Burgtheater: Schöne Bescherungen

Dezember 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Früher war mehr Lametta

Die Familie beäugt den unbekannten Gast: Falk Rockstroh, Maria Happel, Marie-Luise Stockinger, Michael Maertens, Tino Hillebrand, Nicholas Ofczarek, Fabian Krüger und Katharina Lorenz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kaum ist das eigene Weihnachtsdesaster überstanden, kann man sich getrost anderer Leute Katastrophen zuwenden. Am Christtag gab’s am Burgtheater wieder „Schöne Bescherungen“, und das eben noch von Baum, Punsch und Päckchen bedrängte Publikum amüsierte sich prächtig. Alan Ayckbourns Komödie ist ja für die Heilige Nacht das, was „Dinner For One“ für Silvester ist, jeder hat es schon einmal gesehen, dieses Stück, in dem eine Familienfeier vollständig außer Kontrolle gerät.

In dem von Saufen, Streiten, Schreien, von schäbig gewordenen Ehen über den schießwütigen Onkel bis zum Sex unter der Nordmanntanne nichts fehlt, was das Fest der Liebe in eines der Hiebe verwandeln kann. Und weil Schadenfreude die schönste ist, und jeder, wenn auch wohl weniger drastisch, Situationen, wie die vorgeführten kennt, ist „Schöne Bescherungen“ bereits seit fast vierzig Jahren der Hit der Dezemberspielpläne – an der Burg nun von Barbara Frey und einer Top-Besetzung umgesetzt. Die hauptberufliche Intendantin des Schauspielhauses Zürich, das weiß man von ihren Oscar-Wilde- oder Eugène-Labiche-Arbeiten am Haus, bringt ihre Komödieninszenierungen auf eine ihr typische Betriebstemperatur.

Diesmal liegt diese, so es einen Vergleich zu wählen gilt, im Bereich der Hoppenstedts, heißt: Frey setzt auf den absurden Humor von Alltagsmomenten, und bis auf ein, zwei Szenen mehr auf Sprachwitz, denn auf Slapstick. Was nicht bedeutet, dass auf aufgeladene Atmosphäre, Outrage und Eskalation verzichtet wird. Aber Frey fühlt mit den Figuren und deren Festtagsstress, und das Ensemble versteht es, aus den Rollen tragikomische, dennoch wahrhaftige Gestalten zu formen. Nicht die Art von gehässigen Karikaturen, die man in bissigeren Aufführungen schon gesehen hat. Beispiel: Selbst als Onkel Harvey auf den vermeintlichen Geschenkedieb Clive geschossen hat, drückt ihm die angeheiratete Nichte Belinda noch liebevoll tröstend ein Küsschen auf die Stirn.

Bereit zum Puppenspiel: Katharina Lorenz als Belinda, Nicholas Ofczarek als Neville und Michael Maertens als Bernard. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Als Köchin am Ende ihrer Kraft: Maria Happel spielt Phyllis. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der Weihnachtsmann spricht über seine Gefühle zu Rachel: Marie-Luise Stockinger als Pattie, Dörte Lyssewski als Rachel und Fabian Krüger als Clive. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Alles atmet hier Mittelstand, und dafür hat Bettina Meyer ein Bühnenbild entworfen, ein Kleinbürgerhaus, mit unten Wohn-, Esszimmer, Küche, oben eine angedeutete Galerie, die zu den Schlafzimmern führt, in dem vom leergefutterten Adventskalender bis zum Leuchtstern im Fenster auf kein Detail vergessen wurde, der Christbaum natürlich zu hoch und ergo schief und mit abgeknickter Spitze. Ins Bild passen die Kostüme von Esther Geremus, von großgemusterter Herrenstrickweste bis spießigem Faltenrock, von Pullover mit Weihnachtsmotiv bis zum herzallerliebsten Erwachsenenstrampler, in dem Hausherr Neville zu Bett zu gehen pflegt.

Den spielt Nicholas Ofczarek mit Schnauzbart und Mut zum Bauch als bedächtigen Tüftler an diversem kaputten Kinderspielzeug, dem der stets umgeschnallte Werkzeuggürtel näher ist, als die Ehefrau. Ofcareks Neville ist immer um Beruhigung der Lage bemüht, doch als er dann schließlich in die Luft geht … ist das eine schöne Charakterstudie des ganz normalen Familienvaterwahnsinns. Eine solche gelingt auch Katharina Lorenz als seiner besseren Hälfte Belinda, die changierend zwischen Ärger, Ungeduld und Leidensmiene die Verwandtschaft erträgt.

