Herrschaft der Niedertracht: Robert Misik im Gespräch

März 29, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

„Kurz ist der Mann mit dem gewissen Nichts“

Robert Misik. Bild: © Helena Wimmer

Nach einem Jahr türkisblauer Koalitionsregierung geht Publizist Robert Misik mit deren Protagonisten, ihren Ideen und dem politischen Zeitgeist, der nun weht, ins Gericht. Wie konnte sich der „neue Stil“, der weltweit auf dem Vormarsch zu sein scheint und den die österreichische Mitte-Rechts-Regierung für sich reklamiert, durchsetzen und wie gelangt er zu den verblüffend hohen Zustimmungsraten? Robert Misik im Gespräch über sein kürzlich im Picus Verlag erschienenes Buch „Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen!“:

MM: Inhaltlich kann dieses Gespräch nur eine Überforderung werden, gibt es doch täglich etwas Neues zu berichten über diese Regierung. Lassen Sie uns bei der von ihr angekündigten Auflösung der Identitären beginnen: Sie selber haben bereits angemerkt, dass eine solche rechtsstaatlich problematisch sei, und auch Vereinsrechtsexperte Maximilian Kralik sieht sie als unwahrscheinlich. Ist das nicht ein weiteres Blendmanöver, eine Angelegenheit, die im Nichts versickern wird, wie die Prüfung der Burschenschaften?

Robert Misik: In dem Fall sehe ich es anders, weil die Sache für die Regierung, insbesondere die FPÖ, sehr unangenehm ist, weil es nicht nur um personelle Verstrickungen mit den Identitären geht, sondern auch um ideologische. Diese Idee vom großen Austausch, in diesem Phantasma, wir würden hier durch Demografie ausgerottet und müssen daher Angst haben, steckt auch die FPÖ tief drinnen. Wenn solche Formulierungen sich nun auch im Manifest dieses Massenmörders in Neuseeland finden, ist man natürlich peinlich berührt, weil man auf eine Art und Weise mit etwas verbunden ist, das Menschenleben gekostet hat, heißt: wo die Verhetzung durch diese mörderische Ideologie von jemandem wörtlich genommen wird. Deswegen muss man sich distanzieren von den Identitären und sie prüfen. Natürlich ist das eine Blendgranate, und das ist gut so, weil es nicht die Aufgabe der Regierung ist, in einem rechtsstaatlichen System Vereine zu verbieten. Das ist die Aufgabe der zuständigen Behörden, und am Ende des Tages auch des Gerichts. Ich will von einem Bundeskanzler nicht hören, dass irgendetwas verboten ist. Das ist nicht sein Job.

MM: In Ihrem aktuellen Buch „Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen!“ nehmen Sie sich kein Blatt vor den Mund. Der Text ist sehr angriffig, an etlichen Stellen sogar polemisch zu nennen. Geschah das getreu der Redensart, dass auf einen groben Klotz ein grober Keil gehört?

Misik: Eine polemische Sprache, eine Angriffslust auch in der Formulierung, ist nicht unbedingt ein grober Keil, sondern ein bestimmter Gestus. Ich habe, um bei der Stilistik des Buches zu bleiben, Karl Marx und Kurt Tucholsky gelesen, all diese großen Polemiker des Pamphletismus, um mich beim Schreiben inspirieren zu lassen und in einen bestimmten Sound zu kommen – und mich, getreu des Brecht-Mottos, lax in Fragen des geistigen Eigentums zu sein, bei ihnen auch schamlos bedient. Ich glaube, dass das notwendig ist, denn dieses bedächtige Hin und Her, einerseits, andererseits, die nüchterne Sprache des Analysierenden, ist etwas anderes, als die politische Streitschrift. Und eine Streitschrift sollte es ein.

MM: Diese Streitschrift fällt nicht in die Kategorie Satire. Wie leicht kann man da geklagt werden.

Misik: Es ist relativ wenig drinnen, das geklagt werden kann, das kann man nur bei Beleidigungen und Falschbehauptungen, und so etwas habe ich nicht geschrieben. Allerdings stimmt es, die FPÖ klagt gerne, selbst in Fällen, wo sie nicht gewinnen kann. Wie man am Fall des Herrn Strache gegen Rudi Fußi sieht, und seiner Behauptung, dass ein echtes Foto gefälscht ist. Man kann jeden Unsinn klagen, da ist die FPÖ ganz geübt darin. Bei meinem Buch, denke ich, werden sie’s eher bleiben lassen, denn müsste ich in der Praxis das beweisen, was ich geschrieben habe, einen größeren Gefallen könnten sie mir gar nicht tun.

MM: Der Kabarettist Thomas Maurer hat in einem seiner Programme die Frage gestellt, wie viel Toleranz man gegenüber den Intoleranten aufbringen müsse. Was meinen Sie?

Misik: Das ist eine schwierige Frage, weil sich damit auch die Frage stellt, von welchen Menschen wir da reden. Ich brauche keine Toleranz gegenüber einer Regierung der Intoleranten zu haben. Bei Menschen, die vielleicht angesteckt sind, von einigen Motiven davon, Angst um die Zukunft, Angst um das Leben in der Stadt, da muss ich nicht den Inhalten gegenüber tolerant sein, den Menschen gegenüber aber sehr wohl. Mit denen dann in ein Gespräch zu kommen und Meinungen auszutauschen, ist wichtig. Abgesehen davon, dass nicht jeder, der nicht meiner Meinung ist, mein Gegner ist.

