Expertenregierung einzusetzen. Das würde ich mir für Deutschland auch gerne wünschen. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Lage in Österreich instabil ist, ich kann mir zwar vorstellen, dass manche Leute Angst haben, aber für mich ist, was hier passiert, ein ganz normaler demokratischer Prozess, den man ruhig öfter mal haben könnte.

MM: Obwohl die großen Volksparteien bei der EU-Wahl europaweit Stimmen verloren haben, kam es nicht zum prognostizierten extremen Rechtsruck. Hat Ibiza den vereitelt?

Geiger: Ich glaube schon, sonst wäre die FPÖ vielleicht stärkste Kraft geworden, aber ich wage es nicht zu prophezeien, wie’s weitergeht.

Mohammad Farokhmanesh: Wir sind letztendlich „nur“ Filmemacher, trotzdem ist auch meine Einschätzung, dass die Menschen jetzt erkennen können, dass man Rechts auch kippen kann. Jetzt haben die Leute mal die Möglichkeit zu sehen, dass Regieren auch anders gehen kann.

MM: In Ihrem Film „Kleine Germanen“ sprechen Sie auch mit Österreichern: dem Sprecher der Identitären Bewegung Martin Sellner, dem Rechtsextremismus- und Antisemitismusforscher Andreas Peham, dem Aussteiger aus der Szene Alexander Lingner. Warum war es Ihnen wichtig, unter den „Germanen“ auch Österreicher zu haben?

Geiger: Weil im rechten Spektrum über die Landesgrenzen hinweg Vernetzung stattfindet, das Verständnis ist ja da anders, vor allem im ganz extremen deutschnationalen Bereich wird das als Einheit gesehen. Ich glaube, Herr Sellner und Götz Kubitschek, in Deutschland der Verleger der Neuen Rechten, der im Film auch zu Wort kommt, sind ziemlich dicke miteinander. Diesen Kontakten wollten wir auch Rechnung tragen. Herr Lingner hat sich hingegen von seiner Familie komplett gelöst.

MM: Während die rechten Aktivisten jovial und gutgelaunt in Ihre Kamera sprechen, wollten sich die meisten Expertinnen und Experten gegen rechts aus Furcht vor rechts nicht abbilden lassen. Ihre Analysen sind nur aus dem Off zu hören. Was sagt das über die Lage aus?

Geiger: Viele von den Experten beraten auch an Schulen und Kindergärten, die legen keinen Wert darauf, öffentlich bekannt zu werden, weil es ja auch ein sehr sensibler Bereich ist, in dem sie arbeiten. Daher haben wir diese Off-Kommentare dann auch als konsequentes Mittel eingesetzt, im Sinne von: die Expertenposition ist eine rationale Position, eine, aus der von außen draufgeguckt wird. Unser Film versucht das Thema aber auch emotional anzugehen, gerade durch die Animationssequenzen, da wollen wir ein Gefühl für diese Szene rüberbringen. Klar, die Rechten leben gerade sehr selbstbewusst auf und verstehen sich als die, die hier bald die Macht erringen werden. Das war uns schon klar, aber gerade diese Perspektive wollten wir vermitteln, und nicht immer nur die Perspektive derer, die im linken Elfenbeinturm sitzen.

Farokhmanesh: Weil es vor allem auch darum ging, die Kindererziehungsmethoden zu zeigen. Denn wer Kinder überzeugt, kann auch Erwachsene überzeugen, deshalb wollten wir die Rechten zeigen, wie sie normal und privat sind, nicht die, die skandierend auf den Straßen marschieren und Parolen rausschreien, sondern die „netten Menschen“, die versuchen, andere Menschen auf diese Art und Weise auf ihre Seite zu ziehen.

MM: Wobei die Frage ist, wie „normal“ sich Ihre Interviewpartner gezeigt haben. Es ist beinah erschütternd zu sehen, welch ausgepuffte Medienprofis das sind, denen kein falsches Wörtchen über die Lippen kommt. Das Springerstiefel-Image ist in diesen Kreisen ganz klar passé.

