Das Leuchten der Erinnerung

Dezember 30, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Helen Mirren und Donald Sutherland in einem berührenden Roadmovie

Donald Sutherland und Hellen Mirren. Bild: © Filmladen Filmverleih

Roadmovie. Das ist ein Genre, das mit Rebellion, der Sehnsucht nach Freiheit und der Suche nach einem Weg zu sich selbst gleichzusetzen ist. Und um nichts anderes geht es in Paolo Virzìs erstem englischsprachigen Film „Das Leuchten der Erinnerung“, der ab 4. Jänner in den heimischen Kinos zu sehen ist.

Der italienische Regisseur hat den gleichnamigen Roman von Michael Zadoorian mit Helen Mirren und Donald Sutherland in den Hauptrollen großartig für die Leinwand adaptiert. Erzählt wird die Geschichte einer großen Liebe, eine Tragikomödie mit melancholischer Baseline unter ausreichend Situationskomik.

Ella und John nämlich wollen dem Schicksal ein letztes Schnippchen schlagen, sie, unheilbar an Krebs erkrankt, er mit seiner fortschreitenden Demenz ringend. So machen sich die beiden mit ihrem alten Wohnmobil, dem Leisure Seeker, auf, um sich noch einmal aneinander zu erfreuen, sich zu erinnern – und Hemingways Wohnhaus in Key West zu besuchen. Sutherland und Mirren spielen dieses Paar, das zwischen Liebe und den dabei üblichen Differenzen hin- und herpendelt, berührend und sehr glaubhaft. Ihre Darstellung ist mit einem Wort bestechend und bietet Emotion pur.

So dauert’s eine Zeit, bis sich das Drama entspinnt. Sutherland gibt den John verschmitzt-verwirrt, als Schöngeist und Luftikus, der über Hemingway und James Joyce philosophieren kann, mit Janis Joplin mitsingt, aber vergessen hat, dass er auf die Toilette sollte. Stur und beharrlich wie ein Kind reagiert er auf Mirrens Ella, die ihn immer dann streng bevormundet, wenn er ihr zu entgleitet droht. „Ich bin so glücklich, wenn du wieder bei mir bist“, sagt sie, die freundliche Quasselstrippe, über seine lichten Momente, falls es ihr einmal mehr gelungen ist, sein Gedächtnis zu wecken. Mirren gibt ihrer Ella aber auch eine gute Portion Aggressivität und Frustriertheit mit auf den Weg.

Bild: © Filmladen Filmverleih

Bild: © Filmladen Filmverleih

Wie sich’s für ein Roadmovie gehört, stolpern die beiden in allerlei skurrile Situationen. Sie setzen sich gegen einen Überfall erfolgreich zur Wehr, er vergißt sie an der Tankstelle, sie rast auf dem Motorrad hinterher, die beiden landen mitten in einer Trump-Wahlkundgebung … als Demokraten … John besteht eifersüchtig darauf, Ellas erste Liebe zu besuchen, mittlerweile ein alter Zausel in einem Seniorenwohnheim. Und dann verrät er sein großes Lebensgeheimnis, sie horcht ihn aus, er plaudert.

Ob dies alles zum Happy End führt, liegt im Auge des Betrachters. Klar ist, dass Mirren und Sutherland ihrem Paar eine wunderbar tröstliche Strahlkraft verleihen. Sie machen es, dass man mit Tränen in den Augen lächeln kann. „Das Leuchten der Erinnerung“ ist ganz großes, absolut sehenswertes Schauspielerkino.

www.dasleuchtendererinnerung.de

  1. 12. 2017

Helen Mirren ist auch in der Küche die Queen

August 26, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Madame Mallory und der Duft von Curry

Hassan (Manish Dayal) und Madame Mallory (Helen Mirren) Bild: © 2014 Constantin Film Verleih GmbH

Hassan (Manish Dayal) und Madame Mallory (Helen Mirren)
Bild: © 2014 Constantin Film Verleih GmbH

