Volkstheater: Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss

September 23, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein tieferer Sinn erschließt sich nicht

Die Bühne dient den Tänzern als – gähnend leerer – Ruheraum: Lukas Watzl, Isabella Knöll, Nils Hohenhövel, Katharina Klar, Sebastian Klein, Birgit Stöger, Claudia Sabitzer und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dem sitznachbarlich Wienerischen „Zerwos?“/wozu kann man sich zum Schluss nur anschließen. Regisseur Miloš Lolić hat am Volkstheater „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“ inszeniert, dabei aber seiner selbst getroffenen Stoffauswahl offenbar miss-, heißt: weder der theatralen Kraft von Horace McCoys 1935er-Roman „They Shoot Horses, Don’t They?“ noch der kongenialen Verfilmung von Sydney Pollack aus dem Jahr 1969 vertraut.

Seltsam ist das, wäre doch die Vorlage, deren Story sich um einen der damals beliebt-berüchtigten Tanzmarathons in den USA der 1930er-Jahre dreht, Events, die McCoy aus persönlicher Erfahrung kannte, da er bei solchen als Rausschmeißer arbeitete, für zweifachen Konnex zur Gegenwart gut. Einem gesellschaftspolitischen Kapitalismus-auf-der-Kippe-Bezug mittels Rückblicks auf die Große Depression, die Verzweifelte wie Glücksritter mit der Aussicht auf 1000 Dollar Preisgeld und bis zu sieben Mahlzeiten täglich, die allerdings um den Esstisch tanzend eingenommen werden mussten, zu diesen Folter-Veranstaltungen lockten – und anhand deren archaischer Spielregeln sich mühelos Themen wie schwindender Sozialstaat, daher erstarkender Sozialdarwinismus, daher Existenzkampf für die von der Gemeinschaft Abgehängten bei gesteigertem Wettbewerb für die Systemgewinner, verhandeln hätten lassen.

Oder einem medienkritischen Seitenhieb, sind doch diese auf „real life“ gestylten Contests gleichsam als Vorläufer von Fernsehformaten wie dem „Dschungelcamp“ oder derzeit „Love Island“ zu betrachten, in denen die Kandidaten für den Sieg alles über sich ergehen lassen, und den Voyeurismus der Zuschauer mit – oft genug gefaktem – Herzschmerz, Streitereien und Skandälchen befriedigen. Schon in den 1930igern war es üblich, dass das Publikum die Tanzteilnehmer bis unter die Dusche verfolgte, deren halbkomatösen Minutenschlaf, ihr Kollabieren, ihr ob der körperlichen Verausgabung sogar Halluzinieren miterleben konnte, und müssen die Mitwirkenden heute unappetitliche Teile von Tieren essen, so gab es damals Sondermatches im Dauerlächeln, Boxrunden – und das gefürchtete „Derby“, ein Laufen bis zum Umfallen, das sprachlich nicht zufällig Menschen mit Rennpferden gleichsetzt.

Getanzt wird – live gefilmt – in der Roten Bar: Isabella Knöll unad Lukas Watzl als Alice LeBlanc und Joel Girard. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Filmstatistin Gloria Beatty und der gescheiterte Regisseur Robert Syverton hoffen, „entdeckt“ zu werden: Sebastian Klein und Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Immer in Bewegung bleiben: Nils Hohenhövel und Katharina Klar als Jimmy Bates und dessen hochschwangere Frau Ruby. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Shirley Clayton, Lillian Bacon und Harry Klein spielen eine Szene aus „Mutter Courage“: Claudia Sabitzer, Steffi Krautz und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Daran knüpft Lolić in gewisser Weise an, indem er, so ziemlich alles an McCoy’scher Handlung beiseiteschiebend, mithilfe von Schauspielszenen aus Stücken, die fürs Volkstheater von aufführungsgeschichtlicher Bedeutung sind, nachbessert. Dies nicht, bevor sich die Showmaster Evi Kehrstephan und Jan Thümer in diversen Fummeln, er einmal als Conchita-Klon – und wie abgegriffen ist das denn?, ordentlich leidgetan haben. Von wegen schwieriges Haus, stürmische Zeiten, so schief in den 7. Bezirk hineingebaut, das es mit dem Feng Shui ja nicht klappen kann. Hernach liegt es an den Darstellern die von der Kritik skandalisierten Inszenierungen, womöglich deshalb in der Regel die großen Publikumserfolge, aus 130 Jahren Volkstheatergeschichte in kleinen Häppchen zu servieren.