Geiger: Das stimmt, und wir waren ja im normalen Umgang mit denen, und der ist eher unproblematisch. Und dennoch merkt man diesen eisigen Kern, den diese Menschen haben. Da ist irgendwas ganz tief drinnen vereist, und sobald es um gewisse Themen geht, gewisse Themen diskutiert werden, stößt man an eine Wand, die man niemals durchdringen kann. Unser Ansatz ist: Wo kommt diese Wand her? Was ist da schiefgelaufen? Da sind wir der Meinung, dass es ein pädagogisches Problem, ein Erziehungsproblem ist. Diese Menschen waren alle mal Kinder, sind so erzogen worden, erziehen ihre Kinder im selben ideologischen Sinne – und wenn man das tut, nicht mit dem Ziel, die Kinder zu lieben und ihnen im Leben Unterstützung zu geben, sondern sie in dieses Gedankenkorsett zwängt, dass sie zu einem bestimmten Zweck dienen, dann wird’s eng.

MM: Und der Zweck wäre?

Geiger: Du bist nicht gut oder lieb, sondern du hast von Nutzen zu sein, nur dann bist du ein Mensch. Dieses Zweckdenken ist bei rechten Eltern extrem ausgeprägt. Wenn eine Erziehung so abläuft, kommt es zu diesem eisigen Kern. Das ist das Thema, das wir versucht haben, aufzuzeigen.

Farokhmanesh: Die Erfahrung, die wir seit drei Wochen machen, seit wir mit dem Film unterwegs sind, ist, dass die Mehrheit der Zuschauer, die in diese hermetische Welt bisher ja keinen Einblick hatte, unglaublich erschrocken ist, wenn sie hören, wie da mit Kindern umgegangen wird. Wir diskutieren nach den Vorstellungen stundenlang mit dem Publikum.

MM: Apropos, Publikum: Man kann auf Youtube den Trailer zum Film sehen. Die Hasspostings darunter sind gewaltig, da werden vor allem Sie sehr angefeindet.

Farokhmanesh: Genau. Da steht mir mein Name im Weg. Deshalb war ich bei den Interviews mit den Rechten auch nicht dabei, damit sie nicht noch mehr eingeschränkt sind. Aber wir sind leidenschaftliche Filmemacher, und wenn man mir nun ausrichtet, ich sollte lieber über den Islam berichten: das habe ich getan in „Teheran Tabu“, der sich mit Sexualität im Islam auseinandersetzt. Ich habe in „Reich des Bösen“ den iranischen Alltag gezeigt. Jetzt muss ich es in Kauf nehmen, dass man auf mich losgeht.

Geiger: Dieser Beißreflex zeigt doch nur, dass wir einen wunden Punkt getroffen haben.

Götz Kubitschek und Ellen Kositza in ihrem Haus in Schnellroda. Bild: © Filmladen Filmverleih

Martin Sellner in einem Wiener Caféhaus. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Es gibt aber auch Kritik von der sozusagen anderen Seite. Jörg-Uwe Albig, Autor von „Zornfried“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32910), schreibt beispielsweise im Spiegel, Ihr Film „bildet völkische Fassaden ab, statt sie zu entlarven“.

Geiger: Haben wir gelesen, ja, und in dem Falle würde ich sagen, er will sein Buch verkaufen. Das ist eben auch ein Phänomen, dass die, die sich ins rechte Thema verbohrt und eine festgefügte Meinung haben, einen anderen Blick haben, eine professionelle Deformation, wenn Sie so wollen, als Menschen, die sich nicht tagtäglich damit auseinandersetzen. Unser Film richtet sich ja nicht an Experten, die sich von morgens bis abends mit rechts beschäftigen, sondern eben an das Publikum, dass die Zusammenhänge zum ersten Mal sieht. Die Experten, haben wir erfahren, sitzen oft in einem Schneckenhaus, weil sie zum Gegenstand ihres Expertentums in Kampf stehen, denen ist es quasi unmöglich, auch einen anderen Blick zuzulassen. Wie gesagt, wir wollten den emotionalen Blick, der diese Kinder zeigt …

MM: Nur sind Sie an diese Kinder nicht rangekommen.

Geiger: Deswegen haben wir das Animationstool.

