Albertina modern: Online-Führungen durch „THE 80s. Die Kunst der 80er Jahre“. In fünf Sprachen

November 24, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Jungen Wilden und ihre „Heftige Malerei“

Gilbert & George: We Are, 1985. Collection Thaddaeus Ropac, London · Paris · Salzburg · Seoul © Gilbert & George / © Bildrecht, Wien 2021

Ab morgen bieten Albertina und Albertina modern Online-Führungen durch ihre aktuellen Ausstellungen. Via Zoom kann man live und digital dabei sein, wenn die Kunstvermittlerinnen und Kunstvermittler der Häuser die Highlights der Schauen präsentieren, Hintergründe erläutern und auf die Live-Fragen des Publikums eingehen. Preis für ein Online-Ticket: 5 Euro. Einen besonderen Stellenwert in diesem Lockdown-Programm nimmt der Ausstellungs-

rundgang durch „THE 80s. Die Kunst der 80er Jahre“ der Albertina modern ein, der in den Sprachen Deutsch, Französisch, Spanisch, Russisch und Italienisch mitzuerleben ist. Die Ausstellung „The 80s“ in der Albertina modern präsentiert mehr als 160 Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern, die nicht nur dieses Jahrzehnt bestimmten, sondern deren Schaffen weit in die Kunst des 21. Jahrhunderts vorausreicht. Die 1980er: Es ist das Zeitalter des (Neo-)Liberalismus, der nun endgültig in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft angekommen ist. Margaret Thatcher und Ronald Reagan regieren mit konservativen Kräften den anglo-amerikanischen Raum.

Das Aufkommen der ersten PCs, von Videospielen, Globalisierung, der Öffnung der nationalen Grenzen und steigende Mobilität suggerieren eine Welt in relativer Harmonie. Kino-Besucherrekorde, technischer Fortschritt und die Verlockungen des Konsums versprechen eine rosige Zukunft. Auch vom Ende der Geschichte, einem saturierten, westlich dominierten Weltbild ist da und dort die Rede. Und doch: Das Ende des Zweiten Weltkrieges ist nur ein junges Menschenleben entfernt. Nach vorne drängt eine Generation, die genug vom Nachkriegsmuff hat. Eine Generation, der Wohlstand und Gemütlichkeit keineswegs genügen. Wer sich nicht zu sehr ablenken lässt, erkennt eine Welt im OstWestKonflikt, spürt den Druck der atomaren Aufrüstung oder ist durch die Friedensbewegung und die deutsche Wiedervereinigung geprägt.

Es ist ein Jahrzehnt der Rebellion, aus den Radios ertönt Elektromusik mit sinnlosen Texten, Wave und Punk zeigen der Gesellschaft offen ihren Unmut. Aus dem Untergrund erwächst eine Avantgarde, die experimentiert, in Frage stellt und einen Spiegel vorhält. Die Kunst der 1980er ist bunt und facettenreich. Sie kann alles sein, nur eines nicht: langweilig. In den Achtzigerjahren wurde plötzlich alles möglich. Die großen gesellschaftlichen und politischen Umbrüche sind auch in der Kunst deutlich sichtbar. Künstlergruppen brechen mit dem festgefahreren Kunstbetrieb, entthronen die Avantgarde: Die „Jungen Wilden“ entdecken die bildende Kunst neu und stellen ebenso selbstbewusst wie gesellschaftlich engagiert unter dem Begriff „Heftige Malerei“ aus.

Jeff Koons: Bear and Policeman, 1988. Kunstmuseum Wolfsburg © Jeff Koons. Bild: Gautier Deblonde

Izhar Patkin: Don Quijote Segunda Parte, 1987. Privatsammlung © Izhar Patkin

Mike Kelley: Estral Star #3, 1989. Sammlung Ringier, Schweiz © Bildrecht, Wien 2021. Bild: Gerhard Born

Nicht eine Geschichte, sondern viele kleine Erzählungen bestimmen die 1980erJahre. Vielfalt im Denken und Handeln, Wissen und Glauben haben Hochkonjunktur. Grenzerweiterungen in vielerlei Hinsicht und Vernetzung gehören zu den wesentlichen Kennzeichen dieser Zeit. Wie kaum ein anderes Jahrzehnt haben sich die Achtzigerjahre ins Gedächtnis derjenigen eingebrannt, die diese Dekade erlebten. Die schrillen Retrovisionen, die in zyklischen Abständen ein Revival erleben, begeistern aber auch heute noch jüngere Generationen. Nach den kargen Jahren von Konzeptkunst und Minimalismus äußern sich die Neuen Wilden nun auf bunte und vor
allem auch sehr experimentelle Weise. Entdeckung und die Freude am Neuen stehen im Vordergrund. Ein Versuchslabor, das auch vor Kitsch und Pathos keinerlei Berührungsängste mitbringt. Mehr noch: Als sicheres Zeichen von Selbstreflektion, vielleicht auch als Augenzwinkern, wird der Finger dorthin gelegt, wo sich die massentauglich inszenierte Gesellschaft etwas zu ernst nimmt.

