National Theatre online: Frankenstein

Mai 3, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Benedict Cumberbatch brilliert als Monster wie Victor

Benedict Cumberbatch und Jonny Lee Miller spielen alternierend das Monster und dessen Schöpfer Victor Frankenstein. Bild: Clare Nicholson

Etwas wahrhaft Einmaliges bietet das Londoner National Theatre nun im kostenlosen Stream an: Mary Shelleys „Frankenstein“, für die Bühne adaptiert von Nick Dean, inszeniert vom als Filmemacher bekannten Danny Boyle – mit Superstar Benedict Cumberbatch und Boyles „Trainspotting“- Longtime-Companion Jonny Lee Miller in den Hauptrollen. Und dies alternierend! Zu sehen bis 8. Mai auf ntlive.nationaltheatre.org.uk.

Die Inszenierung ist mit einem Wort brillant. Boyle und Dean konzentrieren sich auf das Opfer der Wissenschaft, heißt: das „Monster“, erst nach mehr als der Hälfte der zweistündigen Spielzeit hat Victor Frankenstein seinen Auftritt, und entstanden ist so ein intensiver, intelligenter, von humanistischem Denken durchtränkter Abend. Eigentlich zwei, denn es lohnt, beide Versionen anzuschauen, da beide Darsteller doch differente Auffassungen der Schöpfung und ihres obsessiven Schöpfers verkörpern. Ihre Performances zu vergleichen, ist ein unvergleichliches Theatervergnügen.

Durch die schauspielerische Dopplung wird die Charakterspiegelung umso deutlicher, wird einer umso deutlicher des anderen Alter Ego, sehr heutig mutet diese Furcht vor dem Fremden und dem Unverständlichen an, auf das ergo Jagd gemacht werden muss, aber auch Mary Shelleys Aufbegehren gegen ungerechte sozial-gesellschaftliche Strukturen findet seinen modernen Widerhall. Wer jedoch, to cut a long story short, nur für eine Aufführung Zeit findet, sollte Miller als Kreatur und Cumberbatch als Victor wählen.

Das Setting, das Ausstatter Mark Tildesley und Lichtdesigner Bruno Poet, nomen est omen, entworfen haben, ist atemberaubend. Unterm rotglimmenden und elektrische Blitze aussendenden Sternenzelt wird unter Schmerzen die Kreatur geboren, als künstliche Gebärmutter steht eine riesige Hautmembran auf der blutig beleuchteten Bühne, darin pulst und bewegt es sich, bis es herausfällt – das Neugeborene, ecce homo, nackt und erbarmungswürdig, zappelnd wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Und der Schöpfer? Kein liebevoller Vater, sondern einer, der’s mit der Angst kriegt und seinen Schutzbefohlenen verstößt, direkt vor die Eisenbahn, auf deren dampfender Lokomotive Danny Boyles liebste Brit-Band Underworld, Karl Hyde und Rick Smith, nun angebraust kommt, als wär‘ das Industriezeitalter aller Laster Anfang. Mit „Dawn of Eden“ (www.youtube.com/watch?v=LLbbWlTgS4w) untermalt diese musikalisch, wie die Kreatur aufsteht, herumstolpert, sich an der Natur erfreut und ihr ausgeliefert ist, der eigenen wie Spatzenschwarm und Regenguss, verprügelt und halb verhungert, bis sie ein Buch findet, 〈Mary Shelleys?〉, und kichernd die Seiten rascheln lässt.

Miller wie Cumberbatch leisten körperliche Schwerstarbeit, die Performance aus sabberndem Grunzen und spastischen Gesten im Bildschirm-Closeup in ihren feinsten Nuancen zu würdigen, sehr symbolisch ist, was passiert – und in cineastischem Sinne sinnlich. Cumberbatchs Kreatur besitzt Humor wie Pathos: Sein Eintritt in die Welt ist ein hilfloses Hineinwackeln ins Land kindlicher Neugier; unter De Laceys Fittichen wird er zum Schüler – Karl Johnsohn auch als verarmter, vom Großbürger zum Altbauern gewordener Blinder ein King Lear.

Und wunderbar tragikomisch ist, wie der Lehrmeister seines Pflegesohns „Piss off! Bugger off!- denn etwas anderes hatte der zuvor nie gehört -Wortschatz erweitert. „Someone will love you, whoever you are. Love can overcome prejudice“, sagt De Lacey, der des Monsters Zurichtung freilich nur ertasten kann, und dieses erwidert erstaunt: „What is love?“ Da hat das Live-Publikum gut lachen, bei den Dialogen zwischen dem zaghaften Erkunder seiner Existenz und dem Philosophen, der weniger an Gott, denn an Verstand und Vernunft glaubt.

Benedict Cumberbatch und Haydon Downing. Bild: Catherine Ashmore

Benedict Cumberbatch und Jonny Lee Miller. Bild: Catherine Ashmore

Naomie Harris und Benedict Cumberbatch. Bild: Catherine Ashmore

Episch ist’s, wie Cumberbatch John Miltons „Paradise Lost“ rezitiert, und ergreifend, wie er die Friedhofserde als seinen Ursprungsort erkennt, entsetzlich, als er empört über seine neuerliche Vertreibung durch De Laceys Sohn Keusche samt Bewohnern niederbrennt. „I sweep to my revenge,“ diesen Satz schreit auch Jonny Lee Miller, doch seine Kreatur ist ungleich animalischer, auf eine gewisse Art männlicher, also gefährlicher, die Stimme rauer, tiefer, lauter, also aggressiver. Dass das Monster an Ella Smiths „Gretel‘s“ Schoß schnüffelt, hatte man bei Cumberbatch gar nicht bemerkt, auch nicht, dass es der Dirne den Schnaps aus der Hand nimmt, trinkt, spuckt.