Der tiefere Sinn dieses Tuns erschließt sich nicht, es sei denn er läge darin, dem Ensemble die Chance zu geben, die kommende Direktion vom eigenen Können zu überzeugen, oder eine Visitenkarte für künftige Engagements abzugeben. Jedenfalls erfährt man nicht mehr Neues, als bei einer durchschnittlichen Theaterführung, wobei jedes Robert Reinagl’sche „Vorhangverbot!“ mehr Verve hat, als Lolićs Regieeinfall.

Und so arbeiten sich Steffi Krautz und Günther Wiederschwinger wunderbar dialektordinär und samt Quickie hinterm Kleiderständer durch Schnitzlers „Reigen“-Dialog „Die Dirne und der Soldat“, der 1921 den antisemitischen Volkssturm entfesselte, schwören einander Birgit Stöger und Sebastian Klein als Marianne und Alfred anrührend an Horváths Donauufer die ewige Liebe (doch die Nachkriegs-Wiener wollten sich nicht als „Geschichten aus dem Wiener Wald“-Figuren vorgeführt wissen), erinnern Claudia Sabitzer als „Mutter Courage“ und Stefan Suske als Feldprediger an den von Weigel, Torberg und Haeussermann angestifteten Brecht-Boykott, eine antikommunistische Kampagne, den Gustav Manker am Volkstheater als erster brach.

„Change“ von Wolfgang Bauer beschert Lukas Watzl und Isabella Knöll einen hinreißend satirischen Auftritt als Maler Ferry Kaltenböck nebst Freundin Guggi, was allerdings zur Disqualifikation von Knölls Tanzmaus Alice LeBlanc führt, weil die sich nicht wie vorgesehen vom Haberer ohrfeigen lässt, sondern sich aus den Männertexten einen feministischen Monolog zusammengebastelt hat. Auf Qualtingers „Die Hinrichtung“ folgt mit Katharina Klar und Nils Hohenhövel, sie das Parkettpaar Jimmy Bates und seine hochschwangere Ehefrau Ruby, Elfriede Jelineks „Krankheit oder Moderne Frauen“, und es werden nicht wenige Zuschauer im Abgang bemurmeln, dass die Ära Emmy Werner mit nur einer Produktion gewürdigt wurde.

Bei den „Derbys“ laufen die Darsteller kreuz und quer durch alle Etagen des Volkstheaters: Katharina Klar, Steffi, Krautz, Lukas Watzl, Sebastian Klein und Isabella Knöll. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Schließlich noch Thomas Bernhard und „Vor dem Ruhestand“, dies ein Stück der ersten Schottenberg-Spielzeit, dessen – ohne mahnenden Politfingerzeig kann’s Lolić nicht – von Anna Badora abmontierter roter Stern symbolträchtig über die Bühne getragen wird, bevor die zunehmend enervierenden Showmaster Kehrstephan und Thümer genüsslich die „Hitlerzimmer“-Affäre breittreten. Jenen Raum, in dem der „Führer“ die Pause verbringen sollte, nur dass er das Volkstheater nie besuchte,

und deren – no na – braune Holztäfelung Michael Schottenberg im Jahr 2005 erst als Bühnenbild für „Vor dem Ruhestand“ abnehmen ließ, bevor er sie auf Geheiß des Bundesdenkmalamtes wieder montieren musste. Seit Badora nennt sich das immer noch braungebretterte Erbstück vornehmer Bibliothek … Alldieweil versuchen Birgit Stöger und Sebastian Klein als Filmstatistin Gloria Beatty und gescheiterter Regisseur Robert Syverton vergebens ihren Status als Hauptcharaktere zu behaupten, dabei wäre die zynische Komparsin doch eigentlich eine Paraderolle für die so gekonnt spröde spielende Stöger. Warum Kehrstephan und Thümer ihr Ende – der hoffnungslosen Gloria gibt Robert schließlich den Gnadenschuss – quer durch den Abend vorwegnehmen, man weiß es nicht.

