Museum der Moderne Salzburg: Physiognomie der Macht. Harun Farocki & Florentina Pakosta

Dezember 11, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Kriege, Revolutionen und mächtige Männer

Harun Farocki: Ich glaubte Gefangene zu sehen, 2000. © Sammlung Generali Foundation – Dauerleihgabe am Museum der Moderne Salzburg. Bild: Harun Farocki

Ab 8. Dezember widmet sich die Doppel- ausstellung „Physiognomie der Macht“ im Museum der Moderne Salzburg in einer umfassenden Gegenüberstellung dem Werk des deutschen Filmemachers Harun Farocki und der österreichischen Grafikerin und Malerin Florentina Pakosta. Während Farocki zu den wichtigsten Dokumentarfilmern und

Medienkünstlern Deutschlands ab den 1970er-Jahren zählt, ist Pakosta eine der zentralen Figuren der feministischen Avantgarde in Österreich. Die beiden stehen in ihren Arbeiten für einen Realismus, der sich aus Themen und Anliegen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt hat. So unterschiedlich ihre Medien auch sind, so sprechen ihre Arbeiten durch die zutiefst politische Dimension doch vergleichbare Sprachen. Im Mittelpunkt stehen dabei oftmals Formen von Machtausübung und Machterfahrung.

Die Ausstellung präsentiert sechs zentrale Videoinstallationen, Essay- und Dokumentarfilme von Harun Farocki aus der Sammlung Generali Foundation, darunter die Videoinstallation „Ich glaubte Gefangene zu sehen“ aus dem Jahr 2000 und die Trilogie „Auge/Maschine I–III“, entstanden von 2001 bis 2003. Diese beiden Arbeiten beschäftigen sich mit der Zurichtung des Menschen durch technologische Überwachungs- und Kontrollsysteme und der Legitimierung von Krieg mit dem Argument einer vermeintlich „humanen“ Kriegsführung mithilfe elektronischer Hightech-Systeme.

Dem steht der Stummfilm „Aufschub“ von 2007 gegenüber, für den Farocki Filmaufnahmen aus dem Jahr 1944 über den Lebensalltag jüdischer Gefangener im „Durchgangslager“ Westerbork in den Niederlanden behutsam zusammengefügt und mit Zwischentiteln ergänzt hat. Die Filme „Ein Tag im Leben der Endverbraucher“ von 1993 und „Die Bewerbung“ von 1997 thematisieren die Rollen des Menschen als Konsument und als Arbeitssuchender in einer von kapitalistischen Prinzipien bestimmten Lebenswelt. Im Zentrum des preisgekrönten Films „Videogramme einer Revolution“ – mit Andrei Ujica, 1992 – steht die Dynamik politischer und sozialer Machtverhältnisse und die damit verbundene Rolle medialer Inszenierung. Er schildert anhand von Film- und TV-Aufnahmen die Rumänische Revolution im Jahr 1989.

Florentina Pakosta: Selbstbildnis mit Zaun, 1976. MdM Salzburg. Bild: Rainer Iglar / Bildrecht, Wien 2020

Harun Farocki: Aufschub, 2007. Nederlands Inst. voor Oorlogs-documentatie, Amsterdam. Bild: Farocki

Florentina Pakosta: Fleischwolfmund, 1979. Museum der Moderne Salzburg. Bild: Hubert Auer, Bildrecht, Wien 2020

Die Präsentation von Florentina Pakosta gibt einen 50 Jahre überspannenden Einblick in ihr Werk. Sie reicht von frühen Zeichnungen zu Krieg, Gewalt und feministischen Themen über ihre Physiognomie-Studien, in denen sie sich auf differenzierte Weise auch mit den Charakterköpfen des Bildhauers Franz Xaver Messerschmidt beschäftigt, die monumentalen und zugleich subversiven Porträts ihrer mächtigen männlichen Zeitgenossen aus Kunst, Politik und Wirtschaft und die satirisch-surrealistischen Montageköpfe bis hin zu den Warenlandschaften und den abstrakten Trikolore-Bildern der 1990er- und 2000er-Jahre. Erstmalig werden in größerem Umfang Werke von Pakosta gezeigt, die sich in der Sammlung des Museum der Moderne Salzburg befinden, komplettiert durch wichtige Leihgaben der Künstlerin sowie weiterer Sammlungen.

Der 2014 verstorbene Filmemacher Harun Farocki war ein akribischer Beobachter und Analytiker der gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit. In den Studierendenprotesten der späten 1960er-Jahre politisiert, entwickelte er einen dokumentarischen und essayistischen Stil, in dem er eigene Filmaufnahmen mit Bildern aus anderen Quellen wie Massenmedien und Überwachungssystemen verknüpfte. Er war insbesondere an jenen Strukturen interessiert, durch die sich die Gesellschaft selbst zurichtet.

So fragen seine Arbeiten nach den Auswirkungen totalitärer Überwachungs- und Kontrollsysteme, nach dem Alltag in einer von der kapitalistischen Logik durchdrungenen Lebens- und Arbeitswelt und nach der zunehmend komplexen Beziehung von Mensch und Maschine. Sie forschen stets nach der Rolle des Bildes in Herrschaftsverhältnissen. Sie machen sichtbar, wie Bilder in Dienst genommen werden, sei es durch Überwachung, technisch-militärische und zivile Bildanalysen oder Fernsehen und Werbung. Zugleich legt Farocki die dem Film eigenen Konstruktionsprinzipien offen. Er ist in seinen Filmen und Videoarbeiten stets als Autor präsent, als Beobachter und Gestalter, der mit den Mitteln der Montage und des Kommentars unsere Wahrnehmung lenkt und eine aktive Rezeption fordert.