Feinkost bieten ebenso die anderen Darsteller: Maria Happel gestaltet mit Nevilles Schwester Phyllis die Alkoholikerin, deren beständige Küchenunfälle zwar für Lacher sorgen, von der aber auch klar wird, wie sehr der seidene Faden, der ihre Lebensunfähigkeit hält, an ihrem Mann Bernard hängt. Den spielt Michael Maertens mit so sympathischer Subordination, dass ihm die volle Anteilnahme der Zuschauer gilt. Maertens gibt den Kauz, wie man’s von ihm kennt und liebt, immer beflissen, dennoch indigniert, weil keiner seine Bemühungen zu schätzen weiß, und aufbrausend, wenn es nicht nach seinem Kopf geht.

Und selbstverständlich gehört ihm mit seinem nervtötenden Marionettenspiel samt fiepsenden Klorollenschweinchen der Höhepunkt des Abends. Tino Hillebrand und Marie-Luise Stockinger sind als Eddie und hochschwangere Ehefrau Pattie zu sehen, er ein Loser und Durchlavierer, sie deswegen im permanenten Ausrastmodus. Falk Rockstroh spielt den reizbaren Onkel Harvey, Dörte Lyssewski Belindas Schwester Rachel als überreifen Hippie mit Hang zur Theatralik. Sie ist es, die den Schriftsteller Clive, Fabian Krüger, eingeladen hat, der von den Ereignissen im Weiteren überrollt wird.

Onkel Harvey begutachtet die Geschenke, Neville tüfelt am Teddybären: Falk Rockstroh, Nicholas Ofczarek, Katharina Lorenz als Belinda und Tino Hillebrand als Eddie. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Frey hat fein gearbeitet. Wunderbar etwa, wenn Lorenz‘ Belinda Krügers Clive zwar ein leidenschaftliches „Ich will dich“ zuwirft, sich dann zum Sex aber hausmütterchenmäßig stocksteif auf den Boden legt. Oder die Szene, in der der für die Kinder als Weihnachtsmann verkleidete Clive versucht, Rachel seine Gefühle zu offenbaren, wobei ihm nicht nur der weiße Bart, sondern auch beider Verklemmtheit im Weg ist. Oder, wenn Eddie seine Pattie nach einem neuerlichen Wortgefecht als „Zuckermäuschen“ in die Arme schließt. Das ist Leben, wie es so spielt. Manchmal zum Schenkelklopfen, viel öfter aber zum leis‘-verzweifelt Schmunzeln.

www.burgtheater.at

  1. 12. 2018

Kammerspiele: Acht Frauen

November 9, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Tod steht ihnen gut

Die Damen werden handgreiflich: Isabella Gregor, Marianne Nentwich, Susa Meyer, Silvia Meisterle, Swintha Gersthofer und Sandra Cervik. Bild: Sepp Gallauer

Suspense so geschmeidig in Chansons umzusetzen, das muss einem erst einmal gelingen. Franz Wittenbrink führt nun an den Kammerspielen der Josefstadt très français vor, wie’s geht. Er hat für Herbert Föttingers Neuinszenierung der Krimikomödie „Acht Frauen“ die Bühnenmusik komponiert. Mal darf frech gejazzt werden, mal eine zum Tango sinnlich sein, immer psychogrammatisch entlang des jeweiligen Typus und seiner besonderen Charakterzüge.

Die Damen des Ensembles beweisen solcherart nicht nur ihr schauspielerisches Können, sondern entpuppen sich als wahre Showtalente. Pauline Knof als ungebetener Gast Pierrette legt eine sexy Einlage hin, von der man nicht ahnte, dass derlei in der Charakterdarstellerin schlummert.