MM: So, wie Sie mit der gegenwärtigen Regierung ins Gericht gehen, möchte ich Sie fragen: Muss man ein Wahlergebnis nicht zur Kenntnis nehmen?

Misik: Ein Wahlergebnis muss man zur Kenntnis nehmen, man muss generell gesellschaftspolitische Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen. Nur, das hindert mich nicht daran, zu versuchen, diese Wirklichkeit zu verändern. Das ist ja der Sinn von Opposition in einer Demokratie: Sie muss die Regierung vom ersten Tag an bekämpfen und versuchen, dieses Wahlergebnis und diese Mehrheitsverhältnisse wieder zu verändern. Gerade bei der jetzigen Regierung gibt es ein großes Fragezeichen der Legitimität dieses Wahlergebnisses, denn die Überschreitung der Wahlkampfkosten ist keine Kleinigkeit gewesen. Wenn jemand statt sieben Millionen 13 Millionen ausgibt, dann ist das eine grobe Verzerrung der Grundlagen, so dass man die Rechtmäßigkeit des Wahlergebnisses zumindest diskutieren kann.

MM: Orten Sie so etwas wie eine wahre Stimmung im Land?

Misik: Die wahre Stimmung gibt es nicht. Es gibt keine Volksstimmung, weil es kein Volk, sondern nur eine Bevölkerung gibt. Es gibt verschiedenste Bevölkerungsgruppen und Milieus, die auf verschiedenste Weise ticken. Es ist immer ein Amalgam von Stimmungen, die die einzelnen Menschen, die einzelnen Gruppen haben. Wenn wir an der Oberflächlichkeit pro Regierung, contra Regierung bleiben, einem Fehlschluss erliegen, weil weder die Anhänger der Regierung noch die, die ihren Ansichten ein bisschen zuneigen, allesamt Rassisten, Ausländerfeinde, Menschen mit Hartherzigkeit sind, noch sind die anderen vollkommen das Gegenteil. Es gibt eine große Grauzone in der Mitte, in der viele sagen, diese Gehässigkeit, diese Politik der Niedertracht geht mir zu weit, aber ich verstehe schon, im Jahr 2015 haben wir uns mit den Flüchtlingen übernommen, heißt: dass in der Mitte der Bevölkerung beide Motive in einer Person schlummern können. Die wahre Stimmung im Land besteht eher aus diesem und vielen anderen Mischungsverhältnissen.

MM: Interessant, dass Sie das sagen. Der Soziologe Heinz Bude hat bei der Leipziger Buchmesse gerade gesagt, die so genannte Mitte gibt es nicht, sie ist eine Illusion, die es nie gegeben hat.

Misik: Das glaube ich ja auch, aber das heißt aber noch lange nicht, dass wir in der Gesellschaft nur aus zwei Menschenschlägen bestehen, die einen 100%-ig rechts, die anderen 100%-ig links. Nun kann man sich natürlich die Frage stellen, was diese Kategorisierungen heute für Wahlentscheidungen überhaupt noch bedeuten und inwieweit sie relevant sind. Es gibt definitiv Leute, die der Meinung sind, sie erhalten den Sozialstaat und die da oben richten sich’s, was eher eine sozialdemokratische Haltung wäre, und die gleichen Leute haben in Sicherheitsfragen oder Diversityfragen eher Haltungen, die wir als rechts bezeichnen würden. Na, was ist dann eine solche Person? Das ist ganz schön kompliziert.

MM: Ein ganzes Kapitel Ihres Buches widmen Sie Bundeskanzler Sebastian Kurz. Sie bezeichnen ihn unter anderem als Künstliche Intelligenz. Was meinen Sie damit?

Misik: Kurz hat hohes Talent, das ist unbestritten, sonst hätte er es nicht so weit gebracht. Seine Talente liegen, könnte man sagen, im Intrigantentum, positiv formuliert in der Bildung einer Seilschaft, einer verschworenen Prätorianergarde, die schon, als er noch „nur“ ein Ministeramt hatte, sich auf die Übernahme von allem vorbereitet hat. So zielstrebig mit einer Gruppe, die an einem Strang zieht und auch weiß, wo sie hin will, habe ich noch nie einen Politiker agieren sehen. Und das eigentlich, ohne dass es irgendwo rumpelt. Das zweite Talent ist, dass Kurz für nichts steht. Als er als Integrationsminister in diese Regierung gekommen ist, war er der junge Mann, der seine Partei symbolisch entlüftet hat, der von Willkommenskultur gesprochen hat. Das hat er glaubhaft verkörpert, bis er auf die Idee gekommen ist, dass, wenn er das Gegenteil behauptet, ihm das politisch nützlicher ist. Und auch das hat funktioniert, und zwar permanent umwölkt von Slogans, die nichts aussagen. Der Wahlkampf, der inhaltlich überhaupt nichts aussagte, war diesbezüglich der Höhepunkt. Das heißt, Kurz ist geradezu genial darin, nichts zu repräsentieren, außer offen für alle Projektionen zu sein. Deswegen nenne ich ihn ja auch, und das kann man zynisch oder auch gemein nennen, den Mann mit dem gewissen Nichts. Er ist einer, der versucht, so wenig wie möglich an Eigenschaft zu repräsentieren, und stattdessen offen zu sein für die Zuschreibungen von allen. Kurz hat diese Rolle immer perfekt gespielt. Wenn man ihm zuhört, hat man nie das Gefühl, da ist irgendein Satz nicht auswendig gelernt, da ist irgendeine Äußerung authentisch. Er redet wie ein Roboter.