Rumänische Revolution im Jahr 1989 – Harun Farocki: Videogramme einer Revolution, 1992. Bild: Harun Farocki

F. Pakosta,: Wenn Männer ihre Ehefrauen töten III, 1968. Besitz der Künstlerin. Bild: Rainer Iglar / Bildrecht, Wien 2020

Florentina Pakosta: Die weiße Weste, 1972. Besitz der Künstlerin. Bild: Rainer Iglar / Bildrecht, Wien 2020

Harun Farocki: Ein Tag im Leben der Endverbraucher, 1993. Sammlung Generali Foundation – Dauerleihgabe am Museum der Moderne Salzburg. Bild: Harun Farocki

Florentina Pakosta war in jungen Jahren damit konfrontiert, dass Frauen in Kunstwelt, Wirtschaft und Politik nur Nebenrollen spielten. Ihr frühes Interesse an sozialen Verhältnissen, an Randgruppen und Außenseitern verlagerte sich in den 1970er-Jahren hin zur Auseinandersetzung mit der eigenen Erfahrung der Marginalisierung als Künstlerin. Sie betrieb intensive zeichnerische Porträtstudien, in denen sie nicht nur ihre eigene Existenz, sondern auch das männliche Antlitz der Macht analysierte, das sich ihr entgegenstellte.

Die Physiognomie des Gesichts wurde zu einem zentralen Motiv ihrer Arbeiten. Pakosta nahm am Gesichtsausdruck nicht nur die psychische Verfassung, sondern auch einstudierte, verinnerlichte soziale Masken und Rollen wahr. In präzise aufgebauten, teils hyperrealistisch wirkenden Zeichnungen, gänzlich reduziert auf Schwarz und Weiß, porträtiert und karikiert sie den zur Maske geronnenen Gesichtsausdruck mächtiger Männer.

In feministischen und satirisch-surrealistischen Zeichnungen thematisiert sie darüber hinaus das Herrschaftsverhältnis zwischen den Geschlechtern. Pakosta erweist sich in ihrem von ihr so genannten Erstwerk, das von einem figurativen Realismus geprägt ist, als Meisterin der Zeichnung und anderer grafischer Techniken. Was ihre Zeichnungen auf direkte Weise ansprechen, assoziieren ihre späteren Malereien in der Bildsprache der Abstraktion: das Gewaltsame und Zerbrechliche, aber auch Dynamische und Veränderliche.

 www.museumdermoderne.at

 8. 12. 2020

Wien Museum und Wienbibliothek: Im Schatten von Bambi. Felix Salten entdeckt die Wiener Moderne

Oktober 11, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Fanfotos mit Marlene Dietrich und Buster Keaton

Werbeplakat für den Film Bambi, 1951. © Wienbibliothek im Rathaus

Anlässlich seines 75. Todestages erhellt ab 15. Oktober die Ausstellung „Im Schatten von Bambi. Felix Salten entdeckt die Wiener Moderne“ in der Wienbibliothek im Rathaus und im Wien Museum die vielen Facetten Felix Saltens. Sie präsentiert ihn als einflussreichen Journalisten, mächtigen Kulturkritiker, experimentierfreudigen Theatergründer und bedeutenden Protagonisten des kulturellen Lebens der Wiener Moderne.

Korrespondenzen mit Zeitgenossen zeigen ihn als Mitstreiter des literarischen Netzwerks „Jung Wien“ um Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler. Mit Tierbüchern wie „Bambi“ feierte er internationale Erfolge als Bestsellerautor. Als Chronist seiner Zeit dokumentierte Salten das tägliche Geschehen in Taschenkalendern. So sind die Einträge vor seiner Flucht in die Schweiz 1938/39 ein maßgeblicher Beitrag für die Kulturgeschichte der Stadt.

Zentrale Grundlage der Ausstellung ist Felix Saltens Nachlass, der 2015 und 2018 von der Wienbibliothek im Rathaus erworben wurde.

Dieser eröffnet mit zahlreichen Fotos, Lebensdokumenten, dem Manuskriptarchiv und besonders der Briefsammlung mit etwa 700 Korrespondenzpartnern, unter ihnen Karl Kraus, Heinrich und Thomas Mann, Berta Zuckerkandl und Stefan Zweig, einen Blick auf Leben und Wirken des Tausendsassas. Hinzu kommt die Nachlassbibliothek mit mehr als 2.300 Büchern, die unikale Arbeits- und Handexemplare, zahlreiche Widmungen und eine Belegsammlung seiner Werke enthält.

Im deutschsprachigen Raum erlangte Felix Salten zuerst als Journalist bei der Wiener Allgemeinen Zeitung und der Wiener Tageszeitung Die Zeit eine große Leserschaft und schillernden Ruhm. Die Auflagenzahlen ebenso emporschnellen ließ auch seine Berichterstattung für die Berliner Morgenpost über das Erdbeben von San Francisco 1906 – ein frühes Dokument von Fake News, da Salten über das Ausmaß der Katastrophe nur mutmaßen konnte. Über den Journalisten Salten kursieren zahlreiche Klischees, vor allem eilt ihm der Ruf des Skandal- und Klatschreporters voraus, weil er auf der Suche nach einer guten Story in der Tat bereit war, auch den Boulevard zu bedienen, für eine Schlagzeile immer ans Limit zu gehen und bisweilen auch darüber hinaus.

