Nurejew – The White Crow

September 21, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der waghalsige Weg vom Sowjetflüchtling zum Weltstar

Der ukrainische Balletttänzer Oleg Ivenko brilliert in seiner ersten Schauspielrolle, hier als Rudolf Nurejew als Krieger Solor in „La Bayadère“. Bild: Alamode Film

„Monsieur Nurejew muss sich jetzt entscheiden“, sagt der Flughafenpolizist, und markiert damit den Moment, auf den der ganze Film abzielt. Der 23-jährige Balletttänzer sitzt im Wachzimmer auf dem Aéroport de Paris – Le Bourget, es ist der 16. Juni 1961, sein Blick ist gesenkt, die Hände zittern. Wird er im Westen bleiben oder in die Sowjetunion zurückkehren? Und was wird aus seiner Familie, wenn er sich für ersteres entscheidet? Wird er hier überhaupt Fuß fassen können oder nur als Trophäe des Kalten Kriegs gelten?

Man weiß, wie’s ausgeht, auch, dass der nunmehr Staatenlose 1964 als Tänzer und Choreograph an die Wiener Staatsoper engagiert wurde und im Zuge dessen die österreichische Staatsbürgerschaft annahm. Doch dank der virtuosen Darstellung von Oleg Ivenko kann man nicht anders, als augenblicklich um den verängstigten Flüchtling zu bangen. Der junge ukrainische Tänzer von der Tatar State Ballet Company verkörpert im Biopic „Nurejew – The White Crow“, ab 27. September in den Kinos, den späteren Weltstar. Es ist Ivenkos erste Arbeit als Schauspieler, und wie er sich dem egozentrischen, exzentrischen, mittelschwer explosiven Genie in körperlicher und künstlerischer Haltung nähert, ist von unfassbarer Authentizität.

Ralph Fiennes hat sich für sein drittes Regievorhaben nach dem Lesen der Biografie von Julie Kavanagh für diesen Wendepunkt im Leben der Legende begeistert, hat Dramatiker und Drehbuchautor David Hare ins Team geholt, der, wie er es formuliert, bereits das „berühmte Monster“ Nurejew kennenlernte, und der nun für sein Tun mit Clara Saint, Pierre Lacotte und weiteren Freunden und Wegbegleitern des Tanzgottes sprach. Gemeinsam entwickelten Fiennes und Hare für ihren Film eine Nouvelle-Vague-Ästhetik, die Kameramann Mike Eley in cremigen Bildern, und Production Designerin Anne Seibel und Kostümbildnerin Madeleine Fontaine perfekt bis ins kleinste Roaring-Sixties-Detail umsetzten.

Und weil es Fiennes, der auch Russisch spricht, wichtig war, mit russischen Schauspielern zu drehen, sind Chulpan Khamatova als Ksenija Puschkin, Fiennes selbst spielt Nurejews brillanten Lehrmeister Alexander Puschkin, Alexey Morozov als KGB-Agent Strischewsky, der ukrainische Ballettstar Sergei Polunin als Juri Solowjew und Anna Polikarpova, bis vor Kurzem Erste Solistin des Hamburg Ballett, als Primaballerina Natalia Dudinskaya Teil des Casts. Für die richtige Atmosphäre sorgt einmal mehr die Musik von Komponist Ilan Eshkeri, der auch bei den bisherigen Fiennes-Projekten dabei war, und der den Sound zwischen klassisch russisch und modern minimalistisch wechseln lässt.

Regisseur Ralph Fiennes spielt Rudis berühmten Leningrader Ballettlehrer Alexander Puschkin. Bild: Alamode Film

Nurejew ist sich ab seinen ersten Solos absolut sicher, dass er schon bald ein Weltstar sein wird: Oleg Ivenko. Bild: Alamode Film

Auch die Erzählebenen wechseln. Fiennes hat die drei Zeitfenster Paris 1961, Ausbildung am Choreografischen Institut Leningrad ab 1955 und die Kindheitsjahre in den späten 1940ern, gedreht auf 16 mm und in bis beinah zum Schwarzweiß gedämpften Farben, ineinander verwoben. „Nurejew – The White Crow“ beginnt am Anfang, am 17. März 1938, als Rudi in der bis zum Bersten vollen Transsibirischen Eisenbahn geboren wird. Auf diese Art zur Welt gekommen zu sein und sein Minderwertigkeits- empfinden wegen seiner ärmlichen Herkunft, werden den Hochsensiblen fürs Leben prägen.

Und wohl Ursache – zumindest interpretieren es Fiennes und Ivenko so – für seine wie eine Waffe geführte Hybris sein. Haupthandlungsstrang ist freilich Paris, wo Nurejew als Mitglied der Gastspieltruppe des Kirow-Ballett an der Opéra Garnier auftritt; aus den Schlüsselszenen dieses ersten Aufenthalts im Westen entwickeln sich die Rückblenden. An die 1940er-Jahre, und wie ihn die anderen Kinder schon im baschkirischen Dorf nahe Ufa „weiße Krähe“ nennen, den außergewöhnlichen Außenseiter, den der russische Kinderstar Maksimilian Grigoriyev spielt.

