Das MAK öffnet am 1. Juni: Show Off und Otto Prutscher

April 29, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Neu kommt die Pop-Up-Schau „Creative Climate Care“

Andreas Kronthaler for Viv. Westwood, Advertising Campaign, FW 18/19. © Juergen Teller

Das MAK nimmt den Museumsbetrieb mit 1. Juni wieder auf. Am Pfingstmontag werden sämtliche aktuellen Sonderausstellungen, allen voran die Großausstellungen „Show Off. Austrian Fashion Design“ und „Bugholz, Vielschichtig. Thonet und das moderne Möbeldesign“, wieder geöffnet. Am 16. Juni folgt die neue Ausstellung „Raimund Abraham. Angles and Angels. Zeichnungen Modelle Prototypen“. Außerdem wird das gesamte MAK Design Lab

inklusive des Projekts „Helmut Lang Archiv: Eine Intervention von Helmut Lang“ wieder zugänglich sein. Ebenfalls Mitte Juni startet ein Zyklus von Pop-up-Ausstellungen zum Thema „Creative Climate Care“. Die Schau „Die Frauen der Wiener Werkstätte“ muss aufgrund verlorener Produktionszeiten ins nächste Jahr, 21. April bis 3. Oktober 2021, verschoben werden.

Mit dem neuen Zyklus „Creative Climate Care“ will das MAK mit Blick auf die vielen Dimensionen der Krise ein besonderes Signal setzen: In Zusammenarbeit mit der Universität für angewandte Kunst Wien entwickeln junge Kreative Pop-up-Ausstellungen zum Thema Klimawandel und Klimaschutz. Im MAK Forum stellen sie ab 16. Juni die Frage: Was können wir aus der Corona-Krise für die Zukunft lernen? und laden die Besucherinnen und Besucher ein, mit ihren Ideen zu dieser stetig wachsenden Ausstellung beizutragen.

Show Off. Austrian Fashion Design: Mode von Gernreich bis Kronthaler und Kutoglu

Ab 1. Juni wird das MAK wieder zur Bühne für die herausragendsten zeitgenössischen Modepositionen designed/ made in Austria. Als erste umfassende Großausstellung ihrer Art lädt „Show Off. Austrian Fashion Design“ auf multiplen Ebenen zur Auseinandersetzung mit österreichischer Mode im internationalen Kontext. Gast-Kuratorin Ulrike Tschabitzer-Handler inszeniert gemeinsam mit Gast-Co-Kurator Andreas Bergbaur und Brigitte Winkler als wissenschaftlicher Beraterin eine außergewöhnliche Fashion-Zeitreise in spektakulärem Setting:

Raumgreifende Installationen von Architekt Gregor Eichinger bilden den Rahmen für einen Parcours durch die österreichische Modeavantgarde von den 1980er-Jahren bis heute. Herzstück der Schau ist eine überdimensionale, sechseinhalb Meter hohe, leichte und offen strukturierte Skulptur im zentralen Raum der MAK-Ausstellungshalle. Begehbar auf mehreren Ebenen, erlaubt sie eine unmittelbare Begegnung mit etwa 250 Modeobjekten: Bekleidung, Schuhe, Taschen sowie Schmuck-Accessoires von etwa 60 Designerinnen und Designern. Die transparente Architektur lässt 360°-Einblicke auf die Exponate zu.

Maximilian Rittler, Rock Me Amadeus, 2019. Makeup Enzio Costa. Model Sieme, Visagemodelszürich. © Laura Knipsael

Andreas Kronthaler for Vivienne Westwood, Advertising Campaign, FW 17/18. © Juergen Teller

Gewagte Kettenkreation: AND_I, Triangle dress, RAW SS 20, 2019. © Felix Vratny

Revolutionäre Entwürfe von zwei der prägendsten Modeikonen bilden das Entrée zu diesem Zentrum der Ausstellung: Rudi Gernreich, Amerikaner österreichischer Herkunft, dessen Entwürfe aus Los Angeles Ende der 1970er-Jahre den weltweiten Zugang zur Mode revolutionierten, und Helmut Lang, in New York lebender Mode-Star und Künstler mit österreichischen Wurzeln, stehen als Vorbilder für das Potenzial der heimischen Modeszene.

