Kammerspiele: Gemeinsam ist Alzheimer schöner

September 21, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Glücklich ist, wer vergisst …

Statt Tabletten-Suizid zu begehen, erfinden sie ein Shakespeare-Stück: Johannes Krisch und Maria Köstlinger als „Er“ und „Sie“. Bild: Herbert Neubauer

Sex & Drugs & Rock’n’Roll. Mit Position eins und drei fängt es an, zum Beatles-Song „Why Don’t We Do It in the Road?“, Position zwei wird zum Schluss geprobt. Ein erotisches Gerangel wird zum Kuss, französisch, denn es ist 1968 und in Paris stehen die Studenten auf, und „Er“ und „Sie“ skandieren: „Wir sind frei!“ Sind sie nicht, Johannes und Helga, wie ihre Namen später offenbar werden, denn mitten im Sorbonner Mai stehen statt Barrikaden zwei Rollstühle.

Die beiden Alten sind in einer Greisenverwahranstalt gefangen, zwar soll sie luxuriös sein, die Seniorenresidenz „Herbstfreude“, doch die verschiebbaren Wände des Bühnenbilds von Florian Etti sind nicht nur prosekturweiß verfliest, sie öffnen sich auch wie von Geisterhand zu größeren, verengen sich zu kleinsten Räumen – der Mensch als Versuchskaninchen im Laborlabyrinth, ein Eindruck, den eine Stimme von oben noch verstärkt. Und doch ist es ein Labyrinth im Kopf …

An den Kammerspielen der Josefstadt wurde nun endlich Peter Turrinis Alterswerk „Gemeinsam ist Alzheimer schöner“ zur #Corona-bedingt verschobenen Uraufführung gebracht, Alexander Kubelka hat die Tragikomödie inszeniert, klug und einfühlsam und mit viel Spiel-Raum für seine Darsteller. Diese sind Maria Köstlinger und Johannes Krisch, welch ein Gewinn der Mann für die Josefstadt ist!, und vom ersten Augenblick an wird man vom Charme der beiden mitgerissen.

Selten zuvor hat man sich bei einem Turrini-Stück mehr gefragt, wie viel biografischer Peter drinsteckt, vom frühen Egomanen und Weiberer, der keine Zeit für Frau und Kind erübrigt, vom Job als Hotelsekretär in Bibione, vom politischen Provokateur zum gesetzten Grandseigneur … bis zum im Programmheft abgedruckten Interview über „Zerbröselung“ und den Tod, der ihm sogar beim Nordic Walking folgt: „Ich nehme keine Termine mehr wahr, fahre nirgendwo hin, sperre mich in mein Arbeitszimmer ein und schreibe so lange, bis ich vom Sessel rutsche.“

Ja, mag man sagen, vieles an diesem Demenztext ist trivial, er ist eben – wie das Leben so spielt. Eine Liebe, die in die Jahre gekommen ist. Zwei Entfremdete, die sich dank ihres zunehmend sich verabschiedenden Gedächtnis neu verleidenschaftlichen. Ihre lichten Momente sind die schwärzesten, wenn sie sich an Verletzungen, enttarnte Seitensprünge, die Gleichgültigkeit des anderen erinnern, wenn die alten Narben zu frischen Wunden aufreißen, dann tobt der Ehekrieg aufs Neue, die wie Kanonenkugeln abgeschossenen Worte aber nicht schwer, sondern beim Einschlag mit dem Turrini-typischen Humor explodierend.

Bild: Herbert Neubauer

Bild: Herbert Neubauer

Bild: Herbert Neubauer

Glücklich also ist, wer vergisst. Johannes und Helga ahnen die meiste Zeit nur dunkel, was es mit ihrer Zweisamkeit in der Altersheim-Einsamkeit auf sich hat, doch hätten sie da das Herz am rechten Fleck. Aber das Gehirn schaltet sich ein und macht sie zu den Kuratoren ihrer eigenen Retrospektive. Nach dem ersten hochpoetischen Telefonat via – Achtung: Sinnbild! – Toilettenpapierrollen wird der Rollstuhl zum Rollschuh, denn bei Bedarf sind die Gangunsicheren bestens zu Fuß, es wird ein Kind gezeugt, der eben noch flammende Pamphlete verfassende Revolutionär übernimmt nun doch Vaters Papierfabrik, wie berührend das ist, wenn sich Johannes von seinen Lebensplänen verabschiedet.

