Wiener Festwochen: Orest in Mossul

Juni 8, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater aus der Todeszone

Bild: © Michiel Devijver

Von „Breiviks Erklärung“ bis „Kongo Tribunal“, von Ceausescus Rumänien bis zum Völkermord in Ruanda – der Schweizer Theatermacher Milo Rau ist einer, der den Finger in die Wunden dieser Welt legt, und dies nicht in der geschützten Werkstätte eines Stadttheaters, sondern vor Ort, mitten im Krisengebiet. Wobei Rau ein solches zur Verfügung steht, das Nationaltheater Gent, dessen Leiter er ist, und mit dessen Ensemble er das sogenannte „Genter Manifest“ veröffentlicht hat.

Erster Satz: „Es geht nicht mehr nur darum, die Welt darzustellen. Es geht darum, sie zu verändern.“ Oberste Maxime: Mindestens eine Produktion pro Jahr in einer Gefahrenzone zu erarbeiten – „wörtliche Adaption verboten“. In Wien, wo Raus Arbeiten bisher selten zu sehen waren, präsentiert er nun im MuseumsQuartier seine jüngste, „Orest in Mossul“, für die das NTGent vergangenen Winter in den Irak reiste. Mossul, nördlich von Bagdad, nach diesem die zweitgrößte Stadt des Landes, 2014 vom Islamischen Staat eingenommen, drei Jahre später von irakischen Streitkräften zurückerobert, liegt in Trümmern. Auch durch die Bombardements der britischen und amerikanischen Verbündeten. Der IS ist zwar vertrieben, aber keineswegs komplett besiegt.

In diese Ausgangssituation stellte Rau nun „Die Orestie“ des Aischylos, gespielt von flämischen, deutschen und irakischen Schauspielern, für letztere das Ganze mit einem Workshop verbunden, sie sind nun via Video als Chor zu sehen. Die Aufnahmen wurden in der zerstörten Kunstakademie von Mossul gedreht. Mit der Produktion durch Europa zu touren wird den Irakern nicht gestattet, Behörden befürchten Asylanträge.

Rau liebt das symbolisch Bedeutungsschwangere, hier ist es Mossul gleich Mykene, die endlose Reihe von Gewalt und Rache und Gegengewalt im Geschlecht der Atriden gleich der Lage der Menschen in Mossul. Doch während in der antiken Tragödientrilogie Pallas Athene den Mörder Orest freispricht, durch quasi Einführung der Demokratie dessen Taten tilgt – und auch noch die Erinyen zu Eumeniden besänftigt -, muss die Bevölkerung Mossuls die Waagschalen von Vergebung und Vergeltung ohne göttlichen Richtspruch austarieren. Und ist, um dies gleich vorwegzunehmen, zum Verzeihen nicht bereit. Am Schluss der Aufführung steht ein Weder-Noch: Nicht töten, aber auch nicht von der Schuld lossprechen. Da braucht’s nicht lang nachzudenken, wieviel Konfliktpotenzial das birgt.

Bild: © Michiel Devijver

Bild: © Michiel Devijver

Was Rau an der „Orestie“ interessiert, die Einführung eines modernen Rechtssystems, ein Ende der blutigen Abwärtsspirale durch einen Prozess, der eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft erlaubt, findet in der Realität nicht statt. Die Darstellerin der Athene, Khitam Idress, und ihre Familie waren direkt vom IS-Terror betroffen, so gibt sie bei der Abstimmung zwar wie vorgeschrieben Orest ihre Stimme, nicht aber gefangengenommenen Kämpfern des Kalifats. Derart spiegelt Rau jede Szene, lässt Filmsequenzen von Moscheeruinen und menschlichen Überresten auf Schutthalden mit auf der Bühne Gespieltem reagieren und umgekehrt. Die Ankunft von Agamemnon und Kassandra, Johan Leysen und Susana AbdulMajid, ist als Live-Video zu sehen, ein Begrüßungsmahl mit zunehmend gereiztem Smalltalk. Elsie de Brauw gestaltet die Klytaimnestra mit hoher Intensität und einer Anspannung, die sich elektrisierend auf den Zuschauer überträgt.

Dann wieder fällt Rau vom Künstlerischen ins Brisant-Politische. Nach dem Bild eines Hochhauses von dessen Dach der IS Homosexuelle in den Tod stürzte, zeigt er Orest und Pylades, Duraid Abbas Ghaieb und Risto Kübar, als schwules, sich küssendes Paar – keine ganz neue Idee, die hatte weiland schon Pasolini, und in der Halle E nicht der Rede wert, in Mossul hingegen ein lebensgefährlicher Protestakt und von Athene natürlich als „haram“ verteufelt. Auch die als Reenactment vorgeführten Hinrichtungen können in diese Kategorie eingeordnet werden.