In der bildenden Kunst macht sich das „Anything Goes“ des anarchistisch denkenden Österreichers Paul Feyerabend durch stilistischen Reichtum bemerkbar. Der sogenannte Hunger nach Bildern, der diese Dekade einläutete und sich in den expressiven Gesten der Jungen Wilden auf großformatigen Leinwänden widerspiegelt, ist nur als Gegenbewegung zu den minimalistischen und konzeptuellen Strömungen der 1960er und 1970erJahre verständlich. „Die Kunst wuchert, zeugt Triebe und Filiationen, bildet Knotenpunkte und Verästelungen“, schreibt der Herausgeber des damals angesagten Kunstmagazins „Wolkenkratzer“ Wolfgang Max Faust. Nun steht Abstraktion neben greifbarer Figuration, Emotion neben rationaler Kühle. Die neuen Medien, das anbrechende digitale Zeitalter bringen eine neue Kunst der Chiffre, Fiktion und Kopie hervor.

David Salle: Room with blue statue, 1986. Albertina, Wien – The Essl Collection © Bildrecht, Wien, 2021

Francesco Clemente: Hermaphrodite, 1985. Albertina, Wien – The Jablonka Collection © Francesco Clemente

Isolde Joham: Electric Rider, 1981. Privatsammlung © Isolde Joham | Bild: Olga Pohankova

Bruce Nauman: Sex and Death by Murder and Suicide,1985. Emanuel Hoffmann-Stiftung, Depositum in der Öffentlichen Kunstsammlung Basel © Bruce Nauman/ Bildrecht, Wien, 2021. Bild: Bisig & Bayer, Basel

Die 1980erJahren, die von Jeff Koons und Jenny Holzer über JeanMichel Basquiat und Keith Haring bis zu Cindy Sherman und Richard Prince reichen, sind die Wiege der Kunst von heute. Fragen der Aneignung und der Autorschaft werden genauso diskutiert wie Kritik an der Konsumkultur. Das Oeuvre von österreichischen Kunstschaffenden wie Brigitte Kowanz und Erwin Wurm über Herbert Brandl und Maria Lassnig bis zu Franz West und Peter Kogler gliedert sich in der Ausstellung „The 80s.“ mühelos in den Kanon eines internationalen Staraufgebots ein. Vertreter sind unter anderem Jean Michel Basquiat, Jeff Koons, Keith Haring, Robert Longo, Cindy Sherman, Sherrie Levine und Jenny Holzer. Ihre Kunst bezeichnet einen wichtigen Wendepunkt in der jüngeren Kunstgeschichte.

Aber nicht nur die Hauptvertreter der amerikanischen Picture Generation und der Approbiation Art zeigt die Ausstellung über die 80erJahre, sondern auch die wichtigsten Exponenten der italienischen Transavantgarde wie Francesco Clemente und Sandro Chia, und auch dem bis heute einflussreichen deutschen Beitrag dieses Jahrzehnts, Martin Kippenberger und Albert Oehlen, sowie die wichtigsten österreichischen KünstlerInnen der 80erJahre, Brigitte Kowanz und Isolde Joham, daneben Brandl, Schmalix, Scheibl und Moosbacher. Als Hauptvertreter der Neuen Wilden, Rockenschaub und Peter Kogler als Vertreter des Neo Geo und der Installationskunst. Einzelfiguren wie Franz West, Erwin Wurm und Maria Lassnig werden eine herausragende Rolle spielen in diesem Überblick über das in seiner Bedeutung für die Gegenwartskunst gar nicht zu überschätzenden Jahrzehnt.

Weitere Online-Führungen gibt es unter anderem zu den Schauen „American Photography“ (www.mottingers-meinung.at/?p=47267) oder „Modigliani“ (www.mottingers-meinung.at/?p=47693).

www.albertina.at/albertina-modern/ausstellungen/digital

Online-Workshops für TeilnehmerInnen ab 14 Jahren

Wer sich selbst mit Pinsel oder Bleistift beweisen will, dem bietet die Albertina Online-Workshops, in denen unterschiedliche Techniken sowie künstlerische Themen im Mittelpunkt stehen. Bei Hands on gestaltet man ein expressives Porträt einer Hand in Acrylfarben. Vom wohl berühmtesten Hasen der Albertina (Albrecht Dürers aus der Sammlung Albertina) lässt man sich bei Aquarell & Hase inspirieren. Alles andere als leise wird ein Stillleben in Pastellkreide nach Vorbildern der Ausstellung „Monet bis Picasso“ ausfallen. Die Vielfalt grafischer Techniken lotet das Programm Schwarz/Weiß aus. Die Workshops dauern 1,5 Stunden und richten sich an alle ab 14 Jahren. Die Materialien erhalten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einige Tage vor Termin per Post. Die Teilnahmegebühr beträgt 28 Euro. Mehr Informationen hat die Albertina Kunstvermittlung: besucher@albertina.at

shop.albertina.at/de/online-programme/workshopsonline

24. 11. 2021

Albertina modern: THE 80s. Die Kunst der 80er Jahre

Oktober 11, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Jungen Wilden und ihre „Heftige Malerei“

Gilbert & George: We Are, 1985. Collection Thaddaeus Ropac, London · Paris · Salzburg · Seoul © Gilbert & George / © Bildrecht, Wien 2021

Die Ausstellung „The 80s“ in der Albertina modern präsentiert ab 10. Oktober mehr als 160 Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern, die nicht nur dieses Jahrzehnt bestimmten, sondern deren Schaffen weit in die Kunst des 21. Jahrhunderts vorausreicht. Die 1980er: Es ist das Zeitalter des (Neo-)Liberalismus, der nun endgültig in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft angekommen ist. Margaret Thatcher und Ronald Reagan regieren mit konservativen

