Kunsttankstelle – Theater IG Fokus: Königin der Berge

November 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Rolling Stones im Rollstuhl

Der tote Kater Dukakis mag Herrn Turins Ehefrau Irene ganz und gar nicht: Markus Zett, Karola Niederhuber und Christian Kohlhofer. Bild: Anna Stöcher

Dass sich Kater Dukakis als erster mit dem Publikum bekannt macht, sein musikalisches Leitmotiv „Sympathy For The Devil“ von den Rolling Stones, damit hat es schon seine Bewandtnis. Ist das Tier doch eigentlich lange tot, vom Besitzer – da uralt und schwerkrank – vor Ewigkeiten eingeschläfert, aber diesem nun ein Einflüsterer an dessen Endstation. Dabei ein Artverwandter von Bulgakows Behemoth, heißt: ein Streiche spielender Satansbraten, der seinem Herrchen zuweilen

vorschlägt, zum Zeitvertreib des Tages eine Schwester zu quälen. „Du solltest jetzt endlich mutig genug sein und nach einer Brust greifen“, befiehlt der zwielichtige Zwiegesprächspartner ihm dann. Herrchen ist gleich Herr Turin, Hauptfigur in Daniel Wissers 2018 mit dem österreichischen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Königin der Berge“, ein ehemals extrem erfolgreicher IT-Manager, nun mit Mitte Vierzig in einem Pflegeheim. Und im Rollstuhl. Die Selbsteinweisung erfolgte bereits vor zehn Jahren. Nach der Diagnose Multiple Sklerose. Wisser gelingt es virtuos das schleichende Vergehen eines Menschen aus einer Perspektive skurriler Ausweglosigkeit zu beschreiben, die einen tatsächlich unter Tränen lachen macht, und apropos: Weg I – auf einen letzten will sich Robert Turin noch machen, in die Schweiz, wegen der dort erlaubten Freitodbegleitung.

Und apropos: Weg II – Margit Mezgolich folgt Wissers Vorlage auf dem eingeschlagenen, nämlich aus der Tragik von Turins Zwangslage eine groteske Situationskomik zu generieren. Die Theatermacherin zeigt den von ihr zur Spielfassung umfunktionierten Text mit ihrer Truppe IG Fokus in der Kunsttankstelle Ottakring. Es ist dies die zweite Produktion der Pop-up-Bühne nach „Der Winter tut den Fischen gut“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28070), und die ausgewählte Lokalität auch diesmal von perfekter Passform, fenster- und sichtbeton-trostlos, die Wände stellenweise mit Baustellenplastik verhängt, stellenweise krankenhausbettwäsche-gelb gestrichen und wie diese dazu verurteilt, am Versuch am Unort Fröhlichkeit zu verbreiten, zu scheitern. Das Publikum hat punkto Sitzgelegenheit die Wahl zwischen Warteraumsessel und Rollstuhl, wobei zweitere die spannendere Variante ist.

Die Physiotherapeutin prüft Herrn Turins Reflexe: Petra Strasser und Markus Zett. Bild: Anna Stöcher

Dukakis hat immer eine Flasche Veltliner zur Hand: Christian Kohlhofer und Markus Zett. Bild: Anna Stöcher

„Königin der Berge“ nennt Herr Turin seine unnahbare, unerbittliche Krankheit, und der im 16. Bezirk an ihr leidet, ist Schauspieler Markus Zett, der wohltemperiert und herzgewinnend den Renitenzler gibt. Sein Turin ist um einiges liebenswerter als das papierene Alter Ego, vor allem, wenn er mit großen Augen durch die runde Brille guckt, weil, was ihm zur besten Zeit seines Lebens widerfahren, einfach nicht zu fassen zu ist, und selbst, wenn er wieder einmal lieber den Veltliner aus der Cafeteria als Sonne im Garten tankt. Der ihn nur allzu gern in die Weinseligkeit versetzt, ist Kater Dukakis, für dessen Charaktergestaltung sich Christian Kohlhofer sogar ein Paar Plüschohren aufsetzt. Sein Dukakis ist ein Schlitzohr, das Mezgolichs satirische Inszenierung mittels sarkastischer Besserwisserblicke Richtung und direkten Ansprechens der Zuschauer noch maximiert.

Die Aufführung bleibt zwar stets nah am Buch, aber nicht so verbissen zwischen dessen Deckeln klebend, dass kein Platz für feingetunt schrullige Szenen wäre. Deren Darstellung in den begnadeten Händen von Karola Niederhuber, Petra Strasser und Valentina Waldner liegen, alle drei großartig als abgründig bigotte Pflegeschwestern, die selbstverständlich das Sterberecht als Gottesgesetz sehen. Niederhuber spielt außerdem noch Turins von einem neuen Mann hochschwangere, oder bildet er sich das nur ein?, Ehefrau Irene, die von ihrer Karriere vor allzu häufigen Besuchen bewahrt wird; Strasser Irenes Schwester sowie kurzzeitiges Turin-Pantscherl Christina, und überdreht-kauzig eine Physiotherapeutin mit Osteuropa-Akzent; Waldner die gegen jede Vernunft in Herrn Turin verliebte Psychologin Katharina Payer – und jede im Trio zwischendurch kreischend die alte Ditscheiner von Zimmer 407.

