Theater in der Josefstadt: Rosmersholm

November 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Wortgefecht auf rechts gewendet

Letales Ende zweier Liebender: Herbert Föttinger als Johannes Rosmer und Katharina Klar als Rebekka West. Bild: Erich Reismann

Die Männersentimentalitäten der beiden um die in den Freitod gegangene Beate Trauernden, auch die gepflegten Herrenwitze sind bald vorbei. Höflich hilft der Gastgeber dem Gast zwar aus dessen Regenpelerine, man bewegt sich auf akademischem Terrain, der Kultur- wissenschaftler und der Hochschulrektor, aber schon, wie Krolls Kopf dabei kurz vom roten Plastik umschlossen ist – das hat etwas Erstickendes. Die Atmosphäre ist klaustro- phobisch, als gäb’s aus dem schwarzgrünen Strichcode-Bühnenbild kein Entrinnen. Auf dem Gut von Johannes Rosmer trennt sich ebendieses nicht so simpel vom Böse.

An der Josefstadt ist Autor Ulf Stengls Ansatz, Ibsens „Rosmersholm“ via Dramenüber- schreibung zu aktualisieren und auf die politischen Auseinandersetzungen zu fokussieren, aufgegangen. Dies nicht nur zur Freude von Hausherr Herbert Föttinger, der in seinem Spielplan derart eine weitere Uraufführung auflisten kann, sondern auch zu der des Publikums, das bei der von Regisseur Elmar Goerden verantworteten Premiere nicht mit dem Applaus geizte. Stengl, der mit Silvia Merlo auch den abstrakten Bühnenraum entwarf, hat den Vierakter auf zwei Stunden komprimiert und die Charaktere auf drei reduziert:

Johannes, Kroll und Rebekka West. Die gesellschaftlichen Grundsätze der Protagonisten sind bei Stengl auf die jeweilige Gegenseite gewendet. Sympathisierte Rosmer anno 1887 noch mit dem „linken Lager“, so ist der liberale Privatgelehrte längst nach rechtsnational abgedriftet und zum erzkonservativen Kämpfer für die „abend- ländische Kultur“ verkommen. Durch einen Artikel dieses Tenors aufgeschreckt, erscheint Kroll beim Freund und Schwager, die Figur nun logischerweise als Alt-Linker angelegt, freilich auf diesem Auge, heißt: für die Krise der Sozialdemokratie, blind – und im Wortgefecht sofort mit dem Totschlagargument, der Nazikeule, bewaffnet.

Krolls Regenpelerine: Joseph Lorenz mit Föttinger. Bild: Erich Reismann

Gedankenkontrolle? Herbert Föttinger und Klar. Bild: Erich Reismann

Herbert Föttinger hat die Rolle des Johannes Rosmer, Joseph Lorenz den Kroll übernommen, und Goerden seine Inszenierung mit einer feinfühligen Subtilität unterfüttert, die die beiden Kontrahenten ihren ideologischen Infight als gesitteten Disput gelehrter Gentlemen zum Thema gegensätzliche Denkweisen führen lässt. Keine Geste ist zu groß, nichts Gesagtes zu laut, und gerade dieses leise, unaufdringliche Spiel enttarnt die moderat dogmatischen Formulierungen der Streitkulturparteien als standardisierte Banalitäten.

Und apropos, immer wenn Stengl solche zulässt, bei Plattitüden von Flüchtlingskrise bis Überfremdung, das Stück schließlich eindeutig dem Geist des Jahres 2015 geschuldet, wirken sie verheerend authentisch – wie alltäglich zu vernehmende Argumente diverser Polit- diskutanten. Föttinger und Lorenz erschaffen im Zuschauer eine Empfindung, als würden zwei Menschen durchaus ähnlicher Weltanschauung diese allerdings konträr auslegen. Aber weil des zweiteren Kroll mit vom Gedanken der politischen Aufklärung angetriebener Verve die rechte Agitation und Angstmache auseinander- nimmt, gerät Johannes‘ neuerworbene