An seinen aus dem Dienst in der Roten Armee heimkehrenden Vater, der Rudi bei einem Jagdausflug allein im Wald zurücklässt; wie er mit seiner Mutter und seinen vier Schwestern dank einer in der Lotterie gewonnenen Eintrittskarte in Ufa seine erste Ballettaufführung sieht; der frühe Unterricht bei den ehemaligen Ballerinen Anna Udeltsova und Elena Vaitovich. An die Ausbildung in Leningrad ab 1955, wo Nurejew als 17-Jähriger fast zu spät ankommt, und daher sofort beschließt, die Ballettschule in der Hälfte der Zeit zu absolvieren. Da zeigt Oleg Ivenko Nurejews Hartnäckigkeit, seinen Fleiß, aber auch sein aufbrausendes Temperament, wenn er Lehrer ablehnt, die ihn zu wenig fordern, oder den von Nebojša Dugalić dargestellten Ersten Solotänzer Konstantin Sergejew, weil ihn irritierend, aus dem Ballettsaal wirft. Schließlich darf Rudi bei Alexander Puschkin vortanzen und wird in dessen Klasse aufgenommen. Eindrucksvoll intensiv ist dieses Zusammenspiel von Fiennes und Ivenko, der Zögling, der an des Meisters Lippen hängt, wenn dieser „Nur durch Disziplin erreicht man Freiheit“ doziert, dabei selbst aber vorm Apparat kapituliert hat.

Auf Sightseeingtour in der Sainte-Chapelle: Oleg Ivenko, rechts: seine späteren Lebensretter Pierre Lacotte (Raphaël Personnaz) und Clara Saint (Adèle Exarchopoulos). Bild: Alamode Film

Nurejew liebt das Flair in den Straßen von Paris und genießt das Sitzen in den legendären Kaffeehäusern: Oleg Ivenko. Bild: Alamode Film

Fiennes spielt Puschkin mit väterlicher Milde als Antithese zum Klischee des gestrengen Ballettlehrers, aber auch einer seltsam bizarren Bedachtsamkeit, mit einer Art gewaltsam erzwungener Zurückhaltung, die die politische Dimension seines Jobs verdeutlicht, ein Beiklang, der die gesamten 127 Minuten des Films begleitet. Sozusagen als Klammer dazu dient ein Verhör Puschkins durch den KGB, bei dem er beteuert, nichts von Nurejews Fluchtplänen gewusst zu haben. Als ihn daheim dann seine Frau fragt „Alles in Ordnung?“, wird er mit einem hocherfreuten „Ja!“ antworten.

Ksenija ist es auch, die Rudi nach einer Knöchelverletzung aus dem Krankenhaus holt, ihn in der ehelichen Wohnung, genauer: in deren Schlafzimmer aufnimmt, und dort Rudis „Entjungferung“ erledigt. „Nurejew – The White Crow“ bleibt stets nah an seinem Protagonisten. In langen Sequenzen von Proben und Auftritten zeigt nicht nur Ivenko sein Können, sondern auch, dass Rudis Selbstherrlichkeit, mit der er seinem Umfeld gehörig auf die Nerven geht, durchaus berechtigt war. Mit lakonischem Humor geht Ivenko an diesen Wesenszug heran: Als der noch unbekannte Tänzer auf einem Bankett etwa gefragt wird, ob er auf der Bühne gewesen sei, lautet die Replik trocken: „Hätte ich getanzt, hätten Sie es bemerkt“.

Dies vorgetragen nicht mit der Arroganz eines Angebers, sondern in der Vorahnung, dass er mit dieser Aussage einmal recht haben wird. Ivenko gestaltet seine Figur als wissbegierigen, intelligenten, charismatischen Mann, dem es nicht genügt, die Pflicht von Choreografien zu erfüllen, weil er das Leben zur Kür machen will. In Paris wird er zu Clara Saint und Pierre Lacotte sagen, er habe das „Feminine“ in seinen Stil integriert, um ebenso zu strahlen wie die beneideten Ballerinen, und um die männlichen Rollenparts endlich zu emanzipieren.

Auch Nurejews Bisexualität thematisiert Fiennes‘ Film unaufgeregt. Louis Hofmann ist als Rudis erster Geliebter, der ostdeutsche Tänzer Teja Kremke, zu sehen, ein Freigeist, der in Nurejew erste Fluchtgedanken keimen lässt. Kremke war Nurejew auch künstlerisch ein wichtiger Partner, hat er doch dessen Darbietungen gefilmt und gemeinsam mit Rudi auf Fehler analysiert – eine Erinnerung, ausgelöst beim Betrachten antiker Männerstatuen im Louvre. In Paris genießt Nurejew „La Liberté“, die Freiheiten und Freizügigkeiten des Westens in vollen Zügen.

