Der Hauptmann

Juni 7, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine mörderische Köpenickiade

„Hauptmann“ Willi Herold (Max Hubacher) mit seinen Untergebenen Freytag (Milan Peschel) und Kipinski (Frederick Lau). Bild: © Julia M. Müller

Zweiter Weltkrieg, 1945, Deutschland. Trompetenkakophonie zur Menschenjagd. Die eigenen Leute verfolgen einen desertierten Soldaten. Dem gelingen Verstecken und Flucht, bevor er in einem stehengelassenen Dienstfahrzeug eine Hauptmannsuniform findet. In wenigen Minuten mutiert der ausgehungerte, entkräftete Willi Herold vom Gehetzten zum Aufhetzer.

Nichts erstaunt ihn selber mehr, aber als dann noch der von seiner Truppe getrennte Freytag demütig vor ihm setzt, um sich dem neuen Kommandanten anzuschließen, ist die Tarnung perfekt. Mit strammen Befehlston lässt sich Herold nun von seinem eben rekrutierten Untergebenen chauffieren. So beginnt Regisseur Robert Schwentkes in schwarzweißen Bildern gehaltener Antikriegsfilm „Der Hauptmann“, der am Freitag in die heimischen Kinos kommt. Die mörderische Köpenickiade ist über weite Strecken eine wahre Geschichte. Der 19-jährige Rauchfangkehrerlehrling Herold wurde dank Dienstgraderschwindelung vom einfachen Gefreiten zum „Henker vom Emsland“. Schauspieler Max Hubacher stellt das glaubhaft dar, wenn er sein in Todesangst verzerrtes Gesicht zur kühlen „Herrenmenschen“-Miene gefrieren lässt. Kleider machen Mörder. Wenig später schon ist Herold ein Kriegsverbrecher.

Auf seiner Fahrt durchs kriegsgebeutelte Nirgendwo liest der Scharlatan immer mehr Soldaten auf, angeblich von ihren Einheiten versprengt, in Wahrheit aber Deserteure wie er selbst, die angesichts des Hauptmanns die Flucht nach vorne antreten. Bald ist die Leibgarde, später das Schnellgericht Herold zusammengestellt. Frederick Lau brilliert als Gegenspieler Kipinski, der Herold zu durchschauen droht, und doch lieber den Mund hält, weil ihn der Hasardeur mit den Drahtseilnerven seinen Sadismus ausleben lässt. Großartig wie Laus Kipinski sowohl latente Befehlsverweigerung als auch Bewunderung für Hubachers Herold und dessen Chuzpe ins Gesicht geschrieben steht.

SA-Mann Schütte (Bernd Hölscher) will das Kommando über das Lager. Bild: © Julia M. Müller

„Bunter Abend“: Herold (Max Hubacher), Gerda (Britta Hammelstein), Schütte (Bernd Hölscher) und Kabarettist Kuckelsberg (Samuel Finzi). Bild: © Julia M. Müller

„Die Lage ist immer das, was man daraus macht“, ist Herolds Leitspruch. Um die Mägen voll zu bekommen, lügt er einem Gastwirt etwas von Entschädigungszahlungen für die erlittenen Plünderungen durch Fahnenflüchtige vor, bald aber steht’s an, das erste Todesurteil zu sprechen und zu vollstrecken. Dies der Moment der vollkommenen Entmenschlichung. Ein Regime, das auf Angst und Terror fußt, sagt Schwendtke, macht solche Situationen, in denen niemand nachdenkt, keiner hinterfragt, und so das nicht einmal besonders raffinierte Blendwerk gelingen kann, erst möglich.

Herolds Wagemut wächst, auf Widerstand stößt er nicht. So gelangen er und seine Mannen ins Strafgefangenenlager Aschendorfermoor, wo Diebe und Deserteure auf ihre Hinrichtung warten. Und weil vom „von ganz oben / Führerbefehl“ gesandten Offizier eine Direktive bezüglich der aus allen Nähten platzenden Baracken erwartet wird, schlägt die Befehlsgewalt mit aller Macht zu. Mehr als 100 Häftlinge haben der reale Herold und seine Leute in acht Tagen brutal erschossen. In von ihnen selbst ausgehobenen Gruben und bei perversen „Bunte-Abend“-Spielen.

