Der Rabenhof auf fm4 – Lesemarathon: Albert Camus‘ „Die Pest“ ab Karfreitag als Videostream

April 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

120 Stimmen in zehn Stunden

Bild: pixabay.com

„Ein monumentales Projekt in Tagen des Ausnahme- zustands“ plant der Rabenhof am Karfreitag ab 12 Uhr
auf fm4.orf.at: „Die Pest“ des französischen Nobelpreis- trägers Albert Camus als Videostream, als Marathonlesung von 120 Stimmen in zehn Stunden. Nach einer Idee von Claus Philipp und Thomas Gratzer sind unter anderem zu sehen und zu hören:

Elfriede Jelinek, Martin Kušej, Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Klaus Maria Brandauer, Andrea Breth, Karl Markovics, Michael Heltau, Branko Samarowski, Peter Simonischek, Erwin Steinhauer, Josef Hader, Cornelius Obonya, Wolfgang Ambros, EsRAP, Martin Grubinger, Heinz Fischer, Christoph Schönborn, Herbert Föttinger, Dirk Stermann und Christoph Grissemann, Daniel Kehlmann, Michael Köhlmeier, Stefanie Sargnagel, David Schalko, Clemens J. Setz, Ruth Beckermann, Arik Brauer, Ruth Brauer-Kvam, Adele Neuhauser, Robert Palfrader, Willi Resetarits, Sophie Rois, Manuel Rubey, Robert Stachel und Peter Hörmannseder, Werner Gruber, Gerhard Haderer, Christoph Krutzler, Paulus Manker, Ernst Molden, Katharina Strasser, Ursula Strauss, Oliver Welter und Armin Wolf. „Die Pest“-Marathonlesung wird einen Monat lang abrufbar sein.

Bild: pixabay.com

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1947 verfasst, schildert Camus den Verlauf der Pest in der algerischen Küstenstadt Oran aus Sicht seines Protagonisten Dr. Bernard Rieux, der sich jedoch erst am Ende des Romans als „Verfasser der Chronik“ zu erkennen gibt. Die Geschichte beginnt im Jahre „194…“. Einige tote Ratten und ein paar harmlose Fälle einer unbekannten Krankheit sind die Anfänge einer schrecklichen Epidemie, die die Stadt in den Ausnahmezustand bringt, die Bewohner von der Außenwelt abschottet und unter ihnen mehrere tausend Todesopfer fordert. Die Pest bedroht das Menschssein der Bevölkerung und wird so zum gemeinsamen Gegner. Jeder nimmt den schier ausweglosen Kampf gegen den Schwarzen Tod auf seine Weise in Angriff.

Rieux ringt als Arzt gleich einem Sisyphos mit der Krankheit und gerät darüber in Disput mit Pater Paneloux, der die Pest als Strafe Gottes deutet. Camus entwickelt dies alles als politische Allegorie, als existenzialistische Parabel. Er seziert hellsichtig das menschliche Handeln im Angesicht der Katastrophe und zeichnet dabei ein erstaunlich vergleichbares Bild der derzeitigen, einer „neuen Normalität“. Das Absurde bleibt dabei sein steter Begleiter. Unschuldige Kinder sterben genauso wie Menschen, die es „verdient hätten“, obwohl sich insgesamt das Prinzip erkennen lässt, dass die Pest bevorzugt solche ohne Solidarität tötet …

Nikolaus Habjan mit Berti Blockwardt. Bild: Screenshot/w24-Rabenhof Theater/Abgesagt?-Angesagt!

Auf www.w24.at zeigt das Rabenhof-TV-Studio unter dem Titel „Abgesagt? Angesagt!“ und moderiert von Manuel Rubey eine Auswahl aktuell gecancelter Produktionen – als Appetizer auf die Acts, sobald Performer und Publikum wieder live zusammen- kommen können. Die jüngste Folge mit unter anderem Nikolaus Habjans „Berti Blockwardt“, Marius Zernatto als „#Werther“ (mehr zu diesem großartigen Goethe-Konzept: www.mottingers-meinung.at/?p=24657), Poetry-Slammerin Yasmo und – abgesagt bei der Biennale, angesagt in Erdberg – Doris Uhlich mit dem „Pudertanz“: www.w24.at/Sendungen-A-Z/Abgesagt-Angesagt/Alle-Folgen?video=17879

www.rabenhoftheater.com           fm4.orf.at           www.w24.at

7. 4. 2020

Burgtheater: „Tosca“ mit Birgit Minichmayr abgesagt

Februar 6, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Stattdessen inszeniert Martin Kušej „Das Interview“

