Schauspielhaus Graz streamt: Zitronen Zitronen Zitronen

April 1, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Parabel zum Ende der Redefreiheit

Katrija Lehmann und Maximiliane Haß. Bild: © Lex Karelly

Bernadette und Olivia, beim britischen Autor Sam Steiner noch ein Oliver, sitzen also in einer Art Endzeit-Eden, dem botanischen Garten Graz; ein Liebespaar sind die Frauen, eines in Himmelblau und Himbeerrosa, die paragraphengetreue Juristin gekleidet in der kalten Farbe, die rebellische Musikerin in der warmen. Die Couleur wird noch Bedeutung kriegen, wenn sie erst die Shirts wechseln.

Doch vorerst beobachtet man sie via Bildschirm beim Halbsatz-Stammeln, wie sie um Worte ringen, Klopfzeichen üben oder Scharade spielen, beides mit wenig Erfolg … Das Schauspielhaus Graz streamt als Deutschsprachige Erstaufführung Sam Steiners Dialog-Dystopie „Zitronen Zitronen Zitronen“; Online-Premiere war gestern.

Regisseurin Anne Mulleners hat zusätzlich zur Post-Lockdown-Live-Version mit Filmemacher Thomas Achitz und Toningenieurin Elisabeth Frauscher diesen Theater-Stream erarbeitet – und ab den ersten Filmminuten wird klar: Steiners preisgekröntes, sprachgewaltiges Wortkargheitsstück, 2015 im von ihm mitbegründeten Manchester Walrus Theatre uraufgeführt, ist eines der Stunde.

Hie – Pandemie-bedingt – die eingeschränkten Sozialkontakte, die Beschränkungen für Kunst und Kultur, da schier endloses Polit-Schwafeln, jenseits die Hasspostings, ach, waren das Zeiten, als Twitter lediglich 140 Zeichen zuließ und ein SMS auf 160 festgesetzt war. Mit 140 Worten pro Tag werden sich Bernadette und Olivia, in den Rollen die Schauspielerinnen Katrija Lehmann und Maximiliane Haß, bald begnügen müssen. In deren nicht näher definiertem Middle of Nowhere hat das Regime verfügt, den Mitteilungsdrang seiner MitbürgerInnen per Gesetz zu drosseln. Eine Schweigeverordnung wird erst beantragt, dann beschlossen.

Zum Sound von Mihai-Constantin Codrea und Sânziana-Cristina Dobrovicescu wabert eine bedrohliche George-Orwell-Atmosphäre durch den Raum. Den Mangel an Konversation macht Sam Steiner an allen Formen von Kommunikation deutlich, ihrem Fehlen, den Floskeln und Fehlern, den Versprechen und Versprechern, auch Worthülsen, die scharf wie Patronen sein können. Mundtot, merke!, ist auch irgendwie erschossen.

„Zitronen Zitronen Zitronen“ erzählt vom staatsstrategischen Sturm auf die Rede- ist gleich Meinungs- und damit Schillers Gedankenfreiheit. Erzählt von der Verunmöglichung Stellung zu beziehen und Sachverhalte darzulegen,  erzählt von der Macht derjenigen, die über Sprache verfügen, was diejenigen machtlos macht, die sprachlos sind. „Die Mächtigen bleiben mächtig, weil niemand genug Wörter hat, sie infrage zu stellen“, sagt Olivia, als sie von einer Demo heimkommt. „Die Demokratie wird limitiert.“

Fiktion? Fakt ist: Die französische Regierung will bei Androhung von bis zu 45.000 Euro Geldstrafe und einem Jahr Gefängnis verbieten, Polizisten zu filmen und die Videos auf Social-Media-Kanälen zu posten. Die USA gelten als Erfinder der Cancel Culture. In Österreich bescheidet eine Ministerin einer Journalistin im Zuge einer Pressekonferenz, sie hätte die falsche Frage gestellt – Stichwort Chatprotokolle oder: per Chatten in die Chefetage [Olivia: „Vetternwirtschaft multipliziert sich und das exponentiell, bis sie die einzige Möglichkeit ist, einen Job zu finden, weil: Wer hat genug Worte für ein Bewerbungsgespräch?“], von der geplanten Änderung der Strafprozessordnung bei Razzien ergo einem Knebel für die Justiz stückkonform „ganz zu schweigen“.

