Die Neue Oper Wien streamt Videos ihrer Produktionen

April 3, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Anfang macht Bernhard Langs „Der Reigen“

Das Graphic-Novel-Bühnenbild beschwört das Zwischenkriegswien: Walter Kobéra, amadeus ensemble, Anita Giovanna Rosati und Thomas Lichtenecker Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Auch die Neue Oper Wien hat nun einen Stream eingerichtet. Videos vergangener Produktionen finden sich ab sofort hier: neueoperwien.at/node/179/aktuell/video. Die Videos werden laufend ergänzt und bleiben voraussichtlich bis 30. Juni online. Den Anfang machen „Der Reigen“ von Bernhard Lang, Libretto von Michael Sturminger nach Arthur Schnitzler, Inszenierung von Alexandra Liedtke.

Sowie Šimon Vosečeks „Biedermann und die Brandstifter“ nach Max Frisch in der Regie von Béatrice Lachaussée. Für 22. Juni ist die österreichische Erstaufführung von „Prosperina“ in der Wiener Kammeroper geplant. Wolfgang Rihm hat sich des Goethe-Stoffes angenommen und ein Kleinod geschaffen, das 2009 bei den Schwetzinger Festspielen uraufgeführt wurde. Rihms Partitur ist herausragend, vom ersten Takt an strömen raumgreifend die für den Komponisten typischen Klänge und tragen so den Kampf der Dauergefangenen in der Unterwelt um eine menschenwürdige Existenz aus: Ein vokaler Befreiungsschlag einer tragischen Persönlichkeit. Die Prosperina singt und spielt Rebecca Nelsen, die Inszenierung ist von Rebecca Greenstein, am Pult wie stets: NOW-Intendant Walter Kobéra.

Barbara Pöltl und Marco Di Sapia. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Alexander Kaimbacher. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Thomas Lichtenecker und Alexander Kaimbacher. Bild: © Armin Bardel

Kritik: Der Reigen

Schneller Sex im Wartesaal der Liebe

L-I-E-B-E schreibt eine Gestalt zu Anfang auf die fünf schwarzen Wartesaalsessel. Am Ende wird das Ensemble auf ihnen Platz nehmen, angeschlagen, ausgelaugt, aber ausharrend, ob dies Glück in Großbuchstaben nicht doch noch um die Ecke lugt. Die Verheißung aber trügt, im Wartesaal der Liebe gibt es für sie nichts als schnellen Sex. So ist das eben bei Arthur Schnitzler – und nun in Bernhard Langs musiktheatralischem Werk „Der Reigen“, das die Neue Oper Wien zur österreichischen Erstaufführung brachte.

Nach der Premiere bei den Bregenzer Festspielen ist die Produktion seit gestern im Rahmen von Wien Modern im MuseumsQuartier zu sehen. Und siehe: Die in allen Klangfarben schillernde Komposition samt dem wohltuend originaltexttreuen Libretto von Michael Sturminger, die fantasievolle, schlüssig heutige Inszenierung von Alexandra Liedtke im formidablen Graphic-Novel-Bühnenbild von Falko Herold und Florian Schaaf, das von Walter Kobéra exzellent geführte amadeus ensemble-wien – mit der sich als Teil des Orchesters ausweisenden Klangdesignerin Christina Bauer – und die makellose Leistung der Solistinnen und Solisten, machen aus dem Abend ein weiteres Glanzstück auf der diesbezüglich langen Liste der NOW.

Eines, das sich wie selbstverständlich getraut, ohne die Gedankenstriche der Schnitzler’schen Szenenfolge zu verfahren. Heißt, dass es in der Halle E ganz schön zur Sache geht. Eine Fellatio im Stiegenhaus, ein „Vorhängeschloss“ in der Waschküche, Telefonanie, hier wird sich nicht geschont, stattdessen von Höhepunkt zu Höhepunkt gesungen, und von Hotelsex bis Treppenaffäre greift Lang des Autors Idee des Immergleichen in den für ihn typischen Loops auf. „Die Zeit meiner Jugend, die Zeit meiner Jugend“, beschwört der Ehemann beim Sich-Vergnügen mit dem Schulmädchen eine mutmaßlich inexistente Erinnerung herauf, dieses wie die anderen expressiven Bilder mit musikalischen Zitaten aus der „Reigen“-Skandal-Zeit untermalt.