Birgit Minichmayr. Bild: © Katarina Šoškić

Wegen künstlerischer Differenzen muss die geplante Inszenierung „Tosca“ in der Regie von Kornél Mundruczó abgesagt werden. Anstelle dieser Premiere wird das Burgtheater am 23. Februar im Akademietheater eine Neuinszenierung von „Das Interview“ nach Theo van Goghs Film in der Regie von Martin Kušej präsentieren. Es spielen Birgit Minichmayr und Oliver Nägele.

Kušej inszeniert diesen Text zum zweiten Mal, wiederum mit Birgit Minichmayr als Katja. Seit ihrer ersten Beschäftigung mit dem Thema vor mehr als zehn Jahren, diese 2009 als Gastspiel des Zürcher Neumarkt-Theaters am Schauspielhaus Wien mit Sebastian Blomberg als Pierre zu sehen (Rezension der NZZ: www.nzz.ch/der_kuschelteppich_als_minenfeld-1.4074619), sei das Vertrauen in die Bilder, die öffentlich produziert werden, weiter erodiert. „Zeit für eine Wiederbegegnung mit diesem brisanten Stück“, so das Burgtheater in seiner Aussendung.

www.burgtheater.at

6. 2. 2020

Wiener Festwochen: Deponie Highfield

Mai 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pferde sind jedenfalls gesattelt

Ich will ’nen Cowboy als Mann: Martin Wuttke und Caroline Peters. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Prächtig, was einem an einem solchen Abend alles durch den Kopf gehen kann. Vom Richard-Ruf „Mein Königreich für …“ bis zum Komparsen-Satz vom Gesattelt-Sein, vom Hoppe-Hoppe-Kinderreim bis zum Kneipenwitz übers Pferd in der Bar. Für die Wiener Festwochen stellt nun René Pollesch sieben Lipizzaner auf die Bühne des Akademietheaters. Genauer gesagt, hat das Bühnenbildnerin Katrin Brack für dessen Uraufführung von „Deponie Highfield“ besorgt.

Die Weide rundum ist grün, auf der die edlen, beinah lebensechten Rösser sogar per ihren Ohren kommunizieren, mit dem Schweif schlagen und aus den Nüstern rauchen können. Was mutmaßlich Martin Wuttke die restlichen 100 Minuten dazu führt, sich vorrangig zu fragen, ob er sich auf dem Rücken seines Reittiers wohl eine anzünden dürfe. Tatsächlich wird’s aber Irina Sulaver sein, die als erste zur Zigarette greift. Und so galoppiert der Schauwert auf und davon, während man doch versucht ist, ein Inhaltliches zu erfassen. Im Ankündigungstext der Produktion raunt’s von einer Politik des Optischen, „die die Dinge in das Dunkle zieht, raus aus der Erhellung, in die Nicht-Transparenz“, und weiter: „Auf einer besseren Darstellung der Welt müsste man beharren, einer zuverlässigen und durchsetzbaren, die sich nicht in der Suche nach Repräsentation erschöpft.“

Da kommt einem natürlich Lipica-Ibiza in den Sinn, aber nein, das wäre in nur einer Woche nicht zu schaffen gewesen, obwohl Caroline Peters mal erzählte, Pollesch schreibe über Nacht auch gern Dutzend Seiten neu, und außerdem legt er mit Donna-Haraway-Querverweisen eine andere Fährte aus, ist die US-Universitätsprofessorin doch für ihre postmodern sozialistisch-feministischen Denkanstöße bekannt. Auftritt also „Die fünf Vogelfreien“ Kathrin Angerer, Birgit Minichmayr, Caroline Peters, Irina Sulaver und Martin Wuttke. Sie reiten, was das Zaumzeug hält, nur gibt’s weder Weg noch Ausweg noch Wegkommen. Und schon gar keinen Sonnenuntergang, in den hinein … „Ja, verdammt. Wie bleibt man zusammen? Es hatte so schön angefangen. Man beginnt zusammen und dann – ist es weg“, lamentiert Angerer, hängt mit einem Stiefel im Steigbügel und schleift mit dem Körper auf dem Boden.