Im Ballettsaal mit Juri Solowjew: Oleg Ivenko und der ukrainische Ballettstar Sergei Polunin. Bild: Alamode Film

Ein Wunsch aus Kindertagen erfüllt sich, als Rudi in Paris eine Modelleisenbahn ersteht: Oleg Ivenko und Sergei Polunin als Juri Solowjew. Bild: Alamode Film

Er kauft sich – sein größter Wunsch – eine Modelleisenbahn, mit der er mit Juri Solowjew, Zimmergenosse seit Institutstagen, spielt, pflaumt nicht gleich spurende Verkäufer und Kellner an, schlendert allein durch die Pariser Parks, bei all diesen Unternehmungen misstrauisch beäugt und wegen „kapitalistischen Verhaltens“ offiziell verwarnt von KGB-Aufpasser Strischewsky, den Alexey Morozov die Angst um die eigene Person aus allen Poren schwitzen lässt. Nurejew findet verlässliche Freunde im französischen Balletttänzer Pierre Lacotte und in der kunstsinnigen, irgendwie geheimnisumwitterten Chilenin Clara Saint.

Raphaël Personnaz und Adèle Exarchopoulos überzeugen als diese Charaktere, mit denen Rudi die Nachtclubs der Stadt und Jazzspelunken, in den Männer mit Männern und Frauen mit Frauen tanzen, unsicher macht. Dass Clara die Verlobte des bei einem Autounfall gestorbenen Sohns von André Malraux, seines Zeichens Links-Gaullist, Kulturminister und Autor des Romans „La Condition humaine“, war, wird Nurejew vor seiner Rückführung in die UdSSR bewahren. Dass der impulsive Rudi auch sie immer wieder beleidigt und beschämt, verzeiht sie ihm in ihrer bedingungslosen Zuneigung permanent …

In dieser letzten halben Stunde verwandelt Fiennes seinen Film in einen dramatischen Politthriller, der verdeutlicht, welche vernichtende Wirkung repressive Regime auf den Einzelnen haben. Als es nämlich weiter gehen soll zur nächsten Tourneestation London, wird Nurejew von Strischewsky und seinen Schergen von der Truppe abgesondert. Erst heißt es, er solle zurück in die Heimat, um bei einem Staatsempfang zu tanzen, dann seine Mutter sei erkrankt. Mit allen Mittel und allen möglichen Psychospielchen will man ihn nach Moskau verfrachten, wo er von der Bildfläche verschwinden soll.

Als Strischewsky mit Anklageerhebung droht und Nurejew nach dem Warum fragt, lächelt dieser zynisch: „Uns fällt schon was ein“ (es wurde eine Verurteilung in Abwesenheit wegen Landesverrats). Da projiziert Oleg Ivenko eine Furcht in seinen bis dahin unbezähmbare Kraft versprühenden Blick, dass es einem Gänsehaut macht. Und während die Ballettkollegen sich mit eingezogenem Kopf Richtung Gate davonschleichen, weicht der zur Verabschiedung mitgekommene Pierre als menschliches Schutzschild nicht von Rudis Seite – bis Clara alle ihr zur Verfügung stehenden Hebel in Bewegung gesetzt hat. Was folgt ist ein fulminanter Showdown, ein spektakulärer Befreiungsakt aus den restriktiven Fängen des sowjetischen Systems. Der Rest ist Geschichte …

 

Video: Teja Kremke fotografiert und filmt Rudolf Nurejew

www.nurejew-thewhitecrow.de

  1. 9. 2019

Bohemian Rhapsody

Oktober 30, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Biedermann und kein Brandstifter

Rami Malek als Freddie Mercury. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

„Das Einzige, das noch außergewöhnlicher ist als ihre Musik, ist seine Geschichte“, verheißt der deutschsprachige Trailer in großen Lettern. Allein, so stellt es sich nicht dar. Weder über Queen noch deren genialen Frontmann Freddie Mercury erfährt man in Bryan Singers Biopic „Bohemian Rhapsody“ Tiefergehendes bis tief Ergreifendes. Um dies hier nicht falsch zu verstehen, das ist kein Ruf nach Voyeurismus.

Aber der morgen in den Kinos anlaufende Film verhält sich zur Band- und Mercurys persönlicher Geschichte so beiläufig, als würde man gelangweilt seine alte Plattenkiste durchblättern. Rami Maleks sublime Performance als Freddie Mercury und der wie am Schnürchen abgespulte Greatest-Hits-Soundtrack können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Drehbuch, erst von Peter Morgan, dann übernahm Anthony McCarten, zu handzahm ist. Ein Umstand, der übrigens, glaubt man Branchenblättern, sowohl Singer – auch er knapp vor Drehschluss ausgetauscht und durch Dexter Fletcher ersetzt – als auch dem erstgenannten Freddie-Darsteller Sacha Baron Cohen sauer aufstieß. Aber die Masterminds Brian May und Roger Taylor wollten offenbar was Familienfreundliches, Altersfreigabe ist jetzt ab sechs, und das haben sie bekommen. Die Bandmitglieder kommen rüber wie Oberbuchhalter, alles Biedermänner, keine musikalischen Brandstifter. Hoffentlich ist ein Rockstar-Leben nie so unglamourös fade, wie’s in „Bohemian Rhapsody“ ausschaut.