Eine Neudeutung der „Orestie“ darf man sich von Milo Rau nicht erwarten, was „Orest in Mossul“ auslösen will, ist Betroffenheit. Und über diese ein weiteres Nachdenken. Das gelingt perfekt. Wenn einer der Darsteller sagt, laut Aischylos habe man aus dem Leiden zu lernen, die Frage sei nur: Was?, dann lässt einem dieser er/lösungsfreie Satz kaum Luft zum Atmen. Im Wissen, dass das Drama hier ja Wirklichkeit ist, und ein antiker Familienfluch ganz nah an einer heutigen Kriegsbiografie.

Video: www.youtube.com/watch?v=YzJlCzvLpII

www.festwochen.at

7. 6. 2019

Volkstheater: Zwei zusätzliche Produktionen

Januar 17, 2018 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Der neue Zeitplan zur Generalsanierung macht’s möglich

Anja Herden spielt Milo Raus Theatertext „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“: Bild: © Götz Schrage / Volkstheater

Zwei zusätzliche Neuproduktionen ergänzen das Repertoire im Volkstheater: Am 8. März hat die Österreichische Erstaufführung von Milo Raus Theatertext „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ im Volx/Margareten Premiere. Anja Herden verkörpert beide Rollen des Doppel-Monologs: die der Frau mit schwarzer und die mit weißer Hautfarbe.

Der Schweizer Theatermacher, Autor und Aktivist Milo Rau schrieb das Stück auf der Grundlage von Interviews mit NGO-Mitarbeitern, Geistlichen und Kriegsopfern in Afrika und Europa. Regie führt der diesjährige Max-Reinhardt-Seminar-Absolvent Alexandru Weinberger-Bara. Im Haupthaus bereichert eine Komödie den Spielplan: Am 11. April findet die Premiere von Peter Shaffers „Komödie im Dunkeln“ statt. Thomas Frank spielt in der rasanten Verwicklungskomödie die Rolle des jungen Bildhauers Brindlsey Miller, der zu einem Trick greift, um Karriere und Liebesbeziehung zugleich auf die Sprünge zu helfen.

Um Eindruck bei seiner Einladung eines reichen russischen Kunstmäzens und seinem Schwiegervater in spe zu schinden, will er kurzerhand einige stilvolle Möbelstücke aus der Wohnung seines Nachbarn entwenden. Doch dann taucht ein Stromausfall das komplette Haus ins Dunkle und das Chaos nimmt seinen Lauf … Regie führt Christian Brey, der bereits an großen deutschsprachigen Häusern inszenierte und von 2009 bis 2011 zum Team der Late-Night-Show von Harald Schmidt gehörte.

„Da wir aufgrund des neuen Zeitplans der Generalsanierung das Haupthaus doch bis Ende der Spielzeit zu Verfügung haben, ist die ,Komödie‘ eine sinnvolle Ergänzung im Spielplan“, kommentiert Volkstheater-Intendantin Anna Badora. „Unser Ensemble freut sich schon auf dieses rasante Stück. Und mit ,Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs‘ verfolgen wir unsere traditionsreiche Kooperation mit dem Max Reinhardt Seminar weiter.“

www.volkstheater.at

17. 1. 2018

Wiener Festwochen – Agora: Robert Misik im Gespräch

Mai 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine theatralische Debatte als Demokratieermächtigung

Robert Misik lädt zur politischen Diskussion. Bild: Helena Wimmer

Journalist Robert Misik und Theatermacher Milo Rau kreieren ab 29. Mai im Schauspielhaus Wien eine „Agora“, in der das Publikum mit Sachverständigen und Ensemble Themen zur Zeit debattiert. In Misiks Performance-Serie wird die Agenda vom Publikum mitbestimmt: Tagesaktuelles steht neben Weltpolitischem, und analog zu einem realen Parlament herrschen klare Regeln – ein Eröffnungsredner umreißt zunächst die Fragestellung der Veranstaltung.

Ein Präsidium wacht über den Stil der Diskussion, und sind schließlich die Argumente in der Agora ausgetauscht, schreitet man zur Abstimmung. In diesem Forum steht die konstruktive Debatte gegen den verrohten Diskurs, das Schauspielhaus wird zum Labor einer gelebten Staatsbürger-Demokratie. Robert Misik im Gespräch:

MM: Typische Einstiegsfrage: Wie kam’s zu der Idee von „Agora“, was wollen Sie uns damit sagen, wie kam es zur Zusammenarbeit mit Milo Rau?

Robert Misik: Das hängt alles zusammen. Milo Rau kenne ich seit vielen Jahren, wir haben erstmals bei „Hate Radio“ in Wien gemeinsam diskutiert, haben uns dabei befreundet und einige Projekte gemeinsam gemacht, etwa auch „Breiviks Erklärung“ und die „Zürcher Prozesse“. Ziemlich zeitgleich ist mir die Idee in den Kopf geschossen, ein Demokratieexperiment „Agora“ zu machen. Das Schauspielhaus Wien hat mich dann gefragt, ob ich eine Diskursgeschichte machen möchte, ich sagte, eine reine Podiumsdiskussion interessiert mich aber nicht, und so wurde aus meiner Überlegung Wirklichkeit. „Agora“ ist mehr als Diskussion, es ist experimenteller und ich hoffe sehr auch spannend. 

