Kamel Daoud: Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung

April 1, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Camus‘ Mordopfer aus „Der Fremde“ hat einen Namen

buchAlbert Camus schrieb 1942 in Paris seinen Roman „Der Fremde“, machte den Protagonisten zum Prototypen des Existenzialismus und verschaffte Camus Weltruhm. Der Ich-Erzähler ist der Büroangestellte Meursault. Im Algerien der 1930er-Jahre tötet er einen Menschen, von dem er sich irgendwie bedroht sieht. Er will für sein Vergehen einstehen und wird so zum Sündenbock, an dem die Justiz erst zögernd, dann jedoch mit voller Härte ein Exempel statuiert. Vor Gericht macht man aus dem Totschlag Mord und verurteilt ihn zum Tod. Meursault ist bis zur Naivität ehrlich. Indem er seine Gleichgültigkeit offen zeigt, fordert er indirekt die von der Gesellschaft akzeptierten moralischen Standards heraus, die etwa Trauer über den Tod nahestehender Menschen erwarten lassen. Im späteren Gerichtsverfahren beschädigt seine Reaktion auf den Tod der Mutter – er kann darüber nicht weinen – sein Ansehen fast mehr, als der von ihm verursachte Tod des Arabers.

Geschrieben ist der Roman in einer kühlen, emotionslosen, knappen Sprache. „Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß es nicht. Aus dem Altersheim bekam ich ein Telegramm: ‚Mutter verschieden. Beisetzung morgen. Vorzügliche Hochachtung.‘ Das besagt nichts. Vielleicht war es gestern.“

Dieses „Ich weiß nicht“, „Vielleicht“, „Das besagt nichts“ begleitet Meursaults Handlungen, oder wohl eher Nicht-Handlungen. Er „weiß“ auch nicht, ob er seine Geliebte „liebt“. Aber heiraten würde er sie, „vielleicht“. In seinem Leben, so scheint es, kann nichts irgendetwas verändern. Sein Leben hat keine Bedeutung, kennt keine Hoffnung. Es geschieht einfach. Wie die Tat am Strand bei Algier, wo er einen Araber mit fünf Schüssen tötet, den Feind eines beiläufigen Freundes. Er „weiß nicht“, warum. Die Hitze dieses Tages, die Sonne könnten „schuld“ daran gewesen sein, sagt er während des Prozesses. Und weil er beim Begräbnis seiner Mutter nicht geweint hat, gilt das dem bürgerlichen Gerichtshof als wesentliches Indiz seiner Mörderseele.

Siebzig Jahre später setzt Daouds Roman „Meursault – eine Gegendarstellung“ ein: Ein alte Mann, Haroun, sitzt Nacht für Nacht in einer Bar in Oran und erzählt einem gegenüber seine Geschichte. Er ist der Bruder jenes Arabers, der 1942 von Meursault am Strand von Algier erschossen wurde. Fünf Pistolenschüsse um 14 Uhr unter der gleißenden Sonne. Mit all dem Ärger, der Angst und Frustration eines Lebens im Schatten dieses Todes, gibt der alte Mann seinem Bruder seinen Namen zurück: Moussa hieß dieser, dessen Tod auch Harouns Leben für immer verändert hat. In Camus’ Roman „Der Fremde“ ist das namenlose Opfer dagegen nur ein „Araber“, einer von vielen. Daoud gibt ihm nun eine Identität und eine Geschichte. Eine Geschichte, die untrennbar mit der Algeriens verknüpft ist, von der französischen Kolonialzeit bis zum Unabhängigkeitskampf mit hunderttausenden Toten und dem Ende der französischen Herrschaft.

Bild: mottingers-meinung.at

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Der Roman zeigt nicht nur, wie die Vergangenheit die Gegenwart prägt, und über die ungebrochene Kraft der Literatur, eine tiefere Erkenntnis, eine verborgene Wahrheit ans Licht zu bringen, sondern er ist auch ein gelungener Versuch, einen Eindruck von den ungleichen Wahrnehmungen zu geben, die das algerisch-französische Verhältnis bis heute prägen. Denn der Autor verbindet das Schicksal seines Erzählers explizit mit dem Algeriens.