Kräften den anglo-amerikanischen Raum. Das Aufkommen der ersten PCs, von Videospielen, Globalisierung, der Öffnung der nationalen Grenzen und steigende Mobilität suggerieren eine Welt in relativer Harmonie. Kino-Besucherrekorde, technischer Fortschritt und die Verlockungen des Konsums versprechen eine rosige Zukunft. Auch vom Ende der Geschichte, einem saturierten, westlich dominierten Weltbild ist da und dort die Rede. Und doch: Das Ende des Zweiten Weltkrieges ist nur ein junges Menschenleben entfernt. Nach vorne drängt eine Generation, die genug vom Nachkriegsmuff hat. Eine Generation, der Wohlstand und Gemütlichkeit keineswegs genügen. Wer sich nicht zu sehr ablenken lässt, erkennt eine Welt im OstWestKonflikt, spürt den Druck der atomaren Aufrüstung oder ist durch die Friedensbewegung und die deutsche Wiedervereinigung geprägt.

Es ist ein Jahrzehnt der Rebellion, aus den Radios ertönt Elektromusik mit sinnlosen Texten, Wave und Punk zeigen der Gesellschaft offen ihren Unmut. Aus dem Untergrund erwächst eine Avantgarde, die experimentiert, in Frage stellt und einen Spiegel vorhält. Die Kunst der 1980er ist bunt und facettenreich. Sie kann alles sein, nur eines nicht: langweilig. In den Achtzigerjahren wurde plötzlich alles möglich. Die großen gesellschaftlichen und politischen Umbrüche sind auch in der Kunst deutlich sichtbar. Künstlergruppen brechen mit dem festgefahreren Kunstbetrieb, entthronen die Avantgarde: Die „Jungen Wilden“ entdecken die bildende Kunst neu und stellen ebenso selbstbewusst wie gesellschaftlich engagiert unter dem Begriff „Heftige Malerei“ aus.

Jeff Koons: Bear and Policeman, 1988. Kunstmuseum Wolfsburg © Jeff Koons. Bild: Gautier Deblonde

Izhar Patkin: Don Quijote Segunda Parte, 1987. Privatsammlung © Izhar Patkin

Mike Kelley: Estral Star #3, 1989. Sammlung Ringier, Schweiz © Bildrecht, Wien 2021. Bild: Gerhard Born

Nicht eine Geschichte, sondern viele kleine Erzählungen bestimmen die 1980erJahre. Vielfalt im Denken und Handeln, Wissen und Glauben haben Hochkonjunktur. Grenzerweiterungen in vielerlei Hinsicht und Vernetzung gehören zu den wesentlichen Kennzeichen dieser Zeit. Wie kaum ein anderes Jahrzehnt haben sich die Achtzigerjahre ins Gedächtnis derjenigen eingebrannt, die diese Dekade erlebten. Die schrillen Retrovisionen, die in zyklischen Abständen ein Revival erleben, begeistern aber auch heute noch jüngere Generationen. Nach den kargen Jahren von Konzeptkunst und Minimalismus äußern sich die Neuen Wilden nun auf bunte und vor
allem auch sehr experimentelle Weise. Entdeckung und die Freude am Neuen stehen im Vordergrund. Ein Versuchslabor, das auch vor Kitsch und Pathos keinerlei Berührungsängste mitbringt. Mehr noch: Als sicheres Zeichen von Selbstreflektion, vielleicht auch als Augenzwinkern, wird der Finger dorthin gelegt, wo sich die massentauglich inszenierte Gesellschaft etwas zu ernst nimmt.

In der bildenden Kunst macht sich das „Anything Goes“ des anarchistisch denkenden Österreichers Paul Feyerabend durch stilistischen Reichtum bemerkbar. Der sogenannte Hunger nach Bildern, der diese Dekade einläutete und sich in den expressiven Gesten der Jungen Wilden auf großformatigen Leinwänden widerspiegelt, ist nur als Gegenbewegung zu den minimalistischen und konzeptuellen Strömungen der 1960er und 1970erJahre verständlich. „Die Kunst wuchert, zeugt Triebe und Filiationen, bildet Knotenpunkte und Verästelungen“, schreibt der Herausgeber des damals angesagten Kunstmagazins „Wolkenkratzer“ Wolfgang Max Faust. Nun steht Abstraktion neben greifbarer Figuration, Emotion neben rationaler Kühle. Die neuen Medien, das anbrechende digitale Zeitalter bringen eine neue Kunst der Chiffre, Fiktion und Kopie hervor.

David Salle: Room with blue statue, 1986. Albertina, Wien – The Essl Collection © Bildrecht, Wien, 2021

Francesco Clemente: Hermaphrodite, 1985. Albertina, Wien – The Jablonka Collection © Francesco Clemente

Isolde Joham: Electric Rider, 1981. Privatsammlung © Isolde Joham | Bild: Olga Pohankova

Bruce Nauman: Sex and Death by Murder and Suicide,1985. Emanuel Hoffmann-Stiftung, Depositum in der Öffentlichen Kunstsammlung Basel © Bruce Nauman/ Bildrecht, Wien, 2021. Bild: Bisig & Bayer, Basel

Die 1980erJahren, die von Jeff Koons und Jenny Holzer über JeanMichel Basquiat und Keith Haring bis zu Cindy Sherman und Richard Prince reichen, sind die Wiege der Kunst von heute. Fragen der Aneignung und der Autorschaft werden genauso diskutiert wie Kritik an der Konsumkultur. Das Oeuvre von österreichischen Kunstschaffenden wie Brigitte Kowanz und Erwin Wurm über Herbert Brandl und Maria Lassnig bis zu Franz West und Peter Kogler gliedert sich in der Ausstellung „The 80s.“ mühelos in den Kanon eines internationalen Staraufgebots ein. Vertreter sind unter anderem Jean Michel Basquiat, Jeff Koons, Keith Haring, Robert Longo, Cindy Sherman, Sherrie Levine und Jenny Holzer. Ihre Kunst bezeichnet einen wichtigen Wendepunkt in der jüngeren Kunstgeschichte.