Eine Art Motto pro einzelner Begegnung und derart mal ein impressionistisches Flimmern à la Débussy, mal eine kräftige Prise Alban Berg, dazu Jazz, Swing, ein wenig Gershwin, etwas Bernstein, sogar Rap, und die Protagonisten auch imstande diese Poystilistik zu bedienen. Wobei sich zur gesanglichen die darstellerische Herausforderung gesellt, je zwei komplett konträre Charaktere zu verkörpern … weiter auf: www.mottingers-meinung.at/?p=36070

neueoperwien.at           neueoperwien.at/node/179/aktuell/video

Der Reigen: www.youtube.com/watch?time_continue=16&v=AC3IkVfRXj4&feature=emb_logo

Biedermann und die Brandstifter: www.youtube.com/watch?time_continue=1297&v=0ZNm59fr7zY&feature=emb_logo

3. 4. 2020

The Beginning: Die Albertina Modern im Künstlerhaus

März 10, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Eröffnung mit Kunst aus Österreich von 1945 bis 1980

Christian Ludwig Attersee: Torte mit Speisekugeln und Speiseblau, 1967. Albertina, Wien – Familiensammlung Haselsteiner © Bildrecht, Wien, 2020

Die ganz große Publikumseröffnung musste wegen der Corona-Maßnahmen zwar abgesagt werden, nichtsdestotrotz öffnet die Albertina Modern am neuen Standort Künstlerhaus am 13. März ihre Pforten. Mit der Ausstellung „The Beginning. Kunst in Österreich 1945 bis 1980“ bietet sie erstmals einen umfassenden Überblick einer der innovativsten Epochen österreichischer Kunstgeschichte.

Die Schau präsentiert die wichtigsten Positionen an der Schwelle zur Postmoderne –vom Wiener Phantastischen Realismus über die frühe Abstraktion, den Wiener Aktionismus, die kinetische und konkrete Kunst sowie die österreichische Spielvariante der Popart bis zu dem für Wien so kennzeichnenden gesellschaftskritischen Realismus. Gemeinsam sind den Künstlerinnen und Künstlern dieser Zeit die radikale Ablehnung von Autorität und Hierarchie.

Die Kritik an der Verdrängung vergangener Schuld und die kompromisslose Zurückweisung eines reaktionären Kunstverständnisses, das weit über 1945 hinaus in Österreich als Ideal gilt. Gegen dieses Ideal verstoßen die Schreckensbilder des frühen Ernst Fuchs, Anton Lehmden und Rudolf Hausner. Die Wiener Aktionisten von Otto Mühl bis Günter Brus und Hermann Nitsch spielen darauf an, während die Abstrakten, Wolfgang Hollegha und Markus Prachensky dagegen anmalen. Die gesellschaftskritischen Realisten von Alfred Hrdlicka über ReimoWukounig bis Gottfried Helnwein verfluchen dieses Ideal und Wiens Speerspitze der Art Brut von Franz Ringel bis Peter Pongratz verspottet es.

VALIE EXPORT: Aktionshose: Genitalpanik, 1969/2001. Albertina, Wien – The Essl Collection © Bildrecht, Wien, 2020

Alfred Hrdlicka: Hommage à Sonny Liston, 1965. Wien Museum © Alfred Hrdlicka-Archiv, Wien

Maria Lassnig: Woman Power, 1979. Albertina, Wien –The Essl Collection © Maria Lassnig Stiftung / Bildrecht, Wien, 2020

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aber auch die Künstlerinnen, die ab den späten 1960er-Jahren den Konflikt der Geschlechter zum Ausgangspunkt ihrer widerständigen Kunst machen, bekämpfen das reaktionäre Ideal. Die Aktionistin VALIE EXPORT und die spätere feministische Avantgarde, von Renate Bertlmann und Friederike Pezold bis Birgit Jürgenssen und Karin Mack, sind es nicht nur leid, sich von Männern repräsentieren und darstellen zu lassen. Sie beziehen auch Position gegen ein Männerbild, das immer noch von den Geschlechterrollen, Zwängen und Tabus des Austro-Faschismus und Dritten Reichs bestimmt ist.

