Theater in der Josefstadt: Ein Kind unserer Zeit

September 8, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Viele Türen und kein Ausgang offen

Therese Affolter, Katharina Klar, Martina Stilp und Susa Meyer schlüpfen in diverse Rollen dieses inneren Monologs. Bild: © Moritz Schell

Wer aus den Eröffnungspremieren der Wiener Theatersaison nur eine auswählen kann, der oder die möge sich für diese entscheiden. Regisseurin Stephanie Mohr hat fürs Theater in der Josefstadt Ödön von Horváths visionären Roman „Ein Kind unserer Zeit“ für die Bühne eingerichtet, ein Kunststück, ist der Protagonist doch ein Ich-Erzähler, das Ganze ein innerer Monolog, der zwischen Schilderung der Handlung und seiner Haltung dazu wechselt, vom radikalen Faschisten zum fieberhaft gehetzten Vollstrecker zum frustrierten Kriegsversehrten.

Mohr legt die Figur in die Hände von vier Schauspielerinnen: Therese Affolter, Susa Meyer, Martina Stilp und Katharina Klar. Sie agieren als vielschichtiges Charakter-Quartett – sehr vereinfacht beschrieben: Klar als der fanatische, unbeherrschte Jungmann, Stilp als der Schmerzensmann, Meyer überzeugt mit desillusionierter Abgeklärtheit, Affolter mit grober Kaltherzigkeit. „Ich bin Soldat. Und ich bin gerne Soldat … Jetzt hat mein Dasein plötzlich wieder Sinn! Ich war ja schon ganz verzweifelt, was ich mit meinem jungen Leben beginnen sollte. Die Welt war so aussichtslos geworden und die Zukunft so tot …“.

So beginnen die Darstellerinnen dieser Uraufführung im Kanon, eine das Echo der anderen, eine der anderen Seelenstimme, von Frage zu Antwort, von Rede zu Gegenrede. Doch sie sind nicht nur der Soldat. Sie sind der suizidale Hauptmann und seine Witwe, der despektierte Vater und seine neue Frau, Krankenschwestern und Ärzte im Lazarett, die ins Unglück stürzende Kassiererin einer Praterattraktion. Ausstatterin Miriam Busch hat als Setting einen grauen Drehzylinder mit etlichen Gucklöchern erdacht, der sich an einer Seite öffnet und den Blick freigibt auf einen abgestorbenen Baum zum Erhängen der Gefangenen, einen halbkaputten Flipperautomaten und unzählige Türen – aber hinter keiner ein Ausweg. Die Kleidung besteht aus Drillich, Camouflage-Hosen, Militärstiefeln, Feldmützen und ausgeleierten Männerunterhosen – keine Spur von der Armee Glanz und Gloria, die zumindest Klar in ihren Momenten heraufbeschwört.

Horváths Roman erschien 1938, kurz nachdem der Autor auf den Champs Élysées von einem herabstürzenden Ast erschlagen worden war, und wurde von den Nationalsozialisten sofort verboten. Zu offensichtlich war die Kritik an Adolf Hitler und der Unterstützung Francos im Spanischen Bürgerkrieg. Was Horváth will und die Mohr glasklar herauskristallisiert hat, ist ein Warnen vor der Gefahr nationalistischen/nationalsozialistischen Gedankenguts, ein Appell nicht blindlings hohlen Phrasen und politischen Heilsversprechungen zu folgen, sondern nach eigenem besten Wissen und Gewissen zu leben. Dass einen dies alles auch an Putins Angriffskrieg auf die Ukraine erinnert, macht den Abend hochaktuell. Ein Gespenst, nein: ein Wiedergänger geht um in Europa.

Der arbeitslose Ich-Erzähler in Gestalt von Katharina Klar meldet sich also als Freiwilliger, weil’s in der Kaserne eine warme Stube und etwas zu essen gibt. Mit seinem Vater, einem im Ersten Weltkrieg zum Krüppel geschossenen Kellner, „einem Trinkgeldkuli“, hat er sich entzweit, weil er dessen „fades pazifistisches Gesäusel“ nicht mehr ertragen konnte: „Die Generation unserer Väter hat blöden Idealen von Völkerrecht und ewigem Frieden nachgehangen und hat es nicht begriffen, dass sogar in der niederen Tierwelt einer den anderen frisst. Es gibt kein Recht ohne Gewalt. Man soll nicht denken, sondern handeln! Der Krieg ist der Vater aller Dinge.“

„Und ich bin gerne Soldat …“ Bild: © Moritz Schell

Tod des Hauptmanns. Bild: © Moritz Schell

Raus aus dem Lazarett. Bild: © Moritz Schell

Beim Vater und seiner Frau. Bild: © Moritz Schell

Auf dem Jahrmarkt verliebt sich der Soldat noch in „das Fräulein“, Martina Stilp, das an der Kasse zum „Verwunschenen Schloss“ sitzt, doch dann geht’s hopp-hopp in den Einsatz, ein kleines Nachbarland wird angegriffen –  eine sogenannte „Säuberung“. Die Affolter als aufrechter Hauptmann läuft mitten in diesem Überfall dem Freitod in Form eines Maschinengewehrs entgegen, der Soldat will ihn retten, worauf ihm der Arm zerschossen wird. Wechsel zu einer zynischen, nach wie vor das „Untermenschentum“ verachtenden Martina Stilp ins Lazarett, das mit dem Arm wird nichts mehr, nun ist der Soldat ebenfalls ein Kriegsinvalide.

