Wiener Festwochen: Saint Genet – Promised Ends: The Slow Arrow of Sorrow and Madness

Mai 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie man den toten Kaninchen die Bilder erklärt

Baso Fibonacci in seiner „Storm still“-Pose. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Hier nun der Satz, den Rezensenten fürchten, wie der Teufel das Weihwasser: Ehrlich? Ich habe es nicht verstanden. Hab’ aber all die Zuschauer beneidet, die durch die Reihen ausbrechend das Weite gesucht und gefunden haben, eine Möglichkeit, die einem als Berichterstatter ja verwehrt ist. Der neue Festwochen-Intendant Tomas Zierhofer-Kin himself gab eine Einführung ins Werk.

Erzählte, er hätte noch nie eine Vorstellung erlebt, bei der das Publikum nicht nach spätestens einer Dreiviertelstunde in Tränen ausgebrochen wäre – und es fragt sich: Weil es keine Fluchtmöglichkeit sah oder weil es die Karten ohne Geld-zurück-Garantie erworben hatte?

Also: Saint Genet – „Promised Ends. The Slow Arrow of Sorrow and Madness“. Das ist der finale Teil eines Triptychons, dessen Anfänge ins damals von Zierhofer-Kin verantwortete Donaufestivals zurückreichen. Saint Genet ist ein KünstlerInnenkollektiv rund um Derrick Ryan Claude Mitchell, er eine Art Master of Ceremony und jede seiner Arbeiten ein work in progress. Eine „Handlung“, das Pfui-Wort für Performer, sollte es diesmal auch geben: Die Donner Party, benannt nach ihrem „Führer“ George Donner, Siedler, die 1846 auf dem Weg in den Westen der USA in der Sierra Nevada von einem Schneesturm überrascht wurden. Es starben die meisten von ihnen. Laut Tagebucheintragungen überlebten nur die, die sich kannibalistisch am Fleisch der Verstorbenen bedienten.

Dreißig Minuten vor tatsächlichem Vorstellungsbeginn darf man in die Halle G des MuseumsQuartier eintreten. Quasi um die Situation abzuchecken. Unter einem Neonröhren-Lichtskulpturen-Arrangement von Ben Zamora, das man schon von „Frail Affinities“ kennt, hat sich Mitchell Blutegel an die Arme gelegt, es blutet, er zittert und trinkt Rotwein (?), rund um ihn sind Joseph-Beuysisch tote weiße Kaninchen arrangiert. Die Art von Futtertieren, die man für Abgottschlangen und ähnliche Nachtwesen braucht. Sein Ensemble macht sich derweil mit mehr Alkohol und angeblich Äther dicht. Auf die Frage, ob man diesbezüglich-besäufnisch als Publikum mitmischen dürfe, wird panisch mit dem Kopf geschüttelt. Die Russen der vergangenen Jahre waren da punkto Wodka-Ausgabe entspannter, aber naja, die Vereinigten Staaten, immer ein bissl verklemmt …

Pietà mit totem Kaninchen und Kunstblut: Baso Fibonacci und Matt Drews lassen sich beträufeln. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Derrick Ryan Claude Mitchell  (hinten links) mit zwei seiner Performerinnen. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Womit einen ergo die Frage umtreibt, wie „echt“ das alles sein kann. Zu arrangiert, zu kalkuliert, zu spekulativ spektakulär erscheint die Ekstase, dieses Hochamt des Horrors, als dass man daran festhalten könnte. Und das Schlimmste: Man ist nicht einmal schockiert (mutmaßlich die ultimative Intention dahinter), sondern vom zweieinhalbstündigen more of the same maximal angeödet. Die Vision ist eine zum Kunstraum ernannte Werkshalle in Seattle, in der sich schnöselige Pseudos pseudointellektuell selbstbefriedigen – und wie weit ist das von der offenbar angesteuerten The Factory oder Samuel Taylor Coleridge oder Thomas de Quincey entfernt! Des Puirtaners Lust auf Selbstgeiselung!