So ergibt sich für diese Ausstellung eine Epochengrenze, die über die Besatzungszeit hinausreicht, und der erst mit den 1980er-Jahren ein anderer, ein neuer Abschnitt der Kunstgeschichte gegenübersteht. 2021 wird mit „The Eighties“ dieser neueAbschnitt ebenfalls zum Gegenstand einer großen Ausstellung in der Albertina Modern.

Peter Pongratz: Schutzengel, 1971. Albertina, Wien – The Essl Collection © Bildrecht, Wien, 2020

Gottfried Helnwein: Der höhnische Arzt, 1973. Albertina, Wien – Leihgabe aus Privatsammlung © Bildrecht, Wien, 2020

„The Beginning“ widmet den großen Einzelgängern Friedensreich Hundertwasser, Arnulf Rainer und Maria Lassnig eigene Räume. Was Skulptur und Objektkunst in diesem Zeitraum bedeuten kann, veranschaulichen Hauptwerke von Joannis Avramidis und Rudolf Hoflehner über Wander Bertoni und Roland Goeschl bis Curt Stenvert, Bruno Gironcoli und Cornelius Kolig. Die Eröffnungsausstellung zeigt insgesamt fast 100 Künstlerinnen und Künstler dieser sich über drei Jahrzehnte spannenden Epoche vor der Schwelle zur Postmoderne.

Die Aufarbeitung von Ständestaat und Nationalsozialismus sowie die internationale Vernetzung aller wesentlichen Protagonistinnen und Protagonisten sind bislang oft übersehene Kennzeichen dieser Wiener Avantgarden. Ausgangspunkt der Ausstellung mit etwa 360 Kunstwerken – Gemälde, Skulpturen, Objekte, Zeichnungen, Videos, Fotografien und Installationen – sind die Sammlungen der Albertina, die jüngst durch die Akquisition der Sammlung Essl eine große Bereicherung erfahren haben.

Live-Stream zum Festakt, 12. März, 18.30 Uhr: www.facebook.com/AlbertinaMuseum

The Making Of a New Museum: www.youtube.com/watch?v=kASOUydk8to           www.youtube.com/watch?v=AM0F8HP0CL4

www.albertina.at

10. 3. 2020

Neue Oper Wien: Der Reigen

November 13, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Schneller Sex im Wartesaal der Liebe

Das Graphic-Novel-Bühnenbild beschwört das Zwischenkriegswien: Walter Kobéra, amadeus ensemble, Anita Giovanna Rosati und Thomas Lichtenecker Bild: © Anja Köhler | andereart.de

L-I-E-B-E schreibt eine Gestalt zu Anfang auf die fünf schwarzen Wartesaalsessel. Am Ende wird das Ensemble auf ihnen Platz nehmen, angeschlagen, ausgelaugt, aber ausharrend, ob dies Glück in Großbuchstaben nicht doch noch um die Ecke lugt. Die Verheißung aber trügt, im Wartesaal der Liebe gibt es für sie nichts als schnellen Sex. So ist das eben bei Arthur Schnitzler – und nun in Bernhard Langs