MM: Sie bespielen nun sieben Abende.

Misik: Ja, damit Aufwand und Ergebnis in einem Verhältnis stehen. Und Milo ist konzeptioneller Input-Geber.

MM: Was ist nun der Unterschied zu einer klassischen Podiumsdiskussion? Denn es gibt doch ein Podium und ein Publikum, das mit diesem in Diskussion treten soll.

Misik: Tatsächlich ist es von der Konstruktion her so, es hat aber auch theatralische Elemente. Es gibt einen Eingangsblock, in dem Schauspieler mit Texten die Thematiken aufreißen, der wird „gespielt“. Dann gibt es einen Inputredner/Rednerin, die sollen quasi das Gespräch in Gang bringen – und dann ist im Wesentlichen das Publikum dran. Wichtig ist, dass wir eine Regelhaftigkeit des Sprechens einführen. 

MM: Heißt?

Misik: Damit das Dreschen von Phrasen gar nicht erst aufkommt, damit man keine Aggressionsdiskurse hat wie in einer Talkshow oder im Parlament, wird es einen Coach, einen Mediator geben. Das ist August Ruhs, Wiens oberintellektueller Psychoanalytiker … 

MM: Also gleich die seelische Ebene mitbedacht …

Misik: Natürlich, wobei, ich würd’s gar nicht seelisch nennen, aber jemand der weiß, wie Psychodynamiken funktionieren und wie man sie an mancher Stelle brechen oder irritieren kann, ist für so ein Projekt sicher gut. Alleine der Umstand, dass er da ist und diese Rolle einnimmt, wird die Leute überzeugen, dass er steuernd eingreift. Er ist sozusagen unser Parlamentspräsident. Dann geht es um die Bürger dieser „Agora“, die eingeladen sind, sich vorbereitend einzubringen, alles rund um die Fragestellung: In welchem Land wollen wir leben? Nicht nur jammern, was einem nicht gefällt, sondern eine klare Meinung zur Lage der Nation zu treffen. 

Bild: pixabay.com

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MM: Ich bin sehr gespannt, wie das funktionieren wird, denn die Menschen wollen doch eher konsumieren denn agieren. Das betrifft das Theater ebenso, wie die Politik.

Misik: Das werden wir einmal sehen! Es ist ja völlig klar, wie das Format funktioniert, das wird auf der Festwochen- und Schauspielhaus-Webseite, auf meinem Blog misik.at klargemacht. Es wird im Foyer eine kurze Einführung in den Abend geben, sie werden beim Eingang einen kurzen Beipackzettel bekommen, also glaube ich nicht, dass die Leute nur um konsumieren kommen. Es wird sicher ein nicht unwesentlicher Teil des Publikums dabei sein, um zu sprechen. Ich gebe aber zu, jeder der sieben Abende ist eine spontane Installation, bei der man nicht weiß, was rauskommt.

MM: Darüber hinaus gibt es die Gäste.

Misik: Die Gäste sind so etwas wie die Helfer dieses Diskurses, sie sollen Wissen vermitteln, wenn die Diskussion in eine Richtung geht, wo man eine prononcierte Meinung braucht, um das Gespräch nicht ins Ungefähre abdriften zu lassen.

 MM: Sie haben jeden Abend andere Gäste. Um wen haben Sie sehr gerungen, dass er kommt und spricht?

Misik: Ich ringe um jeden. Jeder und jede einzelne sind mir wichtig. Philipp Blom, Katia Wagner, Melisa Erkurt, Hans Rauscher, Claudia Gamon, Ulrike Guerot, Johannes Kopf, Ingrid Felipe um nur einige zu nennen. Der Stefan Petzner wird an jedem Abend teilnehmen und das Geschehen aus der Perspektive des professionellen Politikberaters kommentieren. Ich ringe auch sehr darum, dass wir eine gewisse politische Breite haben, diejenigen, die noch nicht zugesagt haben, sind interessante Politiker der FPÖ, und damit meine ich nicht Gudenus oder Strache, von denen man weiß, was sie sagen, sondern Leute, wie den Welser Bürgermeister oder den Simmeringer Bezirksvorsteher, damit hier jemand mit anderem Standpunkt, aber durchaus ernsthafter Rede an unseren Abend teil nimmt, ansonsten kommen SPÖ-Gewerkschafter, der AMS-Chef Kopf, Politiker vom EU-Abgeordneten bis zum JVP-Mann.

 MM: Ein wenig, denke ich, begeben Sie sich in die Gefahr des politischen Kabaretts. Heißt: Wir unten und ihr oben sind eh einer Meinung, und der FPÖ muss klar sein, dass sie „Feindesland“ betritt.