Und auch die Tanzillusion von Andreea Paduraru als Female Creature wird durch Millers Reaktion zum eindeutig sexuell konnotierten Traum. Dazu passt nun neckisch De Laceys „Was it a good dream?“ – „It was pleasing!“, doch grauenhaft klar wird erst bei diesem zweiten Mal Sehen, dass Eva hier bereits ihr Ende andeutet. Wirkt Cumberbatch wie ein naiv Wissbegieriger, so Miller als ein verzweifelt Suchender, wo der eine schüchtern nachhakt, muss der andere vehement widersprechen. Mit Miller mutet die Inszenierung insgesamt gewalttätiger an, gegen Miller ist das Cumberbatch-Monster ein Elegiebürscherl, welch ein Paradebeispiel dafür, wie ein Protagonist das große Ganze prägt.

Wenn Millers Monster Frankensteins kleinen Bruder William auf seine Schultern hebt, bangt man in der Minute um dessen Leben. Bei Cumberbatch gehört die Schuld dafür, da ja zum Mord getrieben, letztlich Victor. Und als die Kreatur Victors Braut vergewaltigt, bevor sie sie tötet, ist es, als würde sie lediglich die dunklen, unterdrückten Wünsche ihres Schöpfers erfüllen. Jonny Lee Miller ist ein obsessiv-eisiger Wissenschaftler, der sein Werk vor die Liebe stellt, denn auch er kennt deren wahre Bedeutung nicht, sein Frankenstein ganz Herrenmensch, selbstgerecht und frauenverachtend, nur George Harris als sein Vater ist noch herrischer als er.

Nach der Panik in der Anfangssequenz platzt er nun vor Stolz auf sein großes Experiment, dies Ausdruck seines großen Geistes, und wird von Cumberbatchs Kreatur darob als „genius“ verspottet. Auf Millers überraschtes „It speaks!“ schleudert diese ihm ihre tiefe Verachtung entgegen – warum sie gemacht wurde? „To prove that I could!“ – „So you make sport with my life?“ – „In the cause of science!“ Und wieder Paradise Lost, und Cumberbatch sagt: „God was proud of Adam, but it’s Satan I sympathize with.“ Wie aus der natürlichen Veranlagung zum Guten durch gesellschaftliche Deformation Böses entsteht, wow! Nick Dean!

Der in der Figur von Frankensteins Dauerverlobter Elizabeth auch Mary Shelleys feministischer Kritik an der männlichen Usurpation des Gottesbegriffs zu ihrem Recht verhilft. Millers Frankenstein, der Egomane mit dem Gottkomplex, wird also in dieser Auseinandersetzung dank des Monsters Logik an die Wand argumentiert, die Szene das Herzstück der Aufführung, da begegnen sich zwei Ebenbürtige auf Augenhöhe, sowohl was die Charaktere als auch deren Darsteller betrifft. Und über allem steht Danny Boyles Frage zu Deans von Glaubensfragen durchzogenem Text – nämlich, wer das Monster ist, wer abstoßend, wer ekelerregend.

Beider Hybris ist herausragend, was Wunder, dass sie einen Pakt schließen, was Wunder, dass einer des anderen darling – und beide Male ist sie Frankensteins Braut – killen wird. Mary Shelleys zweiten Romantitel „The Modern Prometheus“ bedient Cumberbatch, indem er aus diesem eine Lord-Byron’sche Figur macht. Sein Frankenstein ist ein nobleman mit jungenhaftem Charme, gleichzeitig ein in sich und seine wissenschaftlichen Theorien versponnener Forscher, subtiler im Gift und Galle Spucken, enthusiasmiert und hibbelig, sobald das neue Projekt der Leichenteil-Braut ansteht.

Benedict Cumberbatch. Bild: Catherine Ashmore

Naomie Harris und Jonny Lee Miller. Bild: Catherine Ashmore

Karl Johnson und Cumberbatch. Bild: Catherine Ashmore

Underworld mit Ensemble. Bild: Catherine Ashmore

In beiden Rollen verhalten sich die Proportionen Millers zu Cumberbatchs wie eine archaische Religion zur reformierten Kirche, ist Millers Monster verstörender und einen emotional angreifender, so Cumberbatchs Frankenstein ein Künstler. Schock und Spaß sitzen nun an anderer Stelle, die Schlüsselszene ist jetzt die Präsentation der weiblichen Kreatur, ob der der grüblerische Schöpfergott und sein entfesselter Satan rasch zu Rivalen im Wettstreit ums ewige Weib werden.

Der Januskopf im Auge-um-Auge-Kampf, da hat auch Cumberbatchs „Mein Herz schlägt wie deines“-Griff an Elizabeths Busen nichts Harmloses mehr, weil sich Miller danach in den Schritt greift. The Erbsünde-apple is eaten, um’s Denglisch zu formulieren, he will harm her, und fabelhaft ist, wie sich die Mit- auf vier verschiedene Hauptakteure eingelassen haben. Allen voran Naomie Harris als Elizabeth, die dem Monster als gute Christin mit Mitgefühl begegnet und dafür dessen Rechnung mit Frankenstein bezahlt, ihre Schändung zweifellos der affektive Höhepunkt in deren Ringen, sein zu wollen, wer man ist und wer einen daran hindert.

Harris verleiht Elizabeth große Tiefe und harmoniert mit Miller wie Cumberbatch hervorragend, keineswegs unterwürfig konfrontiert sie ihren Endlich!-Ehemann mit der Klage, warum er ein künstliches Kind, statt eines so sehnlich gewünschten mit ihr erschaffen hat, eine Szene voll aufgestauten Leids und Leidenschaften. Den düsteren leeren Raum mit seiner ahnungsvollen Atmosphäre durchbricht Boyle mit kleinen skurrilen Momenten, wie’s nur die Briten können.