Erst Entsetzen über Turins Fenstersprung …: Petra Strasser, Valentina Waldner, Karola Niederhuber und Christian Kohlhofer. Bild: Anna Stöcher

… aber schon wird wieder gesungen: Valentina Waldner, Karola Niederhuber und Petra Strasser. Bild: Anna Stöcher

Ganz nach Motto lieber bitterböse, als nur bitter, wird im Verein das Schwesternalphabet gesungen, werden geschmacklose Katheterkalauer gemacht, Herrn Turins sinnlose Selbstmordversuche milde weggelächelt, will die Heimleitung doch alles tun, um einen Suizidskandal zu vermeiden, kann sich der Kater seine zynischen Kommentare zur Jenseitigkeit mancher Momente sowieso nicht verkneifen. So klar die Sprache von Daniel Wisser, so unsentimental hat Mezgolich sie umgesetzt, und auch, wenn ihre Arbeit ein scherzhaftes einem schmerzhaften Ende

vorzieht, vergisst sie nie die Ernsthaftigkeit des Themas, sich die Entscheidungen übers eigene Leben nicht entziehen zu lassen. In seinem Insistieren, dem absehbar qualvollen Siechtum durch ein selbst bestimmtes Sterben zu entkommen, macht sich Herr Turin schub-di-wupp auf die Suche nach einer Chauffeuse in die Schweiz. „Wie machst du das mit den Weibern?“, wundert sich Christina, als sich außer ihr noch deren andere für den Auftrag anbieten, „dass die immer tun, was du willst“. Wer ihn fährt und ob Turin den Schlussstrich zieht, ist bis 4. Dezember zu erfahren.

„Königin der Berge“ des Theater IG Fokus ist ein pointiertes Kammerspiel zu einer heiß umfehdeten Fragestellung. Dass Markus Zett im Rollstuhl sozusagen auf Augenhöhe am Publikum entlangfährt, macht das insgesamt beeindruckende Spiel des Ensembles nur umso besonderer. Ein Gipfelsieg – für alle Beteiligten. Letztes Lied: The Rolling Stones – „Time Is On My Side“.

igfokus.wordpress.com           www.kunsttankstelleottakring.at

  1. 11. 2019

TAG: Unterm Strich – Ein Jahrmarkt der Eitelkeit

April 22, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das neue Leben geht in zwei Wochen los

Raphael Nicholas ist ein strippenziehender, allwissender Spielleiter. Bild: © Anna Stöcher

William Makepeace Thackerays Wälzer „Vanity Fair“ verwendet Regisseurin Margit Mezgolich für ihre jüngste TAG-Überschreibung „Unterm Strich – Ein Jahrmarkt der Eitelkeit“. Ab 1847 ist Thackerays großer Gesellschaftsroman in Fortsetzungen im Satiremagazin Punch erschienen, die Geschichte der gerade einer „Erziehungsanstalt für junge Damen“ entschlüpften Freudinnen Becky Sharp und Amelia Sedley.

Zeitlich verankert durch Schilderungen der Schlacht von Waterloo – diese, Napoleons Niederlage, der einzige historische Hinweis im Buch. Mezgolich hat da mehr zu bieten. Wer will kann sich mit ihren Figuren auf Zeitreise begeben. Wo war man, als die Mauer fiel, Lady Diana verunglückte, 9/11 passierte? Immer wieder erinnern Nachrichtensprecher an die dramatischsten Ereignisse der vergangenen dreißig Jahre. Zeitreise ist das große Thema des Abends, an dem Raphael Nicholas in altertümlicher Aufmachung und mit Zeremonienstock als letzter an die Thackeray’schen Charaktere gemahnt. Er ist – einerseits – dessen „Spielleiter“, im Original wie hier ein stippenziehender, allwissender Erzähler, der gern die Handlung unterbricht, um seine moralisierenden Weisheiten von sich zu geben.

Nicholas tut das mit ausladend-manierierter Geste und melancholisch gelüpfter Augenbraue. Ach, die Menschen, sie sind schon so! Andererseits aber ist er „Stefan“, der, wie sich alsbald herausstellen wird, Loser einer Gruppe von (ehemaligen) Schauspielschülern. Die hat er nun, am 21. April 2018, zum Klassentreffen eingeladen. In ein Abbruchhaus ohne Fenster und Möbel – ein Schelm, wer da an Horrorfilmszenarien denkt. Von der desaströs langweiligen Party geht’s im Zeitraffer in die Vergangenheit und zurück in die Zukunft.