MM: Wie steht’s um seine Machtpolitik hinter den Kulissen? Siehe die Kurz nachgesagten Verquickungen mit Investor René Benko.

Misik: Diese Verbandelung mit der Wirtschaft beherrscht Kurz als ÖVP-Schüler sehr gut. Aber über die Geschichte Kurz-Benko weiß man noch zu wenig, als dass ich da schon etwas analysieren möchte. Nicht zuletzt, da Benko es sich zum eigenen Vorteil gern mit vielen gutstellt – und was er mit der Kronen Zeitung vorhat: keine Ahnung? Oder mit dem Kurier.

MM: Sie besprechen auch den Umstand, dass es den privaten Sebastian Kurz nicht gibt, im Gegensatz zu H.C. Strache, der uns an seinem Vaterglück teilhaben lässt, oder dem neuerdings öffentlich frühstückenden Innenminister Kickl.

Misik: Wenn Kickl im Radio frühstückt, um bei diesem Beispiel zu bleiben, ist das auch eine Medieninszenierung. Was an Kurz interessant ist, ist, dass er diszipliniert ist, und das, was an ihm echt ist, nie nach außen dringen darf. Es wird schon irgendwas echt an ihm sein, es wird einen privaten, authentischen Kurz geben, nur hat den in der Öffentlichkeit noch niemand zu Gesicht bekommen.

MM: Wie kann man mit diesem Konzept reüssieren? Die Leute wollen doch in der Regel den Menschen hinter dem Macher erspüren, einen Schlüssellochblick auf die Mächtigen erhaschen.

Misik: Ja, das ist eine interessante Frage, in einer Zeit, in der auch Authentizität so hoch gehandelt wird, warum ein Politiker, der so unauthentisch ist, so gut funktioniert. In Wirklichkeit weiß jeder Zuseher, Kurz spielt eine Rolle und er spielt sie gut. Es gibt vielleicht eine Art Hochachtung vor dieser Professionalität, vor jemandem, der das durchzieht, ohne jemals zu stolpern und ohne jemals links oder rechts zu schauen.

MM: Es gibt einen Punkt in Ihrem Buch, mit dem ich nicht d’accord gehe. Sie bezeichnen den Innenminister als überfordert. Ist es nicht so, dass Herbert Kickl der Chefideologe, der Stippenzieher, und als solcher unantastbar ist.

Misik: Auch Kickl macht das, was er sein will, nämlich der Unruhestifter, der durch irrwitzige Forderungen die Unique Selling Proposition der FPÖ hervorkehrt, was gar nicht so einfach ist, nachdem ihnen die ÖVP die Hälfte des Wahlprogramms geklaut hat, hervorragend. Das hat schon eine Professionalität. Auf der anderen Seite führt er ein schwieriges Ministerium, und da ist er nicht erfolgreich, da misslingen ihm die Dinge dauernd. Den BVT so zu zerschlagen, dass es eine Staatsaffäre wird, und einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss am Hals zu haben, da gehört was dazu.

MM: Was wurde eigentlich aus der SPÖ?

Misik: Die SPÖ hat kurzfristige und langfristige Probleme. Das kurzfristige ist, dass sie aus der Regierung in die Opposition gekommen ist, was immer schwierig ist, weil du Politiker hast, die geschult sind, Regierungsarbeit zu machen, Ministerien zu administrieren, und die nicht die Rolle des angriffigen Underdogs positiv übernehmen. Das braucht eine Zeit, sich darauf einzustellen. Das langfristige Problem der SPÖ ist, dass ihre Anhängerschaft in zwei Milieus zerfallen ist, die früher eine Allianz waren: die unteren Mittelschichten, die ehemalige Arbeiterklasse, und die urbanen, liberalen Bürgerlichen. Aufgrund dessen hat sich auch eine Art Fraktionskampf entwickelt, auf der einen Seite die Vorstadt-, die Proletariats-Sozialdemokraten, auf den anderen die moderne Sozialdemokratie – sehr sehr versimpelt gesagt. Derartige Fraktionskämpfe werden zu Machtkämpfen, da werde Wunden geschlagen, bis sich am Ende alle gegenseitig hassen. Das gärt in der SPÖ schon länger, und das alles zusammen führt zu dem Zustand, in dem die SPÖ zurzeit ist. Dazu kann man negativ sagen, das ist die Abwärtsspirale aus der es kein Entrinnen mehr gibt, oder positiv, das ist eine andere Lage: Es gibt eine neue Vorsitzende, einen neuen Wiener Bürgermeister, der nächstes Jahr lebenswichtige Wahlen zu schlagen hat, man wird sich also zunehmend zusammenraufen. Man wird sehen, man weiß es nicht. Es ist zu früh, um da jetzt Prognosen abzugeben.