Wie viele intellektuelle Zeitgenossen war Felix Salten anfangs ein Trommler für den Ersten Weltkrieg: „Es muss sein!“, rief er den Lesern der Neuen Freien Presse am 29. Juli 1914 zu. Saltens Essay war der einzige journalistische Beitrag, der dem kaiserlichen Kriegsmanifest „An meine Völker!“ beigestellt werden durfte, das auf allen Titelseiten der Hauptstadtblätter an diesem Tag veröffentlicht wurde. Die Eindrücke von Verletzten, Toten und des Leides der Zivilbevölkerung ließen Salten gegen Ende des Weltkrieges umdenken. Auch er fühlt sich ab 1917 der ideenpolitischen Wende verpflichtet und spricht vom „Verständigungsfrieden“, der einen Frieden mit Kompromissen möglich machen soll. Dies spiegeln auch Saltens zahlreiche pazifistische Zeitungsartikel wieder. Die Ausstellung illustriert dieses komplexe Thema etwa mit Saltens Feuilletons oder Veranstaltungsplakaten zugunsten der Kriegswohlfahrt.

Gruppenfoto mit Marlene Dietrich (mit Felix Salten, Mitte), USA, 1930. © Wienbibliothek im Rathaus

Gruppenfoto mit Buster Keaton (11.v.l.); Felix Salten (13.v.l.), USA, 1930. © Wienbibliothek im Rathaus

Felix Saltens Presseausweis für das Jahr 1933. © Wienbibliothek im Rathaus

Felix Salten mit Max Reinhardt bei den Proben zu „Faust“ bei den Salzburger Festspielen, 1933. © Wienbibliothek im Rathaus

Im Dezember 1922 erschien der Roman „Bambi“, mit dem Felix Salten seinen Ruhm als Meister der Tiererzählung begründete. Zuerst als unverkäuflicher Flop im Ullstein Verlag erschienen, wurde die Neuauflage im jungen Wiener Zsolnay Verlag 1926 zum Bestseller im deutschsprachigen Raum und Salten, der bis dahin sein Einkommen vornehmlich als Journalist erzielte, konnte von den literarischen Einnahmen leben. Dokumentiert ist dieser Erfolg auch in der Nachlassbibliothek, die an die 100 verschiedene Ausgaben und Übersetzungen von „Bambi“ enthält.

Vor allem die amerikanische Ausgabe von 1928 und eine US-Buchclub-Ausgabe im selben Jahr mit einer Startauflage von 50.000 Exemplaren machten Salten auch international zur Berühmtheit. Belegt ist dies mit einer Reihe von Fotos, die 1930 im Rahmen einer journalistischen Reise durch die USA entstanden: Prominente wie Buster Keaton, Marlene Dietrich oder Henry Ford wollten stets direkt neben dem Bestsellerautor von „Bambi“ stehen. 1942 schließlich kam Disneys „Bambi“ als dessen erster abendfüllender Trickfilm in die Kinos.

Abseits von „Bambi“ ist Felix Salten heute vor allem als vermeintlicher Autor des skandalträchtigen Romans „Josefine Mutzenbacher oder Die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt“  aus dem Jahr 1906 bekannt – auch wenn dieser sich nie zur Autorenschaft bekannte und im ganzen Nachlass kein Hinweis darauf zu finden ist. Ein Fund im Nachlass ist aber jedenfalls Felix Salten zuzuschreiben: In einem dicken Konvolut ungeordneter Manuskriptblätter und Fragmente befanden sich verstreut acht handschriftliche Seiten, die sich zu einer vollständigen, bisher unbekannten pornographischen Novelle zusammenfügen ließen. Darin erzählt eine junge Prostituierte namens Albertine von ihrer sexuellen Initiation und Befreiung, die sie letztlich ins Bordell führte. Schauplatz ist neben anderen deutschen Städten besonders das Berlin der Roaring Twenties.

Das für Saltens Arbeitsweise typische, schwierig zu entziffernde Bleistiftmanuskript dürfte um 1930 entstanden sein. Saltens „Albertine“ entpuppt sich darin als seltsam ambivalenter Text, der zwar die Selbstermächtigung einer jungen Frau schildert und trotzdem als männliche Wunschphantasie erkennbar ist, wie sie für das Bürgertum des 19. Jahrhunderts typisch ist. Felix Saltens vielfältige Interessen spiegeln sich in seinen Texten zu Theater, Kino und Literatur wider und machen ihn zum wichtigen Auskunftsgeber über das kulturelle Leben Wiens. Bereits früh begeisterte sich Salten für das Medium Film und veröffentliche in den 1920er Jahren regelmäßig Filmbesprechungen. Aus seinem Verständnis für das Kino und dessen kultureller Bedeutung in der Moderne sowie seiner grundlegenden Beschäftigung mit dem Medium Film und dessen dramaturgischem Potential entstanden seit 1913 außerdem Drehbücher.

Felix Salten auf Sommerfrische am Attersee, um 1930 © Wienbibliothek

Brief des 9-jährigen Paul Salten an seinen Vater, 1912. © Wienbibliothek

Felix Salten mit Arthur Schnitzler, um 1910. © Wienbibliothek im Rathaus

Er führte zumindest einmal selbst Regie, lieferte Ideen und literarische Vorlagen, darunter für die – nicht erhaltene – Verfilmung von Saltens Erzählung „Olga Frohgemuth“  von 1922, in der die Konfrontation zweier sozialer Milieus im Zentrum steht. Gezeigt werden auch Saltens vielfältige Beziehungen zum Theater: als Autor, Kritiker und Theatergründer wie als Bezugsperson für Schauspieler und Theaterleute wie etwa Max Reinhardt.

