Akademietheater: Joachim Meyerhoffs „Land in Sicht“

April 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geschichten aus den 280 Kladden des Ignaz Kirchner

Joachim Meyerhoff zeigt Erinnerungen von seinem und an seinen großen Schauspielkollegen Ignaz Kirchner. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Drei Stunden Theatermonolog sind für gewöhnlich etwas, das sowohl dem Sprecher als auch dem Publikum an die Substanz geht. Außer freilich, es ereignet sich Außergewöhnliches, wie nun am Akademietheater, wo Joachim Meyerhoff unter der Überschrift „Land in Sicht“ eine theatrale Gedenkfeier für Ignaz Kirchner gestaltet. „Weiter, weiter“ steht als Motto des Meyerhoff’schen Projekts vorne auf dem Programmheft, und so geht’s einem beim Anhören dieser Erzählungen, Erinnerungen, Erläuterungen.

Wenn ein grandioser Schauspieler vom anderen schwärmt, dann will man noch jenseits jedes Zeitlimits mehr erfahren. Man habe, eingedenk der fulminanten Burgzerlegungsfarce „Robinson Crusoe“, längst schon vorgehabt, gemeinsam ein Stück zu machen, sagt Meyerhoff, und weiß von mindestens drei fehlgeschlagenen Versuchen, deren fertige Bühnenbildmodelle er auch herzeigt. Eine neue Idee war in Arbeit, aber es kam nicht mehr zur Ausführung. Ignaz Kirchner verstarb vergangenen September. Doch da waren diese Notizbücher, die schwarzen mit den roten Ecken, „Ignaz‘ Farben“, so Meyerhoff, von denen er bei Gelegenheiten einige als Geschenk erhalten hatte. Vierzig Jahre hat Kirchner in diese Hefte Fotografien aus Zeitungen und Zeitschriften geklebt, dabei Kurioses, Fatales, Skurriles, das Abgründige im Alltäglichen wild gemischt festgehalten, Erich Honecker samt Frau neben dem Bild einer Fließbandschlachtung, und jede seiner Entdeckungen mit mal ironischen, mal nachdenklichen Bemerkungen versehen.

Die Welt ein Menschenleben lang mit Verwunderung, auch Fassungslosigkeit betrachtet. Wie viel Geschichte und G’schichten in ein solches passen, erfuhr Meyerhoff, als ihm Kirchners Kladden von dessen Frau zur Verfügung gestellt wurden, 280 an der Zahl, aufgeteilt auf vier Kartons, aus denen er in Komplizenschaft mit einem Auditorium voll Kirchner-Fans Auszüge präsentiert. Dass Meyerhoff dies begnadet gut tut, wird jedem einleuchten, der die irrwitzigen Lesungen seiner autobiografischen Bücher kennt. Dem verehrten, jähzornig liebevollem, vergrübelt spitzbübischem Kollegen nähert er sich mit einem ähnlich dreisten Mix aus Unverfrorenheit und Hochachtung, wenn er frech über dessen Vorliebe für Frauen-in-Dessous-Fotos und Schuhfetischismus feixt.

Die 280 Kladden aus den vier Kartons hinten …: Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

… werden auf die Bühne gestapelt: Mirco Kreibich, Fabian Krüger und Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

All diese Aufnahmen, von Frank-Patrick Steckel „Wichsvorlagen“ genannt, natürlich welche fürs Rollenstudium. Wie nebenbei plaudert Meyerhoff aus dem Nähkästchen großer Schauspielkunst, er ist der geborene Entertainer, und wie stets, wenn eine Parentation gehalten wird, befasst sich der Vortragende über weite Strecken mit sich. Eine Form charmanter Selbstinszenierung, die dem Charismatiker weder fremd noch irgend unangenehm ist, und so karikiert er ungeniert seine mimischen Anfänge, als er, gefangen im magischen Dreieck Stein – Castorf – Dorn und darob an seiner Berufswahl bereits ver-/zweifelnd, eine Aufführung mit Gert Voss und Ignaz Kirchner gesehen habe.