Mark Armstrong als Rab und John Stahl als dessen Onkel Ewan sind kauzige Grabräuber, die beim Buddeln unbeschwert in originellem Orcadian-Dialekt schwatzen, darin Hamlets Totengräbern nicht unähnlich, ebenso wie Ella Smith sowohl als des Monsters Prostituierte Gretel als auch als Frankensteins Bedienstete Clarice eine Falstaff-Frau ist. Hayden Downing ist als William Typ wohlerzogener Spitzbub.

Fazit: Cumberbatch und Miller brillieren in allen Facetten von Wahnsinn, ist des ersteren Kreatur ein sensibler Intellektueller, überzeugt Miller mit Gefühl und Furor. Kann Cumberbatch auch das lächerlich Selbstverliebte in Frankenstein zum Vorschein bringen, so Miller dessen irritierende Skrupellosigkeit. Der Rollentausch hebt die Ironie des Gezeigten hervor, wie schnell sich in der Welt doch der Platz von Herr und Sklave drehen, und am Ende … bleiben beide für immer Verbundene. Hier im ewigen Eis. Eine Warnung für zartbesaitete Gemüter: Bei der Brautkammerszene wäre ich vor Schreck fast vom Stuhl gefallen. Und das zweimal, nein!, eigentlich: viermal.

Cumberbatch und Jonny Lee Miller. Bild: Catherine Ashmore

Cumberbatch und Jonny Lee Miller. Bild: Catherine Ashmore

Cumberbatch als Monster, bis 7. Mai: www.youtube.com/watch?v=tl8jxNrtceQ&feature=youtu.be

Cumberbatch als Victor Frankenstein, bis 8. Mai: www.youtube.com/watch?v=dI88grIRAnY&feature=youtu.be

www.nationaltheatre.org.uk           ntlive.nationaltheatre.org.uk

Trailer: www.youtube.com/watch?v=DmkQHV8e4Rk          www.youtube.com/watch?v=XKNNZKAu12g            www.youtube.com/watch?v=9NPlf4CEExU           www.youtube.com/watch?v=psAtbHDdaOU&t=23s

Benedict Cumberbatch, Jonny Lee Miller, Danny Boyle und Nick Dear im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=wanlO8fb1co           www.youtube.com/watch?v=E67Ty4diDgE           www.youtube.com/watch?v=8yUMbxSTWqg

3.5. 2020

Volksoper: Der fliegende Holländer

März 11, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Sitz der Seele ist eine graue Kunsthalle

Seelenraum mit Meerblick: Markus Marquardt als resigniert habender, todessehnsüchtiger Holländer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das gibt es auch an der Volksoper nicht alle Tage, dass beim Schlussapplaus nicht nur die Hände, sondern auch die Füße des Publikums zum Einsatz kommen. Solcherart mit allen Gliedmaßen bejubelt wurden Dirigent Marc Piollet und der Chor des Hauses, der sich unter der Leitung von Holger Kristen einmal mehr als ein stimmlicher Klangkörper von großer Stärke und Schönheit erwies. Auch Solistinnen und Solisten sowie das Leading Team rund um Regisseur Aron Stiehl wurden nach der Premiere gefeiert.

Mit dieser Neuinszenierung von Wagners „Der fliegende Holländer“ hat man einiges gewagt und manches gewonnen. Worauf Stiehl und mit ihm Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann verzichtet haben, ist ein Schiff. Stattdessen dominiert ein raffiniertes Labyrinth die Bühne, eine graue Kunsthalle voller Gemälde vom Meer. Immer wieder öffnen sich neue Durchlässe, schließen sich andere. Räume, die Stiehl schon vorab als Sitz der Seele definierte, setzt er doch ganz auf die psychologische Durchdringung der Charaktere. Jeder scheint hier mit sich allein, die Bilder im Kopf visualisiert durch Farblicht- und Schattenspiele, eindrücklich etwa, wenn der Holländer seinen riesenhaften über die erstarrte Senta wirft. Bisweilen öffnen sich Luken, die den Blick auf die aufgewühlte See freigeben, am Ende, als Dalands Männer die Crew des Holländers wecken wollen, wird das Setting höllenrot.

Der goldene Koffer wechselt den Besitzer: Markus Marquardt als der Holländer, Stefan Cerny als Daland und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Senta in ihrer Kopf-Kunsthalle: Meagan Miller mit Tomislav Mužek als Erik. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Amme als gouvernantische Gesangslehrerin: Martina Mikelić als Mary und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stiehl und Schlößmann erschaffen so gekonnt szenische Spannungsfelder, nur muss zwischen den einsamen Weltenwanderern, die die beiden in ihre Fantasie stellen, die Interaktion naturgemäß auf der Strecke bleiben. Dies tatsächlich die einzige Kritik an diesem Abend, dass so wenig geschauspielert wird. Gesungen wird meist von der Rampe weg, kaum jemals drehen sich die Protagonisten zueinander, und dass Stiehl als Bewegungsmuster ein allseits gern verwendetes Arme-Wegstrecken eingefallen ist, macht das Gestische nicht besser. Einzig die Begegnung Eriks mit Senta lässt Bewegtheit aufkommen.

Ansonsten sind Ergriffenheit und Erregung dem Gesanglichen zu entnehmen. Dafür hat sich die Volksoper mit Markus Marquardt als Holländer und Meagan Miller als Senta im Fach erprobte Sänger ans Haus geholt, mit dem fulminanten Stefan Cerny als Daland steuert man den eindrucksvollsten Part aus dem eigenen Ensemble bei. Cerny gestaltet seinen Kapitän als zur Brutalität neigenden Geschäftemacher, eine Gefühlsrohheit, die nicht nur seine Tochter, die er für einen symbolisch goldenen Koffer verschachert, zu spüren bekommt, sondern auch der profund singende JunHo You als Steuermann – wenn er sich vom Chef schlagen lassen muss.