Rami Malek als Freddie Mercury und Gwilym Lee als Bryan May. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Rami Malek als Freddie Mercury, Gwilym Lee als Bryan May und Joe Mazzello als John Deacon. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Am Unverzeihlichsten ist, dass der Film so ambivalent mit der Darstellung von Mercurys sexueller Zerrissenheit umgeht, aus der wohl sowohl seine Einsamkeit als auch seine Exaltiertheit resultierten. Zwar hat sich der Sänger nie offiziell zu seiner Bisexualität bekannt, und das war auch nicht notwendigerweise laut auszusprechen, hat er doch weder in Songtexten noch in der Art seiner Auftritte je ein Geheimnis darum gemacht.

Doch Mercurys Familiengeschichte und Vaterkonflikt, seinen barocken Partys und seinem Hereinfallen auf falsche Freunde, seinem Liebeskummer und den deshalb oft handfesten Streitereien, seiner Flamboyanz und Exzentrik, wird weniger Raum gegeben als seiner Hingabe für seine Katzen. May und Taylor wollten es sichtlich geschönt, geglättet, auch historisch hin und wieder feingeschliffen – et voilà.

Montreux fehlt ganz, auch David Bowie oder Montserrat Caballé, die München-Episode gibt‘s kurz und ohne Barbara Valentin, und als Mercury seine Band-Familie über seine HIV-Diagnose informiert, und eine Welt in sich zusammenbricht, steht das Drehbuch dieser Tragik so hilflos gegenüber, als hätte es „The Show Must Go On“ nie gegeben.

Das legendäre Band-Aid-Konzert 1985 im Wembley-Stadion, Beginn- und Schlusspunkt des Films, wirkt seltsam kleiner als das Original. Gute Momente immerhin hat „Bohemian Rhapsody“. Einen im rohen Look britischer Sozialdramen, als ein selbstbewusster Farrokh Bulsara mit seinem improvisierten Vorsingen auf einem Autoparkplatz May und Taylor von seinen Qualitäten überzeugt. Eine eskalierende Pressekonferenz, auf der die Journalisten nur an „faggoty Freddie“ interessiert sind, May jedoch über Musik reden will. Einmal, als im Studio gezeigt wird, wie May, einen Fußballfansong im Ohr, auf das Stampf-Stampf-Klatsch von „We Will Rock You“ kam. Und natürlich die Aufnahme von „Bohemian Rhapsody“, die Ben Hardy als Roger Taylor ein immer höheres „Galileo“ abverlangt. Wiewohl er nicht so hübsch ist, wie das Original einst war, leistet Hardy ganze Arbeit.

Queens legendäre Live Aid-Performance: Gwilym Lee als Brian May, Ben Hardy als Roger Taylor, Rami Malek als Freddie Mercury und Joe Mazzello als John Deacon. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Ebenso wie, bereits erwähnt, Rami Malek in seiner Anverwandlung des charmantesten Überbisses der Rockgeschichte auf ganzer Linie überzeugt. Joseph Mazzello ist ein glaubwürdiger John Deacon, und vor allem Gwilym Lee übertrifft alle Erwartungen, er hat sich Aussehen und Habitus von Brian May angeeignet, wie es vielleicht noch keinem Schauspieler bei einem Musiker gelungen ist.

Lucy Boynton besticht als Mercurys ehemalige Verlobte und Lebensmensch Mary Austin, Aaron McCusker ist anrührend als Mercurys letzter Lebenspartner Jim Hutton. Komödiantisch ist der Cameo von Mike Myers als Label-Verantwortlichem, der nicht an die Radiotauglichkeit der sechsminütigen „Bohemian Rhapsody“ glaubt. Myers sorgte bekanntlich Anfang der 1990er-Jahre mit „Wayne’s World“ dafür, dass der epische Song wieder in die Hitparaden kam … Alles in allem ist „Bohemian Rhapsody“ ein Film, an dem sich mutmaßlich viele Fans erfreuen, über dessen Ungenauigkeiten sich einige aber sicher ärgern werden. Den erhofften und erwarteten Blick hinter die Kulissen gibt es weder was die Band Queen und deren musikalisches Schöpfen, noch was Freddie Mercury und sein Leben angeht. Dexter Flechter bastelt dieweil schon an seiner nächsten Rockstar-Biografie, dem Elton-John-Biopic „Rocketman“. Man weiß nicht, ob man sich da freuen oder fürchten soll.

www.foxfilm.at/bohemian-rhapsody

Trailer: www.youtube.com/watch?v=2Xw1jDUIACE

  1. 10. 2018

Mike Supancic: Im Jenseits ist die Hölle los

Januar 28, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der gfeanzteste Herzkasperl im Kabarettzirkus

Mike Supancic beim Repetieren seiner halbautomatischen Humtata Bild: © Ernesto Gelles

Mike Supancic beim Repetieren seiner halbautomatischen Humtata
Bild: © Ernesto Gelles