MM: Ist Frau Rendi-Wagner eventuell zu vornehm, um sich gegen die diversen Zurufer aus den Bundesländern zu wehren?

Misik: Das glaube ich nicht. Wenn ein Landeshauptmann aus dem Burgenland dauernd gegen die in Wien keppelt, dann nützt ihm das im Burgenland. Aber auf Bundesebene kann er damit nichts erreichen. Der Nummer eins das Leben schwer zu machen, ist etwas ganz anderes, als die Nummer eins zu sein.

MM: Trotzdem ist es eine Kunst, den Gemeindebau so ziemlich komplett zu verlieren. Was rennt da falsch?

Misik: Zum einen trauen diese Menschen der SPÖ nicht mehr zu, dass sie ihre ökonomischen und materiellen Bedingungen verbessert. Gleichzeitig haben sie das Gefühl, die SPÖ-Politiker sind vom Lebenskulturellen her nicht mehr ihre Leut‘, sondern die kommen aus einer anderen Welt. Diese Menschen haben das Gefühl, ihnen hört niemand mehr zu, ihre Interessen vertritt niemand, sie werden gesellschaftlich abgehängt, und das führt zu einem populistischen Moment, wenn einer kommt, der sagt, ich bin einer von euch, ich bin gegen die da oben, dann rennt man dem eher nach, sogar dann, wenn es einem eigentlich gar nicht so schlecht geht – und umso mehr, wenn man das Gefühl hat, zunehmend an den Rand gedrängt zu sein.

MM: Ihr Buch beinhaltet auch eine ziemlich harsche Medienschelte. Was konkret werfen Sie der österreichischen Presse vor?

Misik: Dass man in der Berichterstattung über eine bestimmte Angelegenheit nach zwei Monaten das Gefühl hat, das ist doch eh Normalität. Schluss mit der Dauerempörung, bleiben wir doch cool! Diese Haltung, die eine menschliche ist, führt dazu, dass man Dinge als gegeben nimmt, von denen man es nicht dürfte. Das betrifft im Prinzip jeden, doch bei den Kolleginnen und Kollegen von den Medien ist es besonders fatal, weil die eigentlich die Aufgabe hätten, die Regierung mit oppositioneller Verve zu verfolgen, und nicht, sich an sie anzubiedern. In diesem generellen Mechanismus gibt’s noch ein paar, die sich diesbezüglich besonders hervortun, und noch dazu dabei mitmachen, der Opposition nachzustellen, statt der Regierung nachzustellen. Auch da gibt es so eine Art Korpsgeist, man dürfe sich als Journalisten nicht gegenseitig kritisieren. Ich pfeife auf diesen Korpsgeist, den gibt es für mich nicht, das ist ja absurd.

MM: Hat diese Kniefallberichterstattung mit der Macht der Regierungsinserate und deren aktueller Verschiebung Richtung genehm berichtender Medien zu tun?

Misik: Die Inseratengeschichte spielt sicher eine Rolle, dass Medien, die ohnedies regierungstreu sind, mit Inseraten belohnt werden, während die, die regierungskritisch sind, mit Inseratenentzug bestraft werden. Alleine wissend um die Möglichkeit, dass das passieren könnte, führt ja das schon zu einem Anpassungsdruck. Dass in einem kleinen Land wie Österreich, in einer Zeit der Printkrise, das Ganze noch einmal ärger ist, ist logischerweise klar. In Deutschland können sich kritische Medien allein durch Wirtschaftsinserate von der Regierung unabhängig machen, in Österreich ist jeder finanziell zumindest ein bisschen abhängig von den Regierungsinseraten.

MM: Welche Position nehmen Sie als freier Journalist da ein – Gewissen der Nation, Aufdecker, Aufrüttler?

Misik: Freier Journalist zu sein, ist nur noch ein ganz kleines Spielbein von mir. Ich schreibe Bücher, halte Vorträge, kuratiere Veranstaltungen, mache Ausstellungen, Theaterstücke … Ich bin als Autor sicher einer der unabhängigsten, da ich so diversifiziert arbeite. Ich brauche mir weder um Medienkonzerninteressen noch politische Anpassungen große Gedanken zu machen, wenn mich wer nicht mehr will, bricht mir halt ein Teil meines Einkommens weg, den ich mir woanders wieder reinhole. Das gibt mir eine wahnsinnige Freiheit, die mich nur meiner persönlichen politischen Haltung verpflichtet hält.

MM: Wie wurde Ihr Buch denn bis dato rezensiert?

Misik: Nicht sehr. Die taz hat berichtet. Der Standard auch. Manches wird vielleicht noch kommen. Aber bei bestimmten Medien gibt es sicher so etwas, wie ein Totschweigen des Buchs, eine ganz kleine Verschwörung, darüber nicht zu schreiben.

MM: Ein Fazit aus dem, was sie geschrieben haben: Ist der Zug nun abgefahren oder nicht?