Ich möcht‘ so gerne mal nach Nashville: Birgit Minichmayr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Mamatschi, schenk‘ mir ein Pferdchen: Irina Sulaver. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ein sich’rer Colt ist so gut wie Gold, Bonanza: Kathrin Angerer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Verhandelt wird, zumindest so ungefähr, warum Liebe niemals hält, die Erinnerung an einen gelungenen Theatermoment hingegen schon, dazu Kluggeschwätzes vom marxistischen Philosophen Alain Badiou, der Mensch muss sich positiv definieren, vom Guten und der Fähigkeit zum Guten muss das Böse abgeleitet werden, nicht umgekehrt, und vom Psychiater und Psychoanalytiker Jacques Lacan, der über „Das Reale, das Symbolische und das Imaginäre“ arbeitete. Und wie Pollesch derart den Gedanken wieder einmal die Zügel schießen lässt, sagt jemand: „Man steht irgendwo rum und hat kein Problem gelöst. So ist es eigentlich immer.“

Ansonsten wird viel herumgeschnauzt und mit den Colts gefuchtelt. „Ich bin Pferd mit Reiter, das ist doch ganz klar zu sehen“, antwortet Minichmayr nach ihrer Rolle gefragt pampig. Irgendwann kotzt ein Schimmel, zwei Mal gibt es Schusswechsel, und die Darstellerinnen wechseln von Tabea Brauns Cowgirl-Kluft in weiße Kleidchen, alldieweil Wuttke wie der verloren geglaubte Sohn der Katie Elder o-beinig durchs Geschehen geht. Kurz geht es noch um, siehe Repräsentation, Schein und Sein, Sinn und Unsinn, um eine Art Darstellung, die das Darzustellende überdeckt.

Um Kommunikation, die nur noch im Angesicht einer gezogenen Waffe klappt. Was einen dann doch wieder aufs magische Dreieck Spanische Hofreitschule – Bundeskanzleramt – Burgtheater zurückwirft. Am Ende, zum langen und lauten Applaus der Fans, heißt es: „Fick Dich. Gute Nacht!“ Ein Schelm, wer Pollesch dabei denkt.

www.festwochen.at

www.burgtheater.at

25. 5. 2019

Romy Schneiders „3 Tage in Quiberon“

April 10, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Regisseurin Emily Atef im Gespräch über ihren Film

Emily Atef. Bild: Peter Hartwig

1981 verbringt der Weltstar Romy Schneider drei Tage in dem kleinen bretonischen Kurort Quiberon, um sich dort vor ihrem nächsten Filmprojekt ein wenig Ruhe zu gönnen. Trotz ihrer negativen Erfahrungen mit der deutschen Presse willigt die Schauspielerin in ein Interview mit dem Stern-Reporter Michael Jürgs  ein, zu dem der von Schneider geschätzte Fotograf Robert Lebeck die dazugehörige Fotostrecke liefert. Aus dem geplanten Termin entwickelt sich ein Katz- und Mausspiel zwischen dem Journalisten und der Ausnahmekünstlerin, das alle an ihre Grenzen bringt …

Inspiriert von den beeindruckenden, sehr persönlichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die Robert Lebeck von Romy Schneider in Quiberon gelangen, erzählt die Regisseurin und Drehbuchautorin Emily Atef  mit einer herausragenden Marie Bäumer in der Hauptrolle von einem entscheidenden Ereignis in der letzten Lebensphase einer der berühmtesten europäischen Schauspielerinnen.   In den Nebenrollen brillieren Birgit Minichmayr als Romys – fiktive – Freundin Hilde, Robert Gwisdek als Michael Jürgs und Charly Hübner als Robert Lebeck. Kinostart ist am 13. April. Emily Atef im Gespräch:

MM: Wie kamen Sie auf das Thema für den Film?