Großflächige Prints von 34 Modefotografinnen und -fotografen lenken flankierend dazu den Blick auf die visuelle Ausdruckskultur von Mode. Viele der vertretenen Lichtbildner, darunter Elfie Semotan, Andreas H. Bitesnich, Jakob Lena Knebl, Lukas Gansterer oder Erwin Wurm, arbeiten im internationalen Kontext und haben dazu beigetragen, österreichisches Modedesign international zu verankern. Teilnehmende Designerinnen, Designer und Labels sind unter anderem Andreas Kronthaler, Atil Kutoglu, Lena Hoschek, Michel Mayer, Petar Petrov, Demian, Ludwig Reiter, Macchu Picchu, Marina Hoermanseder, Maximilian Rittler, Peter Pilotto, Thomas Kirchgrabner, Ute Ploier und Wendy&Jim … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=37994

Otto Prutscher. Allgestalter der Wiener Moderne: Das Œuvre des Dianabad-Designers

Otto Prutscher: Interieur des Café Ronacher, Schottenring, Wien I., Wien, 1913. Bild: © Archivio Famiglia Otto Prutscher, Mailand

Otto Prutscher in einem Sessel von Josef Zotti, 1913. Bild: Karl Ehn. © Archivio Famiglia Otto Prutscher, Mailand

Otto Prutscher: Detail des Warmwasserbeckenraums im Dianabad, Wien, 1913/14. Bild: © Archivio Famiglia Otto Prutscher, Mailand

Siebzig Jahre nach seinem Tod und zwanzig Jahre nach der letzten großen Ausstellung in Wien beleuchtet das MAK das Werk von Otto Prutscher neu. Die Ausstellung „Ootto Prutscher. Allgestalter der Wiener Moderne“ verdeutlicht ab 1. Juni erneut die mannigfachen Rollen, die Prutscher als Architekt und Designer, Ausstellungsgestalter, Lehrer und Mitglied aller wichtigen Reformkunstbewegungen – von der Secession bis zur Wiener Werkstätte und dem Werkbund – für die Entwicklung der Wiener Moderne spielte. Ausgewählte Beispiele aus seinem komplexen Œuvre dokumentieren seine jahrzehntelange einflussreiche Rolle als Entwerfer und Berater für die bedeutendsten Kunstgewerbefirmen seiner Zeit.

Trotz seiner Schaffenskraft und Vielseitigkeit wurde das Werk des großen Kunstgewerblers und Architekten bis dato nicht entsprechend gewürdigt. Prutschers Vermächtnis umfasst unter anderem mehr als 50 Bauwerke, Villen, Wohnhäuser, Portale, etwa 50 Ausstellungen, die er künstlerisch und organisatorisch gestaltete oder mitgestaltete, circa 170 Einrichtungen, mehr als 300 Entwürfe von Einrichtungen sowie mehr als 200 Einzelmöbel und Garnituren. Eine großzügige Schenkung von 139 Entwürfen, Objekten in Silber, Glas und Keramik sowie Möbeln durch die Sammlerin Hermi Schedlmayer nimmt das MAK zum Anlass für diese Personale … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=36287

MAK: „Sitzen 69“ Revisited: Tischlersessel vs. Designklassiker

Josef Frank: Armlehnsessel, Wien, 1933. Bild: © MAK/Nathan Murrell

Wolfgang J. Haipl: Sessel, Wien, 1963. Bild: © MAK/Georg Mayer

Franz Schuster: Armlehnsessel, Nr. 1652, Wien, 1952. Bild: © MAK/Nathan Murrell

Bunte, poppige Möbel und Design-Ikonen wie den Panton Chair von Werner Panton oder den Fauteuil Galaxy von Walter Pichler stellt das MAK ebenfalls wieder ab 1. Juni in der Ausstellung „Sitzen 69“ Revisited traditionellen hochwertigen „Tischlersesseln“ gegenüber. 1969 präsentierte das Österreichische Museum für angewandte Kunst in der Möbelausstellung „Sitzen 69“ gediegene „Tischlersessel“ aus Skandinavien, Italien, Deutschland und Österreich. Sitzgelegenheiten, die heute für die Epoche charakteristisch sind, fehlten damals allerdings.