musiktheatralischem Werk „Der Reigen“, das die Neue Oper Wien zur österreichischen Erstaufführung brachte. Nach der Premiere bei den Bregenzer Festspielen ist die Produktion seit gestern im Rahmen von Wien Modern im MuseumsQuartier zu sehen. Und siehe: Die in allen Klangfarben schillernde Komposition samt dem wohltuend originaltexttreuen Libretto von Michael Sturminger, die fantasievolle, schlüssig heutige Inszenierung von Alexandra Liedtke im formidablen Graphic-Novel-Bühnenbild von Falko Herold und Florian Schaaf, das von Walter Kobéra exzellent geführte amadeus ensemble-wien – mit der sich als Teil des Orchesters ausweisenden Klangdesignerin Christina Bauer – und die makellose Leistung der Solistinnen und Solisten, machen aus dem Abend ein weiteres Glanzstück auf der diesbezüglich langen Liste der NOW.

Eines, das sich wie selbstverständlich getraut, ohne die Gedankenstriche der Schnitzler’schen Szenenfolge zu verfahren. Heißt, dass es in der Halle E ganz schön zur Sache geht. Eine Fellatio im Stiegenhaus, ein „Vorhängeschloss“ in der Waschküche, Telefonanie, hier wird sich nicht geschont, stattdessen von Höhepunkt zu Höhepunkt gesungen, und von Hotelsex bis Treppenaffäre greift Lang des Autors Idee des Immergleichen in den für ihn typischen Loops auf. „Die Zeit meiner Jugend, die Zeit meiner Jugend“, beschwört der Ehemann beim Sich-Vergnügen mit dem Schulmädchen eine mutmaßlich inexistente Erinnerung herauf, dieses wie die anderen expressiven Bilder mit musikalischen Zitaten aus der „Reigen“-Skandal-Zeit untermalt.

Barbara Pöltl und Marco Di Sapia. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Alexander Kaimbacher. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Thomas Lichtenecker und Alexander Kaimbacher. Bild: © Armin Bardel

Eine Art Motto pro einzelner Begegnung und derart mal ein impressionistisches Flimmern à la Débussy, mal eine kräftige Prise Alban Berg, dazu Jazz, Swing, ein wenig Gershwin, etwas Bernstein, sogar Rap, und die Protagonisten auch imstande diese Poystilistik zu bedienen. Wobei sich zur gesanglichen die darstellerische Herausforderung gesellt, je zwei komplett konträre Charaktere zu verkörpern. Alexander Kaimbacher etwa wagt sich als zum brutal besoffenen Vorstadtkiberer mutierten „Soldaten“ bis an die Ekelgrenze, er trieft vor Widerwärtigkeit, wenn er in breitestem Wienerisch auf die Prostituierte losgeht. Als Autor wiederum kann er gar nicht genug hochgestochen Süßholz raspeln, während ihn Anita Giovanna Rosati als satirisch begabtes Schulmädchen am Gängelband, ist gleich dem Telefonkabel, führt.

Rosati gelingt mit ihrem angenehmen Sopran auch ein schauspielerisches Kabinettstück, mit Marco Di Sapias Ehemann, dem sie weismacht, allein durch den Wein wären seine Verführungskünste so berauschend, dass sie schließlich in seine Arme taumelte. Nach dem Waschmaschinenkoitus mit der „jungen Frau“ Barbara Pöltls, sie danach die mütterlich-mitleidige Dirne, wechselt Di Sapia vom dauerdozierenden Ehemann zum Privatier, früher: Graf, und seinen Bariton von auftrumpfend-oberlehrerhaft zu ältlich-vertrocknet. Großartig ist es, wie seine Körpersprache das beginnende Greisentum der Figur plausibel macht, diese mimisch-gestische Wundertat nur übertroffen von Thomas Lichtenecker.

