Crescendo – #makemusicnotwar: Peter Simonischek auf Barenboim’schen Spuren

Oktober 8, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Kraft der Musik kann Frieden schaffen

Will die israelischen und palästinenschen Musikerinnen und Musiker zum Orchester formen: Peter Simonischek als Dirigent Eduard Sporck. © Stadtkino Filmverleih / CCC / Bild: Oliver Oppitz

Man kann einander nicht hassen, wenn man gemeinsam Musik macht. Von dieser Idee ist Daniel Barenboim zutiefst überzeugt, als er 1999 mit Edward Said und Bernd Kauffmann das West-Eastern Divan Orchestra gründet. Das zu gleichen Teilen aus israelischen und arabischen Musikern zusammengesetzte, weltweit gastierende Symphonieorchester ist die Vision eines friedlichen Zusammenlebens der Völker im Nahen Osten.

Und ganz klar Inspirationsquelle für Dror Zahavis aktuellen Film „Crescendo – #makemusicnotwar“, der, nachdem er #Corona-bedingt im Mai nicht starten konnte, gestern Abend das Jüdische Filmfestival Wien 2020 eröffnete, und ab Freitag österreichweit in den Kinos zu sehen ist. Die noch von Artur Brauner angedachte Produktion hat nun seine Tochter Alice Brauner realisiert. Das Drehbuch verfasste Zahavi zusammen mit Johannes Rotter.

Ein Orchester als Friedensprojekt. Das beginnt natürlich mit Zank und Zoff. Wackelige Handy-Videos zeigen die Vorbereitung zweier Kids aufs Vorspielen. Er in schicker Stadtwohnung der Musik hingegeben, sie voll verzweifelter Wut, Tränengas, Steinhagel, Panzer, Tel Aviv vs Westbank, Schikanen am Checkpoint, die palästinensischen Musikerinnen und Musiker kommen zu spät ins Konzerthaus, wo der arrogante israelische Jungstar schon heftig aufgeigt …

Im Rahmen einer Friedenskonferenz in Südtirol soll ein israelisch-palästinensisches Jugendorchester als Brückenbauer dienen, so denkt sich das Klara de Fries, Bibiana Beglau, von der „Stiftung für effektiven Altruismus“ und zuständig für das Abendprogramm, als sie den weltberühmten Dirigenten Eduard Sporck für ihr Anliegen begeistern will. Ein Zeichen gegen animose Ideologien und gegen Intoleranz, an das Peter Simonischek in einer Paraderolle als bärbeißiger Maestro mit einem hingeworfenen „Ich spende schon fürs Rote Kreuz!“ nicht so recht glauben will.

Omar wird am Checkpoint aufgehalten: Mehdi Meskar. © Stadtkino Filmverleih / CCC / Bild: Oliver Oppitz

Während Layla schon beim Vorspielen ist: Sabrina Amali (li.) © Stadtkino Filmverleih / CCC / Bild: Oliver Oppitz

Romeo und Julia: Mehdi Meskar als Omar und Eyan Pinkovich als Shira. © Stadtkino Filmverleih / CCC / Bild: Oliver Oppitz

Gemeinsam feiern macht Freunde: Daniel Donskoy als Ron und Sabrina Amali. © Stadtkino Filmverleih / CCC / Bild: Oliver Oppitz

Doch Sporck hat eine eigene schwierige Geschichte, die Eltern waren Birkenau-„Ärzte“, diese innerfamiliäre NS-Vergangenheit nagt an ihm, und so sagt er schließlich zu. Zahavi wechselt Schnitt für Schnitt die Schauplätze und die Protagonisten. Violinistin Layla, Sabrina Amali, von ihrer Mutter als Verräterin an der palästinensischen Sache beschimpft, erklärt ihre Geige zur „Waffe“ im Kampf um Respekt und Gerechtigkeit. Später sieht man Layla, gestoppt von einer israelischen Soldatin. Der Geigenkasten ist verdächtig, Layla, die ihre Einladung zum Vorspielen herzeigen will, sofort als aufsässig eingestuft. Angst führt zu Aggression. Auf beiden Seiten.