Gegenentwurf dazu ist Markus Marquardts Holländer, den der Volksopern-Debütant als resigniert habenden Todessehnsüchtler ausweist. Dass Marquardt in den Höhen nicht durchgängig überzeugt, federt Piollet am Pult gekonnt ab, indem er die lyrischen Passagen der Solo-Parts mit ausreichend Atmosphäre unterlegt. Was auch der anmutig phrasierenden Stimme von Meagan Miller zugutekommt, die die Senta als von der romantischen Schauerstory in Schwärmerei versetzten Backfisch anlegt.

Bissl hysterisch, bissl verhaltensauffällig, mit ihren Meeresbildern hantierend – denn ein Holländer-Porträt gibt es in Sentas Gehirnkino selbstverständlich nicht. Überwiegend allerdings lenkt Piollet das Wagner’sche Frühwerk im Fortissimo durchs Geschehen. Aus dem Orchestergraben bebt’s und donnert’s, dass nicht einmal die obligate U6 zu hören ist – expressiv, eindringlich und hochintensiv.

Als die vom Feiern angesäuselten Seemänner die Crew des Holländers wecken wollen, färbt sich die Bühne höllenrot: JunHo You als der Steuermann Dalands und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Im Vortrag glänzend und auch der einzige, der sich um die Darstellung seiner Rolle bemüht, ist Tomislav Mužek als Jäger Erik. Auch er ein Hausdebütant. Warum Stiehl, der so sehr auf Abstraktion setzt, Sentas Amme Mary von Kostümbildnerin Franziska Jacobsen als strenge Gouvernante einkleiden ließ, erschließt sich nicht. Martina Mikelić besteht die Chorprobe der Spinnerinnen zwar mit Bravour, muss aber mal ein Mädchen in die Ecke stellen, mal eines mit dem Lineal züchtigen. Ihr mehrmaliges Aufstampfen bleibt erfolglos.

Auch sie weiß keinen Rat gegen Sentas Holländer-Wahn. Immerhin nutzt auch der Damen-Chor seinen großen Moment. Fazit? Aron Stiehl und Frank Philipp Schlößmann gelingen bewegende Bilder in einer Aufführung, in der sich sonst kaum etwas bewegt. Mehr inszenatorischer Zugriff statt eines Verharrens in Stasis hätte dem Ganzen gutgetan. So bleibt die sängerische Leistung zu loben, die vom Orchester mit Verve umflutet wird.

Regisseur Aron Stiehl und Dirigent Marc Piollet im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=eq7WiO5MjuQ

www.volksoper.at

  1. 3. 2019

Burghart Klaußner im Gespräch

Mai 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Tod eines Handlungsreisenden“ am Landestheater NÖ

Margarita Broich, Burghart Klaußner Bild: M. Horn

Margarita Broich, Burghart Klaußner
Bild: M. Horn

Am 9. und 10. Mai bringt das Landestheater Niederösterreich Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ als Gastspiel – Koproduktion des St. Pauli Theaters Hamburg mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Die Inszenierung von Wilfried Minks wurde vielfach ausgezeichnet. Burghart Klaußner erhielt für seine Interpretation des Willy Loman hymnische Kritiken und wurde mit dem Deutschen Theaterpreis Der Faust als bester Darsteller geehrt.

Die FAZ lobte „Burghart Klaußners großes Solo des Scheiterns“ und die Süddeutsche Zeitung sah in Minks‘ vielbeachteter Inszenierung „eine absolut stringente Interpretation des Unglücks“. Ein Gespräch mit dem Hauptdarsteller:

MM: Lieber Herr Klaußner, man traut sich zum „Tod eines Handlungsreisenden“ ja gar nichts fragen. „Faust“-Preis, Hymnen von FAZ bis Süddeutsche … Sind Ihnen derlei Ehrungen wichtig?

Burghart Klaußner: Ehrungen sind immer Emutigungen. Da jede neue Arbeit eine Art Neuanfang ist, kann es nicht schaden bestätigt zu werden. Und so ist die Freude groß.

MM: War Willy Loman die richtige Rolle zur rechten Zeit? Er kann seinen Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten, das können heute viele, vor allem ältere Mitbürger nicht mehr. Die Arbeitslosenrate unter den „Alten“, gut Ausgebildeten steigt. Ist das Ende der „Mittelschicht“ da?

Klaußner: In der Tat sind die wirtschaftlichen Folgen des Älterwerdens auch heute noch keineswegs geringer geworden. Miller hat obendrein mit der Figur des Handelsvertreters eine Art Scheinselbstständigkeit auf die Bühne geholt, die ohne staatliche Altersunterstützung wohl besonders gefährdet ist. Insofern natürlich auch ein Problem der so genannten Mittelschicht. Interessant ist, und eine Entdeckung des Regisseurs Wilfried Minks, aber auch, dass Arthur Miller im Stück eine aufkommende Demenz bei Willy Loman, der Hauptfigur, zeigt. Eine Beschreibung dieser Krankheit gewissermaßen avant la lettre. Denn durch die Straffung und Neufassung des Stückes werden Rückblenden zu Unsicherheiten in der Zeit und so verliert Loman zunehmend die Orientierung.

MM: Sie sind als Jahrgang 1949 auch nicht der Taufrischeste 😉 Stimmt die Mär, dass es Schauspieler „in den besten Jahren“ leichter hätten, Rollen zu finden, als Schauspielerinnen?

Klaußner: Insgesamt gibt es in der dramatischen wie in der Literatur wohl insgesamt mehr Männer- als Frauenfiguren. Warum wohl?

MM: Wilfried Minks hat die Inszenierung in angedeuteten 1950er-Jahren belassen. Sind Sie gegen Zwangsmodernisierungen am Theater?

Klaußner: Unsere Aufführung spielt eher in einer Art Zeitlosigkeit, was dem Thema auch angemessen ist. Gegen Zwang, auch am Theater, bin ich ohnehin, für Modernisierungen aber immer zu haben.