Helga verabschiedet sich vom Studium, wird frustshoppende, den Feng-Shui-Garten pflegende Hausfrau und Mutter, exzellente Gastgeberin, doch im Bett kalt und kälter, Johannes, nun Großunternehmer, lässt dagegen nichts anbrennen. Die Zeit verrinnt, die Zeiten zerrinnen ineinander … Es ist ein Schauspielerfest, das an den Kammerspielen zu sehen ist, und Johannes Krisch ein kongenialer Rappelkopf zum Menschenfreund Turrini. Virtuos meistert er die unzähligen Nuancen, die Turrini ihm zugeschrieben hat. Wie er schaut, wenn sie die Leporello-Liste seiner Amouren entrollt, wie ein Kind, das man beim Kekse klauen erwischt hat. Mit zittriger Hand will er sich rechtfertigen, dann zerspringt er in verzweifelt-(komischem) Zorn, der in die Ecke argumentierte Mann. Womit Krisch die mitleidigen Lacher des Publikums gewiss sind.

Maria Köstlingers Helga aber ist die Machthaberin der Spielchen, eine nüchtern-süffisante Gattin zum kauzig vor sich hin schwadronierenden Gespons. Es ist, als würde im gegenwärtigen Verfall Helgas übersprungene Emanzipation stattfinden. Die vom großen Macho-Tier ein Leben lang kleingehaltene Frau bekommt ihre späte Rache und macht aus ihrer Waffe der stillen Sturheit endlich lautstarkes Aufbegehren. Welch eine Szene, wenn er ihr kellnernde Liebhaber beim Strandurlaub vorwirft, und sie ihm hysterisch lachend vormacht, wie sie ein ganzes Heer von ihnen als „Glocken von Bibione“ Aufstellung nehmen hat lassen. Ein paar Minuten später weiß sie nicht mehr, wie Zähneputzen geht, und er hilft ihr liebevoll mit Zahnbürste und Zahnpasta.

Die gemeinsame Sprache ist das, was Männer und Frauen trennt, feixt Turrini. Will sie über Gefühle reden, sagt er, jetzt komme sie schon wieder mit ihrer Psychologie daher. Eine Schelmin, die behauptet, derlei Sätze im persönlichen Beziehungswirrwarr noch nie gehört zu haben, und gleichzeitig entwirft Turrini mit seinen beiden Figuren ein gesellschaftliches Sittenbild seiner Generation bis heute. Es liegt an Krischs Johannes diesen Polit-Rappel, Anklage des Systems und zugleich Selbstanklage seiner Zeitgenossenschaft, förmlich auszukotzen.

Bild: Herbert Neubauer

Bild: Herbert Neubauer

Bild: Herbert Neubauer

Bild: Herbert Neubauer

Als darob auf den Plan gerufene Big Brothers fungieren Roman Schmelzer und Michael Dangl, als Stimmen der Heimleitung aus dem Lautsprecher, der erste, der von seinen Schäfchen „angenommen und geliebt“ werden will, und dies derart fröhlich aufgedreht, dass es im Selbstmord enden muss, der andere ein aalglatter MBA-Gottöberst, der mit  „Bewohnermanagement“ beschäftigt ist.

Helgas und Johannes‘ Welt reduziert sich, auch räumlich, weil der sich mit einem Auslandsgeschäft verspekuliert habende Sohn und Erbe statt des Appartements nur noch ein Zimmer zu zahlen bereit ist. Der Enkel kommt, auch das kennt man, der schlechte Vater wird ein guter Großvater, der mit hinreißender Begeisterung mit den Spielzeugautos fuhrwerkt. Helga schneidet derweil die Blumen aus ihrem Kleidchen und klebt sie an die Wand. Wunderbar sind überhaupt die Kostüme von Elisabeth Strauß für die Köstlinger: vom mausgrauen Faltenrock zum pastellrosa Liebestöter zum mondänen Turniertanzoutfit.