Er bringt der Witwe des Hauptmanns, Susa Meyer, dessen letzten Brief, erhofft sich nach einer Sexnacht vergebens von ihr Protektion für einen Posten mit Pensionsberechtigung, kehrt zum Vater und dessen zweiter Ehefrau zurück: „Es gibt keine Gerechtigkeit, das hab‘ ich jetzt schon heraus. Daran können auch unsere Führer nichts ändern … Wer sagt zu dem einen: Du wirst ein Führer. Zum anderen: Du wirst ein Untermensch. Zum dritten: Du wirst eine dürre stellungslose Verkäuferin. Zum vierten: Du wirst ein Kellner. Zum fünften: Du wirst ein Schweinskopf. Zum sechsten: Du wirst die Witwe eines Hauptmanns. Zum siebten: gib mir deinen Arm … Das kann kein lieber Gott sein, denn die Verteilung ist zu gemein.“

Er geht auf den Rummelplatz. Das „Verwunschene Schloss“ gibt es nicht mehr, „das Fräulein“ hat ein Kind abtreiben lassen, weil die Firma keine schwangeren Angestellten duldet, und sitzt nun im Gefängnis. Der Soldat, der längst begriffen hat, dass sein Vater mit jedem Wort recht hatte, die Gräuel der nationalsozialistischen Diktatur, die Unsinnigkeit des Krieges, begeht im Hass auf die Führer und die Mitläufer, auf den „gesunden Volkskörper“ und „das Vaterland, das seine Ehre verloren hat“ zwei Wahnsinnstaten. Doch eigene Verantwortung am Hurra-Patriotismus und Kadavergehorsam leugnet er bis zum Schluss. Schuld und Schrecken und Verlustlisten und keine Sühne. Der Krieg, er ist ein Entmenschlicher. Sowohl der Opfer als auch der Täter.

Katharina Klar. Bild: © Moritz Schell

Stilp und Affolter. Bild: © Moritz Schell

„Hauptmannswitwe“ Susa Meyer. Bild: © Moritz Schell

Stephanie Mohr führt ihr Ensemble präzise und einfühlsam durch diese Schwerstarbeit, die von ihr destillierten Texte sind so ausdrucksstark wie verheert. Mohr zeigt höchst eindringlich vier starke Frauen als Paraphrase, als Demonstration toxischer Männlichkeit, als würden hier Mütter, Ehefrauen, Schwestern, Töchter anklagen, so sie den Krieg doch nicht verhindern konnten. Und das alles in einem Tempo, das einen atemlos macht. Kein Satz ist in dieser Inszenierung zu viel, jede Minute spannend, jede Verwandlung von Person zu Person bemerkenswert.

Später, auf der Heimfahrt vom Theater, ein Taxifahrer. Man kommt ins Reden, er sagt, er sei vor 27 Jahren nach Österreich gekommen. Aus Bosnien. Aus dem Bosnienkrieg. Und er könne seinem erlernten Beruf nicht mehr nachgehen, weil ein Schrapnell seinen linken Oberschenkel zerfetzt habe. Das Bein sei nun vier Zentimeter kürzer als das rechte. Im Krieg gibt es immer nur Verlierer – und dies seit Generationen bis zu der Generation, die gerade gar nicht so weit der österreichischen Grenzen kämpft.

„Wir sind keine Soldaten mehr, sondern elende Räuber, feige Mörder. Wir kämpfen nicht ehrlich gegen einen Feind, sondern tückisch und niederträchtig gegen Kinder, Weiber und Verwundete“, hat der Hauptmann in seinem Abschiedsbrief geschrieben. – Und der Soldat denkt: „Wie dumm ich war, wie dumm ich war!“

Video: www.youtube.com/watch?v=RQD9ZdqG2rM           www.josefstadt.org

  1. 9. 2022

Theater in der Josefstadt: Die Stadt der Blinden

September 18, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pandemie als Metapher für Entmenschlichung

Bei Soldaten in Schutzanzügen: Sandra Cervik, Ulrich Reinthaller, Roman Schmelzer, Martina Ebm, Alexandra Krismer, Marlene Hauser und Raphael von Bargen. Bild: © Moritz Schell

Die Ampel steht auf Rot. Nein, nicht die Bundesländerwarnung für Salzburg, sondern jene auf der Bühne der Josefstadt, und dennoch hat das Lichtsignal beide Male mit Pandemie zu tun. Autor Thomas Jonigk hat des Literaturnobelpreisträgers José Saramago „Die Stadt der Blinden“ für die Josefstadt adaptiert, ein Auftragswerk des Hauses, da Regisseurin Stephanie Mohr ein Stück zur Situation wollte – und entstanden ist so eine

ergreifende und fesselnde, auf die drastische Wirkmacht von Saramagos Metapher für Entmenschlichung konzentrierte Uraufführung. Von einer „Blindheit des Herzens“ spricht der portugiesische Romancier mehrmals, einer mysteriösen Epidemie, die gefährlich ansteckend ist, und wie er es vorgibt, zeigt Mohr eine Gesellschaft in der Menschenrecht, Menschenwürde, Mit-/Menschlichkeit verloren gehen, das Tasten der ihrer Sehkraft beraubten Figuren ist eines nach Orientierung und Ordnung, doch endet’s für sie in Chaos und Gewaltherrschaft. Das ist so gegenwartsbezogen und überstilisiert dystopisch zugleich, dass einem mitunter der Atem stockt.

Mohrs Inszenierung hat diese brüchige Sprödheit, statt Blackouts gibt es „Blendouts“, die ihren Arbeiten oft zu eigen ist. Sie hinterfragt das Augenscheinliche wie die Motivationen des Saramago’schen Personals und zeigt, dies des Schriftstellers universelles Thema, ein milchigweißes, ununterscheidbares Gut und Böse, von beinah jeder Figur auch die Kehrseite der Medaille.

„Die Stadt der Blinden“ ist ein Ensemblestück, das die Namenlosen in ihrer Anonymität belässt, sodass Mehrfachbesetzungen de facto keine Rolle spielen. Jonigk hat für die zehn Darstellerinnen und Darsteller auch chorische Szenen entworfen. Gleich dem der griechischen Tragödie sind sie Berichterstatter, prophetische Beobachter, dann wieder einzelne Involvierte, die ihr Schicksal schildern, während sie es durchleben.

Ungewohnt mag das sein für die Josefstadt, das hier zugunsten einer starken Symbolik auf ausgefeilte Charakterstudien verzichtet wurde, die Protagonistinnen und Protagonisten nehmen stattdessen eine parabelhafte Platzhalterrolle für jede und jeden im Publikum ein. Wobei Jonigk wie Mohr auf erkennbare Sympathien oder Antipathien verzichten, niemals moralisieren, werten, richten, sondern es den Betrachtenden überlassen, sich eine Meinung zu den handelnden Personen zu bilden.