Position mehr und mehr aus der Bahn. Die ihm diese oktroyiert hat, ist die Dritte im Darstellerbunde, die vom Volkstheater entliehene Katharina Klar als Rebekka, ein in mancherlei Hinsicht problematischer Charakter mit Sprengkraft – nämlich nicht nur fürs Ende, sondern auch für den Schluss. Um ihn ziehen zu können, muss sich die einstmals freigeistige Gesellschaftsdame Beates in eine engstirnige Göre aus der rechtslastigen Unterschicht verwandeln. Was einem Stengl samt Goerden bisher an Stereotypen ersparten, leben sie bei diesem Typ scheint’s genussvoll aus. Ihre Rebekka ist dazu angetan, die besseren Herren mit gleicher Heftigkeit zu schockieren, wie Johannes der jüngeren Geliebten imponieren will, während Kroll den Fremdkörper von Anfang an misstrauisch unters Mikroskop nimmt. Sie, erfährt man, hat Rosmer zur rassistischen Gesinnungsschrift veranlasst, sowie in einem entsprechenden Internetforum publiziert, und à la Original steht zwecks Einnehmen von deren Platz ihre Mitwirkung an Beates Suizid im Raum.

Kroll liest Rosmers rassistischen Zeitungsartikel: Joseph Lorenz mit Katharina Klar und Herbert Föttinger. Bild: Erich Reismann

Klar spielt ganz „angry young woman“, die Sprache vulgär, zu Floskeln verroht, die Attitüde zynisch-aggressiv mit Hang zur Gewalttätigkeit, immer wieder muss sie Hose und Höschen runterlassen, um zu demonstrieren, dass sie prinzipiell auf alles und jeden pisst – und trotz dieser offensichtlichen Vorgaben gelingt Klar die große Kunst, ein Mädchen zu gestalten, zierlich, emotional zerrieben, das auf Johannes‘ versuchte Zärtlichkeiten mit Alarm reagiert. Im von deren Beziehungskonflikt fast vollständig bereinigten Kammerspiel, nimmt sich Katharina Klar, was geht, und es geht eine Menge.

Das ist so stark, dass es tatsächlich verärgert, dass Rebekka eine klischierte Familien- geschichte als Wohlstandsverlierer- und Wutprekariatskind vorgeschaltet wurde, der Adoptiv-, bei Ibsen in Wahrheit leibliche, nun ein Fascho-Stiefvater, der die Tochter natürlich sexuell missbrauchte, die küchen- psychologische Erklärung für ihre politische Indoktrination, ihre seelische Instabilität und ihre allumfassende Anti-Einstellung. Der Rest ist: Rosmer erkennt, dass er sich verrannt hat und schaltet von der Euphorie-Fünften flugs in den Rückwärtsgang, Rebekka reagiert – wie anders als? – mit Eskalation.

Aus Wasser wird Feuer, bereits Beate bevorzugte den Tod in den Flammen, weshalb sich zum Anzünden mit Spirituosen übergossen wird. Das Bild bleibt, nass ist nass, und die Frage, ob die selbsternannt „gemäßigten“ neuen Rechten nicht gefährlicher sind, als die in diesen Reihen demagogisch krakeelenden Ewiggestrigen.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=LoOjIe3eOMs           www.josefstadt.org

  1. 11. 2019

Theater in der Josefstadt: Radetzkymarsch

Mai 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die papierene Welt wird in der Luft zerrissen

Freunde im Feld: Florian Teichtmeister als Carl Joseph von Trotta und Alexander Absenger als Rittmeister Tattenbach. Bild: Moritz Schell

Dass man am Dramatisierungsversuch des Joseph-Roth-Romans „Radetzkymarsch“ nur in mal mehr, mal weniger Schönheit scheitern kann, haben schon andere bewiesen. Nun darf sich auch Regisseur Elmar Goerden in diese Riege durchaus illustrer Namen reihen, sein Zugriff auf den Stoff vom Theater in der Josefstadt stolz Uraufführung genannt und gestern ebendort über die Bühne gegangen, seine Inszenierung ein knapp zweistündiges Experiment.