MM: Sie haben Loman in einem Interview als jemanden beschrieben, „der nicht mit allen Wassern gewaschen ist, die man zum Überleben braucht“. Ist er als Wassertreter nicht ausdauernd genug? Worin liegt sein Fehler?

Klaußner: Willy Loman ist ein Mann, der nicht Nein sagen kann. So erschöpft er sich im Räsonnieren über seine Mitmenschen und die Verhältnisse, ohne die Kraft zu haben, das Ruder seines Lebens herumzureißen.

MM: Oder um mit Grönemeyer zu sprechen: Wann ist ein Mann ein Mann?

Klaußner: Siehe oben. Wenn er das kann.

MM: Wie spannend ist es, Teil einer Familie zu spielen, mit der es permanent steil bergab geht?

Klaußner: Der Niedergang der Familie Loman steht dem Niedergang des Hauses anderer, berühmterer Familien, seien sie von heute oder aus der Antike, in nichts nach. Spannend ist sicherlich, wie es einem Intellektuellen wie Arthur Miller gelingt, sich glaubwürdig in die Verhältnisse sehr einfacher Menschen hineinzudenken.

MM: Sie bezeichnen sich in Interviews gern als Choleriker. Ich glaube, Sie sind eher Perfektionist. Da kann’s einen schon auf die Palme treiben, wenn’s grad nicht läuft. Kann das sein? Sie nennen sich auch scherzhaft hauptberuflich Musiker. Singen und Swingen – ist das Ihrs? Ihr Spektrum reicht ja von den Comedian Harmonists bis zu Georges Brassens …

Klaußner: Die Musik dient dem Choleriker, wie dem Perfektionisten dazu, sich zu verlustieren!

 MM: Sie sind in Österreich als strenger Pastor in „Das weiße Band“ sehr bekannt geworden. Gibt’s Pläne, wieder einen österreichischen Film zu machen?

Klaußner: In Österreich zu drehen steht momentan nicht auf dem Plan. Was schade ist, denn ich liebe die Österreicher in der Kunst! Mein all time Vorbild war ein Jenischer aus Salzburg, der unvergessliche Alexander Wagner, von dem ich, wenn überhaupt etwas, dann all Das, gelernt habe.

 MM: Es gibt aber Filmpläne: Sie drehen in der Regie von Torsten C. Fischer „Georg Elser“, habe ich gelesen. Können Sie dazu schon etwas sagen? Elser ist ja eine Persönlichkeit, die neben Stauffenberg meist verblasst …

Klaußner: Elser ist in der Geschichte des Widstandes gegen den Nationalsozialismus eine Sonderscheinung.Natürlich unser Aller Pechvogel, der Hitler nur um fünfzehn Minuten verpasste. Der als absoluter Einzelgänger aber bewiesen hat, dass auch im größten Terror das Gewicht eines Einzelnen entscheiden kann. Elser wird übrigens Christian Friedel sein, der Lehrer aus „Das weiße Band“. Ich selbst werde dann im Herbst Gelegenheit haben einen anderen, einen Nachkriegszeithelden in Deutschland zu spielen, den Staatsanwalt Fritz Bauer nämlich, der mit seiner Hartnäckigkeit den großen Frankfurter Auschwitz Prozess ermöglichte, der dazu beitrug, in der deutschen Nachkriegsgeschichte endlich eine Auseinandersetzung mit dem Nazitum zu beginnen.

www.landestheater.net

www.burghartklaussner.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zJRIAB8VgO8

Wien, 5. 5. 2014

Landestheater Niederösterreich: “Hexenjagd”

Oktober 7, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Markus Hering spielt Arthur Millers John Proctor

Swintha Gersthofer, Markus Hering  Bild c Fritz Novopacky

Swintha Gersthofer, Markus Hering
Bild c Fritz Novopacky

Es ist gefahrlich, nicht genormt zu sein. Nicht eines der uniformen Kleidchen zu tragen, die Regisseurin Cilli Drexel ihren Madchen verpasst hat. Es ist gefahrlich, zu denken, noch gefahrlicher, das Gedachte in Worte zu fassen und todlich, auf seinen Rechten zu bestehen. Salem 1692. Hier siedelte Arthur Miller sein Stuck Hexenjagd an. Gedacht als literarische Abrechnung auf  die Kommunistenverfolgung der McCarthy-Ära in den USA, heute transferierbar in jede Diktatur. Ein Statement gegen den Missbrauch politischer und religioser Macht, gegen Massenwahn/hysterie und Denunziation. Dargestellt als Spirale, die sich immer schneller nach unten dreht. 30 Menschen werden am Schluss ihr Leben gelassen haben. Der Richter, Danforth, Stellvertreter des Gouverneurs, ist selbst der Teufel, der einem das Wort im Mund umdreht.

Das Landestheater Niederosterreich eroffnet seine neue Saison mit Drexels Interpretation des Stoffs. Ein Trommelwirbel, an dem das Publikum rege teilhaben darf. Nicht nur, weil es als Tribunal rechts und links der Spielflache sitzt, und mittendrin die Schauspieler und deren Zurufe zum Geschehen, nicht nur, weil es von diesen zu Rat und Tat aufgefordert wird und das Werfen von kleinen Meineidzettelchen doch nicht verhindern kann. Sondern, weil Mitdenken der Kern des Abends ist. Niemals wieder. Von Nazi bis Stasi …

Intendantin Bettina Hering hat sich ihren Ehemann Markus Hering als Gast eingeladen. Er spielt den John Proctor, Bauer, absolut hexenunglaubig, aber einer, der furs Fremdgehen bussen muss. Abigail, von seiner Frau Elizabeth, Burgschauspielerin Alexandra Henkel, AbiGEIL genannt, glaubte an wahre Liebe, wo er nur Druck ablassen wollte und fuhrt ob des Betrugs einen wahren Hexentanz auf. Bei Vollmond. Mit den anderen Madchen des Dorfs. Das ruft erst geistliche, dann weltliche Rechtsgelehrte auf den Plan. Ende bekannt. Swintha Gersthofer spielt diese Schlusselfigur grossartig. Sie ist hinterlistig, bosartig, aufsassig, auf eigenes Kommando bigott, fuhrt Gott und seine Stellvertreter auf Erden an der Nase herum, terrorisiert ihre Mitverschworerinnen. Eine fulminante Leistung. Ebenso wie die ihres Gegenubers Lisa Weidenmuller als Mary Warren, die sich der Wahrheit verpflichtet fuhlt und sich schliesslich doch dem Gruppendruck beugt. Dem Namen nach grossere deutschsprachige Buhnen konnten froh sein, zwei so talentierte junge Krafte im Ensemble zu haben!