Zum 50-Jahr-Jubiläum dieser Ausstellung greift das MAK das Thema nochmal auf und vergleicht die aus Holz und in Handarbeit von Tischlern gefertigten Sessel mit verspielten und verrückten Möbelobjekten, die zum Inbegriff der alternativen und utopischen Wohnkonzepte der 1960er-Jahre wurden. Mit etwa 45 Objekten bietet die Schau in der MAK-Schausammlung Historismus Jugendstil einen Einblick in die zeitgenössische Konsumgüterproduktion der 1960er-Jahre … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=36028

mak.at

29. 4. 2020

MAK: Otto Prutscher. Allgestalter der Wiener Moderne

November 20, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Hommage an den Designer des Dianabads

O. Prutscher: Apotheke „Zum goldenen Adler“, 1911. © Archivio Famiglia O. Prutscher, Mailand

Siebzig Jahre nach seinem Tod und zwanzig Jahre nach der letzten großen Ausstellung in Wien beleuchtet das MAK das Werk von Otto Prutscher neu. Die Ausstellung „Ootto Prutscher. Allgestalter der Wiener Moderne“ verdeutlicht ab 20. 11. die mannigfachen Rollen, die Prutscher als Architekt und Designer, Ausstellungsgestalter, Lehrer und Mitglied aller wichtigen Reformkunstbewegungen – von der Secession bis zur Wiener Werkstätte und dem Werkbund – für die Entwicklung der Wiener Moderne spielte.

Ausgewählte Beispiele aus seinem komplexen Œuvre dokumentieren seine jahrzehntelange einflussreiche Rolle als Entwerfer und Berater für die bedeutendsten Kunstgewerbefirmen seiner Zeit. Trotz seiner Schaffenskraft und Vielseitigkeit wurde das Werk des großen Kunstgewerblers und Architekten bis dato nicht entsprechend gewürdigt. Prutschers Vermächtnis umfasst unter anderem mehr als 50 Bauwerke, Villen, Wohnhäuser, Portale, etwa 50 Ausstellungen, die er künstlerisch und organisatorisch gestaltete oder mitgestaltete, circa 170 Einrichtungen, mehr als 300 Entwürfe von Einrichtungen sowie mehr als 200 Einzelmöbel und Garnituren. Eine großzügige Schenkung von 139 Entwürfen, Objekten in Silber, Glas und Keramik sowie Möbeln durch die Sammlerin Hermi Schedlmayer nimmt das MAK zum Anlass für diese Personale.

Der Wiener Jugendstil war die Wiege, in der Otto Prutscher heranwuchs und sich entwickelte. Zehn Jahre jünger als Josef Hoffmann und Adolf Loos, zählte Prutscher zur ersten Generation der Schüler an der Wiener Kunstgewerbeschule, die von der Reform des Unterrichts im Sinne der Reformkunst unter der Direktion Felician von Myrbachs und von jungen Professoren wie Josef Hoffmann und Koloman Moser profitierten. Materialbeherrschung eignete sich Prutscher in der Kunsttischlerei seines Vaters Johann Prutscher sowie im Zuge einer Maurerlehre und einer Zimmermannspraxis an, die er in den Sommermonaten absolvierte.

Otto Prutscher in einem Sessel von Josef Zotti, 1913. Bild: Karl Ehn. © Archivio Famiglia Otto Prutscher, Mailand

O. Prutscher: Musterzimmer mit Lampen, Tapeten und Stoffen der Wr. Werkstätte, um 1910. Bild: © Archivio Famiglia O. P., Mailand

Nach der Aufnahme an der Wiener Kunstgewerbeschule 1897 belegte Prutscher einen Kurs für ornamentales Zeichnen bei Willibald Schulmeister und studierte später zwei Semester in Josef Hoffmanns Fachschule für Architektur. Anschließend belegte er zwei Semester bei Franz Matsch in der Klasse für Zeichnen und Malen. Der Unterricht beim secessionistischen Architekten Hoffmann und beim vormodernen Maler Matsch hinterließ Spuren: Prutschers Entwürfe und ausgeführte Werke weisen einerseits eine hohe zeichnerische Qualität auf, andererseits orientieren sie sich an den jeweils aktuellen Tendenzen der Architektur. Von 1903 bis 1907 war er Assistent an der k. k. graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, ab 1908 Lehrer am k. k. Lehrmittel Bureau in Wien.

Ab 1907 wurde er für die Wiener Werkstätte aktiv. Sein Lehrer Josef Hoffmann schlug ihn 1909 erfolgreich als Professor an der k. k. Kunstgewerbeschule vor: Dort leitete er bis zu seiner Zwangspensionierung aufgrund der jüdischen Herkunft seiner Ehefrau im Jahr 1939 den offenen Entwurfszeichensaal für Gewerbetreibende. Prutschers Entwürfe wurden von mehr als 200 Unternehmen umgesetzt, allen voran von der Wiener Werkstätte und wichtigen Herstellerbetrieben wie Backhausen, Klinkosch, Augarten, Meyr’s Neffe, Schappel, Melzer & Neuhardt oder den Deutschen Werkstätten in Dresden. Für Thonet, Loetz Witwe und Wienerberger war er künstlerischer Berater.