Misik: Das ist eine große Herausforderung, das ist wahr. Wir wollen nicht nur mit der „linksliberalen Kunstblase“ diskutieren, wir wollen Menschen aus verschiedenen Milieus, wir haben auch einige Schulklassen, und junge Leute werden wohl auch anders agieren, als routinierte, innerstädtische Theatergeher mittleren Alters – gegen die ich bitte auch nichts habe, auch die mögen alle kommen! Ich will hier niemanden ausladen! Aber weil Sie das Wort „Feindesland“ benutzen: Ich will eigentlich, dass keiner meiner Gäste das Gefühl hat, Feindesland zu betreten. Das wäre ja einem Gespräch, wie wir es gerne hätten, total abträglich.

 MM: Nun ist „Agora“ das Format zur Stunde. Denn gerade bricht innenpolitisch Diverses um und weg. Wie beurteilen Sie die Ereignisse?

Misik: Alles ist im Fluss. Ehrlich gesagt, der Umstand, dass die Regierung zerbrochen ist und wir mitten in einem Wahlkampf sind, macht mir keine große Freude. Denn es besteht die Gefahr, dass alle Leute aus dieser Perspektive sprechen. Ich will nicht, dass unsere „Agora“ in eine Wahlkampfenergie hineingezogen wird, wo’s eigentlich einmal ums ruhige Sprechen und Austauschen ginge. Aber gut, schauen wir, wie sich das entfaltet. Vielleicht gibt die Situation unseren Veranstaltungen ja eine Dringlichkeit, weil ja doch die Möglichkeit besteht, dass sich dieses Land im Herbst eine konservativ-rechtspopulistische Regierung kriegt, die das Land ein bisschen in das Fahrwasser Orban-light führt. Da habe ich schon ganz klar die Haltung: Das muss man verhindern. Wir müssen die offene Gesellschaft gegen diese Politik verteidigen. Das ist aber meine Meinung, die ich bei „Agora“, wo ich ein relativ neutraler Gesprächsführer sein möchte, hintanhalten werde.

Bild: pixabay.com

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MM: „Agora“ ist eine Art Demokratieermächtigung. Ist es nicht das, was sein sollte, braucht es dafür ein Bühnenformat?

Misik: Umgekehrt muss man die Frage stellen. Gerade daran, dass es keine zufriedenstellende Demokratieermächtigung gibt, dass die Leute das Gefühl haben, sie kämen ohnedies nicht zu Wort, ihre Stimme am Wahltag wäre verschwendet, sie könnten keinen Einfluss nehmen, oder wie auch immer diese Haltungen sind, gerade deswegen ist eine experimentelle Form, es zu erproben, zu zeigen, dass wir es können, vielleicht ein Schritt in die richtige Richtung. Es ersetzt natürlich keine Demokratie. Es kann nicht der Theaterraum etwas bewirken, das in der gesamten Gesellschaft funktionieren soll. Aber, wenn wir gut rechnen, haben am Ende der Festwochen 1500 Menschen unsere Erfahrung mitgemacht. 

MM: Dieses Erlebnis: Ich habe eine Stimme?

Misik: Ja.

MM: Sie haben zuletzt mit und über Bundeskanzler Christian Kern ein Buch gemacht. Was erfährt man da?

Misik: Es ist ein politisches Porträt, keine Biografie. Das hätte ich auch übertrieben gefunden, denn er ist 50 und war nicht 30 Jahre im Widerstand oder im Exil. Wir zeichnen auf: Wo kommt er her, wie ist er geprägt? Wie war das als Arbeiterkind in Simmering? Wie hat er seinen Aufstieg geschafft? Wie ist er politisch sozialisiert worden? Und all dieses. Christian Kern hat ja, was die wenigsten wissen, in Simmering die Alternative Liste mitbegründet, das heißt er war Teil der Grünen-Gründung. Erst Günther Nenning hat ihn für die Sozialdemokratie zurückgewonnen. Ich bin sehr nah dran an all diesen Geschichten, durfte dabei sein, wo sich normalerweise für Journalisten die Türen schließen …

MM: Dann erzählen Sie mir doch etwas Atmosphärisches? Ich habe das Gefühl, Christian Kern ist aus Teflon.

Misik: Das kann man nicht sagen. Er ist ein sehr kontrollierter Mensch, aber auch sehr amüsant und selbstkritisch. Man kann mit ihm gut lachen. Ich war mit dabei, bei seiner Plan-A-Rede in Wels, und alle haben seine „Inszenierung“ bewundert, aber er hing nur müde im Sessel, lachte und sagte: Ich bin nur froh, dass ich das überlebt habe. Ich habe diese Bühne gesehen und mir gedacht, wie soll ich das machen? In solchen Momenten sieht man den Menschen hinter dem Staatsmann. Er macht gerne Witzchen und lächelt dabei charmant. Wir kennen einander seit 30 Jahren – und ich kann nur sagen: fast bubenhaft selbstironisch, (er denkt kurz nach) ja, so ist er. 

MM: Eine Frage, die mich selber umtreibt, die im Wahlkampf – wir kennen die Positionen – mutmaßlich eine Rolle spielen wird, vielleicht auch in den „Agora“-Diskussion: Wie tolerant muss gegenüber der Intoleranz sein?