Das lediglich an der Oberfläche des monumentalen Wunderwerks kratzt, aber nie wirklich unter die Haut geht. Was der Aufführung fehlt, ist diese gewisse Tanz-auf-dem-Vulkan-Atmosphäre, mittels der sich Untergang der Habsburger Monarchie und Niedergang der Trotta-Dynastie mischen, wenig weist hier auf den Seelenzwiespalt von dekadenter Lebensführung, Standesdünkel und devoter Pflichterfüllung hin, die der besseren k.u.k.-Gesellschaft schließlich zum Schicksal wurde. Nichts verweist ins Heute, da ein neuer Nationalismus die Länder Europas wie dereinst im Vielvölkerstaat gerade wieder auseinandertreibt.

Goerdens Arbeit ist, wiewohl Carl Joseph von Trotta dem Trunke ja nicht abgeneigt ist, allzu nüchtern. Florian Teichtmeister, den Hausherr Herbert Föttinger bei der Premierenfeier Richtung Burgtheater verabschiedete, zeigt ihn nicht als sensiblen, weichen Charakter, sondern von Beginn weg resignativ, müde, ohne Hoffnung auf ein – in jeder Bedeutung des Wortes – Fortkommen.

Peter Scholz, hier als Kapturak, mit Florian Teichtmeister und Alexander Absenger. Bild: Moritz Schell

Joseph Lorenz als Bezirkshauptmann Franz von Trotta und Florian Teichtmeister. Bild: Moritz Schell

Das mag daran liegen, dass ihm eine schwarzgewandete Parze gleich zu Anfang sein Ende vorhersagt, den tödlichen Treffer beim Wagnis, für seine Kameraden Wasser aus einem Brunnen zu schöpfen. Der Gedanke tut sich auf, ob das Ganze so etwas wie Carl Josephs Albtraum ist, dem er erstaunt zusieht, während ihn die Geister seiner Vergangenheit heimsuchen. Andrea Jonasson gibt die hier androgyn schillernde Figur des Grafen Chojnicki als eine Art mephistophelischen Conférencier, ein Chacun à son Goût umlächelt ihre Lippen, doch wie das Gros der Darsteller wechselt sie zwischen Erzählstimme und ihrer Rolle, beides in ausschließlich Originaltext.

Und in einem Tempo, das so rasch von der Totalen ins tiefste Innere der Figuren zoomt und wieder zurückschnellt, dass einem schwindlig werden könnte. Das ist einer der gelungenen Einfälle Goerdens, wenn auch nicht nagelneu, um die Diskrepanz zwischen Gedachtem und Gesagten zu verdeutlichen. So kommt‘s beispielsweise in einer Abschiedsszene zwischen Bezirkshauptmann und Leutnant Trotta aus dem Off: „Obwohl er sagen wollte: Ich liebe dich, mein Sohn!, sagte er lediglich: Halt dich gut.“

Andrea Jonasson als Graf Chojnicki. Bild: Moritz Schell

In diversen Rollen: Pauline Knof, Alexander Absenger, Alexandra Krismer, Michael König und Oliver Rosskopf. Bild: Moritz Schell

Diesen Franz von Trotta stattet Joseph Lorenz als erstem Leidenden am Mythos des Helden von Solferino mit steifer Oberlippe aus, seine Kaisertreue ist das verkrustete Korsett, das ihm die Atemluft aus dem Körper presst, und Lorenz, ein Meister in der Gestaltung des Altösterreichischen, gelingt es, diese Haltung zu wahren, obwohl er in der schnellen Szenenabfolge de facto nicht viel zum Spielen kommt. Mit Jonasson, Teichtmeister und Lorenz hat es sich auch schon mit der Ausführung nur einer Figur, andere stemmen bis zu fünf Rollen.

Michael König etwa alle Alten, vom verwichenen Stammvater Trotta, der sich per Blick durch seinen Gemälderahmen bemerkbar macht, bis zum sterbenden Diener Jacques, der ihm allerdings zur Nachthemd-Karikatur gerät. Gelungen dafür, apropos: Nachthemd, sein Sekundenauftritt als Kaiser Franz Joseph, den der König nicht als senilen Herrscher zeigt, sondern als einen, der in diskreter Audienz mit Trotta-Lorenz die Angelegenheiten für Trotta-Teichtmeister regelt. Nicht viel mehr als vorbeihuschen auch Pauline Knof als die Geliebten Katharina Slama und Eva Demant, mit beide Mal letalem Ausgang.