Maximiliane Haß ist in Anne Mulleners‘ hochkonzentrierter, schnörkelloser Inszenierung als Olivia ganz idealistische Künstlerin, der das Tageslimit nicht einmal für einen Songtext reicht, eine hitzköpfige, linke Barrikadenstürmerin, eine Emmeline Pankhurst der Arbeiterklasse; man sieht sie förmlich als Partisanin fürs Recht auf Rede kämpfen. Nicht mehr lange, und sie wird als ein Zerrbild des Zorns einen Ziegelstein werfen, bei einer Protestkundgebung, eine Tat, die sie in die „Wer schreit, hat unrecht!“-Ecke stellt.

Anwältin Bernadette, von Katrija Lehmann mit kühler Glasklarheit verkörpert, von Berufs wegen Verordnungsversteherin, gibt sich hingegen systemkonform. Doch was, wenn ein System nicht mehr konform mit seinen Mitgliedern ist? Die Frauen hören „Nachrichten“, eine quietschende Kakophonie und punkto Meinungsmacher-Medien bis zum Rand beladen mit Symbolik. Die Sendung ist ein Aufruf, sich in Kürzeln zu verständigen. Kürzel, Kürzungen, Einsparungen, es trifft immer nur das Volk. Bernadette weiß längst, dass die Politiker ein parlamentarisches Wörterschutzgebiet für sich und ihre Freunde angelegt haben.

Katrija Lehmann und Maximiliane Haß. Bild: © Lex Karelly

Maximiliane Haß. Bild: © Lex Karelly

Katrija Lehmann und Maximiliane Haß. Bild: © Lex Karelly

Maximiliane Haß und Katrija Lehmann. Bild: © Lex Karelly

Steiners cleveres Sprach-Spiel holt das Private ins Politische. Die jeweilige Auslegung des neuen Gesetzes ist eine Feuerprobe für die Beziehung, und dann ist da noch Julie, Olivias Ex, und Bernadettes Eifersucht – Bernadette und Olivia sind Lover mit höchst unterschiedlichen Ansprüchen, aber tiefer gegenseitiger Zuneigung. Wenn Steiner vom „eigenen Wörterbuch“, das jedes Paar im Laufe der Zeit anlegt, schreibt, vom „Handbuch, Dinge zu benennen“, wie’s die neue Partnerin nicht weiß, dann lässt er seine Figuren viel Wahres sagen.

Haß und Lehmann genießen die ihren Charakteren in den Mund gelegten Spitzfindigkeiten, die Spitzzüngigkeiten, zu denen derart wohl nur Frauen fähig sind. Und Mulleners lässt gerade so viel Unnahbarkeit auf der einen und Empathie auf der anderen Seite zu, dass der Dauer-Clinch der Liebenden gut nachvollziehbar ist.

Ein wortreicher Streit ist ohnedies nicht mehr zu schaffen, doch umso schmerzhafter ist es, wenn einem später sogar die Reserve für ein „Tut mir leid“ oder „Verzeih mir“ fehlt. Oder ist es manchmal besser, einfach nichts zu sagen? Diese Parabel zum Ende der Redefreiheit ist auch eine aufs Nicht-mehr-miteinander-sprechen-Können, im Sinne von: nicht-sprechen-Wollen. „Kein Herumeiern mehr“, konstatiert Bernadette, dazu ein Klirren wie von tausend Windspielen, auf Amazon heißen sie „Harmony“ und „Melody“, davon findet sich hier nichts mehr.