Ebenso wenig, warum Lolić auf die Idee verfallen konnte, die Tanzszenen sich in der Roten Bar ereignen zu lassen, wohingegen die im Wortsinn gähnend leere Bühne als Ruheraum dient. Wozu das Programmheft eine Choreografin ausweist, bleibt nicht weniger unklar, wird doch kaum mehr als geschunkelt und dieses unscharf-grobkörnig auf eine Leinwand im Hintergrund übertragen, die noch dazu von einem die Sicht nehmenden Lichtobjekt verhängt ist. Der gebürtige Grazer Lukas Watzl macht noch schnell vor, wie’s das Publikum verärgern würde, spielte „ein Piefke“ Turrinis „Rozznjogd“, und lässt dieses Gegeneinander-Ausspielen von Österreichisch vs. Deutsch in der Moralpredigt gipfeln, mit dem Dialekt würden einschlägige Politiker dem Wahlvolk suggerieren „Ich bin einer von euch“.

Dazwischen finden die „Derbys“ statt, bei denen die Schauspieler, gefolgt von den Livekameras, durch alle Ebenen des Hauses hetzen. Dass diese Überfrachtung mit Volkstheaterfakten, Tanzparkettchaos und Politstatement, keinen Platz für Personenzeichnung oder Rollengestaltung lässt, ist klar. Immerhin einsichtig, dass man, noch dazu nach dieser Aufführung, das derzeitige Volkstheater als „Baustelle ins Ungewisse“ deklariert. Saniert müssen nämlich nicht nur die Wände werden, sondern auch das, was sich in ihnen abspielt.

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  1. 9. 2019

Akademietheater: Kampf des Negers und der Hunde

Oktober 3, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?

Ernest Allan Hausmann als Alboury, Philipp Hauß als Horn und Stefanie Dvorak als Léone. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Noch bevor die Inszenierung los geht, inszeniert sich eine Protestaktion gegen das N-Wort. Junge Menschen werfen Flugzettel vom Balkon des Akademietheaters, sie skandieren ihre auswendig gelernten Sprüche. Ernest Allan Hausmann, bereits aufgetreten, sagt, man habe ein Recht dies Stück zu spielen. Spätestens am Schluss, wenn sich alle auf der Bühne verbeugen, weiß man, es war ein ausgemachtes Spiel. Das Burgtheater brachte die Sache vorab schon PR-geschickt auf Schiene, indem es den Begriff, wie online und im Programmheft vermerkt, „grafisch absetzte“. Neger. Politisch korrekt und doch ein Bis-hierher-und-nicht-Weiter, man sei schließlich dem Autor verpflichtet.

Alles ein einziges Missverständnis. Für Bernard-Marie Koltès, Dramatiker, Enfant terrible, Reisender, Suchender, Schwuler, Aids-Toter, stand bereits 1983 fest: „Afrika ist überall“. Er verwehrte sich dagegen, seinen Text zu verorten, sah ihn lieber als Metapher interpretiert, er, der geniale Erfinder seiner eigenen, eigenartigen Mythologie, sein Theater immer auch autobiografisch, seine Sprache ausgestattet mit scharfer Schneide, sein Ton an der Schnittstelle von Patzigkeit, Poesie und Pathos.

Dass sein „Kampf des Negers und der Hunde“ dieser Tage allerorts wieder gern gespielt wird, liegt allerdings an dessen Auslegung als Aussage über die Angst der „Weißen“ vor Fremden, Flüchtlingen, Verbrecher allesamt … Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? – Niemand! – Und wenn er aber kommt?