Und Alexandra Krismer, die Carl Josephs Nummer drei, Valerie von Taußig, wenigstens etwas groteske Exaltiertheit anzuhaften vermag. Mit Alexander Absenger und Oliver Rosskopf ist sie auch auf diverse Offiziere abonniert, wobei das Trio das militärische Personal in unterschiedlichen Schattierungen von schrill anlegt. Peter Scholz ist erst der jüdische Regimentsarzt Doktor Max Demant, dann Kasinobetreiber Kapturak, bleibt aber in Goerdens Versuchsanordnung in beiden Rollen blass.

Zum papierenen Gesamteindruck passt das Setting von Silvia Merlo und Ulf Stengl, ein mit dem empfindlichen Material ausgekleidetes Gerüst, Stelen einer steril-weißen Welt, die mit Ausbruch des Krieges vom Ensemble in der Luft zerrissen wird. Als wär’s das Synonym einer strahlenden Fassade, die längst am seidenen Faden hing. Immerhin: Ein stimmiges Schlussbild für einen Abend, der den Weitblick in den Abgrund zwar verweigert, aber vom Publikum mit freundlichem Applaus bedankt wurde.

www.josefstadt.org

  1. 5. 2019

Theater in der Josefstadt: Die Verdammten

November 11, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Familienbande beim Machtspiel

Die neuen Zeiten fordern die Alten als Opfer: Heribert Sasse (M.) als Joachim von Essenbeck mit Meo Wulf, Bettina Hauenschild, André Pohl, Peter Scholz, Peter Kremer und Raphael von Bargen. Bild: Erich Reismann

Die neuen Zeiten fordern die Alten als Opfer: Heribert Sasse (M.) als Joachim von Essenbeck mit Meo Wulf, Bettina Hauenschild, André Pohl, Peter Scholz, Peter Kremer und Raphael von Bargen. Bild: Erich Reismann

Regisseur Elmar Goerden zeigt an der Josefstadt seine Interpretation von Viscontis „Die Verdammten“, und, dass diese Inszenierung wie mit spitzen Nadeln unter die Haut fährt, zeigte sich beim begeisterten Schlussapplaus, bei dem Andrea Jonasson minutenlang darum rang aus ihrer Rolle zurück in die Realität zu kommen.

Da hatte ihre Sophie von Essenbeck die Vergewaltigung durch und die Eheschließung mit dem eigenen Sohn und schließlich ihr Leben gerade hinter sich gebracht, die Grande Dame des Theaters von dieser Szene schwer gebeutelt, tat sich doch da für sie eine völlig neue Dimension menschlicher Abgründe auf – und natürlich gelang der Jonasson die Darstellung dieser Fallstudie, dieses Sündenfalls mit Bravour.

So wie sie freilich der Fluchtpunkt des Abends ist, hat Goerden mit dem ganzen Ensemble präzise und mit Hingabe ans Detail an den Figuren gearbeitet, hat mit ihm prägnante Charaktere entworfen; allen voran der eben erst für den Nachwuchs-Nestroy nominiert gewesene Meo Wulf, seit dieser Saison Ensemblemitglied am Haus, ist ganz fabelhaft. An seinem Günther von Essenbeck erklären sich Goerdens Intentionen glasklar, er wird dort deutlich, wo Visconti 1969 nur andeutete, ist deshalb nicht weniger subtil, wenn’s um politische bis sexuelle Vorlieben geht, aber aggressiver, wenn er die Familienbande beim Machtspiel abbildet.

