Suffragette – Taten statt Worte

Februar 5, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Downton Abbey“ goes Geschlechterkampf

Maud (Carey Mulligan) wird verhaftet und abgeführt Bild: © Filmladen Filmverleih

Maud (Carey Mulligan) wird verhaftet und abgeführt
Bild: © Filmladen Filmverleih

Es gibt im Film nur einen sonnigen Tag, so scheint’s, nämlich den 4. Juni 1913 in Epson. Da stellte sich Emily Wilding Davison beim britischen Derby vor das königliche Pferd. Und wurde zu Boden gerissen. Und starb. Vor dem anwesenden König Georg V. Die damals ganz neuen Filmkameras zeigten, was sie entrollen wollte: die Fahne der Women’s Social and Political Union (WSPU). Mit ihrem Tod war eine Märtyrerin der Frauenrechtsbewegung geboren. Die Zeitungen berichteten erstmals positiv über die wilden Weiber, die für ihr Wahlrecht zu Terroristinnen geworden waren. Vorher hatten sie deren Fahnungsfotos veröffentlicht – die Presse als gott- und vaterlandergebenes Denunziations- medium gegen die „Suffragette“. Ab 5. Februar in den heimischen Kinos.

Es sind Szenen wie diese, die einem die Wichtigkeit von Sarah Gavrons Film deutlich machen. Erst 1993 wurden Frauenrechte auf die Tagesordnung der UN-Weltmenschenrechtskonferenz gesetzt. Die Wiener Erklärung hält fest, „Menschenrechte von Frauen und Mädchen sind ein unveräußerlicher, integraler und unteilbarer Bestandteil der universellen Menschenrechte“. Allein, dass dies einer extra Erwähnung bedurfte, spricht Bände. Bis heute aber hat man bei einem Einbruchsdelikt weniger Erklärungsnotstand als bei einer Vergewaltigung. Werde ich beraubt, muss ich nicht nachweisen, dass die Tat nicht mit meinem Einverständnis geschah, bei sexueller Belästigung hingegen … Der jungen Wäscherin Maud Watts geschieht auch dies. Für ihren Boss ist sie Freiwild. Und ihr Ehemann, der ihr gegenüber alle Rechte hat, der Herr im Haus, dem es gesetzlich sogar zusteht, gegen Mauds Willen den gemeinsamen Sohn zur Adoption freizugeben, ist am Arbeitsplatz sehr klein und sehr still.

„Suffragette“ ist in diesem Sinne Lehr- und Rührstück zugleich. Ein wenig bieder-pathetisch und very konventionell british. Sozusagen „Downton Abbey“ goes Geschlechterkampf. Den Frauen fallen strähnige Haare in die fahlen Gesichter, die Kinder husten, die Männer trinken, alle und alles ist schmutzig-graubraun, Charles Dickens hat seinen Fagin von der Leine gelassen. Und Carey Mulligans zartgesichtige Maud geht durch diesen Film als Schmerzens- und Staunensfrau. Sie ist eine Simplicissima, die in die Situationen stolpert, der in einem Jahr mehr passiert, als anderen in drei Leben, damit sie am Ende stolz und stark dastehen kann. Entlassen aus der männlichen Gewalt. In jeder Hinsicht, denn sie wird wegen ihrer Aktivitäten aus ihrem Job und ihrer Familie gejagt. Ben Whishaw verleiht als Mr. Watts seiner Überforderung mit grausamen Mitteln Ausdruck. Er ist über weite Strecken seines Charakters „beleidigt“, dass ihm das Schicksal diese Megäre zugemutet hat.

„Suffragette“ ist in diesem Sinne zuallererst ein Film über die Angst. Der Männer. Vor Macht- und Positionsverlust. Vor dem Verlust der Weltherrschaft. Sie arbeiten mit Ausbeutung, Demütigung, Gefängnis, Schlägen, Zwangsernährung. Eine Befragung Mauds in einem parlamentarischen Unterausschuss – erstmals durfte mit Sondergenehmigung im Palace of Westminster gedreht werden -, zeigt auf erschreckende Weise das Erstaunen der Abgeordneten über einen Frauenalltag. Die Einkommensschere kommt da auch schon vor. „Ich dachte, es muss einen besseren Weg geben ein Leben zu leben“, erklärt Maud ihre „Radikalisierung“. Von Politik redet sie nicht. Doch die Frauen werden nicht gehört. Sie werden von der Geheimpolizei ausspioniert und fotografiert – Brendan Gleeson als väterlich-sinister Inspektor ist ein weiterer männlicher Darsteller, der im Frauenheer überzeugen kann. Beim „Black Friday“, einer Kundgebung vor dem Parlament (im Film, damit’s passt, zeitlich um zwei Jahre verlegt), sterben drei Frauen unter Knüppelhieben. Und Gewalt erzeugt Gegengewalt.