Im Setting von Miriam Busch, das mit sparsamen Mitteln größten Effekt erzielt, die flugs zu wechselnden, zeitgemäßen Kostüme von Nini von Selzam, ist Roman Schmelzer der erste Blinde, der – dies gilt es zu erwähnen – wie alle anderen die schauspielerische Schwerstarbeit, Blindheit zu mimen, mit Bravour meistert. Und während „Patient Null“ noch damit ringt, sich blindlings vom Augenarzt, Ulrich Reinthaller als ebendieser, etwas verschreiben zu lassen, und honi soit, wer da an die Impfdebatte denkt, sind auch schon der Mediziner, Martina Ebm als Frau des ersten Blinden und mit Raphael von Bargen jener sinistre Mann infiziert, der dem Patienten Hilfe anbot, nur um dessen Auto zu stehlen.

Alexander Absenger und Roman Schmelzer. Bild: © Moritz Schell

Sandra Cervik und Julian Valerio Rehrl. Bild: © Moritz Schell

Die Mafia: Von Bargen, Absenger und Rehrl. Bild: © Moritz Schell

Einzig die Frau des Augenarztes, Sandra Cervik, bleibt von der Blindheit verschont, bei Saramago ist die personelle Erzählperspektive bevorzugt die ihre, die alleinig Sehende, die einsame Seherin des Kommenden. Sie beschließt ihren Mann verbotenerweise ins Internierungslager zu begleiten, und schon werden die Verseuchten von Soldaten in Schutzanzügen zwecks Quarantäne zusammengetrieben und in eine frühere Irrenanstalt – ein weißer, von oben herabschwebender Koben – gepfercht.

Auftritt, während für Marlene Hauser, Alexandra Krismer, Alexander Absenger, Peter Scholz der Überlebenskampf ums tägliche Brot beginnt, Julian Valerio Rehrl als Slim-fit-Politiker mit zurückgegeltem Haar, der mit kieksender Stimme und Messias-Gesten von jener Verantwortung pflichtbewusster Bürgerinnen und Bürger, die ihnen der Staat nicht mehr abnehmen wolle, salbadert, vom „Akt der Solidarität gegenüber dem Rest der nationalen Gemeinschaft“, während sich er samt dieser augenscheinlich entsolidarisiert.

Es sind Textzeilen wie diese, auch aus diversen Lautsprechern verlautbarte, die Regierung hätte alles unter Kontrolle, es gebe regelmäßige Meetings mit Fachleuten, weswegen man „zwei Mal in sechs Tagen die Strategie ändert“, kommentiert Scholz staubtrocken, die im Saal zu unterdrückt zynischem Gelächter führen. „Im Reich der Blinden ist der Einäugige König“, raunt der Sitznachbar. Und einem selbst fällt im Zusammenhang mit Politik ein hoffnungsvoller Bibelvers ein: Wenn ein Blinder den anderen führt, fallen beide in die Grube ..

Jonigk hat mit Verve Saramagos Vorliebe für schwarzen Humor und skurril-gaunerische „Schlauberger“ ins Tagesaktuelle befördert, Mohr dazu obwohl abstrakte, dennoch beklemmende Bilder erdacht. Auf Befehlstreue gedrillte Soldaten, die den ersten „Blindgänger“ erschießen, weil der sich auf ihr Terrain verirrt hatte. Opfer, die in verblendetem Zweckoptimismus am Glauben an den „Weitblick“ der Obrigkeit festhalten. Cervik, die um Zusammenhalt bemüht, nicht nur wie alle den Modergeruch wahrnimmt, sondern auch die Leichenberge sieht.

Polonaise des Grauens: Sandra Cervik, Ulrich Reinthaller, Martina Ebm und Julian Valerio Rehrl. Bild: © Moritz Schell

Im schmutzig-weißen Quarantäne-Koben: Sandra Cervik und Marlene Hauser. Bild: © Moritz Schell

Kampf ums tägliche Brot: Krismer, Hauser, von Bargen, Schmelzer, Ebm, Reinthaller und Cervik. Bild: © Moritz Schell

Roman Schmelzer, Ulrich Reinthaller, Marlene Hauser, Sandra Cervik und Martina Ebm. Bild: © Moritz Schell

Zum schmalen Grat des Vorwärtstaumelns kommt der Grad der Verwahrlosung, Unrat und Dreck als lehmige Substanz auf Körpern und Gesichtern, eine von den Capos unter den Insassen gegründete Essensmafia zwingt die Frauen, sich für die Verteilung der Lebensmittel zu prostituieren. In einer Kakophonie der weiblichen Stimmen wird der Missbrauch ausdrucksstark vorgetragen, es genügen die verständlichen Wortfetzen, um sich das Schreckliche vorzustellen.

Die Schweigsame Frau der Krismer stirbt an der Massenvergewaltigung, die Frau des Augenarztes ersticht einen der Täter, sie wird zur rasenden Rächerin, wie die Medea, als die Cervik ebenfalls zu erleben ist (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47538). Alldieweil und mitten im Inferno versucht von Bargens Figur, sich Hausers Frau mit dunkler Brille sexuell aufzudrängen … Die Hölle, das sind die anderen, um Sartre zu bemühen.

Aus dem eindrücklichen Spiel des Ensembles, das etwa 30 Rollen meistert, darunter großartig komisch Rehrl und von Bargen als Apokalyptiker und Verschwörungstheoretiker, schälen sich kürzeste Szenen heraus, die haften bleiben. Scholz als Der Alte, der eine zarte Beziehung zu Hausers Frau mit dunkler Brille entspinnt. Cervik mit von Bargen als Schriftsteller und Saramagos Alter Ego, die über die mit dem Augenlicht schwindende Empathie philosophieren. Von Bargen, der auf der Bühne Sarangi und Posaune spielt. Die Sehende Frau, die zum Schutz der Blinden diese zu einer Polonaise des Grauens arrangiert. Krismer als vom Wahnwitz umzingelte Nachbarin, die sich aufs Fangen und Roh-Verspeisen von Kaninchen/oder sind die Fellbündel Katzen spezialisiert.