Die Zeitreise ins Jahr 1989 gelingt mit passenden Perücken: Jens Claßen, Georg Schubert, Lisa Schrammel und Petra Strasser. Bild: © Anna Stöcher

Stefan beim Vorsprechen als „Spielleiter“: Lisa Schrammel, Georg Schubert, Petra Strasser, Jens Claßen und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Da beginnt’s mit einem Vorsprechen Stefans in der Rolle des Spielleiters in der Gruppe 80. Ein Insidergag, der vom Uraufführungspublikum mit entsprechendem Gelächter gewürdigt wurde. Da werden mittlerweile erworbene Wohlstandsbäuche abgeschnallt und haarsträubende Perücken aufgesetzt, um das Jahrzehnt anzuzeigen, das gerade Sache ist. Der Inhalt? Ungefähr so: Emma liebt Martin, der sie mit Becky betrügt, und wird von Richard heimlich wiedergeliebt. Dazwischen ereignen sich die großen und kleinen Katastrophen des Alltags, von Eheschließungen bis Jobverlust bis Autounfall mit dramatischen Folgen.

Bei der Schauspielerei bleibt nämlich keiner der vier. Nach und nach kristallisiert sich außerdem heraus, dass alle mehr als einen Strauß miteinander auszufechten haben. Spielleiter Stefan genießt und musiziert., die Handlung nimmt den Twist, den man beinahe erwartet hätte. Dass Mezgolichs Übung gelingt, ist im hohen Maße dem wie immer von überbordender Spielfreude beseelten TAG-Ensemble zu danken. Raphael Nicholas, Jens Claßen als schüchternem Richard, Lisa Schrammel als naive, „höhere Tochter“ Emma, Georg Schubert als polternder Kotzbrocken Martin und Petra Strasser als hippelige Stadtneurotikerin Becky.

Mit nervösem Augenflattern kann sie bei jedem neuerlichen Treffen von einer aktuellen Geschäftsidee berichten, die „in zwei Wochen losgeht“. Was bleibt vom Leben „Unterm Strich“? – das ist die eindringliche Frage, die Margit Mezgolich mit ihrem Text an die Zuschauer weiterspielt. Zum Glück, schließlich am Schluss ein Hoffnungsschimmer. 2018 ist veränderbar! Richard gelingt es anno ´89 Emma einen seiner über die vielen Jahre an sie gerichteten Sehnsuchtsbriefe zu überreichen. Das lässt die Idee zu, dass wenn schon vielleicht nichts besser, so doch alles anders wird …

Video: vimeo.com/265560413

dastag.at

  1. 4. 2018

Theater IG Fokus: Der Winter tut den Fischen gut

Januar 24, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Margit Mezgolich inszeniert mit neuer Theatertruppe

Vor der Psyche werden Vorbereitungen auf ein weiteres Bewerbungsgespräch absolviert: Petra Strasser als Maria Beerenberger. Bild: Anna Stöcher

Originell und beinah am „Originalschauplatz“, das ist die erste Produktion der neu gegründeten Truppe Theater IG Fokus. Ins Leben gerufen von den Theatermacherinnen Margit Mezgolich und Petra Strasser will das Pop-up-Projekt ungewöhnliche Wege beschreiten, und Aufführungen abseits der Bühnen hautnah ans Publikum bringen. Mit der Uraufführung von „Der Winter tut den Fischen gut“ nach dem Roman von Anna Weidenholzer ist das tadellos gelungen. Gespielt wird in einem aufgelassenen Gassenlokal an der Hütteldorfer Straße, zwischen Psyche und Anrichte, inmitten von Fauteuils, Sofas und Hockern.

Gerade 25 Zuschauer haben in dem kleinen Geschäft Platz, da ist es nur logisch, dass man diesen auch einmal räumen und samt Sitzgelegenheit wandern muss, um den Darstellern Raum für ihr Spiel zu geben. Von der Wohnung übers Amts- bis zum Modehaus muss schließlich alles in diesem Laden untergebracht werden, und weil die Protagonistin des Ganzen, Maria Beerenberger, in besseren Tagen Modeverkäuferin war, nutzt man den „Boutique-Charakter“ der Aufführung gleich, um im Anschluss ausgesuchte Stücke der Labels „Frl Else Vintage“, „Ich hab mein Turnsackerl vergessen“, „Lieblingsrock“ oder „TRAGweite“ anzubieten.

Versteht sich, dass nach der Premiere noch ausgiebig gestöbert wurde … „Fangen wir von hinten an“, zu diesem Schluss kommt Maria Beerenberger gleich am Anfang. Petra Strasser spielt die über Fünfzigjährige, die seit mehr als zwei Jahren arbeitslos ist. Wieder ist ein Brief gekommen, die Antwort auf eine Bewerbung, und Maria wagt nicht, ihn zu öffnen. Das AMS mit seinen wenig hilfreichen Ratschlägen sitzt ihr im Nacken, da erinnert sie sich im Rückwärtsgang an das, was bisher geschah. Erinnerungen an schöne und seltsame Begegnungen tauchen auf, an verpasste und verschenkte Möglichkeiten. Vom Kündigungs- zum Einstellungsgespräch sind es da nur ein paar Augenblicke, ebenso vom Tod bis zum Kennenlernen von Ehemann und Elvis-Imitator Walter. Wie das Leben so spielt mit der Frage: War das nicht erst gestern?