Hassan Kadam (Manish Dayal) ist ein junger, talentierter Koch mit dem Äquivalent zum „absoluten Gehör“ – dem „absoluten Geschmack“. Die Familie Kadam verlässt ihre Heimat Indien, angeführt von Familienoberhaupt „Papa“ (Om Puri), und landet über Umwege in dem idyllischen Dörfchen Lumière im Süden Frankreichs – genau der richtige Ort, um ein indisches Restaurant zu eröffnen, entscheidet Papa. Das wiederum gefällt Madame Mallory (Helen Mirren) gar nicht: Die unterkühlte Französin ist Chefin des „Le Saule Pleureur“, einem mit dem Michelin Stern ausgezeichneten französischen Restaurant, nur wenige Schritte entfernt von dem neuen, lebhaften indischen Lokal der Familie Kadam. Und so findet Hassan sich plötzlich in einer handfesten Restaurantfehde zwischen seiner indischen Großfamilie und ihrem „Maison Mumbai“ auf der einen Seite und der alteingesessenen Madame Mallory auf der anderen Seite wieder. Bis sich Hassans Leidenschaft sowohl für französische Haute Cuisine als auch für Madame Mallorys bezaubernde Sous-Chefin Marquerite (Charlotte Le Bon) vereint mit seiner wunderbaren Gabe, die Köstlichkeiten beider Kulturen zu verbinden und Lumière mit unwiderstehlichen Aromen zu durchdringen, die selbst Madame Mallory nicht ignorieren kann. Anfangs noch Madame Mallorys kulinarischer Rivale, erkennt sie schon bald Hassans einzigartiges Talent als Koch und nimmt ihn unter ihre Fittiche…

Zugegeben, das liest sich wie das Déjà-vu sämtlicher Küchen-Drehbücher mit ein bisschen Clash of Cultures, gewürzt mit einer Prise Romantik, wäre da nicht Regisseur Lasse Hallström, der schon mit „Chocolat“ bewiesen hat, dass er mit Kneten und Rühren berühren kann. Und die wunderbare Hauptdarstellerin Helen Mirren, die als gestrenger Kuchldragoner dem Bestsellerbuch „The Hundred-Foot Journey“ von Richard Morais jeglichen Kitsch wegklopft. Steven Spielberg und Oprah Winfrey haben dieses Schauspielerkino, dem man wohl als schönstes Kompliment machen kann, dass es wie das Hollywood-Remake einer kleinen, europäischen Filmköstlichkeit schmecke, produziert.

Dass man nahezu sämtliche Wendungen der Story vorausahnt, ändert nichts an ihrer Wohltemperiertheit. Die Dialoge, im Original wechselnd zwischen Französisch und Englisch mit indischen Einsprengseln, sind pointiert und witzig, die Ausstattung ist opulent bis ins Detail und das Essen – mit einem Wort beschrieben: sinnlich. Natürlich macht sich Helen Mirren den Film zu eigen. Die Verwandlung von der eifersüchtigen Zicke zur empathischen Gönnerin meistert sie virtuos; der Grande Dame des britischen Kinos genügt eine leichte Straffung des Körpers und eine kaum sehbare Kopfbewegung, um die Emotionen ihrer Figur auszudrücken.

Was man sich am Ende des Films dringend wünscht? Fusion-Food in der Nähe. Damit nach dem Augenschmaus auch Geruch- und Geschmackssinn endlich was von der Sache haben. „Gehen Sie nicht zum Abendessen, bevor Sie den Film gesehen haben“, empfiehlt auch Helen Mirren. „Und danach essen Sie in einem schönen Restaurant.“

www.madame-mallory.de

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=Wd2uDfDFia8

Wien, 26. 8. 2014

James Bond Nr. 24

August 14, 2013 in Film

 Sam Mendes führt NICHT Regie

3054248165_3827a2dfdd„Bond 24“ ist der Arbeitstitel des neuesten 007-Abenteuers. „Devil May Care“ soll der nächste Martini-Mix jedenfalls definitiv nicht heißen.  Die gute Nachricht: Nach dem Reinfall „Skyfall“ wird Sam Mendes nicht wieder im Regiestuhl sitzen. Theaterverpflichtungen würden ihn aufhalten. Aufatmen! Die  Produzenten  Michael  G.  Wilson  und   Barbara   Broccoli suchen nun fieberhaft nach Ersatz. Der norwegische Filmemacher Morten Tyldum soll im Gespräch sein. Der Einsatz von Daniel Craig ist jedenfalls sicher. Alles andere, pst, Geheimsache! Insidern zufolge soll Penelope Cruz das Bondgirl, Helen Mirren die Bösewichtin sein. Es gibt auch auch Gerüchte, sie würde die neue M. Alles sehr mysteriös. Der  Film soll in Großbritannien am 23. Oktober 2015 in die Kinos kommen.
www.007.com/bond-24-news/

www.mottingers-meinung.at/die-gurke-des-jahres-2013-geht-an-skyfall/

14. 8. 2013

Von Rudolf Mottinger

Anthony Hopkins ist „Hitchcock“

März 25, 2013 in Film

Nie wieder Duschen hinterm Vorhang

Alfred Hitchcock, das Original Bild: Image by © Bettmann/CORBIS

Alfred Hitchcock, das Original
Bild: Image by © Bettmann/CORBIS

Zum Sir ernannt wurde Filmgroßmeister Alfred Hitchcock ja von der dunkelhaarigen Queen. Seine vielen Filmblondinen wussten zu berichten, dass der Master of Suspense – ganz unsirig – auch im Fummeln Meister war. Nun ja, Genies dürfen so ihre Eigenheiten haben. Und Alfred Hitchcock ging schließlich nicht als Erfinder der Besetzungcouch, sondern des gut gemachten Thrillers in die Ewigkeit ein. Dafür sorgte er allein schon durch Cameo-Auftritte in seinen Werken. Unvergesslich im Profil.