„Die Stadt der Blinden“ an der Josefstadt entwirft das Panorama einer Krise, freilich mit den Mitteln der Kunst extremer und exaltierter als die Realität seit eineinhalb Jahren, und doch als Warnung, wohin es führen kann, wenn Wegsehen, Nicht-sehen-Wollen um sich greift und Populismus die Politik ersetzt. Saramagos niedergeschriebenes Gleichnis auf eine Gedankenseuche, für die Bühne übersetzt von Thomas Jonigk und auf diese gebracht von Stephanie Mohr, ist zu lesen als gesellschaftspolitischer Weckruf, sich wieder als Solidargemeinschaft zu erkennen. Dass Cervik schreit: „Gott hat es nicht verdient zu sehen!“, ist das eine, das andere die fortdauernde Niedertracht allüberall.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zMn7W3dDLMY           www.josefstadt.org

BUCHTIPP: Da sich im Programmheft zu „Die Stadt der Blinden“ ein Auszug aus dem „Wuhan Diary“ sowie ein Interview mit Autorin Fang Fang finden, hier die Leseempfehlung / Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41195. Hoffmann und Campe, Fang Fang: „Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“, Sachbuch, 352 Seiten. Übersetzt aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann.

17. 9. 2021

Schauspielhaus Graz/ORF III-Stream: jedermann (stirbt)

April 17, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schlagerschulzen am Würstelstand

Die Tafel des reichen Mannes hier als Tresen einer Imbissbude: Nico Link, Katrija Lehmann, Fredrik Jan Hofmann, Raphael Muff. Lukas Walcher und Evamaria Salcher. Bild: © Lex Karelly

ORF III zeigte gestern im Rahmen der Reihe „Wir spielen für Österreich“ Ferdinand Schmalz‘ zeitgenössisches, grandios wortwitziges Gaukler-Spiel über die Gier und andere Todsünden: „jedermann (stirbt)“ aus dem Schauspielhaus Graz. Die Inszenierung von Daniel Foerster, nominiert für den Nachspielpreis des Heidelberger Stückemarkts 2020, ist noch sechs Tage in der ORF-Mediathek abzurufen. Schrill, schräg, exaltiert und exzentrisch, so präsentiert sich hier die Tischgesellschaft

des reichen Mannes, anderes als in der schwarzgoldenen Uraufführung von Stefan Bachmann am Burgtheater (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28390), ein Video macht den Anfang, als hätt‘ der Herrgott die Sache immer schon auf dem (Bild)-Schirm gehabt. Aus den Garderoben, der Kantine, dem Regieraum eilt sie herbei, die High Society, der Hochfinanzhai hat zur Gartenparty geladen – die Ausstatterinnen Miriam Haas und Lydia Huller haben ihm dafür statt Weltbühne eine Imbissbude aufgestellt.

Schmalz hat seinen Hofmannsthal studiert, bevor er dessen Werk über- und ergo fortschrieb. Derart ist ein Zeitgeist-Zerrspiegel entstanden, der das Original weder zur Seite schiebt noch unkenntlich macht, sondern vielmehr die akuten Verhältnisse zur Kenntlichkeit entstellt. Dafür hat Schmalz die Figuren neu gruppiert – zur Buhlschaft-Tod, zum armen Nachbar Gott, zu den Werken-Charity, die gleichzeitig der Mammon ist, ganz erschöpft von den vielen Charity-Veranstaltungen: die füße wund vom walzertanzen / die hände krumm vom vielen schütteln / die nase rau vom vielen pudern / die stimme heiser vom palavern …

… und dennoch kein Spendenfluss ohne seitenblickendes Fressen und Saufen und Steuervorteile … wobei oder weshalb der Obolus derzeit lieber an gemeinnützige Vereine, vornehmlich solche ohne jegliche im Ibiza-Ausschuss nachzuweisende Verbindung zur einen oder anderen Partei, entrichtet wird … Katrija Lehmann – auch fabelhaft in „Zitronen Zitronen Zitronen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45582, nächster Stream-Termin am 29. April) und „Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=44995, VR-Brille nun österreichweit zu bestellen) – Katrija Lehmann hat als Charity einen Oscar-reifen Melodram-Auftritt, bevor sie ermattet in Jedermann Raffael Muffs Arme sinkt.

Der arme Nachbar Gott: Henriette Blumenau. Bild: © Lex Karelly

Raphael Muff als Jedermann in der Neonlichtdämmerung. Bild: © Lex Karelly

Lukas Walcher, Katrija Lehmann und Raphael Muff. Bild: © Lex Karelly

Und apropos, arm: In Jedermanns blitzeblank-weißem Paradies, im Dorado des obszönen Lifestyles sind Krethi und Plethi nicht willkommen. Heißt im speziellen Fall, der arme Nachbar-Gott (ist weiblich): Henriette Blumenau mit Perlenbart, die zwar ihren alttestamentarischen Senft zu Jedermanns bevorstehendem Ableben gibt, ansonsten aber mit der Würzpaste ausgiebig besudelt wird. Die diesbezügliche Squeeze-Flasche ist rasch zur Hand, weil: Imbissbude. „Swallow“ steht in Neonschrift über dem Kiosk, Schlucks!, Schlucks runter! Das Friss-oder-stirb gilt denen vorm Zaun, dort wo’s brodelt, wo es Krieg und Kriegsopfer geben soll.

Doch das kriegt er, der’s mit der Wirtschaft-Treibende, der Börsentitan, der sich die Erde als Investment Untertan macht, der eitle Hedgefonds-Hero, nur sehr peripher mit. Zu sehr umgarnt ihn Buhlschaft-Tod, Lukas Walcher als Schwarze Witwe im kleinen Schwarzen, als unheimliche, androgyne Erscheinung die Sensation des Abends. Lasziv lockend, macht er Jedermann glauben, er sei der siebte Sohn des siebten Sohnes, während er in Wahrheit schon den Herzkasperl-Griff à la Domplatz trainiert. Welch eine Performance, die nur so vor Gift trieft.