Immer weiter denkt sich Maria in ihre Vergangenheit, bis sie sich am Ende als Kind im Elternhaus wiedersieht. Margit Mezgolich hat Weidenholzers Text mit behutsamer Hand dramatisiert und den Abend auch inszeniert. Ihre drei Darsteller, neben der Strasser Elisabeth Veit und John F. Kutil, lässt sie sowohl als Erzähler fungieren als auch in verschiedene Rollen schlüpfen. Alles dreht sich darum, wie Maria sich vorstellt, „wie es ein könnte“, und was sie sagen wird, wenn sie’s denn wirklich täte. Doch sie tut es nie. Zwischen all ihren Zierpölsterchen macht sie mehr der Fantasie denn der Realität Platz, und Tagträumen von Eduard, der großen Liebe, die sich in die große Stadt abgesetzt hat.

Beim Kaffeesudlesen mit der Nachbarin: Elisabeth Veit und Petra Strasser. Bild: Anna Stöcher

Ehemann Walter achtet nicht auf seine Gesundheit: Elisabeth Veit als jüngere Maria und John F. Kutil. Bild: Anna Stöcher

„Der Winter tut den Fischen gut“ gerät in der Bühnenbearbeitung vom schartigen Psycho- und Soziogramm zur schwarzhumorigen Satire mit skurrilen Einsprengseln. Von Strasser so gestaltet, dass ihr innerer Monolog mitunter mitten durchs Herz schneidet – siehe „Ottos“ Erfrierungstod im Eiskasten; sie changiert zwischen beflissen bis zunehmend verzweifelt, wenn man ihr bescheinigt: „Mit jedem Tag Arbeitslosigkeit verlieren Sie an Wert!“ Dass sie sich schließlich Brust-raus-Bauch-rein aufrappeln wird, ist eine Entscheidung die Schauspielerin und Regisseurin gemeinsam getroffen haben, und die dieser Tage gut tut.

Elisabeth Veit und John F. Kutil geben von der kaffeesudlesenden Nachbarin über tratschsüchtige Arbeitskolleginnen, vom von der Zeit überrollten Modehausbesitzer bis zum seine Gesundheit vernachlässigenden Walter alle und alles: Vater und diverse Mütter und die unfreundlich-überforderten AMS-Mitarbeiter, Veit auch Marias jüngere Ausgabe – und Otto. Den Übersprung von den tragischen zu den lakonischen zu den komischen Momenten der Handlung schaffen die drei mit Bravour. So gelingt ein Abend, der immer wieder lachen macht. Doch Vorsicht, die Abgründe lauern bei dieser Darbietung hinter jedem Satz.

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  1. 1. 2018

TAG: Die Blendung

April 6, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Groteske Kasperliade mit Spukgestalten

Alexander Braunshör und Jens Claßen Bild: © Anna Stöcher

Einer die Kopfgeburt des anderen: „Büchermensch“ Jens Claßen hat Alexander Braunshörs „Kien“ im Nacken. Bild: © Anna Stöcher

Es beginnt mit einer Elias-Canetti-Anekdote. Ein Kind und der Literaturnobel- preisträger am Züricher See, ein Bücherpaket mit Widmung, und der Mensch, der „Büchermensch“, Schauspieler Jens Claßen, der stolzgeschwellt von dieser Begegnung berichtet, bereitet sich vor zur Lesung. Dies der Auftakt zu Margit Mezgolichs Inszenierung von „Die Blendung“ im TAG, und dies die Rote-Faden-Frage, die sich durch die gruselmärchenhafte Aufführung ziehen wird: Was ist echt? Und was nicht?

„Die Blendung“ ist Canettis literarisches Erstwerk, geschrieben 1931/32 unter dem Eindruck des Schattendorfer Urteils, ein sperriger, schwer zu lesender Roman mit entsprechend wenig Lesern. Die Masse liebt Dichte, nicht Dichtung. Mezgolich hat daraus eine luftige Bühnenfassung gemacht und diese als groteske Kasperliade mit Spukgestalten umgesetzt. Gespielt wird wie im Alt-Wiener Pawlatschentheater, schrill, schräg, skurril, mit Abrakadabra-Bühnentricks und Ah!-und-Oh!-Effekten. Das ist ganz zauberhaft und sehr unterhaltsam und gleichzeitig Anlass zur Anmerkung: ein wenig bedrohlicher und zeitpolitisch bedeutsamer, ein bissel abgründiger hätt’s schon sein dürfen. Canetti setzt seine absurden Situationen und burlesken Momente ein, um auf sein späteres Lebensthema zu kommen. Der Untergang des denkenden Individuums in einer dumpf-dummen Übermacht. Die hirnlosen Handlungen dieser Un-Menge bleiben bei ihm nie folgenlos. Sie münden vielmehr stets im Schrecken, in Fremd- oder Selbstverstümmelung, in Brutalität, in Kannibalismus, im Mord. In Opferung. Canetti hat das Komische auf seine grausame Kehrseite gewendet, und wenn sein Protagonist Kien das Heine-Wort „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“ spricht, möchte man das fast dystopisch nennen.