Aber nicht nur die Hauptvertreter der amerikanischen Picture Generation und der Approbiation Art zeigt die Ausstellung über die 80erJahre, sondern auch die wichtigsten Exponenten der italienischen Transavantgarde wie Francesco Clemente und Sandro Chia, und auch dem bis heute einflussreichen deutschen Beitrag dieses Jahrzehnts, Martin Kippenberger und Albert Oehlen, sowie die wichtigsten österreichischen KünstlerInnen der 80erJahre, Brigitte Kowanz und Isolde Joham, daneben Brandl, Schmalix, Scheibl und Moosbacher. Als Hauptvertreter der Neuen Wilden, Rockenschaub und Peter Kogler als Vertreter des Neo Geo und der Installationskunst. Einzelfiguren wie Franz West, Erwin Wurm und Maria Lassnig werden eine herausragende Rolle spielen in diesem Überblick über das in seiner Bedeutung für die Gegenwartskunst gar nicht zu überschätzenden Jahrzehnt.

Virtuelle Eröffnung: www.youtube.com/watch?v=r8kPCopiNv8           www.albertina.at

10. 10. 2021

Albertina modern: Wonderland

Mai 8, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Anarchistinnen und Enfants Terribles

Jörg Immendorff: Ohne Titel, 1979. Albertina, Wien – The Essl Collection © Bildrecht, Wien, 2021

Die dritte Ausstellung der Albertina modern, greift auf den reichen Sammlungsbestand der Albertina zurück. Mehr als hundert Meisterwerke werden in sieben Kapiteln von Andy Warhol bis Roy Liechtenstein, Anselm Kiefer bis Katharina Grosse, Ad Reinhardt bis Cecily Brown, Marc Quinn bis Erwin Wurm, von Albert Oehlen bis Markus Schinwald gezeigt. Die Schau spiegelt das große Spektrum an zeitgenössischer Kunst aus allen Sammlungen der Albertina nach 1945 wider und setzt räumlich Schwerpunkte:

Von der Popkunst und ihren zeitgenössischen Ausläufern Tom Wesselmann, Andy Warhol, Alex Katz über die abstrakt expressionistische Malerei von Cecily Brown, Katharina Grosse und Wolfgang Hollegha bis zu einer Zusammenschau der großen deutschen Maler Baselitz, Penck, Anselm Kiefer, Jörg Immendorff und Markus Lüpertz.

Georg Baselitz, der zuletzt 80 Jahre alt wurde und die Kunstwelt auf den Kopf stellte, wird Maria Lassnig gegenübergestellt. Enfants terribles wie Gelatin und Franz West bringen sich hingegen für eine anarchische Antikunst in Stellung. Wonderland: der Titel eines Bildes von Fiona Rae. Einer, der uns schlagartig das Universum des Unvorstellbaren und Verrückten eröffnet. Alice in Wonderland, das berühmte Buch von Lewis Carroll, erinnert uns daran, dass das Unmögliche zu glauben nur eine Frage der Übung ist. Mit diesem Gepäck der entfesselten Fantasie bewaffnet begibt sich die Ausstellung Wonderlandin unbekannte Welten. Die Utopie eines gelungenen Lebens voller Glück trifft auf dystopische kahle Landschaften, in denen Isolation und Einsamkeit, Melancholie, Grausamkeit und Tod herrschen. Nicht nur einzelne Bilder, die Ausstellung in ihrer Gesamtheit ist ein Ausflug in ein Wunderland, in dem die Vergangenheit unserer Gegenwart auf ihre eigene Zukunft stößt“, so Klaus Albrecht Schröder.

Mit „Wonderland“ etabliert die Albertina wieder eine komplette Neuaufstellung ihrer Sammlung. Im Grunde handelt es sich hier um eine Ausstellung von mehreren Ausstellungen, die sich aufeinander beziehen, die lose miteinander verbunden und dennoch unabhängig von einander existieren können. Gegenwelten treffen hier aufeinander. Aus ihrem Fundus könnte und wird die Albertina in Zukunft noch zwei Dutzend weiterer Ausstellungen von selber Qualität im Rahmen dieser neuen Schausammlung präsentieren. Ganz wie im Wonderland bei Lewis Carroll findet man hier einen Zusammenprall von verschiedenen KunstWirklichkeiten vor, widersprüchliche Fantasiewelten existieren nebeneinander. Lewis ́ Wunderland ist kein Schlaraffenland. Es ist aber auch kein Kerker. Es ist vieles, und alles gleichzeitig. Je nach Lesart, sind die eröffneten Welten bedrohlich oder geben Hoffnung.