Emily Atef: Das Thema kam zu mir. Es war die Idee des französischen Produzenten Denis Poncet, der mit Marie Bäumer befreundet war, und es nicht verstehen konnte, dass sie nicht Romy spielt. Sie wurde sehr oft gefragt, und sie hat immer verneint, weil sie sich nicht anmaßen wollte, in einem Biopic zu spielen. Und dann haben sie Quiberon-Bilder gesehen, und sagten: Das ist es! Und da Sie merkten, dass der Film ein deutscher Film sein müsste, wegen der Sprache, der deutschen Protagonisten,  kam die Idee schließlich zu mir, auch weil Marie meine zweiten Film „Das fremde in Mir“ sehr mochte. Mich haben die Fotos von Robert Lebeck so bewegt, sie sind so wahrhaftig, reportagehaft, ungeschminkt, am Lachen, am Tanzen, am Hadern, am Weinen … Auch das Interview von Michael Jürgs hat mich umgehauen – und da sah ich einen Film. Auch ich hätte nie ein Biopic gemacht, denn man kann in 90 Minuten kein Leben erzählen, aber „3 Tage in Quiberon“, das geht gut.

MM: Der Film ist nun ein großartiges Kammerspiel geworden. Wie ist darin das Verhältnis von Fakt und Fiktion?

Atef: Ich habe vieles neu- und umgeschrieben. Viele Zitate sind auch authentisch. Ich habe mich mit Robert Lebeck, der ja 2014 verstorben ist, und Michael Jürgs getroffen. Das war sehr spannend. Die Freundin habe ich auch kennengelernt, doch die wollte nichts mit dem Projekt zu tun haben, das war ihr alles zu emotional. Aber sie hat mir erlaubt, eine fiktive Freundin zu kreiieren, so habe ich die österreichische Kindheitsfreundin Hilde Fritsch erfunden, und es war ein großes Glück für mich, dass ich diese vollkommen fiktive Figur zur Verfügung hatte. Michael Jürgs habe ich mehr zum Antagonisten gemacht, als er mutmaßlich war. Nach den Gesprächen und dem Sichten von ungefähr 600 Bildern, von denen gerade mal 20 bekannt sind, musste ich aber meine eigene Version der Geschichte schreiben …

MM: Das heißt?

Atef: Dass mich existenzielle Fragen interessiert haben. Dinge, die stellvertretend Frauen auch heute angehen. Über Mutterschaft, über Arbeit, Ruhm, Freundschaft – und, ob es überhaupt möglich ist, mit jemandem eine Freundschaft aufzubauen, der das von zu Hause aus nicht gelernt hat.

MM: Das macht die Erfindung der Hilde Fritsch umso betrüblicher, als Romy Schneider offensichtlich keine solche Jugendfreundin hatte.

Atef: Das stimmt. Sie hatte nicht viele Menschen, die für sie da waren.

Trotz ihrer Vorbehalte gegenüber der deutschen Presse willigt Romy Schneider (Marie Bäumer) in ein Interview mit dem Stern-Reporter Michael Jürgs (Robert Gwisdek) ein. Bild: © Filmladen Filmverleih

Romy Schneiders (Marie Bäumer) beste Freundin Hilde (Birgit Minichmayr, l.) ist in dieser schwierigen Lebensphase für Romy da. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Und so zeigt Marie Bäumer Ihrer Intention gemäß mehr als Romy Schneider, nämlich einen Menschen, der an der Klippe steht?

Atef: Einen Menschen, der an der Klippe steht, aber auch einen, der bereit ist, nun eine Entscheidung zu treffen. Der Film handelt von einer Person, die zu sich kommt, auch wenn es vielleicht nur für einen Nachmittag ist, der Film handelt von einer Person, die ihren Frieden findet, auch wenn der nur ein paar Wochen dauern wird. Das ist es, das ist mir auch sehr wichtig dieser Tiefgang. Diesen seelischen Moment kann Romy niemand nehmen. Sie hatte ein hartes Jahr hinter sich, und wie wir wissen, das härteste noch vor sich. Doch auch, wenn ich in allen meinen Filmen Frauen in existenziellen Krisen zeige, brauche ich einen Hoffnungsschimmer. Und den gibt es am Schluss mit einer Szene in Paris …

MM: Mussten Sie für Ihren Dreh eine Erlaubnis einholen?