Das als Grenzerfahrung angekündigte Ganze gibt sich noch einen weiteren Bezug. King Lear. Weniger Shakespeare, mehr Kurosawa und Goddard. Der körperbehinderte, kettenrauchende Akteur (hauptberuflich bildender Künstler) Baso Fibonacci spricht, auf einem Gips-Storm-still liegend Sätze, die aufgrund seiner einmaligen Stimme Sogcharakter entwickeln. Eine Gruppe von Performerinnen, inklusive Cordelia, hat ihn auf diesen Thron seiner Versehrtheit gehoben, nun startet sein fear and loathing. Lavinia Vago, Francesca Frewer, Adriana Cubides und die Wienerin Steffi Wieser machen sowohl die stummen Tänzerinnen als auch den beinah antik anmutenden Chor der am Ritual Teilnehmenden. Sie tragen Nichts bis Durchsichtiges, sie hüllen sich in ihre Verausgabung, den Schweiß, die auf sie getätigten sexuell-brutalen Übergriffe, danach werden sie wie zur Belohnung in goldmetallenen Rettungsdecken geborgen.

Mitchell souffliert die Sätze via Mikrophon. Es geht um enemy, perverse und apologise. Auf den Seiten laufen Spruchbänder ab, und freilich landet man bei Trump und den jüngsten Daten/Taten der Geschichte der Vereinigten Staaten – wie auch nicht? Was sonst könnte die Nabelschau-Nation der Welt über ihr Star-Spangled Banner zu sagen haben? Son of a bitch wird oft gemurmelt, und fucking, und immer noch glaubt man keiner Geste auch nur ein Wort. Die kindliche Narretei steuert einem Höhepunkt zu, Schlagoberstorten werden in Gesichter geworfen, „Nabel“-Schnüre aus Mündern gezogen, die Musik von „Rocky“ läuft vom Band (es gibt aber auch eine Live-Band) und Riesenpumpkins aus Plastik blasen sich auf. Die Geburt der USA aus dem Geist von Halloween, darüber wusste schon Charlie Browns Freund Linus Auskunft zu geben.

Die kalkulierte Ekstase unterm Lichtobjekt. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Die Stimmung kippt von heiter bis hysterisch. Fibonaccis Pietà wird vom nackten Tänzer/Choreografen Matt Drews komplettiert. Mitchell macht den Hohepriester, dirigiert von seinem Pult aus das Geschehen, schreit „Harder!“, wenn Lily Nguyen, das Opferlamm der Inszenierung, von Drews vergewaltigt wird, ruft „Easy!“, wenn das Ensemble versucht den gelähmten Fibonacci zu bewegen, und schimpft über nicht eingeschaltete Mikrophone.

Auch zärtliche Momente gibt es, ein leises Geschehen, im Nebel entrückt. Das Ding, immer wieder muss man an Jan Lauwers „Shimmering Beast“ denken, hängt im Weg und nimmt allen auf der Haupttribüne Sitzenden den Blick aufs Bühnengeschehen. Der halbherzig rechts und links mit einer Handvoll Plätzen als „Arena“ bestuhlte Saal eignet sich eben nur bedingt für derlei Happenings.

150 Minuten später, nach Verschleiß von vielen chinesischen Neujahrskrachern, christlichen Wunderkerzen, Honig und anderen Klebrigkeiten, ist der Hochseilakt zwischen Erhabenheit und Elend überstanden. Viele sind da längst gegangen, andere sitzen drinnen. Es wird hell, niemand kommt auf die Spielfläche zurück, der Applaus setzt entsprechend zögerlich ein. Einzig Fibonacci bleibt ohne seinen Rollstuhl hilflos am Boden liegend zurück und stöhnt. Kommt noch was? War überhaupt was? Mit „Gewaltakten und Grenzüberschreitungen“ prahlt Saint Genet gerne, auf das Theater der Grausamkeit beruft man sich. Heiliger Antonin Artaud, blicke gnädig herab auf deine Jünger! Opulenz und Dekadenz allein ergeben noch kein Manifest.