Ewigkeiten vorm persönlichen Kennenlernen. Und um festzustellen, dass man am Theater nicht nur heiligen Bierernst haben müsse, sondern trotz „intellektueller Durchdringung“ kauzigen Spaß haben kann. Später wird er von der Garderobenhackordnung bei Hartmanns Einstandspremiere „Faust“ berichten, als Tobias Moretti lieber auf die Damenseite wechselte, wo „Gretchen“ Katharina Lorenz das Feld räumen musste, als sich Gert Voss im Kampf um die „Einser“ geschlagen zu geben, während Kirchner, zufrieden im Komparsenkämmerchen, der Bühne ohnedies am nächsten war.

Dann wiederum prahlt er bescheiden über sein Einspringer-Erlebnis als Mephisto nach dem Voss’schen Beinbruch, ein Parforceritt, Europas besten Schauspieler zu ersetzen, der belohnt wurde, als ihn zu des Meisters Rückkehr dessen Anruf ereilte, mit der Frage, ob er ein, zwei Einfälle zur Figur von Meyerhoff entlehnen dürfe. Derart Anekdoten, die Einblicke hinter die Kulissen, die augenzwinkernd bloßgelegten Eitelkeiten, erfreuen selbstverständlich das Zuschauerherz. Meyerhoff zur Seite stehen Mirco Kreibich und Fabian Krüger als sprachlose Slapstickdeppen, Bühnenarbeiter-Persiflagen, die hämmern und sägen und hochklettern und herumtollen, als wollten sie das Setting von Jenny Schleif mit Hebemaschine und Motorsäge erst aufbauen.

Wird Meyerhoff politisch, ertränken sie seine Sätze in ihrem Baulärm. Etwa, wenn Meyerhoff etwas zur FPÖ und zum braunen Rand und Kirchners Aversion gegen die neue Regierung sagen will, doch man nur sieht, wie er den rechten Arm streckt und gerade noch hört: „… und das alles also hätte Ignaz gern mit Strache gemacht“. Kirchner liebte solche Narreteien, veranstaltete auf der Bühne mitunter selber eine, und wenn Kreibich und Krüger mit ihren Chaosaktionen die von Meyerhoff dringlich geforderte Konzentration stören, wenn sie dem „Star“ einmal im Wortsinn die Latte hoch hängen, dann sorgt das für eine Luftigkeit, die die allgemeine Rührung samt der dramatischen Musik von Pianistin Johanna Marihart und Keyboarder Philipp Quehenberger tröstlich übertüncht.

Die Störenfriede können auch gut Gitarre: Fabian Krüger und Mirco Kreibich. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Das Radfahrer-Stück kam nicht mehr zustande; am Klavier: Philipp Quehenberger. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Stolz auf ihre Seelenverwandtschaft, auf ihre Männerfreundschaft, in der übers Innerste nicht gesprochen werden musste, um sich nah zu sein, zeigt Meyerhoff die Seiten aus Kirchners Notizbüchern, projiziert sie auf einen riesigen Screen, Ausschnitte verhasster Politiker, den grinsenden Kohl, den selbstgefälligen Franz Josef Strauß, den sonnengegerbten „Sonnyboy“ Haider, „Visagenzorn“ hätte Kirchner da getrieben, sagt Meyerhoff. Bilder von Peymann und Tabori und von einem Mann mit einem ausgestopften und zwei lebenden Hunden, Bildtext: „Er liebt sie alle gleich“.