Mezgolich lässt diesen Wahnsinn aus und setzt statt dessen auf Irrwitz. Gewitzt hat sie sich einen Rahmen geschaffen, der auch dafür sorgt, dass ihre Bearbeitung nicht zu sehr aus der Prosa fallen muss. „Büchermensch“ Claßen trägt vor – und nach und nach entfaltet sich Kiens Studierstube. Darin tauchen sie auf, die Figuren, sie schlüpfen aus Kabinetten und Kästen und zwischen Sofapölstern hervor, es scheint, als hätte Mezgolich überall im Bühnenbild Schauspieler versteckt, und allesamt sind sie Claßens Kopfgeburten. Oder er die ihre? Das wird sich am Ende noch zeigen müssen, wer wessen Halluzination ist. Jedenfalls beginnt ein bunter Reigen an Schrecklichkeiten. Der „Büchermensch“ sieht sich umzingelt von Buchgestalten, immer mehr wird er in ihre Handlung hineingezogen werden, wird er sich nicht wehren können gegen Missverständnisse und Missliebigkeiten, wird er noch vor der letzten Seite um das Schicksal des Helden wissen und diesen in dieses stürzen sehen, und wird warnen wollen, aber nicht gehört werden, weil das Ende eben das Ende ist, und wird er am Schluss um sein eigenes Wohlergehen bangen müssen. Wie’s einem so geht mit Literatur. Sage noch einer, Lesen sei nicht gefährlich.

Alexander Braunshör und Petra Strasser Bild: © Anna Stöcher

Sprach- vs körperlicher Gewalt: Alexander Braunshör und Petra Strasser. Bild: © Anna Stöcher

Elisabeth Veit, Georg Schubert und Petra Strasser Bild: © Anna Stöcher

Die unheilige Dreifaltgkeit der Therese: Elisabeth Veit, Georg Schubert und Petra Strasser. Bild: © Anna Stöcher

Canetti beschreibt seinen Kien als „größten lebenden Sinologen“, der in einer Vier-Zimmer-Wohnung mit seiner 25.000 Bände umfassenden Bibliothek haust. Auftritt Haushälterin Therese Krumbholz, die den Bibliomanen aus seiner Bücherfestung an den Traualtar lockt und darob mit der Neugestaltung des Heims beginnt. Warum Kien die Krumbholz geheiratet hat? Weil der weltfremde, kauzige Wissenschaftler an das Bildungspotenzial des Menschen glaubte.

Die treue Therese allerdings ist nicht Kopfarbeiterin, sondern eine handfeste Materialistin, und so tobt bald ein erbarmungsloser Kampf um die Vorherrschaft in der gemeinsamen Wohnung und ein bizarrer Streit um ein gefälschtes Testament. Eine Million machen aus der eheüblichen Sprachverwirrung eine üble Wahrheitsverdrehung, und Mezgolich lässt die Haushälterin geldberauscht nur noch in Halbsätzen stammeln. Ihr Sprechen kennzeichnet Canettis Charaktere, er hat ihnen Sprachmasken angelegt. Mit Plattitüden und Allgemeinplätzen versucht Krumbholz Kiens Eloquenz Herr zu werden. Seine Sprachgewalt beantwortet sie mit körperlicher.

Alexander Braunshör und Petra Strasser spielen die hasserfüllten Eheleute ganz fabelhaft, wie alle Figuren sind sie weiß geschminkte Gespenster, er max-schreckig, sie durch die Hilfe von Elisabeth Veit und Georg Schubert bald aufgebläht zur unheiligen Dreifaltigkeit. Strasser bebt förmlich vor ungerechter Empörung, während sie, auch weil sexuell frustriert, dem als Liebesbettchen untauglichen Sofa die Bücher zum Fressen gibt. Bald steht jeder Band mit dem Rücken zur Wand und Braunshör flüchtet sich mit weit aufgerissenen Augen und abwehrenden Händen in eine Stasis. Quasi als Zermürbungstaktik. Der Unbewegliche, angeekelt von allem Analphabetischen, und damit von jedem außer sich selbst, bewegt sich nun gar nicht mehr. Das ist darstellerisch auf komödiantisch höchstem Niveau. Das TAG-Ensemble ist einmal mehr mit großer Spielfreude am Werk; Hausherr Gernot Plass hat eine Truppe um sich versammelt, von der man inmitten dieser gelungenen Saison bald annehmen möchte, dass sie beinah alles kann. Und Mezgolich weiß die Vielfalt der Talente bestens einzusetzen.