Ein Solitar naturlich Markus Hering. Aber einer, der die Leistung seiner KollegInnen erst recht zum Strahlen bringt. Ein Teamtier. Sein John Proctor, ein rechter, ein gerechter Mann, ist auch ein Ausweichler, zwischen Hirn und Hoden hin und hergerissen, gesegnet mit der unseligen Gabe, im falschen Moment das Falsche zu sagen. Und sich damit selbstverstandlich Feinde macht. Ich mag den Geruch der Obrigkeit nicht, sagt er unverfroren sarakstisch. Ein Kommunist … Jedenfalls einer, der seine Ehre wiederfindet. Mitten in Habgier, Neid und Niedertracht. Sieh doch mal das Gute in mir, sagt er zu seiner Frau. Die hat die Ehekrise hart gemacht. Unwillkurlich muss man an „Ein roter Luftballon“ von Yves Gilbert und Serge Lama denken.

Ich bin das Kind reeller Leute,
mir wurde nie etwas geschenkt,
bis auf das eine, das mir heute
egal ist, was man von mir denkt.

Ich nehm nichts hin, ich geb nichts her,
das ist genug — es gibt nicht mehr!

Erst angesichts des Todes scheint Versohnung moglich. Daneben gefallen Michael scherff als feiger Reverend Parris, Sven Philipp, St. Poltens Anwort auf Christian Bale, als Aufruhrer Thomas Putnam,Christine Jirku als aufrechte Rebecca Nurse und Helmut Wiesinger als unbeugsamer Giles Corey. Neben den Proctors das zweite Traumpaar des Abend … Tobias Voigt als einlenkender Reverend John Hale, dem der ganze Zirkus zunehmend zuviel wird, und Jan Walter als knallharter Paragraphenreiter Richter Danforth. Uneins sind die beiden in der Frage uber unsichtbare Verbrechen. Denkt man an Dystopien von George Orwells 1984 bis Philip K. Dicks Minority Report, denkt man an world wide monitoring, ist der Grosse Bruder langst ein naher Verwandter. Hexenjagd aus dem Jahr 1953, mehr denn je ein Stuck zur Zeit. Gedanken sind nicht frei, sondern Verbrecher … Sehenswert.

www.landestheater.net

www.mottingers-meinung.at/markus-hering-im-gespraech

Wien, 5. 10. 2013

Markus Hering im Gespräch

September 24, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Landestheater Niederösterreich: „Hexenjagd“

Markus Hering, Lisa Weidenmüller, Katharina von Harsdorf, Johanna Wolff, Alexandra Henkel  Bild: (c) Yasmina Haddad

Markus Hering, Lisa Weidenmüller, Katharina von Harsdorf, Johanna Wolff, Alexandra Henkel
Bild: (c) Yasmina Haddad

Am 4. Oktober hat am Landestheater Niederösterreich Arthur Millers „Hexenjagd“ Premiere. Inhalt: In Salem geht die Angst vor Hexerei um. Einige Mädchen, die bei einem okkulten Ritual überrascht wurden, weisen unerklärbare Krankheitssymptome auf. Der zu Hilfe gerufene Pastor Hale soll diesem Phänomen auf den Grund gehen. Die Mädchen merken schnell, dass sie sich vor Strafe retten können, wenn sie andere beschuldigen, sie zu ihrem Handeln getrieben zu haben. Zuerst nennen sie wahllos Namen von Gemeindemitgliedern, die mit dem Teufel im Bund stehen sollen, dann setzen sie ihre Anschuldigungen gezielt ein, um sich an unliebsamen Personen zu rächen. Der Bauer John Proctor durchschaut jedoch diese Lügen und warnt davor, den Anklagen der Mädchen Glauben zu schenken. Abigail, die ein persönliches Interesse an Proctor hat, da er eine Affäre mit ihr hatte, klagt seine Frau Elizabeth wegen Hexerei an. Elizabeth wird verhaftet. Proctor versucht mit Hilfe seiner Magd Mary Warren, seine Frau zu retten und vor Gericht zu beweisen, dass Abigail und die Mädchen lügen. Doch Proctors Frau, die seine Ehre retten will, behauptet, dass es kein Verhältnis gegeben hätte. Während sie abgeführt wird, offenbart John ihr sein Geständnis. Mary bricht zusammen. Sie beschuldigt nun Proctor, mit dem Teufel im Bund zu sein und sie zum Geständnis gezwungen zu haben. Proctor wird sofort verhaftet und zum Tod verurteilt …