www.festwochen.at

Wien, 17. 5. 2017

David Mitchell: Die Knochenuhren

Juni 15, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Geduldsprobe selbst für einen Fantasy-Fan

978-3-498-04530-2David Mitchell hatte eine gute Idee für eine Fantasy-Geschichte. Zwei verfeindete Stämme von Außerwesen treten auf der Erde zu einem letzten Gefecht an, dass es nur so kracht. Der Mensch wird unvermeidbar zum Kollateralschaden, denn die eine Partei, die körperlosen Horologen, brauchen seine vergängliche Hülle als Wirt und dirigieren aus seinem Inneren heraus sein Tun und Handeln, die andere Seite, die höchst fleischlichen Anachoreten, trinken seine unsterbliche Seele, um sich dadurch die ewige Jugend zu sichern.

„Die Knochenuhren“, so die Bezeichnung für uns Gerippe mit Ablaufdatum, haben nicht einmal die Wahl zwischen untot oder ganz tot, sie sind nur Marionetten im Kampf der Zeitmesser mit den Mönchen, keine rosigen Zukunftsaussichten also fürs Jahr 2043 und vielleicht dauert es deshalb bis Seite 521, bis Mitchell endlich mit der Wahrheit rausrückt.

Davor nämlich ist er offenbar unschlüssig, was er erzählen will. Er reißt tausend Gedanken an und führt keinen aus, er knüpft Handlungsfäden so schnell, wie er sie wieder auftrennt, er lässt seine Figuren am langen Arm verhungern, kaum in die Welt seines Romans gesetzt, sind sie ihm schon wieder egal. Gern hätte man gewusst, ob und wenn ja was den Autor selbst an seinen Ausführungen interessiert hat. Es scheint fast, als hätte er persönlich Lust auf eine Kurzgeschichtensammlung gehabt, sich aber nach Auskunft seines Verlags – „Darling, so was verkauft sich ja wohl gar nicht!“ – zu diesem seltsamen Konvolut gezwungen gesehen.

Und so liegen nun fünf Bücher zusammengepfercht in eines vor. Beginnend im Jahr 1984 arbeitet sich Mitchell durch die Jahrzehnte. Er erfindet die Storys des rebellischen Teenagers Holly Sykes, des sinistren Studenten Hugo Lamb, eines Kriegsberichterstatters im Irak und eines abgehalferten Schriftstellers. Zweifellos ist es virtuos, wie er für jeden Charakter ein eigenes Setting entwirft, jeden Typus mit genau der Stimme ausstattet, die seine Herkunft, Bildung und Herzensbildung kennzeichnet, nur führen all diese Kunstgriffe letztlich zu keinem Ziel. Am spannendsten ist die Episode rund um den Journalisten Ed Bruback, die mitten in die Gräuel von Falludscha führt, und einen Mann beschreibt, der von der Droge Krieg besoffen und von der Schuld deswegen zerfressen ist. Am amüsantesten sind die Szenen über den von den Trendcommunity ausgestoßenen Ex-Zeitgeistautor Crispin Hershey, mit denen Mitchell eine Art Howard-Jacobson-Tonfall parodiert. Wie in einem vorweggenommenen selbstironischen Abblocken von Kritik lässt er einen Rezensenten über dessen jüngsten Roman formulieren: „Die Mystery-Elemente der Nebenhandlung stehen in so haarsträubendem Widerspruch zum welterklärerischen Habitus des Romans, dass es weh tut.“