Misik: Das kommt darauf an, welche Form der Intoleranz es ist. Eine, die tatsächlich anderen ein Leben aufzwingen will, das sie nicht leben wollen, da kann man überhaupt nicht tolerant sein. Wenn man sich aber die Frage stellt, wie organisiert man Gesellschaften, wie können wir sie zum Positiven entwickeln, auch wenn es regressive Haltungen gibt, da wird’s komplizierter, da braucht es biegsamere Verhaltensweisen. Es ist auch eine paternalistische Haltung zu sagen, ich bin so g’scheit und du bist so blöd, und diese Einstellung gewöhne ich dir jetzt ab. Es ist nicht so verlockend, Leute von ihren Ideen abzubringen, indem ich sie ihnen verbiete, und ihnen als Muss meine eigenen aufzwinge. Es wäre sehr viel besser, es mit den Verlockungen des besseren Arguments zu schaffen. Und: Man kann Kontrapositionen auch verhindern, indem man signalisiert: Du bist hier total akzeptiert!

Bild: pixabay.com

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MM: Wie groß ist es für jemanden wie Sie, die Versuchung, Überzeugungsarbeit zu leisten?

Misik: Da muss ich trennen. Mit „Agora“ gar nicht, hier will ich zeigen, dass Menschen unterschiedlicher Positionen ins Gespräch kommen können. Das schließt schon einmal aus, dass ich meine Grundhaltung in den Vordergrund dränge. Grundsätzlich, täglichen im Leben, will ich die Menschen natürlich von dem überzeugen, was ich für richtig halte.

misik.at

www.schauspielhaus.at

www.festwochen.at

Wien, 22. 5. 2017

Wiener Festwochen 2017: Jude Law spielt Theater

Februar 17, 2017 in Bühne, Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Tomas Zierhofer-Kin präsentiert sein erstes Programm

Ein Hollywoodstar spielt in Wien Theater: Jude Law wird in Ivo van Hoves Visconti-Adaption „Obsession“ auf der Bühne im MuseumsQuartier stehen. Bild: Jan Versweyveld

Donnerstag Vormittag präsentierte Tomas Zierhofer-Kin, neuer Intendant der Wiener Festwochen, gemeinsam mit Geschäftsführer Wolfgang Wais und Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny im magdas Hotel sein Programm für die erste Saison. Von 12. Mai bis 18. Juni will er die Stadt in einen „kulturellen Ausnahmezustand“ versetzten und mit neuen Ideen frischen Wind ins mehr als 65 Jahre alte Festival bringen.

„Das Neue braucht Freunde“, fiel Mailath-Pokorny dazu ein. Zierhofer-Kin, der Mann, der zuvor das Kremser donaufestival als Hort der Avantgarde etablierte, will auch diesmal auf „Hochglanz“ verzichten. Wobei das so nicht ganz stimmt, haben doch auch eine ganze Menge Theaterstars ihr Kommen angesagt. Auf die Frage einer Journalistin, ob er aufs Publikum über 40 verzichten wolle, konnte Zierhofer-Kin daher kontern, er wünsche sich, dass sich Stamm- und junges Publikum mischen, und die jeweils einen den anderen den Weg von Theatersaal zu Performanceraum, von der Sub- zur Hochkultur und retour zeigen.

Überhaupt ist Mitmachen, miteinander Machen eine Sache, die dieses Jahr groß geschrieben wird. „In einer Zeit, die sich tagtäglich albtraumhaft zum Negativen verändert, wollen wir einen anderen, ungewöhnlichen Blick auf die ,echte‘ Welt eröffnen“, so Zierhofer-Kin. „Wir verstehen Kunst als Tool zur Selbstermächtigung. Wir wollen das Publikum einbeziehen und ihm Raum zum Nachdenken eröffnen. Wir haben nämlich Vieles, nur einfache Antworten auf komplizierte Fragen haben wir nicht.“ Das „Viele“, so Wolfgang Wais ergänzend, wird mit einem Budget von 13 Millionen Euro finanziert, davon 10,5 Millionen Subventionen. Mit 40.000 Karten kommen etwas weniger als im Vorjahr in den Verkauf. „Das ist so“, so Wais, „weil viele Produktionen bei freiem Eintritt zu besuchen sind.“