Farokhmanesh: Ich würde den Kommentatoren, die unseren Film negativ kritisieren, empfehlen, einmal mit Publikum ins Kino zu gehen, damit sie sehen, wie das darauf reagiert. Wir hören ja auch, wir hätten den Rechten eine Stimme gegeben, eine Bühne gegeben, dazu kann ich nur sagen: Es gibt die Neue Rechte, es gibt die AfD, es gibt die NPD, das werden wir jetzt nicht mehr ändern. Man muss an die nächste Generation ran, und an die übernächste, damit sie erkennen, wer da im Bundestag rechtspopulistische Gedanken äußert, und dass diese Herrschaften nicht zu wählen sind.

Geiger: Die Auseinandersetzung mit der Rechten, wie wir sie bisher betreiben, hat nichts gebracht, außer Stimmenzuwächse für diese. Deshalb wollen wir was anders machen, wir sehen den Rechtsextremismus als pädagogisches Problem. Ich glaube, dieser Ansatz wird zu mehr führen. Es gibt auch gerade ein Buch, das heißt „Erziehung prägt Gesinnung“ von Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Pädagoge und in seinem Fachgebiet sehr erfolgreicher Autor, der hat es noch besser als wir auf den Punkt gebracht: dass wer den autoritären Populismus verstehen will, dorthin schauen muss, wo aus kleinen Menschen große Menschen werden, und dass man verhindern muss, dass in diesem Umfeld eine nächste Generation noch vehementer heranwächst.

MM: Wie sollte das gehen?

Geiger: Zum Beispiel, indem wir uns von der Ellenbogengesellschaft verabschieden. Das Konkurrenzdenken ist für die Rechten eine Steilvorlage, die ist Teil ihrer Ideologie, ihrer sozialdarwinistischen Weltsicht: Die Welt ist hart, jeder kämpft ums Überleben, und wer als erster tötet, hat gewonnen. Da sagt der Vater zum Kind: Schau mal an, der wird angegriffen, der wird fertiggemacht, wenn du das nicht willst, musst du ein Sieger sein. Dagegen müssen wir vorgehen, um dieses Phänomen wieder einzugrenzen. Leider muss man sagen, dass da das Schulsystem komplett versagt. Wenn wir mit Lehrern diskutieren, haben die keine Ahnung, wie sie mit solchen Kindern umgehen sollen. Die Lehrer sollten offensiv sein, das Thema angehen, Stellung beziehen, aber den meisten geht es nur um gute Noten – und da sind wir wieder beim Leistungsprinzip.

Farokhmanesh: Meine siebenjährige Tochter kommt unlängst aus der Schule nach Hause und erzählt mir von den Kinderrechten, was sie gelernt habe, wie man mit ihr umgehen dürfe, was ihre Rechte seien, dass niemand sie schlagen dürfe … Das ist Unterricht, wie ihn diese Kinder auch brauchen: eine Anleitung zum eigenständigen Denken.

MM: Sie haben es schon angesprochen: Der rote Faden von „Kleine Germanen“ sind Animationsszenen, die Geschichte dieser sogenannten Elsa, die als Kind vom Großvater indoktriniert wird. Diese Frau hat Ihnen der Verein Exit Deutschland, eine Hilfsorganisation für rechte Aussteiger, vermittelt, Sie haben sie aber nie getroffen.

Geiger: Wir haben telefoniert, sehr lange, drei Stunden und noch mehrmals danach. Sie war sehr reflektiert, hat aber auch sehr emotional erzählt, und man hat manchmal auch gemerkt, wo ihr Trauma liegt. Es waren sehr eindrucksvolle Gespräche, die wir da hatten. Exit hat uns vieles davon bestätigt, weil sie „Elsas“ Prozess des Aussteigens begleitet haben. Das war sehr ergreifend.

MM: Die animierten Bilder sind sehr expressionistisch. Warum haben Sie sich für diesen Stil entschieden?

Geiger: Wir wollten derart den Blick der Kinder zeigen. Es gibt ja auch Nazi-Kinderbücher, und die sind in genau diesem Stil gehalten, mit dieser seltsamen Ästhetik, die ihren seltsamen Geist transportiert.