Der Inhalt von Robert Thomas‘ Text ist bekannt: Auf einem französischen Landsitz, abgelegen und eingeschneit, findet die Vorweihnachtsstimmung ein jähes Ende, als der Hausherr mit einem Messer im Rücken tot aufgefunden wird. Den „Acht Frauen“, Verwandten wie Bediensteten, erschließt sich bald, dass die Mörderin unter ihnen zu suchen ist. Jede hatte ein Sträußchen mit dem Verstorbenen auszufechten, Motive gibt es ergo genug, aber keine Alibis. So beginnt ein scheinheiliges Intrigenspiel, in dem scheinbar aufgeschreckte Hühner sich als skrupellose Erbschleicherinnen erweisen, tablettensüchtige Dramaqueens gegen eiskalte Königinnen der Nacht antreten, und mehr dunkle Geheimnisse ans Licht kommen, als der Mischpoche lieb sein kann.

Föttinger dämpft in seiner Arbeit den Schenkelklopfimpuls, der durchaus als Gefahr im Stück lauert. Zu sagen, er hätte daraus eine subtile Satire gemacht, wäre für den amüsanten, doch – nicht zuletzt aufgrund Ece Anisoglus uninspiriertem Grauen-Haus-Bühnenbild und Birgit Hutters elegant gestrigen Kostümen – etwas antiquiert wirkenden Abend wohl etwas viel. Doch der Regisseur kann sich auf seine Komödiantinnen verlassen, die wissen, wie sarkastisch geht, wie man Zwischentöne und Spitzen setzt und so Zwietracht sät. Föttinger gibt ihnen den Raum, sich in allen Facetten schillernd zu entfalten. Dass in seiner Interpretation die Fallhöhe vom vermeintlichen Familienidyll zur lügendurchtränkten Täterinnensuche gering ist, ist eine Entscheidung, die es anzunehmen gilt.

Das Verhältnis der Frauen untereinander ist von Beginn an ein brüchiges, die Worte zwischen ihnen fallen streitsüchtig und gereizt, es kommt nicht nur einmal zu Handgreiflichkeiten. Man ärgert sich über die Hysterie und Hypochondrie der anderen, vor allem aber über Mamys „Wunderheilung“. Als diese glänzt Marianne Nentwich. Die langgediente Josefstädterin ist von der Gaby, die sie in einer Aufführung 2004 noch spielte, zur Gabys-Mutter-Rolle avanciert, und sie macht sich sichtlich einen Spaß daraus, immer dann aus dem Rollstuhl zu hüpfen, wenn es Spannenderes zu tun gibt, als auf den Nerven der anderen spazieren zu fahren. Die Gaby ist nun Susa Meyer, die von gutbürgerlicher Hausherrin blitzschnell auf bitterböse und bissig umzuschalten weiß.

Silvia Meisterle als kesses Kammerkätzchen Louise. Bild: Sepp Gallauer

Susa Meyer, Silvia Meisterle, Sandra Cervik und Swintha Gersthofer. Bild: Sepp Gallauer

Pauline Knof beweist als mondäne Pierrette ihr Showtalent. Bild: Sepp Gallauer

Swintha Gersthofer und Anna Laimanee, sie in ihrem ersten Engagement neu am Haus, gestalten die Töchter Susanne und Catherine zwischen teenageraufsässig und jungdamenhaft. Dass Sandra Cervik in die Figur von Gabys Schwester Augustine schlüpft, ist ein Glück. Cervik macht aus der altjüngferlichen, verbiesterten Giftspritze ein Kabinettstück, mit Hingabe tut sie deren Verdächtigungen und Vermutungen und Vorstellungen von korrektem Verhalten kund, bis sie mit Verve das Entlein in einen Schwan verwandelt. Pauline Knof schließlich als letztes Mitglied der skandalösen Sippe spielt Gabys Schwägerin Pierrette als mondäne Lebefrau.

Isabella Gregor und Silvia Meisterle sind als Köchin Madame Chanel und Dienstmädchen Louise zu sehen, nach außen hin resigniert-ergeben, aber durchaus mysteriös die eine, verführerisch kess und nur widerwillig gehorchend die andere. Insgesamt lässt sich über die Darstellerinnen sagen: Der Tod steht ihnen gut. Nach Drehungen und Wendungen, Manipulationen und unsauberen Machenschaften, und dem wahren Satzfragment „Wenn wir Frauen doch nur besser zusammenhielten“, wird die Tat zweieinhalb Stunden später enttarnt. Sollte es jemanden geben, der tatsächlich keine Ahnung hat, wie’s geschehen ist – anschauen …

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=2A9t_C2x54s

www.josefstadt.org

  1. 11. 2018

Akademietheater: Kampf des Negers und der Hunde

Oktober 3, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?