Dem Countertenor kommt nach Bernhard Langs Wille nämlich die Aufgabe zu, zwischen den Geschlechtern zu pendeln. Lichtenecker gibt den jungen Mann mit einer ordentlichen Portion upperclassiger Verzogenheit – und mit Rosati als herrenreitendem Hausmädchen – und mit Bravour die Schauspielerin. Eine zwischen schrill und süßlich changierende Diva, unduldsam im Wellnessurlaub mit dem mittlerweile ungeliebten Autor, dann, weil mit dem immerhin finanziell potentem Privatier in der Theatergarderobe, eine kokette Kokotte – beide Episoden von der die Handlung gnadenlos ironisierenden Liedtke als jene groteske Komödie entworfen, als die Schnitzler seinen „Reigen“ so gerne gestalten wollte, das Genderspiel auf die Spitze getrieben, die Boy-Actor-Assoziation perfekt, sobald Lichtenecker seine nackte Männerbrust aus dem elisabethanischen Mieder schält.

Schauspielerin und Privatier: Thomas Lichtenecker und Marco Di Sapia. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Barbara Pöltl als Prostituierte und Marco Di Sapia als Privatier. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Entscheidend zum Gelingen der Aufführung tragen die optischen Lösungen von Herold und Schaaf bei, die das Bühnenbild nicht nur zu immer wieder neuen Guckkastenzimmern öffnen, sondern auch via animierter Schwarzweißzeichnungen ästhetisch düstere Schauplätze von der Karlsplatzpassage übers Hotel Orient bis zum 30iger-Jahre-Gemeindebau entstehen lassen. Diverse Orgasmen werden als hypnotische Spiralen visualisiert, klar: die sich im Schleudergang drehende Waschtrommel bietet sich geradezu an, neugierige Nachbarn spechteln derweil hinter Vorhängen hervor. Das Publikum zollte allen an diesem Ausnahmeprojekt Beteiligten begeistert Beifall, allen voran selbstverständlich dem wie stets souverän über das Geschehen wachenden Walter Kobéra.

Video: www.youtube.com/watch?v=HXXXc5vlmyU&feature=emb_logo           neueoperwien.at

  1. 11, 2019

Wien modern: Pop.Song.Voice.

Oktober 28, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Programmtipps von Klaus Nomi bis Nali Gruber

Arturo Fuentes Bild: © Stefan Fuhrer

Arturo Fuentes
Bild: © Stefan Fuhrer

Wien modern, das Festival für Musik der Gegenwart, steht dieses Jahr ganz im Zeichen von Pop.Song.Voice. Von 5. bis 28. November finden an 16 Spielorten an die 50 Veranstaltungen statt; der künstlerische Leiter Matthias Lošek, der das Spektakel heuer zum letzten Mal verantwortet, verabschiedet sich mit einem gekonnten Mix aus zeitgenössischer Musik und Popkultur.

Drei Tipps aus dem umfangreichen Programm:

Manuela Kerer und Arturo Fuentes präsentieren die gemeinsame Uraufführung eines satirischen Musiktheaters: Whatever Works von Dimitré Dinev zeigt ab 7. November im Rabenhof Theater, wie man Katastrophenhilfe zur Karrierehilfe umfunktionieren kann und was man dazu braucht: Drei Staatslimousinen, deren Chauffeure Hilfsgüter in die Dritte Welt transportieren, für die dort niemand Verwendung hat, und einen Chor, der regelmäßig den Applaus für die sinnlosen Taten zweier Karrierefrauen abliefert. Michael Scheidl inszeniert, Simeon Pironkoff dirigiert. Es singen u. a. Shira Karmon, Stefan Bleiberschnig und PHACE.

Ein Countertenor aus dem All: Olga Neuwirths Hommage à Klaus Nomi, eine Uraufführung der komplettierten Kammerorchesterfassung am 9. November im Musikverein, ist eine musikalische, aber auch biografische Auseinandersetzung mit dieser einzigartigen Persönlichkeit. Mit ihrer unverwechselbaren Klangsprache und eigenen Ästhetik nähert sich die Komponistin den Songs von Klaus Nomi und lässt die Zuhörer in dessen extrovertierte, hyperstilisierte Welt eintauchen. Neuwirth stellt Stimme und Pop ins Zentrum, präsentiert vom britischen Countertenor Andrew Watts und dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Cornelius Meister.