Arthur Millers Stück basiert auf tatsächlichen Ereignissen im Jahr 1692. Beinahe 200 Personen wurden auf die Falschaussagen der Mädchen hin verhaftet, 30 davon zum Tode verurteilt. „Mit allerbester Absicht entwickelten die Menschen von Salem eine Theokratie, eine Verbindung von staatlicher und religiöser Macht, deren Aufgabe es war, die Gemeinschaft zusammenzuhalten und jegliche Uneinigkeit zu verhindern“, so Arthur Miller. „Hexenjagd“ ist nicht nur ein Stück über religiösen Wahn, sondern wendet sich klar gegen den Missbrauch politischer Macht, gegen Massenwahn und Denunziation. So ist Millers es auch als Parabel auf die Kommunistenverfolgung der McCarthy-Ära zu verstehen. Arthur Miller, der 1949 für „Tod eines Handlungsreisenden“ den Pulitzer-Preis gewann, wurde 2003 mit dem Jerusalem-Preis für die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft ausgezeichnet. Regie in St. Pölten führt Cilli Drexel, deren Arbeiten unter anderem am Nationaltheater Mannheim und am Schauspiel Essen für Aufmerksamkeit sorgten. Gemeinsame Arbeiten mit der Bühnenbildnerin Christina Mrosek wurden zu den Autorentheatertagen am Thalia Theater, Hamburg und am Deutschen Theater, Berlin eingeladen. Markus Hering, Ensemblemitglied des Residenztheaters in München, wird zum ersten Mal am Landestheater Niederösterreich gastieren, ebenso wie Burgschauspielerin Alexandra Henkel. Wie schon zuvor in „Mamma Medea“, wird Sven Philipp auch in diesem Jahr wieder als Gast zu sehen sein.

John-Proctor-Darsteller Markus Hering im Gespräch:

MM: In Österreich ist Arthur Millers „Hexenjagd“ Maturalesestoff. Was hat Sie gereizt, dieses Stück zu machen?

Markus Hering: Viele, auch private Aspekte: Dass ich wieder im Wiener Raum spielen kann, mehr bei meiner Familie sein kann. Dann mag ich das junge Ensemble in St. Pölten sehr, ich habe denen jetzt ein Jahr zugeschaut, alle Stücke gesehen und fand die Aufführungen ganz toll. Ich kannte die meisten von den Premierenfeiern und hatte Lust, mit denen mal zu arbeiten. Als mich die Intendantin – meine Frau Bettina Hering – gefragt hat, ob ich den John Proctor spielen möchte, habe ich natürlich Ja gesagt.

 MM: Wie wird Ihr John Proctor?

Hering: Derzeit jeden Tag anders (er lacht). Anfangs glaubt man ja, der ist ein Unangepasster, ein Held, einer, in dessen Anwesenheit der Dumme merkt, dass er dumm ist. An ihm reiben sich die Verlogenheiten auf, weil er keine Verlogenheiten zulässt. Öffentlich, da macht er sich viele Feinde, denn im privaten Bereich sieht’s bei ihm ja ganz anders aus …

MM: Nämlich?

Hering: Privat steht über allem die Affäre mit Abigail, die er ja am Leben erhält, die für ihn kein einmaliger Fehltritt war, an der seine Frau verzweifelt, an der die Ehe zerbricht, wegen der die ganze Hexengeschichte ins Rollen kommt. Und er hat sich immer noch nicht entschieden, was er eigentlich will, was natürlich Abigail umso mehr anstiftet, weil er sich nicht klar definiert.

MM: Was hat es nur mit diesem Salem auf sich, dass es so viele Autoren, bis hin zu Stephen King, inspiriert?

Hering: Es ist haarsträubend, wie aus einer Kleinigkeit eine Massenhysterie mit vielfachem tödlichem Ausgang wird. Das hat Arthur Miller ganz toll beschrieben. Sein Stück basiert auf tatsächlichen Ereignissen im Jahr 1692. Beinahe 200 Personen wurden auf die Falschaussagen der Mädchen, im Wald Zauberrituale durchgeführt zu haben, hin verhaftet, 30 davon zum Tode verurteilt. Spannend an dem Text ist, dass es nach jedem Satz die Möglichkeit gäbe, dass die Handlung ein gutes Ende nimmt. Wenn nicht jemand sich verplappert, Proctor was Falsches sagt, Abigail im taktisch richtigen Moment ihre angeblichen Hexenkräfte spielen lässt, Mary Warren als eine Art Kronzeugin über das falsche Spiel der Mädchen aussagt … Ich sehe gerne Krimis und ich lese gerne Krimis, daher macht mir das hier sehr viel Spaß. Das Stück hat so viel Potential, es emotionalisiert das Publikum. Die Ungerechtigkeit, die da passiert ist so himmelschreiend, dass eigentlich jemand aus dem Zuschauerraum rein rufen müsste: Nein, mach’ das nicht, siehst du die Falle nicht, siehst du nicht, wie blöd du bist!

MM: Obwohl man einerseits meinen könnte, Arthur Miller habe das Urkonzept aller Teenie-Grusel-Filme geschrieben, die derzeit sehr angesagt sind, ist „Hexenjagd“ tatsächlich  als Parabel auf die Kommunistenverfolgung der McCarthy-Ära zu verstehen. Gegen Massenwahn und Denunziation, gegen den Missbrauch politischer Macht. Ich sehe Sie offen gesagt nicht mit Pilgrimfathers-Hut auf der Bühne. Wie legt’s Regisseurin Cilli Drexel an?

Hering: Nicht krampfhaft modernisiert. Miller schrieb eine Parabel gegen alle diese Vorkommnisse, heute: islamistische Scharia-Prozesse oder das nahtlose Überwachungssystem der USA über seine Staatsbürger. Wir spielen nicht „historisch genau“, aber auch ohne Projektionen, Videos und dergleichen. Die Geschichte erzählt sich aus den Personen. Dem entsprechend wird auch die Bühne sein: Das Publikum wird sich auf zwei Tribünen gegenübersitzen, wir spielen dazwischen wie in einer Arena. Dadurch sollen die Zuschauer das Gefühl bekommen, am Geschehen teilzunehmen.

