Schauspielhaus Wien Stream: Am Ball. Wider erbliche Schwachsinnigkeit

Dezember 16, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Lydia Haiders Blutrauschroman als Splattermovie

Film-Still: © Schauspielhaus Wien

Sie geht über den weiten Heldenplatz, stracks auf die Hofburg zu. Nebel steigt auf von der Erde und feuchtet bereits das Land. Die Kälte kriecht wie ein Ungeziefer umher überall, in die Schuhe, unter die Gewänder, so dass es ein Frösteln ist. „Sag: Wer hat es so kalt gemacht?“ Angesichts der vorweihnachtlichen Schande Europas ist Lydia Haiders und Co-Autorin Esther Straganz‘

Frage aus ihrem im Jänner 2019 veröffentlichten Buch „Am Ball“ hochaktuell. Fürs Schauspielhaus Wien haben nun Regisseurin Evy Schubert und Kameramann Patrick Wally aus dem Blutrauschroman ein Splattermovie gemacht, Zusatztitel: „Wider erbliche Schwachsinnigkeit“, die geplante Theaterpremiere folgt, sobald erlaubt. Schauspielerin Clara Liepsch ist es, die mitten auf dem Akademikerball eines nicht enden wollenden Sterbens ansichtig wird, und ein Schelm, eine Schelmin, wer da ans C-Wort denkt, denn tatsächlich ist der kommende für den 29. Jänner 2021 ausgerufen.

Im Nebelrabencape, ein gefiedertes, fast mythologisches Hugin-und-Munin-Wesen, Gedanke und Erinnerung, das jetzt, jetzt sofort fliegen wird, streift Liepsch umher. Zwischen halbierten, teilamputierten Schaufensterpuppen, die Nackten – und die Untoten, die derweil wie der Teufel an die Wand geworfen werden; Bühne und Kostüme sind von Maria Strauch. „Unruhige Ruhe liegt hier, als tut man unrecht, hier zu sein“, sagt Liepsch. Am Sicherheitscheck ein Stau. Gefahr droht – woher?

Bild: © Matthias Heschl

Bild: © Matthias Heschl

Bild: © Matthias Heschl

Köstlich, wie sie die einziehenden „Aktiven“ der Wiener Korporationen beschreibt, ein jeder in seiner Couleur, mit ihren Requisitensäbeln. Liepsch speit das „Äh“, als müsste sie sich übergeben: Jüngling-äh, Geschicht-äh, Ballrob-äh. Alles hier ist brech/reizend. Nach etwa zehn Minuten beginnt das Gemetzel. Die rechte Elite der Republik, darunter allerlei blaues Geblüt, blutet aus. Körper fallen auseinander, Köpfe lösen sich auf. Und die Kamera hält auf Clara Liepsch „Rocky Horror Picture Show“-Mund, der verspritzte Lebenssaft ringsum so rot wie ihr Lippenstift, die Westen längst nicht so weiß wie ihre Zähne.

Was ist passiert? Man weiß es nicht. „Warum sagt niemand etwas?“ „Wer kann sagen, was das hier soll?“ Wer entvölkert das Land vom Völkischen? „Wie das auseinanderstirbt!“ Und wie Liepsch von Festwichs und Cerevise reportet, Drängen und Treiben im Saal, bevor sie in der Seitengalerie eine Fleischhauerei eröffnet und darin die österreichische Identität in Form von Schnitzeln malträtiert. Die Beobachtungen der sich verschwörerisch ans Publikum richtenden Figur sind in ihrer archaischen Mauerschau/derhaftigkeit prädestiniert für die Leinwand.

Die Teichoskopiererin bewegt sich durch insgesamt sieben Räume – wie durch Gottes Schöpfungszahl, darunter das Kunsthistorische Museum Wien und die Papillon Sauna in der Müllnergasse, und schaut der Herrenrasse bei der Selbstauflösung zu. Wie utopistisch das gedacht ist, wie sich das männerbündlerische Feiern im kassandrischen Feminismus seinem Ende entgegensprengt. Und die Fächerpolonaise-Frisuren samt Krönchen ums Verrecken gleich mit in den Untergang reißt.