Ernest Allan Hausmann als Alboury, Philipp Hauß als Horn und Stefanie Dvorak als Léone. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Noch bevor die Inszenierung los geht, inszeniert sich eine Protestaktion gegen das N-Wort. Junge Menschen werfen Flugzettel vom Balkon des Akademietheaters, sie skandieren ihre auswendig gelernten Sprüche. Ernest Allan Hausmann, bereits aufgetreten, sagt, man habe ein Recht dies Stück zu spielen. Spätestens am Schluss, wenn sich alle auf der Bühne verbeugen, weiß man, es war ein ausgemachtes Spiel. Das Burgtheater brachte die Sache vorab schon PR-geschickt auf Schiene, indem es den Begriff, wie online und im Programmheft vermerkt, „grafisch absetzte“. Neger. Politisch korrekt und doch ein Bis-hierher-und-nicht-Weiter, man sei schließlich dem Autor verpflichtet.

Alles ein einziges Missverständnis. Für Bernard-Marie Koltès, Dramatiker, Enfant terrible, Reisender, Suchender, Schwuler, Aids-Toter, stand bereits 1983 fest: „Afrika ist überall“. Er verwehrte sich dagegen, seinen Text zu verorten, sah ihn lieber als Metapher interpretiert, er, der geniale Erfinder seiner eigenen, eigenartigen Mythologie, sein Theater immer auch autobiografisch, seine Sprache ausgestattet mit scharfer Schneide, sein Ton an der Schnittstelle von Patzigkeit, Poesie und Pathos.

Dass sein „Kampf des Negers und der Hunde“ dieser Tage allerorts wieder gern gespielt wird, liegt allerdings an dessen Auslegung als Aussage über die Angst der „Weißen“ vor Fremden, Flüchtlingen, Verbrecher allesamt … Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? – Niemand! – Und wenn er aber kommt?

Drei in die Fremde geworfene Figuren sind also gezwungen, sich mit ihrem diffusen Gefühl der Bangigkeit auseinanderzusetzen. Auf einer Baustelle in Westafrika haben sich deren Leiter Horn, die von ihm mitgebrachte Frau Léone und der Ingenieur Cal gegen alle Bedrohungen von außen eingebunkert. Und dann ist das Unheil doch da. In Form des Einheimischen Alboury, der die Herausgabe des Leichnams seines auf dem Gelände verstorbenen „Bruders“ verlangt. Bald weiß man, es war kein Unfall, Cal griff zum Gewehr. Das Thema ist Macht und ihre Strukturen. Chef gegen Mitarbeiter, Mann gegen Frau, Bewaffneter gegen Unbewaffneten, Weiße gegen Schwarze. Die Hunde im Titel sind die Ersteren.

Am Akademietheater zerspragelt sich Regisseur Miloš Lolić am Spagat, Koltès gerecht zu werden und eine selbstständige Sichtweise auf die Sache zu fabrizieren. Dies gelingt nur ansatzweise. Lolić versucht’s weder atmosphärisch-ideologisch noch globalisierungskritisch-brisant noch als absurde Farce, um nur drei Deutungsmöglichkeiten zu nennen, er bleibt seltsam unentschlossen. Und: Er hat – dies die größte Sünde – dem Autor die dichterische Eindringlichkeit, die lyrische Ergriffenheit runtergeräumt, Lolić entzaubert Koltès bis zum Uninteressant-Werden – wenn ihm gar nichts mehr einfällt, und das ist nach dem beim Publikum ins Nichts verpuffenden Anfangsskandälchen wenig, lässt er stetig größer werdende Drohnen steigen.

Markus Meyer als Cal mit Philipp Hauß und Ernest Allan Hausmann. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Stefanie Dvorak, Philipp Hauß und Markus Meyer. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Schön wär’s zu sagen, der Abend hielte zum Text zumindest ironische Distanz, tatsächlich wird der die meiste Zeit nur hergesagt. Mitunter unverständlich schnell. Selbst Albourys Parabel über die menschliche Kälte, die nur durch gegenseitiges Wärmen vertrieben werden könne, verliert so an Wirkung.  Das in der Werkeinführung als spannend gepriesene Bühnenbild von Evi Bauer entpuppt sich als obligat-nackte Fläche bis zur Feuermauer, die Kostüme von Jelena Miletić sind ein transparent-nudes „Overdress“ und befleckte Khakikleidung, darunter durchsichtiges Ganzkörperplastik.