Die Horologen und Anachoreten kommen derweil nur als Fußnoten vor. Sie werden von den Menschen wenig bis nicht wahrgenommen, ihre Fantasy blitzt über zwei Drittel des Romans kaum mehr als in der eigenen Fantasie auf. Statt dessen liest man, wie die Buchpersonen sich verlieben, Kinder kriegen, sich scheiden lassen, an Krebs erkranken, durch Autobomben sterben, auch Familien und Freunde werden ausführlichst porträtiert, aber die Protagonisten lernen sich untereinander fast nie kennen, alles zerfasert in alle Himmelsrichtungen, und irgendwann ist man nur noch erschöpft und möchte nach Hause. Den roten Faden bildet Holly Sykes, die mit jedem irgendwie verknüpft ist, und sei’s nur wegen eines One-Night-Stands, und wie es hier steht, klingt es aufregender als es tatsächlich ist. Es folgen noch zwei zunehmend wirrer werdende Aborigines-Appendizes, wahrscheinlich, weil deren spirituelles Gewebe unvorsichtigerweise den Begriff Traumzeit enthält, dann geht’s zum letzten Gefecht.

In Holly, das immerhin weiß man mittlerweile, wohnt eine der ältesten Horologinnen überhaupt, Hugo, von vornherein ganz klar der Bösewicht des Ganzen, hat sich zwischenzeitlich den Anachoreten angeschlossen. Nun marschiert man über den Schattigen Weg des Blinden Katharer zur Kapelle der Dämmerung, den Unterschlupf der Anachoreten, den die Horologen psychosoterisch zerstören wollen. Jaha! Die Kapelle liegt in der Schweiz und der Blinde Katharer ist der jahrhundertealte Oberschurke. Mitchell fabuliert sich frei von jeder historischen Genauigkeit über den Katharismus. Der war eine vom 12. bis zum 14. Jahrhundert vorwiegend in Südfrankreich verbreitete Erlösungsreligion und basierte auf der Offenbarung. Seine Mitglieder wurden, weil sie Bescheidenheit und die noch dazu in der Volkssprache statt in Latein predigten, von der Inquisition der katholischen Kirche ausgelöscht. Hier huldigt der Blinde Katharer dem Teufel, weil … der hat den Schnaps gemacht?

Das alles zusammen, 500 Seiten Luft und dann nicht viel Liebe, ist selbst für einen ausgewiesenen Science-Fiction- und Fantasy-Fan eine Geduldsprobe. Zu interpretieren, „Die Knochenuhren“ würden einen Religionsstreit, einen Clash der Glaubensrichtungen, auf unkonventionell aktuelle Weise thematisieren, hieße diesem Buch zuviel der Ehre anzutun. David Mitchell hatte eine gute Idee für eine Fantasy-Geschichte. Die Ausführung ist allerdings nicht mehr als mittelmäßig.

Über den Autor:
David Mitchell, geboren 1969 in Southport, Lancaster, studierte Literatur an der University of Kent, lebte danach in Sizilien und Japan. Für sein Werk wurde er unter anderem mit dem John-Llewellyn-Rhys-Preis ausgezeichnet, zweimal stand er auf der Booker-Shortlist. Sein Weltbestseller „Wolkenatlas“ wurde von Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern mit Tom Hanks in der Hauptrolle verfilmt. Für „Die Knochenuhren“ erhielt er 2015 den World Fantasy Award. Der Autor lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Clonakilty in Irland. www.davidmitchellbooks.com

Rowohlt, David Mitchell: „Die Knochenuhren“, Roman, 816 Seiten. Aus dem Englischen übersetzt von Volker Oldenburg.

www.rowohlt.de

Wien, 15. 6. 2016

Theatermuseum: Five Truths. Shakespeares Wahrheit und die Kunst der Regie

April 19, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Katie Mitchell zeigt Ophelias Wahnsinn hoch fünf

Five Truths Video Installation. Bild: © Gareth Fry

Five Truths Video Installation. Bild: © Gareth Fry

Wie unterscheiden sich die Regiestile von fünf der einflussreichsten europäischen Theaterpraktikern des 20. Jahrhunderts? Wie würden Konstantin Stanislawski, Antonin Artaud, Bertolt Brecht, Jerzy Grotowski oder Peter Brook die berühmte Wahnsinnsszene der Ophelia aus Shakespeares Hamlet inszenieren?