Film-Still: © Schauspielhaus Wien

Alldieweil sich die Darstellerin, mittlerweile aufgemacht als Lackstiefel-Domina, in der Verkörperung des allen gleichsam entleibt. Aus Clara Liepsch „Erstkommunionslächeln“ wird eine Fratze, und wie lange hat man schon das Wort „Lurch“ nicht mehr gehört. Dazu Original-Bilder vom Rumtataa-Einzug, Politiker unter Applaus, die Ewiggestrigen sterben nur im Film aus, Lydia Haiders soghafte Prosa entwickelt sich dank Liepschs übertrieben deutlicher Artikulation zum Mahlstrom der Geschicht-äh.

Ein Pappmaché-Penis, ein Stück durch die Porzellangasse geschleiftes rohes Beiried, Sinnbilder „toxischer Männlichkeit“, komplettieren das Ganze. Als sei’s zur Ausstattung eines „festlich behangenen“ Chargierten. Festwichs mit Phallus, sozusagen. Im Rauchkeller-Purgatorio. Zu Micha Kaplans Kakophonie. Mit Schmiss und Milieu-bewusst. Und erstaunlich ist, wie Evy Schubert nach Lydia Haiders Vorlage etwas Derartiges erschaffen konnte, wo doch das Originalritual radikaler, beunruhigender ist als jede Überzeichnung, Satire oder Parodie.

Doch gelingt es hier, und die Liepsch lacht dazu affektiert, changiert exaltiert zwischen böser Wirklichkeitsironisierung und bitterer Wahrheit, tatsächlich gelingt es hier, die Wirkmacht der Sprache, ihre Gewalt/tätigkeit aufzuzeigen, die nationalistischen und rechtskonservativen Tendenzen, die sich „Am Ball“ gleich einem Staatsakt präsentieren. Wollt ihr die totale Dekadenz? Bitte nur, wenn sie sich sofort selbst abschafft! Und weil Witz niemals zu Kurz kommen kann, hat die Produktion auch schon eine Pop-up-Politics-Seite. In diesem Sinne: Ballaballa Solutions!

Bis 30. Dezember. Der Film wird online jeweils von 20 bis 24 Uhr auf vimeo übertragen. Den Zugangs-Code erhält man nach dem Ticketkauf im Bestätigungsemail von Culturall.

www.schauspielhaus.at           ballaballa.solutions/weltheimat

  1. 12. 2020

Wiener Festwochen: „Le Retour“

Mai 19, 2013 in Bühne

Bruno Ganz glänzt in Harold Pinters

Familienaufstellung

Jérôme Kircher, Micha Lescot, Louis Garrel, Bruno Ganz, Emmanuelle Seigner, Pascal Greggory Bild: Ruth Walz

Jérôme Kircher, Micha Lescot, Louis Garrel, Bruno Ganz, Emmanuelle Seigner, Pascal Greggory
Bild: Ruth Walz

Es war einmal, da erklärte Bruno Ganz nie wieder in Wien Theater spielen zu wollen. Verrisse hatten ihn gekränkt. Zu Recht. Er war damals ein fabelhafter Ödipus in Kolonos in einer fabelhaften Inszenierung von Klaus Michael Grüber. Ein Glück. Verletzungen verheilen. Auch, wenn’s zehn Jahre dauert. Nun ist der Schweizer Star wieder da. Spielt in Luc Bondys Inszenierung von Harold Pinters „Le Retour“ den Max. Fabelhaft. Naturgemäß. Der Intendant der Wiener Festwochen hat diese Arbeit von seiner neuen Wirkungsstätte in Paris, dem Odéon-Théâtre de l’Europe, mitgebracht.Eine gewaltige Collage aus in Gewalt verborgener Geborgenheit, Wut und Witz. Eine Familienaufstellung.

1964 hat Literaturnobelpreisträger Pinter „Die Heimkehr“ geschrieben. Und damit dem Publikum ein unlösbares, wunderbares Rätsel aufgegeben: Als Viererbande hausen Max, Schlachter im Ruhestand, sein Bruder Sam, Privatchauffeur, und seine Söhne – Hilfsarbeiter Joey, der hofft, Boxer zu werden, und Zuhälter Lenny – in einer unfreiwilligen, aus finanzieller Not entstandenen Männer-WG. Da taucht im tristen Nordlondoner Loch der einzige der Familie auf, der’s geschafft hat: Teddy, Philosophieprofessor in den USA, mit Haus, Swimmingpool, drei Söhnen – und einer Ehefrau. Die hat er mitgebracht. Die wird mit herber Herzlichkeit begrüßt und geprüft. Denn Ruth hat eine Vergangenheit als „Model“ und mehr. Die Männerwirtschaft macht die Mutter wieder zur Hure. Eine(r) muss ja aufs Wirtschaftliche schauen. Und tatsächlich: Sie bleibt. Teddy geht allein heim … Undurchsichtig, undurchschaubar das Ganze.