Ein paar Anachronismen legen darüber hinaus dar, worum’s hier geht, Haltung bewahren, Stellung beziehen in Tagen wie diesen; Goerden porträtiert eine innerlich verwahrloste Industrie-Aristokratie, die Aushöhlung eines altgedienten, ausgedienten Anstands, dem die Stunde mit der der Parteiaufsteiger und ihrer Wirtschaftsmetzen schlägt. So wird ihm dieser Teil von Viscontis Deutscher Trilogie zur irrwitzig eleganten Totenfeier, ein Requiem auf Ehrlichkeit und Ehrenhaftigkeit, nun wo die Mörder der Ehre die Treue schworen. Auch das ästhetisch reduzierte Bühnenbild von Silvia Merlo und Ulf Stengl, letzterer besorgte die Textfassung, atmet Eiseskälte, das einzige, das in dieser Atmosphäre brennt ist der Hass, der alle um- und antreibt. Und der Reichstag. Im Februar 1933 entscheiden sich die Schicksale, im kleineren Rahmen der Bühne geschieht all das, was sich im Großen tatsächlich ereignete, bis hin zum Kampf der SS gegen die SA, bis hin zur „Nacht der langen Messer“. Der Krupp-Clan diente Visconti als Beispiel für seine von Essenbecks.

Der Clan ist groß. Der regierende Familienpatriarch ist der neuen Generation und ihren Plänen, sich der Führung des „Führers“ zu überantworten, im Weg. Er wird beseitigt. Es beginnt ein Hauen und Stechen, die Witwe des ältesten Sohnes will ihren Geliebten in Amt und Würden wissen, der zweitälteste Sohn dagegen seinen Sprössling, der Ehemann der Tochter ist strikter Nazigegner und wird mit seiner Familie flüchten müssen. Und mitten drin der Cousin, ein SS-Mann, der die Fäden zieht, die den vermeintlichen Machern längst aus den Händen geglitten sind. Wie in den Shakespeare’schen Königsdramen, in denen immer der, der die oberste Stufe zur Regentschaft erklommen hat, fallen muss, so ist es auch hier. Jeder neue Anwärter auf den Vorstandsdirektorenthron verheddert sich noch mehr im Fangnetz des Nationalsozialismus, die Gefälligkeiten, die Berlin gewährt sind allzu verlockend, bis dem letzten zwar als Alleinherrscher das Firmenimperium überschrieben wird, er sich aber im schwarzen Dienstrock dem Dritten Reich verschrieben hat.

Der Handlanger wird Herrenmensch: André Pohl als Friedrich Bruckmann und Andrea Jonasson als Sophie von Essenbeck. Bild: Erich Reismann

Der Handlanger will Herrenmensch werden: André Pohl als Friedrich Bruckmann und Andrea Jonasson als Sophie von Essenbeck. Bild: Erich Reismann

Die neckischen Spielchen kosten mehr als ein Leben: Meo Wulf als Günther und Alexander Absenger als Martin von Essenbeck. Bild: Erich Reismann

Die neckischen Jungsspielchen kosten Günther das Leben: Meo Wulf und Alexander Absenger als Martin von Essenbeck. Bild: Erich Reismann

Das gesamte Ensemble agiert exzellent. Andrea Jonasson überzeugt als die ihren Sohn Martin inzestuös begluckenden Witwe Sophie von Essenbeck, zu deren Zuckerbrot-und-Peitsche-Prinzip der Griff in den Schritt ebenso gehört, wie die täglichen Demütigungen. Beide Erziehungsmethoden wendet sie auch bei ihrem Geliebten an, André Pohl im verbiesterten Buchhaltermodus als Friedrich Bruckmann, der versucht, sich aus der Handlangerhaltung zum Herrenmenschen aufzubäumen. Pohl gestaltet Bruckmann als die Art Bürokrat, wie sie dem NS-Regime die Mittel und Wege für ihren Massenmord lieferten, er bleibt ein spröder Unsympath bis zum Ende. Sophies Mittel zum Zweck.

Im Gegensatz dazu ist Alexander Absenger als Sophies Sohn Martin von Essenbeck die Süffisanz im Smoking. So er denn einen trägt. Absenger hat es in seiner ersten großen Rolle an der Josefstadt gleich mit der ersten großen Rolle von Viscontis Muse Helmut Berger zu tun, eine Aufgabe, die ihm großartig gelingt. Er hat sich ein eigenes androgynes Flair angeeignet, ist weniger elegisch diabolisch, als vielmehr lauthals entgleisend, die feine Gesellschaft mit seinen Eskapaden brüskierend, doch in den Augen glimmt neben der Lust auf die Lust von Beginn an die auf die Macht. Seine starke Performance krönt Absenger mit der wohl berühmtesten Szene, der Parodie auf Marlene Dietrichs „Blauen Engel“ Lola, die er in Straps und Zylinder wie ein Boxer im Ring um sich schlagend und zu einem Schlagzeugsolo bestreitet.