Drei in die Fremde geworfene Figuren sind also gezwungen, sich mit ihrem diffusen Gefühl der Bangigkeit auseinanderzusetzen. Auf einer Baustelle in Westafrika haben sich deren Leiter Horn, die von ihm mitgebrachte Frau Léone und der Ingenieur Cal gegen alle Bedrohungen von außen eingebunkert. Und dann ist das Unheil doch da. In Form des Einheimischen Alboury, der die Herausgabe des Leichnams seines auf dem Gelände verstorbenen „Bruders“ verlangt. Bald weiß man, es war kein Unfall, Cal griff zum Gewehr. Das Thema ist Macht und ihre Strukturen. Chef gegen Mitarbeiter, Mann gegen Frau, Bewaffneter gegen Unbewaffneten, Weiße gegen Schwarze. Die Hunde im Titel sind die Ersteren.

Am Akademietheater zerspragelt sich Regisseur Miloš Lolić am Spagat, Koltès gerecht zu werden und eine selbstständige Sichtweise auf die Sache zu fabrizieren. Dies gelingt nur ansatzweise. Lolić versucht’s weder atmosphärisch-ideologisch noch globalisierungskritisch-brisant noch als absurde Farce, um nur drei Deutungsmöglichkeiten zu nennen, er bleibt seltsam unentschlossen. Und: Er hat – dies die größte Sünde – dem Autor die dichterische Eindringlichkeit, die lyrische Ergriffenheit runtergeräumt, Lolić entzaubert Koltès bis zum Uninteressant-Werden – wenn ihm gar nichts mehr einfällt, und das ist nach dem beim Publikum ins Nichts verpuffenden Anfangsskandälchen wenig, lässt er stetig größer werdende Drohnen steigen.

Markus Meyer als Cal mit Philipp Hauß und Ernest Allan Hausmann. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Stefanie Dvorak, Philipp Hauß und Markus Meyer. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Schön wär’s zu sagen, der Abend hielte zum Text zumindest ironische Distanz, tatsächlich wird der die meiste Zeit nur hergesagt. Mitunter unverständlich schnell. Selbst Albourys Parabel über die menschliche Kälte, die nur durch gegenseitiges Wärmen vertrieben werden könne, verliert so an Wirkung.  Das in der Werkeinführung als spannend gepriesene Bühnenbild von Evi Bauer entpuppt sich als obligat-nackte Fläche bis zur Feuermauer, die Kostüme von Jelena Miletić sind ein transparent-nudes „Overdress“ und befleckte Khakikleidung, darunter durchsichtiges Ganzkörperplastik.

In diesem szenischen Leerlauf bemühen sich die Darsteller Philipp Hauß, Markus Meyer, Stefanie Dvorak und Ernst Allan Hausmann aus Rollen Charaktere zu gestalten. Zwischen Hauß‘ Horn und Meyers Cal entsteht bald ein Einverständnis zum latenten Rassismus, beiden gelingt es sogar, subtil unterschwellige Aggression aufblitzen zu lassen. Während Hauß mehr und mehr den Machtmenschen erkennen lässt, dominiert Meyer mit seiner Darstellung latenter Bösartigkeit das Bühnengeschehen. Stefanie Dvorak gibt ein von ihr schon bekanntes aufgescheucht-flirrendes Wesen, das mit seinem Naivchen-Bild vom „edlen Wilden“ alle Gewalt aufhalten will.

Ernst Allan Hausmann schließlich legt den Alboury sehr zurückhaltend an. Immerhin darf er mit einer Fußrassel Gefährlichkeit markieren, als Figur aber bleibt dieser Alboury wenig greifbar. Zum Ende trägt Léone eine Cornrows-Perücke, Horn einen traditionellen Zeremonienmantel aus Ziegenhaar. Geschossen wie bei Koltès wird nicht.