Johannes Schütz hat für diese Geschichte ein sehr schön abgefucktes Bühnenbild erfunden: einen Riesenraum, in dem Küche, Essplatz, Wohnzimmer und Wohnwagen (Sams Unterschlupf) untergebracht sind. Schlafzimmer: im ersten Stock. Hier lässt Bondy seine Schauspieler ihr Spiel entfalten. Bondy hätte Pinter „entstaubt“ war nach der Pariser Premiere irgendwo zu lesen. Blödsinn. Das braucht es bei Pinter nicht. Und das hat auch ein Bondy nicht nötig. Meisterhaft stülpt er über die MQ-Halle eine Atmosphäre, die Verlangen, Verachtung, Verlust spürbar macht. Wie in einer „französisch duftenden“ Käseglocke gefangen, ist das Publikum all diesen starken Gefühlen, Gerüchen, dem Odeur, ausgeliefert. Der Rivalität zwischen beiden Brüderpaaren, der Hassliebe der Eheleute; intellektuelle Humanität trifft auf Animalität. Ohne Ausweg nehmen noch das harmloseste Gespräch, ein absolut banaler Alltagsaugenblick, eine ungeheuere Wendung.

Apropos, Ungeheuer: Bruno Ganz spielt eines. Großartig, gefährlich, grausam. Ein Berserker, Prolet. Ein Kronos, der auf den ersten Blick Seinesgleichen erkennt. Sieht, welche Gorgone ihm da ins Haus kommt. Die wird uns noch was kosten, stellt er nach abgeschlossenem „Geschäft“ mit Ruth fest, während die schon ihr Täschchen dreht. Dieser Fremdkörper Frau wird im Laufe des Abends zunehmend konkret körperlich. Emmanuelle Seigner (Ehefrau von Roman Polanski und hierzulande von seinem „Frantic“ bis Julian Schnabels „Schmetterling und Taucherglocke“ als Filmschauspielerin bekannt) ist als Ruth überirdisch schön, so elektrisierend wie traumwandlerisch. Erst geheimnisvoll -no na -, bald anlassig. Schnell findet sie in alte Muster zurück; die Natur des Menschen ändert sich nicht. Schnell wird da der verbitterte, verwitwete Patriarch zum Tänzler, zum Um-sie-herum-Schwänzler. Wie er das Wesen durchschaut, betrachtet er es auch schon als sein Eigentum. Der trögen Gesellschaft aus Vater und Söhnen schießt das Blut ein – ja, genau da -, als Zukunftspläne greifbar, angreifbar, antatschbar werden. Sehr nachvollziehbar stellen das Louis Garrel als Sportskanone Joey und der immer leicht eingeraucht wirkende Lenny (Micha Lescot) dar.

Das Gewissen, in Gestalt des stets mit seinem Toupet kämpfenden Onkel Sam, hat keine Chance. Pascal Greggory (schon 2011 mit Patrice Chéreaus Inszenierung von Jon Fosses „Rêve d’automne“ bei den Festwochen zu Gast) gibt ihm eine tragikomische Note. Ein Weißclown, bei dem man nicht weiß, ob man über ihn Lachen oder mit ihm Weinen soll. Bleibt Teddy (Jérôme Kircher). In dieser Runde der Spießbürger. Der sich nächtens, nervös mit dem Schlüssel fingernd, ins väterliche Haus stiehlt. Keinen Versuch macht, seine Frau zu „retten“. Am Ende still seinen Koffer nimmt. Und aus. Fast scheint es, er wäre nur heimgefahren – weil, warum sollte ein Uni-Prof sich diese Bagage antun -, um das unter seiner Würde befindliche Weib, dem auch er einmal verfiel, ein für alle Mal loszuwerden. Ach, hätte er doch wenigstens den lieben Sam aus diesem Clan-Gefängnis befreit. Dem fehlt nämlich allein offenbar die Kraft dazu. Aber, Halt! Man darf manches tun, nur nicht versuchen, Pinter zu interpretieren. Also nur so viel: Es war ein überwältigender Abend, der mit Riesenapplaus, Bravorufen und Standing Ovations für Ganz und Bondy endete.

www.festwochen.at

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-die-kinder-von-wien-2/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-julia/

Von Michaela Mottinger

Wien, 19. 5. 2013