MM: Es geht letztlich auch um die Errichtung einer Theokratie der Puritaner. In dem Moment, in dem das Wort Hexe fällt, haben die geistlichen Herren das Sagen …

Hering: Die Trennung von Kirche und Staat ist ja auch heute in bestimmten Teilen der Welt nicht vollzogen, respektive wird dieser Tage wieder relativiert. An diesem Thema brauchen wir nicht „anzudocken“, das versteht sich, denke ich, beim Zuschauen von selbst. Da muss die Aufführung nicht zusätzlich etwas behaupten, das ist ohnedies offensichtlich. Der weltliche Richter Danforth wiederum „erschlägt“ alles mit seinem Bürokratismus, mit seiner Genauigkeit, der besteht auf den Buchstaben des Gesetzes. Das ist natürlich ein fataler Gegner für den aufbrausenden Proctor, der ein Talent hat, zum falschen Zeitpunkt das Falsche zu sagen. Warum er dann letztlich in den Tod geht, ist, glaube ich, ein Selbstmord aus Schuldgefühlen gegenüber seiner Frau, die wegen seines Fremdgehens auch als Hexe angeklagt wird. Das ist nicht wohlüberlegt, sondern ein Akt der Wut auf diese Korinthenkackerei. Allerdings findet man bei Proctor keine Anhaltspunkte wie Miller ihn gespielt haben wollte. Er hat viele Facetten und die sollte man möglichst alle zum Vorschein bringen. Auf jeden Fall ist er der Verlierer.

MM: Die Verführung der Massen, einer wahnsinnigen Idee zu folgen, kennt die Geschichte immer wieder. Warum fallen Menschen auf so etwas herein? Warum lassen sich die Menschen so leicht kanalisieren?

Hering: Das hat immer mit Ängsten zu tun. Wenn jemand es schafft, bestimmte Ängste zu schüren, dann sind manche geeignet, sich davon leiten zu lassen. Wien ist derzeit mit Wahlplakaten zu geplastert. Da sieht man genau, wer welche Parolen ausgibt, um eine bestimmte Stimmung in der Bevölkerung zu erzeugen. Ängste zu erzeugen, die die Österreicher völlig grundlos haben. Die andere Erklärung ist natürlich Gruppenzwang. Abigail hat eine Art, die anderen Mädchen zu tyrannisieren, zu unterdrücken, so dass sie ihr folgen. Die arbeitet nur mit Angst. Ein grauenhafter Cheerleader-Leader, aber die Mädchen, die sich in ihrem Dunstkreis bewegen sind wer, werden Ernst genommen, werden plötzlich gehört, wie Erwachsene. Proctor wiederum erscheint sie frei, jung, sexy, eine Erholung von den Zwängen der Familie. Für ihn ist sie eine Besenkammeraffäre wie bei Boris Becker, für Abigail die große Liebe. So etwas kann bekanntlich nicht gut gehen.

MM: Es gibt eine DDR-Verfilmung mit Yves Montand und Simone Signoret. Ist es nicht ein Treppenwitz der Geschichte, dass eine Diktatur sich ausgerechnet diesen Stoff hernimmt?

Hering: Das ist irrwitzig, aber ich glaube, die haben nicht so gedacht, die wollten damit ihren Anti-Amerikanismus unterstreichen. Wir haben im Ensemble einen Kollegen, Tobias Voigt, der kommt aus der ehemaligen DDR, der hat zu jeder Szene eine Anekdote, ein Fallbeispiel: So eine Situation kenn’ ich, bei uns war das damals so und so mit der Stasi: Nennst du uns einen Namen, kriegst du eine Rolle da und da. Genau diese Nummer: Wir sind lieb zu dir, wenn du andere an den Pranger stellst.

MM: Alexandra Henkel spielt die Elizabeth Proctor. Sie kennen einander vom Burgtheater.

Hering: Ja, das ist eine große Freude, wieder mit ihr zu spielen. Wir harmonieren auf der Bühne gut. Schön, dass sie jetzt in St. Pölten mit dabei ist!

MM: Sie sind 2011 vom Burgtheater ans Münchner Residenztheater gegangen. Der Unterschied? Das Gefühl?

Hering: Das Resi hatte in München einen schwierigen Neuanfang. Aber genau das hat mich gereizt: Mit Martin Kušej aufzutauchen, als Ensemble, als Theater, als Behauptung plötzlich mitten in der Stadt zu sein. Man merkt, dass das Geld nicht so fließt, wie beim Burgtheater, da muss schon mehr gespart werden. Aber das erhöht ja die Kreativität. Die Arbeit dort ist toll, die Kollegen, Martin … Ich sitze viel im Zug Wien-München-Wien. Und da ich auch viel in Wien bin, würde es mich durchaus freuen, wieder einmal was an der Burg zu machen. Aber da fehlt mir der Kontakt zu Herrn Hartmann. Darum freut mich das Angebot aus St. Pölten: Dass ich wieder einmal vor meiner Haustür spielen kann.

MM: Gibt’s diesbezüglich weitere Pläne?

Hering: Jetzt machen wir mal „Hexenjagd“. Meine Frau und ich wollen nicht eines dieser Paare werden, wo, wenn der eine Chef wird, der Ehegespons automatisch mit im Boot ist. Das ist unprofessionell.

 MM: Sie haben die Figur John Proctor in unserem Gespräch von vielen Seiten beleuchtet. Trotzdem geht es in „Hexenjagd“ auch darum, wie man sein Leben leben will. Oder auch nicht leben will. Haben Sie dafür eine Entscheidung getroffen?

Hering: Für mich selbst gar nicht. Ich lebe von Tag zu Tag. Und treffe Entscheidungen oft rückwirkend (er lacht). Proctor stellt sich die Frage natürlich – und macht trotz seiner Überzeugungen seine Fehler. Viele Kollegen haben ihn als Helden gespielt, ich dekonstruiere ihn gerade. Sie können also getrost schreiben: Weder Markus Hering noch die von ihm verkörperte Figur haben einen Plan. Das ist doch ein schönes Schlusswort.

www.landestheater.net

Wien, 24. 9. 2013