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  1. 10. 2018

Volkstheater: Lazarus

Mai 10, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Programmheft als Beipackzettel

Newtons Museum der Erinnerung: Maria Stippich, Anja Herden, Katharina Klar, Günter Franzmeier und Evi Kehrstephan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der tosende Schlussapplaus war abzusehen, schließlich wurde schon jeder einzelne Song heftig bejubelt. 17 an der Zahl, von „This Is Not America“ bis „Absolute Beginners“, von „The Man Who Sold The World“ bis „Life On Mars?“ – das musikalische Vermächtnis des David Bowie, der zum Sterben krank sein Lebenswerk zum Musical machte. Das ist es also: „Lazarus“ als österreichische Erstaufführung im Volkstheater.

Das ist also das, was der ratlose Rezensent gern mit dem Etikett enigmatisch versieht, das Nicht-Verstehen mit Meisterwerk gleichsetzend. Wie der Fiebertraum eines auf Genesung Hoffenden zieht dieser Abend an einem vorbei. Immerhin das Programmheft dient als eine Art Beipackzettel. Eine Assistentin Elly gebe es, steht da, und einen früheren Mitarbeiter Michael, ein Verbrechensopfer und den Serienmörder Valentine. Und Lazarus, diese biblische Symbolfigur für Auferstehung, die hier nicht sterben kann. Sie ist weitergedacht jener Thomas Jerome Newton, der Außerirdische, den sich Bowie in Nicolas Roegs Film „The Man Who Fell To Earth“ 1976 anverwandelt hat. Und der nun seinen Weltenschmerz mit Gin betäubt.

In der Inszenierung von Miloš Lolić interpretiert ihn Günter Franzmeier. Und was das betrifft, ist die Gratwanderung perfekt gelungen. Franzmeier, kühl, unnahbar, mit reduziertem Spiel, macht sich die Songs zu eigen, er gibt ihnen eine Färbung, die Erinnerungen ans Original mitschwingen lassen, und legt an ihnen dennoch neue Gefühlsschichten frei. Gleich zu Beginn, wenn er wunderbar seelenwund den titelgebenden Song singt, Look up here, I’m in heaven / I’ve got scars that can’t be seen, weiß man, dass die Aufführung musikalisch gelungen ist. Unter der diesbezüglichen Leitung von Bernhard Neumaier stellen das besonders Katharina Klar als ermordetes Mädchen, Christoph Rothenbuchner als androgyner Todbringer und Gábor Biedermann mit seiner Rockstar-Attitude unter Beweis. Großartig ist am Ende das hoffungschöpfende „Heroes“-Duett von Franzmeier mit Klar.

Brillant als Bowies Alter Ego: Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Musikalisch top: Maria Stippich, Anja Herden, Christoph Rothenbuchner, Gábor Biedermann und Evi Kehrstephan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Doch die darob Ergriffenheit weicht beim zweiten Hinsehen der Ernüchterung. Neben der Musik sind die Szenen und Dialoge, die Enda Walsh mit Bowie erarbeitete, eben ein weiterer Aspekt des Musicals. „Lazarus“, das wird bald klar, erzählt keine Story im eigentlichen Sinne. Das Gespielte dient wie das Gesungene eher als atmosphärische Momentaufnahme, gemeinsam sollen sie wohl so was wie die Vereinsamung, die Verwirrung, die Verirrung des Protagonisten widerspiegeln. Sie sind Newtons Kopfkino. Dies darzulegen versucht Lolić nicht. Er flüchtet sich in Ausstattung, wo Auslotung vonnöten gewesen wäre.

Denn das Bühnenbild von Wolfgang Menardi ist opulent, ein „Museum der Erinnerung“ nennt es sich, und ist vollgestopft mit ausgestopften Tieren aus dem Nachbarmuseum, mit zahlreichen bunten Vitrinen und anderen Versatzstücken, und die Drehbühne dreht und dreht sich. Punkto Kostüme lässt Jelena Miletić von Retrofellwesten über Pailletten und Schlaghosen bis durchsichtigen Plastikmänteln wenig aus, was irgend dem Seventies-Showklischee entspricht. Auch etliche Haare müssen von Bowie-Blond bis Ziggy-Stardust-Rot dran glauben. Ob all dieser Bühnenzauber den Blick auf die wahre Ambivalenz des Stücks verstellt, ob diese tatsächlich vorhanden ist, dies sei dem Betrachter dahingestellt.