Ein Opfer dieser Zeitvertreibe, das Mädchen Lisa kommt bei Goerden nicht vor, wird sein Cousin Günther, der zwischen der Ausstellung seiner homosexuellen Neigungen durch Martin und den Terrormethoden, mit denen ihn sein Vater Konstantin ins Unternehmen treiben will, aufgerieben wird.

Meo Wulf macht sich mit seiner Darstellung des Günther zu einem der Hauptdarsteller, jedenfalls zum Sympathieträger für die Emotionen der Zuschauer, er macht aus Günther einen sensiblen, musisch hochbegabten jungen Mann, ein Schaf im Wolfrudel, einen Schöngeist, der sich dem Sarkasmus ergibt, bevor er sich schließlich – anders als im Film, wo seinem „jungen, puren, absoluten Hass“ die große Zukunft prophezeit wird – aufgibt. Heribert Sasse brilliert als gemütliches, gutgelauntes Clanoberhaupt Joachim von Essenbeck, der beides gerade so lange ist, wie es nach seinen Wünschen geht. Er ist ein letzter Vertreter und Verfechter der alten Ordnung, und Sasse gestaltet ihn ergo als einen, der im Gestern lebt, einen, der nie über den „Heldentod“ seines ältesten Sohnes hinweggekommen ist, leicht senil, aber kaisertreu. Peter Kremer ist als Günthers wütender, enttäuschter, später von der Verwandtschaft abservierter Vater Konstantin zu sehen.

Und so wie dieser SA-Mitglied, ist Wolf von Aschenbach SS-Hauptsturmführer. Raphael von Bargen gibt diesem kaltschnäuzigen Intriganten, der den aufkommenden Weltenbrand lapidar kommentiert, Profil. Wie von Bargen den charmant herumtollenden „Onkel“ für die Thallmann-Mädchen gibt, während er für deren Eltern – Peter Scholz und Bettina Hauenschild, die, mit einem weißen Lavoir in der Villa unterwegs, die Familie im Wortsinn reinwaschen will – schon den Transport ins KZ Dachau organisiert, das ist Schauspielerei vom Feinsten. Mit den Mädchen wird er auch, als Ersatz für die Massakerszene am Weissee, Hans Baumanns Ode an den Wahnsinn singen. „Es zittern die morschen Knochen“ als Kinderlied. Als Einladung an den nächsten Jahrgang. Es ist gruselig. Schon wieder. Denn heute, da hört uns … und morgen …?

Trailer: www.youtube.com/watch?v=AhF_HhMgE_c

www.josefstadt.org

Wien, 11. 11. 2016

Kammerspiele: KUNST

Februar 21, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein flotter Dreier

Martin Zauner (Yvan), Herbert Föttinger (Serge), André Pohl (Marc) Bild: © Erich Reismann

Martin Zauner (Yvan), Herbert Föttinger (Serge), André Pohl (Marc)
Bild: © Erich Reismann

André Pohl, Herbert Föttinger und Martin Zauner machen „KUNST“. Das haben sie vor 18 Jahren schon einmal gemacht. Nun spielt die Originalbesetzung der österreichischen Erstaufführung erneut Yasmina Rezas Stück, und, kam das Trio damals auf hundert heftig beklatschte Vorstellungen, braucht man nicht zu orakeln, um festzuhalten: Es könnten diesmal noch mehr werden. Das Premierenpublikum in den Kammerspielen war nämlich höchst entzückt. Zu Recht. Denn nicht nur, dass Rezas Text nichts an Witz und Charme eingebüßt hat, sind die Darsteller sogar noch besser, noch prägnanter geworden. Gereift wie der edle Wein, den Serge seinen Gästen kredenzt. In „KUNST“ geht es zumindest vordergründig um ebendiese. Serge, Dermatologe der High Snobiety, hat sich ein sündteures, monochromes Bild gekauft. Weiß mit weißen Streifen. Diese „Scheiße“ kann ihm sein Kumpel Marc, der Misanthrop, nicht durchgehen lassen. Es gibt Streit. In dem Papierwarenverkäufer Yvan, wie immer um Ausgleich zwischen den Parteien bemüht, zu vermitteln versucht. Und schon steht eine lebenslange Freundschaft auf dem Prüfstand. Wegen nichts. Oder?