Das Beste kommt zum Schluss. Die Wutbürgerparade auf der Mariahilfer Straße. Die liegt ja günstigerweise vor dem Stadtsaal, und dort lässt Mike Supancic die Unzufriedenen aufmarschieren. Die eingeglasten Nicht- und Raucher, Führer-Scheinbesitzer und verflixt flinke Fußgänger, die Schnitzel- und die Selleriefresser, Hassposter und ihre Gotteskrieger. Im Internet wenigstens die Wahrheit steht. Der Radetzkymarsch wird im Pegidaschritt durchkreuzt, kurz überlegt das Publikum, ob es mitklatschen soll, lässt es aber – jahaha!, Supancic und seine Auslegungen sind subtil auszulegen. Und apropos Verführer, natürlich ist der Anführer der Mit-mir-sicher-nicht-Bewegung da. Er rappt und reimt … Strache … auf … Rache.  Überhaupt sind die Reime wieder Weltklasse.

Supancic, der lustigste Steirer jenseits des Trachten- und Volkstanzvereins „Lustige Steirer“, hat ein neues Programm. Das heißt „Im Jenseits ist die Hölle los“ und ist, ehrlich gesagt, ein bissel jenseitig, weil’s von den ewigen Jagdgründen bis zu den ungarischen geht. Was quasi schon jenseits von Gut und Böse ist, aber nicht stringent erzählt wird. Falls Logik eine Kabarett-Kategorie ist. Die Gürtellinie ist jedenfalls grenzzaunlos und für Bitterböse wurde sowieso noch keine bauliche Maßnahme erfunden, in Summe lässt sich also sagen: Man hat im Fritz Kortner’schen Sinne bis zum Sich-Anwischerln gelacht. Supancic spielt seine größten Stärken als Singer-Songklauer-Stimmimitator wie Atouts aus. Doch weil man das Gefühl nicht los wird, er habe um ein paar echt klasse Lieder eine krampfige Rahmenhandlung geschummelt, sticht er nicht so hoch wie sonst.

Los geht’s mit „Sympathy for the Devil„. Mike Supancic ist nämlich gestorben, und wie’s schon so heißt, dieser Weg er wird kein leichter sein, führte er über einen Supersaveshaver und ein Krokodil bis zur Terrorgruppe Fast Food. Nicht fragen! Das Ganze stellt sich sowieso als Irrtum heraus, in diesem Programm ist nichts und niemand sicher, jedenfalls landet Supancic bei diversen Begräbnissen, einem Gipfeltreffen der Todesarten – der Selbstmord ist ein Steirer: schnell, sauber, freiwillig – und schließlich bei Viktor Orbán. Letzteres war vom Gevatter als Rückführung gedacht, allerdings im Sinne früheres Leben nicht Flüchtling. Supancic, der große Poet, ist der gfeanzteste Herzkasperl im Kabarettzirkus. Ein König unter den Faschingsprinzen. Er schlägt mit Schlagern gnadenlos zu, die halbautomatische Humtata ist eine von ihm neu erfundene Waffengattung, weil er genau weiß, wie subversiv auf Ung’schmackig geht. Zu „The Girl from Ipanema“ wird Organdiebstahl an einem Straßenkind begangen, „Wand’rin‘ Star“ wird zu „Pornos schauen“, „Da Ya Think I’m Sexy?“ im Falsett gesungen zur Ode an den Schönheits-OP-Wahn.

Das ist so schiach, dass einem der Schiach angeht. Supancic hat mehr Stimmen als tausend Teufel. Und noch mehr Loavn. Er hat das Triviale einmal mehr zur Kunst erhoben. Er fabuliert über die Modedroge Magic Steckerlfisch und den VW-Konzern, lässt Falco unter den Wohlstandsverlierern die „Helden von heute“ suchen und Niki Lauda die zwei Hustinettenzuckerl, die früher mehr in der Packung waren. Anlässlich seines Titel-Diebstahls rast er noch schnell über den Datenschutz-Highway. Bis der Fidesz-Führer schließlich den Segen Urbi et Orbán erteilt: „Ganz weit hinter Debrezin, da soll reden der Muezzin“. Da kann sich einer vor Ärger blau kickln, dass ihm das nicht selber eingefallen ist … Jedenfalls ist es kein Wunder, dass Supancic zwischen den Synonymen blöd und Politik den roten Faden verliert. Und apropos Symbiont, ein gruseliger Wirt kommt auch noch vor. Was dann den Stammtisch des Schreckens endgültig an seinen Richtwert bringt. Sogar bei „Einer geht noch, einer geht noch rein“ ist irgendwann Obergrenze Unterlippe.

Was alles wurscht ist. Weil, im Stadtsaal war Schihüttenstimmung. Mike Supancic ist der geborene Entertainer. Und was noch wichtiger ist: Er hat sich wirklich gut unterhalten. Und sein Publikum erst recht. Sympathy for the Supancic. Ob die Aufklärungsrate von Revierinspektor Schmelzer das gleiche Kultpotenzial hat, wie ein O’Leary oder die OEBB-Train, wird sich zeigen.