Akademie des Verlernens und Performeum

Drei neue Programmschienen wird es heuer geben: Die Akademie des Verlernens knüpft an die Gründungszeit der Wiener Festwochen an. „Sie wird als ein Denkmodell entstehen, das sich ins restliche Programm integriert“, erklärt Zierhofer-Kin. Künstler, Aktivisten, Philosophen sind eingeladen, mit den Zuschauern (in kostenlosen Workshops) über den Zustand der Gesellschaft zu diskutieren. Literaturwissenschaftlerin Gayatri Chakravorty Spivak wird die Akademie mit ihrem Vortrag „What Time is it on the Clock of the World?“ im Rathaus eröffnen. Die Anti-Fascist Ballet School lädt zum gemeinsamen Tanzen in die Lugner City, bei Hamamness kann man sich von Badepersonal verwöhnen lassen, beim Simmeringer Frühschoppen bittet die Burschenschaft Hysteria zu Würstel, Bier und Politdiskussion. Ein Muss ist der Vortrag der Journalistin Carolin Emcke „Gegen den Hass“ am 19. Mai im MQ. Für ihr gleichnamiges Buch wurde Emcke 2016 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Mit dem Performeum wird auf einem ÖBB-Gelände nahe des Hauptbahnhofs ein temporäres Performancemuseum entstehen. „Wir wollen dort möglichst viele unterschiedliche Bereiche von Performance zeigen: Tanz, Klang, Installationen, Medienkunst …“, so Zierhofer Kin, der empfiehlt: „Am Wochenende morgens hingehen und bis zum Abend bleiben.“ Zwei der spannendsten Programmpunkte: Ben Pryors „House of Realness“, ein Ort für queeren ekstatischen Widerstand gegen eine Trump-Welt – für Zuschauer ab 18 Jahren, und „Nathi.Aha.Sasa“. Für diese Gruppenausstellung hat Kuratorin Zohra Opoku afrikanische Künstlerinnen, die in Europa weitgehend unbekannt sind, aufgefordert die Geschichte ihres Kontinents und „Herstory“ darzustellen. Hyperreality schließlich beschäftigt sich in vier Nächten mit elektronischer Musik.

Musiktheater: Jonathan Meese zeigt endlich seinen Parzifal

Die diesjährige Eröffnungsproduktion: „Ishvara“ des chinesischen Shootingstars Tianzhuo Chen. Bild: Zhang Yan

Musiktheater nach Mozarts „Entführung aus dem Serail“: Les Robots ne connaissent pas le Blues. Bild: Knut Klassen

Die Eröffnungsproduktion der Festwochen 2017 ist die Europa-Premiere von Ishvara. Der junge chinesische Künstler Tianzhuo Chen untersucht in seinem Opernhappening Geschichte und Religion, die menschliche Existenz und die spirituelle Ausbeutung in der modernen Welt. Dazu mischt er Buddha mit South Park, Hinduismus mit Popkultur – eine bildgewaltige, stark politische Performance, die einen visuellen und akustischen Sog entwickelt. Besonders freut sich Zierhofer-Kin, dass er nach der Absage von Bayreuth, Jonathan Meese gewinnen konnte, sein Parzifal-Projekt für Wien weiterzuentwickeln (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=20786).

Das hat der Kunstberserker nun mit Komponist Bernhard Lang, dem Klangforum Wien und dem Arnold Schoenberg Chor getan. Das Ergebnis dieses sehr kreativen Umgangs mit Wagner heißt Mondparsifal Alpha 1-8 (Erzmutterz der Abwehrz), eine Space Opera und laut Zierhofer-Kin „ziemlich gewaltig“. Mozarts „Türkenoper“ haben Monika Gintersdorfer und Benedikt von Peter zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit gemacht. Nach der „Entführung aus dem Serail“ zeigen sie mit Les Robots ne coinnaissent pas le Blues die Konfrontation zweier heterogener Kulturen.

Sprechtheater und mehr: Von Peter Brook und Ivo van Hove bis zu Romeo Castellucci

Peter Brook zeigt seine jüngste Arbeit „Battlefield“, eine Kurzversion seiner Inszenierung des Mahabharata. Bild: Caroline Moreau

Nach Jelineks „Schutzbefohlenen“ die neue Arbeit der „Schweigenden Mehrheit“: Traiskirchen. Das Musical. Bild: www.christianstangl.at

Mit den Zuständen der USA befassen sich zwei Produktionen: Romeo Castelluccis Arbeit Democracy in America beschäftigt sich mit der Gründung der Vereinigten Staaten als Utopieprojekt des kolonialistischen Europa und mit Alexis de Tocquevilles „De la démocratie en Amérique„. Es geht um Puritanismus, Populismus und die Tyrannei der Mehrheit.

Saint Genet zeigt in Promised Ends: The Slow Arrow of Sorrow and Madness die Migrationstragödie der Donner Party. 1846 waren 87 Siedler auf dem Weg in den Westen. Nachdem sie in der Sierra Nevada in einen Schneesturm geraten waren, passierten zwischen den Überlebenden unfassbare Gräueltaten. Saint Genet gehen der Frage nach, was passieren muss, damit eine Gesellschaft die Tabugrenzen niederreißt, und Kannibalismus an die Stelle von Empathie tritt.

Autor Mohammad Al Attar und Regisseur Omar Abusaada schildern im Drama Während ich warte den Syrienkrieg aus sehr persönlicher Sicht: In einem Krankenhaus liegt der junge Taim im Koma, doch sein Gehirn arbeitet und dokumentiert gesehene Szenen von Verzweiflung und Liebe, Aufbegehren und Ohnmacht. So wird sein Krankenzimmer zum Sinnbild für ein ganzes Land, das zwischen Leben und Tod schwebt.