Pohl ist ein herrlicher Marc. Ein Wahrheitsfanatiker, der höflich sein will, aber es trotz allem Sich-auf-die-Zunge-Beißens nicht kann. Pohl changiert zwischen zynisch und süffisant, zwischen spöttelnd und überheblich. Und ist eigentlich doch nur in Sorge um Serge, mit dem er glaubt nicht mehr Lachen zu können. Den Serge gibt Föttinger, beruflich ein Macher, wie es schon sein Tonfall ausweist, ein Liebender, wenn es um Bilder geht, bald ein gekränkter Unverstandener. Die Sorge ums Lachen gibt er an Marc zurück, wie sich überhaupt die beiden Charaktere in ihrer Verschiedenheit allzu ähnlich sind. Mit heiligem Eifer versuchen Pohl und Föttinger den jeweils anderen von ihren Ausschauungen zu überzeugen. Das endet naturgemäß im seelischen und körperlichen Infight – köstlich: Föttinger und Pohl in der denkbar ungeschicktesten Rangelei, so patschert werden wohl nur zwei Akademiker handgreiflich. Das muss naturgemäß explodieren, sobald die Debatte persönlich wird. Denn freilich ist das Gemälde bald nur noch Ablenkung von den wirklich wichtigen Themen. Es geht um Tieferliegendes, um die Frage nach dem Bestand von Freundschaft, um die Frage ob und was man dem anderen zu noch zu sagen hat nach all den Jahren. In diesem Sinne ist „KUNST“ auch eine Liebesgeschichte. Einerseits der drei Männer untereinander (ausgedrückt etwa in einer kleinen Geste, in der Föttinger ausgespuckte Olivenkerne der anderen mangels Tellerchen einfach in die Hand nimmt), andererseits erfährt man in ihren Emotionsausbrüchen, was in den Jahrzehnten dazwischen lag. Von Hochzeiten  bis Scheidungen. Föttinger versteht es, einen anzurühren. Fast möchte man zu ihm sagen: Alles wird wieder gut.

In den Mittelpunkt des Abends spielt sich allerdings Martin Zauner als Yvan. Zauner ist der König der Tragikomiker. Wahrhaftig ein trauriger Clown, sympathisch-zerstreut. Geil darauf, das Streitobjekt, das Bild zu sehen, dennoch eingeklemmt zwischen den Positionen. Wie ein Kind zwischen Vater und Mutter wird Yvan zwischen Marc und Serge hin- und hergeschickt, um sich die Erlaubnis für seinen nächsten Satz abzuholen. Doch er emanzipiert sich in diesem flotten Dreier. Kein Wunder, dass dieser Identifikationsfigur die Herzen aus dem Zuschauerraum zufliegen. „KUNST“ ist ein großartiges Schauspielerstück mit drei formidablen Rollen. Regisseur Folke Braband hat es perfekt getimt, gekonnt die vielen kleinen Gesten, die entgleisenden Mimiken in Szene gesetzt. Silvia Merlo und Ulf Stengl schufen dazu ein monochromes Bühnenbild. Grau mit grauen Mustern. Eine Bestätigung der Ironie: Da wäre das weiße Bild sogar noch ein Farbtupfer gewesen. Denn dem geht’s am Ende an den Kragen. Oder? In den Kammerspielen ist jedenfalls eine entzückende Inszenierung mehr zu sehen. Für den Abend gibt es nur eine gültige Beschreibung: Liebenswert!

www.josefstadt.org

www.mottingers-meinung.at/herbert-foettinger-im-gespraech/

Wien, 21. 2. 2014