Unter einem Porträtfoto hat der junge Ignaz Kirchner ironisch vermerkt: „Jaja, mein Schweinegesicht, das ist mein Kapital“. Meyerhoff liest das amüsiert vor. In der Pause verteilt ein Clown im Foyer Gedichte, die Kirchner mochte. Zum Höhepunkt strampeln sich ein paar Statisten als Radrennprofis die Seele aus dem Leib, dies wäre das Stück gewesen, dass Meyerhoff für Kirchner nicht mehr fertigen konnte. Der foulende Fahrer gewinnt. Am Ende zieren die Kladden die Brandmauer wie Grabsteine eine Urnenwand, darunter Kostüme zu Kirchners berühmtesten Rollen – der Reliquienschrein zum Requiem.

„Land in Sicht“, behauptet Meyerhoff, sei nur ein Nonsenstitel für seine Séance, weil Karin Bergmann ihn schon nach einem gedrängt und er gerade Rio Reisers Song gehört hätte. Das muss man nicht glauben, wo sich doch die „Robinson Crusoe“-Assoziation geradezu anbietet. Als die aufwendige Produktion aus Kostengründen in Doppelvorstellungen gezeigt werden musste, und Meyerhoff deswegen Befürchtungen hegte, zerstreute sie der Tennis-affine Kirchner mit folgendem „Na und?“: „Federer und Nadal spielen fünf Stunden!“ Weiter, weiter …

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  1. 4. 2019

Akademietheater: Zu der Zeit der Königinmutter

Februar 24, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vorhänge zu und alle Fragen offen

Der Fremde wird konfrontiert mit Feindseligkeit: Elena Todorova, Patrick Dunst, Markus Hering, Mirco Kreibich, Christian Pollheimer, Simon Jensen und Sven Dolinski. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Nein, dass sich einem dieser Abend erschließt, kann man wahrlich nicht behaupten. Soll er mutmaßlich auch nicht. Denn Autor Fiston Mwanza Mujila, 1981 in der Demokratischen Republik Kongo geboren, seit zehn Jahren in Graz lebend und mit seinem Debütroman „Tram 83“ gleich auf der Longlist für den Man Booker International Prize gelandet, versteht sich als Poet, dessen Sache nichts weniger ist, als Wirklichkeit abzubilden. „Aus Chaos entstehen Texte“, ist sein Ausspruch dazu.

Mit seiner Mythensammlung „Zu der Zeit der Königinmutter“, gestern von Regisseur Philipp Hauß am Akademietheater zur Uraufführung gebracht, hat er Neues versucht. Zunächst einmal, erstmals auf Deutsch zu schreiben. Und das merkt man dem Stück, das keines ist, das keinen Plot hat, kein klar zu fassendes Thema umreißt, durchaus an. Mwanza Mujila, der gerne Saxophonist geworden wäre, komponiert seine Schriften im Jazzflow, liest er sie selbst, tut er das lachend, schreiend, singend, und so war’s ihm wohl diesmal darum getan, den Klang seiner nunmehr sechsten Sprache auszukosten. Tatsächlich erinnert seine Arbeit mit ihren sich steigernden Assoziationsketten, den prallen Bildern und dem dichten Rhythmus auch an die explosive Vielfarbigkeit der Gemälde eines Bona Mangangu. „Zu der Zeit der Königinmutter“ ist ein Text mit wenig Angeboten fürs Theater. Dafür entschädigen die zahlreichen Geschichten, von afrikanischen bis biblischen, die man erzählt bekommt.

Dies von einem hervorragenden Ensemble, allen voran die wunderbare Gertraud Jesserer, allesamt virtuose Sprachspieler, die durch ihre Intonation das weitgehende Fehlen von Interaktion vergessen machen. Schauplatz ist, wie schon in „Tram 83“, ein Schankraum, die New-Jersey-Bar, von der Minimalistin unter den Bühnenbildnern, Katrin Brack, einzig durch als Vorhänge eingesetzte bunte Stoffbahnen gestaltet, ein Zufluchtsort für Gestrandete, ein zwielichtiges Völkchen, das in Raum und Zeit festzustecken scheint. Sven Dolinski und Simon Jensen changieren als Mannfrauwesen zwischen Prostituierten und Sapeurs, ihre pastelligen Teddyplüschmäntel konterkariert die Band, Patrick Dunst, Christian Pollheimer und Elena Todorova, mit Black-Sabbath-Akkorden. Hauß‘ Humor ist unbedingt ein surrealer.