Ein nazideutsches Militärgericht ließ den machttrunkenen „Rächer der deutschen Ehre“ zunächst laufen, „weil das Land derzeit so durchsetzungsstarke Männer braucht“, erst die Briten richteten Herold 1946 schließlich hin. Schwendtke zeigt das Lager als hierarchisch bestimmten Behördendschungel, in dem die Rechte nicht weiß, was die Rechte tut. Bernd Hölscher als SA-Mann Schütte und Waldemar Kobus als Lagerleiter Hansen matchen sich um Kompetenzen, wichtig ist, dass man fürs Massaker eine schriftliche Bewilligung von der Justizbehörde hat, schließlich will man alles, nur keine verwaltungstechnische „Sauerei“. Samuel Finzi als duckmäuserischer Kuckelsberg und Wolfram Koch als ehrenhafter Schneider geben zwei inhaftierte Kabarettisten, die beim Schergenvergnügen wenig erfolgreich um ihr Leben spielen. Britta Hammelsteins Schütte-Verlobte Gerda will zum Spaß nämlich auch einmal schießen.

Das Schnellgericht Herold zieht durch Görlitz. Bild: © Julia M. Müller

Kameramann Florian Ballhaus hat für diese letzten Tage der Hitler-Herrschaft Endzeitstimmungsbilder gefunden. An drastisch gezeigten Gräueln wird der Zuschauer nicht geschont, am heftigsten die minutenlange Erschießungsszene der Gefangenen und die Sequenz, in der Schütte schlussendlich von einer britischen Fliegerbombe effektvoll zerfetzt wird. Ein wenig zu holzhammrig fällt das Ende der Geschichte aus:

Da ist das Schnellgericht Herold nämlich im Heute angelangt, in Görlitz, wo es Passanten drangsaliert und ihnen Wertgegenstände abnimmt. Ein „Er ist wieder da“-Einfall, der nicht notwendig gewesen wäre, um zu verdeutlichen, dass die Ewiggestrigen immer noch fröhliche Urständ feiern. „Der Hauptmann“ wäre auch ohne diesen expliziten Querverweis als Film stark genug.

www.derhauptmann-film.de

  1. 6. 2018

Volkstheater: Die sieben Todsünden

Oktober 11, 2014 in Bühne, Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Maria Bill brilliert als Weill-Interpretin

Maria Bill Bild: © Christoph Sebastian

Maria Bill
Bild: © Christoph Sebastian

Dass Maria Bill eine großartige Chansonnière ist, ist eine Binsenweisheit. Nun interpretiert sie am Volkstheater in einer Inszenierung von Michael Schottenberg Kurt Weills/Bert Brechts „Die sieben Todsünden“. Das heißt: Der Regisseur hat dem nur etwa 35-minütigem Werk neun Weill-Lieder aus seinen Exilen in Paris und den USA vorangestellt – und viel „Dreigroschenoper“. Begleitet von Michael Hornek am Flügel und Milos Todorovski am Bandoneon gibt die Bill La Diva. In schwarzer Courturerobe mit weißem Federkragen, der noch als allerlei Requisit herhalten wird müssen, singt sie sich viersprachig von „Speak Low“ aus dem Musical „One Touch of Venus“ und „Je Ne T’aime Pas“, 1934 verfasst für die Sopranistin Lys Gauty, bis zur „Seeräuber-Jenny“ und „Youkali“ aus Weills Oper „Marie Galante“. Allein dieser Teil des Abends hätte einen schon glücklich gemacht. Das Programm ist wie eine Vorwegnahme des oder eine Erinnerung an das Kommende(n). Eine Primadonna – und wie sie dazu wurde …