Elisabeth Veit, Alexander Braunshör, Georg Schubert, Elisabeth Koller, Marie Pfefferle und Melanie Frauendienst Bild: © Anna Stöcher

Im „idealen Himmel“: Elisabeth Veit als Fischerle, Alexander Braunshör, Georg Schubert, Elisabeth Koller, Marie Pfefferle und Melanie Frauendienst. Bild: © Anna Stöcher

Mit ihnen entwickelt sie Canettis Personal, denn letztlich ist das Bestechende an der „Blendung“ weniger der Plot, als das Panoptikum grauslicher Gestalten. Schubert legt den sadistischen Hausbesorger Pfaff, der Frau und Tochter in den Tod geprügelt hat, als „gmiatlichen“ Wiener Proleten an. Elisabeth Veit macht aus dem einbeinigen, buckligen Kleinkriminellen ein fast feinsinniges Fischerle. Claßen muss zu diesem Zeitpunkt schon als Möbelverkäufer Grob – nomen est omen – herhalten.

Melanie Frauendienst, Bernhard Kobler, Elisabeth Koller, Horst Lenes und Marie Pfefferle sind ein brutaler Pöbel und die ärgsten Elendsgestalten in der Bar „Zum idealen Himmel“. Konfuzius kommt auch vor. Und Kiens Bruder Georg. Und hier entgleitet Claßen die Geschichte. Wie Margit Mezgolich. „Die Blendung“, das Buch, ist fort – und ohne Vorlage … beginnt das Kapitel „Welt im Kopf“. Claßen und Braunshör im Infight über die Unsäglichkeiten, die männliche Geistesgrößen über die Frau gesagt haben. Von Buddha bis Mohammed, von Platon bis Goethe. Ein akademischer Überbau, der die bis dato durch nichts ins Kopflastige zielende Inszenierung unnötig überfrachtet. Es erschließt sich nicht, warum er an diese Stelle gequetscht wurde. Ansonsten nämlich geht alles seinen Gang. Der Bibliotheksbrand bricht aus und der „Büchermensch“ kauft Therese ein Milchgeschäft. Er kann nicht anders, er kommt nämlich sonst aus dem Stück nicht raus.

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Trailer: vimeo.com/157658713

Margit Mezgolich im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17836

Wien, 6. 4. 2016

Das TAG: Margit Mezgolich im Gespräch

Februar 26, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

 Sie inszeniert Elias Canettis Erstling „Die Blendung“

Margit Mezgolich. Bild: © Anna Stöcher

Margit Mezgolich. Bild: © Anna Stöcher

Margit Mezgolich, von 2009 bis 2013 künstlerische Leiterin des TAG, kehrt nun mit ihrer jüngsten Regiearbeit ans Haus zurück. Sie zeigt in eigener Bühnenfassung Canettis „Die Blendung“. In seinem Erstlingswerk beschreibt der spätere Literaturnobelpreisträger die Geschichte eines weltabgewandten Privatgelehrten Peter Kien, der von seiner geldgierigen Umwelt ausgenützt, betrogen und schließlich zerstört wird. Kien widmet sein Leben dem Sammeln von Büchern. In seiner riesigen Bibliothek führt er ein groteskes Höhlenleben, eigensinnig und verschroben. Eingeengt auf seine Bibliomanie heiratet er seine ungebildete Haushälterin Therese. Was in die Katastrophe führen muss.

Das Fesselnde an der „Blendung“ ist weniger der Plot, als Canettis über die Maßen grotesken Figuren. Als da wären: ein buckliger Zwerg und Zuhälter, der sich für ein Schachgenie hält, ein sadistischer Hausbesorger, genannt der rote Kater, oder Kiens aus Paris anreisender Psychiater-Bruder Georg. Diese und mehr schräge Vogel spielen Alexander Braunshör, Jens Claßen, Georg Schubert, Petra Strasser und Elisabeth Veit. Uraufführung ist am 5. März. Margit Mezgolich im Gespräch:

MM: Ich habe gerade den beginnenden Bühnenaufbau gesehen. Sie haben große Dinge vor.

Margit Mezgolich: Es wird eine sehr überraschend bespielbare Bühne, ein verspielt albtraumhafter Raum, in dem sich die Wände bewegen lassen und die Schauspieler aus verschiedensten Klappen kommen können. Es wird eine Zauberbühne.

MM: Warum zeigen Sie dem Publikum 2016 „Die Blendung“? Was hat der Stoff gerade heute zu sagen?

Mezgolich: Dieses Buch hat uns immer etwas zu sagen und wird uns immer verstören. Meine persönliche Geschichte damit ist ein Immer-wieder-Begegnen. Ich habe es zum ersten Mal mit zwanzig gelesen, und vor allem die Figuren und das unglaubliche Wienerische haben sich seltsam eingeprägt. Ich bin aber gescheitert, ich habe es nicht fertig gelesen. Dann habe ich es mit Mitte dreißig wieder gelesen – diesmal bis zum Ende. Es gibt für mich kein verstörenderes Buch über menschliche Kommunikation und deren Möglichkeit und Unmöglichkeit. Es gibt nichts, das mich mehr aufwühlt, als die Figur Peter Kien, der das Wesen des Menschen studieren und den Geist sämtlicher Bücher einsaugen möchte, weil er eine Gebrauchsanweisung für unsere Zeit sucht. Und dass er im wahrsten Sinne des Wortes daran verbrennt, und wie dieser gebildete, naive Mensch vom wütenden Mob überrannt wird, das ist für mich sehr faszinierend.