Atef: Ich hatte extrem viel Glück. Michael Jürgs hat mir alles erzählt, was ich wissen wollte, ich habe ihn mehrmals getroffen, und auch sein Darsteller Robert Gwisdek traf sich mit ihm. Ich habe ihm dann das Buch geschickt, und er meinte: Ich bin ja ein Satan von Anfang bis Ende. Das war hart für ihn, aber er hat mir nichts dreingeredet. Ich finde, Jürgs macht im Film die größte Entwicklung von allen Figuren durch: Ein junger, ehrgeiziger Journalist, der die große Story will, der seine Karriere pushen will, der Millionen Hefte verkaufen will, aber nach drei Tagen nur seine ganze Art zu Arbeiten hinterfragt. Das ist eine große Verwandlung, die Jürgs dann auch akzeptiert hat, obwohl er ziemlich geschluckt hat. Und ich sagte wieder, Romy hat dir im Endeffekt vertraut und sie hatte recht, er hat ihr ja auch den Final Cut gegeben. Im echten Leben sind die beiden nämlich befreundet geblieben, und sie hat ihm noch ein Interview gegeben. Das einzige, nachdem ihr Sohn tödlich verunglückt war. Das Interview war aber so unendlich traurig, dass Jürgs es nicht freigegeben hat. Da hat er sie geschützt.

MM: Apropos, wenn jemand vor der Kamera so viel gibt, wie Marie Bäumer, gehen Sie da als Regisseurin auch in Beschützerhaltung?

Atef: Ja, das ist wichtig. Ich habe drei Jahre an dem Projekt gearbeitet, da haben wir uns auch befreundet, aber sie konnte nicht über die Rolle reden, sie hatte Angst davor, sie zu spielen. Einen Monat vor Drehbeginn sagte ich, jetzt müssen wir aber, und dann hat sie sich voll drauf eingelassen. Marie war wahnsinnig fragil in dieser Drehzeit, sie musste auch tief in die Krise von Romy schlüpfen und konnte dazu kaum schlafen, um Kräfte zu sammeln. Durch diese Anstrengung hatte sie aber die Ausstrahlung, die man nun in den Bildern sieht. Dazu diese Halbinsel Quiberon, die immer noch die emotionale Energie von damals ausstrahlt, weil sich dort kaum etwas verändert hat. Das war auch für mich superanstrengend. Ich hatte den Vorteil, dass mein Produzent Karsten Stöter mir die Zeit gegeben hat, mit den Schauspielern intensiv zu arbeiten, und auch sagen zu können, heute klappt’s nicht, machen wir das morgen.

MM: Und die Entscheidung in Schwarzweiß zu arbeiten …

Atef: … hat den einen oder anderen Geldgeber anfangs nicht entzückt. Für mich kam aber nichts andere infrage, inspiriert von Lebeck habe ich die Szenen schon beim Schreiben immer in Schwarzweiß gesehen. Ich konnte nicht anders. Und es ist auch eine Brücke zur Fiktion, das Schwarzweiße macht klar, dass das nicht die x-te Reportage über Romy Schneider ist.

Charly Hübner spielt Robert Lebeck. Bild: © Filmladen Filmverleih

Marie Bäumer. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Mit Marie Bäumer spielen handverlesene Schauspieler: Birgit Minichmayr, Charly Hübner und Robert Gwisdek.

Atef: Mir ist dieses Quartett superwichtig. Dass jede Figur ihre Perspektive hat. Natürlich kreisen alle um Romy, aber die anderen Figuren sind mehr als Staffage, sie haben ein Eigenleben, der Fotograf in seinem Zwiespalt zwischen Freund sein wollen – und trotzdem die Doppelseite im Stern haben, egal, ob’s Romy dabei gut geht oder nicht, der Journalist, der sich vorgenommen hat, über Leichen zu gehen und das dann doch nicht kann und überraschenderweise für sich selbst sehr getroffen ist, die Freundin, die zum Bodyguard werden muss. Sie ist mein Blick auf die Sache, ihr:  Was geht denn hier ab? Und Birgit spielt das ganz großartig. Sie kann Missbilligung ausdrücken, ohne das Gesicht verziehen zu müssen. Sie wirkt, auch wenn sie mal im Hintergrund sitzt. Als ich anfing, diese fiktive Hilde zu schreiben, habe ich Birgit sofort in jeder Zeile gesehen. Sie spielt mit jeder Pore.

MM: Hat Michael Jürgs eine Erklärung dafür, warum sich Romy Schneider in diesem Gespräch so geöffnet hat? Im Film hat nicht zuletzt der Alkohol die Schuld daran.