Für ihre Video-Installation hat die berühmte britische Regisseurin Katie Mitchell, die in Österreich zuletzt bei den Salzburger Festspielen ihre Arbeit „Forbidden Zone“ zeigte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10209), diese eine Szene mit ein und derselben Schauspielerin im Stil dieser fünf maßgeblichen Regisseure inszeniert und gefilmt. Das Theatermuseum zeigt die „touring installation“ des Victoria and Albert Museum ab 21. April zum 400. Todestag von William Shakespeare.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=7oxnyRl8e8A

www.theatermuseum.at

Wien, 19. 4. 2016

Salzburger Festspiele: The Forbidden Zone

August 11, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bei Katie Mitchell dürfen Frauen ein Schicksal haben

Giorgio Spiegelfeld (French Soldier) Bild: © Salzburger Festspiele / Stephen Cummiskey

Giorgio Spiegelfeld (French Soldier)
Bild: © Salzburger Festspiele / Stephen Cummiskey

Sehr gescholten hat einmal ein selbsternannter Wiener Literaturpapst, als man sagte, es gebe so etwas wie „Frauenliteratur“. Und damit nicht Rosamunde Pilcher meinte. Aber das hat Seine Männlichkeit, ein wahrer Frauenversteher, nicht verstanden. Oder einem schon nicht mehr seine Aufmerksamkeit geschenkt. Nun der nächste Satz: Katie Mitchell macht „Frauentheater“. Nicht als erste und nicht als letzte hört sie auf Frauen und macht, dass diese gehört werden. Das ist bei der Regisseurin genauso Programm, wie die Tatsache, dass etliche Kameramenschen ihre Darsteller quer über die Bühne verfolgen und das tatsächliche Geschehen sich auf der Leinwand abspielt. Video killed the Stage Star. Wer das nicht mag, braucht bei Mitchell gar nicht reinzugehen.

Nun inszenierte die Britin auf der Perner Insel „The Forbidden Zone“. Thema: natürlich Erster Weltkrieg. Als Textcollage von Virginia Woolf, Emma Goldman, Simone de Beauvoir, Hannah Arendt und Mary Borden. Inhalt: Wie männliches Verhalten und das Außenvorlassen von Frauen die Gesellschaft und ihre Schrecken dominiert(e). Das Projekt wurde im Zuge der Vor- und Probearbeiten immer größer. Bis ein Schnitt gesetzt werden musste. Deshalb: Inhalt: Protagonistin Claire ist die Enkelin von Clara Immerwahr und Fritz Haber. Der deutsch-jüdische Chemienobelpreisträger, sowohl Erfinder von Düngemitteln als auch eines Giftgases, das im Ersten Weltkrieg zum Einsatz kam, hat das Bewusstsein seiner Enkelin geprägt. Sie forscht vor dem Zweiten Weltkrieg in Chicago an einem Gegenmittel zu chemischen Waffen und hat gerade erfahren, dass ihre Forschung eingestellt wird, weil das Militär ABC-Waffen unterstützen will. Parallel wird das Schicksal von Großmutter Clara Immerwahr erzählt. Sie versuchte vergeblich, ihren Mann von seinen tödlichen Forschungen abzuhalten. Doch der war davon überzeugt, dass mit seiner Waffe der Krieg schneller zu beenden sei und es weniger Opfer geben werde. Da Clara, selbst Chemikerin, ihn nicht von seinen Forschungen abhalten kann, erschießt sie sich. Zeitgleich steigt in Amerika Claire aus dem Zug, holt sich Gift aus ihrem Labor und begeht ebenfalls Selbstmord.

Mitchell nutzt zwei Zugabteile als Spielräume beziehungsweise Filmsets. In den auseinander ziehbaren Räumen bringt sie ihre Figuren, Fakten und Fiktion, Handlungen und Haltungen, erfundene Situationen und historische Wahrheit unter. Sehr gelungen sind ihre Montagen, die sich über Zeit und Raum hinwegsetzen. Gräueltaten an der Menschenheit werden „nüchtern“ dargelegt, persönliche Krisen emotional ausgeschlachtet. Ein Widerspruch, der jedem Sinn macht, der Weltnachtrichten liest oder schaut. Besonders kommt das im „Doppelselbstmord“ vor Augen, wenn zwei Frauen aus Protest, aus Vernunft, wegen der ihnen eigenen Moralvorstellungen in den Tod gehen. Nicht schmerzfrei, sondern wie die Giftgasopfer sich in Todeskrämpfen windend.