Helena Bonham Carter als emanzipierte Apothekerin, ihr Mann ebenfalls Verfechter der Frauenrechte und später Chauffeur zu und weg von Attentaten, wird Mauds wichtigster Anker in diesem Tumult. Bonham Carter, forever Punk, schafft es mit einer kompromisslosen, sich selbst bewussten Darstellung das von Regisseurin Gavron für sie vorgesehene Schema zu unterspielen. Ihre fiktive Figur Edith, offensichtlich inspiriert von Edith Garrud und Edith New, ist bereit der Bewegung bis zum äußersten zu folgen. Auch Emmeline Pankhursts Aufrufen zu Anschlägen. Es ist eine der großen Qualitäten von „Suffragette“, dass gezeigt wird, wie Frauen aller Gesellschaftsschichten, von der Ministersgattin bis zur Arbeiterin, sich zum Teil ihrer Revolution machen. Nur gemeinsam, so die Botschaft, geht Widerstand.

Meryl Streep zeigt als große Feministin, wie man einen Film mit einem Minutenauftritt dominieren kann. Und weil die Theoretikerin der gewaltlosen Gegenwehr diesen für das Legen von Bränden und Bomben alsbald aufgab, kann auch die berühmte 1913er-Jahr-Rede vorkommen: „I am here as a soldier who has temporarily left the field of battle in order to explain what civil war is like when civil war is waged by women …“ Freilich ist die Pankhurst hier geschönt. Im düsteren Drehbuch von Abi Morgan sind alle Frauen Lichtgestalten. Dass Pankhurst bereits im Jahr vor diesem Auftritt eine rabiate Säuberung der WSPU von internen Rivalinnen vornahm, und es fällt einem ein, dass Lady Streep auch als die eiserne zu sehen war, hat im Film keine Bedeutung. Für Connaisseurs gibt’s einen kurzen Dialog darüber, der große Rest ist Fiktion. „Suffragette“ ist eine Übersetzung der feministischen Ideen mit filmästhetischen Mitteln, nicht deren wissenschaftliche Überprüfung.

Am Ende natürlich der Begräbniszug der Emily Wilding Davison in Originalbildern. Die dokumentarischen Aufnahmen zeigen die zehntausenden Frauen, die dem Sarg folgten, und eine berittene Staatsmacht in Schreckstarre. Die Inschrift auf Davisons Grab auf dem Friedhof St Mary’s in Morpeth erklärt den deutschen Zusatztitel zum Film:  “Deeds, not words”. Das allgemeine Wahlrecht für Frauen wurde in Österreich und Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg 1918 eingeführt. „Zum Wählen zu dumm, aber zur Arbeitspflicht für das Kriegsführen gescheit genug“, war der Schlachtruf der Sozialdemokratin Adelheid Popp für dessen Durchsetzung. Großbritannien folgte 1928, die Schweiz 1971; 1984 kam Liechtenstein als letztes westeuropäisches Land dazu. Bei der Londoner Premiere des Films stürmten Frauenrechtler der Organisation „Sisters Uncut“ in die Promi-Parade. Mit Rauchbomben und einer Sitzblockade machten sie ihrem Ärger über die Entscheidung der britischen Regierung Luft, die Finanzierung von Einrichtungen für Opfer häuslicher Gewalt zu kürzen. „Endlich wird der red carpet für etwas Sinnvolleres genutzt, als sein Kleid darauf spazieren zu tragen“, kommentierte Helena Bonham Carter cool die Aktion.

www.suffragette-film.de

Wien, 5. 2. 2016

Im August in Osage County

Februar 28, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Meryl Streep und Julia Roberts im Duell der Diven