Atef: Ich vermute, sie wollte in Deutschland ihr Bild in der Öffentlichkeit zurechtrücken. Die Deutschen waren ja sehr beleidigt, dass ihre Romy mit diesem Filou Alain Delon nach Frankreich abgehauen ist, und dort jetzt „solche“ Filme dreht, nachdem sie in Deutschland so ein braves Mädchen war. Ihre „Sissi“! Die wollten nicht, dass sie erwachsen wird und sich emanzipiert! Sie wurde deshalb fertiggemacht in der Presse, und hat auch wenig deutsche Interviews gegeben. Hier ging’s nur über ihre Fehlgeburten, Scheidung, Probleme … in Frankreich hat man sie so geliebt, dass man ihr das nicht angetan hat, obwohl es auch da Boulevardpresse gab. Im Jürgs-Interview wollte sie sich den Deutschen zeigen, wie sie wirklich ist. Sie sagt ja: Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren. Das ist Originaltext. Sie wollte sich erklären, und natürlich klappt das nicht.

MM: Wenn man sich mit solch einem Interview beschäftig, wächst die eigene Skepsis gegenüber der Presse?

Atef: Gegenüber einer gewissen Art von Journalist, ja. Es gibt immer welche, die einem Dinge in den Mund legen, die Sachen erfinden, um ihre Interviews zu verkaufen. Der öffentliche Mensch kann dann nur seine Anwälte bemühen, aber das ist denen egal, weil sie mit der Auflage genügend verdienen. Heute ist es noch schlimmer als damals, denn wenn heute ein Promi etwas sagt, verbreitet es sich im Internet einmal um den Globus und verschwindet nie mehr wieder. Damals haben die Leute die Zeitschrift irgendwann weggeworfen und gut war’s.

MM: Wäre Romy Schneider eine schlechtere Schauspielerin gewesen, wäre sie nicht so dünnhäutig gewesen?

Atef: Es gibt auch fantastische Schauspielerinnen mit einem gesunden Privatleben, Meryl Streep zum Beispiel.

MM: Wollen Sie, dass Ihr Film den Blick auf Romy Schneider verändert?

Atef: Nein, das war nie meine Absicht. Weder, dass man etwas Neues über sie erfährt, noch dass sich der Blick ändert. Ich möchte, dass man mit der Film-Romy mitleidet und mitlacht, und dass man von ihr berührt ist, von allen Figuren eigentlich. Ich möchte mit diesem Film dem Publikum die Chance geben, dabei zu sein bei diesen fiktiven Geschehnissen. Im Sinne, wie Picasso sagt: Kunst ist eine Lüge, die wahrhaftiger ist als die Wahrheit.

www.3-tage-in-quiberon.de

10. 4. 2018

Philipp Hochmair im Gespräch über „Tiere“

November 20, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Sich einfach in den Film fallenlassen“

Der Mann mit dem Messer. Philipp Hochmair spielt den Koch Nick. Bild: © Polyfilm Verleih / Wojciech Sulezycki

Freitag lief in den heimischen Kinos „Tiere“ mit Philipp Hochmair und Birgit Minichmayr an. Als Nick und Anna wollen die beiden eine Auszeit in der Schweiz nehmen. Doch nach einem Unfall mit einem Schaf kommt alles anders. Der Tod des Tieres wird zum Ausgangspunkt einer schwarzen Komödie der Irrungen über die Rätsel von Liebe und Täuschung.

Und zu einem raffinierten Mindgame zwischen Wien und den Alpen. Seltsame Dinge geschehen im Ferienhaus, die scheinbar nur Anna wahrnehmen kann. Liegt es an dem Autounfall, den sie mit Nick hatte? Bildet sie sich das alles nur ein? Oder ist das alles nur ein Traum – und falls ja: Wer träumt ihn eigentlich? Dem in der Schweiz lebenden polnischen Regisseur Greg Zglinski ist mit „Tiere“ ein sehr besonderer Film gelungen; in den Nebenrollen brillieren Michael Ostrowski, Mona Petri und Mehdi Nebbou. Philipp Hochmair im Gespräch:

MM: Ehedrama, Psychothriller, Horrormärchen – wie würden Sie „Tiere“ beschreiben?

Philipp Hochmair: Der Film ist das alles, er entzieht sich vor allem jeder Kategorie, er ist also Drama, Komödie, Heimatfilm – alles gleichzeitig. Und das macht ihn für mich so besonders.