Im Verwelken lässt Turrini seine Geschöpfe die schönsten Blüten treiben. Fabelhaft etwa, wie sie den Tabletten-Suizid vorbereiten, von den lyrischen Bezeichnungen für die Medikamente aber so verzaubert sind, dass sie mit ihnen der Protagonisten Namen einer Shakespeare’schen Tragödie erfinden. Ein Werk mit Happy End, selbstverständlich. Wie auch Turrinis, der seinen Figuren knapp vor Eskalation ein endgültiges Fremdsein verschriebt. Man siezt sich in diesem dramaturgischen, von Köstlinger und Krisch berückend dargebotenem PS, doch man liebt sich auf den letzten ersten Blick.

Und wie Turrini seine Schutzbefohlenen mal vorm Tod in den Walzer rettet, mal im Flugzeug Richtung Märchen entfleuchen lässt, so auch diesmal: „Er“ führt seine „Sie“ in den Sonnenuntergang, führt sie zum Traualtar, und ihr Brautschleier ist – Toilettenpapier …

www.josefstadt.org           Video: www.youtube.com/watch?v=hoW6URBSI3s

  1. 9. 2020

Landestheater NÖ: Molières Schule der Frauen

September 19, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Willkommen im Cirque de l’Obscurité!

Die Kritiker mitten im Bühnengeschehen: Philip Leonhard Kelz, Emilia Rupperti, Michael Scherff, Laura Laufenberg, Tim Breyvogel, Tobias Artner und Tilman Rose. Bild: Alexi Pelekanos

Und jetzt einen Gang hochschalten, bis die Kurbelwelle rotiert. Das kann Ruth Brauer-Kvam. Sie hat am Landestheater Niederösterreich „Molières Schule der Frauen“ inszeniert, und man merkt ihrer Regiearbeit an, dass sie an der Volksoper auch diese Spielzeit höchst erfolgreich als „Cabaret“-Conférencière über die Bühne spuken wird. Willkommen, Bienvenue, Welcome also im Cirque de l’Obscurité! Brauer-Kvam übersiedelt die im Abgang unter ihrer Denklehre ächzende Komödie des Commedia

dell’arte-affinen Dichters ins Théâtre du Grand Guignol. Alles hier ist überzeichnet, überkandidelt, überdrüber, eine Commedia dell’arte-Travestie, in der genüsslich zu verfolgen ist, wie den Protagonisten die Pi-Galle überläuft – nicht nur dem um seine sinistren Ehepläne bangenden Arnolphe, sondern auch dem kunstsinnigen Climène – im Original eine Frau, der sich als Theaterzuschauer gar nicht genug über die „geschmacklose“ Handlung aufregen kann. Gewitzt hat Ruth Brauer-Kvam nämlich „L’école des femmes“ mit Molières „Kritik der Schule der Frauen“ und auch ein wenig „Menschenfeind“ verbandelt.

Erstere eine Art Meta-Komödie, in der Molière seine Kritiker, denn ja, anno 1662 löste die Uraufführung der „Schule der Frauen“ wegen des emanzipatorischen Ansatzes und des Spotts auf den Ehestand einen handfesten Theaterskandal aus, als Heuchler und Beckmesser enttarnt. Und so treffen nun Michael Scherff als Climène und Emilia Ruperti als Salondame Uranie aufeinander, um die Klischee-Vorstellung zur Rolle der Geschlechter samt ihrer eigenen diffizilen Beziehung zu diskutieren – und zwar nicht als Rahmen-, sondern mitten in der Handlung. Was dem präfeministisch kritikasternden Climène im allgemeinen Chaos auch mal eine für Arnolphe gedachte Ohrfeige einbringt, wohingegen die Position der Uranie im Damenfrack eine abgeklärt-belustigte ist.

Sätze wie „Ihr Frauen habt die Pflicht, uns untertan zu sein“ wollen erst einmal gesagt, Weltbilder, wie das von der Frau als Suppe, in die ein Fremder seinen Löffel tunkt, erst einmal ausgesprochen sein, ehe/wehe man sich zu lachen traut. „Wer macht denn heute noch sowas?“, empört sich Climène. Und nur so, genau so kann man’s machen, dieses ein wenig aus der Zeit gekippte Stück, in dem ein reicher Mann ein Mädchen in vollkommener Abgeschiedenheit zur Unterwürfigkeit, heißt: pflegeleichten Gattin erziehen und sie sicherheitshalber ungebildet lässt, weil: „Die Dumme frei’n heißt, nicht der Dumme werden! Frauen mit Geist – das bringt Beschwerden“. Bis die Ziehtochter bereit ist fürs Heiraten. Molière-logisch, dass ein Hübscher namens Horace dem ominösen Wirken des angegrauten Brautwerbers in die Quere kommt.