Otto Prutscher: Interieur des Café Ronacher, Schottenring, Wien I., Wien, 1913. Bild: © Archivio Famiglia O. P., Mailand

O. Prutscher: Warmwasserbeckenraum im Dianabad, Wien, 1913/14. Bild: © Archivio Famiglia O. P., Mailand

Die Ausstellung bietet mit etwa 200 Entwürfen aus dem Otto-Prutscher-Nachlass im MAK, der Sammlung Schedlmayer und dem Familienarchiv Otto Prutschers in Mailand sowie ausgeführten Objekten und Möbeln aus den Sammlungen des MAK und der Familie Schedlmayer sowie von privaten Leihgebern einen Überblick über das Werk des „ Allgestalters“. Viele der Entwürfe – auch für Objekte im Besitz des MAK – werden erstmals gezeigt und konnten bei Recherchen im Zuge der Ausstellungsvorbereitungen im Familienarchiv Otto Prutschers, das im Besitz seiner Enkelin Beba Restelli steht, in Mailand identifiziert werden. Highlight der Präsentation ist die von Otto Prutscher entworfene Vitrine für den„Raum für einen Kunstliebhaber“ aus der Wiener Kunstschau 1908, die dem MAK von Hermi Schedlmayer geschenkt wurde.

Die MAK-Bibliothek und Kunstblättersammlung verfügt über etwa 1200 Grafiken, Zeichnungen, Pläne, Entwürfe und Fotografien, von Prutscher und damit den größten grafischen Bestand seiner Werke in einer öffentlichen Sammlung. Die ersten 18 Blätter gelangten 1955 im Zuge der Übergabe des Archivs der Wiener Werkstätte in die MAK-Sammlung. Der erste umfangreiche Teilnachlass wurde dem MAK 1979/80 dank der Initiative seiner in Italien lebenden Töchter Helly de Kuyser Prutscher und Ilse Restelli-Prutscher als Donation überlassen. 2018 vervollständigte die jüngste Schenkung durch Hermi Schedlmayer den Otto-Prutscher-Bestand im MAK.

www.mak.at

20. 11. 2019

Im Raum die Zeit lesen. Moderne im mumok 1910 – 1955

November 12, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Simultanität diverser Avantgarden

Oskar Kokoschka: Karl Kraus, 1925. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben1960. Bild: © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. © Fondation Oskar Kokoschka / Bildrecht Wien, 2019

In den vergangenen Jahren wurde die mumok-Sammlung der klassischen Moderne unter wechselnden thematischen Vorzeichen gezeigt. Die diesjährige Präsentation „Im Raum die Zeit lesen. Moderne im mumok 1910 bis 1955“ beschäftigt sich ab dem 16. November mit den Zeitläufen der Moderne, ihren Chronologien und dem bereits von den Zeitgenossen vorgenommenen Versuch der Historisierung. Den konzeptionellen Ausgangs- punkt der Ausstellung

bildet die Frage nach der Wahrnehmung der Avantgarden im frühen 20. Jahrhundert: Handelt es sich bei der Moderne um eine Epoche? Es waren die ersten documenta-Ausstellungen 1955 und 1959, die die Sicht auf diese Zeit geprägt haben. 1955 wurde unter dem Diktum „Abstraktion als Weltsprache“ eine „gereinigte“ Moderne  präsentiert, die zwar eine historische Perspektive bot, aber die zugehörige Geschichte ausklammerte. Die Gegenfrage in der mumok Ausstellung lautet daher: Welche Sicht propagierten Künstler und Kuratoren in den 1920er-Jahren? Dabei dienen vier historische Projekte als Referenz. Alle strebten sie nicht nur Gesamtdarstellugen der Moderne an, sondern stellten auch zentrale Fragen an die Kunst und deren Aufgaben sowie an deren Präsentation im Ausstellungsraum.