MM: Dies ist eigentlich ein unmöglich zu führendes Interview, denn man darf nicht ein Wort zu viel sagen, um die Pointe von „Tiere“ nicht zu verraten.

Hochmair: Genau … Mir haben aber auch schon Leute gesagt, sie hätte in dem Film nichts verstanden. Wir werden in diesem Interview dazu ermuntern, dass es nicht darum geht, den Film zu verstehen, sondern sich einfach in den Film fallenzulassen und ihn auf sich wirken zu lassen.

MM: Ich nehme an, all diese Vielschichtigkeiten haben Sie in dieses Projekt geführt?

Hochmair: Der Regisseur Greg Zglinski hat Birgit Minichmayr und mich als das zentrale Paar ausgewählt. Der Autor und ursprüngliche Regisseur des Films Jörg Kalt hat sich tragischer Weise vor zehn Jahren das Leben genommen. Damals stand das Projekt schon einmal vor Drehbeginn. Das zentrale Paar Anna und Nick gibt es auch in seinen anderen Filmen. In „Richtung Zukunft durch die Nacht“ waren es Simon Schwarz und Kathrin Resetarits. Simon Schwarz war also schon vor mir Nick, und Kathrin Resetarits Anna. Dieser Nick und diese Anna verkörpern bei Jörg Kalt  den Mann und die Frau die aneinander scheitern. Die sich suchen aber nicht finden. Weil sie vielleicht trotz ihrer Liebe nicht in der gleichen Welt leben …

MM: Das ist eine schöne Linie

Hochmair: … und dass immer wieder andere Schauspieler dieses Paar spielen, hat mich interessiert. „Richtung Zukunft durch die Nacht“ ist mehr eine Komödie, die Manie und Heiterkeit. Hier in „Tiere“ haben wir die Depression als Gegenstück. Die Beschäftigung mit dem Menschen Jörg Kalt ist sicher auch ein wichtiger Zugang zu dem Film „Tiere“.

MM: Wie ist denn dieser Nick, den Sie spielen?

Hochmair: Wir befinden uns in einem Zwischenraum zwischen Tod und Leben. Eine Autofahrt Richtung Zukunft durch die Nacht in eine Auszeit, die eine Ehekrise lösen soll. Zwischen Lüge und Wahrheit. Nick ist mit seiner Beziehung zu Anna in einer Krise, und die beiden steuern auf eine Katastrophe zu. Er müsste sich ehrlich verhalten, aber das schafft er nur bedingt. Vieles, was passiert, kann auch nur in seinem oder ihrem Kopf passiert sein.

MM: Wie waren bei so einem verrätselten Film die Dreharbeiten?

Hochmair: Eigentlich ganz klassische Filmarbeit. Wir haben jede Situation ganz konkret genommen. Aber die Dreharbeiten waren in jeder Hinsicht besonders: ein besonderes Drehbuch, mit einem sehr besonderem Team, in besonderer Landschaft. Und es hat mir Spass gemacht, einen Koch zuspielen.

In der Schweiz soll es beschaulich werden: mit Birgit Minichmayr Bild: © Polyfilm Verleih

Doch es kommt ganz anders: mit Birgit Minichmayr. Bild: © Polyfilm Verleih

MM: Weil?

Hochmair: Ich leidenschaftlich koche. Jörg Kalt angeblich auch, das merkt man ganz deutlich an seinem Drebuch … Eine kleine Anekdote: Jörg Kalt, hat der Coop 99 – der Produktionsfirma des Filmes – einmal angeboten bei einem anderen Projekt, dem Film „Die Fetten Jahre sind vorbei“ als Koch das Film-Catering zu machen. Und hat, vor allem ohne sich als Regisseur oder Filmemacher aufzutreten, das Team ganz liebevoll bekocht. Das war für mich sicher auch ein Schlüssel zur Rolle „Nick“. Ich habe mich mit diesem Nick gut gefühlt. In Lausanne auf dem Berg leben, das Kochen, seine undurchsichtigen Wege … das konnte ich gut nachvollziehen. Ich habe selbst kurz davor auch in Lausanne gelebt und gearbeitet, habe dort meinen Werther-Monolog am Théâtre de Vidy auf Französisch produziert. Sicher auch deswegen ist die Rolle Nick trotz aller Verwirrung und trotz aller Fremdheit der zeitlichen Verwirrungen für mich sehr nachvollziehbar, konkret und persönlich.