Als Chronist seiner Zeit dokumentierte Salten das tägliche Geschehen in Taschenkalendern – so sind die Einträge vor seiner Flucht in die Schweiz zum Jahr 1938/39 ein maßgeblicher Beitrag für das kulturelle Gedächtnis der Stadt. Aus Angst vor der Gestapo hat Salten noch im Frühjahr 1938 viele Briefe, Schriftstücke und Manuskripte verbrannt, geblieben sind etwa 7.000 Korrespondenzstücke von 700 Schreibern, die im Nachlass enthalten sind. Unter den mehr als 2.300 Bänden seiner Bibliothek befinden sich unikale Arbeits- und Handexemplare, Belegsammlungen etwa seiner Tierbücher „Bambi“, „Florian“ und „Perri“ sowie 202 Widmungsexemplare – darunter Gedichtbände von Rainer Maria Rilke, die Erstausgabe von Franz Werfels „Verdi“-Roman oder eine Ausgabe von Gustav Mahlers Briefen, die die Herausgeberin Alma Maria Mahler dem Widmungsempfänger zu Weihnachten 1924 schenkte. Vor seiner Flucht dürfte die Bibliothek aber sehr viel mehr dedizierte Bände enthalten haben.

Saltens Flucht 1939 wurde von prominenten Zeitgenossen unterstützt: Gerüchte wie dieses, dass er im Konzentrationslager wäre, rief Künstler wie Erika und Thomas Mann auf den Plan. Sie setzten sich für eine finanzielle Unterstützung ein, damit Salten mit seiner Frau in die Schweiz einreisen durfte, wo seine Tochter bereits als Schweizer Staatsbürgerin lebte. Als Journalist hatte Salten in der Schweiz Berufsverbot, doch er konnte weiter belletristisch arbeiten. Dennoch waren seine letzten Lebensjahre von finanziellen Schwierigkeiten geprägt, vor allem weil er auf internationale Buchtantiemen nach dem Kriegseintritt der USA keinen Zugriff mehr hatte. Felix Salten starb am 8. Oktober 1945 in Zürich, wo er auch beigesetzt wurde.

www.wienmuseum.at           www.wienbibliothek.at

11. 10. 2020

Das MAK öffnet am 1. Juni: Show Off und Otto Prutscher

April 29, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Neu kommt die Pop-Up-Schau „Creative Climate Care“

Andreas Kronthaler for Viv. Westwood, Advertising Campaign, FW 18/19. © Juergen Teller

Das MAK nimmt den Museumsbetrieb mit 1. Juni wieder auf. Am Pfingstmontag werden sämtliche aktuellen Sonderausstellungen, allen voran die Großausstellungen „Show Off. Austrian Fashion Design“ und „Bugholz, Vielschichtig. Thonet und das moderne Möbeldesign“, wieder geöffnet. Am 16. Juni folgt die neue Ausstellung „Raimund Abraham. Angles and Angels. Zeichnungen Modelle Prototypen“. Außerdem wird das gesamte MAK Design Lab

inklusive des Projekts „Helmut Lang Archiv: Eine Intervention von Helmut Lang“ wieder zugänglich sein. Ebenfalls Mitte Juni startet ein Zyklus von Pop-up-Ausstellungen zum Thema „Creative Climate Care“. Die Schau „Die Frauen der Wiener Werkstätte“ muss aufgrund verlorener Produktionszeiten ins nächste Jahr, 21. April bis 3. Oktober 2021, verschoben werden.

Mit dem neuen Zyklus „Creative Climate Care“ will das MAK mit Blick auf die vielen Dimensionen der Krise ein besonderes Signal setzen: In Zusammenarbeit mit der Universität für angewandte Kunst Wien entwickeln junge Kreative Pop-up-Ausstellungen zum Thema Klimawandel und Klimaschutz. Im MAK Forum stellen sie ab 16. Juni die Frage: Was können wir aus der Corona-Krise für die Zukunft lernen? und laden die Besucherinnen und Besucher ein, mit ihren Ideen zu dieser stetig wachsenden Ausstellung beizutragen.

Show Off. Austrian Fashion Design: Mode von Gernreich bis Kronthaler und Kutoglu

Ab 1. Juni wird das MAK wieder zur Bühne für die herausragendsten zeitgenössischen Modepositionen designed/ made in Austria. Als erste umfassende Großausstellung ihrer Art lädt „Show Off. Austrian Fashion Design“ auf multiplen Ebenen zur Auseinandersetzung mit österreichischer Mode im internationalen Kontext. Gast-Kuratorin Ulrike Tschabitzer-Handler inszeniert gemeinsam mit Gast-Co-Kurator Andreas Bergbaur und Brigitte Winkler als wissenschaftlicher Beraterin eine außergewöhnliche Fashion-Zeitreise in spektakulärem Setting:

Raumgreifende Installationen von Architekt Gregor Eichinger bilden den Rahmen für einen Parcours durch die österreichische Modeavantgarde von den 1980er-Jahren bis heute. Herzstück der Schau ist eine überdimensionale, sechseinhalb Meter hohe, leichte und offen strukturierte Skulptur im zentralen Raum der MAK-Ausstellungshalle. Begehbar auf mehreren Ebenen, erlaubt sie eine unmittelbare Begegnung mit etwa 250 Modeobjekten: Bekleidung, Schuhe, Taschen sowie Schmuck-Accessoires von etwa 60 Designerinnen und Designern. Die transparente Architektur lässt 360°-Einblicke auf die Exponate zu.