Dem Klarinettisten Omar, Mehdi Meskar, der bisher mit der Familienband auf Hochzeiten spielte, sagt der Vater: „Sporck, das ist Porsche. Wenn du etwas lernen willst, geh zu ihm. Ist doch egal, ob da auch Juden spielen.“ Der israelische Violinist Ron, Daniel Donskoy, trumpft mit seinem Selbstbewusstsein auf, und wird doch bei Sporck nur die zweite Geige spielen. Auf ein „Alhamdullilah“ folgt ein „Scheißjuden“/„Selbstmordattentäter“ folgt „Kein Frieden mit den Arabern!“/„Palästina den Arabern!“ folgt ein „Don’t talk politics“. Ein Landstrich und keine Verständigung. Man versteht sich nicht. Auch sprachlich nicht.

Und Hornistin Shira, Eyan Pinkovich, trifft zum ersten Mal Omar. Eine Begegnung aus der ein israelisch-palästinensisches „Romeo und Julia“ wird. Inmitten all der jungen Schauspieler und Laiendarsteller, diese dafür die echten Musiker, blüht Lehrmeister Simonischek-Sporck regelrecht auf. Seine Unterrichtsmethode: liebevolle Strenge, tadelnde Milde und mitunter im Abgang ein „Arschloch“ – sagt Poser Ron, der Sporcks Autorität permanent auf die Probe stellt. Bald rebellieren die Fanatiker da wie dort, die israelischen Musikuni-Studenten gegen die palästinensischen Autodidakten, nur Shira und Omar können vorurteilsfrei aufeinander zugehen.

Friedensgespräche im Südtiroler Sitzkreis: Maestro Sporck dirigiert seine Schützlinge. © Stadtkino Filmverleih / CCC / Bild: Oliver Oppitz

Also legt Sporck seinen Vivaldi erst einmal beiseite und veranstaltet Respekt-Workshops. Die Probenzeit vorm Südtiroler Postkartenidyll wird zum Kraftakt, denn auch fernab vom Konfliktherd brodeln die Ressentiments der Jugendlichen hoch, und „Crescendo – #makemusicnotwar“ zum Versöhnungsmovie, das mit höchst authentisch anmutenden Szenen den Nahostkonflikt im Kleinen nacherzählt. Dror Zahavi findet einige beklemmende Metaphern für diesen Zustand zwischen Erstarrung und Eskalation. In seinen Bildern wie in den von ihnen festgehaltenen Menschenschicksalen vermittelt der Film die Gefühlslagen beider Seiten eindrücklich und voller Verständnis.

Stark ist die Szene, in der Sporck die Jugendlichen veranlasst ihre Feindseligkeiten, in der x-ten Generation instrumentalisiert und konserviert, rauszubrüllen. Sich bis zur Erschöpfung anzuschreien. Aus Frust und Furcht wird eine Friedensübung. „Frieden“, sagt Ron, „ist Science Fiction“, aber einer muss den ersten Schritt machen. Der „Ausländer“, der „Migrant“, der „Flüchtling“- „die“ sind gefährlich, nur der woher auch immer stammende Nachbar ist ein Freund. Und so sollen alle Nachbarn sein. Dies die Botschaft dieses durch und durch humanistischen Dramas.

In den vielen Einzelepisoden stechen Mehdi Meskar und Eyan Pinkovich mit ihrem einfühlsamen Spiel hervor, der schüchterne Omar, die freche Shira und ihre Love Story, Sabrina Amali mit ihrer enorm kraftvollen Darstellung der Layla und Daniel Donskoy als von seinem Talent so überzeugter wie gebeutelter Ron – der am Ende die Grenzen, die Ausgrenzung tatsächlich überwindet. Ob dies Ende happy wird, wird sich zeigen. Im Film jedenfalls …

www.crescendofilm.de

8. 10. 2020