Bedingt durch die Erschütterung des cartesianischen Weltbildes und die bahnbrechenden Erfindungen in Naturwissenschaften und Technik zu Beginn des 20. Jahrhunderts, kann die Moderne als Umbruch in allen Bereichen begriffen werden. In den Jahren um 1910/11 erfolgte nicht nur der Schritt in die Abstraktion. Es fanden zudem vielfältige heterogene Entwicklungen parallel statt. Vor allem der Film, der Phänomene von Simultaneität und Montage als Erfahrung des modernen Lebens direkt umsetzen konnte, trug dazu bei, neue Denk- und Wahrnehmungskategorien zu etablieren. Kategorien, die Avantgardekünstler wie László Moholy-Nagy, Hans Richter, El Lissitzky, Friedrich Kiesler oder Fernand Léger zu einem experimentellen Umgang und einer Umorientierung der klassischen Medien bewegten. Besonders der Fotografie kam eine neue Aufgabe zwischen ästhetischer und dokumentarischer Kompetenz zu. Mit den großen Themen von Architektur und urbanem Leben, Design und Porträt machte sie die Komplexität der Moderne deutlich.

Die vier Referenzprojekte, die die Ausstellung im mumok inspirierten, sind: Friedrich Kieslers legendäre Theaterausstellung von 1924. El Lissitzkys und Hans Arps fiktives Ausstellungsprojekt aus demselben Jahr, das die Moderne von 1924 retrospektiv bis 1914 aufrollte. László Moholy-Nagys und Lajos Kassáks „Buch neuer Künstler“ von 1922, das die Grenzen der bildenden Kunst zu Industrie, Architektur und Design öffnete und letzte Barrieren zwischen angewandter und freier Kunst niederriss. Und schließlich Hans Tietzes Ausstellung „Die Kunst in unserer Zeit“  im Jahr 1930, die Einblicke in die Moderne mit einem Rückblick auf die Jahre 1910/11 verband und zu dem Schluss kam, dass die Einteilung in abstrakt und gegenständlich nicht zwingend sei.

Otto Mueller: Mädchen im Wald, 1920. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 1963. © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Heinrich Campendonk: Mädchen mit Herz, 1919. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 1961. Bild: © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. © Bildrecht Wien

Oskar Schlemmer: Dreiergruppe mit Rückenakt, 1929. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 1980. © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

1924 gaben El Lissitzky und Hans Arp die Publikation „KUNSTISMEN“ heraus. Als „Letzte Truppenschau aller Ismen“ bezeichnete El Lissitzky diese Publikation, die man ebenso als fiktive Ausstellung verstehen könnte. 16 Begriffe umreißen die wichtigsten Strömungen der Moderne. Liest man den Eintrag für den Expressionismus – „Aus Kubismus und Futurismus wurde der falsche Hase, das metaphysische deutsche Beefsteak, der Expressionismus gehackt“ –, wird schnell klar, wo sich die Vorlieben der Herausgeber befanden.

In der Ausstellung im mumok wird der kuratorische Blick der beiden Künstler nun auf die Sammlung übertragen und eine ebensolche retrospektive Chronologie von 1924 bis 1914 verfolgt, die Ismen, aber auch Gleichzeitigkeiten zutage fördert. László Moholy-Nagy arbeitete fast zeitgleich an einer Gesamtdarstellung der Moderne und gab 1922 gemeinsam mit Lajos Kassák das „Buch neuer Künstler“ heraus. Hier wurde der erste Versuch unternommen „den engen und sich gegenseitig fördernden Zusammenhang zwischen Malerei, Bildhauerei, Architektur und Technik nachzuweisen“, so Lajos Kassák. Gewiss bleibt die Malerei das Leitmedium der Moderne, gefolgt von Skulptur und Zeichnung, gleichzeitig wird aber das Augenmerk auf Apparate und Hochspannungsleitungen, auf Maschine und Technik gelenkt.

Umgelegt auf den Bestand der mumok Sammlung, wird ein Öffnen der kategorialen Ordnungen im Hinblick auf Technik und Architektur deutlich. Die Ausstellung versammelt unter anderem späte Entwürfe von Josef Hofmann, Fotos von Albert Renger-Patzsch, Architekturmodelle und Werke von László Moholy-Nagy und Lajos Kassák selbst, die exakt den Geist des Buches widerspiegeln: „Unser Zeitalter ist das der Konstruktivität“, formuliert dazu Kassák.