Auch Raphael Muff spielt grandios als Jedermann, der Kapitalismusgewinnler ein Großkotz, der gar nicht anders kann, weil er nichts anderes kann, als Geld anzuhäufen, und dennoch zeigt Muff auch sympathische Seiten, kann in stillen Momenten Empathie erweckten. Prätentiös, prahlsüchtig, proletenhaft, am Ende des Tages aber verängstigt und klein, gestaltet Muff im Wortsinn einen jedermann, wie ihn sich Salzburg kaum besser wünschen kann, der Spekulant, der sich punkto Lebenszeit verspekuliert hat, und nun fürchtet, was alle fürchten: alleine gehen zu müssen. In einem Gnadenbild gewährt ihm Göttin Blumenau deshalb eine Pietà.

Foersters Inszenierung schmiegt sich stimmig um die Schmalz’schen Wortkaskaden, und spickt mit Verve die sprachgewaltigen, poetischen Verse mit einem flotten Liedchen hie und da. Schlagerschnulzen am Würstelstand, sozusagen. Höhepunkt: eine Ode an den Fleischkonsum, Musik: Jan Preißler, wen kümmert schon die Klimabilanz solang die eigene stimmt? Wie schön, dass neben Sarkasmus auch der Schenkelklopf-Humor zu seinem Recht kommt.

Das Opferlamm ist auserkoren: Blumenau, Muff, Walcher, Lehmann, Link, Hofmann und Salcher. Bild: © Lex Karelly

Schenkelklopfen mit dickem und dünnem Vetter: Frederik Jan Hofmann, Raphael Muff und Nico Link. Bild: © Lex Karelly

Link als Jedermanns Mutter, Jedermann rechtet mit Gott um sein Überleben: Muff und Blumenau. Bild: © Lex Karelly

Im Wortsinn ein Totentanz: Wenn Link, Muff, Blumenau, Walcher und Salcher tanzen, ist’s ein „Thriller“. Bild: © Lex Karelly

Diesen besorgen vor allem Frederik Jan Hofmann und Nico Link als dicker und dünner Vetter, zwei Volksverdreher, äh: Vertreter in Badehosen, die Schulden für eine Politkampagne angehäuft haben, erst schmeicheln, sich gar demütigen und hündisch züchtigen lassen, aber die Kurve kratzen, als es ans Sterben geht. Nicht ohne anzukündigen, dass sie nun wohl Jedermanns Konzerne übernehmen werden. Link übernimmt mit geflochtenem Haarkranz und im Trachtendirndl auch den Part von Jedermanns bigott-ländlich-sittlicher Mutter, Lehmann lässt als Mammon die Jedermann-Marionette an ihren Fäden zappeln. Evamaria Salcher will als Jedermanns Frau, man möcht‘ sie für den Glauben halten, dessen Sünden jedenfalls nicht ausbaden.

„jedermann (stirbt)“ vom Grazer Schauspielhaus schillert in allen Farben der Gegenwart, überzeugt durch ein fabelhaftes Ensemble, hervorragende Regieeinfälle und zombieösen Michael-Jackson-Thriller-Totentanz. Daniel Foerster hat aus Ferdinand Schmalz‘ Vorlage ein absurdes Theater, ja, ein Grand Guignol gemacht, samt Kasperl, Gretel, Krokodil jenseits aller Gendergrenzen. Doch bei all dem – siehe Würstelstand – blunznfetten Champagnisieren schreit die gesellschaftspolitische Brisanz laut auf: die Finanzoligarchie ist eine vielköpfige Hydra, sie zu bezwingen eine Herkules-Aufgabe.

„die eigentliche lehr, / die wir aus diesem spiele ziehen können, / ist, dass einer hier geopfert wird, / um unsere gemeinschaft rein zu waschen“, heißt es bei Schmalz, und ein Schelm, wer da ans Tagesaktuelle denkt. „Für all die lebenden Toten, für all die toten Lebenden“, sagt Buhlschaft Walcher singe man jetzt. Auf Deutsch, die ersteren in Europa, die zweiteren hinterm Festungswall. „Wir sind die Welt, wir sind die Kinder, wir haben den besseren Tag, also fangt an zu geben …“ Wahre Worte, die niemand leugnen kann.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=O6SDIlBXUyM           schauspielhaus-graz.buehnen-graz.com           tvthek.orf.at

  1. 4. 2021

Nesterval: „Goodbye Kreisky – Willkommen im Untergrund“ als interaktive Live-Zom-Version

November 26, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Wahlgrotesken ist …

Astôn Matters als Patrizia Rot, Tochter der Goodbye-Kreisky-Gründerin Gertrud Nesterval (l.) mit den BedROTen und dem Analyseteam. Bild: © Alexandra Thompson

Da dies die Besprechung einer Nesterval-Produktion ist, die frohe Botschaft zuerst: Für die Performances bis 12. Dezember gibt es noch Tickets. Und derer sollte man sich gleich mehrere sichern, hat man doch bei der gestrigen Uraufführung gerade mal acht von 80 Szenen gesehen – wie man danach in der Zoom-Plauderei erfährt. Denn der Spezialtrupp für immersive Theaterformen nützt, wie beim mit dem Nestroy-#Corona-Spezialpreis ausgezeichneten „Kreisky-Test“

(Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39561), auch fürs zweite Lockdown-Abenteuer die Meeting-Plattform. Dessen Kenntnis ist keine Vorbedingung für „Goodbye Kreisky – Willkommen im Untergrund“. Mit dem Mail zum Teilnahmelink erhalten die Zuschauerinnen und Zuschauer jenen zu einem Filmessay von Jonas Nesterval, ein Was-bisher-Geschah über seine buchstäblich vom Erdboden verschluckte Mutter Gertrud, plötzlich auftauchende Briefe, Pläne, Paranoia wegen diffuser Bedrohungen, ein in jeder Hinsicht fantastisches Projekt …

Kurz, die mittels Gertrud Nestervals Kreisky-Test auserwählten Bewohnerinnen und Bewohner eines sicheren und sozialdemokratischen Utopia, das heißt: deren letzte Überlebende, wurden dieser Tage bei Bauarbeiten am Karlsplatz ausgegraben. Mehr als 50 Jahre waren sie in der dem U-Bahn-Bau untergeschmuggelten Anlage insoliert, in dieser 200 Meter tief gelegenen Stadt unter der Stadt, nun, da sich der Nesterval-Fonds für die Findlinge verantwortlich fühlt, wurden sie in eine geheime „Arena“ gebracht.