MM: Ist es in diesem Sinne ein politisches Buch? Canetti schrieb es unter der Wirkung des Schattendorfer Urteils und des Justizpalastbrandes. Es gibt von ihm ein Zitat: „Die Welt war zerfallen, und nur wenn man den Mut hatte, sie in ihrer Zerfallenheit zu zeigen, war es noch möglich, eine wahrhafte Vorstellung von ihr zu geben.“

Mezgolich: Die Atmosphäre, die das Buch widerspiegelt, hat für mich Parallelen zu dem, was wir jetzt erleben. Es ist die Formierung eines Mobs, die „Blendung“ der Masse, auf die er hinweist. Im Text sagt er sinngemäß, den sogenannten Lebenskampf führen wir Menschen nicht weniger um Hunger und Liebe, als um die Tötung der Masse in uns. Noch zerfällt die Masse relativ schnell, aber einmal wird sie von einem Land ausgehend so stark werden, dass ihr nichts mehr widerstehen kann. Das ist für mich spannend: Wie sich Kräfte formieren. Wie man die Welt erlebt und wovor man dabei Angst bekommt. Und wie man mit dieser Angst umgeht, also dass sich Menschen zusammenrotten und formieren, statt dass sie versuchen, ihrer Angst auf den Grund zu gehen. Da gibt es derzeit erschreckende Dynamiken.

MM: „Die Blendung“ hat im Gegensatz zu anderen Canetti-Texten keinen literarischen Siegeszug angetreten. Ist er dem Wesen der Menschen damit zu nahe getreten, so dass es kaum jemand lesen möchte?

Mezgolich: Mag sein. Es ist aber auch ein sehr forderndes Buch, es ist sehr kompliziert, weil es immer wieder redundiert. Es hat aber sehr theatertaugliche Figuren, sehr viel Humor und deswegen war es für mich das geeignetste Werk von Canetti, um es zu dramatisieren.

MM: Es ist eine Groteske mit grotesken Figuren, teilweise sehr brutal. Ein Panoptikum der Gesellschaft?

Mezgolich: Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, wie ich die Figuren aus dem Roman heraushole. Ich habe lange überlegt, wer heute ein Kien wäre. Ich habe im Bekanntenkreis einen, der sich den Luxus nimmt, Gelehrter zu sein. Er hat nicht viel Geld, aber wenn er welches hat, investiert er es in Bücher. Er verbringt die Zeit damit zu studieren – nur er, sein Kopf und seine immer größer werdende Bibliothek. Er ist eine Art Vorbild. Er erdet das Buch sozusagen. Ich habe also eine Rahmenhandlung erfunden, in der ein „Büchermensch“, wie Canetti seinen Kien ursprünglich nannte, den Zuschauern „Die Blendung“ nahebringt.

MM: Canettis Werk lebt von seinen grotesken Figuren. Das TAG-Ensemble scheint sehr geeignet, diese zu evozieren. Vor allen Dingen auch hinsichtlich Canettis in „Masse und Macht“ beschriebener „kannibalistischer“ Komik, also seiner Art, die grausame Kehrseite des Lachens sichtbar machen zu wollen.

Mezgolich: Ich war ja hier bis 2013 selbst Leitung und dachte damals schon, „Die Blendung“ wär‘ was. Es hat sich dann aus Zeitgründen nicht ergeben. Umso schöner ist es, es nun zu tun. Die Grausamkeit im Humor, von der Sie sprechen, ist permanent zugegen. Doch das ist etwas, das ich sehr mag, das für mich Grundvoraussetzung in einem Text ist: Dass das Lachen eine dunkle Seite hat. Die größte Herausforderung bei der Dramatisierung war allerdings, dass Canetti dem Betrachter keine Identifikationsfigur bietet, dass viele Motive viel zu schnell klar sind. Auf Seite 10 denkt man sich schon, okay, der ist wahnsinnig, was geht mich der an?

MM: Ich schreib‘ das genau so!

Mezgolich: Es stimmt ja auch, man geht als Leser bald auf Distanz. Ich habe versucht, zu zeigen, wie sehnsuchtsgetrieben die Charaktere eigentlich sind. Die Sehnsucht nach einem erfüllten Leben, die Sehnsucht nach einem ehrlichen, menschlichen Kontakt, das interessiert mich, das war mir wichtig herauszufiltern. Ich versuche die Figuren liebevoller zu zeichnen als Herr Canetti es getan hat, sodass man für sie Empathie aufbringen kann. Ich hoffe, dass das aufgeht.

MM: Ein Schauspieler hat einmal über seine Rollen gesagt: Ich kann am größten Arschloch noch etwas Liebenswertes finden.