Termine derzeit von 29. Jänner bis 2. Juni von Kulisse Wien bis Casineum Graz.

www.supancic.at

Wien, 28. 1. 2016

Mike Smith: Boko Haram. Vormarsch des Terror-Kalifats

September 24, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein Augenzeugenbericht über Nigerias unheiligen Krieg

9783406682193_coverSchätzungen zufolge sind mehr als eine Million Menschen, darunter viele Kinder, auf der Flucht. Mehr als 10.000 Menschen sind seit 2009 in Nigeria, dem mit ca. 170 Millionen einwohnerreichsten Staat Afrikas, ums Leben gekommen – das Werk der Terror-Miliz Boko Haram. Doch woher kommt diese fundamentalistische islamische Gruppe, die so viel Schrecken, Angst und Gewalt in Nigeria und seinen Nachbarstaaten verbreitet? Der amerikanische Journalist Mike Smith hat sich drei Jahre lang auf die Spuren dieser Fanatiker geheftet und seine Eindrücke und Ergebnisse in dem brandaktuellen Buch „Boko Haram – Der Vormarsch des Terror-Kalifats“ niedergeschrieben.

Und diese geben großen Anlass zur Sorge, für die Menschen in Nigeria, aber auch weltweit. Denn eines ist sicher: Eine zufällig zusammengewürfelte Bande, wie manche nigerianische Politiker und Militärs der Weltöffentlichkeit weiß machen möchten, sind Boko Haram sicher nicht. Das wäre auch eine allzu einfache Erklärung. Die Wurzeln und Gründe für ihr Entstehen bzw. ihr Erstarken in den letzten Jahren liegen tiefer. Sowohl in der nigerianischen Gesellschaft als auch in der leidvollen Geschichte des westafrikanischen Staates, der 1960 seine Unabhängigkeit von den britischen Kolonialherren erhielt. „Boko Haram ist ein Problem, das seine Wurzeln in Nigeria hat und das die Nigerianer lösen müssen“, weiß der Autor und Kenner des Landes.

Smith geht auf Spurensuche. Er befragt nigerianische Politiker, Militärs, Einwohner, Sympathisanten und Opfer von Boko Haram, die aus ihrer Sichtweise die Ereignisse schildern. Er reist an die Orte der Gewalttaten und macht sich ein Bild. Er besucht, trotz Behinderungen der lokalen Behörden, die Millionenstadt Kano im Norden des Vielvölkerstaates, wo Anfang 2012 einige Tage bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten und sich die Armee und Boko-Haram-Kämpfer wilde Gefechte lieferten, Abuja, die Hauptstadt, wo 2011 ein Sprengstoffanschlag von Boko Haram auf ein UN-Gebäude mindestens 23 Todesopfer forderte oder Chibok und die Schule, aus der am 14. April 2014 300 Mädchen von den Islamisten verschleppt wurden. Viele von ihnen sind bis heute nicht aufgetaucht. Damit entsteht ein lebhaftes Bild der Ereignisse und ein Buch, das weit über das Sollen und Wollen eines Sachbuches hinausgeht.

Nigeria ist heute Afrikas größte Volkswirtschaft, doch das bedeutet für die Mehrheit der Nigerianer, die weiterhin von weniger als einem Dollar pro Tag leben muss, wenig oder gar nichts. Sie ist gezwungen, sich irgendwie über Wasser zu halten, während ihre Führer und korrupten Wirtschaftsmagnaten sich, von der Polizei eskortiert, mit ihren Geländewagen gewaltsam den Weg durch den Verkehr bahnen und hinter den Schutzmauern ihrer Wohnanlagen verschanzen. Schmiergelder gehören in Nigeria ebenfalls zum Alltag, und dann gibt es noch den Unterschied zwischen dem großteils muslimischen Norden und dem christlichen Süden, in dem sich die Erdölvorkommen des Landes befinden. Gewalt prägte und prägt die Geschichte des westafrikanischen Staates. Auch nach der Unabhängigkeit 1960, die im Sezessionskrieg Biafras (1967-1970) und dessen Scheitern gipfelte. Die Kultur des Nordens unterscheidet sich stark von der des Südens, da sich im Mittelalter zusammen mit dem Handel auch der Islam in den Savannengebieten südlich der Sahara ausgebreitet hat. Im Großteil des heutigen Nordens wurde Anfang des 19. Jahrhundert nach einem bewaffneten Dschihad unter der Führung von Usman dan Fodio, einem islamischen Geistlichen, das Kalifat Sokoto errichtet, das erst von den Briten beendet wurde. Der Norden und Süden wurden eins. Das heutige Nigeria ist nur dem Namen nach ein Nationalstaat. Es wurde vielmehr aus diversen traditionellen Gesellschaften und Hunderten von ethnischen Gruppen zusammengewürfelt.