Dies der Reiz an „Zitronen Zitronen Zitronen“: Weder Steiner noch Mulleners deklinieren lange an den großen gesellschaftspolitischen Fragen herum, sie machen sie im Kleinen sichtbar, wenn die Protagonistinnen nach dem Karl-Kraus’schen Sager vom Trennenden der gemeinsamen Sprache agieren. Von den überwucherten, architektonisch futuristischen Gewächshäusern der Uni Graz geht’s via Schwarzweiß-Schnitt in die frühere Wohnung und retour, eine schöne Idee, die den Flow des Well-made play unterstützt und eine visuelle Qualität ins Spiel bringt, die nur der Film erzeugen kann. Nach dem Sprach-Survivaltraining wird der Ernstfall nicht mehr geprobt, sondern gelebt.

Gespenstisch ist das, wenn Olivia mitten im Zank keinen Ton mehr herausbringt, ihr der Ton quasi abgedreht wird. „Bist du schon alle?“, fragt Bernadette, hierzulande ein Unwort, erstmals aufgeführt im Wörterbuch der Gebrüder Grimm und auch von Martin Luther angewandt, „alle“ gleich leer, aufgebraucht – worauf Bernadette ihre paar übrigen Wörter, ihre eiserne Reserve für Nonsens verpulvert. „Zitronen Zitronen Zitronen“, ruft sie den Stücktitel.

So gibt’s zum Schluss, was an Happy End halt machbar ist. Die aufgezwungene Redereduktion hat nicht zur Auflösung, sondern zur Festigung der Beziehung geführt, und vorm inneren Auge sieht man die Männer nicken, nur nix zerreden, Silence is golden!, und ein paar haben sicher auch den Aphorismus im Sinn: Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limonade draus! Wie ihre Darstellerinnen Katrija Lehmann und Maximiliane Haß in ihrer Authentizität greifbar sind, so werden Bernadette und Olivia immer konkreter. „Liebdich!“ ist ihnen auf einmal ein Wort, weil zusammengesetzte nicht doppelt zählen. Zusammen geht’s zur nächsten Anti-Regierungs-Demo. Wie wunderbar, wenn ein „Ich bin hier!“ [an deiner Seite und für dich da] plötzlich alles sagt.

Weitere Streaming-Termine sind am 9., 13. und 29. April, jeweils 19.30 Uhr.

schauspielhaus-graz.buehnen-graz.com            Trailer: www.youtube.com/watch?v=KNMaFLfqN9c

  1. 4. 2021

Wiener Festwochen: Oameni obişnuiţi / Gewöhnliche Menschen

Juni 1, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein etwas langatmiges Antikorruptionskabarett

Die Whistleblowerin und ihre Widersacher: Marius Turdeanu, Ioan Paraschiv, Mariana Mihu, Florin Coşuleţ und Ofelia Popii. Bild: Sebastian Marcovici

Die Whistleblowerin und ihre Widersacher: Marius Turdeanu, Ioan Paraschiv, Mariana Mihu, Florin Coşuleţ und Ofelia Popii. Bild: Sebastian Marcovici

Die rumänische Regisseurin Gianina Cărbunariu und das Teatrul National Radu Stanca Sibiu zeigen bei den Wiener Festwochen ihre Arbeit „Oameni obişnuiţi / Gewöhnliche Menschen“. Whistleblower aus Großbritannien, Italien und Rumänien wurden für diese Produktion befragt, nicht Medienstars wie Snowden oder Assange, sondern Alltagshelden, in Workshops mit einem ersten Publikum der Text erarbeitet.

Doch was nun im Theater Akzent zu sehen ist, hat die theatrale Relevanz der PULS4-Show „Bist du deppert!“. In seinen besten Momenten wirkt der Abend wie ein etwas langatmig geratenes Antikorruptionskabarett. Was umso mehr schmerzt, als man Cărbunariu als „das Enfant terrible, den aufstrebenden Regiestar des rumänischen Theaters“ vorschussbelorbeerte.