Das Schlussbild ist ein Soldat, der sich, mit Chlorgas vollgesogen, mit dem Rest seines Lebens abquält. Er wird aus diesem scheiden. Sein Leiden als Großbild lässt wohl niemanden kalt. Wie seine Kollegen entfaltet er im Sterben eine sensible, ausdrucksstarke, seltsame Kraft. Mitchells Abend ist so sinnhaft wie sinnlich. Auf dem Weg allen Fleisches begleiten einen poetische Bilder. Ein kleiner Trost. Aber ein großes Aufrütteln zu einem Niemals Wieder.

Wien, 1. 8. 2014

www.salzburgerfestspiele.at

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-2014/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-jedermann/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-die-letzten-tage-der-menschheit/

Kasino des Burgtheaters: Wunschloses Unglück

Februar 20, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Katie Mitchell inszeniert sogar noch

Peter Handkes Leerzeichen

Auf der Leinwand: Liliane Amuat (Die Tochter), im Hintergrund: Ensemble Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auf der Leinwand: Liliane Amuat (Die Tochter), im Hintergrund: Ensemble
Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ob das stimmt? Das Burgtheater schweigt. Die FAZ nennt „monströs“, dass „gerade jetzt, nach Bekanntwerden der Finanzkrise des Burgtheaters, das britische Team ständig zwischen London und Wien gependelt sein soll. Mitchell habe dazu noch auf der Anschaffung eines neuen, sündteuren Beamers für ihr Filmspektakel bestanden.“ Die sensationssuchenden medialen Trüffelschweine suhlen sich im kaufmännischen Skandal. Dass an der Burg gleichzeitig herausragendes Theater gemacht wird, geht da mancherorts zwischen Schlag-Zeilen unter. Die britische Regisseurin Katie Mitchell, vormals von den deutschen Medien als Theaterneuerin gefeiert, Nestroy-Preisträgerin für „Reise durch die Nacht“ nach Friederike Mayröcker in Köln, Frauenthemenstückesucherin, Kameraspezialistin, Burgdebütantin, inszenierte im Kasino des Burgtheaters „Wunschloses Unglück“ nach Motiven aus der Erzählung von Peter Handke. Eine herausragende Arbeit – wenn man Film am Theater mag. Denn Mitchell verlegt Handkes Buch teilweise auf die Leinwand. Mittels Video und dreier Kameraleute (insgesamt bestand das „handwerkliche Team“ aus 30 Leuten), die den Darstellern durch das Bühnenbild, die Handkesche Familienwohnung in den 1970-ern samt der damals üblichen Augen-Aushau-Tapete, erweitert um Versatzstücke aus Griffen, dazu die passenden Retro-Kostüme, folgen.

1972 schrieb Handke die Erzählung „Wunschloses Unglück“. Im Versuch, die äußerste Sprachlosigkeit in Worte zu formen, nahm der 28 Jahre alte, bereits sehr erfolgreiche Autor den Freitod seiner Mutter zum Anlass für ein literarisches Experiment. Das Ergebnis ist eine Erzählung, die Schilderung einer einzigartigen „Allerweltsgeschichte“. Entscheidend geprägt vom Anschluss Österreichs 1938, entstand so poetisch und präzise die Erinnerung an eine einst lebensfrohe Frau, die versucht ihrer bäuerlichen Herkunft im Grenzgebiet zwischen Österreich und Slowenien, inmitten sozialer Repression und ländlich-katholischem Dogmatismus, zu entkommen. Eine Mutter von vier Kindern, die vor und nach dem Zweiten Weltkrieg nach einem Leben jenseits der häuslichen Pflichten sucht und an den sogenannten Umständen scheitert. Am Ende dieses beklemmenden Frauenschicksals steht die minutiös geplante Selbsttötung als einziger Ausweg. Handke tastet sich gedankenscharf und gänzlich unsentimental an die Lebensgeschichte seiner Mutter heran; er verweigert sich einem abgeschlossenen Bild, lässt Fragen, Rätsel, Geheimnisse offen. Dies das Manko von Mitchells Inszenierung: Sie formuliert aus, wo Handke Leerzeichen stehen lässt. Jeder Gedanke der Figuren wird zum Bild, jede Emotion eingefroren.