Misik: Der Zug ist nie abgefahren. Wir sind ein demokratisches Land mit einer Bevölkerung, der man diese Demokratie noch nicht ausgetrieben, die man nicht eingeschüchtert hat. Wir sind nicht Ungarn. Wir können aber Ungarn werden, ohne Zweifel. Nur ist Kurz nicht Orbán, Strache wäre Orbán. Wir haben eine schiefe Ebene etabliert, indem wir nun diese Regierung haben, die alles zur Delegitimierung der parlamentarischen Opposition, der zivilgesellschaftlichen Opposition tut. Sie tut alles, damit kritische Stimmen aus der Öffentlichkeit tendenziell verschwinden, damit die Medien auf Linientreue getrimmt werden …

MM: Was bleibt dann als Positives an diesem Land?

Misik: Dass es ganz viel Widerstand gibt. Die Wiener Bevölkerung ist grosso modo in Opposition. Es gibt Demonstrationen jeden Sonntag in Vorarlberg, die Caritas wehrt sich, es gibt viele Leute, die in einer Art positiver Kampfeslaune gegen diesen politischen Stil sind. Ich glaube, dass das irgendwann zu einem Kippeffekt führen muss. Die Leute werden für blöd verkauft, sie sind es aber nicht, sie durchschauen dieses Schüren von Hass, dieses Aufganseln, dieses Verbreiten simpler Wahrheiten. Das werden die Menschen bald satt haben, und wissend, dass die Wirklichkeit etwas Komplexes ist, wieder die komplexen Antworten hören wollen. Wir werden uns noch wundern, wie schnell die Menschen das satt haben werden.

TIPP: Am 1. April um 19 Uhr lädt das Bruno Kreisky Forum für internationalen Dialog (www.kreisky-forum.org) zur Diskussion über das „System der Niedertracht“. Mit Robert Misik sprechen Balazs Csekö, Politologe, Journalist und Blogger, Lorenz Gallmetzer, Journalist und Buchautor, und Susanne Hofer, gf. Bundesjugendvorsitzende des ÖGB.

Die Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32356          www.misik.at          www.picus.at

29. 3. 2019

Robert Misik: Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen!

März 10, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein österreichisches „Empört Euch!“

Nach einem Jahr türkisblauer Regierung platzte Robert Misik der journalistische Kragen. So lässt sich sein aktuelles Buch, eine schmale Streitschrift, erklären. „Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen!“ heißt sie und liest sich, wie im Furor zu Papier gebracht – kämpferisch, provokativ, um deftige Worte nicht verlegen. Misik, bekannt als engagierter linker Intellektueller, geht mit der derzeitigen Staatsspitze hart ins Gericht. Er veranschaulicht deren geplanten Komplettumbau der Republik, die um sich greifende „Selber schuld“-Mentalität und wie diese den Abriss des Sozialstaats bedingt.

Und, nein, Misik denkt nicht, dass man ein Wahlergebnis einfach so zur Kenntnis nehmen muss, wenn er über „die Berufsparanoiden in Regierungsämtern“ und den „Klassenprimus der Diffamierung“ schreibt. Er diagnostiziert einen Konkurrenzkampf der Koalitionäre, einen „Überbietungswettbewerb darin, wer der schlimmere Finger, der autoritärere Typ, die fieseste Figur ist, wer wüster die Opposition attackiert, wer glaubwürdiger verkörpert, Ausländer zu sekkieren, Flüchtlinge abzuschrecken, Migranten zu quälen“. Und, nein, nach der Lektüre dieses Buches ist es nicht so, dass man tief und fest schlafen kann.

Für den neuen Stil macht Misik Bundeskanzler Sebastian Kurz hauptverantwortlich, dem er ein komplettes Kapitel widmet, in dem er ihn „Kunstfigur“, „Roboter“, „eine ganz eigene Form der Artificial Intelligence“, „eine Figur ohne Eigenschaften, der Mann mit dem gewissen Nichts“ nennt. Womit Misik einen Typus beschrieben haben will, der keinen anderen erkennbaren politischen Willen zu haben scheint, als den, die Verkörperung des Zeitgeists zu sein – weshalb er punkto Umfrage-Ergebnissen naturgemäß durchgängig oben sein muss. Mit einer Propaganda, die er selbst nicht glaube, stehe Kurz für „die Kapitulation der Bürgerlichkeit und ihrer Werte.“ Begriffe wie Anstand, Moral, Verantwortungsgefühl seien diesem System längst abhanden gekommen.

Dass diese Übung gelingt, ortet Misik auch als Verantwortung „der Bück- und Kniefallredakteure“, er, der seit Jänner diesen Jahres seinen Videoblog nicht mehr auf Standard online veröffentlicht, berichtet von der Einschüchterung von Journalisten, dem Austausch von Chefredakteuren und einer Inseratenpolitik, die sich Richtung zu Willen seiender Medien verschiebe. Die Verquickungen sind evident, den meisten Wirbel bis dato gab es um Rekrutierungsinserate für die Polizei in einem einschlägig rechten Wochenblatt, davor über ein E-Mail des Innenministeriums an die Landespolizeidirektionen, Infos für namentlich genannte kritische Medien zu beschränken. An diese floss im dritten Quartal 2018 auch kein Geld aus dem Werbeetat des BMI.

