Volksoper: Sweet Charity

September 17, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Fellini meets Horváth in diesem Musical

Lisa Habermann als Charity Hope Valentine. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Es wäre höflich gewesen, Robert Meyer noch ein paar Jahre als Volksopernchef zu gönnen. Angesichts der speziellen #Corona-Bedingungen, von denen niemand weiß, wie lange sie das Kulturleben strukturell und finanziell belasten werden, hätte mit dem Bedarf an Stabilität argumentiert werden können. Nach dem Motto ,Mitten im Fluss wechselt man die Pferde nicht‘ würde Meyer das Volksopernschiff weiter durch unsichere Zeit führen …“, schreibt der Standard völlig richtig.

Nun, zwei Spielzeiten lang ist Robert Meyer zum Glück noch Kapitän auf der Brücke, und mit „Sweet Charity“ steuert er mutmaßlich den nächsten Publikumserfolg an. Um die Spannung kurz zu halten: Das von weiland Bob Fosse konzipierte, inszenierte, choreografierte, von Cy Coleman nach Neil Simons Libretto nach Federico Fellinis Film „Die Nächte der Cabiria“ komponierte Musical ist:

Bei überschaubarer Handlung musikalisch herausragend. Und nun von der Crew um Regisseur Johannes von Matuschka mit einem Pep auf die Bühne gebracht, dass dem „Big Spender“ die Augen übergehen. Die Ohren übrigens auch, aber die Redensart gibt es nicht.

Charity Hope Valentine also ist, heut‘ würd‘ man sagen, Pole-Tänzerin im Animierclub Fandango Ball House, und verstrickt sich in immer neue „problematische Episoden mit Männern“. In diesen läuft auch das Geschehen ab, erst der Ganove Charlie, der sie ihrer Barschaft geraubt, dann der Cinecittà-Star Vittorio Vidal, mit dem sie nur die Nacht verbringt, um ihn wieder mit seiner furiosen Verlobten Ursula zu versöhnen, schließlich der Stadtneurotiker Oscar Lindquist, der sie vorm Altar stehen lässt, weil dem Mann fürs Leben der Job für gewisse Stunden denn doch zu sehr aufs Gemüt schlägt …

In dem von Momme Hinrichs und Torge Møller aka fettFilm gestalteten Setting machen riesige Charity-Leuchtlettern die Runde, die Lichter der Großstadt dienen auch als Vittorios Möbelage oder Künstlerinnengarderobe im Fandango, und einmal formen sie sich zu den Worten „Love“ und „Hope“ – Matuschkas Reverenz an Ödön von Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“, ersterer der unerschütterliche von Charity, dass alles sich zum Besseren wenden wird – Zitat: „Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“ © Oscar Wilde. Doch Matuschka lässt Charity, nachdem Charlie sie zu Beginn beim Handtaschenraub ins Wasser gestoßen hat, aus diesem nicht mehr auftauchen; am Ende auf der Vidiwall wieder die Ertrinkende, der letzte Luftbläschen aus dem Mund quellen.

Julia Koci als Nickie und Caroline Frank als Helene. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Caroline Frank, Julia Koci und Lisa Habermann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Drew Sarich als Daddy Brubeck. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Julia Koci, Christian Graf als Herman und Lisa Habermann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mit derlei Tiefgang will Matuschka durch die Untiefen tauchen, und man muss ihm zugutehalten, dass er ein Feuerwerk an inszenatorischen Ideen abfackelt. Aber, und wie schön ist das, Herzstück des Abends sind die Akteure, allen voran Lisa Habermann als Charity, der man den naiv-natürlichen Rotschopf, den tollpatschig-temperamentvollen Wildfang in jeder Sekunde abnimmt. Schauspielerisch, gesanglich, tänzerisch ist Habermann top, sie swingt sich durch Cy Colemans mit Jazzklängen und Latinorhythmen gespickten Songs, dass es eine Freude ist. Lorenz C. Aichner am Pult tut mit dem im Broadwaysound routinierten Volksopernorchester das Seine dazu. Große Klasse an der schlaksigen Habermanns Seite ist Peter Lesiak als Oscar, der sich vom Hyperventilierer im kaputten Aufzug zum innig Liebenden zum bigotten Trauringverweigerer steigert.

Rührend die Szene mit Axel Herrigs Vittorio, und das Highlight der Auftritt von Drew Sarich als teuflisch skurriler Sektenverführer Daddy Brubeck dessen pseudoreligiöse Heilsbringung er mit Rockröhre schmettert, und apropos: Kaum jemand hätte vermutet, dass derlei auch in Julia Koci steckt, die ihre Rolle als Charitys Arbeitskollegin Nickie aber sowas von rockt. In einem Haus, dass selbst die sogenannten supporting roles mit Publikumslieblingen wie Christian Graf als gestrenger Etablissement-Chef Herman, Caroline Frank als laszive Escortlady Helene, Jakob Semotan und Oliver Liebl als Daddys durchschlagskräftige Bodyguards besetzen kann, bleiben keine Wünsche offen.