Julia Roberts und Meryl Streep Bild: Tobis Film

Julia Roberts und Meryl Streep
Bild: Tobis Film

Der Stoff ist bekannt. Alvis Hermanis inszenierte Tracy Letts‘ mit dem Pulitzer Preis (und fünf Tonys für die Broadway-Fassung) ausgezeichnetes Stück 2009 am Akademietheater. Unter dem Titel „Eine Familie“.  Und starbesetzt mit Kirsten Dene, Dorothee Hartinger, Dörte Lyssewski, Barbara Petritsch, Sylvie Rohrer, Martin Reinke, Falk Rockstroh, Dietmar König und Michael König. Nun zieht Hollywood nach. Regisseur John Wells bringt „Im August in Osage County“ – trotz Protesten des Dramatikers und Drehbuchautors nicht in der Original-US-Theaterbesetzung – auf die Leinwand. Als Kammerspiel, in meist abgedunkelten Räumen, ohne Chichi und Trara. Wells will die Bühnenherkunft der bitterbösen Tragikomödie gar nicht verschleiern. Das tut dem Ganzen gut. Er lässt den Vorarbeitern der Traumfabrik Raum. Und die entfalten sich prächtig. Allen voran Julia Roberts  als Barbara und Meryl Streep als Violet. Beide Damen waren für einen Golden Globe nominiert und sind es für einen Oscar.

Violet ist die Matriarchin einer Familie aus Oklahoma. Da ihr alkoholkranker Mann Beverly auf rätselhafte Weise ums Leben kam, finden sich die Familienmitglieder zur Beerdigung zusammen. Man hat einander lange nicht gesehen und diesen Zustand durchaus genossen. Violets herrische Art, ihr Zwang stets sofort auszusprechen, was sie  denkt, macht den Aufenthalt im Elternhaus zur Hölle. Für die Töchter Barbara und Karen, die erstmals mit ihren Lebenspartnern in ihre Heimatstadt reisen. Für Ivy, die bei Violet wohnen blieb. Außerdem kommt Violets Schwester Mattie Fae mit ihrem Mann und ihrem Sohn zur Trauerfeier. Obwohl alle Beteiligten das Ereignis möglichst schnell und friktionsfrei hinter sich bringen wollen, reizt Violets Zynismus schließlich alle zu Aussagen, die pünktlich zum Leichenschmaus allerlei dunkle Familiengeheimnisse ans Licht bringen …

„Im August in Osage County“ ist ein Frauenfilm. Streep, Roberts und Juliette Lewis als Karen sind derart brillant, dass die Kollegen Ewan McGregor (Barbaras Nochehemann Bill; man ist schon mitten drin in der Scheidung, will aber darüber schweigen, was natürlich nicht gelingt), Benedict Cumberbatch (als Mattie Faes problematischerSohn) und Sam Sheperd, ein Rückblenden-Beverly, schwer dagegen ankommen. Wiewohl auch sie fantastisch sind. Meryl Streep gestaltet die tablettensüchtige Violet – die Dene-Rolle – hart am Rande des Abgrunds. Und mit jenem Mut zur „Hässlichkeit“ (im Guck-mal,-nur-schöne-Leute-Business heißt das ja was), den man an der großen Schauspielerin immer wieder bewundern darf. Mit bröckelnder Fassade, Make-up und Perücke gehen im Laufe der Entgleisung verloren, lebt sie ihre seelischen Qualen, lang unterdrückte Begierden aus. Ist immer auf der Suche nach einem neuen Opfer für einen Schlagabtausch. Will verletzen – und verletzt vor allem ihre älteste, Barbara. Die spielt Julia Roberts zunächst noch mit hart erarbeiteter, hochdisziplinierter Zurückhaltung. Doch man merkt schon: Da brodelt’s unter der Oberfläche. Die angestauten Aggressionen brechen sich am Esstisch Bahn; wie Furien fallen die Frauen übereinander her.

Das ist großes Kino. Ein Familienk(r)ampf auf höchstem Niveau. Wie sich hier alles ums Geliebtwerdenwollen und Ungeliebtsein dreht, ist fast wie echt. Verwandte sind eben eine ererbte Krankheit. Mit den übrigen Leuten identifiziert man sich per Zufall.

Zu sehen ab 7. März.

www.augustosagecountyfilm.com

www.imaugustinosagecounty.de

Wien, 28. 2. 2014