Also: „Die sieben Todsünden“. Kurt Weill schrieb das „Ballett mit Gesang“ 1933 in Paris im Auftrag des reichen Engländers Edward James für dessen Ehefrau, die Tänzerin Tilly Losch. Weill, mit Brecht schon verkracht, weil ihn dieser bei den Proben zu „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ als „falschen Richard Strauss“, den er „in voller Kriegsbemalung“ die Treppe hinunterwerfen werde, beschimpft hatte, fungierte als Liberettist. Nachdem Jean Cocteau abgelehnt hatte. Dem Werk war, bis auf eine Plattenaufnahme mit Lotte Lenya 1956, kein Erfolg beschieden. Inhalt: Die Schwestern Anna I und II, eine Sängerin, eine Tänzerin, ein Hirn, ein Herz, Sinn und Sinnlichkeit, werden von der Familie losgeschickt, um mit Anna IIs Kunst genug Geld für ein Haus am Mississippi zu verdienen. Sieben Stationen müssen die Annas durchwandern und ihre Haut zu Markte tragen. Die klassischen Todsünden Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht und Neid sind dabei die Versuchungen kurzfristiger Bedürfnisse, deren Befriedigung aufgeschoben werden muss. Zum Zwecke des Profits. Denn Sünden werden dort zu Tugenden, wo nichts mehr einen Wert hat, was keinen materiellen Wert hat. Die Familie, ein Männerquartett, gibt dazu bibelversähnliche Ermahnungen wie „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ und scheinheilige Kommentare wie „Der Herr erleuchte unsre Kinder, dass sie den Weg erkennen, der zum Wohlstand führt“ ab.

Ivaylo Guberov, Martin Mairinger, Johannes Schwendinger und Wilhelm Spuller sind „die Familie“. 40 Musiker des Orchesters der Vereinigten Bühnen Wien, unter der Leitung von Milan Turković, glänzen als Meister an ihren Instrumenten. Die Bill entledigt sich ihres Edeloutfits, steigt von Kothurnen und steht da. Ein Mädchen im Blümchenkleid. Wie im Prolog beschrieben: „Wir sind eigentlich nicht zwei Personen, sondern nur eine einzige“, verkörpert sie beide Annas. Ich und Über-Ich. Eine gespaltene Persönlichkeit. Die nicht tun will, von dem sie weiß, dass sie es tun muss. Ihr Leben: ein Requisitenkoffer, in dem sie zeitweilig auch lebt. Maria Bill zieht alle Register ihres Könnens. Ist Clownin ebenso wie Tragödin. Erinnert an Paulette Goddard in den Chaplin-Filmen. Singt, tanzt (Schwanenwatschel, äh, -see), spielt, dirigiert – kurz. Es ist die Habgier, die ihr diese Idee eingibt, die Turković kraft seines Amtes aber sofort unterbindet. Am Ende ist das Haus finanziert. Ein erkauftes Unglück. Das Vermächtnis der unwirklich schönen Kunstgestalt vor dem Klavier …

Die folgende minutenlange – es wurde schon der Vorhang heruntergelassen und noch immer applaudiert – Publikumsbegeisterung galt natürlich in erster Linie Maria Bill. Welch eine Sängerin. Welch eine Schauspielerin. Welch ein Star.

www.volkstheater.at

www.mottingers-meinung.at/michael-schottenberg-im-gespraech/

Wien, 11. 10. 2014

Theater in der Josefstadt: Die Schüsse von Sarajevo

April 4, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Erwin Steinhauer und Julia Stemberger brillieren

als verzweifelt Liebende in Zeiten des Krieges

Erwin Steinhauer (Leo Pfeffer), Josef Ellers (Gavrilo Princip, in Handschellen), uniformierte Statisten Bild: © Sepp Gallauer

Erwin Steinhauer (Leo Pfeffer), Josef Ellers (Gavrilo Princip, in Handschellen), uniformierte Statisten
Bild: © Sepp Gallauer

Regisseur Herbert Föttinger lässt seinen Abend mit den Jugoslawienkriegen Ende des 20. Jahrhunderts beginnen. Zerfall, Tod, der Mensch lernt nicht aus der Geschichte. Mitten drin, aus der Zeit gefallen, Erwin Steinhauer als Leo Pfeffer, der einen Feldpostbrief an seine Geliebte Marija Begovic‘, Julia Stemberger, schreibt. Die Donaumonarchie hat sich am Untersuchungsrichter bitter gerächt, weil er nicht die gewünschten Geständnisse brachte. Das Ende ist der Anfang. Die Front.