Die Neuübersetzung von Alexander Kuchinka, der aus dem “Fickle Finger of Fate“ eine „schnöde Schrulle des Schicksals“ macht, die Choreografien von Damian Czarnecki, der Chor unter der Leitung von Holger Kristen – alles passt, und die eine oder andere Länge wird sich im Laufe der Spielzeit noch einschleifen.

Lisa Habermann und Axel Herrig als Vittorio Vidal. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Drew Sarich als Daddy Brubeck. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Lisa Habermann und Peter Lesiak als Oscar Lindquist. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In seinem Spiel von „real“ und „surreal“ setzt Matuschka auch auf die Multiplikation von Figuren, und das durchaus mit gesellschaftskritischem Witz, etwa wenn er die Gaffer am Seeufer zu Knallchargen in knallbunten Regenpelerinen macht. Dann wieder atmen die mit viel Szenenapplaus bedankten Tanzsequenzen Sixties-Flair, bei der hinreißenden Discokugelnummer „The Rich Man’s Frug“ und in Daddy Brubecks „Puls des Lebens“-Kirche, in der der bewusstseinserweiternde Guru seine Schäfchen per „Big Brother“-Auge überwacht, glaubt man sich tatsächlich mitten im New Yorker Bohu.

Fazit: „Sweet Charity“ an der Volksoper ist eine opulente Show mit schwungvollen Revuenummern, und lässt dennoch die Tristesse eines Lebens als „Private Dancer“ spüren. Lisa Habermann agiert mit jener Überdosis Temperament, mit der von Depressionen und Traurigkeit Gebeutelte ihre Tragik zu übertünchen suchen. Der Moment ist es, an dem Christian Grafs Herman und dessen Damen vom Gewerbe sich schon in Hochzeitslaune singen, aber ach …

Trailer und Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=Kra5SNswaNE           www.youtube.com/watch?v=qh_RnkfchCI           Interview mit Lisa Habermann und Johannes von Matuschka: www.youtube.com/watch?v=1Hg8KwfXnM0        Open-Air-#Corona-Proben: www.youtube.com/watch?v=Uwki79ezG0w

www.volksoper.at

  1. 9. 2020

Landestheater Niederösterreich: Lampedusa

Dezember 12, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Gastspiel von Bernd Liepold-Mosser

2495544784_f963ec1167Es hat neben und hinter einem und bei sich selbst mindestens ein Taschentuch verbraucht, das Gastspiel „Lampedusa“ von Bernd Liepold-Mosser, das am Donnerstag am Landestheater Niederösterreich zu sehen war. Weniger wegen des Live-Bühnengeschehens, dazu später, sondern wegen der Original-Filmaufnahmen (Video: Philip Kandler), die auf der Hintergrund-Leinwand liefen. Verzweifelte Menschen, die versuchen, den Strand zu erreichen, und von den Carabinieri aufgehalten werden sollen. Verzweifelte Menschen, die es geschafft haben, und nun versuchen aus den beiden Flüchtlingslagern der Insel, die für sie wie die Gefängnisse ihrer Herkunftsländer sind, „auszubrechen“, über den Zaun zu klettern, und von den Carabinieri aufgehalten werden sollen. Prügel. Die Küstenwache, die Boote aufbringt, um sie zurückzuschicken zu Folter und Todesurteil. Oder die nur noch Tote findet. Oder Kleider. Und nackte Tote, die im Meer treiben, weil sie dachten ohne etwas an, könnten sie leichter schwimmen. Kindersärge.

Lampedusa. Davon hat man schon genug. Jeden Tag Meldungen über x Ertrunkene, x Illegale. Liepold-Mosser hat nun Texte gesampelt, die europäische Sichtweisen über das Thema reflektieren, von der touristischen Bewerbung bis zu Frontex-Strategien, von hässlichen Postings aus Internet-Foren bis zu erschütternden Kommentaren der Lampedusani, der allein gelassenen und überforderten Inselbevölkerung. Dazu lässt die Wiener Singakademie unter der Leitung von Heinz Ferlesch klassische Chöre erklingen, die von Erniedrigung, Vertreibung und Flucht erzählen. Magdalena Kropiunig, Nina Horvath, Maximilian Laprell, Alexander Meile und Kai Möller schlüpfen in unzählige Rollen. Herwig Zamernik, Frontmann der Kultband „Naked Lunch“, singt zwischendurch melancholisch Lieder wie „Seemann, lass‘ das Träumen …“