1924 wurde Wien mit der legendären Theaterausstellung zur Stadt der Avantgarde. Friedrich Kiesler, der umtriebige Veranstalter, organisierte im Rahmen des „Musik- und Theaterfestes der Stadt Wien“ die „Internationale Ausstellung neuer Theatertechnik“. Er trug dafür einige hundert Theaterkonzepte, Bühnenbild- und Kostümentwürfe, Plakate und Modelle aus vielen Ländern zusammen. Viele Künstler der Avantgarde waren anwesend, darunter El Lissitzky, Theo van Doesburg oder Fernand Léger, dessen Ballet mécanique auf Kieslers „Raumbühne“ uraufgeführt wurde. Kiesler entwarf für das Projekt auch das „Leger- und Trägersystem“, eine flexible, frei im Raum stehende Konstruktion zur Präsentation von Objekten und Bildern, die im mumok nun in einer Rekonstruktion zu sehen ist und mit Theatermodellen und Bühnenentwürfen aus dem Theatermuseum ergänzt wird.

Amédée Ozenfant: Nombreux objets, 1927. Leihgabe der Österreichischen Ludwig Stiftung seit 1989. Bild: © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. © Bildrecht Wien, 2019

René Magritte: La voix du sang, 1959. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 1960. © Bildrecht Wien

Juan Gris: Carafe, verre et journal, 1919. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung Emanuel und Sofie Fohn, 1994. © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Ein halbes Jahrzehnt später bereitete der legendäre Kunsthistoriker der Moderne, Hans Tietze, eine Ausstellung mit dem Titel „Die Kunst in unserer Zeit“ vor. Der Unterschied zur documenta 1955 ist offensichtlich, zeigte Tietze doch ein breitgefächertes Universum. Tietze propagierte ein Nebeneinander der verschiedenen Künstler und Richtungen, wie in der Präsentation im mumok gut nachzuvollziehen ist.

Im Unterschied zur kanonischen Sicht der documenta 1955, die sich strikt auf Malerei und Skulptur konzentrierte, zeigte Tietze alle Arten von Objekten, vom Kinderspielzeug bis zu Keramiken und Textilien und schloss technische Gegenstände mit ein. Zusätzlich überraschte er mit der Feststellung, dass er abstrakt/gegenständlich nicht ideologisch getrennt sah, wie es die ersten documenta-Ausstellungen postulierten.

„Im Raum die Zeit lesen“ spürt mit Werken aus der mumok Sammlung und einigen Leihgaben aus MAK, Theatermuseum und Leopold Museum den Zeitläuften und Kunstbegriffen nach. Zeitgenössische Arbeiten von Ulrike Grossarth und Werner Feiersinger unterstreichen den Ansatz der Ausstellung. Die Ausstellungsarchitektur von Nicole Six und Paul Petritsch greift Formalismen der Moderne auf. So wird auch im Display der Idee einer Erweiterung des Kunstbegriffs Rechnung getragen, die jenseits einer klassisch-chronologischen Ordnung auf Verbindung und Durchdringung setzt – und nicht auf ein steriles Nebeneinander festgeschriebener Setzungen.

www.mumok.at

12. 11. 2019

Museum der Moderne Salzburg: Fly Me to the Moon

Juli 15, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Schau zu 50 Jahre Mondlandung

Vladimir Dubossarsky & Alexander Vinogradov: Cosmonaut No. 1, 2006. Courtesy Vladimir Dobrovolski

Mit einer großen Ausstellung begeht das Museum der Moderne Salzburg das Fünfzig-Jahr-Jubiläum der ersten Mondlandung, die wie kaum ein Ereignis davor und danach das Verhältnis zwischen den Menschen und dem Weltall veränderte. Ein fantastischer Streifzug durch die Geschichte der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Mond erwartet Besucherinnen und Besucher in der Schau „Fly Me to the Moon. 50 Jahre Mondlandung“, die ab 20. Juli zu sehen ist.

Im Mittelpunkt der als Parcours konzipierten Ausstellung steht die titelgebende erste Mondlandung von Neil Armstrong und Buzz Aldrin vor 50 Jahren. Umrahmt wird sie von Einblicken in die Wissenschafts- und Kunstgeschichte sowie von einer Betrachtung der Folgen und Auswirkungen dieses weltbewegenden Ereignisses.

Die etwa 280 präsentierten Exponate – von Kupferstichen über Gemälde bis hin zu Fotografie, Videokunst und multimedialen Installationen – zeugen von den unterschiedlichen Bedeutungsebenen, die der Mond in wissenschaftlicher, künstlerischer, philosophischer und utopischer Hinsicht besitzt. Der Schwerpunkt liegt auf Kunstwerken des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart. Eine Vielzahl der gezeigten Werke stammt aus der hochkarätigen Sammlung des Kooperationspartners Kunsthaus Zürich, ergänzt durch weitere Leihgaben sowie Arbeiten aus der Sammlung des Museum der Moderne Salzburg.