Smith: „Neben kulturellen und historischen Faktoren sind jedoch vor allem die legendäre Korruption und Misswirtschaft in Nigeria verantwortlich für den desolaten Zustand des Nordostens und des Landes insgesamt. Nigerianer aus allen Ethnien und Regionen haben jegliches Vertrauen in die Regierung, das Rechtssystem und die Sicherheitskräfte des Landes verloren, das sie vielleicht einmal hatten.“ Viele im Norden betrachten die Demokratie inzwischen als System, das sie in Armut belässt und unwürdige, korrupte Führer reich macht. Zusammengefasst: Armut, keine Bildung, Korruption auf allen Ebenen, dazu unzählige Staatsstreiche und Umstürze, die gescheitete Sezession Biafras im Osten des Landes, die Millionen Tote forderte: In dieser Atmosphäre begann Mohammed Yusuf, Boko Harams erster Führer, damit, seine Anhänger um sich zu scharen.

Der Autor zeichnet seinen Aufstieg (1970 geb., 2009 nach seiner Gefangennahme vermutlich von den Sicherheitskräften erschossen) soweit es die Quellenlage erlaubt nach. Zuerst war er Gefolgsmann des Predigers Sheikh Ja’far, der den Koran auf sehr eigenwillige Weise interpretierte, bald ging er seine eigenen, radikaleren Wege (u.a. gegen alle westliche Formen von Bildung und dem Aufruf an die Muslime des Landes nicht an einer weltlichen Regierung teilzunehmen). Das war um das Jahr 2003, quasi dem Geburtsdatum der Gruppierung, die später als Boko Haram (Haussa-Ausdruck für „Westliche Bildung ist verboten“) zu trauriger Berühmtheit gelangte, auch wenn sie sich selbst als „Vereinigung der Sunniten für den Ruf zum Islam und den Dschihad“ bezeichnet. Bald danach verübte die radikal-islamische Gruppierung die ersten Anschläge auf Polizeistationen. Yusuf scharte in seinem Kreuzzug gegen westliche Einflüsse eine vor allem aus jungen orientierungslosen, arbeitslosen Menschen bestehende Anhängerschaft um sich.

Seine Hass-Predigten und Video-Botschaften wurden militanter. Er bereitete seine Anhänger auf den Kampf gegen das Böse auf der Welt und gegen den nigerianischen Staat vor. Am 26. Juli 2009 begann schließlich der Boko Haram-Aufstand, der drei Tage andauern sollte und mit der Verhaftung Yusufs und seinem Tod endete. Boko Haram ging in den Untergrund. 2010 flammte der Terror unter Abubakar Shekau, Yusufs ehemaligem Stellvertreter mit Anschlagserien in mehreren Städten Nigerias erneut auf. Die Präsidenten wechselten, der Terror blieb. Die Regierungsmacht ignorierte das Problem bzw. glaubte, es im Griff zu haben. Doch schon bald breitete sich die Welle der Gewalt vom Norden auf den Middle Belt Nigerias und auch in den Süden aus, bis 2012 der nationale Notstand ausgerufen werden musste. Shekau bekannte sich und die Boko Haram zu Anschlägen in Kano und anderen Städten. Diese richteten sich nun nicht mehr nur gegen Repräsentanten des Staates.

In den Auseinandersetzungen wurden und werden auch Verbrechen der nigerianischen Sicherheitskräfte begangen, wie Berichte von Human Rights Watch belegen. Bürgerwehren sollen für Sicherheit vor den islamischen Extremisten sorgen, die Grenzen zwischen Täter und Opfer verschwimmen und Boko Haram wendet eine neue Strategie an, die von Entführungen von Mädchen bis zu Selbstmordattentaten reicht. Auf der anderen Seite steht die Ohnmacht der nigerianischen Regierung und die hilflosen, ja kontraproduktiven Gegenmaßnahmen der Einsatzkräfte. „Tatsächlich war es doch gerade Nigerias Unfähigkeit, den Aufstand zu bekämpfen und das Vertrauen der eigenen Bevölkerung zu stärken, die es Boko Haram ermöglicht hatte, immer weiter zu wachsen und eine solche Wirkung zu entfalten ­ auch wenn es übertrieben ist, von einer Art ,al-Qaida West- und Zentralafrikas‘ zu sprechen.“, resümiert Smith.

Das Buch beginnt mit den Ereignissen in Kano 2012 und erzählt von einem Opfer der Anschläge, dem Polizeibeamten Wellington Asiayei, der für immer gelähmt bleiben wird – und endet mit dessen Tod 2015. „Die Debatte über Boko Haram, die internationalen Verbindungen und Dschihad-Ambitionen der Terrorgruppe wird und sollte weitergehen. Sie ist jedoch für jene, die tagtäglich mit der Realität der Gewalt konfrontiert sind, fast irrelevant. Das Problem ist kein Geringeres als der derzeitige Zustand Nigerias und die Art, wie das Land beraubt wird – seines Reichtums und, wichtiger noch, seiner Würde“ , schreibt Smith am Ende wenig hoffnungsvoll. Ob der seit einigen Monaten neu im Amt befindliche Präsident Muhammadu Buhari, selbst ehemaliger Militärherrscher des Landes, das Problem lösen wird, bleibt offen.

Über den Autor:
Mike Smith hat seit 2010 den Aufstieg von Boko Haram in Nigeria für die Nachrichtenagentur AFP beobachtet. Er veröffentlicht zahlreiche Artikel in großen Zeitungen und Magazinen wie „Slate magazine“ oder „The Guardian“.