Hier aber präsentiert sie zwei Stunden lang more of the same, zwar ein Psychogramm von Whistleblowern, aber deren Story ist eben immer die selbe: Aufdeckung, Verrat, Mobbing, Entlassung, schwere Erkrankung bis hin zu Krebs. Es ist, als würden einem all diese Don Quijotes von der Bühne herunter zuraunen: Freundchen, wenn du je in so eine Situation kommst, lass‘ bloß die Finger davon, Idealismus zahlt sich nicht aus. Dieser Eindruck relativiert sich erst, als in Videozuspielungen die tatsächlichen „Nestbeschmutzer und Kollegenschweine“ zu Wort kommen, starke Persönlichkeiten, die über ihr Nicht-Anders-Können angesichts der entdeckten Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten berichten, und die nach all ihren negativen Erfahrungen sicher und selbstbewusst in die Kamera sagen, jederzeit würden sie’s wieder so tun. Sie sind ihre besten Anwälte, und eigentlich hätte man lieber sie in einer Filmdoku als dieses Dokutheater gesehen. An dem fraglich bleibt, ob es überhaupt seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird, wollte Cărbunariu doch den Fakt zur Fiktion überhöhen.

Dass ihr derlei nicht gelungen ist, ist auch der von ihr gewählten Spielweise geschuldet. Die Schauspieler agieren kaum miteinander, sondern adressieren lieber das Publikum. Die Zuschauer werden stellvertretend für die Mitspieler angesprochen, als bräuchte es einen Dritten um die Dialoge auszuführen, sie werden einbezogen, verschwörerisch um ihre Meinung befragt, doch weil da nichts zurückkommt, bleibt diese Art der Kommunikation eine Einbahnstraße. Und dass die Bühnenwand von Mihai Păcurar, ähnlich der von Anja Rabes in Jossi Wielers „Rechnitz“, alle Stückln spielen kann, ist allein nicht abendfüllend. So bleibt’s bei einer Aneinanderreihung gesagter Unsäglichkeiten; Cărbunariu lässt ihre Informationsveranstaltung zum Thema Whistleblowing auf keinen Kulminationspunkt zusteuern, und wie wichtig es auch sein mag, all diesen couragierten Aufdeckern Gehör zu schenken, die Skandale von Altenpflege bis Autobahnbau, von Spitalswesen bis origineller Spesenabrechnung sind soweit bekannt.

Es wird kein Gedanke dazu ausgeführt, weitergeführt, und auch jüngste Entwicklungen, wie etwa eine aufgrund von LuxLeaks erst Mitte April beschlossene neue EU-Richtlinie für den Schutz von Geschäftsgeheimnissen, sind nicht eingearbeitet. Das ist schade, muss einem Theatermacher, der sich einem derart aktuellen Gegenstand widmet, doch klar sein, dass sein Werk work in progress ist.

Dana Taloş kämpft als Eileen Chubb um das Wohl von Demenzkranken. Bild: Sebastian Marcovici

Dana Taloş kämpft als Eileen Chubb um das Wohl von Demenzkranken. Bild: Sebastian Marcovici

Ständig unter Beobachtung - vom Aufdecker zum Mobbingopfer: Ioan Paraschiv und Ofelia Popii. Bild: Sebastian Marcovici

Ständig unter Beobachtung: Ioan Paraschiv und Ofelia Popii. Bild: Sebastian Marcovici

Im Gedächtnis bleiben von dieser Aufführung zwei Namen: Eileen Chubb – und ihr Bühnen-Alter-Ego Dana Taloş, die den systematischen Missbrauch von Demenzkranken in einem Pflegeheim aufdeckte. Sie sei eher der verschreckte, stille Typ gewesen, sagt sie von sich selbst, nun kämpft sie als Politaktivistin an vorderster Front für die Rechte von Whistleblowern. Und Ian Foxley, dargestellt von Schauspieler Ioan Paraschiv. Der Ex-Militär lehnte sich gegen die mächtigen Airbus Industries auf, indem er unheilige Verquickungen zwischen dem britischen Verteidigungsministerium und dem saudischen Königshaus bloßlegte. Seine Flucht aus Riad ist tatsächlich filmreif, doch sein Prozess läuft nach sechs Jahren immer noch …

Video: www.youtube.com/watch?v=7ZvB5yuDfjc

www.festwochen.at

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Wien, 1. 6. 2016