Wo wenige Auserwählte, das Publikum in sechs Gruppen à  zwölf Personen, sie live und in Farbe beobachten dürfen, ja, müssen, gilt es doch in enger Zusammenarbeit mit dem Analyseteam über das weitere Schicksal der „psychisch wie physisch fragilen“, nunmehr von 50 Kameras „beschützten“ BedROTen zu entscheiden – und anschließend die Rechtmäßigkeit der Geschehnisse zu bestätigen. Da sträuben sich erstmals die Nackenhaare, in Arenen ist – siehe argentinische Militärjunta – schon eine Menge Böses passiert.

Die Bergung der Pflegerin Ludowika Weiß: Rita Brandneulinger. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Special Guest Eva Billisich als Analyse008_Daniela. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Die VersorgerInnen: Romy Hrubeš mit Martin Walanka und Johannes Scheutz. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Gertrud Nesterval mit dem Nestroy Corona-Spezialpreis: Astôn Matters. Bild: © Alexandra Thompson

Und dem Familienfonds für karitative Zwecke, gegründet, man erinnere sich, von Martha Nesterval als eine Art Wiedergutmachung für das Treiben der Sippschaft im Dritten Reich, nämlich der Herstellung von Waffen unter Einsatz von Zwangsarbeitern, ist ohnedies nur bedingt zu trauen. Aber schwupps, schon hat einen Analytikerin Alexandra, Spielerin Julia Fuchs, zur Nummer 606 der entsprechenden Kommission gekürt, und nicht ohne Stolz möchte man erwähnen, dass man von deren anderen Mitgliedern alsbald zur Sprecherin gewählt ward.

Wahl – das ist das Thema. Denn die Vorsitzende Maria Grün, dargestellt von Performerin Alexandra Thompson, die diese Funktion seit Gertruds Ableben im Jahre 1997 innehat, wirkt zunehmend vergesslich, verwirrt, rücktrittsreif. Befindet der Rat der Frauen, Männer haben nämlich in Gertruds Unterwelt nichts zu melden, der Rat, in den jeder Clan eine Vertreterin entsendet. Als da wären: Rot, die VerwalterInnen, Patrizia und Ehemann Theo, sowie die gemeinsamen Kinder Franka, Roberta und Maggo – Astôn Matters, Alkis Vlassakakis, Laura Hermann, Michaela Schmidlechner und Willy Mutzenpachner.

Grau, die Ideologinnen, die Schwestern Viktoria und Raffaela – Miriam Hie und Claudia Six. Weiß, die PflegerInnen-Geschwister Ludowika, Anna und Erich – Rita Brandneulinger, Chiara Seide und David Demofike. Schwarz, die VersorgerInnen, Petra und ihre Was-auch-immer Jannik und Julian – Romy Hrubeš, Martin Walanka und Johannes Scheutz. Die Koproduktion mit brut Wien wie stets angeleitet von Herrn Finnland und Frau Löfberg, und im Analyseteam Christopher Wurmdobler als Jonas Nesterval und Special Guest Eva Billisich.

Verantwortliche für Kunst und Kultur gibt es keine, KünstlerInnen wurden von Gertrud als nicht systemrelevant erachtet, „Kunst kann man machen, wenn die Arbeit vorbei ist“, befindet Patrizia Rot, und wiewohl man gebeten wurde, nicht zu spoilern, darf man verraten, dass sie der großen Vorkämpferin leibhaftige Tochter ist. Dieser (no na) wie aus dem Gesicht gerissen, und weder psychisch noch physisch fragil, sondern voll des süffisanten Anspruchsdenkens. Aufzug wie Aufmarsch sind militärisch, die Frauen starken Willens, die Männer unemanzipiert und rechtlos. Ein wenig gemahnt das Setting an die Siebzigerjahre-Serie „Star Maidens“ mit Pierre Brice über ein Alien-Matriarchat, in dem die Männer in „Die Abhängigen“ und „Die Unfreien“ aufgeteilt waren.

Vorsitzende Maria Grün und Truppe: Alexandra Thompson, Miriam Hie, Astôn Matters als Patrizia Rot (Mi.) und Chiara Seide. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Das folgende Macht-Spiel um die neue Führungsfrau ist spannender als es „Der Kreisky-Test“ war, wenn auch mit weniger Interaktion, da mit den BedROTen kein Kontakt aufzunehmen ist. So gilt es für die Kommission – bestehend aus stimmberechtigten Frauen, nicht stimmberechtigten Männern, vier ins Bild drän- genden Katzen, einem Hund mit Streichelbedarf, sechs Flaschen Wein, zwei Bier et al./kohol– zu beschließen:

Wem folgen, welchen Weg einschlagen, welcher davon ist ein Irr- oder Ab-? Wie in jedem guten Thriller ist frei nach Hitchcocks Lehre kein Hinweis null und nichtig. Die innerfamiliären Konflikte, ältliche Despotinnen, junge Revolutionärinnen, Papakinder, Geschwisterzwistigkeiten, heimliche Liebespaare, Verschwörerzellen, Fluchtwillige, Fortschrittsverweigerer, Zukunftspessimisten, ihnen allen sollte die Kommission genau zuhören, um zu einem Schluss zu gelangen. Und so robbt man durch politische Grabenkämpfe diverser „demokratisch legitimierter“ Leitfigurinnen, angesichts deren Sesselsägerei jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen heimischen Wahlgrotesken eh-schon-wissen ist.