Mezgolich: Genau so geht’s mir auch. Im letzten Teil des Buches treffen einander die Brüder Georg und Peter Kien und schimpfen über die Frauen und suchen bei allen großen Dichtern und Denkern, von Buddha bis Thomas von Aquin, nach Argumenten, die den Unwert der Frauen dokumentieren. Das geht ganz, ganz lange und ich dachte, was ist denn das für eine Scheiße? Das hat mich so wahnsinnig geärgert und ich konnte nichts damit anfangen; aber jetzt im Arbeiten bin ich froh über diesen Abschnitt, weil er zeigt, wie verankert frauenfeindliches Denken auch in unserer scheinbar feministisch revolutionieren Kultur ist. Die Passage führt einem zu Bewusstsein, wie kurz die Zeitspanne ist, in der wir Frauen uns gleichwertig fühlen. Ich bin in den 1970er-Jahren geboren und für meine Schwester und mich war selbstverständlich, dass uns die Welt gleichberechtigt offensteht. Aber wie zerbrechlich ist dieses Gefühl …

MM: Lassen Sie uns über Sprache sprechen. Sie haben den Roman dramatisiert …

Mezgolich: Und ich durfte so gut wie nichts ändern. Das war die Auflage des Verlages, die ich aber auch verstehen kann, weil die Sprache sehr schön ist, und es ein gewisses formales Konzept gibt.

MM: Die sogenannten Sprachmasken, Sprachfetzen, Halbsätze, ein „Gestammel“, mit dem Canetti die jeweilige Figur schon sehr genau charakterisiert.

Mezgolich: Genau. Es ist einer der theatertauglichsten Romane, der mir je untergekommen ist. Ich habe schon einige dramatisiert, aber der ist wow! Man merkt den Dramatiker Canetti, der Text ist sehr fleischlich, er ist wie fürs Theater geschrieben. Einen Roman zu dramatisieren ist für mich immer schon sehr an die Umsetzung gekoppelt, das Ganze ist ein dramaturgisches Gesamtkonzept. Man muss wie ein Trüffelschwein durch den Text gehen und sich überlegen, was sich für die Bühne eignet. Ich nenne den Vorgang daher lieber „für die Bühne einrichten“.

MM: Das TAG fährt immer intensiver den Weg der Uraufführungen und literarischen Bearbeitungen. Diesen Weg haben Sie als Gründungsmitglied des Hauses schon mitbeschrieben?

Mezgolich: Diese Neuinterpretation klassischer Stoffe war meine Idee, weil ich mich als künstlerische Leitung gefragt habe, was in Wien fehlt. Das Haus war damals noch nicht positioniert, meine Hauptaufgabe war also Profilierung. Wir begannen mit der Neuinterpretation bekannter Stoffe, jetzt hat es sich auf klassische Stoffe zugespitzt. Das ist etwas, wo das TAG in Wien seine Nische gefunden hat, und auch unter Gernot Plass sehr erfolgreich und gut besucht ist.

MM: Sie selbst haben 2013 als Intendantin das Herrenseetheater in Litschau übernommen. Eine wunderbare Spielwiese. Bühne und Bad.

Mezgolich: Es ist großartig. Der Ort ist wunderbar, ich verbringe dort sehr gerne meine Sommer. Ich habe dort „Von Mäusen und Menschen“ gemacht, dann selber etwas geschrieben: „Erben für Anfänger“ und im Vorjahr die Komödie „Der Aufsatz“. Heuer habe ich einen Text von Theresia Walser, da freue ich mich sehr, dass ich den zur Erstaufführung bekommen habe.

MM: Ich habe hier notiert – „Herrinnenseetheater“.

Mezgolich (sie lacht): Das Walser-Stück heißt „Herrinnen“ und ist unglaublich toll gebaut. Es soll der Preis für die „beste weibliche Lebensleistung“ vergeben werden und auf der Hinterbühne warten fünf sehr unterschiedliche Frauen auf ihren Auftritt vor dem Präsidenten. Sie tauschen Frauenbilder und Lebenskonstrukte aus und kurz bevor man glaubt, jetzt wird’s kampffeministisch, bricht es in eine herrlich absurde, slapstickhafte Komödie auf. Die fünf Frauen – darunter eine transgender Technikerin – proben nämlich nur ein schlechtes Stück. Es geht um: Wer sind wir und was wollen wir im Leben?

MM: Apropos, was wollen Sie? Im konkreten Fall als Theatermacherin?

Mezgolich: Ich möchte einem Publikum die Gleichzeitigkeit von Humor und einer ganz großen Schwere, oder Traurigkeit, nahebringen, weil ich glaube, dass das Leben beides ist. Das auszuleuchten interessiert mich – das Absurde an Situationen und in Figuren. Das Publikum soll weinen, lachen, mitdenken. Das wäre etwas, das ich mir wünsche.

dastag.at

www.herrenseetheater.at

Wien, 26. 2. 2016