Gertraud Jesserer erzählt vom gewaltsamen Tod der Königinmutter; hinten: Patrick Dunst, Christian Pollheimer und Simon Jensen. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Mirco Kreibich erzählt vom schrecklichen Schicksal des Lehmjungen Solo. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Markus Hering könnte man mit Fatsuit und fettigen Haarsträhnen als ekligen Wirt interpretieren, so wie eben alles der Interpretation des Betrachters überlassen ist. Auftritt mit Mirco Kreibich ein Fremder, makellos gekleidet, herummäkelnd am Bier und an den sanitären Anlagen – und kurz riecht es nach Streit. Die meiste Zeit aber tauscht man sich über Legenden aus. Die von Jakob, der zu Mamba Muntu, der menschenfressenden Schlange, wurde, die vom König, der nicht schlafen konnte, die vom Lehmjungen Solo, der sich entgegen der Warnungen seiner Eltern dem Regen aussetzt und auf schreckliche, schmerzhafte Weise zerfließt.

Und wenn da gesagt wird: „Solo konnte nicht einmal jammern, weil er kein Gesicht, keinen Mund und keine Nase mehr besaß. Ein großes Loch in der Mitte seines Gesichts … Er konnte weder sehen noch schreien. Sein Kopf war halb matschig, halb zerstört … Sein Körper knackte“, kann man schwer umhin, nicht an die Geschichte des Kongo zu denken, Gewalt und Folter und systematische Säuberungen von Leopold II. bis Mobutu – in dessen Kleptokratie Fiston Mwanza Mujila ja noch zur Welt kam. „Der Hass hat einen Bauch und zwei Füße“, heißt es an einer Stelle.

Doch Mwanza Mujila definiert nicht näher, was er mit diesen Passagen, manche wie Glaubenssätze, manche die Fragwürdigkeit von Heimat und Herkunft ausstellend, manche über Goldminen und gierige Männer, meint. Einmal sagt Markus Hering: „Ich übernehme die Verantwortung für den Kolonialismus und die Sklaverei“, und wird wegen „billiger Philosophie“ gescholten, einmal verortet Mwanza Mujila ein Ereignis: Der immer wieder beschworene „Fluch von 1976“ kann als das erste bekannte Ausbrechen des Ebola-Virus in Yambuku gedeutet werden. Mehr durchdekliniert wird an diesem suggestiv-kakophonischen Gedicht nicht, Philipp Hauß, er ebenfalls ein Musiker, er spielt die Geige, hat all seine inszenatorische Energie in die Schauspielerführung und ins Atmosphärische investiert und auf das Dechiffrieren von Codes verzichtet. Man selbst hat vielleicht zu viel und zu erhitzt Jean Ziegler und Emmanuel Mbolela gelesen und Milo Rau gesehen.

Auch getanzt wird in der Bar: Patrick Dunst, Mirco Kreibich, Simon Jensen, Markus Hering, Sven Dolinski, Komparsen-Bär und Gertraud Jesserer. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Am Ende – die Jesserer. Die bis dahin meist stumm das Tun der anderen verfolgte. Nun aber erzählt „die kleine Gertraud“, woran sie sich vom Ende der Königinmutter erinnern kann. Die die Menschen bei sich aufnahm, ihnen Nahrung und Kleidung gab – und als Prophetin ihren Tod vorhersah, ihr Sterben durch ein Messer. Allein das dunkel raunende Timbre ihrer Stimme lässt einen nicht mehr denken, Mwanza Mujilas Partitur weiteren Analyse- unternehmungen zu unterziehen.

So bleiben, um einen Großen zu paraphrasieren, Bracks Vorhänge zu und alle Fragen offen.