In diesem szenischen Leerlauf bemühen sich die Darsteller Philipp Hauß, Markus Meyer, Stefanie Dvorak und Ernst Allan Hausmann aus Rollen Charaktere zu gestalten. Zwischen Hauß‘ Horn und Meyers Cal entsteht bald ein Einverständnis zum latenten Rassismus, beiden gelingt es sogar, subtil unterschwellige Aggression aufblitzen zu lassen. Während Hauß mehr und mehr den Machtmenschen erkennen lässt, dominiert Meyer mit seiner Darstellung latenter Bösartigkeit das Bühnengeschehen. Stefanie Dvorak gibt ein von ihr schon bekanntes aufgescheucht-flirrendes Wesen, das mit seinem Naivchen-Bild vom „edlen Wilden“ alle Gewalt aufhalten will.

Ernst Allan Hausmann schließlich legt den Alboury sehr zurückhaltend an. Immerhin darf er mit einer Fußrassel Gefährlichkeit markieren, als Figur aber bleibt dieser Alboury wenig greifbar. Zum Ende trägt Léone eine Cornrows-Perücke, Horn einen traditionellen Zeremonienmantel aus Ziegenhaar. Geschossen wie bei Koltès wird nicht.

www.burgtheater.at

  1. 10. 2018

Kammerspiele: Vier Stern Stunden

September 25, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

An den besten Stellen eine bitterböse Satire

Susa Meyer und August Zirner. Bild: Rita Newman

Man amüsiert sich köstlich. Natürlich auch insiderisch, weil hier ein Metier und damit einhergehende Situationen aufs Korn genommen werden, dass einem nur allzu gut bekannt sind. Der Literaturbetrieb. Dessen Starrummel. Der Zustand, sich als Interviewender vom Interviewten vorführen lassen zu müssen – ohne Aussicht auf Rettung.

An den Kammerspielen der Josefstadt wurde Daniel Glattauers „Vier Stern Stunden“ uraufgeführt, und der Erfolgsstücke-Lieferant fürs Haus gab in bewährter Manier auch diesmal eines ab. Für den ehemaligen Journalisten, nunmehrigen Bestsellerautor, der seine Texte gern aus selbst Erfahrenem schöpft, war es sichtlich naheliegend, sich einmal die eigene, die schreibende Zunft vorzunehmen.

Und so ist „Vier Stern Stunden“, noch prägnanter geworden als die Komödien-Vorgänger. Die sarkastischen Dialoge laufen wie am Schnürchen, die Situationskomik hat den Zeitgeist eingefangen und tanzt mit ihm Ringelreihen. An den besten Stellen ist das Stück eine bitterböse Satire, und weil der Glattauer eben der Glattauer ist, kommt auch das Menschlich-Herzliche nicht zu kurz.

Gezeigt werden die Vorkommnisse im Reichenshoffer „Kulturhotel“. Dort hat man es sich zur Aufgabe gemacht, berühmte Schriftsteller einzuladen und den ansonsten zwischen Degustationsmenü und Bridgepartien pendelnden Gästen als „Künstlergespräch“ zu servieren. Ein diesbezüglicher Witz über Altersgrenzen kommt beim Kammerspiele-Publikum gut an. Nun also ist Frederic Trömerbusch an der Reihe. Der Romancier reist mit seiner deutlich jüngeren Freundin Lisa an, die vom mühseligen Egomanen längst genug hat. Außerdem klappt’s nicht mehr mit dem Sex, hört man zwischen den Zeilen, es gibt Streit. Die beflissene Kulturjournalistin Brem wird auf der Hotelbühne ergo Trömerbuschs Opfer. Sie, die sich für das Gespräch mit ihrem Idol so gewissenhaft vorbereitet hat, kann keine Frage platzieren, ohne dass die nicht in der Luft zerrissen würde (ob es ein Wort gebe, mit dem man alles ausdrücken könne, fragt sie, ja, antwortet er, „alles“). Und dann ist da noch der tollpatschige Hotelier David-Christian, der die angespannte Lage nicht besser macht …