Föttinger inszeniert (im Gefängnisbühnenbild von Walter Vogelweider, das gleichzeitig Wohnung und Büro ist) nüchtern, kühl, sachlich. Es geht auch nur um eine Sache: der serbischen Regierung die Täterschaft am Attentat auf das österreichische Thronfolgerpaar nachzuweisen. Das kann Pfeffer im juristischen Sinne aber nicht. Atemlos rasch werden ihm die Verdächtigen vorgeführt: Gavrilo Princip (Josef Ellers), Nedeljko Cabrinovic‘ (Alexander Absenger), Danilo Ilic‘ (Matthias Franz Stein), Kaffeehausrevoluzzer, Provokateure, drei „dumme Buben“, die man für die Kriegshetzerei verheizt hat. Ilic‘, der einzige Volljährige, der Lehrer, wird Glück gehabt haben, er wird durch Erhängen am Würgegalgen hingerichtet. Cabrinovic‘ und Princip, die minderjährigen Studenten, lässt man bei 20 Jahren schwerem Kerker bei lebendigem Leib verfaulen. Bei Princip stimmt das tatsächlich: ein abgetrennter, toter Unterarm wird ihm einfach mit Draht am Ellenbogen befestigt.

All das zeigt die Uraufführung „Die Schüsse von Sarajevo“ von Milan Dor und Stephan Lack nach Motiven des Romans „Der letzte Sonntag“ von Milo Dor nicht. Es sollte nur einmal festgehalten werden. Die Autoren zeigen die Überheblichkeit eines Systems, das sein eigenes Sterben noch nicht erkannt hat, Dilettantismus gepaart mit Brutalität. Iwasiuk, Polizeichef von Sarajevo, Toni Slama, lässt gern foltern. Mit ihm wiehern die Amtsschimmel Gerichtspräsident Chmielewski, Heribert Sasse, Franz Graf von Harrach, Adjutant des Thronfolgers, Alexander Strobele, und Außenministeriumsbeamter Wieser, Michael Schönborn. Ein Quartett des Grauens. Wie immer erweist sich die Josefstadt (mit dabei: Eva Mayer als Kellnerin, Peter Scholz als Chauffeur, David Jakob als Gerichtsschreiber) als ausgezeichnetes Ensembletheater. Auf der Seite der Guten eigentlich nur Siegfried Walther als Arzt Dr. Sattler, der als Figur mittelprächtig naiv eine fabelhafte Leistung abliefert.

Steinhauer gibt sich am Anfang noch süffisant, selbstgefällig, aufmüpfig. Meine Herren, so kann Gerechtigkeit doch nicht funktionieren. Gerechtigkeit? Den Verdächtigen gegenüber ist er streng, aber korrekt, verbietet sich blutige Köpfe und zerschlagene Rippen. Er ist ein moderner Profiler, der sich Gedanken notiert und überprüft, die Sätze der Aufwiegler über ein neues Jugoslawien, ihre politischen Ideen, mit Kreide an die Wand schreibt, bevor er sie als Jubeldepesche nach Wien schickt. Doch: Cherchez la femme! Seine Marija und vor allem ihr Sohn Miloš sind so unschuldig vielleicht nicht, heißt: so weit weg von den serbisch-nationalistischen Ideen. Stemberger lässt in grandiosen Szenen die Rebellin durchblitzen, die Österreich-Hasserin, eine geheimnisvolle Frau, motiviert durch die Verhaftung ihres Kindes. Ist sie anfangs noch neckisch-verliebt, überredet Pfeffer zum Liebesspiel, wofür er den Thronfolgerempfang sausen lässt, wird sie zunehmend verbittert und hart.

Das bringt Pfeffer/Steinhauer in Zugzwang. Und zu einer außerordentlichen schauspielerischen Leistung. Die Emotionen brechen durch. Der Pokerspieler sucht die Asse in seinen Ärmeln. In dieser neuen Welt muss man zu seinem eigenen Vorteil handeln. Und Pfeffer glaubt eine Möglichkeit zu finden. Man will ihn erpressen, einen abschließenden Bericht an den Kaiserhof zu unterzeichnen. Da wird er selbst zum Erpresser. Zu der Art Schurke, die er niemals werden wollte. Miloš wird freigelassen – und sofort eingezogen.