Nach viel zu langer Absenz darf man sich endlich wieder auf eine Arbeit von Peter Brook freuen. Der Regiealtmeister hat dreißig Jahre nach seiner legendären Inszenierung des indischen Epos „Mahabharata“ eine Kurzfassung erstellt. Battlefield zeigt die apokalyptischen Auswirkungen des Krieges zwischen zwei Königsfamilien – wie immer mit großem spielerischem Ernst. Da verwandlen sich Schals in Flüsse und Leichentücher, und die Lebenden wie die Toten werden von Adlern und Würmern begleitet.

Nach der von Identitären gestörten Aufführung von Elfriede Jelineks „Schutzbefohlenen“, zeigt Die Schweigende Mehrheit im Volkstheater ihre jüngste Produktion: Traiskirchen. Das Musical. Tina Leisch und Bernhard Dechant haben erneut ihr Künstlerkollektiv aus Helfern und Hilfsbedürftigen zusammengetrommelt, um in einem verwegenen Spektakel die dringenden Fragen dieser Tage zu stellen. Ein Sittengemälde der Gesellschaft ist auch Die selbsternannte Aristokratie der Truppe La Fleur. Entlang der Romane und Erzählungen von Honoré de Balzac werden arme, ehrgeizige junge Menschen porträtiert, die Kontinente überqueren, um in den westlichen Metropolen ihr Glück zu versuchen. Zierhofer-Kin: „La Fleur geht es darum, zu zeigen, wie Menschen auf der Flucht Rollen annehmen, die ihnen zugeschrieben werden, und so in Muster verfallen, die ihnen gar nicht entsprechen.“ Regisseur Milo Rau, bekannt für seine künstlerischen Auseinandersetzungen mit Anders Breivik und Marc Dutroux, wird mit dem Journalisten und Blogger Robert Misik im Schauspielhaus Wien eine performative Agora kreieren, in der Publikum, Politiker, Experten und Ensemblemitglieder des Hauses gemeinsam diskutieren sollen. Die Agenda wird vom Publikum mitbestimmt, sei’s österreichisches Tagesgeschehen oder Weltpolitik.

Auch ein Hollywoodstar wird in Wien erwartet: Jude Law wird in Ivo van Hoves Visconti-Adaption Obsession in der Rolle des Gino auf der Bühne stehen. Mit „Ossessione“, der bahnbrechenden Verfilmung des Klassikers „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ von James M. Cain, gilt Luchino Visconti als Wegbereiter des italienischen Neorealisums. In kurzen Szenen, roh, poetisch und brutal, erzählt er die Geschichte von zwei Liebenden am Rande der Gesellschaft: Gino, einem attraktiven Herumtreiber, und Giovanna, einer jungen, unglücklichen Ehefrau eines Tankstellenbetreibers, die versucht, ihrem früheren, von Armut geprägten Leben zu entkommen. Zusammen entwerfen sie den Plan, Giovannas Mann zu töten …

Drei besondere Tipps von mottingers-meinung.at

Zum Mitmachen für Mutige: Haircuts by Children. Bild: John Lauener

Das australische Back to Back Theatre zeigt mit Lady Eats Apple die Vertreibung aus dem Paradies und den Aufbruch in eine unbekannte Welt. Die Schauspieler mit Down Syndrom erklären in einer aufblasbaren Skulptur die Schöpfung aus ihrer Sicht. Ein Mitmachen für Mutige ist die Performance Haircuts by Children, die genau das ist, wonach es klingt: Kinder werden von professionellen Friseuren in einem Crash-Kurs unterrichtet.

Dannach betreiben sie einen Frisiersalon und bieten einen kostenfreien Haarschnitt der besonderen Art. Die Übung: sich einem Kind anzuvertrauen und eine einmalige Erfahrung mit ihm zu teilen. Das kanadische Kollektiv Mammalian Diving Reflex wird nicht nur mit Wiener Kinder Grenzen durchbrechen, sondern auch mit sechs Wiener Seniorinnen und Senioren, Vertretern einer Großelterngeneration, die man in All the Sex I’ve Ever Had nach den Dingen fragen kann, die einem die Eltern nie erklärt haben.

Der Online-Kartenverkauf startet jetzt.

www.festwochen.at

Wien, 16. 2. 2017

Theater in der Josefstadt: Die Schüsse von Sarajevo

April 4, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Erwin Steinhauer und Julia Stemberger brillieren

als verzweifelt Liebende in Zeiten des Krieges

Erwin Steinhauer (Leo Pfeffer), Josef Ellers (Gavrilo Princip, in Handschellen), uniformierte Statisten Bild: © Sepp Gallauer

Erwin Steinhauer (Leo Pfeffer), Josef Ellers (Gavrilo Princip, in Handschellen), uniformierte Statisten
Bild: © Sepp Gallauer

Regisseur Herbert Föttinger lässt seinen Abend mit den Jugoslawienkriegen Ende des 20. Jahrhunderts beginnen. Zerfall, Tod, der Mensch lernt nicht aus der Geschichte. Mitten drin, aus der Zeit gefallen, Erwin Steinhauer als Leo Pfeffer, der einen Feldpostbrief an seine Geliebte Marija Begovic‘, Julia Stemberger, schreibt. Die Donaumonarchie hat sich am Untersuchungsrichter bitter gerächt, weil er nicht die gewünschten Geständnisse brachte. Das Ende ist der Anfang. Die Front.