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  1. 2. 2018

Burgtheater: Ein Volksfeind

November 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Appell an eine vergartenzwergte Gesellschaft

Doktor Tomas Stockmann entdeckt, dass die Heilquelle verseucht ist: Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die einen stolpern und schlingern übers glatte Bühnenparkett, die anderen gleiten geschmeidig darüber hinweg. Die einen sind Pirouettendreher, die anderen haut es, weil in ihrem Leben nichts hin-, auf den Hintern. Der Bürgermeister kann beides, kann im Fall noch die kunstvollsten Figuren gestalten, während der Bruder-Protagonist in Gesundheitslatschen beständig die nackten Zehen vor den scharfen Kufenkurvern in Sicherheit bringen muss.

Die Welt ist ein Eislaufplatz. Zumindest in Jette Steckels Inszenierung von Ibsens „Ein Volksfeind“ in der Neufassung von Frank-Patrick Steckel am Burgtheater. Wo magische Bilder im Halbdunkel bezaubern. Wo alles, was irgend Emotion ist, übers Eislaufen abläuft. Wo dagegen aber eher verhalten und artifiziell gespielt wird, „flach“, wie manche in der Pause der dreistündigen Aufführung meinten.

Gemeint ist hier übrigens alles gut. Die Steckels haben den bereits im norwegischen Stück angelegten Konflikt der Profitgier um natürliche Ressourcen, des Kampfes der Ethik, ja der Moral eines einzelnen mit den wirtschaftlichen Interessen vieler zugespitzt, und zeigen nun ein Drama, wie es zeitgenössischer kaum sein könnte. Alles, bis zum Ende die letzten Bilder, dreht sich um Klimakatastrophe, um Weltverschmutzung (denn wie klug angemerkt wird, es gibt keine Umwelt, nur die Welt) und deren Wohlstandsverursacher.

Ein Gesundheitslatschenträger verfolgt vom Kufenkurver: Mirco Kreibich als Peter Stockmann mit Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Aussprache mit Publikum und den Industriellen-Schwiegervater: Ignaz Kirchner als Morten Kiil mit Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Fakten werden alternativ, die News zwar nicht Fake, eine Lügenpresse gibt Ibsen nicht her, aber immerhin von Schweigejournalisten unter den Tisch fallen gelassen. Willkommen im Irrwitz der Gegenwart! Wo Dr. Tomas Stockmanns Söhne „boys“ sind, seine Frau Kathrin eine resolute, hemdsärmelige Kinderärztin, was Dorothee Hartinger tatsächlich wenig Spiel-Raum gibt – und er selbst wesentlich weniger ambivalent als im Original.

Dass da einer so konsequent auf der richtigen Seite stehen muss, macht es Joachim Meyerhoff, gewohnt treffsicherer Darsteller ambivalenter Charaktere, nicht unbedingt leicht. Und so raunt er sich mit Reibeisenstimme durch die Rolle, als wär‘ ein Anflug von Heiserkeit eine Fluchtmöglichkeit vorm Kleinstadthickhack, und versucht den „erhabenen Spinner“ als Kauz zu gestalten. Immerhin bleibt er in dieser Sache radikal: Sein Stockmann ist ein Fleisch gewordener Aufruf zur Geradlinigkeit.

Über textliche Längen helfen diesmal andere hinweg, allen voran das formidable Volksboten-Trio Ole Lagerpusch (dieser als aufrechter Hovstad mit Irina Sulaver als Petra auch ein sympathisch-tollpatschiges Liebespaar), Peter Knaack als angstvoll-schmierigem Aslaksen, der Inserate gegen Integrität tauscht, und Matthias Mosbach als wendehälsischem Billing.

Mirco Kreibich als auf Schlittschuhen moonwalkender Bürgermeister und jüngerer Bruder Peter Stockmann läuft – im Wortsinn – Meyerhoff kurzzeitig sogar den Rang ab. Er macht die Pflicht zur Kür, seine große Rede zum artistischen Kabinettstück. In den besten Momenten des Abends stehen die beiden gegeneinander, der Realist vs dem Idealisten. Ignaz Kirchner gibt als stockschwingender Kapitalist einen Morten Kiil der alten Schule, einen Saulus, der zum Paulus werden wird.