MM: Apropos, Theater: Sie sind nicht nur mit „Werther“, sondern auch mit Ihrem „Jedermann Reloaded“ und mit Schiller-Monologen unterwegs, haben im Berliner Gropius-Bau Kafkas „Prozess“ gemacht. Am Theater lieber Solist?

Hochmair: Die Organisation von Staatstheatern, die oft Jahre im Voraus ihren Spielplan festlegen müssen, und von TV-Serien, wie zum Beispiel den „Vorstadtweibern“, oder internationalen Filmproduktionen, die sehr spontan planen,  lässt sich schwer vereinen. Das lässt sich im Moment für mich leider nicht so gut verbinden. Meine eigenen Produktionen wie „Jedermann-Reloaded“ oder „Werther“ sind da wie kleinen Ruderboote, die ich alleine ganz gut lenken kann. Ich war zum Beispiel gerade ein Monat in Kapstadt um zu Drehen, das wäre so mit einem fixen Theatervertrag nicht möglich.

MM: Aber Sie könnten Burgtheater und „Vorstadtweiber“ machen.

Hochmair: Das wäre natürlich eine gute Kombination … Aber so spiele ich an den Toren Wiens, nicht weit weg vom Burgtheater, in Bad Vöslau, im „Schwimmenden Salon“ von Angelika Hager jedes Jahr …

MM: Die „Presse“ hat Sie nach einem Auftritt dort einen „Bildungsbürgerpunk“ genannt. Passt das?

Hochmair: Gutes Stichwort. Ich versuche zwar wildes, innovatives, Theater zu machen, aber die Zuschauer sind lustiger weise doch das klassische Theaterpublikum, und nicht die 15- bis 18-Jährigen aus der Rapperszene. Ich habe gerade meinen „Jedermann“  im Linzer Posthof gezeigt, einem Ort für Rockkonzerte und ich dachte, da werden die jungen Massen strömen. Aber nein … trotz Rockband, trotz Techno bleibt es ja klassische Literatur, also auch bildungsbürgerliches Theater … Daher wahrscheinlich der „Bildungsbürger Punk“. Ich irritiere und animiere mit Mitte 40 eben eher meine Generation als ganz junge Leute.

MM: Wenn Sie nun so leicht verzweifelt die „Mitte Vierzig“ murmeln, wohin geht Ihr Wollen und Werden und Wirken?

Hochmair: Den Weg weitergehen, den ich gerade gehe. „Vorstadtweiber“ möchte ich gerne noch ein paar Staffeln machen, will als „Joachim Schnitzler“ noch so richtig auf den Putz hauen! Am 8. Jänner wird’s in der dritten Staffel so richtig krachen. Dann schauen wir weiter …

Die Frage bleibt, ob und was Nick im Schilde führt: Philipp Hochmair. Bild: © Polyfilm Verleih

MM: Einen weiteren Film haben Sie kürzlich abgedreht: „Candelaria“. Der kommt 2018 ins Kino?

Hochmair: Das hoffe ich. Eine kolumbianisch-kubanisch-deutsche Koproduktion. Wir befinden uns in den 90er-Jahren in Kuba. Im Zentrum steht ein sehr altes Ehepaar. Das Land befindet sich in der grossen Kries und die Leute sind sehr, sehr arm.

Ich spiele einen deutschen Krisengewinner, eine Art Unterweltskönig. „Candelaria“, die Frau, findet durch Zufall eine Vidokamera und ihr Mann beginnt sie damit unter anderem beim Duschen zu filmen. Das alte Paar entdeckt darüber auf sehr rührende Weise seine Sexualität wieder. Nur landet aber dummerweise dieses sehr private Filmmaterial bei mir, und ich will dann damit Geld machen. Daraus spinnt sich ein sehr anrührender Film in einer ganz anderen Kultur.

MM: Bis wir den sehen können, was wünschen Sie sich für „Tiere“?

Hochmair: Ich wünsche mir dass sich viele Zuschauer auf dieses filmische Experiment einlassen und auf die Reise, die auf den ersten Blick vielleicht etwas wirr erscheint, einlassen. Ich denke, es ist ein gelungenes Experiment. Wie schon gesagt: Gleichzeitig Komödie, Drama, Thriller und Liebesfilm.

Die Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26976

www.tiere.film

20. 11. 2017