Artner, Scherff im Schwitzkasten, Rose und Breyvogel: Bild: Alexi Pelekanos

Laura Laufenberg und Emilia Rupperti. Bild: Alexi Pelekanos

Laura Laufenberg und Tilman Rose. Bild: Alexi Pelekanos

*Fußnote: Pikanter Fakt zur Fiktion ist, dass der 40-jährige Molière just 1662 die zwanzig Jahre jüngere Armande Béjart ehelichte, sie seit Kindesbeinen Schauspielerin in seiner Theatertruppe und offiziell die jüngere Schwester seiner Ex-Geliebten Madeleine Béjart, in Pamphleten aber als deren uneheliche Tochter, sogar Molières Kind geoutet – Blutschande! Was nichts daran ändert, dass Armande Molière gleich nach der Hochzeitsnacht betrogen haben soll, aber Arnolphes Fremdgeh-Paranoia erklärt.

Diesen spielt Tilman Rose im Sulley-Fake-Fur (© Monster AG) als manisch Besessenen, alles an ihm ist prall, laut, prahlerisch, nur im Zuflüstern seiner üblen Machenschaften ans Publikum kann er zynisch zischeln. Rund um dessen, heut‘ nennt man’s, toxische Männlichkeit lässt Brauer-Kvam das Ensemble kontrolliert eskalieren. Das Setting ist kellerlochschwarz – Climènes: „Wer sperrt den heute noch Frauen ein?“ ein österreichischer Lacher – und atmet abgefuckte Varieté-Atmosphäre, Stummfilm-Elemente kommen ebenso zum Einsatz wie Multi-Percussionistin Ingrid Oberkanins, die per Schlagwerk den Sound zum immer tolleren Treiben vorgibt.

Auch die beiden haben ihre „maladie d’amour“: Michael Scherff und Emilia Rupperti. Bild: Alexi Pelekanos

Die Watschn trifft den Falschen: Scherff, Artner, Oberkanins, Rose, Breyvogel und Rupperti. Bild: Alexi Pelekanos

Michael Scherff, Tobias Artner und Tim Breyvogel als „Deus ex USA“-Enrique. Bild: Alexi Pelekanos

Alles Tango! Rupperti, Rose, Breyvogel, Kelz, Laufenberg und Artner als Oronte. Bild: Alexi Pelekanos

Auftritt Philip Leonhard Kelz als Horace, auch gleich sein eigenes Horse also Pferd, der tänzelnd und von Eros-Ramazzotti-Musik gebeutelt von „Amore“ spricht. Ist er doch mittels Akzent als Italian Lover ausgewiesen, aber mit Marco-Mengoni-Haartolle und in dessen ESC-2013-Outfit nur ein Hauch weniger Knallcharge als das freche, fordernde, verfressene Dienerpaar Georgette und Alain, Tobias Artner und Tim Breyvogel mit fulminanter Oberweite beziehungsweise Riesen-Ding-Dong, beide Meister im Stakkato-Sprechen und Bananen-Slapstick, beide die Urheber endgültiger Verwirrung, und auch als Notare, altes Weib, Oronte und Enrique eingesetzt.

Laura Laufenbergs Agnès lässt sich ihre mädchenhaft-aufgekratzte Laune nicht verderben, selbst als ihr ihre Unterdrückung und Manipulation bewusst wird – und in keinem Moment offenbart Laufenberg, ob Agnès‘ Naivität echt oder ein gewiefter Überlebens-Trick ist -, kann ihr nichts den neckischen Spaß mit Horace nehmen. Dies endet in einem Tauziehen mit Arnolphe, einem gegenseitigen Einwickeln, bis er sie als Paket von der Bühne schleppen kann. Würde enden. Denn auf der Zielgeraden dieser Hochgeschwindigkeits-Inszenierung kratzt Molière die Kurve, Tobias Artner erscheint mit Paten-Stimme und Rabenschwingen als Horaces Vater Oronte, um ihn mit der Tochter eines gewissen Enrique zu verheiraten. Und der, Tim Breyvogel als fransengeflügelter Deus ex USA im güldenen Ami-Schlitten, ist Agnès‘ leiblicher Vater.