Dominic Oley und Martina Ebm. Bild: Rita Newman

Glattauer-Spezialist Michael Kreihsl hat wieder mit viel Gespür fürs richtige Timing inszeniert. Sein Darstellerquartett ist hervorragend, besteht aus August Zirner als Trömerbusch, Martina Ebm als Lisa, Susa Meyer als Mariella Brem und Dominic Oley als Reichenshoffer-Sproß. Ihr sympathisches Schauspiel ist es, dass dem Abend eine ganz besondere Note verleiht. Ece Anisoglu hat fürs Bühnenbild alles an Achtziger-Jahre-Anticharme aufgeboten, was möglich war, zwischen verblichenen Tapeten und einem – dies offenbar die einzige Modernisierung seit anno Schnee – Raucherkabäuschen wird geliebt und gelitten.

August Zirner gibt einen zwischen Selbstverherrlichung und Selbstzweifel changierenden Literaturgott, zwar ist die missgelaunte Berühmtheit Trömerbusch zweifelsfrei ein Ekel, doch gelingt es Zirner mit seinem fabelhaften Spiel auch dessen Verletzlichkeit zu zeigen. Mit Susa Meyer und ihrem Abgefertigt-Werden lässt sich wunderbar mitleiden, Dominic Oley überzeugt als Kultur-Erbe, der kein Kulturerbe mehr will, einmal mehr mit seinem komödiantischen Können, Martina Ebm als freche Bloggerin Lisa.

Dass diese sich für ihre Webseite mit einem schwarzen Niqab – nicht Burka, wie es auf der Bühne heißt, Burka ist ein meist blauer Überwurf mit eingearbeitetem Sehgitter – verkleidet, um unter der dörflichen Bevölkerung eine negative Reaktion darauf zu provozieren, ist die einzige Szene, die, weil zu politisch spekulativ, vor allem, als dann noch das Wort „Vermummungsverbot“ fällt, entbehrlich ist.

Am Ende ergeht sich Glattauer in feinen Definitionen über die Vorsilben ver- und ent-. Verlassen – er von Lisa -, sagt Trömerbusch, ist schlecht, entlassen – Mariella von David-Christian – ist gut, weil die Möglichkeit in neue Freiheiten aufzubrechen. Die Brem kontert mit ihrem Gegenbeispiel von verzaubern – gut / entzaubern – schlecht. Und so findet sich, was zueinander gehört. Die einen bei Fußball und Popcorn, die anderen in ihrer Überzeugung, dass Literatur das schönste Leben ist. Die nächsten Vorstellungen von „Vier Stern Stunden“ sind bis auf ein paar Plätze ausverkauft, man sollte sich beeilen, um noch Karten zu bekommen.

www.josefstadt.org

  1. 9. 2018

Wiener Festwochen: Die Orestie

Mai 31, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Keine Demokratie für die Laborratten

Klytaimestra (Marie Löcker) und Volk. Bild: Armin Smailovic

Sollte einem die Schädeldecke nach hinten rutschen, so der Tipp von Dramaturg Matthias Günther am Ende seiner gutgelaunten Werkeinführung: „Schieben Sie sie einfach wieder nach vorne!“ Äh, ja. Ersan Mondtag Shootingstar hat zweifellos viel und farbenprächtige Fantasie, seine Fassung von Aischylos‘ „Orestie“ oszilliert zwischen Pathos und Klamauk – ein spannender Mix, für den man alles, nur nicht spaßbefreit sein darf.

Die Ansage, den Anspruch, sich wieder auf die Archaik des antiken Theaters zu besinnen, erfüllt der Abend, der vom Thalia ans Theater an der Wien übersiedelt ist, allerdings in vielerlei Hinsicht nicht. Das beginnt mit der Sprache, die so typisch deutsches Stadttheater ist. Mit einem Hauch Schnoddrigkeit und Mut zur Schreierei bis zur Outrage. Wenn Sebastian Zimmler als Orest sich in der Plattenbausiedlung – Mondtag, der seine Inszenierungen gern auch biografisch verankert, denkt hier wohl an den Berliner Kiez seiner Kindheit – die rachsüchtige Seele aus dem Leib brüllt, wartet man unwillkürlich darauf, dass von einem der Balkone ein „Ruhe!“ in den Innenhof erschallt. Im Wiener Gemeindebau wär’s mit Garantie so. Bevor die Stiege vier endlich ins Spiel kommt, passiert aber eine Menge.