Farokhmanesh: Das funktioniert auch wirklich sehr gut. Wir zeigen den Film ja auch in Schulklassen, ab 14 Jahren, wir hatten aber auch schon 13-Jährige, und viele sind während des dokumentarischen Teils unruhig, aber wenn die Animation beginnt, tritt Ruhe ein und die Kinder sind hochkonzentriert. Uns wird ja auch vorgeworfen, der Zuschauer kapiert den Film nicht; die Kinder kapieren ihn gut. Gerade die Jugendlichen stellen danach so kluge Fragen, dass mir mitunter der Mund offensteht.

MM: Was Ihnen alles vorgeworfen wird: von zu neutral, zu naiv, bis zu plakativ, zu manipulativ …

Geiger: Und die Rechten und ihre Entrüstung kommen auch noch dazu, ja, wir kriegen’s von allen Seiten.

Farokhmanesh: Viele Kritiker, und da möchte ich noch einmal auf den Spiegel-Kommentar zurückkommen, sind einfach arrogant, weil sie das Publikum als doof ansehen. Die sollen mal kommen, und sehen und hören, was wir sehen und hören.

MM: Eine Szene, die mich durchaus irritiert hat, ist ein Albtraum Elsas, in dem sie gegen eine jüdische Ratte, diese dargestellt mit Schtreimel und Schläfenlocken, kämpfen muss. Das ist hart, auch in Hinblick auf einen der FPÖ-„Einzelfälle“, dem Braunauer Rattengedicht.

Geiger: Diese Kritik haben wir schon oft erwartet, aber noch nie bekommen. Den Topos des Juden als Ratte haben die Nazis aber erfunden, und Elsa hat uns diesen bis heute immer wieder kehrenden Traum genau so erzählt. Sie wurde traumatisiert, sie hat sich Juden als furchtbare Monster vorgestellt, sie hatte Angst, auf die Straße zu gehen, und einem Juden zu begegnen … Das war das Gefühl, dass diesem Kind vermittelt wurde, und das wollten wir optisch auch umsetzen, die Ratte …

MM: Die dann noch ausgerechnet im Feuer sterben muss.

Geiger: Klar, weil Elsa sie besiegt hat.

Farokhmanesh: Wir wollen damit auch die Aggression und den Hass zeigen, den die Rechten haben, und woher der kommt, nämlich aus der Angst, die in der Kindheit geschürt wird. Diese Angst nehmen sie auch ins Erwachsenenleben mit, deshalb sind sie immer so angespannt und abwehrend. Diese Kinder werden in ständiger Angst vor Katastrophen und Krieg gehalten – ohne Grund, denn es geht uns in Deutschland doch gut.

Geiger: Sie werden in Unsicherheit gehalten, das ist ein wichtiges Erziehungsprinzip: Du musst auf alles vorbereitet sein, jederzeit kann uns der Feind überrennen, also züchten wir dich als Soldat für dieses Vaterland heran. Du musst gewappnet sein, wie jeder Soldat im Schützengraben gewappnet sein muss. Angriff! Und du musst aufstehen und mit uns kämpfen! Deshalb treten die Rechten auch immer als Gruppe, nie als Individuum auf, ein gutes Beispiel ist da Herr Sellner, den ich mehrmals gefragt habe, auf welche Leistung in seinem Leben er stolz ist. Aber darauf redete er immer nur von Mozart, das Abwehren der Türkenbelagerung, seine Vorfahren, das Vaterland, als hätte er das Gefühl, nichts selber geleistet zu haben, doch das ist eine anerzogene subjektive Wahrnehmung.

MM: Was mich an Ihrem Film wirklich ärgert, wenn Sie gestatten, sind diese gecasteten blonden und blauäugigen Kinder, die glückselig über Blumenwiesen tanzen. Warum waren die notwendig?

Geiger: Wir haben zwar Kinder von Kubitschek und seiner Frau Ellen Kositza kennengelernt, auch von der Ex-NPD-Politikerin Sigrid Schüßler, aber die durften wir natürlich nicht interviewen. Doch da wir einen Kinofilm gemacht haben und keine TV-Reportage wollten wir auch Kinder zeigen – und haben gecastet. Die Eltern wussten, wofür wir die Kinder abfilmen und die haben alle zugestimmt. Diese Aufnahmen sollen den Film auch in die Gegenwart holen.