Roy Lichtenstein: Wallpaper with blue Floor Interior. Albertina, Wien © Estate of R. Lichtenstein/Bildrecht, Wien, 2021

Maria Lassnig: Die Last des Fleisches, 1973. Albertina, Wien © Maria Lassnig Stiftung/Bildrecht, Wien 2021

Marc Quinn: The Selfish Gene, 2007. Albertina, Wien © Marc Quinn Studio

Muntean/Rosenblum: Untitled (Before we know it…), 2000. Albertina, Wien – Familiensammlung Haselsteiner © Muntean/Rosenblum

Der große Mittelsaal widmet sich den deutschen Individualisten. Hier begegnen einem starke Individuen, deutsche Künstler, die die Last der Geschichte, die Last der deutschen Vergangenheit zum Ausgangspunkt ihrer Kunst gemacht haben: AnselmKiefer, Georg Baselitz, der die NSVergangenheit kritisiert, Markus Lüpertz, der die Militarisierung der deutschen Gesellschaft anprangert, Penck, der in der DDR mit Malverbot belegt und ausgestoßen wurde oder Immendorff, der die deutsche Teilung, weil sein eigenes Leben und Sterben immer wieder aufs Neue davon abhing, verarbeitet. Diese alten Künstler sind in ihrer Wirkung auf die Kunst gar nicht zu überschätzen, obwohl sie nie Teil einer Gruppe gewesen sind. Vielleicht erklärt gerade das ihren seit Jahrzehnten anhaltenden Erfolg, ihre dominante Stellung in der Kunst.

Kein Weg führt auch an der PopArt vorbei, wenn man sich im Land zeitgenössischer Kunst bewegt. Besucherinnen und Bescuher erleben sie hier jedoch, trotz der ihr innewohnenden, farbexpressiven Schlagkraft in ihrer Zerbrechlichkeit: Harold Ancarts Streichholz wird in wenigen Sekunden abgebrannt sein, man findet kopulierende Skelette vor, die Badenden von Alex Katz zeigen eine brüchiges Glücksversprechen. Doch auch das liegt im Auge der Betrachter und seiner Perspektive.

Fiona Rae: Wonderland, 2004. Albertina, Wien – The Essl Collection © Bildrecht 2021. © Bild: Buchmann Galerie, Köln

Gottfried Helnwein: Andy Warhol, New York, 1983. Albertina, Wien © Gottfried Helnwein | Bildrecht, Wien, 2021

Georg Baselitz: B. für Larry (Remix), 2006. Albertina, Wien – Dauerleihgabe der Sammlung Viehof © Georg Baselitz

Die Kunstwerke sind in sieben Kapitel gegliedert, nicht immer benachbart oder unmittelbar zusammenhängend: Pop oder die Brüchigkeit des Glücks mit Hauptwerken von Warhol, Liechtenstein, Wesselmann und Katz, aber auch die NeoPopBewegung des Marc Quinn und Harold Ancart. Die Anarchie in der Kunst mit Werken von Franz West und Gelatin. An den Rändern der Stadt oder der Melancholie in der Kunst unserer Zeit mit zwei Räumen für Muntean und Rosenblum sowie dem Leipziger Christian Brandl und andererseits Markus Schinwald mit zwei Neuerwerbungen sowie Franz Zadrazils unscheinbare Fassadenbilder. Formen der Abstraktion mit Werken von Ad Reinhardt, San Francis, Morris Lewis und Pierre Soulagessowie Hollegha, Prachensky und Staudacher sowie als jüngste Erwerbungen Cecily Brown und Katharina Grosse.

Maria Lassnig und Georg Baselitz: Der Maler, der das Motiv seiner Nützlichkeit und seiner Realität beraubt, der die Motive auf den Kopf stellt zusammen mit der Künstlerin, die die Body-Awareness-Art erfunden hat. Deutschland und die Last der Vergangenheit: Deutschland mit den bedeutenden und seit den 1960er Jahren und bis heute dominierenden Individualisten Georg Baselitz, Markus Lüpertz, Jörg Immendorff, Penck und Anselm Kiefer. Die alte Katastrophe, der Zweiter Weltkrieg und die alte Teilung als gemeinsames Thema von Malern, die wie eine Gruppe waren und eine Bewegung und Schule begründeten. Das Gesicht und seine Maske: Spektakuläre Porträtfotografie von Gottfried Helnwein, dem in den 1970er und 1980er Jahre Größen wie Andy Warhol und Keith Harring, Mick Jagger, Clint Eastwood und Michael Jackson Porträt gestanden sind.

www.albertina.at

8. 5. 2021

Albertina und Albertina modern: Die Ausstellungen 2021

Januar 26, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Erstmals eine große Modigliani-Schau in Österreich / starke Frauen auf und  hinter Leinwand und Fotolinse

Xenia Hausner: Das blinde Geschehen, 2010. © Bildrecht, Wien, 2020

Das Ausstellungsjahr 2021 von Albertina und Albertina modern stellt Frauen mit zwei Personalen in den Vordergrund, bringt Modigliani erstmals nach Österreich, fasst ein halbes Jahrtausend Landschafts- und Stadtmalerei zusammen und zelebriert mit „The 80s. Anything Goes“ den wichtigsten Umbruch der Kunst in den vergangenen  50 Jahren. Die Albertina hat die Möglichkeit, dem Publikum aus ihren eigenen Beständen wunderbare Kunst zu zeigen“, so Direktor Klaus Albrecht Schröder.

„Ich möchte unseren Museumsbetrieb damit ein Stück unabhängig von den derzeitigen wechselnden Krisenszenarien machen. Die jahrelange Arbeit macht sich hier bezahlt, denn das Haus kann auch dann mit Kunst begeistern, wenn es unvorhergesehene Reiserestriktionen, Grenzschließungen und logistische Herausforderungen gibt.