Ende gut, Rut Brauer-Kvam noch besser. Michael Scherffs Climène hält ein Plädoyer gegen männlichen Despotismus und wirbt um Verständnis zwischen Mann und Frau. Ihm selbst bleibt die Liebe verwehrt. Mit seiner bierernsten Art hat er sich bei der komödien-begeisterten Frau lächerlich gemacht. Uranie lässt ihn abblitzen. Fürs Erste, wie sie betont, und Scherff singt mit Michel-Sardou-Timbre „La maladie d’amour“. Und der Flow, der den ganzen Abend zwischen Bühne und Zuschauerraum floss, entlud sich in viel Jubel und Applaus – auch wenn der Saal nur halb gefüllt war. Fürchtet euch nicht, kommet und amüsiert euch, die #Corona-Sicherheitsmaßnahmen im Landestheater sind top!

Zu Gast an der Bühne Baden, Dienstag 17. und Mittwoch 18.11., 19.30 Uhr.

www.landestheater.net           www.facebook.com/Landestheater.Niederoesterreich/videos/253610582528707

  1. 9. 2020

Bühne Baden: Hurra, wir spielen!

Juni 10, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

„Die blaue Mazur“ mit Oliver Baier als Conférencier

Bild: Lukas Beck

„Hurra, wir spielen!“, heißt es vonseiten der Bühne Baden, wo man dank der #Corona-Lockerungen ab dem 31. Juli wieder Operette live präsentieren will. Hausherr und Regisseur Michael Lakner hat die für diesen Sommer geplante Hommage an Franz Lehár – „Die blaue Mazur“ – neu bearbeitet. Daraus entstanden ist eine komplett andere Fassung:

Eindreiviertel Stunden ohne Pause, ohne Chor und Ballett – aber dafür mit enormen Schwung und Wortwitz. Mit dabei ist Publikumsliebling und  TV-Star Oliver Baier als Conférencier und Comedian, der mit seinem unvergleichlichen Humor durch das Stück führen wird.

„Ich freue mich, dass es uns gelungen ist, diese Würdigung Lehárs doch noch diesen Sommer zu spielen. Wir feiern doch heuer gleich zwei wichtige Geburtstage: Zum einen den 150. Geburtstag dieses großen Komponisten,

der rast- und ruhelos immer wieder neue exotische musikalische Welten entdeckt hat, die er dann in sein Werk einfließen ließ. In unserem Fall holte sich Lehár seine Inspirationen aus dem Sehnsuchtsort Polen und all seinen betörenden polnischen Rhythmen und Tänzen“, so Lakner. „Zum anderen feiert ,Die blaue Mazur‘ just auch in diesem Jahr ihr hundertjähriges Bestehen.“

Genug Anlass für Lakner also, dies Bijou von seiner Patina zu befreien. Lakner: „Die exklusiv für Baden geschriebene Fassung ist ein spritziges, kammermusikalisches Lustspiel im modernen Kleid einer „well made comedy“ – also ein lustvolles Tür auf/Tür zu-Verwechslungsspiel mit schwungvoller Musik.“ Gemäß des diesjährigen Spielzeitmottos „Religion und Glaube“ ist die Handlung im Wiener jüdischen Milieu Anfang des 20. Jahrhunderts angesiedelt – und erzählt eine On/Off-Liebesbeziehung zwischen einem polnischen Grafen jüdischer Herkunft, gespielt von Clemens Kerschbaumer und einem Wiener Mädel, dargestellt von Sieglinde Feldhofer.

Um das richtige Maß an Authentizität für die jüdische Kultur und den berühmten jüdischen Witz zu erlangen, hat sich Lakner Ezzes von Ruth Brauer-Kvam geholt. Die humoristische Würze erhält das Stück durch die Doppelrolle des Buffotenors: Der brave, angepasste Studiosus, der in einem bizarren Männerhaushalt lebt, verwandelt sich nächstens in einen leidenschaftlichen Draufgänger. „Eine wunderbare Rolle für Ricardo Frenzel Baudisch, um sein komödiantisches Können unter Beweis zu stellen,“ ist sich Lakner sicher. Zusätzliche Komödiantik ergebe sich dadurch, „dass wir in dieser neuen Fassung nicht alle handelnden Personen mit Darstellern besetzen können“.