MM: Aber bedienen Sie mit diesen Bildern nicht die rechte Legende vom ländlichen Idyll, wo man sich als Biobauer verdingt und der Nachwuchs lernt, wie’s geht mit Kuh und Stier? Auch Elsa samt späterem Ehemann zieht ja aufs Dorf und macht dort einen Hofladen auf.

Geiger: Das ist Realität, das ist ein Image, das sie prägen. Die Rechten ballen sich in ländlichen Gebieten zusammen, ziehen sich zurück, vor allem im Osten Deutschlands, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, weil sie dort billig Grund aufkaufen können, wo die ehemaligen Bewohner ganze Dörfer verlassen haben. Das ist ja auch ihre Vorstellung vom idealen Leben: sich selbst versorgen, nicht vom Ausland abhängig zu sein, eigenen Boden zu haben, möglichst viele Kinder zu haben, die dem rassischen Ideal entsprechen. Das ist der Weg der völkischen Siedler, es gibt tatsächlich schon Gemeinden, für die man eine Reisewarnung ausgeben müsste. Aber, um auf die gecasteten Kinder zurückzukommen: Wir haben aber auch echte rechte Kinder, Aufnahmen von deren Ausbildungslagern …

Elsa und ihr Großvater sitzen auf einer Bank in den Bergen und beobachten die untergehende Sonne. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Aufgenommen aus weiter Ferne und unscharf, und außerdem nicht von Ihnen, sondern aus dem Archiv einer Kollegin, die seit Jahren diese Lager aufs Korn nimmt.

Geiger: Ja, sie spürt sie auf und filmt sie. In Österreich und Deutschland sind sie ja mittlerweile verboten, aber in Skandinavien, neuerdings auch in Ungarn, finden sie statt. Wenn man sich diese Kinder anschaut, sind sie genau so, wie „unsere“. Ich habe den Film in Dresden gezeigt, und die Zuschauer haben mir gesagt: Leute, was zeigt ihr uns da? Was erzählst du uns? Wir haben mit diesem Thema tagtäglich zu tun, wenn wir nach Ostsachsen fahren, wir kennen diese Familien, wir haben täglich mit ihnen zu tun, die kommen und wollen unser Lokal für ein Fest mieten, denn das Kulturangebot kommt nur von den Rechten, von AfD und NDP … Also, dieses Publikum reagiert nochmal ganz anders auf „Kleine Germanen“. In Österreich ist das ja anders, ihr habt die Burschenschaften …

MM: Eine rechte Parallelwelt mit Schmiss.

Geiger: Der erste Österreicher, den wir übrigens sprechen wollten, war Johann Gudenus. Und seine Brüder. Aber die wollten nicht, die haben uns mit der sozialpolitischen Sprecherin aus dem Wiener Landtag abgefrühstückt, die mit einem Wachhund daherkam. Das war völlig unergiebig für den Film. Dabei wäre das eine interessante Familiengeschichte gewesen, die wir da rausarbeiten wollten, bis hin zum verstorbenen Vater John Gudenus. Bei denen geht das rechte Denken ja auch schon seit Generationen.

MM: Aber von Ihnen ist das Ibiza-Video nicht?

Geiger und Farokhmanesh lachen: Jetzt ist es raus. Warten Sie nur ab.

MM: Ich weiß nicht, ob Sie wissen, was in Österreich bedeutet, einen Saumagen zu haben, nämlich viel schlucken, viel verdauen, im Sinne von: viel negatives aushalten zu können. Nun bejammert die NPD-Politikerin Ricarda Riefling im Film das Verschwinden des Saumagens, weil die pfälzische Spezialität von muslimischen Schweinefleischverweigerern bedroht werde. Frage: Braucht man für solche Aussagen einen Saumagen?