„Seit Jahrtausenden übt der Mond eine enorme Faszination auf die Menschen aus, und mit dieser Ausstellung nehmen wir das Jubiläum der Mondlandung zum Anlass, um den Mond und die Reise dorthin als Thema und Herausforderung für die Kunst näher zu betrachten. Der erstmalige Blick von außen auf den Erdball hat ein neues Bewusstsein für die Fragilität unserer Existenz geweckt und der Blaue Planet selbst wurde zum Sinnbild des Lebens und seiner Verletzlichkeit, was sich auch nachhaltig in künstlerischen Auseinandersetzungen niederschlug“, so Thorsten Sadowsky, Direktor des MdM Salzburg.

Der erste Teil der Ausstellung und somit der Beginn des Rundgangs thematisiert die historische Bedeutung des Mondes, von Galileo Galilei bis hin zur klassischen Moderne. Zu sehen sind in diesem Abschnitt Arbeiten aus jener Zeit, in der das tatsächliche Betreten der Mondoberfläche für die Menschen noch ein fantastischer Traum war. Nichtsdestotrotz gelang es durch technische Errungenschaften, wie etwa durch das Teleskop, detaillierte Beobachtungen des Erdtrabanten anzustellen, wovon zahlreiche künstlerische Werke zeugen. Dem epochalen Ereignis am 20. Juli 1969 und den vorausgegangenen politischen und technischen Entwicklungen ist der zweite Teil der Ausstellung gewidmet. Als am 4. Oktober 1957 die Sowjetunion das erste künstliche Objekt – den Satelliten Sputnik – erfolgreich in die Erdumlaufbahn brachte, löste das im Westen den sogenannten „Sputnikschock“ aus und läutete zugleich das space race zwischen den USA und der Sowjetunion ein.

Hans Baluschek: Illustrationen Gerdt Bernhard von Bassewitz, Verlagsanstalt Hermann Klemm, Berlin-Grunewald: Peterchens Mondfahrt, 1928. Dt. Märchenbücherei Inv.-Nr.:A 82-031 Bröhan-Museum, Berlin. Bild: Bildarchiv Bröhan-Museum, Berlin

Robert Rauschenberg: Ape, 1969. Aus der Stoned Moon Series 3. Galerie Ziegler, Zürich © Robert Rauschenberg Foundation / VG BildKunst, Bonn / Bildrecht, Wien, 2019, Bild: © 1969 Robert Rauschenberg and Gemini G.E.L.

Yinka Shonibare CBE: Spacewalk, 2002. Stephen Friedman Gallery, London © Bildrecht, Wien, 2019

Nuotama Frances Bodomo: Afronauts, 2014. Filmstill. Courtesy die Künstlerin

Begleitet wurde dies durch eine Vielzahl von Propagandaaktionen beider Systeme, die auch künstlerisch ihren Widerhall fanden und in „Fly Me to the Moon“ betrachtet werden. Mit den Folgen der Mondlandung beschäftigt sich der dritte und letzte Teil der Ausstellung. Dieser nimmt die männlich besetzte Rolle des Weltraumfahrers näher unter die Lupe und stellt unter dem Stichwort der „Afronauten“ die geografische Vielfalt von Mond- und Weltraumprogrammen in den Mittelpunkt. Zu sehen sind unter anderem Werke von Coop Himmelb(l)au, Max Ernst, Ernst Ludwig Kirchner, Kiki Kogelnik, Fritz Lang, René Magritte, Edvard Munch, Pipilotti Rist, Niki de Saint Phalle, Andrei Sokolov und Andy Warhol.

www.museumdermoderne.at

15. 7. 2019

MdM Salzburg – Sigalit Landau: Salt Years

Juli 3, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus Salz erschaffene Kunstobjekte

Sigalit Landau: Dead Sea, 2005, Filmstill: Die Künstlerin treibt auf den 500 Wassermelonen, die sie zu einem sechs Meter breiten Spiralfloß verband. Bild: © Studio Sigalit Landau

Ab 6. Juli präsentiert das Musem der Moderne Salzburg an seinen beiden Standorten Rupertinum und Mönchsberg unter dem Titel „Salt Years“ die erste museale Einzelausstellung der israelischen Bildhauerin, Video- und Installationskünstlerin Sigalit Landau im deutschsprachigen Raum. Landau ist eine der bedeutendsten zeitgenössischen Künstlerinnen Israels.