Maximilian Rittler, Rock Me Amadeus, 2019. Makeup Enzio Costa. Model Sieme, Visagemodelszürich. © Laura Knipsael

Andreas Kronthaler for Vivienne Westwood, Advertising Campaign, FW 17/18. © Juergen Teller

Gewagte Kettenkreation: AND_I, Triangle dress, RAW SS 20, 2019. © Felix Vratny

Revolutionäre Entwürfe von zwei der prägendsten Modeikonen bilden das Entrée zu diesem Zentrum der Ausstellung: Rudi Gernreich, Amerikaner österreichischer Herkunft, dessen Entwürfe aus Los Angeles Ende der 1970er-Jahre den weltweiten Zugang zur Mode revolutionierten, und Helmut Lang, in New York lebender Mode-Star und Künstler mit österreichischen Wurzeln, stehen als Vorbilder für das Potenzial der heimischen Modeszene.

Großflächige Prints von 34 Modefotografinnen und -fotografen lenken flankierend dazu den Blick auf die visuelle Ausdruckskultur von Mode. Viele der vertretenen Lichtbildner, darunter Elfie Semotan, Andreas H. Bitesnich, Jakob Lena Knebl, Lukas Gansterer oder Erwin Wurm, arbeiten im internationalen Kontext und haben dazu beigetragen, österreichisches Modedesign international zu verankern. Teilnehmende Designerinnen, Designer und Labels sind unter anderem Andreas Kronthaler, Atil Kutoglu, Lena Hoschek, Michel Mayer, Petar Petrov, Demian, Ludwig Reiter, Macchu Picchu, Marina Hoermanseder, Maximilian Rittler, Peter Pilotto, Thomas Kirchgrabner, Ute Ploier und Wendy&Jim … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=37994

Otto Prutscher. Allgestalter der Wiener Moderne: Das Œuvre des Dianabad-Designers

Otto Prutscher: Interieur des Café Ronacher, Schottenring, Wien I., Wien, 1913. Bild: © Archivio Famiglia Otto Prutscher, Mailand

Otto Prutscher in einem Sessel von Josef Zotti, 1913. Bild: Karl Ehn. © Archivio Famiglia Otto Prutscher, Mailand

Otto Prutscher: Detail des Warmwasserbeckenraums im Dianabad, Wien, 1913/14. Bild: © Archivio Famiglia Otto Prutscher, Mailand

Siebzig Jahre nach seinem Tod und zwanzig Jahre nach der letzten großen Ausstellung in Wien beleuchtet das MAK das Werk von Otto Prutscher neu. Die Ausstellung „Ootto Prutscher. Allgestalter der Wiener Moderne“ verdeutlicht ab 1. Juni erneut die mannigfachen Rollen, die Prutscher als Architekt und Designer, Ausstellungsgestalter, Lehrer und Mitglied aller wichtigen Reformkunstbewegungen – von der Secession bis zur Wiener Werkstätte und dem Werkbund – für die Entwicklung der Wiener Moderne spielte. Ausgewählte Beispiele aus seinem komplexen Œuvre dokumentieren seine jahrzehntelange einflussreiche Rolle als Entwerfer und Berater für die bedeutendsten Kunstgewerbefirmen seiner Zeit.

Trotz seiner Schaffenskraft und Vielseitigkeit wurde das Werk des großen Kunstgewerblers und Architekten bis dato nicht entsprechend gewürdigt. Prutschers Vermächtnis umfasst unter anderem mehr als 50 Bauwerke, Villen, Wohnhäuser, Portale, etwa 50 Ausstellungen, die er künstlerisch und organisatorisch gestaltete oder mitgestaltete, circa 170 Einrichtungen, mehr als 300 Entwürfe von Einrichtungen sowie mehr als 200 Einzelmöbel und Garnituren. Eine großzügige Schenkung von 139 Entwürfen, Objekten in Silber, Glas und Keramik sowie Möbeln durch die Sammlerin Hermi Schedlmayer nimmt das MAK zum Anlass für diese Personale … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=36287

MAK: „Sitzen 69“ Revisited: Tischlersessel vs. Designklassiker

Josef Frank: Armlehnsessel, Wien, 1933. Bild: © MAK/Nathan Murrell

Wolfgang J. Haipl: Sessel, Wien, 1963. Bild: © MAK/Georg Mayer

Franz Schuster: Armlehnsessel, Nr. 1652, Wien, 1952. Bild: © MAK/Nathan Murrell

Bunte, poppige Möbel und Design-Ikonen wie den Panton Chair von Werner Panton oder den Fauteuil Galaxy von Walter Pichler stellt das MAK ebenfalls wieder ab 1. Juni in der Ausstellung „Sitzen 69“ Revisited traditionellen hochwertigen „Tischlersesseln“ gegenüber. 1969 präsentierte das Österreichische Museum für angewandte Kunst in der Möbelausstellung „Sitzen 69“ gediegene „Tischlersessel“ aus Skandinavien, Italien, Deutschland und Österreich. Sitzgelegenheiten, die heute für die Epoche charakteristisch sind, fehlten damals allerdings.