Sacha Gervasi, bis dato Dokufilmer, holt den „Psycho“-Paten für sein Spielfilmdebüt auf die Leinwand zurück. Wie leinwand das ist, darüber scheiden sich die von Gervasi gerufenen Kritiker-Geister. Die er nun nicht mehr los wird … Der Inhalt seines Biopics orientiert sich aus weiter Ferne am exzellent recherchierten Buch „Alfred Hitchcock and the Making of Psycho“ von Stephen Rebello. Nur macht Gervasi aus der Sachlektüre eine unterhaltsame Ehekomödie. Auch eine Möglichkeit. Hitch ist besessen von einem Schundschocker. Die Rechte dafür hat er schon erworben. Für 9000 Dollar kaufte er (über einen unbekannten Agenten) Autor Robert Bloch 1959 seinen Roman „Psycho“ ab. Der Schriftsteller  ließ sich von dem realen Fall des Frauenmörders Ed Gein inspirieren, der zwei Jahre zuvor unweit von Blochs damaligem Wohnort in Wisconsin gefasst worden war. Die Studios – dies eine Parallele zu Gervasis Unterfangen – fassen das Skript nicht einmal mit der Feuerzange an: eine Muttermumie, ein Messermord, viel nackte Haut – und das zu Zeiten, wo das Zeigen einer Kloschüssel schon verpönt war. No way. Erst als Anthony Perkins als Norman Bates – beziehungsweise Anthony Hopkins als Hitchcock – verpflichtet werden kann, gibt es ein Go.

Doch der Duschvorhang und was hinter ihm geschah, dient im Film nur vordergründig als Handlung. Tatsächlich geht es Gervasi um das Eheverhältnis zwischen Hitchcock und seiner Frau, der Cutterin und Drehbuchautorin Alma Reville. Motto: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau. Bei Anthony Hopkins sind es gleich mehrere. Der Oscarpreisträger spielt zwar fanastisch alle Schrullen, Obsessionen und den makaberen Humor seiner Figur wie einen Joker nach dem anderen aus, hat Diktion und Körpersprache der Originals – wie man es von ihm gewohnt ist – verinnerlicht, wirkt aber durch die missglückte Arbeit der Makeup-„Künstler“ optisch wie Madame Tussauds entsprungen. Die Damen sind nicht nur schauspielerisch brillant, sondern auch schön getroffen: Helen Mirren, ebenfalls bereits oscarbepreist, als Alma ist die wahre Heldin des Films: des legendären Zampanos stets unbedankte Ideenlieferantin, die durch Schnitt und Musikauswahl viel zur Spannung der Filme beitrug. Scarlett Johansson (als Duschszenen-Opfer Marion/Janet Leigh) und Jessica Biel (als ihre Schwester Lila/Vera Miles) sind großartig als Hitchcock’sche Klischee-Blondies. Toni Colette in Brünett mimt die patente, gestrenge Produktionsassistentin Peggy Robertson.

Was den Film für Menschen mit Humor noch sehenswert macht: Gervasi persifliert „Psycho“-Szenen, indem er sie von Hitch/Hopkins vorführen lässt. So beobachtet der Regisseur seine Darstellerinnen ebenso durch ein Loch in der Wand, wie Norman Bates seine Opfer. Diesen, also Anthony Perkins, spielt James D’Arcy. Und es ist nur eine der Anekdoten, die Gervasi in seinem Film aufkocht, dass sich der Filmemacher ihm mit folgendem Satz vorgestellt haben soll: „You may call me Hitch. Hold the Cock“. Das kann man mögen. Oder nicht. Wir mögen’s.

Hitchcock, USA 2012. Regie: Sacha Gervasi; mit Anthony Hopkins, Helen Mirren, Toni Collette, Danny Huston, Scarlett Johansson, Jessica Biel, Michael Stuhlbarg.

www.hitchcock-derfilm.de

www.hitchcockthemovie.com

Trailer auf Deutsch: http://www.youtube.com/watch?v=I-JJOcg1KgI

Von Michaela Mottinger

Wien, 25. 3. 2013