Die vorletzten Worte hat Gideon Singer als Rabbi: Es gibt keine ganze Wahrheit außer der des Todes. Die letzten Worte sind ein Brief von Marija: „Lieber Leo, komm‘ gesund aus dem Krieg zurück …“

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=c8uAR101ulA&feature=youtu.behttp://youtu.be/c8uAR101ulA

www.mottingers-meinung.at/erwin-steinhauer-im-gespraech

www.mottingers-meinung.at/herbert-foettinger-im-gespraech

Wien, 4. 4. 2014

Erwin Steinhauer im Gespräch

März 14, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Schüsse von Sarajevo

Bild: © Nancy Horowitz

Bild: © Nancy Horowitz

Am 3. April wird am Theater in der Josefstadt „Die Schüsse von Sarajevo“ uraufgeführt. Milan Dor hat gemeinsam mit Stephan Lack den Roman seines Vaters Milo Dor, „Der letzte Sonntag“, für die Bühne adaptiert. Im Mittelpunkt der Handlung steht der von Erwin Steinhauer dargestellte Untersuchungsrichter Leo Pfeffer, hin- und hergerissen zwischen seiner Wahrheitspflicht als Jurist, jener Wahrheit die die Donaumonarchie bevorzugt, und der Verpflichtung gegenüber seiner serbischen Geliebten, deren Sohn in die Ereignisse verstrickt scheint. Die Kriegshetzer rufen laut, Leo Pfeffer ist ein Leiser – und wird doch zum Erpresser aus Leidenschaft und Verzweiflung… Mit Steinhauer spielen u. a. Julia Stemberger, Toni Slama, Siegfried Walther, Heribert Sasse, Alexander Strobele, Peter Scholz und Gideon Singer. Die Attentäter sind: Josef Ellers als Gavrilo Princip, Alexander Absenger als Nedeljko Cabrinovic und Matthias Franz Stein als Danilo Ilic. Regie führt Herbert Föttinger.

MM: Sie spielen nicht nur an der Josefstadt „Die Schüsse von Sarajevo“, Sie waren auch bei Andreas Prohaskas Sarajevo-Filmprojekt dabei. Sie haben sich mit dem Thema also sehr auseinandergesetzt. Welchen Bezug haben Sie zu Sarajevo?

Erwin Steinhauer: Ich bin von meinem Vater in den 60er-Jahren in Gavrilo Princips in den Asphalt gegossene Fußstapfen auf der Lateinerbrücke gestellt worden. Die gab’s damals noch, die heutige Regierung von Bosnien und Herzegowina hat sie planiert; es gibt auch kein Denkmal, das an Princip erinnert. Mein Vater hat mir die Geschichte erklärt. Das ist mein einer Zugang zur Historie. Der andere ist mein Großvater, der im Ersten Weltkrieg Soldat an der Isonzo-Front war, der hat nur von den Grausamkeiten erzählt, den haben diese Bilder ewig verfolgt. Seine grauslichen Schilderungen sind Teil meiner Kindheit. Ein sehr aktueller Bezug ist: Wir haben Bühnenarbeiter aus den jugoslawischen Folgestaaten, für die ist der Name Princip ein Begriff, die diskutieren gleich lautstark mit, wenn wir Schauspieler uns bei den Proben etwas erarbeiten. So aktuell ist es für diese Menschen! Mein Gemüsehändler ist auch von dort. Ich habe ihm erzählt, woran ich arbeite, und scherzhaft gefragt: Hearst, was habt ihr denn mit unserem Thronfolger aufgeführt? Darauf er: Was habt ihr bei uns auch verloren gehabt? Hab’ ich ihn gleich zur Premiere eingeladen.

MM: Und welche Schlüsse ziehen Sie über die Schüsse?

Steinhauer: Die Frage ist: Welchen Einfluss hatte Belgrad in der Sache? Bestimmte Kreise in Serbien wussten von der Planung dieses Attentats. Aber Ministerpräsident und König wussten sicher nichts! Der ranghöchste Mitwisser war Dragutin Apis, Chef des serbischen Geheimdienstes und der Schwarzen Hand!