Geiger: Ja, einen Saumagen muss man haben. Den Spruch kannte ich nicht, den muss ich mir merken.

www.littledream-entertainment.com/filme/kleinegermanen           app.gruvi.tv/movies/8830?ref=

30. 5. 2019

Wiener Festwochen: نت أنتظر ُ ينما ك / Während ich wartete

Mai 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Albtraum ein Leben

Ein poetischer Seifenblasenversuch, Salma zu trösten: Reham Al Kassar räumt die Wohnung von Taym. Bild: Didier Nadeau

Entlang einer Familiengeschichte erzählen sie vom Schicksal eines ganzen Volkes, schildern sie den Zerfall des Staates Syrien. Berichten davon, wie sich eine Zivilgesellschaft selberermächtigte, und sich gegen Diktator Baschar Al-Assad erhob. Beschreiben sie, wie die Geheimdienstgewalt gegen die Demonstranten zu einem erbittert geführten Krieg wurde, und bald auch zu einem Stellvertreterkrieg auf internationaler Politebene. Von allen Seiten zurrt und zerrt es an Syrien, diesem Schreckensszenario aus Folter, Vertreibung und Tod, in dem die Menschen zwischen Assads Militärfaschismus, dem Staatsterror, und dem religiösen Faschismus der IS und ähnlicher Terrorgruppen hin und her geworfen werden …

Seit der Uraufführung von „Während ich wartete“ im vergangenen Jahr beim Kunstenfestival in Brüssel war viel über Stück und Inszenierung von Dramatiker Mohammad Al Attar und Regisseur Omar Abusaada zu lesen. Nicht aber, dass es sich dabei um eine mitreißende, hinreißende Tragikomödie handelt. Ja, es darf gelacht werden, offensichtlich, das begreift man sogar mittels der übersetzenden Übertitel.

Und in Beobachtung des zahlreich im MQ erschienenen arabisch sprechenden Publikums, das an der einen und anderen Dialogstelle vor „politisch unkorrektem“, ergo versucht leise zu haltendem Kichern fast birst. Der syrische Witz, sein Sarkasmus und seine Hinterfotzigkeit, „Galgenhumor“ ist an dieser Stelle ein zu realistisches Wort, möge er nicht im europäischen Bierernst (denn die Produktion tourt und tourt und tourt) untergehen.

Im Mittelpunkt der Handlung steht ein Komapatient. Taym. Er wurde mit schwersten Kopfwunden in seinem Wagen gefunden, die Geheimpolizei sagen die Mutigen, ein missglückter Drogendeal sagen die Mutlosen, und nun versammelt man sich um sein Intensivstationsbett, all seine Lieben und weniger Lieben, aber man weiß ja, was sich gehört. Klar, dass in so einer Situation die Emotionen hochgehen, die Mutter ist die typische Glucke, die Schwester sah sich veranlasst aus dem sicheren Beiruter Exil, in das sie schon emigrieren konnte, zurückzukehren, Tayms Freundin wird sowieso, weil familienfremd, angefeindet.

Bei all dem ist Taym live dabei, mittendrin, ein Geist, sein Geist, der sich zwischen den Familienmitgliedern bewegt, sie berührt, sie spüren das und streifen ihn weg wie eine lästige Fliege, während Taym sich durch Handzeichen bemerkbar zu machen sucht. Während der zwischen Leben und Tod Schwebende derart bemüht ist „die Ärztin mit den feuchten Lippen“ anzubaggern, werden in seinem Krankenzimmer Konflikte ausgetragen. Während er sich fragt, warum er plötzlich spricht/denkt wie seine Englischkurs-CD stellt sich heraus: Jeder hatte ein Geheimnis mit Taym. Und er selbst das größte – einen Dokumentarfilm, der, wie das Stück, die Keimzelle Familie mit der Missgeburt Syrien verbinden sollte.

All das ereignet sich auf zwei Ebenen: Auf der Spielfläche die reale Familienfabel, oben auf einer Art Freiluftkinogerüst führt Taym, wenn er nicht gerade unten unter den Seinen weilt, die Schnipsel seiner Handyfilme vor, und ein DJ erzählt von der Suche nach immer neuen Fronten. In immer neue Charaktere schlüpft er, der erschreckendste Charakter von allen, ein „echter“ Kämpfer, ein Überlebender der Folter-Gefängnisse des Regimes, der in den Bürgerkrieg zurückkehrt und sich nacheinander der Freien Syrischen Armee, der Al-Nusra-Front und dem IS anschließt. Dann die Nervenkrise: Der IS massakriert mit denselben Mitteln wie Al-Assads Schergen. Nun wird er DJ, ein Sound-Sammler, der den Klang des Krieges dokumentiert. Auf Folter- folgen Popsessions kaum auszuhalten ist das. Mohamad Al Refai und Mustafa Kur sind die grandiosen Darsteller und Live-Musiker im „ersten Stock“.