Am 15. November gestalten die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Erik Nielsen im Wiener Konzerthaus einen Abend mit Werken von HK Gruber und Johannes Maria Staud. Für „In into the open …“ bindet Nali Gruber das Schlagwerk von Colin Currie dicht in den Orchesterklang ein, konzentrierte Klänge, die Widerhall im Orchester finden und neue Klangfarben entstehen lassen. Sie prägen das Werk, das dem Andenken an den Verleger und Musikwissenschafter David Drew gewidmet ist. Stauds Diptychon „Zimt“ geht auf die geheimnisvolle Welt des Dichters Bruno Schulz zurück und spürt den verwunschenen Gärten, labyrinthartigen Dachböden und dem Gassengewirr seiner Texte musikalisch nach.

Das gesamte Programm: wienmodern.at

Wien, 28. 10. 2015

Schauspielhaus Wien: Saving Kammerjunker Puschkin

Dezember 22, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geschichte des gescheiterten Heldentums

СПАСТИ КАМЕР-ЮНКЕРА ПУШКИНА
история несостоявшегося подвига

Alexander Ovchinnikov Bild: © Moscow School of Modern Drama

Alexander Ovchinnikov
Bild: © Moscow School of Modern Drama

„Puschkin begann ich schon in meiner Kindheit zu hassen“ – mit diesem Satz beginnt „Saving Kammerjunker Puschkin“ von Michael Heifetz. Die Produktion des Moskauer Theaters „School of Modern Drama“ ist erstmals in Wien zu sehen (Die Moskauer Truppe war bereits im März 2013 mit zwei sehr erfolgreichen Stücken des russischen Autors Jewgenij Grischkowez, „Die Stadt“ und „Das Haus“, im Schauspielhaus Wien zu Gast) – und wagt eine zeitgenössische Perspektive auf den russischen Nationaldichter: Pitunin, ein einfacher russischer Bürger und Prototyp der von Puschkin beschriebenen Persönlichkeiten – ohne besondere Ideen, ohne nationale Identität, ohne hohe Ideale, ohne Leidenschaft und Enthusiasmus – kann den Schriftsteller nicht ausstehen. Seit seinem fünften Lebensjahr fühlt er sich von den Gedichten Puschkins malträtiert, und sein wachsender Hass begleitet ihn bis ins Erwachsenenalter. Doch plötzlich geschieht etwas Seltsames: Wie durch ein Wunder verändert sich das Leben Pitunins, es beginnt, der Biografie Puschkins immer mehr zu ähneln. Pitunin begegnet neben seinen eigenen Dämonen unter anderem Puschkins Erzfeind Georges-Charles de Heeckeren – das Duell zwischen den beiden hatte 1837 zu Puschkins Tode geführt. Wer wird heute das Duell gewinnen?

Jedenfalls der Humor. Die hervorragenden Darsteller spielen mit der Mischung aus Witz, Wahnsinn und Wehmut (Inszenierung: Valeria Kuznetsova und Intendant Iosif Raykhelgauz), die nur der russischen Seele eigen ist. Gleich zu Beginn gibt es – in russischer Sprache mit deutschen Übertiteln – einen Diskurs mit dem Techniker, der zum gesprochenen Text die Übersetzung zu schnell über die Monitore laufen lässt. So muss man drei Mal von vorne anfangen. „Höchste Dramatik“ begleitet von Zirkushupen und Slapstickfilmgeräuschen. Versatzstücke und Kostüme an die Zeit um 1830 lässig angelehnt, die Bühne (von Alex Tregubov) ein mit Erde bedeckter Laufsteg zwischen zwei Zuschauertribünen. Dazu eine „Diashow“ wie ein Figurentheater. Einmal etwa verwandelt sich die Triade Marx, Engels, Lenin in die Schwestern Gontscharow.