Die erste Personale ist ab 30. April Xenia Hausner gewidmet. „Xenia Hausner ist eine der bedeutendsten zeitgenössischen Künstlerinnen des Landes. Nun, zu ihrem 70. Geburtstag zeigen wir eine eindrucksvolle, starke Personale dieser wunderbaren Malerin“, so Klaus Albrecht Schröder. In „True Lies“, kuratiert von Elsy Lahner, legt die Albertina den Schwerpunkt der Schau auf den Aspekt der Inszenierung, der die Werke von Xenia Hausner schon seit ihrer Zeit als Bühnenbildnerin auszeichnet. Die Ausstellung ist retrospektiv angelegt, beginnend mit den ersten frühen Arbeiten aus den 1990er-Jahren bis zu Hausners jüngster, bewegender „Exiles“-Serie, die von einer beklemmenden Aktualität ist.

Michela Ghisetti: Afua/Der Weg (Triptychon/Zweiter Teil), 2012. Albertina, Wien © Michela Ghisetti

Amedeo Modigliani: Liegender Frauenakt auf weißem Kissen, ca. 1917. Staatsgalerie Stuttgart. © bpk, Staatsgalerie Stuttgart

Ab 14. Oktober zeigt die Albertina als erstes Museum in Österreich Michela Ghisetti in einer umfassenden Mid-Career-Retrospektive, die von Antonia Hoerschelmann kuratiert wurde. Das Werk der 1966 im italienischen Bergamo geborenen und seit 1992 in Wien lebenden Künstlerin bewegt sich zwischen den Polen von Abstraktion und Hyperrealismus. Biografisch-emotionale verschwimmen mit philosophisch-kunsttheoretischen Elementen und einer Strenge, die in Humor übergeht.

Anlässlich seines 100. Todestages würdigt die Albertina ab 17. September den italienischen Maler und Bildhauer Amedeo Modigliani mit einer großen Retrospektive, die in mehrfacher Weise eine Premiere darstellt. Die von Marc Restellini zusammengestellte Ausstellung bringt Modigliani zum ersten Mal nach Österreich. Gezeigt werden seine berühmten Akte und außergewöhnlichen Porträts sowie einige seiner wenigen erhaltenen Skulpturen. Weiters zeigt Kurator Restellini, der auch Autor des Oeuvre-Katalogs Modiglianis und jahrzehntelanger Modigliani-Forscher ist, den großen Künstler erstmals als einen der führenden Avantgardisten, der die Revolution des Primitivismus bis weit ins 20. Jahrhundert hinein trug: als Gegenspieler von Picasso.

Überfluss an Stilen und Storys: David Salle: Room with blue statue, 1986. Alberina, Wien – The Essl Collection

In der Albertina modern führt ab 10.Oktober die große Herbstausstellung The 80s. Anything Goes vor Augen, wie Kunstschaffende in den 1980er-Jahren die Kunst neu definieren. Die 1980er sind eine Zeit visuellen Überflusses, individueller Stile und unendlicher Geschichten. Es ist eine Kunst, die überwältigen will. Der Verlust der Unmittelbarkeit durch eine sich zunehmend virtualisierende Welt, spiegelt sich in der Kunst von Sherrie Levine oder Cindy Sherman deutlich wider. Die zentralen Namen des Jahrzehnts – Jeff Koons, Jean-Michel Basquiat, Keith Haring und Julian Schnabel – finden sich neben noch zu entdeckenden wie Jack Goldstein, Isolde Joham und Julia Wachtel.

Die Fotoausstellungen

Zu sehen sind auch drei Fotoausstellungen. Den Beginn macht ab 12. Februar Faces in der Albertina: Aufgezeigt wird hier der richtungsweisende Wandel, den die Porträtfotografie im Deutschland der Zwischenkriegszeit erfuhr. In den 1920er- und 30er-Jahren wird das Verständnis des klassischen Porträts erneuert: Aufnahmen dienen nicht mehr der Darstellung der Persönlichkeit eines Menschen, sondern fassen das Gesicht als inszenierbares Material auf, als Spiegel des Standes und der politischen Haltung … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=43548

Intime Aufnahmen von Ehefrau Yoko: Nobuyoshi Araki: Sentimental Journey, 1971. © Nobuyoshi Araki

Faces: Max Burchartz: Lotte (Auge), 1928. Museum Folkwang, Essen © Bildrecht, Wien 2020

Araki, zu sehen ab 28. Mai in der Albertina modern widmet sich einem der beeindruckendsten zeitgenössischen Fotografen Japans, Nobuyoshi Araki. Chefkurator Walter Moser stellt Arakis grandiose und einflussreiche Serie „Sentimental Journey“, entstanden von 1971 bis 2017bins Zentrum der Ausstellung: In dem langjährigen Projekt erhebt er mittels schnappschussartiger und unverblümter Fotos seiner Frau Yoko das eigene Leben zum Thema. Vergleichbar mit einem Tagebuch zeigen die intimen Bilder die Flitterwochen, das Zusammenleben des Paares und den frühen Tod Yokos. Sämtliche Werke stammen aus der Stiftung Jablonka, die der Sammler vergangenes Jahr der Albertina übergeben hat.