Komapatient Taym arbeitet an seiner Filmdoku über den Krieg … Bild: Didier Nadeau

… und der DJ über den Dächern von Damaskus begleitet ihn. Bild: Didier Nadeau

Alle Darsteller sind mit Verve bei der Sache. Nanda Mohammad ist als Schwester Nada eine mittelschwere Business-Tussi. Erst im Film auch über sie erklärt sich, wie sie von der Sprachlosigkeit ihrer Familie (Mädchen sind ängstlich irritiert, wenn ihr Körper mit der Pubertät interagiert und suchen Antworten auf ihre Fragen) zur Sicherheit des Hidschāb-Tragens kam, und dann wieder weg davon – in die Wahlmöglichkeit des Libanon. Reham Al Kassar ist als Tayms Freundin Salma eine an einen halben Leichnam gefesselte junge Frau; poetisch eingehüllt in ein Seifenblasenmeer versucht er sie zu trösten. Die große Hanan Chkir macht die Mutter. Ihre endlose Seelenqual: Der mittlerweile verstorbene Familienvater hatte sich ohne ihr Wissen ein zweites Mal verheiratet – welch eine Schmach, die Kairoer Schlampe. Wie sie in Mitbringerschaft eines Topfes gefüllter Weinblätter so vehement an die Tür bumpert, dass alle überzeugt sind, die Razzia steht draußen, das ist die wohl meist belachte und applaudierte Szene des Abends.

Der nächste nämlich wird schon gesucht, Osama, Tayms Freund und hauptberuflicher Nihilist, dem man wohl irgendwann etwas wie Talent bescheinigt hat, und der nun im Spital verstohlen und schlecht Gitarre spielt. Mohammad Al Rashi ist fabelhaft in dieser Rolle, und in einer Fast-Sex-Szene mit Nada. Und während sich Nada tief und tiefer in die Abgründe der Famile abseilt (war der Vater verstrickt in Geschäfte mit den autoritär regierenden Assads?), ist für ihn die größte Freiheit, sein persönliches Menschenrecht – ein frischgedrehter Joint. Hasch Hasch Eye To Eye. Als der Schauspieler Al Rashi sinngemäß sagt: Wohin soll ich flüchten? Ich flüchte lieber in meinen Traum, statt in die Ungewissheit jenseits der Grenze!, murmelt die Sitznachbarin:ولذلك فمن. So ist es. Überhaupt kommen seine abgeklärten Bonmots im Saal bestens an.

Die Familie sieht erstmals Tayms Film: Mohammad Al Rashi, Hanan Chkir, Nanda Mohammad und Reham Al Kassar. Bild: Didier Nadeau

Es träumt auch Komapatient Taym. Von einer zerschundenen Stadt, Damakus – der Albtraum ein Leben. Er schaut auf seine Welt herab, und weiß, dass er sie nie verlassen wird können. Tot oder halbtot oder lebendig. Jean Ziegler sagt, jeder muss an der Stelle kämpfen, wo die Geburt ihn hingewürfelt hat. Al Attar und Abusaada, beide ehedem künstlerisch beheimatet am universitären Theaterinstitut in Damaskus, machen sich mit dieser Produktion weltweit zu Botschaftern ihres Landes, das nur noch schemenhaft existiert.

Das sozusagen im Koma liegt wie Taym. Beinah die Hälfte aller Syrer sind auf der Flucht. Allen Kurz-Sichtigen sei in den goldenen Löffel graviert, dass die große Mehrzahl von ihnen der Libanon aufnimmt. Als Einführung zum Abend gab es im Foyer eine Stückerläuterung von Kurator Johannes Maile. Er erzählte unter anderem, dass zwei Schauspieler, sie alle Migranten in diversen europäischen Ländern, ausgewechselt werden mussten, weil sie in Frankreich auf ihr Asylverfahren warten und daher nicht ausreisen konnten. Demnächst sollte „Während ich wartete“ in New York gezeigt werden, doch ist noch völlig unklar, ob die Trump-USA ihnen als Muslime eine Einreisegenehmigung erteilen werden. Der Zeit ihre Kunst, den Menschen ihre Freiheit.

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Wien, 25. 5. 2017