MM: Sie spielen nun den Untersuchungsrichter Leo Pfeffer, der die Attentäter Princip, Cabrinovic und Ilic verhört. Wie ist der? Ein Kroate …

Steinhauer: Oder wie Leo Pfeffer zu Marija, seiner serbischen Geliebten sagt: Ich habe das ganze nationalistische Gefasel so satt, in meinen Adern fließt weder slawisches, noch deutsch, noch jüdisches, noch ungarisches Blut, in meinen Adern fließt ausschließlich Blut der Blutgruppe AB positiv. Einer der schönsten Sätze im ganzen Stück! Wir müssen die historische Figur Pfeffer von der Figur Pfeffer im Stück trennen. Es gibt über ihn auch zwei historische „Wahrheiten“. In der einen hat er den Ersten Weltkrieg – er soll ja „freiwillig“ als Soldat an die Front geschickt worden sein, weil er seine Aufgabe im Sinne der Habsburger-Monarchie nicht erfüllt und die „Schuld“ der serbischen Regierung nicht bewiesen hat – überlebt, ist zu Marija und der gemeinsamen Tochter zurückgekehrt, in der anderen ist er gefallen. Man weiß es nicht. Er war offenbar zu „unwichtig“, als dass sich die Geschichte weiter mit ihm gefasst hätte.

MM: Der Kern des Stücks …

Steinhauer: … ist für mich Pfeffers tragische Liebesgeschichte, die ihm in späten Jahren noch passieren darf. Er will mit Marija aus dem Kaff Sarajevo weg, nach Wien durch eine kleine Beförderung. Da kommt ihm das Attentat entgegen. Doch das war alles eine Fehlkalkulation: Marija würde nie ihren alten Vater in Sarajevo allein zurücklassen, und er, Pfeffer, schafft es nicht, die Verhöre so hinzudrehen, wie man es von ihm verlangte. Für ihn ist Serbien im juristischen Sinne unschuldig. Die serbische Frau an seiner Seite macht Pfeffer erpressbar, aber er wendet das Blatt und wird selbst zum Erpresser …

MM: Milan Dor hat gemeinsam mit Stephan Lack das Stück nach dem Roman „Der letzte Sonntag“ seines Vaters Milo Dor gestaltet. Welche künstlerischen Freiheiten habt ihr euch genommen?

Steinhauer: Die Fiktion von Milo wurde zur Fiktion von Milan. Milo Dor erzählt eine komplett andere Geschichte. Die Rolle Leo Pfeffer ist modifiziert worden, damit sie näher bei mir ist. In Wahrheit war der Mitte Vierzig, aber das geht sich für mich nicht aus. In meinem Alter! Ich hätte nicht diesen Karrieredrang nach Wien, ich wäre in Sarajevo geblieben, am Meer, im Cafe an der Strandpromenade, herrlich! Dann fahr’ ich auf eine Insel raus …

MM: Der Sonne entgegen …

Steinhauer: Damit hat meine Jugoslawienliebe natürlich auch viel zu tun. (Er lacht.) Also haben wir diese letzte Liebe des Leo Pfeffers in den Mittelpunkt gerückt. Es hat nur einen dramaturgischen Sinn, wenn es für ihn schlimm ausgeht, wenn er zwischen Job und Liebe zermahlen wird. Reiner Geschichtsunterricht hätte mich nicht interessiert. Oder, wenn ich mich hätte verbiegen müssen, mir die Haare Schwarz färben hätte müssen, das wäre nicht das Richtige für mich gewesen. Nur einen Schnauzbart habe ich mir wachsen lassen. Meine Frau mag ihn zum Glück beim Küssen – und meine Bühnenpartnerin Julia Stemberger auch.

MM: Ist das auch ein Lehrstück darüber, dass das Private immer politisch ist?