Zum 50-Jahr-Jubiläum dieser Ausstellung greift das MAK das Thema nochmal auf und vergleicht die aus Holz und in Handarbeit von Tischlern gefertigten Sessel mit verspielten und verrückten Möbelobjekten, die zum Inbegriff der alternativen und utopischen Wohnkonzepte der 1960er-Jahre wurden. Mit etwa 45 Objekten bietet die Schau in der MAK-Schausammlung Historismus Jugendstil einen Einblick in die zeitgenössische Konsumgüterproduktion der 1960er-Jahre … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=36028

mak.at

29. 4. 2020

MAK: Otto Prutscher. Allgestalter der Wiener Moderne

November 20, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Hommage an den Designer des Dianabads

O. Prutscher: Apotheke „Zum goldenen Adler“, 1911. © Archivio Famiglia O. Prutscher, Mailand

Siebzig Jahre nach seinem Tod und zwanzig Jahre nach der letzten großen Ausstellung in Wien beleuchtet das MAK das Werk von Otto Prutscher neu. Die Ausstellung „Ootto Prutscher. Allgestalter der Wiener Moderne“ verdeutlicht ab 20. 11. die mannigfachen Rollen, die Prutscher als Architekt und Designer, Ausstellungsgestalter, Lehrer und Mitglied aller wichtigen Reformkunstbewegungen – von der Secession bis zur Wiener Werkstätte und dem Werkbund – für die Entwicklung der Wiener Moderne spielte.

Ausgewählte Beispiele aus seinem komplexen Œuvre dokumentieren seine jahrzehntelange einflussreiche Rolle als Entwerfer und Berater für die bedeutendsten Kunstgewerbefirmen seiner Zeit. Trotz seiner Schaffenskraft und Vielseitigkeit wurde das Werk des großen Kunstgewerblers und Architekten bis dato nicht entsprechend gewürdigt. Prutschers Vermächtnis umfasst unter anderem mehr als 50 Bauwerke, Villen, Wohnhäuser, Portale, etwa 50 Ausstellungen, die er künstlerisch und organisatorisch gestaltete oder mitgestaltete, circa 170 Einrichtungen, mehr als 300 Entwürfe von Einrichtungen sowie mehr als 200 Einzelmöbel und Garnituren. Eine großzügige Schenkung von 139 Entwürfen, Objekten in Silber, Glas und Keramik sowie Möbeln durch die Sammlerin Hermi Schedlmayer nimmt das MAK zum Anlass für diese Personale.

Der Wiener Jugendstil war die Wiege, in der Otto Prutscher heranwuchs und sich entwickelte. Zehn Jahre jünger als Josef Hoffmann und Adolf Loos, zählte Prutscher zur ersten Generation der Schüler an der Wiener Kunstgewerbeschule, die von der Reform des Unterrichts im Sinne der Reformkunst unter der Direktion Felician von Myrbachs und von jungen Professoren wie Josef Hoffmann und Koloman Moser profitierten. Materialbeherrschung eignete sich Prutscher in der Kunsttischlerei seines Vaters Johann Prutscher sowie im Zuge einer Maurerlehre und einer Zimmermannspraxis an, die er in den Sommermonaten absolvierte.

Otto Prutscher in einem Sessel von Josef Zotti, 1913. Bild: Karl Ehn. © Archivio Famiglia Otto Prutscher, Mailand

O. Prutscher: Musterzimmer mit Lampen, Tapeten und Stoffen der Wr. Werkstätte, um 1910. Bild: © Archivio Famiglia O. P., Mailand

Nach der Aufnahme an der Wiener Kunstgewerbeschule 1897 belegte Prutscher einen Kurs für ornamentales Zeichnen bei Willibald Schulmeister und studierte später zwei Semester in Josef Hoffmanns Fachschule für Architektur. Anschließend belegte er zwei Semester bei Franz Matsch in der Klasse für Zeichnen und Malen. Der Unterricht beim secessionistischen Architekten Hoffmann und beim vormodernen Maler Matsch hinterließ Spuren: Prutschers Entwürfe und ausgeführte Werke weisen einerseits eine hohe zeichnerische Qualität auf, andererseits orientieren sie sich an den jeweils aktuellen Tendenzen der Architektur. Von 1903 bis 1907 war er Assistent an der k. k. graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, ab 1908 Lehrer am k. k. Lehrmittel Bureau in Wien.

Ab 1907 wurde er für die Wiener Werkstätte aktiv. Sein Lehrer Josef Hoffmann schlug ihn 1909 erfolgreich als Professor an der k. k. Kunstgewerbeschule vor: Dort leitete er bis zu seiner Zwangspensionierung aufgrund der jüdischen Herkunft seiner Ehefrau im Jahr 1939 den offenen Entwurfszeichensaal für Gewerbetreibende. Prutschers Entwürfe wurden von mehr als 200 Unternehmen umgesetzt, allen voran von der Wiener Werkstätte und wichtigen Herstellerbetrieben wie Backhausen, Klinkosch, Augarten, Meyr’s Neffe, Schappel, Melzer & Neuhardt oder den Deutschen Werkstätten in Dresden. Für Thonet, Loetz Witwe und Wienerberger war er künstlerischer Berater.