Im digitalen Kämmerlein hat die Kommission schließlich die Chance, sich zu besprechen und ein Votum abzugeben – und siehe, was der/dem einen Sekte, ist der/dem anderen ein sozialistisches Paradies, jedoch: was ist eigentlich diese „lukrative und vielversprechende“ Idee, die der Nesterval Fonds für die Überlebenden anpreist? „Goodbye Kreisky – Willkommen im Untergrund“ ist ein sozialistischer Spaß, und am Ende so zynisch, wie es nicht einmal Walt Disney erfinden hätte können. Nach einem im Wortsinn geistreichen Schlussgag, gibt’s als Belohnung via E-Mail einen weiteren Geheimlink vom Feinsten.

Und statt des Nesterval-üblichen Zusammensitzens ein virtuelles Get-Together mit den anderen Kommissionen, den Back-ups und dem Analyseteam. Bei dem von jenen Gruppen, die einen anderen Weg als die eigene eingeschlagen haben, allerlei Wissenswertes über beispielsweise eine rituelle Waschung der Männer oder das Zusammentreffen der Gertrud-Nachkommen Jonas und Patrizia zu erfahren ist. So wurd’s mit Performance und Plauderei beinah 23 Uhr, bis man den Zoom-Raum endlich verließ. Mitte März soll ein Zusammenschnitt der besten Goodbye-Kreisky-Momente auf der Nesterval-Webseite folgen. Da hofft man natürlich, mit einem speziellen „Auftritt“ dabei zu sein. Freundschaft? Freundschaft!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=n9d0HrRlGeU           vimeo.com/456901428           brut-wien.at           www.nesterval.at

  1. 11. 2020

Werk X: Der G’wissenswurm

September 23, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und die Tuba bläst der …

Nächtens wird die Tank- zur Tanzstelle: Sebastian Thiers, Katrin Grumeth, Miriam Fussenegger und Peter Pertusini. Bild: © Alexander Gotter

Der Skandal ist, man versteht mit Glück knapp die Hälfte von dem, was Christoph Griesser so von sich gibt, der im „Heiligen Land“ Gebürtige tirolert vor sich hin, wie’s ihm passt – und hintnach reit‘ die Urschl. Seht, sagt Regisseur Harald Posch, ein Steirer, so nah kann’s Fremdsein sein, und lässt seine Schauspieler genüsslich hoamatln. Also in ihren jeweiligen Dialekten nebst einer Anzengruberisch stilisierten Mundart sprechen. Sebastian Thiers sächselt, und ist als „Piefke“ selbstverständlich der Bösewicht im Ganzen.

„Der G’wissenswurm“ mit dem Zusatz „The unintentional end of Heimat“ ist Poschs Stück der Wahl für die Saisoneröffnung im Werk X, und passend zum Spielzeitmotto „Der Preis des Geldes“ geht er auf des Volksdramatikers Spuren dem belasteten Begriff Heimat nach, der Verglorifizierung von Vaterland, Land ist gleich Besitz, Besitz gleich Blut und Boden – „unser“ Blut und Boden.

Doch wird er mit dem unintentional end der Sache ein Schnippchen schlagen. Ludwig Anzengrubers Personal hat Posch in dieser, bis dato einer seiner besten Arbeiten beibehalten. Während das maskierte Publikum seine Plätze

einnimmt, leiert eine Newsroom-Stimme niederösterreichische Wahlergebnisse vom Band, kaum eine Gemeinde mit weniger als 90, gar 100 Prozent für die ÖVP, und wer’s beim Hinsetzen überreißt, lacht schon zum ersten Mal an diesem gewitzten Abend. Das Setting von Daniel Sommergruber zeigt sich als Tankstelle mit Imbissbude, hinten laute Musik und eine kitschexotische Palmentapete, vorne versucht Thiers per Textbuch sich die Auffi, Umi, Außi, Arschlings anzueignen. Eine Übung, die zum Scheitern verurteilt sein muss.

Der Werk-X-Wurm, ganz klar, ist eine als derber Bauernschwank getarnte Sozialsatire, ein perfides Sittenbild ländlicher Strukturen, die Anzengruber-Überschreibung natürlich Werk-X-isch unterwandert von wissenschaftlichen Fremdtexten – aber der Hauptspaß ist, dass das, was hier ein überhöhtes Überdrüber ist, beinah täglich auf ORF2 läuft. Und die Tuba bläst … Groove Master John Sass, nur muss sich der afroamerikanische Weltstar von den farblosen Gscherten, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, ständig stampern lassen. Welch Statement ohne Worte.

Neunzig Minuten lang schreien sich die Schauspieler durch ihre Darstellung, Peter Pertusini sitzt als Grillhofer-Bauer an der Schank, beim x-ten Schnaps, weil Freizeitvergnügen ist hier Saufen und Speiben, auch wenn der Tankwartknecht Wastl aka Christoph Griesser längst nicht mehr kann und will, Katrin Grumeth als Kellnerin Gisela schenkt nach und nach. „Mein Besitz, vastehst!“, grölt Pertusini, die Dienstleut‘ haben dem Herrn über die Promillegrenze zu folgen.

Pertusini dreht auf gegen die Feministinnen und Vegetarier, gegen die Biokasperln und gegens Dorfsterben, Schnäpse für die verweichlichten Jugend-Zuschauer, die Ruabnzuzla, Gisela putzt und putzt, der Wastl liegt vollfett im Häusl – und auftritt Miriam Fussenegger, wer Anzengruber kennt, ahnt: die Horlacher-Lies, hier die fleischgewordene Fußnote und als solche am Mikrophon zuständig fürs Diskursive.