Steinhauer: Und das Politische immer privat. Das ganze Leben ist Politik. Die Frage ist nur, wie lebst du diesen Umstand und wie bekennst du dich dazu? Für mich war immer klar, dass, wenn man sich nicht selbst für gewisse Dinge interessiert, man nicht macht, sondern mit einem gemacht wird. Man muss Stellung beziehen, und das habe ich, glaube ich, mein Leben lang getan. Pfeffer verspürt am eigenen Leib, wie Politik in sein Leben eindringt, und versucht, das Beste daraus zu machen. Nach der heutigen Probe bin ich mir nicht mehr ganz sicher, ob Marija nur eine „kleine“ Revolutionärin war. Was weiß sie von den Aktivitäten ihres Sohnes Milos wirklich? Warum will sie ihn unbedingt nach Serbien bringen? Zur Sicherheit, oder ist er tiefer involviert, als es scheint.

MM: Hat Europa aus dem Weltkriegen etwas gelernt?

Steinhauer: Ja! Ich glaube schon. Das zeigt auch die jetzige politische Situation in der Ukraine. Es hat Zeiten gegeben, wo die Russen nicht lange gefackelt und einen Krieg begonnen hätten. Jetzt sind sie zwar auch in ihrem Hinterhof einmarschiert, aber es gibt Telefonate mit der EU und den USA, wo die Diplomatie Erstaunliches leistet. Das sind schon Fortschritte. Ich bin Optimist. Allerdings, wenn ich weiter weg schaue, wenn ich bis nach Syrien schaue, werde ich zum Pessimisten.

MM: Sie machen an der Josefstadt am 28. und 29. Juni „Die letzten Tage der Menschheit“ als Lesung. Auf den Spuren Helmut Qualtingers?

Steinhauer: Auf meinen eigenen Spuren. Ich habe es 1995 schon mit Franz Schuh in den Kammerspielen gemacht. Nun habe ich es erweitert, musikalisch betreut von meinen Kollegen Josef Pinkl, Schurl Graf, und Peter Rosmanith. Außerdem haben wir uns die Theremin-Spielerin Pamelia Kurstin dazugeholt, die für die von Karl Kraus vorgesehenen Sphärenklänge sorgen will. Wir geben dem Ganzen hoffentlich ein neues Gewand. Es ist wichtig am 28. Juni dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu gedenken. Danach spielen wir’s in Linz in der Oper und in Bad Ischl.

MM: Kommt nach „Feier.Abend“ ein neues Programm?

Steinhauer: „Hand aufs Herz“ im Herbst in den Kammerspielen. Das ist die Geschichte einer Band auf einem Kreuzfahrtschiff. Da spielen wir aber keine Coverversionen mehr, sondern Heli Deinböck schreibt für uns die Lieder.

TIPPS:

Das Theater in der Josefstadt gestaltet zu „Die Schüsse von Sarajevo“ eine Reihe ergänzender Veranstaltungen: Unter dem Titel „Bosnien – Geschichten aus der dunklen Welt“ finden am  7. und 8. April auf der Probebühne Lesungen mit bosnischer Literatur quer durchs 20. Jahrhundert statt. Es lesen  Sandra Cervik, Alma Hasun, Herbert Föttinger und Florian Teichtmeister. www.josefstadt.org/Theater/Stuecke/Josefstadt/Probebuehne/Bosnien-GeschichtenausderdunklenWelt.html Von 25. bis 27. April liest Michael Degen ebenda „Mir fällt zu Hitler nichts ein“, Texte von Karl Kraus bis Bert Brecht.  www.josefstadt.org/Theater/Stuecke/Josefstadt/Probebuehne/MirfaelltzuHitlernichtsein.html Und am 28. (dem Tag des Attentats) und 29. Juni folgen auf der Hauptbühne „Die letzten Tage der Menschheit“, Karl Kraus gelesen von Erwin Steinhauer, musikalisch betreut von Pinkl, Graf, Rosmanith und Kurstin. Weitere Vorstellungen dazu: auf Schloß Wartholz am 15. Juni, am 25. Juni im Salzburger Oval, am 26. Juni in Linz. Und als Nachspiel am 1. Juli Lehartheater Bad Ischl!

www.josefstadt.org

www.erwinsteinhauer.at

www.mottingers-meinung.at/erwin-steinhauer-macht-feier-abend

Wien, 14. 3. 2014