Otto Prutscher: Interieur des Café Ronacher, Schottenring, Wien I., Wien, 1913. Bild: © Archivio Famiglia O. P., Mailand

O. Prutscher: Warmwasserbeckenraum im Dianabad, Wien, 1913/14. Bild: © Archivio Famiglia O. P., Mailand

Die Ausstellung bietet mit etwa 200 Entwürfen aus dem Otto-Prutscher-Nachlass im MAK, der Sammlung Schedlmayer und dem Familienarchiv Otto Prutschers in Mailand sowie ausgeführten Objekten und Möbeln aus den Sammlungen des MAK und der Familie Schedlmayer sowie von privaten Leihgebern einen Überblick über das Werk des „ Allgestalters“. Viele der Entwürfe – auch für Objekte im Besitz des MAK – werden erstmals gezeigt und konnten bei Recherchen im Zuge der Ausstellungsvorbereitungen im Familienarchiv Otto Prutschers, das im Besitz seiner Enkelin Beba Restelli steht, in Mailand identifiziert werden. Highlight der Präsentation ist die von Otto Prutscher entworfene Vitrine für den„Raum für einen Kunstliebhaber“ aus der Wiener Kunstschau 1908, die dem MAK von Hermi Schedlmayer geschenkt wurde.

Die MAK-Bibliothek und Kunstblättersammlung verfügt über etwa 1200 Grafiken, Zeichnungen, Pläne, Entwürfe und Fotografien, von Prutscher und damit den größten grafischen Bestand seiner Werke in einer öffentlichen Sammlung. Die ersten 18 Blätter gelangten 1955 im Zuge der Übergabe des Archivs der Wiener Werkstätte in die MAK-Sammlung. Der erste umfangreiche Teilnachlass wurde dem MAK 1979/80 dank der Initiative seiner in Italien lebenden Töchter Helly de Kuyser Prutscher und Ilse Restelli-Prutscher als Donation überlassen. 2018 vervollständigte die jüngste Schenkung durch Hermi Schedlmayer den Otto-Prutscher-Bestand im MAK.

www.mak.at

20. 11. 2019

Im Raum die Zeit lesen. Moderne im mumok 1910 – 1955

November 12, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Simultanität diverser Avantgarden

Oskar Kokoschka: Karl Kraus, 1925. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben1960. Bild: © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. © Fondation Oskar Kokoschka / Bildrecht Wien, 2019

In den vergangenen Jahren wurde die mumok-Sammlung der klassischen Moderne unter wechselnden thematischen Vorzeichen gezeigt. Die diesjährige Präsentation „Im Raum die Zeit lesen. Moderne im mumok 1910 bis 1955“ beschäftigt sich ab dem 16. November mit den Zeitläufen der Moderne, ihren Chronologien und dem bereits von den Zeitgenossen vorgenommenen Versuch der Historisierung. Den konzeptionellen Ausgangs- punkt der Ausstellung

bildet die Frage nach der Wahrnehmung der Avantgarden im frühen 20. Jahrhundert: Handelt es sich bei der Moderne um eine Epoche? Es waren die ersten documenta-Ausstellungen 1955 und 1959, die die Sicht auf diese Zeit geprägt haben. 1955 wurde unter dem Diktum „Abstraktion als Weltsprache“ eine „gereinigte“ Moderne  präsentiert, die zwar eine historische Perspektive bot, aber die zugehörige Geschichte ausklammerte. Die Gegenfrage in der mumok Ausstellung lautet daher: Welche Sicht propagierten Künstler und Kuratoren in den 1920er-Jahren? Dabei dienen vier historische Projekte als Referenz. Alle strebten sie nicht nur Gesamtdarstellugen der Moderne an, sondern stellten auch zentrale Fragen an die Kunst und deren Aufgaben sowie an deren Präsentation im Ausstellungsraum.

Bedingt durch die Erschütterung des cartesianischen Weltbildes und die bahnbrechenden Erfindungen in Naturwissenschaften und Technik zu Beginn des 20. Jahrhunderts, kann die Moderne als Umbruch in allen Bereichen begriffen werden. In den Jahren um 1910/11 erfolgte nicht nur der Schritt in die Abstraktion. Es fanden zudem vielfältige heterogene Entwicklungen parallel statt. Vor allem der Film, der Phänomene von Simultaneität und Montage als Erfahrung des modernen Lebens direkt umsetzen konnte, trug dazu bei, neue Denk- und Wahrnehmungskategorien zu etablieren. Kategorien, die Avantgardekünstler wie László Moholy-Nagy, Hans Richter, El Lissitzky, Friedrich Kiesler oder Fernand Léger zu einem experimentellen Umgang und einer Umorientierung der klassischen Medien bewegten. Besonders der Fotografie kam eine neue Aufgabe zwischen ästhetischer und dokumentarischer Kompetenz zu. Mit den großen Themen von Architektur und urbanem Leben, Design und Porträt machte sie die Komplexität der Moderne deutlich.

Die vier Referenzprojekte, die die Ausstellung im mumok inspirierten, sind: Friedrich Kieslers legendäre Theaterausstellung von 1924. El Lissitzkys und Hans Arps fiktives Ausstellungsprojekt aus demselben Jahr, das die Moderne von 1924 retrospektiv bis 1914 aufrollte. László Moholy-Nagys und Lajos Kassáks „Buch neuer Künstler“ von 1922, das die Grenzen der bildenden Kunst zu Industrie, Architektur und Design öffnete und letzte Barrieren zwischen angewandter und freier Kunst niederriss. Und schließlich Hans Tietzes Ausstellung „Die Kunst in unserer Zeit“  im Jahr 1930, die Einblicke in die Moderne mit einem Rückblick auf die Jahre 1910/11 verband und zu dem Schluss kam, dass die Einteilung in abstrakt und gegenständlich nicht zwingend sei.