Seit mehr als 15 Jahren nutzt sie das Tote Meer als Inspirationsquelle und Labor für ihre Videoarbeiten, fotografischen Serien und Salzskulpturen. Mit ihren ortsspezifischen Arbeiten nimmt sie Bezug auf das private und kollektive Gedächtnis, archaische und utopische Mythen und auf aktuelle Fragen zur menschlichen Verfassung. Durch den Einsatz von unterschiedlichen Materialien und einem Zusammenspiel mit dem menschlichen Körper verbindet die in Jerusalem geborene Tochter jüdischer Immigranten mit österreichischen Wurzeln das Öffentliche mit dem Intimen, die Geschichte mit persönlichen Erfahrungen und lokale mit epischen Erzählungen. Die Ausstellung am Museum der Moderne Salzburg präsentiert kristalline Salzskulpturen und Installationen, die von Landau seit mehreren Jahren im Toten Meer erschaffen werden.

Fast einem Ritual gleich taucht die Künstlerin zusammen mit ihrem Team Objekte in dieses einzigartige Gewässer. Neben spezifischen Handarbeiten mit symbolischem Charakter, wie beispielsweise Fischernetze oder Skulpturen aus Stacheldraht, verwendet Landau auch immer wieder simple Alltagsgegenstände. Allen ist gemein, dass sie eine verlorene Welt darstellen. Durch das Wasser des Toten Meeres werden die Objekte von einer Kruste aus Salzkristallen umschlossen. Was von Landau aus dem Toten Meer geborgen wird, ist zerbrechlich, schrecklich und schön gleichermaßen, wie historische Fundstücke, die von der Verwandlung der Dinge und den dunkelsten Kapiteln des 20. Jahrhunderts berichten.

Sigalit Landau: Hebung des Tutus aus dem Wasser des Toten Meeres. Bild: © Shaxaf Haber

Sigalit Landau: Tutu, 2017. Bild: Yotam From

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Künstlerin bezeichnet ihre Salzarbeiten als konzeptuelle Readymades und gruppiert sie im Museum der Moderne Salzburg auf dem Mönchsberg zu choreographierten Installationen. Eine Auswahl ihrer Videoarbeiten über das Tote Meer und die Küste des Mittelmeeres wird im Rupertinum auf zwei Stockwerken präsentiert. Darin thematisiert Landau neben Fragen der weiblichen Identität und Körperlichkeit auch die politische Situation in Israel sowie das vom Menschen verursachte Umweltproblem und die daraus resultierende Bedrohung des Toten Meers. Die Personale „Salt Years“ vereint sechs Installationen mit Salzobjekten, eine Serie von Fotografien, die in Zusammenarbeit mit Yotam From entstanden sind, und dreizehn Videoarbeiten.

„Mit großer Intensität und teilweise erschütternder Symbolik und Poesie verhandelt Sigalit Landau in ihrem Werk existenzielle und ambivalente Schwellen- und Grenzerfahrungen. Entstanden in einer der konfliktreichsten Regionen der Erde, zeugen diese Arbeiten von der Vision eines gemeinsamen, friedlichen Zusammenlebens unterschiedlicher Menschen, Religionen, Kulturen und Weltanschauungen und besitzen dadurch eine universelle Relevanz“, erklärt Thorsten Sadowsky, Direktor des Museums der Moderne Salzburg.

Sigalit Landau: When I go, 2017. Readymades – doppelseitiger Hocker, Cello, Bogen, Holzstuhl, Brautschleier. Bild: © Yotam From

„In Anbetracht der Geschichte und der Erinnerungen meiner Familie an Österreich freue ich mich überaus, meine Salzkristall-Skulpturen in Salzburg ausstellen zu können – einer Stadt, in der Salz ein wichtiger Teil der Geschichte war. Die neuen Skulpturen begeben sich vom tiefsten Punkt der Erde, dem Toten Meer, auf den Mönchsberg. In meinen Arbeiten stellt das Tote Meer eine Reflexion dar. Einen Ort, der die Zeit in glamouröse Kristalle verwandelt und Salz – ein Element, das Leben bewahrt, heilt und ermöglicht, aber auch vergiften, konservieren und konstruieren kann – dient als mein Medium und Botschafter“, so die Künstlerin Sigalit Landau.

www.museumdermoderne.at           www.sigalitlandau.com

3. 7. 2019