Für Befürworter dieser gesellschaftlichen Entwicklungen hat Misik das Wort „Lumpenbourgeoisie“ parat, und erläutert im Jargon der Sozialwissenschaft die „rohe Bürgerlichkeit“ als den sadistisch-masochistischen Gemütszustand jener Kleingeister, die stets von der Angst zerfressen sind, vor Selbstmitleid zerfließende Spießernaturen, die den Parolen folgen wie das Schlachtvieh seinem Schlachter. Zwischen Demokratien und Diktaturen, so Misik, beschleiche einen langsam die Ahnung, „dass es auch Grauzonen gibt“. Dass die etablierten Linksparteien in ihrem Bemühen um die Wählerinnen und Wähler versagt haben und weiter versagen, wird aber auch Robert Misik beglaubigen müssen.

In einem höchst emotionalen Schlussplädoyer wendet er sich ergo direkt an die Leserinnen und Leser: „Empört euch. Gebt nicht klein bei. Leistet keinen vorauseilenden Gehorsam. Seid nicht feige, seid mutig. Haltet nie die Mitte, wenn die Mitte Richtung Rohheit rutscht.“ Die neue Politik funktioniert, weil sie eine Angstkultur nutzt. Diese muss man beargwöhnen, aber nicht fürchten.

Über den Autor: Robert Misik, geboren 1966, ist Journalist und politischer Schriftsteller und schreibt regelmäßig für die Berliner tageszeitung, die Berliner Zeitung, die Neue Zürcher Zeitung und den Wiener Falter. Zahlreiche Preise, etwa der Bruno-Kreisky-Förderpreis, 2010 Journalist des Jahres in der Kategorie Online. 2009 Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik. Autor zahlreicher Bücher, zuletzt erschienen im Picus Verlag „Was Linke denken“ (2015), „Ein seltsamer Held“ (2016) und, zusammen mit Christine Schörkhuber und Harald Welzer, „Arbeit ist unsichtbar“ (2018). 2019 erhielt er den Preis für Wirtschaftspublizistik der John Maynard Keynes Gesellschaft.

Picus Verlag, Robert Misik: „Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen!“, Sachbuch, 144 Seiten.

Robert Misik im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=32551           www.misik.at          www.picus.at

FS-Misik Spezial Folge 586: www.youtube.com/watch?time_continue=4&v=6d657jhcnAg

  1. 3. 2019

Wiener Festwochen – Agora: Robert Misik im Gespräch

Mai 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine theatralische Debatte als Demokratieermächtigung

Robert Misik lädt zur politischen Diskussion. Bild: Helena Wimmer

Journalist Robert Misik und Theatermacher Milo Rau kreieren ab 29. Mai im Schauspielhaus Wien eine „Agora“, in der das Publikum mit Sachverständigen und Ensemble Themen zur Zeit debattiert. In Misiks Performance-Serie wird die Agenda vom Publikum mitbestimmt: Tagesaktuelles steht neben Weltpolitischem, und analog zu einem realen Parlament herrschen klare Regeln – ein Eröffnungsredner umreißt zunächst die Fragestellung der Veranstaltung.

Ein Präsidium wacht über den Stil der Diskussion, und sind schließlich die Argumente in der Agora ausgetauscht, schreitet man zur Abstimmung. In diesem Forum steht die konstruktive Debatte gegen den verrohten Diskurs, das Schauspielhaus wird zum Labor einer gelebten Staatsbürger-Demokratie. Robert Misik im Gespräch:

MM: Typische Einstiegsfrage: Wie kam’s zu der Idee von „Agora“, was wollen Sie uns damit sagen, wie kam es zur Zusammenarbeit mit Milo Rau?

Robert Misik: Das hängt alles zusammen. Milo Rau kenne ich seit vielen Jahren, wir haben erstmals bei „Hate Radio“ in Wien gemeinsam diskutiert, haben uns dabei befreundet und einige Projekte gemeinsam gemacht, etwa auch „Breiviks Erklärung“ und die „Zürcher Prozesse“. Ziemlich zeitgleich ist mir die Idee in den Kopf geschossen, ein Demokratieexperiment „Agora“ zu machen. Das Schauspielhaus Wien hat mich dann gefragt, ob ich eine Diskursgeschichte machen möchte, ich sagte, eine reine Podiumsdiskussion interessiert mich aber nicht, und so wurde aus meiner Überlegung Wirklichkeit. „Agora“ ist mehr als Diskussion, es ist experimenteller und ich hoffe sehr auch spannend. 

MM: Sie bespielen nun sieben Abende.

Misik: Ja, damit Aufwand und Ergebnis in einem Verhältnis stehen. Und Milo ist konzeptioneller Input-Geber.

MM: Was ist nun der Unterschied zu einer klassischen Podiumsdiskussion? Denn es gibt doch ein Podium und ein Publikum, das mit diesem in Diskussion treten soll.

Misik: Tatsächlich ist es von der Konstruktion her so, es hat aber auch theatralische Elemente. Es gibt einen Eingangsblock, in dem Schauspieler mit Texten die Thematiken aufreißen, der wird „gespielt“. Dann gibt es einen Inputredner/Rednerin, die sollen quasi das Gespräch in Gang bringen – und dann ist im Wesentlichen das Publikum dran. Wichtig ist, dass wir eine Regelhaftigkeit des Sprechens einführen. 

MM: Heißt?