Otto Mueller: Mädchen im Wald, 1920. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 1963. © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Heinrich Campendonk: Mädchen mit Herz, 1919. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 1961. Bild: © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. © Bildrecht Wien

Oskar Schlemmer: Dreiergruppe mit Rückenakt, 1929. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 1980. © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

1924 gaben El Lissitzky und Hans Arp die Publikation „KUNSTISMEN“ heraus. Als „Letzte Truppenschau aller Ismen“ bezeichnete El Lissitzky diese Publikation, die man ebenso als fiktive Ausstellung verstehen könnte. 16 Begriffe umreißen die wichtigsten Strömungen der Moderne. Liest man den Eintrag für den Expressionismus – „Aus Kubismus und Futurismus wurde der falsche Hase, das metaphysische deutsche Beefsteak, der Expressionismus gehackt“ –, wird schnell klar, wo sich die Vorlieben der Herausgeber befanden.

In der Ausstellung im mumok wird der kuratorische Blick der beiden Künstler nun auf die Sammlung übertragen und eine ebensolche retrospektive Chronologie von 1924 bis 1914 verfolgt, die Ismen, aber auch Gleichzeitigkeiten zutage fördert. László Moholy-Nagy arbeitete fast zeitgleich an einer Gesamtdarstellung der Moderne und gab 1922 gemeinsam mit Lajos Kassák das „Buch neuer Künstler“ heraus. Hier wurde der erste Versuch unternommen „den engen und sich gegenseitig fördernden Zusammenhang zwischen Malerei, Bildhauerei, Architektur und Technik nachzuweisen“, so Lajos Kassák. Gewiss bleibt die Malerei das Leitmedium der Moderne, gefolgt von Skulptur und Zeichnung, gleichzeitig wird aber das Augenmerk auf Apparate und Hochspannungsleitungen, auf Maschine und Technik gelenkt.

Umgelegt auf den Bestand der mumok Sammlung, wird ein Öffnen der kategorialen Ordnungen im Hinblick auf Technik und Architektur deutlich. Die Ausstellung versammelt unter anderem späte Entwürfe von Josef Hofmann, Fotos von Albert Renger-Patzsch, Architekturmodelle und Werke von László Moholy-Nagy und Lajos Kassák selbst, die exakt den Geist des Buches widerspiegeln: „Unser Zeitalter ist das der Konstruktivität“, formuliert dazu Kassák.

1924 wurde Wien mit der legendären Theaterausstellung zur Stadt der Avantgarde. Friedrich Kiesler, der umtriebige Veranstalter, organisierte im Rahmen des „Musik- und Theaterfestes der Stadt Wien“ die „Internationale Ausstellung neuer Theatertechnik“. Er trug dafür einige hundert Theaterkonzepte, Bühnenbild- und Kostümentwürfe, Plakate und Modelle aus vielen Ländern zusammen. Viele Künstler der Avantgarde waren anwesend, darunter El Lissitzky, Theo van Doesburg oder Fernand Léger, dessen Ballet mécanique auf Kieslers „Raumbühne“ uraufgeführt wurde. Kiesler entwarf für das Projekt auch das „Leger- und Trägersystem“, eine flexible, frei im Raum stehende Konstruktion zur Präsentation von Objekten und Bildern, die im mumok nun in einer Rekonstruktion zu sehen ist und mit Theatermodellen und Bühnenentwürfen aus dem Theatermuseum ergänzt wird.

Amédée Ozenfant: Nombreux objets, 1927. Leihgabe der Österreichischen Ludwig Stiftung seit 1989. Bild: © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. © Bildrecht Wien, 2019

René Magritte: La voix du sang, 1959. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 1960. © Bildrecht Wien

Juan Gris: Carafe, verre et journal, 1919. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung Emanuel und Sofie Fohn, 1994. © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Ein halbes Jahrzehnt später bereitete der legendäre Kunsthistoriker der Moderne, Hans Tietze, eine Ausstellung mit dem Titel „Die Kunst in unserer Zeit“ vor. Der Unterschied zur documenta 1955 ist offensichtlich, zeigte Tietze doch ein breitgefächertes Universum. Tietze propagierte ein Nebeneinander der verschiedenen Künstler und Richtungen, wie in der Präsentation im mumok gut nachzuvollziehen ist.

Im Unterschied zur kanonischen Sicht der documenta 1955, die sich strikt auf Malerei und Skulptur konzentrierte, zeigte Tietze alle Arten von Objekten, vom Kinderspielzeug bis zu Keramiken und Textilien und schloss technische Gegenstände mit ein. Zusätzlich überraschte er mit der Feststellung, dass er abstrakt/gegenständlich nicht ideologisch getrennt sah, wie es die ersten documenta-Ausstellungen postulierten.

„Im Raum die Zeit lesen“ spürt mit Werken aus der mumok Sammlung und einigen Leihgaben aus MAK, Theatermuseum und Leopold Museum den Zeitläuften und Kunstbegriffen nach. Zeitgenössische Arbeiten von Ulrike Grossarth und Werner Feiersinger unterstreichen den Ansatz der Ausstellung. Die Ausstellungsarchitektur von Nicole Six und Paul Petritsch greift Formalismen der Moderne auf. So wird auch im Display der Idee einer Erweiterung des Kunstbegriffs Rechnung getragen, die jenseits einer klassisch-chronologischen Ordnung auf Verbindung und Durchdringung setzt – und nicht auf ein steriles Nebeneinander festgeschriebener Setzungen.

www.mumok.at

12. 11. 2019