Föttinger inszeniert (im Gefängnisbühnenbild von Walter Vogelweider, das gleichzeitig Wohnung und Büro ist) nüchtern, kühl, sachlich. Es geht auch nur um eine Sache: der serbischen Regierung die Täterschaft am Attentat auf das österreichische Thronfolgerpaar nachzuweisen. Das kann Pfeffer im juristischen Sinne aber nicht. Atemlos rasch werden ihm die Verdächtigen vorgeführt: Gavrilo Princip (Josef Ellers), Nedeljko Cabrinovic‘ (Alexander Absenger), Danilo Ilic‘ (Matthias Franz Stein), Kaffeehausrevoluzzer, Provokateure, drei „dumme Buben“, die man für die Kriegshetzerei verheizt hat. Ilic‘, der einzige Volljährige, der Lehrer, wird Glück gehabt haben, er wird durch Erhängen am Würgegalgen hingerichtet. Cabrinovic‘ und Princip, die minderjährigen Studenten, lässt man bei 20 Jahren schwerem Kerker bei lebendigem Leib verfaulen. Bei Princip stimmt das tatsächlich: ein abgetrennter, toter Unterarm wird ihm einfach mit Draht am Ellenbogen befestigt.

All das zeigt die Uraufführung „Die Schüsse von Sarajevo“ von Milan Dor und Stephan Lack nach Motiven des Romans „Der letzte Sonntag“ von Milo Dor nicht. Es sollte nur einmal festgehalten werden. Die Autoren zeigen die Überheblichkeit eines Systems, das sein eigenes Sterben noch nicht erkannt hat, Dilettantismus gepaart mit Brutalität. Iwasiuk, Polizeichef von Sarajevo, Toni Slama, lässt gern foltern. Mit ihm wiehern die Amtsschimmel Gerichtspräsident Chmielewski, Heribert Sasse, Franz Graf von Harrach, Adjutant des Thronfolgers, Alexander Strobele, und Außenministeriumsbeamter Wieser, Michael Schönborn. Ein Quartett des Grauens. Wie immer erweist sich die Josefstadt (mit dabei: Eva Mayer als Kellnerin, Peter Scholz als Chauffeur, David Jakob als Gerichtsschreiber) als ausgezeichnetes Ensembletheater. Auf der Seite der Guten eigentlich nur Siegfried Walther als Arzt Dr. Sattler, der als Figur mittelprächtig naiv eine fabelhafte Leistung abliefert.

Steinhauer gibt sich am Anfang noch süffisant, selbstgefällig, aufmüpfig. Meine Herren, so kann Gerechtigkeit doch nicht funktionieren. Gerechtigkeit? Den Verdächtigen gegenüber ist er streng, aber korrekt, verbietet sich blutige Köpfe und zerschlagene Rippen. Er ist ein moderner Profiler, der sich Gedanken notiert und überprüft, die Sätze der Aufwiegler über ein neues Jugoslawien, ihre politischen Ideen, mit Kreide an die Wand schreibt, bevor er sie als Jubeldepesche nach Wien schickt. Doch: Cherchez la femme! Seine Marija und vor allem ihr Sohn Miloš sind so unschuldig vielleicht nicht, heißt: so weit weg von den serbisch-nationalistischen Ideen. Stemberger lässt in grandiosen Szenen die Rebellin durchblitzen, die Österreich-Hasserin, eine geheimnisvolle Frau, motiviert durch die Verhaftung ihres Kindes. Ist sie anfangs noch neckisch-verliebt, überredet Pfeffer zum Liebesspiel, wofür er den Thronfolgerempfang sausen lässt, wird sie zunehmend verbittert und hart.

Das bringt Pfeffer/Steinhauer in Zugzwang. Und zu einer außerordentlichen schauspielerischen Leistung. Die Emotionen brechen durch. Der Pokerspieler sucht die Asse in seinen Ärmeln. In dieser neuen Welt muss man zu seinem eigenen Vorteil handeln. Und Pfeffer glaubt eine Möglichkeit zu finden. Man will ihn erpressen, einen abschließenden Bericht an den Kaiserhof zu unterzeichnen. Da wird er selbst zum Erpresser. Zu der Art Schurke, die er niemals werden wollte. Miloš wird freigelassen – und sofort eingezogen.

Die vorletzten Worte hat Gideon Singer als Rabbi: Es gibt keine ganze Wahrheit außer der des Todes. Die letzten Worte sind ein Brief von Marija: „Lieber Leo, komm‘ gesund aus dem Krieg zurück …“

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=c8uAR101ulA&feature=youtu.behttp://youtu.be/c8uAR101ulA

www.mottingers-meinung.at/erwin-steinhauer-im-gespraech

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Wien, 4. 4. 2014