Mondtag hat sich das Haus des Atreus‘ als Laborrattenstaat erdacht (honi soit …, wem hier der Neuenfels‘sche Skandal-Lohengrin einfällt). Das macht insofern Un/sinn, als die alten Griechen schon zu satyrnartigen Bocksmasken und großen Schwänzen griffen. Vor der Kulisse einer Glyptothek stehen die Darsteller in Stasis auf einer kleinen, roten Drehbühne. Ihr Singsang als Bürgerchor, unterstützt von einem Altonaer Gesangschor, der die Musik von Jazzer Max Andrzejewski interpretiert, erzählt die Geschichte von Flaute für die Flotte, Opferung Iphigenies, bis Heimkehr Agamemnon und Totschlag. Das ist, dank des hohen Tons von Walter Jens‘ Übersetzung, tatsächlich gewaltig. Marie Löcker tritt mit brüchiger Erotik als Klytaimestra aus der Masse hervor, André Szymanski als totengleich wandelnder Agamemnon, Paul Schröder als Aigisth.

Kassandra irritiert als Wickelkind im Weidenkorb. Bild: Armin Smailovic

Warum Kassandra ein Wickelkind im Weidenkörbchen sein muss, erschließt sich wiederum nicht. Das Babygebrabbel wird als die Fremdsprache der Seherin gedeutet, von der keiner versteht, was sie sagen will. Die ästhetische Setzung ist jedenfalls stark, Form bestimmt den Inhalt. Und erst auf den zweiten Blick sind die kleinen Irritationen zu entdecken: ein Shirt auf dem „Geil“ steht, eine Tasche mit der Aufschrift „Club Azur“.

Das weist schon hin auf das Folgende, wenn sich die Kulisse dreht, und die Aufführung zwischen Blumenbalkon und Sat-Schüssel angelangt ist. Als ob hinter jeder marmornen Fassade die Kleinbürgerlichkeit hauste. Und Klytaimestra und Aigisth winken gar königlich aus dem Spießbürgeridyll ins Volk hinunter. Da wird nun vieles lächerlich bis zum Lachen. Eine Urne wird aufs Chaos von Thomas Niehaus geworfen, die Sätze sind jetzt von Mondtag und modern. Als hätte manch einer ein „Also, wissen Sie, nee …“ auf den Lippen.

Nach der Pause eine eindrückliche, schwarze Albtraumszene, die sich von Atreus und Thyestes zu Aigisth, der längst als Witzfigur zur Abschlachtung freigegeben ist, und Orest entwickelt. Das ist von großer Intensität, wenn Agamemnon, als Toter auf seinem Grab sitzend, dem Sohn den Doppelmord befiehlt. Kein Wunder hier, dass Zimmler Hamlet und Jesus zitiert, er wird schließlich vor dem roten Vorhang zum durch die Erinyen Verpesteten, will eine Beichte ablegen, wird aber durch höhere Macht – Apollon – zum Demagogen, der aufhetzt, statt zu gestehen. Das ist schon sehr geschickt gelöst, samt Björn Meyer als Elektra.

Am Ende finden sich alle im Tiefgaragen-Tempel von Athene – Cathérine Seifert, die für die Übersiedlung die vom deutschen Feuilleton bemängelte Merkel-Raute und SMS-Sucht offenbar abgelegt hat – wieder und die Plädoyers beginnen. Der Hohe Rat wird eingesetzt, und sofort setzt Zank und Hader wieder ein. Unter Ratten ist eben keine Demokratie möglich, diese zarte Pflanze, die derzeit gerade vielerorts zertreten wird. Sagt Ersan Mondtag und verdreht Aischylos‘ Happy End in ein hämisches Moment. Zum Schluss gab’s Riesenjubel und Applaus für einen Abend, der die Balance zwischen Erhabenen und Groteskem sucht, und doch zu sehr in Zweiteres entgleitet. Die alte Kreativenregel „Kill your darlings!“ lass‘ die Einfälle weg, auf die du am stolzesten bist und die du am schönsten findest – hätte dieser Inszenierung gutgetan.

www.festwochen.at

  1. 5. 2018