Der ganze Abend ist eindringlich schmerzhaft, sarkastisch bis es weh tut, so ernst, dass Platz fürs Lachen bleibt. Sofern man über die Blödheit der Bürokratie lachen kann. In Lampedusa hat Europa die Humanität zum Teufel geschickt. So beginnt denn auch die resolute Bürgermeisterin: „Wie groß muss der Friedhof auf meiner Insel noch werden.“ Leichen, das ist kein Scherz, werden bereits nach Sizilien ausgelagert. Gräber ohne Namen, schnell, schnell, was unter der Erde ist, ist weg von der Bildfläche. Eine Schande für den Friedensnobelpreisträger Europa. Oder soll das vielfache Sterben eine Abschreckung für die Nachkommenden sein? Die Flüchtlinge verflüchtigen sich von selbst. Doch Millionen warten noch darauf, den Massakern in ihren Ländern zu entkommen. Allein aus Afrika wollen 160 Millionen Menschen nach Europa.

Weg mit der Bürgermeisterin. Nun wird der Urlaubsort Lampedusa beworben. Antike Stätten, Sonne, Strand und azurblaues Meer. Während im Hintergrund Boatpeople die Arme schwenkend um Hilfe flehen. Chor und ein Schlauchboot kommen auf die Bühne. „Patria oppressa“ aus Verdis „Macbeth“. Aber Spaß kann sein. Paragliding über dem Meer. Tolle Restaurants. Kinderprogramm. Infos über die Buslinie und die Fähre … und darüber, dass es auf Lampedusa keine Trinkwasserquelle gibt. Regenwasser wird gesammelt. Und der Chor singt „O welche Lust“, Beethoven: „Fidelio“. Die Darsteller basteln dazu Papierschifferl. Und die alten Diskussionen gehen los: Kostenexplosion wegen der zusätzlichen Sicherheitskräfte; „unsere“ Werte und Traditionen vs deren Bildungsmanko und Beschneidungsrituale. Eine Fremde-Kultur-Invasion! Die sollen lieber ihre Länder auf Vordermann bringen! Wir haben zu wenig Kinder, aber die aus Afrika wollen wir nicht. Frontex, die Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union, wurde zurückgepfiffen.Flüchtlinge aus dem Senegal beschrieben am 5. Oktober 2009 wie ihr Boot auf See aufgebracht wurde: „Wir hatten nur noch drei Tage zu fahren, da hat uns ein Polizeischiff aufgehalten. Sie wollten uns kein Wasser geben. Sie haben gedroht, unser Boot zu zerstören, wenn wir nicht sofort umkehren. Wir waren fast verdurstet und hatten auch Leichen an Bord. Trotzdem mussten wir zurück nach Senegal.“ Amnesty International, Pro Asyl und der Evangelische Entwicklungsdienst bestätigen übereinstimmend solche Berichte. Frontex-Direktor  Ilkka Laitinen gab zu, dass Frontex jährlich mehrmals Flüchtlingsboote im Mittelmeer abgedrängt und Flüchtlinge auch unter Androhung von Gewalt ohne Asylprüfungsverfahren abgeschoben hatte. Nun werden Roboter, Drohnen, entwickelt, die selbsttätig „Illegale“ aufspüren sollen. Und der Chor trägt Brahms „Selig sind, die da Leid tragen“ vor.

Liepold-Mosser haut einem die Gegensätze nur so um die Ohren. Aus dem beliebten Trainingslager der besten italienischen Fussballmannschaften wurde ein einziges großes Flüchtlingslager. Erschütternd auch die O-Töne einiger Lampedusiani. Ein Fischer, dessen Broterwerb dahin ist. Ein Souvenirverkäufer, der einpacken kann. Eine Menschenrechtsaktivistin, die sagt: „In mein Büro kommen Touristen, die fragen, wo man die Flüchtlinge am besten fotografieren kann. „Va Pensiero“ (Verdi: „Nabucco“) und Beethovens „Ode an die Freude“, immer freudloser, immer konfuser, obwohl sich im Publikum viele bemühen, die Stimme zu halten. Mit lautem Knall fliegt ein Schlauchboot vom Himmel. Erschrecken, aufschrecken allerorts.

Bernd Liepold-Mosser hat ein Projekt geschaffen, dem man den Weg durch Europa wünscht. Von Skandinavien bis zu den Mittelmeerländern. Was wiegt der Mensch? Glaubt einer wirklich, dass einer (mit Frau und Kind)  einfach drauflos die Heimat verlässt, weil’s in Europa so lustig zugehen soll? Es ist noch nicht  lange her, dass Europa Flüchtlinge, Vertriebene, vom Tod Bedrohte hatte, die um Aufnahme in ein freundliches Land bettelten. Vergessen? Niemals vergessen. Also: Brüssel: Bitte, melden!

www.landestheater.net

www.mottingers-meinung.at/bernd-liepold-mosser-im-gespraech/

Wien, 12. 12. 2014