C.H.Beck, Mike Smith: „Boko Haram – Der Vormarsch des Terror-Kalifats“, Sachbuch, 288 Seiten. Aus dem Englischen von Ursula Pesch, Karlheinz Dürr und Karsten Petersen

Literaturtipps:
Chimamanda Adichie: Die Hälfte der Sonne. Ein packender Roman über den Biafra-Krieg (1967-1970), München 2008
Wole Soyinka: Brich auf in früher Dämmerung. Erinnerungen des nigerianischen Literaturnobelpreisträgers, Zürich 2008
Toyin Falola: A History of Nigeria, Cambridge 2009
Richard Bourne: A New History of a Turbulent Century, London 2015

www.chbeck.de

Wien, 24. 9. 2015

Planet Ottakring

August 11, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Sozialsatire aus dem Sechzehnten

Michael Steinocher, Lukas Resetarits Bild: © Luna Filmverleih

Michael Steinocher, Lukas Resetarits
Bild: © Luna Filmverleih

Am 14. August startet „Planet Ottakring“, das Kinodebüt von „Cop Stories“- und „Schnell ermittelt“-Regisseur Michi Riebl. Der sympathische Filmemacher, selbst ein Kind aus dem 16. Hieb – „meine Kindheit hat sich zwischen Ottakringer Friedhof und Brunnenmarkt abgespielt“ -, hat dafür eine illustre Schar von Schauspielern versammelt: Michael Steinocher, als Kiberer bereits Ottakring-erfahren und derzeit in Sachen „Cop Stories“ wieder sehr intensiv im Einsatz, spielt Sammy, einen sympathischen Slacker und Amateurganoven, der nach dem Tod von Disko, dem alten Paten von Ottakring, dessen letzten Willen erfüllen muss: Schutzgelder einheben, kriminelle Unternehmungen finanzieren, Probleme lösen, den Überblick behalten … Nur: Sammy ist kein begnadeter Mafioso. Berlinerin Valerie (Cornelia Gröschel), Wirtschaftsstudentin einer deutschen Elite-Universität, möchte eine Arbeit über „die Schattenwirtschaft im europäischen Subproletariat“ schreiben. Sie reist nach Ottakring, um vor Ort in einer Kreditvermittlung ihr theoretisches Wissen in praktisches zu transformieren. Dem ansässigen Kredithai, Frau Jahn, steht allerdings der Sinn nach Höherem und nach mehr. Viel mehr. Die großartige Susi Stach gibt die habgierige Geldverleiherin, die an Diskos kleines schwarzes Büchl kommen will, nicht ahnend, dass es bei Sammy ist. Der holt sich bei Querdenker-Opa Lukas Resetarits  – „alle Geldmittel sind illegal“ – die letzten Ezzes für eine gerechtere Welt und zieht mit Valerie in den Kampf gegen das Kapital.

„Ursprünglich war Ottakring ja ein Arbeiterbezirk, heute ist es ein hipper Bezirk und gleichzeitig, noch mehr als damals, ein Einwandererbezirk. Mein Ottakring im Film ist natürlich ein poetischer Blick darauf“, sagt Michi Riebl auf die Frage nach den eigenen Gesetzen, die offenbar rund um den Yppenplatz herrschen. Wichtig war ihm, die Gegensätze, die sich dort anziehen, darzustellen: „Dass einer Shit verkaufen kann und trotzdem ein klasser Kerl ist. Dass man ein Kaffeehaus besitzen kann und trotzdem kein Geld hat. Dass man einen Mercedes fährt und trotzdem nicht mal den Tank zahlen kann. Diese Kontraste – das ist nicht schwarz-weiß, das ist charmant“. Eine „sozialromantische Gaunerkomödie“ nennt Drehbuchautor Mike Majzen sein Script. Das Märchenhafte der Handlung gab Riebl die Gelegenheit, manche Figuren langer than life zu gestalten: „Gerade bei den bösen Figuren habe ich mich entschieden, sie saftiger zu präsentieren, auch das comichafte zuzulassen. Wir nehmen die Jahn (sehr schön Pulp Fiction: ihr Bondager im Terrarium!) genauso ernst wie Sammy oder Valerie, aber sie durfte ein bisschen mehr Farbe haben.“

Der Mix aus erdig und grell steht Ottakring gut. Mit viel Gspür für sein altes Grätzl hat Riebl eine Satire über Macht und Ohnmacht des Geldes inszeniert, die Kult-Potential hat. Dass die Komödie zur Krise funktioniert, ist nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass die Chemie zwischen den Darstellern stimmt. Michi Steinocher ist wieder ganz Harte-Schale-weicher-Kern, seinem goscherten Schmäh ist einfach nicht zu widerstehen. Die liebevoll gezeichneten Nebencharktere füllen Sebastian Wendelin, Serkan Kaya, Sandra Cervik, Maddalena Hirschal und Erika Deutinger mit Leben.

planetottakring.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=KVIOMfGXwtA

Wien, 11. 8. 2015