Misik: Damit das Dreschen von Phrasen gar nicht erst aufkommt, damit man keine Aggressionsdiskurse hat wie in einer Talkshow oder im Parlament, wird es einen Coach, einen Mediator geben. Das ist August Ruhs, Wiens oberintellektueller Psychoanalytiker … 

MM: Also gleich die seelische Ebene mitbedacht …

Misik: Natürlich, wobei, ich würd’s gar nicht seelisch nennen, aber jemand der weiß, wie Psychodynamiken funktionieren und wie man sie an mancher Stelle brechen oder irritieren kann, ist für so ein Projekt sicher gut. Alleine der Umstand, dass er da ist und diese Rolle einnimmt, wird die Leute überzeugen, dass er steuernd eingreift. Er ist sozusagen unser Parlamentspräsident. Dann geht es um die Bürger dieser „Agora“, die eingeladen sind, sich vorbereitend einzubringen, alles rund um die Fragestellung: In welchem Land wollen wir leben? Nicht nur jammern, was einem nicht gefällt, sondern eine klare Meinung zur Lage der Nation zu treffen. 

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

MM: Ich bin sehr gespannt, wie das funktionieren wird, denn die Menschen wollen doch eher konsumieren denn agieren. Das betrifft das Theater ebenso, wie die Politik.

Misik: Das werden wir einmal sehen! Es ist ja völlig klar, wie das Format funktioniert, das wird auf der Festwochen- und Schauspielhaus-Webseite, auf meinem Blog misik.at klargemacht. Es wird im Foyer eine kurze Einführung in den Abend geben, sie werden beim Eingang einen kurzen Beipackzettel bekommen, also glaube ich nicht, dass die Leute nur um konsumieren kommen. Es wird sicher ein nicht unwesentlicher Teil des Publikums dabei sein, um zu sprechen. Ich gebe aber zu, jeder der sieben Abende ist eine spontane Installation, bei der man nicht weiß, was rauskommt.

MM: Darüber hinaus gibt es die Gäste.

Misik: Die Gäste sind so etwas wie die Helfer dieses Diskurses, sie sollen Wissen vermitteln, wenn die Diskussion in eine Richtung geht, wo man eine prononcierte Meinung braucht, um das Gespräch nicht ins Ungefähre abdriften zu lassen.

 MM: Sie haben jeden Abend andere Gäste. Um wen haben Sie sehr gerungen, dass er kommt und spricht?

Misik: Ich ringe um jeden. Jeder und jede einzelne sind mir wichtig. Philipp Blom, Katia Wagner, Melisa Erkurt, Hans Rauscher, Claudia Gamon, Ulrike Guerot, Johannes Kopf, Ingrid Felipe um nur einige zu nennen. Der Stefan Petzner wird an jedem Abend teilnehmen und das Geschehen aus der Perspektive des professionellen Politikberaters kommentieren. Ich ringe auch sehr darum, dass wir eine gewisse politische Breite haben, diejenigen, die noch nicht zugesagt haben, sind interessante Politiker der FPÖ, und damit meine ich nicht Gudenus oder Strache, von denen man weiß, was sie sagen, sondern Leute, wie den Welser Bürgermeister oder den Simmeringer Bezirksvorsteher, damit hier jemand mit anderem Standpunkt, aber durchaus ernsthafter Rede an unseren Abend teil nimmt, ansonsten kommen SPÖ-Gewerkschafter, der AMS-Chef Kopf, Politiker vom EU-Abgeordneten bis zum JVP-Mann.

 MM: Ein wenig, denke ich, begeben Sie sich in die Gefahr des politischen Kabaretts. Heißt: Wir unten und ihr oben sind eh einer Meinung, und der FPÖ muss klar sein, dass sie „Feindesland“ betritt.

Misik: Das ist eine große Herausforderung, das ist wahr. Wir wollen nicht nur mit der „linksliberalen Kunstblase“ diskutieren, wir wollen Menschen aus verschiedenen Milieus, wir haben auch einige Schulklassen, und junge Leute werden wohl auch anders agieren, als routinierte, innerstädtische Theatergeher mittleren Alters – gegen die ich bitte auch nichts habe, auch die mögen alle kommen! Ich will hier niemanden ausladen! Aber weil Sie das Wort „Feindesland“ benutzen: Ich will eigentlich, dass keiner meiner Gäste das Gefühl hat, Feindesland zu betreten. Das wäre ja einem Gespräch, wie wir es gerne hätten, total abträglich.

 MM: Nun ist „Agora“ das Format zur Stunde. Denn gerade bricht innenpolitisch Diverses um und weg. Wie beurteilen Sie die Ereignisse?

Misik: Alles ist im Fluss. Ehrlich gesagt, der Umstand, dass die Regierung zerbrochen ist und wir mitten in einem Wahlkampf sind, macht mir keine große Freude. Denn es besteht die Gefahr, dass alle Leute aus dieser Perspektive sprechen. Ich will nicht, dass unsere „Agora“ in eine Wahlkampfenergie hineingezogen wird, wo’s eigentlich einmal ums ruhige Sprechen und Austauschen ginge. Aber gut, schauen wir, wie sich das entfaltet. Vielleicht gibt die Situation unseren Veranstaltungen ja eine Dringlichkeit, weil ja doch die Möglichkeit besteht, dass sich dieses Land im Herbst eine konservativ-rechtspopulistische Regierung kriegt, die das Land ein bisschen in das Fahrwasser Orban-light führt. Da habe ich schon ganz klar die Haltung: Das muss man verhindern. Wir müssen die offene Gesellschaft gegen diese Politik verteidigen. Das ist aber meine Meinung, die ich bei „Agora“, wo ich ein relativ neutraler Gesprächsführer sein möchte, hintanhalten werde.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

MM: „Agora“ ist eine Art Demokratieermächtigung. Ist es nicht das, was sein sollte, braucht es dafür ein Bühnenformat?