Auch Haroun begeht einen Mord, um 2 Uhr früh im Juli 1962 in einem Garten an einem Franzosen.  Dorthin, wo sich Haroun und seine Mutter niedergelassen haben, hat sich der Mann geflüchtet, um sich vor der Gewalt algerischer Unabhängigkeitskämpfer zu verstecken. Juli 1962: Das ist der Monat, in dem Algerien nach einem langen Krieg gegen die französische Kolonialmacht die Unabhängigkeit erlangte. „Ich drückte auf den Abzug und schoss zwei Mal. Zwei Kugeln. Eine in den Bauch und die andere in den Hals. Insgesamt also sieben, dachte ich absurderweise sofort. (Nur dass die ersten fünf, die Moussa getötet hatten, zwanzig Jahre früher abgegeben worden waren …).“ Die Tat selbst ist für Haroun kein Mord, sondern eine Restitution.

Moussas jüngerer Bruder landet zwar für kurze Zeit im Gefängnis, doch für seine Tat wird er gerichtlich nicht belangt, anders als Meursault in „Der Fremde“. Dafür wird er von seinen Landsleuten als „Feigling“ gebrandmarkt, weil er sich nicht dem algerischen Widerstand angeschlossen und gegen die Franzosen gekämpft hat. Dieses Vergehen wiegt in deren Augen schwerer als die Tat an dem Franzosen. Haroun muss erkennen, dass man ihn ohne Erklärung freilassen würde, während er doch verurteilt werden wollte. „Ich wollte von diesem so schwer auf mir lastenden Schatten befreit werden, der mein Leben in Finsternis verwandelte … Die Willkür von Moussas Tod war eine Zumutung. Und nun wurde meine Rache ebenfalls zu völliger Bedeutungslosigkeit verdammt.“

Bild: mottingers-meinung.at

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Eine weitere Parallele zu Camus: Meursault wird nach seiner Verurteilung zum Tod von einem Priester besucht. Ein heftiger Diskurs über den Glauben und die Religion entbrennt. Meursault kann den Worten des Geistlichen nichts abgewinnen. Auch Haroun wird von einer „ganzen Meute von Frömmlern verfolgt, die mich davon überzeugen will … dass Gott über uns wacht. Ich schreie ihnen entgegen, dass ich mir schon seit Jahren dieses unvollendete Mauerwerk anschaue.“

Nicht die einzigen kritischen Äußerungen zum Islam: „Die Gebetszeit hasse ich am meisten, und zwar seit meiner Kindheit schon, aber seit einigen Jahren immer mehr. Die Stimme des Imam brüllt durch den Lautsprecher, der eingerollte Gebetsteppich unter ihren Achselhöhlen, die plakative Architektur der Moschee und dieses heuchlerische Eilen der Getreuen zum rituellen Waschen und zur Unaufrichtigkeit, zur Absolution und zum Rezitieren.“

Dafür wird der Schriftsteller auch mit einer Fatwa belegt. Wie bei Salman Rushdie war es auch im Fall Daouds die kritische Auseinandersetzung mit dem Islam und Religion, die den salafistischen Kleriker Abdelfattah Hamadache Zeraoui im Dezember 2014 zum Mordaufruf bewegten. Doch trotz zahlreicher Drohungen, denkt Daoud nicht daran, sein Heimatland Algerien zu verlassen und ins Exil zu gehen.

Am Ende treffen sich Haroun und sein Gegenüber noch einmal. „Sagt Dir meine Geschichte denn zu? … Ich bin Moussas Bruder oder der Bruder von niemandem. Nichts als ein Schwätzer, den du getroffen hast, um deine Hefte zu füllen … Du hast die Wahl, mein Freund. Das ist genauso wie mit der Biografie Gottes.“

Über den Autor:
Kamel Daoud, geboren 1970 im algerischen Mostaganem geboren, ist Journalist beim Quotidien d‘Oran, für den er seit vielen Jahren eine der meistgelesenen politischen Kolumnen in Algerien schreibt. Er lebt in Oran. Nach der Veröffentlichung eines Bandes mit Erzählungen erschien mit „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ sein erster Roman (2013 in Algier erschienen). Mit dem Buch war er 2014 in der Endauswahl für Frankreichs wichtigsten Literaturpreis, den Prix Goncourt, und wurde schließlich in der Kategorie „bester Debütroman“ ausgezeichnet.

Kiepenheuer & Witsch, Kamel Daoud: „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“, Roman, 208 Seiten. Aus dem Französischen von Claus Josten.

rororo, Albert Camus: „Der Fremde“, Roman, 160 Seiten. Aus dem Französischen von Uli Aumüller.

www.kiwi-verlag.de

www.rowohlt.de

Wien, 1. 4. 2016