„Deshalb wird Oliver Baier als Conférencier immer wieder in verschiedene Rollen – von Freyhoff, Alois Putz, Galina Vodkarova, aber auch in die eines Chaffeurs – schlüpfen, um auszuhelfen“, erklärt Lakner. Das, in Verbindung mit den schwungvollen, mitreißenden Lehármelodien, verspricht ein amüsanter Abend zu werden.

www.buehnebaden.at

10. 6. 2020

Rund um die Burg 2020: Das Literaturfestival geht online

April 30, 2020 in Buch, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Stars wie T. C. Boyle und Stewart O’Nan lesen live

T. C. Boyle, © echo medienhaus

Das #Corona-Virus und seine bekannten Auswirkungen hat auch vor dem traditionsreichen Literaturfestival „Rund um die Burg“ nicht Halt gemacht. Dennoch findet das Lesefest auch dieses Jahr statt – und zwar online. Mit wie gehabt zahlreichen nationalen und internationalen Stars der Literaturszene geht der 24-Stunden-Lesemarathon heuer am 8. Mai eben über die virtuelle Bühne.

Nicht weniger als 45 Autoren – und damit mehr als doppelt so viele wie in den vergangenen Jahren – lesen ab 10 Uhr auf rundumdieburg.at aus ihren Werken. Und das nicht nur am Veranstaltungstag: Alle Beiträge können auch danach noch gestreamt werden.

Mit dabei sind Superstars wie T. C. Boyle, dessen Zuschaltung aus Santa Barbara, Kalifornien, um Mitternacht Ortszeit läuft, Rafik Schami mit „Vom Überlisten“ um 11 Uhr, Stewart O’Nan, dessen Lesung aus Pittsburgh aus „Henry Himself“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=37172) ab 13.20 Uhr läuft, Hilary Mantel aus dem Süden Englands, die ab 16 Uhr den Abschluss ihrer Cromwell-Trilogie „The Mirror and the Light“ vorstellt (Rezension Band I „Wölfe“: www.mottingers-meinung.at/?p=153, Rezension Band II „Falken“: www.mottingers-meinung.at/?p=2951), John Stralecky, der um 20 Uhr aus seinem Bestseller „Auszeit im Café am Ende der Welt“ liest, und Raoul Schrott um 0.40 Uhr mit „Eine Geschichte des Windes“.

Monika Helfer, © echo medienhaus

Rafik Schami, © echo medienhaus

Stewart O´Nan, © echo medienhaus

Eröffnet wird mit Fernseh-Legende Hugo Portisch, der ab 10 Uhr in seiner Wohnung aus seiner Autobiographie „Aufregend war es immer“ vorträgt. Michael Köhlmeier erzählt zuhause in Hohenems ab 21 Uhr seine beliebten Märchen (Rezension „Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle“: www.mottingers-meinung.at/?p=30974) und spätnachts ab 0.20 Uhr liest Monika Helfer, deren Roman „Oskar und Lilli“ von Arash T. Riahi unter dem Titel „Ein bisschen bleiben wir noch“ verfilmt wurde und eigentlich bereits im Kino sein sollte www.einbisschenbleibenwirnoch.at, aus ihrem jüngsten Werk „Die Bagage“.

Lesen werden außerdem Georg Biron, Erika Pluhar, „Superheldin“ Lisz Hirn, Stefan Slupetzky aus „Bummabunga“, Steirerkrimi-Autorin Claudia Rossbacher, Tex Rubinowitz www.mottingers-meinung.at/?p=33292, Gerhard Nechyba Liobelsberger aus „Alles Geld der Welt“, Eva Rossmann, Joesi Prokopetz, ORF-Wetter-Moderatorin Eser Akaba aus „Sie sprechen ja Deutsch!“, Chris Lohner sowie the one and only Erich Schleyer.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=l2Y0Z0uSnpg           rundumdieburg.at

30. 4. 2020

Hilary Mantel, © echo medienhaus

Raoul Schrott, © echo medienhaus

Michael Köhlmeyer, © echo medienhaus

John Strelecky, © echo medienhaus

Der Rabenhof auf fm4 – Lesemarathon: Albert Camus‘ „Die Pest“ ab Karfreitag als Videostream