Misik: Umgekehrt muss man die Frage stellen. Gerade daran, dass es keine zufriedenstellende Demokratieermächtigung gibt, dass die Leute das Gefühl haben, sie kämen ohnedies nicht zu Wort, ihre Stimme am Wahltag wäre verschwendet, sie könnten keinen Einfluss nehmen, oder wie auch immer diese Haltungen sind, gerade deswegen ist eine experimentelle Form, es zu erproben, zu zeigen, dass wir es können, vielleicht ein Schritt in die richtige Richtung. Es ersetzt natürlich keine Demokratie. Es kann nicht der Theaterraum etwas bewirken, das in der gesamten Gesellschaft funktionieren soll. Aber, wenn wir gut rechnen, haben am Ende der Festwochen 1500 Menschen unsere Erfahrung mitgemacht. 

MM: Dieses Erlebnis: Ich habe eine Stimme?

Misik: Ja.

MM: Sie haben zuletzt mit und über Bundeskanzler Christian Kern ein Buch gemacht. Was erfährt man da?

Misik: Es ist ein politisches Porträt, keine Biografie. Das hätte ich auch übertrieben gefunden, denn er ist 50 und war nicht 30 Jahre im Widerstand oder im Exil. Wir zeichnen auf: Wo kommt er her, wie ist er geprägt? Wie war das als Arbeiterkind in Simmering? Wie hat er seinen Aufstieg geschafft? Wie ist er politisch sozialisiert worden? Und all dieses. Christian Kern hat ja, was die wenigsten wissen, in Simmering die Alternative Liste mitbegründet, das heißt er war Teil der Grünen-Gründung. Erst Günther Nenning hat ihn für die Sozialdemokratie zurückgewonnen. Ich bin sehr nah dran an all diesen Geschichten, durfte dabei sein, wo sich normalerweise für Journalisten die Türen schließen …

MM: Dann erzählen Sie mir doch etwas Atmosphärisches? Ich habe das Gefühl, Christian Kern ist aus Teflon.

Misik: Das kann man nicht sagen. Er ist ein sehr kontrollierter Mensch, aber auch sehr amüsant und selbstkritisch. Man kann mit ihm gut lachen. Ich war mit dabei, bei seiner Plan-A-Rede in Wels, und alle haben seine „Inszenierung“ bewundert, aber er hing nur müde im Sessel, lachte und sagte: Ich bin nur froh, dass ich das überlebt habe. Ich habe diese Bühne gesehen und mir gedacht, wie soll ich das machen? In solchen Momenten sieht man den Menschen hinter dem Staatsmann. Er macht gerne Witzchen und lächelt dabei charmant. Wir kennen einander seit 30 Jahren – und ich kann nur sagen: fast bubenhaft selbstironisch, (er denkt kurz nach) ja, so ist er. 

MM: Eine Frage, die mich selber umtreibt, die im Wahlkampf – wir kennen die Positionen – mutmaßlich eine Rolle spielen wird, vielleicht auch in den „Agora“-Diskussion: Wie tolerant muss gegenüber der Intoleranz sein?

Misik: Das kommt darauf an, welche Form der Intoleranz es ist. Eine, die tatsächlich anderen ein Leben aufzwingen will, das sie nicht leben wollen, da kann man überhaupt nicht tolerant sein. Wenn man sich aber die Frage stellt, wie organisiert man Gesellschaften, wie können wir sie zum Positiven entwickeln, auch wenn es regressive Haltungen gibt, da wird’s komplizierter, da braucht es biegsamere Verhaltensweisen. Es ist auch eine paternalistische Haltung zu sagen, ich bin so g’scheit und du bist so blöd, und diese Einstellung gewöhne ich dir jetzt ab. Es ist nicht so verlockend, Leute von ihren Ideen abzubringen, indem ich sie ihnen verbiete, und ihnen als Muss meine eigenen aufzwinge. Es wäre sehr viel besser, es mit den Verlockungen des besseren Arguments zu schaffen. Und: Man kann Kontrapositionen auch verhindern, indem man signalisiert: Du bist hier total akzeptiert!

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

MM: Wie groß ist es für jemanden wie Sie, die Versuchung, Überzeugungsarbeit zu leisten?

Misik: Da muss ich trennen. Mit „Agora“ gar nicht, hier will ich zeigen, dass Menschen unterschiedlicher Positionen ins Gespräch kommen können. Das schließt schon einmal aus, dass ich meine Grundhaltung in den Vordergrund dränge. Grundsätzlich, täglichen im Leben, will ich die Menschen natürlich von dem überzeugen, was ich für richtig halte.

misik.at

www.schauspielhaus.at

www.festwochen.at

Wien, 22. 5. 2017