Groove Master Jon Sass. Bild: © Alexander Gotter

Erbschleicher quält Großbauer: Sebastian Thiers als Dusterer und Peter Pertusini  als Grillhofer. Bild: © Alexander Gotter

Der Spuckschutz fürs Publikum: Peter Pertusini, Miriam Fussenegger und Katrin Grumeth. Bild: © Alexander Gotter

Die finale Besitzerin von Blut und Boden ist Halb-Bosn …ah: Miriam Fussenegger. Bild: © Alexander Gotter

Posch wäre nicht Posch, würde sein philosophisches Über-Ich nicht von Anzengrubers Nachruf-Verfasser Victor Adler bis Adorno reichen, man kommt schier mit dem Zuhören nicht nach, Autoritarismus, Faschismus und die Erich-Fromm‘e-Frage, warum sich Menschen freiwillig einem Führer unterwerfen, oder die von Gartengestalter Werner Bauch 1942 gestellte „Wie grün soll Auschwitz sein?“, als er von Rudolf Höss beauftragt wurde, die Gaskammern und Krematorien durch belaubten Sichtschutz von den Lagerbaracken zu trennen.

NS-Naturschützer als erste Grüne, das ist nur eine der Provokationen, die Posch in petto hat. Doch hinausläuft’s auf das läppisch-neppische Wien-Bashing, Zitat Posch aus dem Programmheft: „Wenn du heute die Zeitung aufschlägst, hast du diese durch nichts begründbare Abneigung gegen das ,rote‘ Wien immer noch eins zu eins am Tisch“, und immer schon mochte ich dieses Flagge-Zeigen des Werk X, gefolgt von einem historischen Abriss Großbauern vs analphabetische Mägde, Knechte, Kleinbauern.

Zweitere wollten die Landagitatoren der Sozialdemokratie in der Arbeiterbewegung willkommen heißen, wurden aber, das Volk aufgehetzt von der katholischen Kirche, oft schon am Dorfeingang mit Prügel empfangen. Die Christlichsoziale Partei, damals des Namens so wenig würdig wie heute ihre Nachfolgerorganisation, brauchte das Stimmvieh gegen die Stimmen der Arbeitermasse, und weiter geht’s mit 1934, Bauernbund, Raiffeisen … das ist viel Stoff zum Nachdenken, nicht nur in Österreich zeigt sich bei jeder Wahl der Unterschied im Verhalten ländlicher und urbaner Raum.

Und rote Stadtoberhäupter wie Andreas Babler schaufeln sich mit aller Kraft durch die Schwarzerde, neusprachlich: das Türkisreich. Was braucht’s zum Fremdln die Migranten – außer die Rumäninnen, eine davon Katrin Grumeth als spargelstechende Feldsklavin? Die Parallelgesellschaften leben, sagt Posch, alldieweil auf der Spielfläche der In-Group-Altruismus mit der Out-Group-Diskriminierung eskaliert, der Grillhofer redet sich derart in Rage, eine Publikumsbeschimpfung, dass ihm die Gisela ein Plexiglasfenster als Spuckschutz vorhalten muss – zur Beruhigung gibt’s … Schnaps. Es lebe die toxisch-ländliche Männlichkeit!

Toxische Piesel-Männlichkeit: Christoph Griesser und Peter Pertusini im Kampf ums Klo. Bild: © Alexander Gotter

Stimmung! mit Sebastian Thiers, Miriam Fussenegger und Peter Pertusini. Bild: © Alexander Gotter

Liebe war es nie: Christoph Griesser und die verkleidete Horlacher-Lies, Miriam Fussenegger. Bild: © Alexander Gotter

Nur eine bangt um den Bauern: Katrin Grumeth als brave Imbissbuden-Magd. Bild: © Alexander Gotter

Zwischenzeitlich hat sich Sebastian Thiers als Schwager Dusterer tief in die nationale Graswurzelarbeit vergraben, Feindbilder: Linke, Künstler, sowieso alles Linke!, die Asylindustrie und Ökohipster, der vom Wastl als zuagraster Heimattreuer beargwöhnte will die völkische Landnahme bei der Übernahme des Besitz‘ des vermeintlich kinderlosen Grillhofer beginnen – aber zu dessen schönsten Sätzen gehört zum Thema Großer Austausch: „A Kopftüchl ham bei uns alle Weibsleut‘ aufg’hobt.“

Der Pertusini macht eine Menge mit, wie ihn der Thiers an die Wand drückt und über den Boden schleift. Beim Räsonieren über die städtischen Owezahrer und Tachinierer, Schwule und Lesben, Demonstierer statt dass Arbeitn gehen, und die Frauen auf der Uni … werden Wastl und der Dusterer doch noch „Kameraden!“ Aber so richtig tumultös wird’s erst, als alle aus der Rolle fallen. Auch das kennt und liebt man am Werk X, das diesmal in der kollektiven Isolation entstandene Miteinander, jeder bringt sich und seine Story ein, Tiroler Griesser, nein, nicht aus Ischgl, schwadroniert über die Marke Heimat, die es vom Speckknödel bis zum Snowboarden, beides unter stahlblauem Himmel, zu schützen gilt.

Bis zum Schluss der Wastl nur noch bei allem „Dagegen!“ sein kann, vor allem „Das Virus! Dagegen!“, und der Grillhofer mit gellender Stimme immer wieder „Mein Besitz!“ skandiert. Ende gut, alle entfesselt! Ende gut – nein, „mein Besitz“ – nein, denn als uneheliches Kind ex machina erscheint die Horlacher-Lies, eine sexy Sünde, einstmals mit der Magd Magdalen, die nun ihr Recht beansprucht. Das ist die Saat, die aus dem Erbgut aufging, und sie ist, nicht wie‘s der Dusterer versteht, eine halbe Bosna, sondern …

Und die Moral von der Geschicht‘, Muslime fürchten muss man nicht. Poschs Ensemble zerbirst geradezu vor Spiellust, während es sich an dessen inszenatorischen Einfällen und den subtilen Tauchgängen in die Untiefen der Gegenwart delektiert. Die Zuschauerinnen und Zuschauer lachten sich in Grund und Boden, so amüsant, gescheit, zeitgenössisch, zynisch kann Anzengruber sein, wenn man einmal mit dem Staubtüchl drüber geht. Bravo: Für die Idee, die Umsetzung und an alle Beteiligten. Meidling ist einmal mehr eine Reise wert!

werk-x.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=sxDhBr_tmiQ

  1. 9. 2020