Katharina Klar als das gemordete Mädchen, das Newton zur Rettung wird. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Newtons Tanz über den Abgrund begleiten des Weiteren Maria Stippich, Evi Kehrstephan und sehr sexy Anja Herden als Teenage Girls/Backgroundsängerinnen, Rainer Galke als Michael, Isabella Knöll als Elly und Kaspar Locher als deren Mann Zach. Claudia Sabitzer geistert als Japanerin durchs Spiel. Warum, man weiß es nicht, und hakt auch das unter „enigmatisch“ ab.

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  1. 5. 2018

Das Volkstheater zeigt David Bowies Musical „Lazarus“

März 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Miloš Lolić inszeniert, Günter Franzmeier spielt

Christoph Rothenbuchner, Günter Franzmeier und Katharina Klar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Volkstheater schießt hoch hinaus: Am 9.Mai feiert das Erfolgsmusical „Lazarus“ von David Bowie und Enda Walsh Premiere. Gemeinsam mit seinem Leading-Team inszeniert der Regisseur Miloš Lolić Bowies letzten Gruß an seine Fans in einer Österreichischen Erstaufführung.

Beim gestrigen von Produktionsdramaturg Roland Koberg moderierten Pressegespräch gaben Regisseur Miloš Lolić, der musikalische Leiter Bernhard Neumaier, Bühnenbildner Wolfgang Menardi und Kostümbildnerin Jelena Miletić erste Einblicke in die Produktion, die seit knapp drei Wochen auf der Probebühne in Simmering entsteht. Volkstheater-Ensemblemitglieder Günter Franzmeier (Hauptfigur Newton), Katharina Klar (Mädchen) und Christoph Rothenbuchner (Valentine) teilten erste Überlegungen zu ihren Figuren mit dem Publikum und präsentierten ihre Solo-Songs „Lazarus“, „Life on Mars?“ und „Dirty Boys“, am Klavier begleitet von Ryan Thomas Carpenter.

„Ich bin ein riesiger David-Bowie-Fan, sein musikalisches Vermächtnis zu inszenieren ist mir eine große Ehre“, schwärmt Regisseur Miloš Lolić von seiner Aufgabe. „Deswegen habe ich mich überhaupt entschlossen, zum ersten Mal in meinem Leben ein Musical zu inszenieren.“

Neben dem elfköpfigen Ensemble stehen acht Live-Musiker auf der Bühne: Gemeinsam verbinden sie die lose an den Film „The Man Who Fell To Earth“ von 1976 anknüpfende Spielhandlung mit 17 fantastischen David-Bowie-Songs aus vier Jahrzehnten zu einem außergewöhnlichen Theaterabend. Neben bekannten Hits des mutigsten aller Rockstars finden sich auch einige eigens komponierte Stücke und unbekanntere experimentelle Rocksongs in „Lazarus“.

Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Christoph Rothenbuchner, Katharina Klar und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Der besondere Reiz an der musikalischen Arbeit mit den Schauspielerinnen und Schauspielern ist die Annäherung an die Musik Bowies aus ihrer Rolle im Stück heraus: So imitieren wir nicht den Gesang oder die Gestik Bowies, sondern finden einen theatralen Zugang zum Œuvre von David Robert Jones“, so der musikalische Leiter Bernhard Neumaier.

Volkstheater-Intendantin Anna Badora: „Wir alle am Haus freuen uns, dass wir dieses beeindruckende Musical, das auf der ganzen Welt große Erfolge feiert, als Österreichische Erstaufführung zeigen dürfen. Insbesondere können wir der Stadt mit diesem Musical unser talentiertes Ensemble von einer zusätzlichen Seite präsentieren. Es war der ausdrückliche Wunsch des Verlags, dass „Lazarus“ an einem Schauspielhaus und nicht an einem Musiktheater aufgeführt wird. Und mit Miloš Lolić haben wir einen Regisseur gefunden, der große Musikalität und einen guten Regiezugriff auf moderne Texte hat.“

