Lisa Eckhart: Metrische Taktlosigkeiten

Mai 27, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine schweinsfreche Sauklaue

Der vordergründigste Grund – und dieser ist tatsächlich tiefgründig, Lisa Eckhart zu mögen ist, dass sie eine extrem attraktive junge Frau ist. Eine, die sich stylt und die Haare schön hat und die Lippen rot und das Outfit immer vom Feinsten. Weil, Frauen generell, und sich aufmotzende Frauen noch mehr, haben in dieser mannsdominierten Welt nicht geistreich zu sein, und schon gar nichts zwischen satirisch bis sarkastisch. Das Kabarett noch dazu ist ein Machobauchladen, bis auf wenige Widerständlerinnen, eine Art sich klug die intellektuellen Fussel aus dem Nabel kletzelnder King Kong: Blonde Frau, schweig, du Opfer!

Und dann kommt das Mädchen Lisa, die wohl mehr als zufällig nach ihrem Simpson-Pendant heißt, und sagt: Fuck you! Wobei der dazu gekrümmte Mittelfinger kein Penisersatz, sondern ein Zeichen für die Überwindung der weiblichen Scham ist. Die Geste wurde derart bereits 1905 von Friedrich Salomon Krauss gedeutet. Wurscht. Lisa Eckhart also, Österreichischer-Kabarettpreis-Preisträgerin, hat ihre Dichtungen zwischen zwei Buchdeckeln verstaut: „Metrische Taktlosigkeiten. Eine Einführung ins politische Korrektum“. Und siehe, das schweinsfreche Schandmaul hat auch eine Sauklaue!

Siebzehn bitterböse Bühnentexte, in denen sie die Lebensrealität genussvoll zwischen den Fingern zerbröselt, und fünf pointierte Stellungnahmen zur Zeit hat sie zu einem Ganzen zusammengestellt, gemeine Reime, von genial bis trivial. Eckhart fleddert die illustren Leichen der Literatur und erschafft aus deren einzelnen Teilen entzückend pathetische Balladen-Bastarde. Beispiel I:

Es ist ein ganz normaler Tag, und mir wie immer schrecklich fad, ich lieg nur reglos und sinniere, esse Kuchen, masturbiere … Ich gönn mir kleinen Kelch Absinth, obgleich der Morgen erst beginnt, doch fremd ist mir jed Anstandsmauer, für einen Alkoholiker ist jede Stunde Happy Hour. Ich fühl mich schick wie Oscar Wilde, und, am Toilettenrand verkeilt, frag ich mich, ob auch dieser sich damals so schick erbrach wie ich …

Es gibt Neudichtungen von „Faust“ bis zur Bundeshymne, Politisches über die FPÖ (Faux-pas-Österreich) und andere Parteiwiedergänger, der Weihnachtsmann wird zum Kinderschänder, und der Osterhase verpaart sich mit der Osterhenne – dies das grauslichste Gedicht von allen. Erstaunlich überhaupt ist, wie intensiv sich Eckhart mit der Religion beschäftigt, am heftigsten im kannibalistischen Poem „Der letzte Abendgemahl“, wo man doch dachte, nur die bayerischen Kabarettisten müssten sich herkunftsbedingt nonstop am Brachial-Barock-Katholischen abarbeiten. Beispiel II:

Gott … wurde sich des Ausmaßes seiner Machteinbuße erst vor einigen Jahren bewusst und verteilte daraufhin in Panik erstmals Feedback-Bögen an die Menschheit. „Bewerten Sie die derzeitige Schöpfung mit Prädikaten wie 1. Hosanna, Juchhe! 2. Leiwand. 3. Befriedigend. 4. War schon mal besser. 5. Bitte, Gott, lass mich sterben!“ Es wurde allerdings strenggenommen kein internationales Ergebnis erzielt, da nicht alle Antworten ordnungsgemäß ausgewertet werden konnten. Die dritte Welt hat die Fragebögen gegessen, Österreich nicht anständig zugeklebt und Israel und Palästina haben das Papier lieber zerrissen, zu kleinen Bällchen gerollt und sich damit gegenseitig bespuckt. Dennoch trat ein eindeutiges Stimmungsbild zutage. Unter dem Punkt Verbesserungsvorschläge schrieb fast ein jeder der Befragten: „Lass es gut sein, Gott.“ Und Gott sah, dass es gut war und trat von seinem Amt zurück.

Sozusagen als Bonustrack im Buch gibt es ein Interview, das Michael Niavarani mit Eckhart führt, ihn hier den „Entdecker des Talents“ zu nennen, wäre siehe oben uähh!, aber die beiden haben einander was zu sagen. Sei’s über die political correctness als Einbahnstraße, den (Irr)sinn des Genderns oder den Willen des Kabarettisten zur Macht. Wem Schopenhauer zu optimistisch, Nietzsche zu wehleidig und Kafka zu fröhlich ist, der könnte an diesem Werk genesen.

Niavarani: Hast du jemals daran gezweifelt, ob du Künstlerin bist, oder nicht?

Eckhart: Also, ich war immer überzeugt davon, dass ich ein Publikum verdiene.

Lisa Eckhart hat nicht nur ein Schandmaul, sondern auch eine Schweinsklaue. Bild: Moritz Schell

Über die Autorin:
Lisa Eckhart, geboren 1992 in Leoben in der Steiermark, ist Poetry-Slammerin und Kabarettistin. Sie wuchs bei ihren Großeltern auf, studierte später in Wien und Paris, lebte in London und Berlin. Die erste Masterarbeit zum Thema Weiblichkeit und Nationalsozialismus ausgehend von Joseph Goebbels Tagebüchern wurde verworfen, ihre zweite Masterarbeit – schließlich ein „Sehr gut“ – befasst sich mit der Figur des Teufels in der deutschsprachigen Literatur. Nach dem Studium absolvierte Eckhart mehr als zwanzig erfolglose Vorsprechen an Schauspielschulen und entdeckte schließlich den Poetry Slam für sich, weil dort „angeblich selbst der untalentierteste Auswurf eine Bühne findet“ (O-Ton Eckhart). 2015 gab sie mit „Als ob Sie etwas Besseres zu tun hätten“ ihr Kabarett-Solodebüt, für das sie mit dem Förderpreis des Österreichischen Kabarettpreis ausgezeichnet wurde. Eckhart ist immer wieder Teil des Rateteams in der ORF-Show „Was gibt es Neues?“

 

Verlag Schultz & Schirm, Lisa Eckhart: „Metrische Taktlosigkeiten. Eine Einführung ins politische Korrektum“, Bühnendichtung, 144 Seiten.

www.lisaeckhart.com

www.schultzundschirm.com

Wien, 27. 5. 2017