April 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

120 Stimmen in zehn Stunden

Bild: pixabay.com

„Ein monumentales Projekt in Tagen des Ausnahme- zustands“ plant der Rabenhof am Karfreitag ab 12 Uhr
auf fm4.orf.at: „Die Pest“ des französischen Nobelpreis- trägers Albert Camus als Videostream, als Marathonlesung von 120 Stimmen in zehn Stunden. Nach einer Idee von Claus Philipp und Thomas Gratzer sind unter anderem zu sehen und zu hören:

Elfriede Jelinek, Martin Kušej, Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Klaus Maria Brandauer, Andrea Breth, Karl Markovics, Michael Heltau, Branko Samarowski, Peter Simonischek, Erwin Steinhauer, Josef Hader, Cornelius Obonya, Wolfgang Ambros, EsRAP, Martin Grubinger, Heinz Fischer, Christoph Schönborn, Herbert Föttinger, Dirk Stermann und Christoph Grissemann, Daniel Kehlmann, Michael Köhlmeier, Stefanie Sargnagel, David Schalko, Clemens J. Setz, Ruth Beckermann, Arik Brauer, Ruth Brauer-Kvam, Adele Neuhauser, Robert Palfrader, Willi Resetarits, Sophie Rois, Manuel Rubey, Robert Stachel und Peter Hörmannseder, Werner Gruber, Gerhard Haderer, Christoph Krutzler, Paulus Manker, Ernst Molden, Katharina Strasser, Ursula Strauss, Oliver Welter und Armin Wolf. „Die Pest“-Marathonlesung wird einen Monat lang abrufbar sein.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

1947 verfasst, schildert Camus den Verlauf der Pest in der algerischen Küstenstadt Oran aus Sicht seines Protagonisten Dr. Bernard Rieux, der sich jedoch erst am Ende des Romans als „Verfasser der Chronik“ zu erkennen gibt. Die Geschichte beginnt im Jahre „194…“. Einige tote Ratten und ein paar harmlose Fälle einer unbekannten Krankheit sind die Anfänge einer schrecklichen Epidemie, die die Stadt in den Ausnahmezustand bringt, die Bewohner von der Außenwelt abschottet und unter ihnen mehrere tausend Todesopfer fordert. Die Pest bedroht das Menschssein der Bevölkerung und wird so zum gemeinsamen Gegner. Jeder nimmt den schier ausweglosen Kampf gegen den Schwarzen Tod auf seine Weise in Angriff.

Rieux ringt als Arzt gleich einem Sisyphos mit der Krankheit und gerät darüber in Disput mit Pater Paneloux, der die Pest als Strafe Gottes deutet. Camus entwickelt dies alles als politische Allegorie, als existenzialistische Parabel. Er seziert hellsichtig das menschliche Handeln im Angesicht der Katastrophe und zeichnet dabei ein erstaunlich vergleichbares Bild der derzeitigen, einer „neuen Normalität“. Das Absurde bleibt dabei sein steter Begleiter. Unschuldige Kinder sterben genauso wie Menschen, die es „verdient hätten“, obwohl sich insgesamt das Prinzip erkennen lässt, dass die Pest bevorzugt solche ohne Solidarität tötet …

Nikolaus Habjan mit Berti Blockwardt. Bild: Screenshot/w24-Rabenhof Theater/Abgesagt?-Angesagt!

Auf www.w24.at zeigt das Rabenhof-TV-Studio unter dem Titel „Abgesagt? Angesagt!“ und moderiert von Manuel Rubey eine Auswahl aktuell gecancelter Produktionen – als Appetizer auf die Acts, sobald Performer und Publikum wieder live zusammen- kommen können. Die jüngste Folge mit unter anderem Nikolaus Habjans „Berti Blockwardt“, Marius Zernatto als „#Werther“ (mehr zu diesem großartigen Goethe-Konzept: www.mottingers-meinung.at/?p=24657), Poetry-Slammerin Yasmo und – abgesagt bei der Biennale, angesagt in Erdberg – Doris Uhlich mit dem „Pudertanz“: www.w24.at/Sendungen-A-Z/Abgesagt-Angesagt/Alle-Folgen?video=17879

www.rabenhoftheater.com           fm4.orf.at           www.w24.at

7. 4. 2020