Ein sinnloser Appell an die vergartenzwergte Gesellschaft: Joachim Meyerhoff als Doktor Tomas Stockmann. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Jette Steckels Königsidee in dieser Inszenierung sind aber eine gutes halbes Dutzend überdimensionale Gnomenfiguren, die dann und wann auch über die Bühne wandern und bedrohlich die Darsteller einkreisen können. Ausgedacht hat sich dieses herrlich obskure Bühnenbild Florian Lösche, und besser lässt sich die geistige Vergartenzwergung einer Gesellschaft wohl kaum zeigen. Großartig die Szene, in der Meyerhoff gegen die Riesen seine Greenpeace-Parolen anschreit.

Freilich ohne Gehör zu finden. Und so nutzt der passionierte Soloperformer die Szenerie, um zum Schluss wie gewohnt aus seiner Rolle zu fallen: Saallicht an, Sessel umgedreht und los geht die Ansprache an die Publikums-„Arschlöcher“. Seit mehr als hundert Jahren spiele man dieses Stück, und alles, was er sehe sei leicht fadisierte Apathie. (Kein Wort punkto Inszenierung dazu!) Ein Seitenhieb übers politische Schaulaufen Strache-Kurz darf in Zeiten wie diesen obligatorisch nicht fehlen, Meyerhoff zitiert Antonio Gramsci: „Die alte Welt liegt im Sterben. Die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.“ Aber knapp bevor Eisberge ins Meer brechen und Tsunamis das Land überrollen, ist klar: Die Zwerge, das sind natürlich wir. „Klatschen Sie nicht!“, fordert der Charaktermime die augenblicklich in ihrer Reaktion überforderten Zuschauer immer wieder auf.

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  1. 11. 2017

Luk Perceval in St. Pölten

Mai 12, 2013 in Bühne

Sein berüchtigter „Hamlet“ am Landestheater NÖ

Abdruck zur Produktion bei Nennung honorarfrei

Gabriela Maria Schmeide, André Szymanski
Bild: ©Armin Smailovic

Das Landestheater Niederösterreich ist nicht nur eine erste Adresse bei Eigenproduktionen, sondern auch dafür bekannt, erstklassige Gastspiele einzuladen. Regisseur Luk Perceval, sozusagen ein alter Freund des St. Pöltener Hauses, kam diesmal mit seiner „Hamlet“-Inszenierung vom Hamburger Thalia Theater. Das Shakespeare-Drama wurde von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel neu bearbeitet und von Jens Thomas mit Musik unterlegt. Ein starkes Stück. Wie rund um 1600 so gedacht. Heftig-deftig, nackt, gewaltig (ohne je Gewalt zu zeigen), schmerzhaft bis Herz und Ohren (dank Gitarrengeschrammel und Wutgesang) bluten.