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27. 3. 2018

Kasino des Burgtheaters: Party Time

Februar 4, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie Mitglieder im exklusivsten Mörderclub der Welt

Daniel Jesch, Mavie Hörbiger, Alexandra Henkel, Stefanie Dvorak, Philipp Hauß, Marcus Kiepe, Elisabeth Augustin und Michael Masula. Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Daniel Jesch, Mavie Hörbiger, Alexandra Henkel, Stefanie Dvorak, Philipp Hauß, Marcus Kiepe, Elisabeth Augustin und Michael Masula. Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Es ist eigentlich ganz einfach. Der Technobeat muss nur mehr Dezibel haben als das Geschützfeuer. Klingt ja beides irgendwie gleich. Die Gespräche müssen immer schön an der Oberfläche bleiben, besser Mist aus dem Mund, als den tiefer liegenden Dreck aufwühlen. Und die Performance. Ganz wichtig. Stil, Eleganz, Grazie, Geschmack – wie Liz sagt. Da sind aber schon alle dabei sich auszuziehen und auszukotzen und auszugreifen. Endlich Stimmung! Endzeitstimmung.

Regisseur Miloš Lolić hat im Kasino des Burgtheaters Harold Pinters „Party Time“ inszeniert. Lolić ist gebürtiger Belgrader. Als die Jugoslawienkriege begannen und Pinters grausliche Groteske im Londoner Almeida Theatre uraufgeführt wurde, war er nicht einmal noch richtig Teenager. Den Herzschlag seiner Stadt, die dröhnenden Bässe der Nato-Bombeneinschläge, hat er aber nicht vergessen. Und nun in seine Arbeit eingearbeitet. Könnte man sagen.

Weil man manches sagen könnte. Mr. Literaturnobelpreisträger, der alte Enigmatiker, lässt sich nicht in die Karten schauen. Sein Stück ist ein Interpretations-Spielraum. Den das Ensemble großartig nutzt, im Sinne von: Expect the Unexpected! Lolićs Debüt am Haus ist voll aufgegangen, er macht Poesie mit Bums, er setzt auf Effekt und legt genau durch dieses vordergründige Verdecken die Schärfe seiner Pinter-Deutung frei. Er führt die Schauspieler so nah an die Unsinnigkeit, dass die Beklemmung, das Unbehagen, der Wahnwitz ihrer Figuren immer glaubhaft bleiben.

Zu acht, Philipp Hauß, Michael Masula, Mavie Hörbiger, Elisabeth Augustin, Stefanie Dvorak, Alexandra Henkel, Daniel Jesch und Marcus Kiepe, zeigen sie eine High Society bei einer Rooftop Party. Dieses Dach der Schönen und Reichen, es ist nur eine kleine Hebebühne. Man muss strampeln und drängen, um seinen Platz darauf zu verteidigen. Ja, es gehört etwas dazu, sich oben zu halten, vor allem, die anderen nach unten zu treten. Ist doch klar. Wo Wohlstand, da auch irgendwo Armut. Wo Demokratie, da auch irgendwo Diktatur. Und gegen den Hunger in der Welt helfen am besten Charityessen. Das nennt sich Balance halten. Oder Geschäfte machen. Der Rücken derer, auf die man dabei steigt, muss nur gebeugt genug sein. Bevor die Show beginnt, muss diese Welt also erst zurechtgerückt werden, die Schauspieler bringen ihre Bühne in Position. Und los.