Joel Sternfeld: Staatlicher Campingplatz im Red Rock Park, Gallup, New Mexico, September, 1982. Alberina, Wien – Dauerleihgabe Öster. Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft © Courtesy of the artist and Buchmann Galerie, Berlin 2019

Ab 16. Juni lädt American Photography zu einem kritischen Blick auf den „American Dream“ ein. Eindrückliche Porträts halten der Gesellschaft auf humorvolle wie kritische Weise einen Spiegel vor. Raffinierte Farbaufnahmen der Konsumkultur wechseln sich mit dynamisch aus der Hüfte geschossenen Street-Fotos der Metropolen ab. Diese Ausstellung ist mit mehr als 200 der bedeutendsten amerikanischen Fotografinnen und Fotografen von Lisette Model, William Eggleston über Diane Arbus bis zu Lewis

Baltz und Gregory Crewdson die größte Fotoausstellung in der Geschichte der Albertina. Die wichtigen Bestände amerikanischer Fotografie des Hauses werden um zentrale Hauptwerke aus einer der bedeutendsten Privatsammlungen der Welt ergänzt, jener von Trevor Traina, der auch als Botschafter in Wien gewirkt hat.

Das diesjährige Albertina-Programm bietet also trotz der Umstände spannende Highlights. Der künftige Qualitätserhalt heimischer Kultur sei aber auch von mehr Planungssicherheit abhängig, so Schröder: „Was wir brauchen, ist mehr Klarheit und Antworten auf mögliche Szenarien. Im Wochenrhythmus wechselnde Strategien der Gesundheitsbehörden verunsichern unser Publikum. Mir ist es wichtig, dass die Menschen keine Angst davor haben müssen, Kultureinrichtungen zu besuchen. Ich befürchte, die Strategie eines ‚Freitestens‘ für den Kulturbetrieb wird viele Menschen davon abhalten, Kulturveranstaltungen zu besuchen. Ich bin froh, dass das Tragen einer FFP2-Maske für die Museen als sicher erachtet wurde. Letztlich wäre dies mit limitierten Besucherkontingenten aber auch eine Lösung für andere Kulturbereiche“, so Schröder.

Video: www.youtube.com/watch?v=IM0OGOxpyVQ          www.albertina.at

26. 1. 2021

sirene Operntheater online: Die Verwechslung

Januar 5, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Pauken und Trompeten über die Berliner Mauer

Kaffee-und-Kuchen-Tristesse bei Dauters: Johannes Czernin als Gustav, Ingrid Haselberger als Oma, Günther Strahlegger als Vater, Katrin Targo als Tante Ilse. Bild: © Kristine Tornquist

Mit keiner geringeren Idee als „Die Verbesserung der Welt“ waren Kristine Tornquist und Jury Everhartz im Herbst angetreten, um das interessierte Publikum mit ihrem Neuen Musiktheater zu erfreuen. Da jedoch das siebenteilige Kammeropern- festival entlang der christlichen Werke der Barmherzigkeit #Corona-bedingt nicht auf der Bühne beendet werden konnte, hat sich das sirene Operntheater entschlossen,

dessen letzten Teil zu verfilmen und ab sofort als kostenlosen Stream anzubieten. Nach unter anderem Zusammenarbeiten von Antonio Fian und Matthias Kranebitters „Black Page“, Thomas Arzt und Dieter Kaufmann oder Martin Horváth und PHACE, widmen sich Autorin Helga Utz und Komponist Thomas Cornelius Desi nun Kirchenvater Lactanius‘ Punkt sieben nach der Endzeitrede Jesu, Gefangene vom Feind loskaufen. „Die zunehmende verbale und ethische Verwahrlosung des Diskurses, die Verhärtung gegen jene, denen es schlechter geht, und das Gefühl, mit Europa und der Welt gehe es unaufhörlich bergab, hat uns dazu inspiriert, ja fast gedrängt, dem etwas Positives entgegenzusetzen“, so Everhartz und Tornquist.

Die auch die Verfilmung der Wien-Modern-Kooperation übernommen hat. „Die Verwechslung“ heißt das Werk, das die Zuschauerin, den Zuschauer in die DDR des Jahres 1981 versetzt, 1981 das Datum, zu dem der 24-jährige Bürgerrechtler Matthias Domaschk in der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Gera unter bis heute ungeklärten Umständen stirbt, und zu dem an Stasi-Hauptmann Werner Teske wegen Vorbereitung seiner Flucht in den Westen das letzte Todesurteil der DDR-Justiz vollstreckt wird.

„please release me ostseefisch“: Johannes Czernin als Gustav. Bild: © Kristine Tornquist

Gustav hat sich die Freiheit auf die Fahnen geheftet: Johannes Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Das Geheimnis um Hedwig hat Vater alles gekostet: Günther Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Das belauschte Gebet: Günther Strahlegger und Katrin Targo. Bild: © Kristine Tornquist

All das mag Helga Utz beim Schreiben im Hinterkopf gehabt haben. Kristine Tornquist zeigt in Raum und Requisiten von Markus und Michael Liszt, Kostüm und Maske: Katharina Kappert und Isabella Gajcic, die Kaffee-und-Kuchen-Tristesse der Familie Dauter. Dauter, das klingt nach doubter, und solche hat’s hier zwei: den Vater und seinen Sohn Gustav, Günther Strahlegger und Johannes Czernin. Ingrid Haselberger ist dessen verwirrt-verängstigte Oma und Katrin Targo die kadertreue Tante Ilse.