Alexander Ovchinnikov ist hinreißend als Pitunin. Ein pummeliger Brillenträger, der irgendwie immer neben dem Geschehen steht. Ins Leben gewürfelt und auf der Eins liegengeblieben. Schon im Kindergarten getadelt wegen der Umsetzung eines Puschkin-Gedichts (eine Schaufel, auf der „Pope“ steht und ein Kamerad, der einen weißen Luftballon als „Sprechblase“ mit dem Ausruf  „Ha-ha-ha“ im Mund hat), kommt er ausgerechnet ans Puschkin-Gymnasium, wo er am Auswendiglernen von „Eugen Onegin“ scheitert, er kann nur die vulgäre Straßenfassung; gequält wie hierzulande Schüler mit „Der Bürgschaft“ oder der „Glocke“ lässt er Lehrerinnenmonologe über Puschkins 20 Duelle und, warum er nie jemanden erschossen hat, über sich ergehen. Wegen Desinteresse folgen Blitz, Donner und Schuldirektor. Erst in der Kinohochschule wandelt sich die Beziehung zum Nationaldichter. Die erste Liebe will dessen Gedichte ins Ohr gewispert haben. Da lernt es sich doch leicht für die gute Sache: Nicht für die Schule, sondern für die Umsetzung des F-Worts lernen wir … Danielle Selitskii, Tatiana Tsirenina und Valery Kuznetsov sind höchst anmutig in allen Mädchen- bis Frauenrollen, auch als die Gontscharowas.

Hier beginnen sich Vergangenheit und Gegenwart zu überschneiden. Denn die Liebste will wissen, wie man Puschkin hätte retten können, ja, sie malt sogar ein Bild, in dem Pitunins Brust die für ihren Helden bestimmte Kugel auffängt. Singend, tanzend, Gitarre spielend, sich duellierend bewegt sich das Ensemble durch die Zeitebenen. Auf seinem Leidensweg begleitet wird Ovchinnikov von Nikolai Golubev und Ivan Mamonov in vielen skurill-tragischen Rollen. Vom Kindergarten bis zum Militärdienst. Wo er natürlich am Jahrestag beim Deklamieren des Gedichts über den Dekabristenaufstand versagt. Was ihm zehn Tage Kerker einbringt. Doch immer näher fühlt er sich seinem literarischen Erzfeind. Das Leben spielt. Pitunin ist geschieden, muss für sein Kino schuften wie ein Pferd. Hat aber noch eine schöne Wohnung, nach der ihn seine Freunde oft und gerne fragen. Sie sind nun als Schutzmänner, also Polizisten, gleichsam Schutzgeldeintreiber. 

Perestroika und keiner will mehr Puschkin. Da übermannt Pitunin der Zorn. Er wird zu Puschkin.

Er, der überhaupt nur Kammerjunker wurde, damit man seine überaus schöne Frau Natalja Gontscharowa zu Hofbällen einladen konnte, platzt vor Eifersucht. Georges-Charles de Heeckeren d’Anthès, ironischerweise verheiratet mit Nataljas Schwester Katharina, macht Natalja Puschkina in auffallender und provozierender Weise den Hof. Durch seine aufdringlich zur Schau gestellte Verehrung für Puschkins Frau entstehen Gerüchte, durch die deren eheliche Treue in Zweifel und somit die Duellpistole gezogen wird. Puschkin/Pitunin stirbt durch einen Bauchschuss. D’Anthès hat getroffen. Oder waren es doch seine beiden „Freunde“, die ihn nun in die Holzkiste werfen und die Wohnung in Besitz nehmen?

Eine gelungenes Spiel im Spiel, eine fabelhafte Annäherung an das Schriftstellergenie, bei dem man sich als Nicht-Russe (die den Großteil des Publikums bestreiten) seiner dringend aufzufüllenden Leselücken bewusst wird, eine Arbeit, bei der auch das aktuelle Russland seine Watschn kassiert. Dieses Duell mit Puschkin hat die Moskauer „School of Modern Drama“ eindeutig gewonnen.

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=yl_r4A_jMZE

http://eng.neglinka29.ru/index.php

www.schauspielhaus.at

Wien, 22. 12. 2014