Smart herumstehen, Cocktails trinken, die Upper Class mit gut gefülltem Glas, Sex- und Politikgespräche, beides belangloser dirty talk, latente Homoerotik und SM-Fantasien, Geschwister- und ödipale Liebe. Sie sind eindeutig neues und altes Geld. Ein wenig wie Buñuels Bourgeoisie. Die Elite Europas. Geld macht Politik. Sie könnten in New York, Moskau oder Pjöngjang genauso leben. Sie sind die Monopolyspieler der internationalen Finanzmärkte, die Instagram-It-Girls, die durch Geburt Bevorzugten. Ein exklusiver Club, und um die heißbegehrte Mitgliedschaft in einem solchen – Sie wissen: Tennis, Golf, Swimmingpool, Bar – drehen sich auch die intensivsten Diskussionen. Doch auf den Straßen ist irgendetwas los. Hubschrauber fliegen, Hunde bellen. Und Pinter lässt offen, ob die Mörder drinnen oder draußen sind. Ist Revolution oder Putschversuch oder wird die Opposition ausradiert? „Eine Razzia“, erklärt „Gavin“ Michael Masula ganz Grand­sei­g­neur. Brüssel Molenbeek? „Einen gusseisernen Frieden. Keine undichten Stellen“, verlangt Jeschs Fred. Der Mann ist Gefahr, spürt man. Und dann die Frage: „Was ist eigentlich mit Jimmy passiert?“ Der kommt, wie ein Gespenst aus einem Foltergefängnis, und schießt auf das Establishment und wird von ihm erdrosselt und am Ende …

Lolić lässt Pinters 26-Seiten-Drama drei Mal spielen. Mit jeweils anderem Ausgang. Er dekonstruiert Situation und Text, präsentiert schließlich nur noch deren Eingeweide. Die dafür auf dem Silbertablett. Runde zwei ist bereits hektischer und heftiger. Die Klasse, die einander und nur einander beispringt, verliert ebendiese. „Ich bin’s doch nicht allein, die sich für unglaublich wichtig hält?“, ist Dvoraks Liz bange Frage. Die Verbalgewalt und die Mordgedanken nehmen zu, der gepflegte Ennui wird hysterische Heiterkeit. Psychosen entkleiden sich wie die Darsteller. Der Firnis der Zivilisation ist sowieso nur ein dünnes Designerfähnchen, also fliegt der Leoprint neben das Plastikrosé, und gezogene Gürtel kann man nun zur Selbstgeiselung nutzen. Der Podestplatz wird kleiner, die Promillezahl steigt. Es wird Trauer getragen, um einen geliebten alten Club, der aber geschlossen wurde. Nun will man rigoroser und fundamentaler sein. Augen zu, Gewehre über. Das Publikum wird angeklagt, warum es nicht mitmacht. Das ist so zynisch, so zum Lachen, eben Pinter aufs beste gespielt. Die Gesellschaft hat sich geschlossen. Aber Jimmy ist diesmal schon da, Christoph Radakovits, krank und verschmiert, und es wird ihm an den Kragen gehen. „Das Herumgewurschtel muss aufhören“, wird verlangt.

Und Runde drei. Sprache nur noch rudimentär. Der Text ist knapp, das Textil auch. Wort- folgen auf Patronenhülsen. Mittels Poledance geht’s in den Bunker unter der Hebebühne. Auf Eskalation und Orgie folgt Agonie. Die Menschen werden ein in sich verschlungenes Vampirnest, die Darsteller entäußern sich ein letztes Mal in einer ausgeklügelten Choreografie. Alles geht nun kurz und rasch, der kleine und der endgültige Tod. Er ereilt diesmal … Mavie Hörbiger gelingt es in dieser amorphen Masse von Leibern am eindringlichsten ihrer Figur von Wiederholung zu Wiederholung mehr Kontur, eine immer andere Nuance, zu geben. Sie ist Jimmys Schwester. Die einzige unbeirrt Suchende. Goldregen geht nieder. Die Kratzwürmer kriecht davon. Als könnte man sie so leicht loswerden. „Alles, was wir verlangen, ist, dass die öffentlichen Dienste dieses Landes ihren sicheren und geregelten Gang gehen, und dass der brave Bürger seiner Arbeit und seiner Freizeit ungestört nachgehen darf“, sagt Gavin. Er klingt wie ein Echo. Ein nicht und nicht ersterbendes Echo. Lolić macht klar, wo diese „Party Time“ stattfindet. Eine sehenswerte Produktion, so zwischen Akademiker- und Opernball.

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Wie, 4. 2. 2016