Schon heben sie an, die Streitgesänge um Staats(zuge)hörigkeit, Revolutionär Gustavs Haare nach der jüngsten „Außenseiter“-Mode so Puhdys-lang, dass er die Parteiparolen nicht hören kann, bis der Vater ein (Ohn-)machtwort spricht. Hedwig, wird man später erfahren, ist das Geheimnis, das Vater alles gekostet hat, die Ehefrau, die „rübermachte“. Die Streicher des œnm . œsterreichisches ensemble fuer neue musik unter der Leitung von François-Pierre Descamps unterstreichen das düstere Szenario, und werden auch Omas Konfusion wie ein Bienenschwarm umschwirren.

Chaos, Kakophonie, das Libretto ein Familienzwist in gesungen-gestammelten, sich wiederholenden Halbsätzen, wortdeutlich!, denn der vorgeführte SED-Stimmraub ist ein stimmgewaltiger – und ein „please release me ostseefisch“ aus Gustavs Kassettenrekorder im Kinderzimmer. Wo er sich eine „Freiheit“ auf die Fahnen heftet, für die er verhaftet und unter Schreibmaschintippen und Handschellenklirren verhört wird. Gefängnis, Folter, drei Tage nackt im winterkalten Haftanstaltshof, das hat das Regime perfekt von der Vorgängerdiktatur gelernt. Sie habe Faschisten, Rote Armee, Flucht im Schnee überlebt, singt die Oma und macht sich, während Ilse fürchet, „Gustav wird uns alle mit in die Tiefe ziehen“, auf die Suche nach dem im System verschollenen Enkel.

Indoktrinationstelefonat: Haselberger und Targo. Bild: © Kristine Tornquist

Czernin, Haselberger und Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Köfferchen gepackt: Strahlegger und Haselberger. Bild: © Kristine Tornquist

„Die Verwechslung“ beweist sich als Parabel über gleichgeschaltete Gesellschaften, über Message Control und Meinungsmainstream. Filmisch ist das vom Feinsten umgesetzt, mittels welchen Mediums sonst könnten Solistinnen und Solisten in Gedanken singen? Tornquist besorgt mit Überblendungen Rückblicke und Schauplatzwechsel im Stakkato, die verliebt-verträumte Jung-Ilse im roten Kleid, nun Arm in Arm mit NVA-Mann Knut, ein übler Bursche, wie Oma weiß, während das Publikum ihn beim Flirten mit Ilse sieht.

Es sind derlei Einfälle, die die sirene-Produktion besonders machen. Verwanzte Festnetztelefonate, die Ilse offenbar steuern, frei nach Nestroy: die beste Nation ist die Indoktrination, der Vater unter West-Spitzel-Verdacht, sein Gebet, Du sollst keinen Gott nehmen Erich Honecker haben …, von Ilse belauscht, ein musikalisch lyrischer Moment, seine Sünde die Mehrzimmerwohnung. Das Liszt’sche Labyrinth aus Räumen, durch das die Protagonistinnen und Protagonisten gleich Versuchstieren irren, wird vom Kamera-Auge aus immer wieder ungewöhnlichsten Big-Brother-Winkeln eingefangen.

Nicht zuletzt dank „Knut“ Gebhard Heegmann, Kari Rakkola und Bärbel Strehlau als bösartigem Beamtenapparat ist „Die Verwechslung“ eine hochdramatische Arbeit, in die das gesanglich naturgemäß exzellente Ensemble auch darstellerisch sein ganzes Herzblut fließen lässt. Der Titel des Werks entschlüsselt sich zum Schluss, Gustav wird auf die Krankenstation des Gefängnisses verlegt, wo ihm Krankenschwester Pauline, Marelize Gerber als Schutzengel in Weiß, zur Identität eines eben verstorbenen Insassen verhilft.

Stasi-Verhör: Kari Rakkola, Gebhard Heegmann, Bärbel Strehlau und Johannes Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Vaters Anklage: Katrin Targo, Ingrid Haselberger und Günther Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Stasi-Folter: Kari Rakkola und Johannes Czernin „im winterkalten Hof“. Bild: © Kristine Tornquist

Auf der Krankenstation: Rakkola, Heegmann, Marelize Gerber und Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Dieser war Sohn eines „OFS in der AKG der HA IX“, heißt: eines Offiziers für Sonderaufgaben in der Auswertungs- und Kontrollgruppe der Hauptabteilung IX des Ministeriums für Staatssicherheit, verblüffend, was Helga Utz so alles recherchiert hat, und so kommt Gustav nicht nur mit einem blauen Auge ist gleich gebrochenen Rippen davon. Gustav soll sogar, begleitet vom freilich ebenso wie er falschem Vater, im Westen behandelt werden, die Puschkinallee 28 wird das regeln, „Die Verwechslung“ sein Leben retten.

Der Mensch im Arbeiter- und Bauernstaat ist längst nur noch Aktenzeichen, da fällt sowas nicht weiter auf. Mit Pauken und Trompeten, also zwei Schlagwerkern und Flötentönen, geht’s für Gustav und Vater freudetanzend über den DDR-„Schutzwall“. Vater, der sich nun Herwig nennt, und den damit nur noch ein Buchstabe von seiner Frau trennt. Und die Moral von der Geschicht‘: Mag es auch immer und überall Menschen geben, die „gleicher“ sind (© George Orwell), Grenzen können überwunden werden, Mauern stürzen ein. Nur Mut! Mut!

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  1. 1. 2021