Mitchells virtuoser Effektsicherheit kann man den Respekt nicht versagen – aber sie schießt damit auch übers Ziel hinaus. Als Zuschauer möchte man eben manches im Kopf entstehen lassen und nicht fertig vorgesetzt bekommen. Handkes schlanke Prosa wird hier – unter anderem mit melodramatischer Filmmusik – gemästet und dadurch gleichsam, ein Schock für Handke-Puristen, simplifiziert. Mitchell folgt der Mutter-Biografie, und genau das versuchte Handke durch Ich-Erzähler-Distanz am Dringlichsten zu vermeiden. Wenn es bei Handke heißt, dass „eine Arbeitsanstrengung nötig sein wird, damit ich nicht einfach, wie es mir gerade entsprechen würde, mit der Schreibmaschine immer den gleichen Buchstaben auf Papier klopfe“, klopft Handke-Darsteller Daniel Sträßer (inklusive dessen Oberlippenbärtchen aus der Zeit seiner „Publikumsbeschimpfung“) doch immer den gleichen Buchstaben auf seiner Schreibmaschine auf Papier. Überall dort, wo es in der Erzählung Angebote für mögliche Requisiten gibt, werden sie garantiert in Großaufnahme eingeblendet: die Bob-Dylan-Kassette, der Fernsehapparat mit dem Abspann von „Wenn der Vater mit dem Sohne“ … Das hätte so nicht sein müssen. Aber das ist zugegeben Jammern auf höchstem Niveau. Eine Uraufführung ist eine Uraufführung. Und jede Kunstform hat die ihr eigene Ausdrucksweise.

Mitchell versteht es nicht nur die Kamera, sondern auch ihre Schauspieler zu führen. Und die sind – wie immer an der Burg – top. Allen voran Dorothee Hartinger, die als Mutter Maria stoisch-sorgsam-pragmatisch ihren Abgang vorbereitet: An der Abwasch Tablettencocktail mixen und trinken, dann „Monatshose“ mit Binden anziehen, weil man im Sterben ja bekanntlich …, Kinn raufbinden, ins Bett legen, nur keinen Schmutz machen. Welch ein Menschendrama. Dazu Handke-Sträßer und seine Schwester, Liliane Amuat. Lautlos. Stumm. Ihre Stimme bekommen Mutter und Sohn aus dem Off, großartig gelesen von Peter Knaack und Petra Morzé. Auch dies ein Kunstgriff, der Mitchells Liebe zum Detail unterstreicht. Daneben gefallen Pfarrer Robert Reinagl und Schwiegersohn Laurence Rupp – er führt ebenso wie Amuat auch eine Kamera. Fazit: Matthias Hartmann sollte weder Personal noch großartige Erwachsenen-Arbeiten wie diese streichen, er sollte statt dessen sein seit Bochum gehütetes Bring-Your-Family-Prinzip überdenken. Denn großartiges Kinder- und Jugendtheater machen in Österreich das Theater der Jugend, der Dschungel Wien, Next Liberty … Den spannenden Experimentalort Kasino trotz einer Katie Mitchell so brachliegen zu lassen, wie es demnächst passieren wird, ist jedenfalls eine Schande. Und, Herr Hartmann, auch keine Lösung für Ihr Problem.

www.burgtheater.at

Wien, 20. 2. 2014