Brillante Gogol-Groteske am Volkstheater

März 23, 2013 in Bühne

Die Rocky Horror Revisor Show

Volkstheater Der Revisor

Günther Wiederschwinger, Matthias Mamedof, Alexander Lhotzky, Marcello de Nardo, Günter Franzmeier, Thomas Kamper
Bild: © Lalo Jodlbauer

Eine acht Meter lange, steil emporsteigende Treppe. Das fordert den Nacken der Zuschauer ebenso wie die Knie der Darsteller. Oben: Ein güldener Rundbogen mit Vorhang. Zirkusatmosphäre: In unserer nächsten Abteilung sehen Sie …

Regisseur Thomas Schulte-Michels (gleichzeitig verantwortlich für Bühnenbild und Textfassung) hat dem Volkstheater Wien einen „Revisor“ beschert, der seinesgleichen sucht. Und – zumindest derzeit – nicht zu finden sein wird. Denn der Theatermacher, der für seine Interpretation von Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ am Haus mit einem „Nestroy“ ausgezeichnet wurde, hat Nikolaj Gogols Groteske auf die Spitze getrieben. Dass man am Räderwerk dieser köstlichen Korruptionskomödie die Schrauben noch weiter anziehen kann, ist eine Kunst, die nicht jedermann beherrscht.

Gogol persifliert in seinem 1835 erschienenen Stück „Der Revisor“ eine Anekdote, die Puschkin tatsächlich passiert ist: Chlestakow, ein unwichtiger St. Petersburger Beamter, wird von den Honoratioren einer Kleinstadt für den scharfen Hund gehalten, den man seit Langem erwartet. Weil in dieser Provinzverwaltung jeder gern die Hand aufhält – und das ja irgendwann auffliegen musste. Also wird Chlestakow mit Wein, Weibern und Schmiergeld überhäuft, bis ihm – eigentlich seinem Diener Ossip – die Verwechslung dämmert …

Gern und oft wird das an den heimischen Theatern gespielt (kommenden Sommer in Perchtoldsdorf mit Raphael von Bargen als Revisor). Und gern und oft ist Chlestakow ein Schlaumeier, ein Durchschauer, ein Einsackler, der … hihihi … mit den Dorftrotteln wie mit Marionetten spielt.

Nicht so der großartige Marcello de Nardo. Er hat sich eine unverwechselbare Figur aus dem Stoff geschneidert. Keinen „Teufel“, höchstens einen armen, ängstlichen, einen Tor, zunehmend alkoholisiert – und damit zunehmend ein angeberischer Aufschneider. Köstlich, wenn er lallt, wie nett hier jeder zu ihm sei, während vom Bürgermeister bis zum Postmeister alle seinen Sturz über die Treppe zu verhindern suchen (den liefert dafür Günther Wiederschwinger in einem beinah Hollywood’schen Stunt). In dieser Form ist der Chlestakow für de Nardo eine Paraderolle, in der er neben seinen darstellerischen, mimischen auch seine clownesken Fähigkeiten ausspielen kann.

Die Treppe: Sie dominiert das Agieren des durchwegs auf Hochtouren laufenden Ensembles. Auf ihr wird gestolpert, getanzt, gekrochen, stolziert, alles gefährlich schnell. Schulte-Michels hat das perfekt getimt. Die Schauspieler schonen sich nicht. Furcht vor blauen Flecken ist nicht das Thema des Abends. Eine gute Kondition schon eher. Doch geht einem einmal die Luft aus, ist sogar diese Atemlosigkeit ein vom Regisseur gewünschter Effekt. Schließlich … muss … hier … ja … jeder … schauen … wo … er … bleibt.

Die „Würdenträger“, die Schulte-Michels auf die Bühne stellt, sind Gespenstergestalten, skrupellos, gruselig geschminkt, in unsauberen Untergatten (Kostüme: Tanja Liebermann). Vor allem Günter Franzmeier als buckeliger, langzotterter Bürgermeister erinnert an Frank’n’Furters Höllendiener Riff Raff (so kam’s zur Überschrift dieser Rezension). Erwin Ebenbauer gibt den Kreisrichter als Geck mit Zylinder. Alexander Lhotzky und Claudia Sabitzer können als Schulinspektor nebst Gattin nicht mehr als ein paar Blumen und viel mundgeruchiges Geschwätz offerieren. Thomas Kamper ist ein dämonischer Hospitalverwalter, der seine Kranken vor der Inspektion „entfernt“ hat, Rainer Frieb ein herrlich dümmlich-stotternder, aber am Ende den Irrtum aufdeckender Postmeister. Matthias Mamedof zeigt als Gutbesitzer wieder einmal, dass er ein herzhafter Komödiant ist, so wie Christoph F. Krutzler als Polizist. Susa Meyer und Andrea Bröderbauer als Bürgermeistersgattin und –tochter (die auch noch zur betrogenen Braut wird) sind von herrlicher Schlampenhaftigkeit. Eine Schreckschraube in Kreischgelb und eine Babyspinne in Damisch-Türkis. Wie es sich in jedem guten Zirkus gehört, spielen sie das Publikum an, beziehen es in ihre erotischen Überlegungen mit ein. Jede braucht Rat, wie sie den hohen Rat in ihr Bett kriegt.

Eine kleine, sehr feine Rolle hat Till Firit als Chlestakows Diener Ossip. Auch er beherrscht das Clownsein. Nur ist er der Kluge. Und daher widerspenstig, wie jeder Untergebene, der intelligenter ist, als sein Vorgesetzter. Immerhin rät er rechtzeitig zum Aufbruch …

Also: Viel Applaus, viele Bravos.

Das Volkstheater ist diese Saison the place to be. Das beweist das Team um Michael Schottenberg mit dieser Produktion einmal mehr.

www.volkstheater.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=ECewrK4iaRM&list=UUb640SHy2IYBJQ3d3QBhgYQ&index=2

www.mottingers-meinung.at/interview-mit-marcello-de-nardo

www.marcellodenardo.net

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 23. 3. 2013