Zu keinem Ding gibt es mehr Sekundärliteratur, mehr Theorien als zu „Hamlet“, lernte man als Theaterwissenschaftsstudent. Ist er tatsächlich irre? Oder täuscht er den Wahnsinn vor, um seine Pläne zu verschleiern? Sein oder nicht sein? Darauf gibt Perceval seine Antwort: Beides richtig! Er spaltet seinen Titelhelden auf zwei Schauspieler: Josef Ostendorf, dem (wie der Rebellenführer in „Total Recall“) Jörg Pohl aus dem Bauch wächst. Eine manisch-depressive Schizophrenie. Die Conditio humana, für Freud das Unbewusste, für Erich Fromm das Interesse an Erkenntnis, bei Hannah Arendt das politische Handeln als Grundbedingung menschlichen Lebens, dargestellt als Doppelrolle. Hamlet, gefangen im Dualismus zwischen Vernunft und Emotion. Ergo gibt Ostendorf den zwar verzweifelten, aber rational-ruhig Handelnden, ist Pohl im Geiste schon Vernichter der Vatermörder, einer, den die Ratio längst verlassen hat. Immer wieder muss Hamlet eins dem wie ein Springteufel aus seinem trauerschwarzen Hemd auftauchenden Hamlet zwei den Mund zuhalten, damit dieser sich nicht zu unbedachten Ausbrüchen hinreißen lässt. Was ihm nicht gelingt (siehe Tod des Polonius: Barbara Nüsse im Rollstuhl – großartig, wie sie in weitschweifigen Beschreibungen Hamlets vertrackte Seelenlage darlegt, obwohl dem Sermon des alten Mannes sowieso keiner zuhört). Großartig auch die Szene, in der der/die Dänenprinz(en) im Geist ihres Vaters, der als verendeter Sechzehnender auf der Bühne liegt, nur sich selbst begegnen. Ein Taschenlampenspuk als Schreckgespenst.

Da ist was faul im Staate. Und Aggression liegt in der Luft. Auch bei „Claudius“ Andre Szymanski und „Laertes“ und Stelzengeher Sebastian Zimmler. Er vermag nicht eine Schwester Ophelia zu retten, sondern deren vier sind verloren. Wasser- und Wiedergängerinnen. Wo Perceval einerseits mit Personal klotzt, spart er an anderer Stelle ein. Einen „Klugscheißer“ Horatio braucht er gleich gar nicht. Rosencrantz & Guildenstern und die ganze Schauspielertruppe mimt Mirco Kreibich in wunderbaren Verrenkungen (da wurden Teile des Publikums übrigens erstmals stutzig und unruhig). Totengräber 1 & 2 gibt Peter Maertens (Vater von Burgstar Michael Maertens) zweistimmig – als Bass und Tenor -, die Schaufel in der Hand, des armen Yoricks Skelettschädel auf den Kopf gebunden. Über so viel Albtraumhaftes versucht Gabriela Maria Schmeide, in Gestik und Gewandung eine derangierte, gut genährte Ballerina, hinwegzutänzeln. Versucht Claudius mit Notgeilheit aus der Gefahrenzone zu bringen, ihren Prinzen-Burli mit Übers-Haar-Streichen zu besänftigen. Klar, dass beides misslingt.

Perceval, nicht erst seit seinem „Schlachten!“-Gemälde als Shakespeare-Experte ausgewiesen, und Sprachberserker Zaimoglu haben einen dichten, suggestiv bezwingenden, intensiven, auf die Essenz eingedampften „Hamlet“ auf die Bühne gestellt. Angst-Atmosphärisches auf düsterschwarzer Bühne. Eine Installation zum Thema Dämmerzustand des Unter-, des Unbewussten. Und das Ensemble: brillant. Und ein Ende ohne giftige Degen und Perlen, ohne ausgefochtene Duelle und das Zur-Schau-Stellen von Toten. Nur Ostendorf sagt ostentativ: „Der Rest ist …“ Da brach der Buh- und Bravoorkan (wie weiland bei der Hamburger Premiere) über die Bühne herein. Empörtes Türenschlagen da, Begeisterungsgejohle dort. Gott sei Dank. So soll Theater sein. Allzu oft sitzt heutzutage ein mäuschenstilles Publikum in Duldungsstarre im Saal, schleicht sich dann leise aus diesem – und auf zum Prosecco. Bei Perceval geht das nicht.

Was das Landestheater Niederösterreich kommende Saison bietet, lesen Sie kommende Woche auf www.mottingers-meinung.at.

www.landestheater.net

Videos: www.thalia-theater.de/h/repertoire_33_de.php?play=243

www.mottingers-meinung.at/interview-mit-luk-perceval

Von Michaela Mottinger

St. Pölten, 12. 5. 2013